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Heian-Zeit

Das Kokinshu

Das Kokinshu, die Sammlung der »Alten und neuen Lieder«, ist an Zeit wie an Bedeutung die erste der klassischen Liedersammlungen.

Ihre Einleitung berichtet uns von dem kaiserlichen Auftrag an Ki no Tsurayuki und seine Mitarbeiter. Tsurayuki wurde vermutlich im Jahre 883 geboren. Er war wahrscheinlich mit dem Kaiserhause verwandt und jedenfalls wegen seiner Begabung bei Hofe sehr geschätzt. Er bekleidete eine Anzahl Ämter in Kioto und Provinz. Seit dem »Manyoshu« und besonders in dem ersten Jahrhundert nach der Gründung Kiotos war in Japan vor allem chinesisch gedichtet worden. In der Zeit Tsurayukis ist nun eine Renaissance der nationalen Lyrik wahrnehmbar, deren Erzeugnisse auch das Kokinshu hervorgebracht haben.

Die Sammlung ist in zwanzig Bücher eingeteilt und enthält ungefähr 1100 Kurzgedichte. Die Einteilung erfolgte inhaltlich: Jahreszeiten, Gelegenheitslieder, les Adieux et les Retours, und Liebe und so weiter. Die Gedichte sind zum großen Teil aus den höfischen Wettspielen hervorgegangen oder sonst einer vorsichtigen Kritik unterzogen worden. Das Kokinshu zeigt demnach höfischen und sentimentalen, zum Teil gekünstelten Charakter. Natürlichkeit und Lebenskraft wird man ihnen trotzdem nicht durchaus absprechen können im Gegensatz zu einigen späteren Sammlungen.

Unsere Auswahl folgt der Auswahl eines einheimischen Philologen aus dem dreizehnten Jahrhundert, den »Hundert Liedern der Hundert Dichter.« Die alten einheimischen Sammlungen bezeichnen die Dichter entweder mit ihren Namen oder mit ihren Titeln oder mit beiden durcheinander, doch kommen auch frei erfundene Beinamen vor. Diese Namensgebung ist hier zumeist beibehalten. Die gebräuchlichsten seien hier nach ihren ungefähren europäischen Bedeutungen wiedergegeben: Nagon ist eine Art Rat, und zwar entweder Dainagon »Großrat«, Chunagon »mittelerer Rat«, oder Shonagon »niederer Rat«. Die Räte bildeten eine Art Beamtenkaste, aus der dann gewöhnlich die Leiter der Verwaltung – Minister wenn man will, obzwar es natürlich so vollkommene Bureaukratien im modernen Sinne nicht gab – genommen wurden. – Die Auswahl der »Hundert Dichter« ist in Japan so populär geworden, daß sie auch heute noch jeder Gebildete auswendig kennt. Im Anhang sind dann noch einige andere für ihre Verfasser charakteristische Verse wiedergegeben.

Die »Vorrede des Kokinshu«, verfaßt von Tsurayuki, gilt als das älteste Beispiel bewußter japanischer Prosa, ist aber nach der Meinung von Karl Florenz wohl eine Bearbeitung einer andern uns in chinesischer Sprache vorliegenden Vorrede. Als Autor dieser chinesischen Vorrede gilt der Sinologe Ki no Yoshimochi.

Solche Gedicht-Vorreden heißen in der japanischen Literatur: Kajo. – Das Kajo zum Kokinshu analysiert die damals berühmtesten Tankas, von denen wir die meisten auf Seite 109 ff. übertragen. Das angegebene älteste japanische Gedicht von Naniwasu ist aber wahrscheinlich nicht von dem Kaiser (Nintoku), sondern von dem Koreaner Wani verfaßt. Die »Gouverneurskinder« sind die bereits in dem Shinto-Ritual erscheinenden Edelzofen (Ome). Beide Gedichte werden in unserem Anhang mitgeteilt. Ebenso die in dem Kajo erwähnte (noch heute gesungene) Nationalhymne »waga kimi wa« und die beiden Tanka auf die legendäre Sehnsucht der Fichten von Takasago bei Kobe und von Sumenoe bei Osaka, endlich eine weitere Anzahl anderer auf Situationen beruhender Epigramme, auf die das Kajo anspielt.

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Kajo (Vorwort) zu dem Kokinshu

Der Samen der Dichtung Yamatos ist das menschliche Herz, ihre Blätter hier diese »Zehntausend gesungenen Blätter«. So vieles fesselt in diesem Leben den Menschen; der drückt dann seines Herzens Gedanken durch das aus, was er sieht und vernimmt. Hörst du also der Nachtigall Stimme, ihre Seufzer dort aus dem Blütenbusch, ja sogar die Unke, die Wasserbewohnerin? Wo ist das Lebendige, das da nicht sänge und dichtete? – Dichtung müht sich nicht, und doch bewegt sie Himmel und Erde, die Götter und die unsichtbaren Geister rührt sie (magisch). Den Mann vereint sie mit dem Weibe, das Herz des wilden Kriegers sogar sänftiget sie. Solange als der Himmel eröffnet ist über der Erde, solange gibt es Dichtung. Und die, so wir heute besitzen, ward erregt in des Himmels Ewigkeit von der »Kaiserin im Oberen Glanze« (der Göttin Shitateruhime) und auf der metallträchtigen Erde danach von dem »Hehren Verbannten aus dem Himmel« (dem Gott Susanowo).

Dazumal, in der » Gewaltigen Schnellen Götter« Tagen, war das Maß der Silben noch nicht gefunden. Das Kleid war nachlässig und der Leib schwierig zu fassen. Erst in der »Menschen Alter« begann der erhabene Gott Susanowo die Dichtung der 31 Silben. Also entfaltete sich damals Dichtung. Worte nahm sie und gab damit Gedachtes wieder. Das eine Mal wurde eine Blume bewundert, einem Vogel der Flug geneidet, das andre Mal trübte den Sinn der Nebel draußen oder der Tau. – Reiset man weit, so entfernt man sich von seinem Ort, und so geht es viel währende Monde oder Jahre. Der hohe Berg wächst aus dem niedern Staub seines Fußes bis in die Wolken im Himmelsmeer. – Nicht anders ist Dichtung aufgewachsen.

Das Gedicht auf Naniwadsu ist das älteste von einem Kaiser gedichtete Lied. Das gesungene Blatt (die Wortblüte) Asaka-Yana (Asaka-Geplauder) entsprang aus dem leichten Schwatzen eines Hofkindes. Die beiden sind wie der Vater und die Mutter von Japans Dichtung. Darum lehrte man auch daran die Anfänge der Schönschrift. Will man Dichtung einteilen, so kann man leicht sechs Arten finden wie in Chinas Dichtung: die Dichtung verborgenen Sinns, die Dichtung offenen Sinns, die Dichtung des dinglichen Gleichnisses, die Dichtung des Natur-Gleichnisses, die Gedanken-Dichtung, endlich die Dichtung gebotenen Glückwunsches. – In unserer Zeit neigt sich das Menschenherz zumal zur Liebe, man feiert der Schönheit Blüte, man wendet sich sogar dem leichtfertigen Gedicht zu. Bei solchen Gefangnen der Liebe ist Dichtung der »versenkte Baumstumpf«. In dem Verse des Ernsthaften aber sprießt sie auf wie ein »Susukigras« (»Kissenworte« für Geheimnis und für Wachstum). Überlegt man sich jeglichen Ursprung, so kann es gar nicht anders sein. Denn in früheren Zeiten versammelte der Kaiser seine Beamten an einem Blütenmorgen oder in einer herbstlichen Mondnacht, und er gebot ihnen, gerichtete Verse vorzulegen. Der eine Dichter dichtete sich dann als einen Blütenjäger in ferner Aue, der andere wieder als einen einsam Irrenden in der Nacht, ehe der Mond aufgegangen. Da besprach nun der Kaiser die Dichtungen, beurteilte die eine als geistvoll, verurteilte die andere. Oder ein anderer Fall: sie verglichen ihren Herrn dem Fels von Dauer oder dem hochgipfligen Tsukuba. Sie wünschten ihm die Gaben der Götter. Dann wieder, ob ihr Herz voller Lust war und ihre Freude überschwoll, ob ihr Herz den Flammen des speienden Fuji glich, ob sie beim Zikadensang eines Freundes gedachten, ob sie den ersten blühenden Baldrian entdeckten: immer, ein jedes Mal, suchten sie in Dichtung (ein Echo). Sie merkten auf die einzelnen Blüten des Frühlingtages, sie vernahmen den leisen Blütenfall eines Herbstabends; den Schnee und die wandernden Wellen fanden sie alljährlich in ihren Alterns Spiegel. Sie bedachten sich selber, wenn sie den Tau auf der Pflanze, den Schaum auf dem Wasser zerrinnen sahen; wenn sie, gestern noch auf der Höhe, heute allen ihren Glanz einbüßten; wenn ein Liebender jener Zeit nachlässig wurde, wenn ihre Liebe ihnen wie die Wellen an des »Pinienberges Fuß« oder im »Flußdelta« erschien, wenn sie bei Jahresneige der Lespedeza Kleeblättchen befragen, wenn sie dann zwischen Nacht und Tag der Waldschnepfe Schreie zählten, wenn sie einem Freunde die Wehmut gestanden, die aus dem schnellen Wuchs eines Bambus entsprießt, wenn sie, in Liebesweh , den Fluß vor sich sahen, oder wenn sie sich berichten ließen, daß kein Rauch mehr dem Fuji entsteige, wenn, ein andermal, Nagaras Brücke fortgerissen war und erneuert wurde. In all diesen Umständen nahm Dichtung sich ihrer an.

Von der Urväter Zeit an, seit Japans Dichtung uns überliefert ist, blüht die der Nara-Zeit am herrlichsten. In jenem erhabenen Zeitalter scheint man das Herz der Dichtung erfaßt zu haben. In jenen erhabenen Tagen ward ein Vasall unseres Großen Herrn, ein Mann des Namens Kakinomoto von Hitomaro, der Seher (Weise) von Yamatos Dichtung. Man muß betonen, wie sehr Fürst und Untertan füreinander geschaffen waren. Eines herbstlichen Abends geruhte der Kaiser erhabenst die schon roten Blätter des Ahorns zu betrachten, wie die brokatgleichen den Fluß Tatsuta hinabschwammen. An einem Lenztag wieder umleuchteten die Kirschgärten der Yoshinohöhe wie morgendliche Wölkchen das Herze Hitomaros. Noch ein anderer Dichter, des Namens Yamabe von Akahito, war außerordentlich stark in seiner Kunst. Man kann Hitomaro nicht leicht über diesen Akahito stellen, Akahito wieder nicht unterhalb Hitomaro einreihen. Neben ihnen gab es keinen gleich Hochragenden im Laufe der vielen Zeitalter, der »chinarohrgleichen«.Von ihnen geht überall ohn Aufhören die unendliche Rede, die »seilesgleiche«. Zusammen mit den Dichtungen der Alten hat man ihre Sammlung die Zehntausend-Blüten, das Manyoshu, genannt.

Nach dieser hehren (göttlich-erhabenen)Zeit sind von Jahren mehr als ein Jahrhundert, von Zeitaltern mehr als zehn Herrscherzeiten verflossen. Leute, die im Herzen der Dichtung solcher Dinge des Altertums wären, gibt es nicht mehr. Oder man kann sie höchstens an zwei Fingern abzählen. Indes hat jeder unserer lebenden Dichter etwas, das ihn auszeichnet oder ihn geringer erscheinen läßt. Um das näher auszuführen, werde ich mir keinerlei Freiheit gegen höchstgestellte und hochgestellte Personen herausnehmen.

Von solchen abgesehen (es folgt nun die Kritik der bedeutendsten Dichter der Sammlung) strahlt in neuerer Zeit Sojo Henjo hell, nur fehlt seinem Gedicht im Grund die Wahrheit des Dargestellten. Wir fühlen einiges Herzklopfen beim Anblick einer gemalten Schönheit. Ariwara Narihira sucht gar viel zu sagen, nur fehlen ihm die Worte. Er gleicht einer welken Blüte, die noch duftet und nicht mehr in Farben leuchtet. Bunja von Yasuhide im Widerspiel verwendet artigste Worte, nur treffen sie den Sinn nicht. Er ist wie ein Krämer, der sich zu reich kleidet. Kisen, der Bonze von Ujiama, entwickelt, wie es scheint, seinen Inhalt nicht zureichend. Man sieht nicht: von wann noch wohin. So ungefähr sehen wir den herbstlichen Mond gegen die Wölkchen der Morgenröte erblassen. Da ich aber keins von den (unbestrittenen) Erzeugnissen dieses Bonzen je gehört habe, kann ich es nicht (so recht) mit dem und jenem eines anderen vergleichen. Ono von Komachi gehört zusammen mit der Prinzessin Sotoori des Altertums. Seine Dichtung hat keine männliche Kraft, doch sie bewegt uns zu zartem Gefühl, so als ob eine schöne Frau litte. In der Dichtung der Frauen ist dieser Mangel übrigens begreiflich. Der Stil Ohtomos von Kuronushi ist ärmlich, dörperlich, der eines Holzfällers, der sich mit seiner Last unter Blumen niederläßt.

Von so vielen bekannten Dichtern, die so dicht stehen wie die laubdichte Krone eines Waldbaums, so verbreitet wie der Kugelfaden über den Waldboden, kann ich bedauerlicherweise nur sagen, daß sie – Gedichte machen wollen, aber nicht können.

Indes, heutzutage unter der himmlischen Herrschaft unseres gegenwärtigen Höchstherrn sind schon neunmal die vier Jahreszeiten wiedergekehrt. Seine erhabene Leutseligkeit hat ihre Wellen über die ganze Erde, noch jenseits der Acht Inseln, verbreitet. Und seine erhabene Großmut wirft mehr Schatten als der Berg Tsukuba. Er vernimmt täglich die zehntausend Dinge seiner Verwaltung. In seiner Muße geruht er, dazu auch keinerlei sonstige Geschäfte zu vernachlässigen. Auf daß das Altertum nicht vergessen werde, auf daß das Vergangene wieder erweckt würde, auf daß es fürderhin der Zukunft überliefert werde, hat er geruht, am achtzehnten Tage des vierten Mondes im fünften Jahre des Enji täglich dem Palastschreiber, Herrn Ki von Tomonori, dem obersten Bücherverwalter, Herrn Ki von Tsurayuki, dem ehemaligen Statthalter von Kai, Herrn Oshitoki von Mitsune, dem kaiserlichen Leibgardehauptmann, Mibu von Tadamine, und noch etlichen anderen den Auftrag zu erteilen, ihm mit (der schuldigen) Ehrfurcht die nicht im Manyoshu enthaltenen alten Gedichte zusammen mit ihren eigenen Versuchen vorzulegen.

In dieser Sammlung – sie hebt mit der Stunde an, wo man die Pflaumenblüte in seinem Haar befestigt, sie umfaßt die Zeiten, wo man den Bergkuckuck hört, die Zweige des Zuckerahorns erntet, den Schneefall mit Genuß verfolgt: gedenkt man des langlebenden Kranichs und der langlebigen Schildkröte, um dem Fürsten oder sonst jemandem hohes Alter zu wünschen. Man sieht da den Herbstginster oder des Sommers Bestände und gedenkt der Weibesminne. Man pilgert nach dem Berg Osaka, man spendet Gebete und Opfer als Reisesegen. Auch wenn der Frühling vorbei ist, gibt es sommers wie zur Herbst- und Winterszeit Dichtung allezeit für den Dichter. Dieses sammeln und legen wir mit der schuldigen Achtung vor. Alles zusammen an zehntausend Gedichte in zwanzig Bänden, die wir hier Kokinwakashu, »die Alten und die Neuen Gedichte« nennen. So haben wir denn eine ausgewählte Reihe hergestellt, wir haben Dichtungen gefaßt wie das Wasser, das unablässig vom Berge strömt, wie den zahllosen Sand am Meere. Jetzt werden wir nicht mehr den Kummer empfinden, daß der Asokafluß zum Wasserfaden geworden ist. Wir werden vielmehr mit Freuden erleben, wie die Kiesel des Baches zu starken Felsen werden.

Unsere Sprache und unser Geschmack sind gering wie der Duft des frühen Frühlings. Wir bedauern, daß unsere wertlosen Namen lange dauern werden – lang wie eine Herbstnacht. Einmal fürchten wir den Hörer dennoch, dann schämen wir uns sehr vor dem Herzen der Dichtung. Indessen Tsurayuki findet sich in der Lage einer Wolke von der wechselnden Gestalt eines jetzt aufrechtstehenden, dann wieder gelagerten brünstigen Hirsches. Er und die anderen Zeitgenossen sind doch glücklich, zu diesem Ende zusammengetroffen zu sein.

Hitomaro ist lang nicht mehr, doch die Dichtung ist geblieben. Zeiten mögen entschwinden und die Dinge ihr Gesicht ändern, Freude und Betrübnis wechseln, doch die Handschrift dieser Dichtung wird bestehen. Ohne Ende, wie zarteste Fäden der Hängeweide, immergrünendes »Fichtenblatt«, dauernd wie unser tiefwurzelnder Spindelbaum, unsterblich wie die Vogelspuren (Lettern), nicht anders wird die Dichtung für immer fortleben. Die Menschen, die ihre Gestalt zu erfassen, die ihr Herz zu wägen wissen, diese Menschen werden bei höchster Verehrung des Altertums, so wie man den Mond auf des Himmels Ebene beschaut – doch auch unsere »Neuen Gedichte« lieben.

*

(Die »Sechs Genien«, Rokasen)

Notizen

Der Bischof Henjo, Yoshimine no Munesada – von prinzlicher Abstammung war ein Günstling des Kaisers Nimyo, wurde danach Bonze und später Bischof unter dem Namen Henjo. Das mitgeteilte Gedicht soll auf den Tanz einiger adeliger Jungfrauen verfaßt sein. Der Ausdruck »Himmelswind« würde dann einen Befehl des Kaisers zur Fortsetzung des Tanzes bedeutet haben! (Diese einzelnen japanischen Biographien der klassischen Gedichte sind jedoch wohl zum großen Teil chinesisch sophistische Anekdoten.)

Ariwara no Narihira (neuntes Jahrhundert) galt als Geliebter der Kaiserin, die ihn zum Missus legatus der östlichen Inseln machte. Er ist der Held der Volksmärchen »Ise Monogatari«, aus denen weiter unten Stücke abgedruckt werden. Sein Gedicht inspiriert sich an der berühmten Herbststimmung der Ahornblätter am Tatsuta. Dies Ahornrot ist, wie man noch sehen wird, eines der Lieblingsthemen der klassischen Dichtung. Die »Schnellen Gewaltherren« (in unserer Übertragung »Gewaltherren schnellen Pfeiles«) ist ›Kissenwort‹ schon im Kojiki.

Bunya no Yasuhide war »Gärtner« oder Aufseher der kaiserlichen Gärten. Sein Gedicht ist voller Wortspiele, nach Revons Ansicht auch für das Auge. Das entsprechende Wortspiel von »verwittert« ist ungefähr der, im übrigen hier nicht wiedergegebenen, Übersetzung von Florenz entnommen.

Der Bonze Kisen (»Der Schwierige« nach der Meinung der Herausgeber) baut sein mitgeteiltes Gedicht gänzlich auf ein Wortspiel: »Ushi«, Schwermut, und Uji, Name seines Wohnsitzes. Der genaue Sinn ist auch den älteren Übersetzern unklar geblieben, hier wird versucht den allgemeinen Eindruck eines melancholischen Gedankenspiels zu vermitteln.

Die Dichterin Ono no Komachi galt als ebenso schöne wie künstlerisch hochbegabte Frau. Auch ihre Wortspiele können direkt nicht wiedergegeben werden. Die Übertragung mußte sich mit einer Nachahmung begnügen. – Ohtomo no Kuronushi galt für einen Schelm im üblen Sinne. (Vielleicht nur zu Zwecken ästhetischer Abrundung, wie etwa der schlimme Ganelon am Hofe Karls.) Von ihm wird eine ziemlich absurde Geschichte eines Wettstreites mit der Dame Komachi erzählt.

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Der Bischof Henjo
Auf die Himmelswolken]

Wind du, verwinde
Winde, entwinde
Wolke ihren Wegen!
– Gönne, vergönne,
O Wind, Blicken Feenanblick!

Narihira
[Auf den Bach Tatsuta im Herbst]

Nie – auch als Götter
Noch walteten, Gewaltherrn
Schnellen Pfeiles nie schossen
So Wasser ahornen
Purpures – dir gleich, Tatsuta!

Yasuhide

[Auf den Alpenwind]

War's dein Hauch nicht, Alpenwind,
Der herbstlich verwitterte
Wildes Laub? – Unwetter
Drum nenn ich dich, wehender Almwind.

Der Bonze Kisen (Der Dunkle)
[Der Ort Schwermut]

Schwer weit im Raume
Gelagert, eure Stadt – Mein Hüttlein jedoch
Am Berg.
So redet denn, redet:
O Raum, Ort der Schwermut!

Die Dame Komachi

Farbe der Blume,
Du gingest dahin!
So beschaut' ich zulange mein Wallen
Im spiegelnden Sinn.

Kuronushi

Still regnet April
Tropfen, Tränen.
Rauh fällt Regen
Kirschflor – O, ohne Wehmut
Wer solches schaute, ward noch nicht geboren!

(Gedichte der Herausgeber)

Tsurayuki

O Mensch, dein Herz
Bleibt unerkenntlich!
Die Blüten nur
In dem Dorf meiner Rückkehr
Gleich immer duftig mich küssen.

Tomonori

Wenn Sonne lacht
Ewig neu,
Vom Liebes-Baum
Warum dann fallen
Die Blüten für uns im Liebesrausch ?

Mitsune

Weiße, reif-zarte
Wucherblume,
Mit harter Hand
Wer wollte dich fassen!

Tadamine

Seit von der Herz-Kühlen
Der Himmel mich geschieden,
Dieweile Weiße mit der Röte rang,
Nicht mehr mag ich schauen
Die Frühe. Jener Fraue
Gedenkend, ward mein Herz von Minne krank.

*

(Weitere Dichter des Kokinshu)

Notizen

Der Kaiser Koko bestieg den Thron im Jahre 885 als älterer Mann und hinterließ nach kurzer Regierung den Ruf eines Weisen. Das Gedicht wird auf die Großmutter des Kaisers gedeutet und entspricht jedenfalls in der Zeit des chinesischen Einflusses dem chinesischen Denken.

Fukayabu, der Urgroßvater der berühmten Rätin Sei, deren Skizzenbuch weiter unten abgedruckt wird, der japanischen Sevigné.

Sarumaru, im achten Jahrhundert, war nicht Priester, sondern weltlicher Beamter (Tayu) eines Shinto-Tempels. Der röhrende Hirsch im Herbstwald gehört gleichfalls zu den Hauptgegenständen japanischer Dichtung, vielleicht in verschollenem Anklang an den Hirsch als Metamorphose des Menschen der späteren chinesischen Legenden, Bekenners des Buddha (analog dem Hirsch der Heiligen Eustach, Hubert, Julian), gelegentlich Versuchers in der Einöde.

Chisato, Dichter des neunten Jahrhunderts.
Tsuraki , Dichter des zehnten Jahrhunderts.
Ebenso Muneyuki.

Korenori lebte im elften Jahrhundert. Die Hügel und Kirschgärten von Yoshino sind im alten Japan hochberühmt und immer wieder besungen.

Yukihira war Stiefbruder des »Genius« Narihira. Zum Befehlshaber von Inaba ernannt, tröstet er seine zurückgelassene Freundin mit einem Gedichtspiel auf den Namen Inába, das zugleich »Abschied« bedeutet, und auf das Wort » Masu « ein Homonym für Fichte und Erwartung (analog übertragen).

Nakamaro (Mitte des achten Jahrhunderts) lebte einige Zeit in China, wo er das Gedicht auf den Mond der Heimat schrieb.

Takamura (801 bis 852), auch als Gelehrter bekannt. Wegen angeblicher Unehrerbietigkeit gegen den Kaiser wurde er nach den Okii-Inseln verbannt.

Sugawara no Mitchisane (auch mit einem chinesischen Namen Kan-Ke genannt) war ein berühmter Staatsmann des neunten Jahrhunderts und zugleich ein bedeutender Gelehrter. Auch er wurde am Schluß seines Lebens verbannt, nach der Insel Kioshu. (Von ihm leiteten die mächtigen Feudalherren von Kaga, auf deren geschenktem Grund die heutige Universität Tokio steht, ihr Geschlecht ab.) Er wurde unter dem Namen Tenjin Sama als Gott der Schreibkunst in den Shinto-Himmel aufgenommen. (Das mitgeteilte Gedicht spricht seine Entschuldigung vor den Göttern aus, daß er als Begleiter des Kaisers auf dem Berge Tamuke keine Spende darreichen konnte. Tamuke bedeutet jedoch selber zugleich Spende, woraus sich das Gedicht erklärt.)

Toshiyuki, aus der kaiserlichen Leibgarde, starb bereits mit 27 Jahren im Jahre 907. Das Gedicht enthält eine Art »Türangelwort« auf das Homonym Yoru: gleich Zusammenkunft und Nacht.

Der Minamoto Toru, sein jüngerer Zeitgenosse, heißt in der Literatur der »Staatsmann von Kawara«. Kawara ist ein Stadtviertel von Kioto. Sein Gedicht gehört zu den für den europäischen Leser und Übersetzer entlegensten. Es würde wörtlich übersetzt etwa lauten: »Gleich dem mit den Blüten des Spiranthes (Drehling) gezeichneten kostbaren Stoff in Michinoku – um wessentwillen beginn ich jetzt unruhig zu werden? Ich, der ich doch zuvor ruhig war!« Aus Michinoko, im äußersten Nordosten kamen nämlich als Tribut berühmte Stoffe mit einem Spiranthen-Dessin, die jedoch sehr zerreißbar waren. Das Wort someru »Beginn« bedeutet aber zugleich »Färbung«, führt also zu der Vorstellung eines Stoffes zurück.

Yoshimine von Hironobu, der Bonze Sosei, gilt einigen als Sohn des Yoshimine von Munesada, des späteren Bischofs Henjo.

Der Fujiwara Okikadse lebte noch zu Beginn des zehnten Jahrhunderts.

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Kaiser Koko

Für dich, Mutter,
Nach Frühlingsfeldern flog ich,
Erste Sprossen zu ernten.
– Der Schnee noch schneit
Mir in warmen Ärmel!

Fukayubu

Sommernacht, du flüchtigste
Folgerin des Abends!
Ward nicht schon Frühe?
In welchem Wolkenzelt
Bist du Mond verborgen?!

Sarumaru, der Tempelpriester

Da der Hirsch nun schreit
Tief in den Bergen
Stampfend, streuend rings das Ahorn-Rotlaub:
Kam vom bloßen Lauschen mir die Wehmut?

Chisato

Wie ich auch, Mond,
Dich anschaue: Allerseiten
Liegt die Welt in Schatten.
– Doch denke: der Herbst kam nicht zu dir allein!

Tsuraki

Gießbach du, bambus-
verfestigten Ufers!
Und dieses Ahornlaub schwimmend,
Spottend jeder Befestung!

Muneyuki

Ein Dorf im Winter:
Einsamkeit noch vereinsamendes
Denken: daß Blicke hier Sommers bloß lagen
(Nicht Sommers Kräuter allein)
Und nicht sind mehr: Blicke des Menschen.

Korenori

Bilde: Vor Auroren
Luna flüchtend mit Zittern?
Nein: Es ist auf Yoshinos
Elfen-Kirschflor der Schneefall!

Yukihisa

Getrennt von dir,
Laß Wehn mich vernehmen
Der »Hohen Föhre«,
Der immergrünen
Auf windigem Inuba:
– Weh ward mir nach dir, meine Tanne!

Takamura

An Chinas Himmel
Ganz ferner Wandrer,
Bist du es doch, Mond
Meines Mikasa! Mond ob Kasuga!

Toshiyuki, der Verbannte

Ebene des Meeres:
Mein Rudern nach den »Zweimal Zwölf Inseln«,
Den Männern dort kündet es,
Ihr Barken barbarischer Fischer!

Michidsane (Kan-ke)

Ich, Mann meines Herren,
Nicht darf heut ich Bänder weihn.
Du, »Heiligen-Berg« selber
Bringe du darum Bunt-Laub:
Die Ahornspende, die der Götter Aug erfreut!

Der Fujiwara Toshiyuki

Die Wogen fliehn alle zur Sumenoe-Bucht.
– Auf der Flucht
Vor dem Tag, auf dem Pfade sogar von Traum,
Hab nicht Raum
Für das Wort unter Menschen: für das Wort, das Sie sucht!

Der Staatsmann vom Kawara

Stoff, zerreißlichste Blüte, Tribut
Letzter Eroberung!
– Wer denn verfärbt, wer zerreißet dich Herz?
Sprich, wer brachte dir Unruh?

Der Bonze Sosei

Nur weil sie mich grüßte
Weiland: »Nicht weil ich lange in dem Zimmer«
Verweilte Tor ich, büßte
Die längste Herbstnacht, immer
Zur Tür gewandt bis zu der Frühe bleichem Schimmer.

Der greise Fujiwara Okikadse

Wer nur, sagt mir,
Wer will mein Freund sein?
Sind doch die Föhren sogar
(Föhren auf Takasago)
Nicht mehr die Alten, die Meinen!

(Verse der Vorzeit)

Spruch der Göttin (Shitateruhime auf ihren göttlichen Bruder)

Ah, der Gott
Ajishiki –
takahikone:
Wie über beide Himmelsschluchten
Mit seinem Geschmeide er glänzt,
Mit dem Halsgeschmeide
Der Webrin (Sternbild)
Im Himmel!

Der Koreaner Wani an den politisch vorsichtigen Erbprinzen

In Naniwadsu
Die Pflaumenknospe
Noch schnee-versteckt:
Also, Knospe, erblühe!

Das Volkslied der Uneme

Bei uns in den Bergen
Wer da trinkt aus dem Borne,
Der schaut tief bis zum Grunde,
Daß mein Herz er erkunde.

Anonym

Hier in fernem Dorfe
Verbring ich die Nacht.
Die Kirschblüte hat
Um das Heimweh mich gebracht.

Anonym

Mond – und noch kein Schritt!
– Der Himmel umzieht sich.
– Bald nun fällt der Regen
In meinen Schlaf – ganz alleine.

»Kimi ga yo wa« (die Hymne Japans)

Reich unseres Himmlischen,
Tausend Geschlechter währ'
Acht-Tausend-mal!
Bis daß die Kiesel hier
Ewiger Felsen sind,
Felsen, bemoost!

Verse auf den Kaiser

Vom hohen Tsukuba
Zur Rechten und Linken
Fällt Schatten aufs Land.
– In unsers hohen Herren
Schatten ist gut wohnen.

Liebesflammen

In jenen Flammen
Des Fuji loh ich,
Unlöschlich selber
Den hohen Göttern,
In ziellosem Rauche.

Der Wanderer

Sang des Heimchen!
– O Heimat!: In die Heide
Meine Wange versank heimlich!

Hochzeitslied

Bin ich auch nicht die Fichte,
Aufrecht auf dem Takasago,
Also zärtlich doch lasset mich altern!

Auf die Fichte von Sumenoe

Schau ich dich, o du Hehr-
Uralte herrliche
Mutter vom Strande Sumenoe:
Wieviele Jahre nun zählest du?!

Der Alte

Ein Alter nun bin ich,
Mich doch dauern des Jung-Bergs
Verdauerte Zeiten,
Die, ach, nun so fern schon!

Stimmungsgedichte

Du Jungfer Baldrian,
Du auch kommst balde dran,
Herbstwindes Fahne!
Herbsttag trägt Blüten nicht!
Schau ich dein welk Gesicht,
Valeriane!

*

Kirschbaumes Blüten
Wie gleicht ihr dem Leben!
Hülle der Grille!
Zu Boden. – Auch ihr schon
Am Boden, Kirschblüten?!

*

Oktoberwind.
Das Laub ohne Widerstand.
– Wohin? – Wer das wüßte!
– Nicht wanderte er traurig!

*

Tau jener Blätter
Wie gedacht ich der Sonne?
Tau bin ich selber!

*

Der Schaum auf der Welle
Enteilt. So enteil ich,
Zerteilt. Keiner hält mich.

*

Du mein nachtschwarzes Haar
So schwarz wie die Heide.
Was geschah dir? – Der Spiegel
Schon weiset auf Schneefall.

*

Hier in der Welt
Wer vermöchte zu weilen?
Wo doch der Strom tief,
Gestern noch ein Strom-Bett,
Heute schier versiegte!

*

Die Wolke am Himmel
Wie flüchtig! So der Freund flieht.
Sein Bild doch bleibt sichtbar.

*

Liebesschwur

Des Tages, wo
Mein Herze dich
Verlässet, untreu,
Des Tags sollen Wogen
Die Wipfel-der-Gipfel erklimmen!

Die Alternde

Das klare Wasser
Der alten Quelle
Ward unfrisch. – Er kannte
Dies Herz vor alters!

*

Gelb-Ginsters Laub
Schon aufwärts sich rötend.
Nun nahte die Zeit,
Da Mann gern zu Zwein schläft.

Die Briefschreiberin

So viele – wie Schnepfen
Rauschen mit Schwingen
(Nicht kommst du) – so viel Blätter
An dich, mein Freund, wende ich!

Die Verlassene

Die Nachtigall schluchzet
Auf jedem Sproß
Des Bambus – So vieler Worte
Ich klagend genoß!

Der Verlassene

Du weisest mir, Fluß,
Deine einst blühende Pforte!
Auch nun, da Sie untreu ward,
Bleib Ich treu Unserm Worte!

Auf die ewige Brücke

Die »Ewige Brücke«
Ward neu heut errichtet.
Mein Leib und du
Liegst allein nur gebrochen!

*

Aus weiteren Sammlungen

Nach dem »Kokinshu« veranstalteten die Kaiserhöfe und die Dichterschulen, mitunter Dichtersippen, noch zahlreiche Sammlungen. Acht derselben sind in dem Hachidaishu, der »Sammlung aus acht Reichen« (das ist acht Regierungszeiten, zehntes bis zwölftes Jahrhundert) abermals zusammengefaßt. Auch aus diesem »Hachidaishu« hat der Gelehrte, dessen Auswahl des Kokinshu wir bereits gefolgt sind, eine Auswahl veranstaltet, aber im Gegensatz zu der offiziellen Anordnung zeitlich angeordnet.

Notizen

Semimaru (Ende des neunten Jahrhunderts, hauptsächlich als Musiker bekannt). Sein Epigramm betrifft den Schlagbaum von »Osaka« (nicht bei der Stadt dieses Namens, sondern bei Otsu in einem Gebirgspaß am Ostmeere). An dieser Stelle ging eine der Hauptstraßen von Kioto, welche die meisten Reisenden benutzen mußten. Der Schlagbaum war von einem Posten kaiserlicher Garden besetzt. Das Ideogramm Ausaka bedeutet, chinesisch gelesen »Wiedersehen«.

Der Kaiser Yodsei regierte von 877 bis 884.

Die Dame Ise (das ist die Tochter des Statthalters von Ise) aus dem Fujiwara-Geschlecht, war Geliebte oder Nebengattin des Kaisers Uda (888 bis 897). Ihr Gedicht ist auf komplizierte Wortspiele aufgebaut.

Der »Prinz Motoyoshi«, Sohn des eben genannten Kaisers Yodsei. Seine Verse bewegen sich um eins der (oben erklärten) »Angelworte«.

Der »Staatsmann der dritten Straße« , so benannt nach seinem Palaste, stammt gleichfalls aus dem Fujiwara-Geschlechte.

Ebenso Tadahira, als Künstler Teishin-Ko genannt, ein mächtiger Herr unter Kaiser Uda. Das Epigramm ist die Aufforderung an den Erbprinzen Daigo zu einem Besuch des durch seine herbstliche Schönheit berühmten Berges.

Kanesuke dichtete, wie die drei letztgenannten, in der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts. Verse auf den Fluß Idsume, dessen Name homonym für »Quelle« und »Wann sah ich sie?«

Agayasu, noch aus dem neunten Jahrhundert, war der Sohn von Yasuhide, eines der sechs Genien-Dichter.

Die Dame Ukon war Ehrendame am Hofe.

Hitoshi, Rat. Sein Gedicht ist im Wesen sentimentales Wortspiel.

Kanemori, ein Taira des zehnten Jahrhunderts.

Sein Zeitgenosse Tadamu, Sohn des Tadamine, des Mitherausgebers des Kokinshu.

Motosuke (bis 988), gehörte zu den Herausgebern der Sammlung »Gosenshu«. Er ist der Vater der Sei Shonagon. (Sein Gedicht ist eine Paraphrase des von uns auf Seite 113 übertragenen Gedichtes der Kokinshu-Sammlung.)

Atsutada, bis 943.

Asatada, bis 963, gilt als Sohn des Staatsmanns »der Dritten Straße«.

Der Herr Kentoku (Kentoku Ko), der Künstlername des Fujiwara, Koretada (bis 972).

Yoshitada, zehntes Jahrhundert.

Sein Zeitgenosse der Bonze Eikei, Eremit.

Shigejuki (bis 963), aus dem Hause der Minamoto wie bereits mehrere andere Dichter.

Yoshinobu, vom Ende des zehnten Jahrhunderts, Mitherausgeber des »Gosenshu« wie der obengenannte Motosuke.

Yoshitake (bis 974).

Sanekata, ein Fujiwara des zehnten Jahrhunderts. Sein Gedicht ist eines der kompliziertesten. Es enthält beispielsweise das Angelwort »Ibuki«, Name eines Berges und zugleich mit der Bedeutung: »Wie könnt ich's sagen?« Der Berg Ibuki war jedoch auch wegen seiner Moxa-Flora bekannt. Die Moxa (eigentlich moekusa, das Brennkraut, zusammengezogen in mogusa und schließlich moxa) ist die Artemisia mogusa der Botaniker, also ein Beifuß. Die Blätter dieses Beifuß wurden in den buddhistischen Tempeln auf der Haut der dort in Reihen aufgestellten Kranken verbrannt. Der Priester ging immer wieder von Mann zu Mann, und in den Pausen dieses Umganges erholten sich die einzelnen Patienten so gut sie konnten. (Vergleiche auch das späte Epigramm des Kyoroku.)

Auch Michinobu (zehntes Jahrhundert) ist ein Fujiwara.

Die Mutter des Michisuna, vom Ende des zehnten Jahrhunderts, war Gattin des Regenten Kaneie. Als Anlaß ihres Gedichtes wird eine kleine häusliche Szene angegeben, die aber wie so viele andere japanische Literaturanekdoten eher irreführend und ziemlich unbedeutend scheint.

Die Themen und Symbole all dieser späteren Gedichte sind wie in der ganzen ostasiatischen Dichtung die altüberkommenen, hinter denen wir älteste religiöse oder folkloristische Zusammenhänge wohl häufig vermuten, in einzelnen Fällen (wie zum Beispiel dem Hirsch vor dem Shintotempel) mit einiger Sicherheit annehmen können. Hinzu kommt die Art von wiederholter Erblichkeit der Kunstübung in den Sippen, vielleicht den Nachkommen älterer »Seher«- und Sängerkasten, die über die nächste höfische Tradition im Schoß einiger hochadeliger Häuser hinauszureichen scheint. Eine herangereifte Kritik wird vielleicht in Zukunft die Unterscheidung von zeremonieller Hofkunst als vermutlichem späten Erben eines höheren Priestertums und dem Wissen fahrender Spielleute (wie Semimaru, dem Helden des spätern Volksbuches) auch für Japan begründen können, und die Volkslyrik ihrerseits auf die verrufenen Kastenlosen zurückführen, die wir in den sudanischen Griots wie im germanisch-romanischen Mittelalter, in der Bibel wie in Ionien und Hellas, als Skalden wie als Barden, überall als Zauberer, als Propheten und gelegentlich als »Jongleure« am Werke sehen. Die Spuren dieser Menschen sind wohl zurzeit in der japanischen Literatur noch mehr verschüttet als in dem nachantiken Europa.

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Semimaru

         Dies ist die Zeile
         Von Kommen und Gehn,
         Der Trennungsstrich
         Über Berge und Seen,
Von Freund und Fremden die Linie, der Schlagbaum
         »Auf Wiedersehen!«

Altkaiser Yodsei

Wie die Welle, Minanos
Sturz vom Tsukuba,
Ohne Aufhören – so ward
Ein tiefer See meine Liebe.

Die Dame Ise

       »So lang wie das Rohr
       Unsichtbar wächst,
       So lange Zeit, schreibt Ihr,
       Hätt ich Euch gesehn!«
– Habt Ihr es auch wohl bedacht, Lieber?

Der Prinz Motoyoshi

Unselig ward ich.
Nun alles gleich.
Und gält es mein Leben,
– Bei schwerster Warnung –
Dich muß ich sehen.

Der Staatsrat der »Dritten Straße«

Im Forste »Heimlich«
Die wilde Ranke
Am Boden kriechet.
Du – also heimlich
Willst du nicht kommen?

Der Herr Teishin

Auf Oguras Berg
Das Ahornblatt,
Im Herzen harrt es
(Wenn Herz es hat)
Des hohen Himmelsbesuches.

Kanesuke

Quell »Wann-ich-sah«.
Du aus Mikas Raum
Tiefrauschender Quell,
Sag, wann ich sah
Die Maid? – Und warum
Ich so lange nun ihrer gedenke?

Asayasu

          Heftiger Windes-Anhauch
          Anhauchend Erlen,
          Weit auf der herbstlichen Flur
          Verstreuest Perlen,
Kugeln, jetzt ohne Halt und Band hinrollend.

Die Hofdame Ukon

          Da er mich vergessen,
          Nicht denk ich mein
          Länger. Verlassen
          Nur denke ich sein:
– Der schwur und eidbrach, der Liebste, sein Leben ist Göttern verfallen.

Hitoshi

»Hab-Geduld-Rohr«, Zwergschilf,
Brauner Ebene Bildner,
Geduld nun üb ich schon lange.
Doch täglich wird Sie mir teurer!

Kanemari

Wohl bin ich sänftig,
Doch Blässe verrät mich,
Am Hofe jedermann
Täglich errät mich,
Täglich befragt mich:
Wer nur focht dich an?

Tadami (Mibu)

Daß ich minne, jedweder
Weiß es und redet
Nun Großes von Mibus Minne.
– Da Minne mich anfiel,
Keiner ward da des inne.

Atsutada

            So schlangen wir
            Arm um Ärmel,
            So schwuren wir:
            »Eh'r sollen Wellen
Rückströmen von Berg zu Tal, als unsere Treue!«

Asatada

Hätt ich nie dich gesehen,
Nicht wär ich mein Hasser.
– Um dich wie um mich
Stünd es wohl besser.

*

Dies weiß ich zuvor,
Dies weiß ich danach,
Dies weiß ich: Eh ich dich sah,
Zuvor nichts wußt ich von Liebe.

Der Herr Kentoku

            Sie, der es geziemete,
            Zu brechen diesen Bann,
            Sie, die getreu ich minnete,
            Nicht blickt sie mich an.
– Zunichte, ach, ward ich; ein geschlagener Mann!

Yoshitada

Wie der Fischer im Wirbel
Gewirbelt ohn' Steuer,
So findest du der starken
Liebe keinen Ausweg.

Der Mönch Eikei

Vom Kleber-Labkraut
Mein Dach mir klebrig.
Kein Mensch in Nähe.
– Und doch kam Herbst schon!

Shigyeuki

Wie die Woge am Felsen
Sturmgejagt,
Alleine
Zerschellt, träum ich trübe Dinge.

Yoshinobu

Das Feuer, von Wache
Schlosses entfacht,
Es hellte Nächte,
Es losch in Frühe.
– So Glanz, so Mühe!

Yoshitake

Um deinetwillen
Mein Leben verwarf ich.
– »Währ' lange, Leben!«
Nun wieder täglich
Bet' ich um deinetwillen!

Sanekata

Wie's um mich steht?
Welches Wort dem erfind ich?
– »Wie vom braunenden Berghaupt
Brennendes Heilkraut
Der Ärzte. – So kranke, so gesund' ich.«

Michinobu

Wohl weiß ich: nach dem Morgen
Die Nacht uns wieder kehrt.
Und dennoch jeden Morgen
Bin, Armer ich, verstört.

*

Die Mutter Michisunas

Nacht, und ich lieg alleine
Ich schluchzte, bis es Morgen ward.
– Wie lang das währt,
Hast du das erlebt?

*

Notizen

Die »Mutter des Korechika« (die Dame Taka), war Gattin des Fujiwara no Michitaka.

Der Fujiwara Kinto (966/1041), Herausgeber der Sammlung »Shuishu«, der berühmteste der als Dichter gefeierten »Vier Unterräte« (Shonagon); um das Jahr 1000 auf dem Höhepunkt der klassischen Lyrik.

Die Damen:

Idsumi Shikibu, die Gattin des Statthalters von Idsumi, die Verfasserin eines berühmten Tagebuchs.

Murasaki Shikibu, die Dichterin des Genji-Romans, des berühmtesten Prosawerkes der klassischen Zeit, aus dem weiter unten ein Stück abgedruckt wird. (Das mitgeteilte Gedicht ist mehrdeutig.)

Daini no Sammi, die Tochter dieser Dichterin, hieß so nach dem Rang ihres Mannes (Daini soviel wie Unter-Statthalter) sowie nach ihrem eigenen »dritten Hofrang« (Sami). Die Mützenränge nach chinesischer Art waren im sechsten Jahrhundert eingeführt worden. Das mitgeteilte Gedicht ist wortspielend und onomatopoetisch.

Akasome Uemon, die angenommene Tochter eines Gardeoffiziers »zur Rechten«.

Ko-Shikibu, die »kleine Shikibu«, war Tochter der zuvor genannten Dichterin des Genji. Das Gedicht soll aus ihrer Kindheit stammen, es spielt mit den Namen von Örtlichkeiten in leicht sentimentaler Weise.

Ise no Osuke (Ise Tayu), die Tochter eines Tempelvorstehers in Ise, war Tayu (Oberhofmeisterin) der verwitweten Kaiserin Joto. Ihr Versspiel wird von den Japanern durch eine kleine Legende erklärt: Ein von ihr nicht ungern gesehener Kavalier bringt aus der alten Kaiserburg in Nara einen blühenden Kirschzweig in die neue Residenz oder nach anderer Fassung in das Haus der Dichterin.

Sei Shonagun, die Verfasserin des unten abgedruckten »Kissen-Buchs« galt auch persönlich für sehr schlagfertig. Das Gedicht soll einen allzu eilfertigen Liebhaber verspotten: den Dichter Yukanari, einen der »vier Räte«. Da dieser Liebhaber sich eines Nachts entschuldigt, den Hahnenruf gehört zu haben, spielt die Verfasserin mit der Erinnerung an eine, den japanischen Literaten bekannte chinesische Anekdote: Der in Feindesland gefangene Prinz Moshouku täuscht seine Wächter und entflieht. An einen Schlagbaum gekommen, ahmt dann einer seiner Getreuen den Hahnenruf so geschickt nach, daß alle Hähne der Nachbarschaft erwidern. Die Dame Sei scheint nun der galanten Meinung, daß sie sich nicht so leicht wie ein Häscher täuschen lasse.

Michimasa war zu Anfang des elften Jahrhunderts Burgvogt einer der beiden Kioto-Städte. Seine Geliebte war angeblich die Prinzessin Masako, eine Vestalin, welche der Kaiser deswegen streng bewachen ließ. An sie sind nach der Meinung der Erklärer die mitgeteilten Verse gerichtet.

Sadayori, ein Sohn des obengenannten Kinto.

Sagami, Tochter eines Statthalters der Provinz Sagami, daher ihr Name.

Der ehemalige Erzbischof Gyoson (1054-1135). (Die Vorstellung des sich nach einem Gefährten oder nach einer Gefährtin sehnenden einsamen Baumes ist, wie man gesehen hat, der japanischen Lyrik sehr vertraut).

Suwo, die Tochter eines Statthalters der Provinz Suwo, war Ehrendame am Hof des Exkaisers Reidsei (1046-1068).

Der Kaiser Sannjo (1012-1016), von dem mächtigen Majordomus Fujiwara no Michinaga abgesetzt.

Der Bonze Noin hieß in seinem Weltleben Nagayasu und war der Sohn eines Statthalters.

Der Bonze Ryosen, Dichter des elften Jahrhunderts.

Tsunenobu, einer der oben genannten dichtenden »Vier Räte«. Der vierte war der Minamoto Toshikata (959-1027).

Die Dame Kii war Ehrendame der Prinzessin Jushi am Hofe des Kaisers Horikawa (1087-1108).

Masafusa, seinem Stande nach ein mittlerer Beamter (1040-1111).

Toshiyori, der Sammler der »Kiniyosu«, Sohn des obengenannten Dichters Tsunenobu, reicht bereits in das zwölfte Jahrhundert hinein. Ein Minamoto.

Sein Zeitgenosse der Fujiwara no Mototoshi. (Das Gedicht ist angeblich für einen als Beamten nicht aufrückenden Sohn verfaßt und spielt jedenfalls mit dem Thema eines älteren Gedichtes.)

Der Tempel-Bonze Hoshoji war Kwambaku, eine Art Großkanzler, vielmehr Majordomus.

Der Kaiser Sutoku (1124-1141) versuchte die Gewalt gegen den Exkaiser (Go) Shirakawa wieder zu gewinnen, in dem Bürgerkriege der Ära »Hogen« (1154-1158). Der Minamoto Kanemasa bis 1112.

Akisuke (1089-1155), ein Herausgeber der Sammlung »Shikwashu«, war (wie zuvor Michimasa) Vogt einer der Kioto-Städte.

Die »Dame Horikawa«, Ehrendame der Witwe des Kaisers Horikawa. (Ihr Gedicht spielt mit dem Wort »midare«, welches ein in Unordnung geratenes Haar und figürlich seelische Unruhe bedeutet.)

Der »Minister des Go-Tokudaiji« ist der Fujiwara Sanesada, Enkel des Gründers des Tempels Go-Tokudaiji, nach dem dieser Zweig der Familie genannt ist (Fujiwara bedeutet übrigens Glyzinienblüte, von fuji: Glyzinie). Er wurde Bonze im Jahre 1198. Der Hototogisu, »Bergkuckuck«, ist nicht der europäische Kuckuck, sondern der Cuculus poliocephalus der Zoologen. Sein Schlag von etwas melancholischem Charakter und, vermutlich, irgendeine verschollene mythische Beziehung hat ihn zum traditionellen Lieblingsvogel der japanischen Literatur gemacht. Verse auf seinen Gesang finden sich auch in unserer Auswahl noch vielfach.

Der Bonze Doin, gleichfalls aus dem Fujiwarageschlecht, ein berühmter Religiöser.

Toshinari (oder Shunsei), Kammerherr einer Kaiserinwitwe, Herausgeber der Sammlung Saishu.

Der Fujiwara Kiyosuke, Sohn des Dichters Akisuke, lebt bereits zu Ende des zwölften Jahrhunderts.

Der Bonze Shunye, Sohn des obengenannten Dichters Toshiyori, Enkel des Tsunenobu.

Sato Yoshikiyo, bekannter unter seinem Mönchsnamen Saigyo (1118-1190).

Der Bonze Jakuren ist ein Fujiwara vom Ausgange des zwölften Jahrhunderts.

Die »Oberhofmeisterin der Kaiserinwitwe Kwoka«, gleichfalls eine Fujiwara. Ihr Gedicht ist voller unübertragbarer Wortspiele.

Die Prinzessin Shokushi, Tochter des oben erwähnten Exkaisers Shirakawa, Gegenkaisers von Sutoku. Gedicht gleichfalls voller Wortspiele.

Impu Mon-In (no Tayu), eine Hofdame (Tayu) der Kaiserin Impu.

Der »Exreichskanzler« und Majordomus von Go-Kyogoku, ein Fujiwara vom Ende des zwölften Jahrhunderts.

Die Ehrendame Sanuki des Exkaisers Nijo ist eine Minamoto. Von diesem Kaiser wurde ihr Geschlecht fast vollständig ausgerottet, bis auf Yoritomo, der dann im Jahre 1186 die Macht übernahm. Das mitgeteilte Gedicht hat die Dichterin wegen seines sentimentalen Charakters besonders berühmt gemacht. Der tränennasse Ärmel ist ein Lieblingsmotiv der japanischen Lyrik. Die Dichterin, die dieses Motiv noch zu steigern verstand, hieß danach Oki-no-ishi no Naishi, »die Dame vom Stein im Meere«.

Masatsune, ein Fujiwara, Sohn des genannten Toshinari.

Der Fujiwara Ex-Erzbischof Jien lebte in einem der großen Tempel des Berges Hiei, oberhalb Kioto. Auch sein Gedicht ruht wie fast alle anderen auf einem Wortspiel, das hier nur der Stimmung nach wiedergegeben ist.

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Die Mutter des Korechika

Dächt ich, daß jemals
Die Stunde käme,
Wo mein Bild ihm nicht lebte,
Schon heute weit lieber stürb ich.

Kinto

Wohl schon
Urlang schwieg
Der Wasser Fall.
Annoch, dennoch
Hört das Ohr
Das ruhmvolle Rauschen.

Idsumi Shikibu

Bald, und ich bin nicht mehr.
Nur zum Gedächtnis
Gib Glück der Gegenwart
Mir armer Seele!

Murasaki Shikibu

Gefunden in Nacht.
Geschaut? – Bange Unruh!
Verborgen? – Von Wolken
Verschlungen schon! Nachtmond.

Sammi

– St! – St!
Übers Rohr! »Hab Geduld«
Streichet der Wind!
Diesen Mann, ich vergäße sein?!
– St! – St!

Die Dame Akadsome

Besser nicht hätt ich geharret,
Besser war Schlaf mir!
Nachtlang beschaute ich, Mond, dich.
Helle ward! Schlafe du mit mir!

Die junge Shikibu

Es ist zu weit von Ikuno
Über den Steig.
Es ist zu weit übern »Himmelssteig«
Für Brief und Boten.

*

Es ist zu weit vom Berg O-E
Die Straße Ikuno.
Es ist zu weit nach dem »Himmelssturz«
Der »Fünf-Götter-Gärten«.

Osuke

– Acht zählet man Reihen
Der Kirschbäum' im alten Schloß.
– Neun zählet man Verbote
Um Duft des geschenkten Zweigs.

Sei Shonagon

's ist spät? 's ist früh?
(Das Kükrükü
Der Held kanns ahnen.)
Noch Nacht? Schon Tag?
Harr aus!! Ich sag:
– »Mich kriegst du nicht wieder. – Amen.«

Burgvogt Michimasa

Eins nur, Geliebte!
Eins nur: Gedanke
An dich scheucht Tod mir!
– Dies, wie es dir vermelden?!

Sadayori

Eh' Sonne kam,
Kam Nebel vom Flusse,
Von Flusses Pfählen
Die Schleier hob er,
Ein um den andern,
Eh' Sonne kam.

Die Dame Sagami

Noch ward mein Ärmel
Nicht trocken vom Hasse
Gemeines Menschen.
Und pfui, nun mein Name
Im Volksmund, gesellt dem seinen!

Der entthronte Erzbischof Gyoson

Kirschbaum, Einsiedler des Felsen,
Dein Mitleid tausche um Mitleid
Des Einsamen: Freund nur dein Kirschflor!

Die Hofdame Suwo

Ein Arm, angeboten zum Kissen
Einer einzigen Nacht im Maien!
– Edler, für solche Gabe
Wär schade mein edler Name!

Der entthronte Kaiser Sanjo

Sollt Jahr um Jahr ich noch leben
In dieser Welt unterm Monde,
Ohne Willen – ich könnte nur schmähen
Das Licht nach so vollem Glanze!

Der Mönch Noin

Wie rasete nachts der Sturm
Wie Rosse! Vom hohen Minuro
(Man glaubt es kaum) wurde das Laub
Brokat im Flusse Tatsuta.

Der Mönch Ryodsen

Einsam aus meiner Hütte
Schreit ich. Ich seh mich um:
Die gleichen Schleier des Herbstes
Segeln durch fernste Luft.

Tsunenobu

Abends vor meinem Loche
In die Stampfmühle tat ich den Reis,
Nachts dann in runder Hütte
In die Herbstmühle nahm mich der Wind.

Die Hofdame Kii

Der Ruf der leichtfließenden Wellen
Des Kanales ist mir bekannt!
Ich hüte mich: Meine Ärmel
Sind von dem besten Brokat!

Masafusa

Wahrhaftig, er ist aufgeblüht
Am steilen Hang der Kirschbaumflor
Im Sande.
Ein Hügel drunten läßt den Dunst
Dran stranden.

Der Minamoto Toshiyori

Nicht, daß du mir werdest
Wild wie die Wetter
Ihrer steinigen Wüste,
– Nicht darum bat ich die Göttin!

Der Fujiwara Mototoshi

Zu viel hast du wohl versprochen!
Mein Leben harrte wie Wermut
Auf deinen Tau.
Indes, der Herbst dieses Jahres
Er findet mich noch nicht im Amte.

*

(Hast du denn nichts versprochen –?
Mein Leben harrte, ein Wermut
Auf deine Süße!
Der Herbst noch dereinst meines Lebens
Er findet in Not um den Lenz mich.)

Der Tempelpriester Hoshoji

Ich rudre auf hohem Meer.
In weiße Wellen der Ferne
Verfällt dort das Wolken-Heer.

*

Der freien Meerfahrt
Weißer Saum,
Ist Welle das dort oder
Wolkenschloß?

Der entthronte Kaiser Sutoku

Den Alpenbach starker Fälle
Teilt zwar der Fels, der im Weg,
Doch eint der sich wieder! – Ich sage:
Wer Ohren hat, der hör es!

Der Minamoto Kanemasa

Beim Schrei –
(Meervögel entreißend dich
Deinem Schlaf)
Bist du auch stets beherzt, vom göttlichen Ozeanus entherzter
Krieger von Thule!

*

Vom Schrei
Des Sturmvogels wie oft du erwachest
Dort auf Awajis Eiland,
Wächter des Schlagbaums!

Burgvogt Akisuke

Wie strahlest du, Mond,
Dem Riß entquollen
Der Wolken, gejagt
Vom rasenden Herbststurm!

Die Ehrendame Horikawas

– Wer doch wüßte, auf wie lang!
Mir blieb ganz unbekannt
Sein Herze. Ich berichte,
Daß heute ich wirrer war
Früh als mein schwarzes Haar.

Der Staatsrat des Tokudaiji

Schlug dort nicht laut schon
Die Vogel-Glocke?
– Ich wende mich: Der Mond
Verblaßte. – Weiter nichts.

Der Mönch Doin

Mich trauert. – Ich denke:
– Ich lebe noch. – In Tränen.
– Ich denke. – Mich schauert.

Toshinari

Welt, in die wir geboren,
Welt, aus dir führt kein Ausweg.
Indes (der Alten Betrachtung)
Tief in Bergen röhret das Rotwild.

Kiyosuke

Leb ich noch länger,
Der heutige Tag bald
Scheint mir ersehnlich.
– Ersehnlich schon sind mir
Heut gestrige Tage.

Der Mönch Shunye

Nacht, nichts als Nacht!
Tag, nirgends Tag!
– Du Spalt, du Tröster
Im Schlafgemach,
Ward noch nicht Tag?

Der Mönch Saigyo

Ich trag wohl Kummer,
Tragen und Wandern.
– Sprach da nicht das Mondlicht:
»Weine!« – Ich weine.

Der Mönch Jakuren

– Auf Sumpfföhrennadeln
Der Tau noch nicht trocken
Schon brauet feuchter
Herbstnebel hoch.

Die Haushofmeisterin der Kwoka

Naniwa!
Einzige Nacht der Liebe!
Nacht nun künftig mein Leben!
– Naniwa!

Prinzessin Shokushi

Korallenkette,
Willst du reißen, so reiße denn!
Nicht halt ich Erinnrung noch Leben?
Rosenkranz der Seelen!

Hofdame Mon-In
(Der thränennasse Ärmel)

Dies wenn Er sähe!
Die Ärmel sogar
Der Fischersfrauen,
Die salzflutumspülten,
Sind also entfärbt nicht!

Der Regent des Kyogoku

Auf frostiger Matte,
In früher Kälte, da auch die Grille
Unmutig singt – muß wirklich
Das Gewand für mich Einen ich breiten?

Hofdame Sanuki

Kennst du den Stein im Meere?
Den niemals sichtbaren
Auch nicht zur Ebbe?
Nie sahe man ihn. So trocknet
Auch heimlich nicht dieser Ärmel!

Masatsune

Yoshinos Gipfel.
Überm Hügel der Wind.
Die Nacht vorgerückt.
Im Alt-Dorfe Frösteln.
Nur der Färber klopft seine Tuche schon.

Der abgesetzte Erzbischof Jien

Unwürdig, wie ich bin,
Übers Jammertal drunten
Gebreitet doch halt ich
Die Hochwürde meiner schwarzen Ärmel.

*

Volksdichtung

(Das »Farbenlied«)

Neben der höfischen gab es in der klassischen Zeit auch eine volkstümliche Dichtung, »die Imayo-uta (Lieder im Tagesgeschmack)«. Die Form bilden vier Verse von je zwei Halbversen zu sieben und fünf Silben, doch geht der längere Vers hier dem kürzeren vor. Sprachlich enthalten die Imayo-uta chinesische Lehnworte, die in der höfischen Dichtung verpönt waren. Inhaltlich sind sie von buddhistischem Charakter. Diese volkstümlichen Gedichte finden sich dann mit metrischen Freiheiten in den Romanen. Sie beeinflussen auch das spätere, rezitative Drama des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts. Die älteste und berühmteste Dichtung dieser Art ist das eine buddhistische Sutra umschreibende Iroha-uta »Farben-Lied«. Als Autor wird der heilige Bonze Kobo Daishi (774/834) genannt, einer der Gründer der herrschenden Amida-Sekte, der auch für den Erfinder der nationalen Schrift Katakana (»Seitliches kana«, kana- »Lehnwort« aus dem Chinesischen) gilt. Vorher gab es nur die phonetische Schrift des Literaten Kibi, deren noch schwerfällige Charaktere Daishi zuletzt noch zu einer Art Kursiv-Schrift, dem Hiragana (leichteres Kana) verbesserte. Diese versus memoriales des ›Farbenlieds‹ enthalten die 97 wichtigsten, von dem Hirigana akzeptierten, Silben der japanischen Sprache. Sie werden bis zum heutigen Tage in allen Volksschulen auswendig gelernt und lauten im Original (in heutiger Aussprache):

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Iro wa nioedo
Chirinuru wo

Waga yo tare zo
Tsune naran

Ui no oku-yama
Kyo koete

Asake yume miji
Ei mo sezu

in Übersetzung etwa:

Farbe, glänzt sie hell auch,
Flüchtigt. In der Welt
Leben wir noch heute,
Morgen sind wir nicht.
Hab ich überschritten
Erst des Scheines Kluft,
Gibt es nicht mehr Träume,
Fort blieb aller Rausch.

*

Die Tagebücher

Die japanische Literatur der klassischen Zeit kennt zwei äußerst reizvolle Gattungen: das Tagebuch Nikki und das Skizzenbuch Soshi. Der Hauptmeister des ersteren ist wieder Tsurayuki, das Hauptwerk der zweiten Gattung ist von der schon wiederholt genannten Sei Shonagon verfaßt. Andere Tagebücher sind noch: Das Kagero-Nikki, »Buch einer Vergänglichen«, verfaßt zu Ende des zehnten Jahrhunderts, von einer, dem Eigennamen nach, unbekannten Fujiwara-Dame. Das »Murasaki Shikibu Nikki«, das Tagebuch der bereits erwähnten Dichterin des Genji-Romans, enthaltend Aufzeichnungen, angefangen von der Geburt der beiden späteren Kaiser Go-Ichijo (geboren 1008) und Go-Shujako. Dann das »Idsumi Shikibu Nikki« der Dichterin Idsumi Shikibu über die Vorgänge an dem Provinzialhofe ihres Gatten in Idsumi. Ferner das »Sarashina Nikki«, veröffentlicht von einer Dame aus der Nachkommenschaft Sugawara no Michisanes über eine Reise in die Provinz Shinano, endlich das »Sanuki no Naishi no Suke no Nikki« der Hofdame Sanuki aus dem zwölften Jahrhundert.

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Das Tosa Nikki

Das Werk ist 935 von Tsurayuki verfaßt und mit Rücksicht auf den Zeitgeschmack durch eine Einleitungsfloskel als Werk einer Dame bezeichnet. Es schildert des Verfassers Heimreise von der Provinz Tosa, deren Statthalterschaft er fünf Jahre lang bekleidet hatte, nach der Hauptstadt. Das »Tosa Nikki« wird von der japanisch-europäischen Kritik wegen seiner geistvollen und vorzüglichen Darstellung gleicherweise gerühmt. Wir bringen das kleine Werk in einem deutschen Auszug aus dem von uns oft zitierten, für das Studium der japanischen Literatur unumgänglichen Werke von Karl Florenz. Beachtenswert sind übrigens noch besonders die so zahlreich eingestreuten »Grußlieder« mit ihrem bei aller höfischen Form noch so primitiven Charakter.

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Am 21. Tage des zwölften Monats des betreffenden Jahres, in der Stunde des Hundes (8 Uhr abends) brach ich auf, und dieses schreibe ich nun kurz nieder. Eine gewisse Person, deren vier- bis fünfjährige Dienstzeit als Statthalter in dem Regierungsbezirk abgelaufen war, legte seinem Nachfolger Rechnung ab und so weiter, verließ das von ihm bisher innegehabte Regierungsgebäude und begab sich nach dem Orte, wo er sich einschiffen wollte. Eine Anzahl von Personen, Bekannte sowohl als Unbekannte, gab ihm das Geleit. Einigen Leuten, die ihm seit Jahren gedient hatten, wurde der Abschied von ihm sehr schwer, und während sie unaufhörlich dies und jenes taten und umherlärmten, war es tiefe Nacht geworden.

*

22. Tag. Es wurde zu den Göttern gebetet, daß die Seefahrt bis zur Provinz Idsumi glatt vonstatten gehen möchte. Herr Fujiwara no Tokisane brachte Abschiedsgeschenke, wofür man hierzulande die Bezeichnung »Heimwärtswendung der Pferdenase« hat, obzwar es sich in diesem Falle um eine Reise zur See handelte. Alle, von den Höchsten bis zu den Niedrigsten bezechten sich vollständig und scherzten in wunderlichster Weise am Ufer der Salzsee trunken umher.

*

23. Tag. Es war da ein Mann, namens Yagi no Yasunori. Dieser Mann war nicht im ständigen Dienste des Statthalters und machte mit Anstand, nicht betrunken wie die andern, ein Abschiedsgeschenk. Vielleicht wegen der Persönlichkeit des Statthalters kommen die Bewohner ihrer Gewohnheit gemäß nicht, da sie denken: Wir haben jetzt nichts mehr mit ihm zu schaffen; aber dieser Mann von Herz und Sinn kam doch ohne Scham. Dieses Lob wird ihm nicht etwa um des Geschenkes willen gespendet!

*

24. Tag. Der Prediger kam persönlich mir sein Abschiedsgeschenk zu machen. Sämtliche Anwesenden, Hochgestellte und Niedrige, sogar die Knaben, betranken sich sinnlos, und selbst die, welche sonst nicht einmal das Zeichen »eins« kannten, machten nun mit ihren Beinen kreuz und quer torkelnd, scherzend die Figur des Zeichens »zehn«.

*

25. Tag. Vom Regierungsgebäude des neuen Statthalters brachte ein Bote ein Einladungsschreiben. Wir folgten dem Ruf, und unter Vergnügungen Tag und Nacht hindurch kam der folgende Morgen.

*

26. Tag. Auch heute noch dauerte die Bewirtung im Gouvernementsgebäude lärmvoll fort, und sogar meine Diener erhielten Geschenke. Chinesische Gedichte sang man mit lauter Stimme. Japanische Gedichte sangen sowohl der Wirt als der Gast und die übrigen. Die chinesischen Gedichte schreibe ich hier nicht nieder; aber ein japanisches Gedicht vom Gouverneur dem Wirte lautete:

Die Residenz verließ ich
Und kam, Sie hier zu sehen.
Doch müssen wir leider scheiden,
So daß trotz meines Kommens
Kein Komm-Lohn mir zukommt.

Als er dies sagte, dichtete der zurückkehrende frühere Statthalter:

Wer mir im Schicksal gleichen wird,
Kein andrer ist's als Sie: –
Denn Sie auch müssen weit und lang
Auf linnenweißem Wogenpfad
Die Hin- und Rückfahrt machen.

Es waren auch einige Gedichte von andern Leuten da, doch möchte ich keinem derselben Wert beimessen. Nach allerlei Gesprächen gingen der frühere und der jetzige Statthalter mitsammen die Treppe hinab, und der frühere und der jetzige ergriffen sich bei den Händen und beglückwünschten sich in trunkener Rede; dann begab man sich hinaus.

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Am 27. Dezember endlich wurde die Dschunke vom Ufer abgestoßen. Tsurayuki erwähnt hier, wie schwer ihm der Abschied wurde, da es ihm nicht vergönnt war sein Töchterchen wieder in die Heimat mitzunehmen. Es werden unterwegs zahlreiche Stationen gemacht. Gleich beim Kap Kago, unfern dem Ausgangshafen, kamen ein Bruder des neuen Statthalters und andere Leute ihnen mit Wein und anderen Sachen nachgeeilt und sprachen davon, wie schmerzlich ihnen die Trennung sei.

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Die Leute auf unserem Schiff sagten mit leiser Stimme zueinander, daß diejenigen unter den Männern des Statthalters, welche hierher gekommen waren, treugesinnte Männer zu sein schienen. Indem sie so von der schmerzlichen Trennung redeten, verfaßten sie mit vereinten Kräften unter vieler Mühe, gleichwie eine Anzahl Fischer ein großes, schweres Netz zusammen an den Meeresstrand schleppen, das folgende Gedicht: »Wir sind in hellen Scharen herbeigekommen, gleichwie eine Schar von Wildenten, damit Sie, dessen Weggang wir bedauern, vielleicht doch bei uns bleiben möchten.« Der Scheidende lobte sie deshalb im höchsten Grade und verfaßte das folgende Gedicht: »Fürwahr, ein tiefes Gefühl bemerke ich an Ihnen, so tief wie das Meer, dessen Boden man mit Stangen nicht erreichen kann.« Während man so hin und her sprach, trank der Steuermann Wein, ohne von diesen rührenden Vorgängen Notiz zu nehmen, und plötzlich rief er lärmend, die Flut steige, der Wind beginne zu wehen, und es sei deshalb Zeit zur Abfahrt. So schickten wir uns an das Schiff zu besteigen ...

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Während der Nacht gingen sie im Hafen von Urato vor Anker, da man gewöhnlich nur bei Tageslicht fuhr. Vom 29. Dezember bis zum 9. Jänner wurden sie in Ominato durch Warten auf günstigen Wind aufgehalten. Am letzteren Tage passierten sie in der Nähe des Kiefernhains von Uta vorbei.

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Man weiß nicht, wie viele der Kiefernbäume sind, wie viele Tausende von Jahren sie hinter sich haben. An jedem Fußende branden die Wogen, von Zweig zu Zweig fliegen Kraniche hin und her. Übermannt von dem reizenden Anblick, dichtete ein Mann auf dem Schiffe:

Seht, wie auf jedem Wipfel
Der Kiefern dort am Strande
Kraniche nisten,
Befreundet mit den Bäumen
Von tausend Menschenaltern!

Wie wir in ihren Anblick versunken dahinruderten, wurden die Berge und das Wasser ganz dunkel, die Nacht sank herab, und West und Ost waren nicht mehr sichtbar; da vertrauten wir alle Sorgen um das Wetter dem Sinne des Steuermannes an. Selbst die Männer, des Seefahrens nicht gewohnt, waren sehr traurig und ängstlich, die Frauen vollends drückten ihr Gesicht gegen den Boden des Schiffes und weinten mit lauter Stimme. Während wir jedoch uns ängstigten, sangen die Bootsjungen und der Steuermann ein Schifferlied und zeigten nicht die geringste Angst. Das von ihnen gesungene Lied lautete:

Auf dem Gefilde des Frühlings
Weine ich mit lauter Stimme.
Die Gemüse, welche ich pflückte,
Indem ich dabei meine Hände an den Blättern
Des Schilfrohrs schnitt und schnitt,
Wird der Alte (Vater) gierig essen,
Wird die Schwiegermutter essen.
Laßt uns umkehren!
Das Gemüse von gestern abend,
Mit Lügen mich betrügend,
Nahm er mir ohne Bezahlung weg,
Und heute brachte er nicht das Geld,
Und auch er selbst kommt nicht.

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Vom 12. Januar bis zum 16. Januar weilten sie im Hafen von Murotsu auf Shikoku; am 17. frühmorgens fuhren sie ab, wurden aber vom schlechten Wetter wieder in den Hafen zurückgetrieben und mußten dort weitere zwei Tage zubringen. Am 21. ging es weiter, aber bald wurden sie von neuem Unheil bedroht, von Seeräubern, denen sie mit Mühe entgingen. Am 30. kamen sie im Bereich des Gokinai, der fünf Hauptprovinzen und der Residenzstadt an; am 5. Februar ruderten sie nahe am Strand von Sumiyoshi dahin.

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Indem das Andenken des verstorbenen Mädchens keinen einzigen Tag, ja keinen Augenblick aus den Gedanken seiner Mutter entschwand, sang sie das folgende Gedicht: – ›Ich will das Schiff an die Bucht von Sumenoe heranrudern und das Kraut des Vergessens abpflücken und versuchen, ob es wirksam ist.‹ – Sie wollte mit seiner Hilfe ihr Mädchen nicht ganz vergessen, sondern nur die Sehnsucht nach ihr ein kleines Weilchen stillen und sich wieder von ihr erholen. Während wir so sprachen und hin und her denkend weiterfuhren, begann plötzlich der Wind zu wehen. Obgleich wir immer kräftiger ruderten, ging das Schiff immer mehr rückwärts und versank beinahe in der Tiefe. Der Steuermann sagte: ›Der herrliche Gott von Sumiyoshi, was für ein mächtiger Gott ist er doch! Er wird wohl einen Wunsch haben.‹ Diesen Worten nach zu urteilen scheint er wie wir Menschen der irdischen Welt zu sein. Der Steuermann fügte hinzu: ›Bietet dem Gott ein Weihgeschenk an!‹ Wir folgten seinem Rat. Dessen ungeachtet wehten und wallten Wind und Wogen immer ungestümer und wollten sich nicht beruhigen. Da sprach der Steuermann: ›Mit dem Weihgeschenk ist der Gott noch nicht zufrieden, und das Schiff geht deshalb nicht vorwärts. Bietet dem Gott etwas an, was ihm besser behagt!‹ Wir folgten ihm wieder. Nach einiger Überlegung, was zu tun sei, warf ich einen Spiegel ins Meer und sprach: ›Der Augen habe ich zwei; darum will ich dem Gott diesen einzigen Spiegel geben.‹ So wurde denn der Spiegel, zu meinem Bedauern, in die See geschleudert; aber kaum war dies geschehen, als das Meer glatt wie eine Spiegelfläche wurde. Jemand dichtete deshalb: ›Wenn man einen Spiegel in das tobende Meer hineinwirft, so sieht man das Herz des gewaltigen Gottes.‹

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Am 16. Februar fuhren sie endlich in den Osaka-Fluß ein, zur größten Freude aller Passagiere an Bord. Mehrere Tage ging es mühsam gegen die Strömung an bis nach Yamadsaki, wo man die Dschunke verließ, um auf einem Ochsenkarren, den man kommen ließ, den Rest der Reise über Land zurückzulegen.

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16. Februar. Am Abend dieses Tages brachen wir nach der Residenz auf. Unterwegs sahen wir im Flecken Yamadsaki das Bild auf dem kleinen Kasten auf dem Gesims und die Mischeltrompete aus Reiskuchen, alles wie früher. Aber die Leute sagten: »Wir zweifeln, ob das Herz des Verkäufers wie vordem geblieben ist.« So gingen wir weiter nach der Residenz. In Shimasaka bewirtete man uns, eine nicht immer nötige Handlung. Bei der Hinaufreise nach der Residenz benimmt man sich so lieber, als wenn einer in die Provinz fortreist. Ich stattete dem einen und dem andern meinen Dank dafür ab. Weil ich es absichtlich Nacht werden lassen wollte, ehe ich die Hauptstadt betrat, so beeilte ich mich nicht sonderlich. Da kam der Mond hervor, und wir fuhren bei Mondschein auf dem Katsura-Fluß dahin. Die Leute sagten: »Da dieser Fluß nicht der Asukagawa ist (der immerfort seinen Lauf verändert), so haben sich seine stillen Tiefen und flachen Stromläufe nicht im geringsten verändert! Einer (das ist Tsura-yuki) dichtete: O Katsura-Fluß, dessen Name an den Kassienbaum, der im kürbisförmigen Monde wächst, erinnert, selbst das Spiegelbild des Mondes auf deinem Grunde hat sich nicht verändert!« – Ferner dichtete ein Gewisser:

O Katsura-gawa, der du wie die Himmelswolken fern von uns warst, jetzt setzen wir über dich und netzen dabei die Ärmel. –

Und wieder dichtet ein Gewisser:

Wenn auch der Katsura-Fluß mit meinem Herzen nicht in Beziehung steht, fließt er in gleicher Tiefe wohl wie mein Herz dahin.

Da die Leute sich auf die Hauptstadt freuten, so waren auch der Gedichte eine große Menge.

Weil wir in dunkler Nacht ankamen, konnten wir die verschiedenen Ortschaften nicht erkennen. In der Hauptstadt angelangt, fühlten wir uns ganz glücklich. Als ich an mein Haus gelangt war und zum Tor hineintrat, konnte ich beim hellen Mondschein alles klar und deutlich sehen. Es war unsagbar verfallen und verwildert, noch mehr als ich vernommen hatte. Auch das Herz des Mannes, in dessen Obhut ich mein Haus gelassen hatte, wird wohl in ganz verwildertem Zustande gewesen sein. Weil beide Häuser, das meine und das seine, gleichwie ein einziges Haus waren, obzwar sich zwischen beiden ein Zaun befand, war er damals selbst zu mir gekommen und hatte sich erboten, die Aufsicht über mein Haus zu übernehmen. Aus diesem Grunde hatte ich ihm bei jeder Gelegenheit, die sich mir bot, unablässig viel Geschenke gemacht, die ich ihm von Tosa aus schickte. Doch ich bezwang mich und erlaubte mir nicht, daß ich mit lauter, zorniger Stimme zu ihm sagte: »In was für einem Zustand finde ich dies heute abend!« Wenn auch mit dem höchsten inneren Widerwillen, zeigte ich ihm doch meine Dankbarkeit durch Darreichen von Geschenken. Es war nun da eine teichartige Vertiefung, worin Wasser stand, und daneben eine Kiefer. Als ob im Laufe der fünf oder sechs Jahre meiner Abwesenheit tausend Jahre über sie hinweggegangen wären, hatte sie die Äste auf einer Seite verloren, und neue Äste mischten sich zwischen die alten. Und da überall alles ganz wild und öde geworden war, drückten die Leute ihr Bedauern darüber aus. Unter andern traurigen Gedanken, die in mir aufstiegen, dachte ich daran, wie unaussprechlich traurig es sei, daß das Mädchen, welches in diesem Hause geboren ward, nun nicht mehr mit mir zurückgekehrt war. Meine Schiffsgenossen standen alle mit ihren Kindern auf den Armen und schwatzten. Währenddessen konnte ich mich vor Betrübnis immer noch nicht fassen und sprach zu jemand, der meine Gefühle wohl kannte (das ist zu seiner Frau), verstohlen den folgenden Vers: »Wie traurig ist es, das junge Kiefernbäumchen hier bei meinem Hause zu sehen, wo sie geboren ist, doch wohin sie, ach, nimmer zurückkehrt!« – Ich konnte mich noch nicht zufrieden geben und fügte hinzu: »Wenn sie, die ich einst lebendig vor mir sah, wie die Kiefern tausendjährig wäre, so würde der traurige Abschied von fernem Lande nicht gewesen sein.« – Der unsagbar traurigen Erinnerungen sind so viele, daß ich sie nicht alle aufschreiben kann; jedenfalls will ich hiermit schleunigst abbrechen.

*

Die Volksbücher (Monogatari)

Unter dem allgemeinen Namen Monogatari (Gesta, Berichte) vereinigen die Japaner zahlreiche Erzählungen, Dichtungen und Geschichtswerke. Eine gemeinsame Bezeichnung läßt sich also in den europäischen Sprachen schwer finden. Volksbuch, Heldenbuch und Märchen, chanson de gestes und Roman sind je nachdem zutreffend. Die älteste Gattung bildet im zehnten Jahrhundert eine Reihe von Märchen, deren hervorragendste »die Geschichte vom Bambussammler«, die »Erzählungen aus Ise« und die »Geschichten von Yamato« sind. Auch dem Fujiwara Kanesuke wird ein solcher Band zugeschrieben. Die »Erzählung vom unterirdischen Kreuz« und das »Sumiyoshi Monogatari« sind »Stiefmüttergeschichten« mit glücklichem Ausgang. Die Geschichte »Könnt ich sie vertauschen« erzählt von einem Vater, dessen Tochter zu männlich und dessen Sohn zu weibisch geraten sind. In dem »Utsubo Monogatari«, der »Höhlengeschichte«, überlassen einsichtige Bären einem tugendhaften Sohn ihren hohlen Baum zur Wohnung für seine arme Mutter.

Die hier mitgeteilten Märchen und Geschichten sind nach Zeit der Abfassung und Verfassern nicht näher bekannt. Die »Mondprinzessin« und die »Ise« dürften jedoch kurz nach dem Jahre 900, die Yamato-Geschichten um 950 geschrieben sein.

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Die Mondprinzessin (Kaguyahime)

»Die glänzende Prinzessin« ist wegen einer geringfügigen Liebelei auf die Erde verbannt worden, verdient sich aber durch ihre Standhaftigkeit wieder den Himmel. Die Erzählung ist die folgende: Ein alter Mann findet bei der Bambusernte in einem Bambus einen geheimnisvollen Glanz und darin ein handhohes Kind (mythologischer Rest einer weitverbreiteten Urvorstellung von der Empfängnis). Das Kind wächst in wunderbar kurzer Zeit heran zu einem Mädchen von außerordentlicher Schönheit. Fünf Bewerbern von Rang stellt sie unerhörte Aufgaben: Sie sollen Buddhas Almosenschale, einen Zweig aus Edelsteinen vom Berg Horai, ein unverbrennbares Kleid aus dem Pelz der Feuerratte, das fünffarbige Juwel vom Drachenkopfe und die die Geburt erleichternde Muschelschale aus einem Schwalbennest bringen. Natürlich versagen alle, und endlich verliebt sich auch der Kaiser in das Mädchen, das ihn aber in aller Freundschaft abweist. Darauf naht das Himmelsheer zu ihrer Einholung. Die hier mitgeteilte Stelle des Märchens soll vor allem den eigentümlichen witzigen Geist Alt-Japans vorführen. Sie ist ein Teil des Berichtes von der Fahrt nach dem Edelsteinzweig. Dieser Zweig wächst auf dem Berge Horai, nach der chinesischen Legende einer der drei paradiesischen Inseln. Von seinen steilen Hängen herab ergießt sich der Strom des Lebens, aus dem die Geister Unsterblichkeit trinken, seine Ufer sind von Jahrtausende alten Schildkröten (dem sino-japanischen Symbol des langen Lebens) bewohnt. In seinen immergrünen Fichten horsten Kraniche. Nach dieser fabelhaften Insel wurde im dritten Jahrhundert vor Christus von China eine Gesandtschaft geschickt, die aber nach dem Bericht statt auf dieser Insel in Japan landete. Noch heute wird bei jedem Hochzeitsmahl ein Abbild des Horai-san dem jungen Paar in Hoffnung eines langen glücklichen Lebens vorgestellt. Von diesem Berge sollte nun Prinz Kuramochi, der vornehmste Freier, einen »Zweig vom Baume mit den Silberwurzeln mit dem goldenen Stamme und den Juwelenfrüchten« brechen. Drei Jahre sind verflossen, und der Freier findet sich ein, den Zweig in seiner Hand, vor der Prinzessin und ihrem greisen Stiefvater:

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Da redete der alte Mann: »Nun, wo wächst denn dieser schöne Baum? Das ist ein zu schönes Ding.« Und der Prinz erzählte: »Gegen den Zehnten des zweiten Monates im vergangnen Jahr schifften wir uns ein im Hafen von Naniwa. Und wir segelten ins Meer hinaus und wir wußten nicht in welcher Richtung. ›Jedoch‹, so dachte ich, ›kann ich nicht erlangen, was mein Herz begehrt, was soll ich dann noch auf der Welt?‹ So überließen wir uns den Launen der Winde. War es unser Untergang, dann um so besser. Nur solange wir noch lebten, wollten wir nach Leibeskräften jenem Berge Howai entgegenrudern. In dieser Absicht hatten wir die Ufer der Heimat schon weit hinter uns gelassen. Da wir also kreuzten, erhoben sich die Wellen bald ganz fürchterlich um uns, wir wurden bis auf den Grund des Meeres hinuntergeschleudert. Dann wieder ergriff uns der Wind und führte uns in ein unbekanntes Land, wo Geisterwesen sich gegen uns erhoben, um uns zu töten. Dann wieder, nicht aus noch ein wissend, waren wir wie verloren in der Wasserwüste. Ein anderes Mal war uns die Nahrung ausgegangen und wir mußten von Wurzeln leben. Wieder ein anderes Mal kamen greuliche Tiere heran und wollten uns verschlingen. Auch fristeten wir mitunter unser Leben nur durch Meermuscheln. In diesen fernen Breiten, wo niemand uns zu Hilfe kommen konnte, litten wir an allen möglichen Krankheiten. Wir segelten, wie es unser Boot gerade wollte, denn wir kannten ja nicht unsere Richtung. So ging es 500 Tage lang. Am 501. Tage, in der Stunde des Drachens, tauchten die Umrisse eines Berges vor uns auf. Alle blickten wir hin. Es war ein hoher Berg, der auf dem Meere schwamm. Er sah hoch und schön aus. Wir dachten sogleich: ›Dieses wäre unser gesuchter Berg,‹ und Furcht erfüllte uns. Zwei Tage schifften wir um den Berg oder drei Tage, da kam eine himmlisch gekleidete Frau aus dem Schoß des Berges an den Strand, um in einen Silberkrug Wasser zu schöpfen. Als wir sie sahen, stiegen wir aus dem Schiff, wir forschten nach dem Namen des Berges. Die Frau erwiderte: ›Dieser ist der Berg Horai.‹ Als wir solches hörten, freuten wir uns unermeßlich. Dann befragten wir die Frau noch: ›Und wer seid Ihr, die mit uns redet?‹ ›Ich bin Krone von Lasur‹, sagte sie. Da war sie auch schon wieder in den Berg verschwunden. Wie wir nun den Berg ansahen, sahen wir keinen Weg, da hinaufzukommen. Wir strichen um seinen Fuß umher. Da waren Bäume mit unbekannten Blüten, da kamen Wasser von goldenem, silbernem und krystallenem Schein herab, über sie alle führten Brücken aus aller Art Edelgestein. An ihren Ufern erhoben sich glänzende Bäume. Und von dem geringsten hab' ich hier den Zweig mitgebracht. Da er so war, wie Ihr befohlen, so pflückte ich die Blüten und segelte davon. All dieses schien mir ganz unaussprechlich süß und ganz unvergleichlich mit allen Gütern der Welt. Aber, da ich den Zweig hielt, war mein Herz wieder unruhig. Dank einem günstigen Winde kamen wir schon nach etwas über 400 Tagen wieder in der Heimat an. Hier ließ mich mein Herz nicht ruhen. Gestern noch bin ich von Naniwa hierher aufgebrochen. Meine Kleider hier sind noch getränkt vom Meereswasser. So eilig war ich.« – Und der Greis weinte bei der Erzählung. Und er dichtete das Lied:

»Auf Berg und Flur
Mein Leben verbracht' ich,
Ein Bambusbauer.
Dabei hab' ich niemals-noch
Etwas Rührenderes - gehört.«

Da sagte der Prinz: »Nun, jetzt sind ja meine Leiden vorbei, und mein Herz fand Ruhe.« Darum sang er ihm zur Antwort:

»Mein Ärmel
Ist nun trocken. Jetzo
Will ich mich ausruh'n, vergessend
Tausend-und-Ein-Leiden.«

Indes kamen sechs Männer miteinander in den Hof. Der eine von ihnen trug vor sich her einen Brief auf einem hölzernen Briefträger, und er sagte dazu: »Ayabe von Uchimaro, der oberste Goldschmied in der Goldschmiedeabteilung des kaiserlichen Palastes, läßt das Folgende sagen: ›In achtungsvoller Ausführung Ihres Auftrages auf Herstellung des Kristallzweiges haben wir uns fast zu Tode gearbeitet. Wir haben mehr als eintausend Tage geschafft. Indes, bis zu dem heutigen Tage haben wir nicht Zahlung erlangen können. Ich wäre sehr dankbar, wenn ich solche hiermit erlangen könnte, um sie an die Gewerken zu verteilen.‹« Mit diesen Worten überreichte er seinen Brief mit schuldiger Achtung.

Der Bambusbauer fragte sich vergeblich, was solche Worte des Künstlers bedeuten könnten. Der Prinz ward sehr übel gelaunt. Er fühlte sich wohl einer Ohnmacht nahe. – Die Prinzessin jedoch redete: »Nehmt, ich bitt' Euch, diesen Brief an.« Und da man ihn las, da lautete er also:

»Seine Gnaden, der Herr Prinz, haben geruht, sich länger als eintausend Tage lang in der schlichten Goldschmiedhütte verborgen zu halten, Sie haben geruht, uns Auftrag auf einen schönen Juwelenzweig zu erteilen, und haben geruht, uns dafür amtliche Anstellungen zu versprechen. In Anbetracht alles dessen und da wir vernommen, daß der Zweig für die Prinzeß Mondenglanz bestimmt ist, waren wir der Meinung, daß man uns in ihrem Schlosse entlohnen werde.«

Als die Prinzeß »Mondenglanz« in ihrer Angst diese Worte hörte, da atmete sie auf, und sie blühte auf in einem Lächeln. Sie winkte den Greis zu sich heran und sie redete: »Fürwahr, ich habe gedacht, dies wäre der Baum vom Wunderberge, indes ist es nur eine elende Fälschung. Gib sie ihm sogleich zurück.« Der Alte sagte darauf: »Sintemal wir vernommen haben, daß der Zweig künstlich hergestellt ist, dürfen wir ihn wohl zurückstellen.« Und er nickte.

Da dichtete die Prinzeß »Mondenglanz« nun leichten Herzens das Gedicht:

»So stand ich, so lauscht' ich, so fragt' ich mich:
›Was sehen da meine Augen?
Ein Edelgesteinzweig!‹ Aber siehe, es waren
Nur Blätter von schönen Worten.«

Und indem sie solches sang, gab sie ihm seinen Edelsteinzweig zurück.

*

Aus den Ise Monogatari

Die Leute von Ise genossen im alten Japan den gleichen Ruf wie die Kreter im antiken Hellas. Vermutlich sollte der Titel »Geschichten von Ise« also auch noch etwas Ähnliches bedeuten wie: »Fabeln, angenehme Lügengeschichten.« Die japanischen Philologen hielten, wie bereits erwähnt, den berühmten Dichter Narihira für den Helden dieser Geschichten. Er sollte der Urheber des Buches oder wenigstens der Verfasser eines Tagebuches sein, aus dem der Autor geschöpft hat. Die »Geschichten aus Ise« sind die Liebesgeschichten eines jungen Höflings, 125 an Zahl, zum Teil scherzender, zum größern Teil gefühlvoller Art. In ihnen sind zahlreiche späte, gleich dem Kokinshu berühmt gewordene Tanka erhalten. Die Geschichten beginnen sämtlich mit dem Worte: mikushi (Es war einmal), darauf folgt gewöhnlich noch das Wort oroko (ein Mann).

I

Es war einmal ein Mann. Dieser Mann glaubte, daß er zu nichts nütze sei, und wollte sich in der Hauptstadt (Kyoto) nicht mehr aufhalten. Er brach daher nach dem Ostlande auf, um sich einen andern Wohnort zu suchen. Als er sah, wie vom Gipfel des Vulkans Asama in der Provinz Shinano der Rauch aufstieg (dichtete er):

O Rauch, der du aufsteigst
Vom Gipfel des Asama
Im Land des Shinano!
Daß ferner Gegend Leute
Dich anschaun, tadelst du's nicht?

Er machte die Reise mit einigen ihm von jeher befreundeten Leuten. Da keiner des Weges kundig war, gingen sie in der Irre dahin. Sie gelangten zu einem Ort namens Yatsu-hashi, »Achtbrück«, in der Provinz Mikawa. Der Grund, warum man diesen Ort Achtbrück nannte, war der, daß das Wasser in Spinnnetzform auseinanderfloß und man acht Brücken darüber geschlagen hatte. Daher der Name Achtbrück. Sie ließen sich im Schatten eines Baumes an diesem Moraste nieder und verzehrten trockene Reisklöße. In diesem Moraste waren Kakitsubata (d.i. Schwertlilien) überaus lieblich erblüht. Als sie dieselben betrachteten, sprach einer von ihnen: »Laßt uns ein Akrostichon dichten, in dem die Anfangssilben der Verse die fünf Silben des Wortes Kakitsubata ergeben, über das Thema Reisestimmung!« Nachdem er also gesprochen, dichtete er:

Kara-koromo
Kitsutsu narenishi
Tsuma shi areba
Barubaru kinuru
Tabi wo shi zo omou.

Da ein Gemahl ich habe,
Wie an ein Kleid
Durch Tragen ihm vertraut,
Denkt sicherlich sie der Reise,
Die weit und weiter fortrückt.

Als er so dichtete, ließen alle auf ihren getrockneten Reis Tränen der Sehnsucht nach der Heimat fallen, so daß er ganz feucht wurde. Immer weiter fortschreitend, gelangten sie nach der Provinz Suruga. Als sie zum Utsu-Berg gelangten, war der Weg, den sie eigens einschlagen wollten, überaus dunkel und schmal und von Efeu und Ranken dicht bewachsen. Sie fühlten sich einsam, und während sie hin und her erwogen, was Ängstliches ihnen widerfahren könnte, trafen sie einen Ubasoku (Laienmitglied eines buddhistischen Mönchsordens) an. »Wie seid ihr auf einen solchen Weg geraten?« sprach er, und als sie ihn genauer ansahen, erkannten sie in ihm einen Bekannten. Um an die bewußte Person in der Hauptstadt briefliche Nachricht zu geben, schrieb er und vertraute das Geschriebene dem Ubasoku an:

Weder im Wachen
– der Berggegend des Berges »Wach«
In Suruga –
Noch auch im Traume bin ich
Der Liebsten begegnet.

Als (Narihira) den Fuji no yama sah, war gerade am letzten Tage des fünften Monats der Schnee ganz weiß daraufgefallen:

Der Jahreszeiten
Unkundig ist der Fuji!
Wie wär's sonst möglich,
Daß wie ein Hirschkalb scheckig
Vom Schneefall er jetzt aussieht?

Wenn man hier einen Vergleich ziehen wollte, so müßte man sagen, daß dieser Berg so groß ist, als wenn man zwanzig Hie no yama übereinander auftürmen würde. Was seine Gestalt anbelangt, so sah er so kegelförmig wie ein Salzhügel aus.

Wie sie noch weitergingen, war da ein sehr großer Fluß zwischen der Provinz Musashi und der Provinz Shimosa, mit Namen Sumida-gawa. Als sie an diesem Flusse in einer Gruppe dastanden und sannen, wie grenzenlos weit sie hergekommen seien, und während ein Gefühl der Einsamkeit sie beschlich, sagte der Fährmann: »Schnell, steigt in das Boot. Es droht bereits dunkel zu werden.« Als sie eingestiegen waren, fühlten sie sich alle einsam, und es war nicht ein einziger unter ihnen, der nicht in der Hauptstadt eine Person gehabt hätte, deren er mit Sehnsucht gedachte. Eben in diesem Augenblick tummelten sich weiße Vögel mit roten Schnäbeln und Beinen und von der Größe einer Schnepfe auf dem Wasser umher und fraßen Fische. Es waren Vögel, die sich in der Residenzstadt nicht finden, und keiner kannte sie daher. Als sie den Fährmann befragten, sagte dieser: »Das sind ja Residenzvögel!« Als (Narihira) dies hörte, verfaßte er das folgende Gedicht:

Führt euren Namen mit Recht ihr,
Wohlan, so will ich euch fragen,
Ihr Residenzvögel,
Ob sie, nach der ich mich sehne,
Noch lebt, oder ob sie tot sei?

Da weinte das ganze Boot.

II

Es war einmal ein Mann. Mehrere Jahre hindurch besuchte er nächtlicherweile eine Dame, mit der er eigentlich keinen Verkehr hätte pflegen dürfen. Nachdem er die Zustimmung der Dame erlangt hatte, machten sie sich mit knapper Not von dannen, und in vollster Dunkelheit gingen sie miteinander dahin. Als sie an einem Flusse, dem Akuta-gawa, entlang gingen und die Dame beim Anblick des auf den Gräsern liegenden glitzernden Taus den Mann fragte, was das da sei, (gab er keine Antwort, denn) das Ziel ihrer Flucht war noch weit, und die Nacht war schon bedeutend vorgeschritten. Dabei donnerte es gewaltig, und der Regen strömte stark hernieder, so daß er die Dame in den Hinterraum eines verfallenen Schuppens hineinschob, ohne aber eine Ahnung davon zu haben, daß es ein von Teufeln frequentierter Ort war. Der Mann blieb mit Bogen und pfeilgespicktem Köcher über die Schulter gehängt an der Eingangstür stehen. Wie er in seinem Sinne dachte, daß die Nacht sich schon aufhellen würde, hatte ein Teufel schon die Dame in einem Happen aufgefressen. Obgleich sie »O weh, o weh!« schrie, konnte er es wegen des Tosens des Donners nicht hören. Als die Nacht allmählich hell geworden war, sah er hin; aber die Dame, die mit ihm gekommen, war nicht mehr da. Obgleich er ungebärdig mit den Füßen stampfte und weinte, war doch alles vergebens:

Als sie mich fragte,
Ob's weiße Perlen seien,
Ach, hätt' ich da doch
Gesagt »Tautropfen sind es«,
Und wär' erlöscht wie diese!

(Nachtrag von fremder Hand): »Die (spätere kaiserliche Gemahlin) Nijo wohnte bei ihrer Nichte, welche eine Nyogo war, als eine Art Kammerfrau. Sie war von sehr lieblicher Erscheinung, und deshalb stahl Narihira sie und trug sie auf seinem Rücken hinweg. Aber ihr älterer Bruder, der nachmalige Dainagon Kunitsune, der erste Sohn des Ministers Horikawa (d. i. der berühmte Fujiwara no Mototsune) und damals noch einen niederen Rang bekleidend, hörte auf seinem Wege nach dem kaiserlichen Palast, daß irgend jemand bitterlich weinte, hielt die Davoneilenden auf, nahm das Mädchen zurück und ging dann seines Weges weiter. Diesen hat der Verfasser als Teufel bezeichnet. Es soll zu einer Zeit gewesen sein, da die nachmalige kaiserliche Gemahlin noch sehr jung war und noch dem gewöhnlichen Stande angehörte. (I und II von Karl Florenz.)

III

Vor alters waren zwei Nachbarkinder, deren Väter Hausierer waren. Sie spielten oft zusammen an einem Brunnen. Als sie erwachsen waren, trennten sie Scham und Befangenheit. Der Jüngling begehrte in seinem Innern seine frühere Gespielin zur Frau, und das Mädchen ihn zum Manne. Sie gaben daher ihren Eltern kein Gehör, die für ihre Kinder andere Lebensgefährten erwählt hatten. Heimlich sandte der Jüngling dem Mädchen ein Lied:

Noch spiegelt still der Brunnen,
Daran wir gerne spielten
In uns'rer Kinderzeit,
Doch du kamst lange nicht
Und wirst kein Kind mehr sein.

Die Antwort des Mädchens:

Mein Haar,
Das deinen Haaren ich verglichen,
Deckt lang die Schultern schon,
Nur deine Hand allein
Soll kosend es berühren.

Und endlich konnten sie sich heiraten.

Nach einigen Jahren, als die Frau ihre Eltern verlor und etwas hilflos war, wurde das Eheleben dem Manne langweilig, und er ging oft zu einer anderen Frau in der Gemeinde Takayasu in der Provinz Kawachi. Aber seine Frau zürnte ihm darum nicht, sondern ließ ihn ruhig zu seiner neuen Geliebten gehen. Das dünkte dem Manne so seltsam, daß er endlich an der Treue seiner Frau zu zweifeln begann. Er tat einen Abend, als ob er nach Kawachi ginge, und versteckte sich in einem Gebüsch im Garten. Seine Frau kleidete sich ordentlich an, sah in die Ferne und sang:

Es tobt der Wind,
Und auch das Meer erdröhnt.
Wie bang' ich um den Liebsten,
Der den Tatsuta-Berg
In dunkler Nacht ersteigt.

Er hörte das, bedauerte sie unendlich und beschloß, nie mehr nach Kawachi zu gehen.

Aber als er sich doch nicht bezwang und zu der Geliebten nach Kawachi kam, war sie nicht mehr sittsam und lieblich wie zuerst, sondern ohne Anmut und Scham. Ihr Haar fiel nicht wie sonst in losen Wellen auf die Schultern hernieder, es war glatt und fest um den Kopf gewickelt, ihr Gesicht erschien ihm lang und reizlos. Sie zog selber den Reistopf zu sich, nahm und verzehrte die Speise ohne Feierlichkeit und Schönheit in Mienen und Bewegungen. Abgestoßen von ihrem Benehmen ging er wieder fort. Da sah sie nach Yamato hinüber und sang:

Ich will die Gegend sehen,
Wo mein Geliebter wohnt,
O, Wolke,
Die du dich zum Regen ballst,
Verschleiere den Berg Ikoma nicht.

Wohl bekam sie Antwort von dem Yamatomann, daß er wiederkommen würde, und sie freute sich sehr, aber sie wartete auf ihn viele Nächte hindurch vergebens.

Alle Nächte,
Die du mir versprochen,
Ach! ohne dich verbracht,
Die Hoffnung ist zerbrochen.
Die Liebe wacht. –

Der Mann kam nicht mehr

IV

Vor alters war ein Mann. Er sandte ein Lied an eine Frau, die ihn nicht ganz abgelehnt, sondern etwas hatte hoffen lassen.

Am Abend,
Wenn ich nach dir seufze,
Sind meine Ärmel naß,
Wie wenn am Herbstesmorgen
Ich wand're im Bambusgras.

Die lüsterne Frau antwortete:

Ich bin Meeresgrund,
Darin kein Seekraut wächst.
Ein Tor der Taucher,
Der von warmer Bucht
Hoffend die Tiefe sucht.

V

Vor alters liebte ein junger Mann ein hübsches Mädchen, das bei seinen Eltern wohnte. Die Eltern, die sich voreilig dazwischen drängten, wollten das Mädchen fortjagen, und der junge Mann vermochte es auch nicht zu verhindern, weil das Mädchen eigentlich nicht zu seiner Familie gehörte. Sie war von niedrigem Range und konnte sich nicht verteidigen. Inzwischen wurde die Liebe immer heftiger. Plötzlich jagten die Eltern das Mädchen wirklich fort. Der Mann weinte blutige Tränen, dennoch konnte er nichts dagegen tun. Endlich ging sie, von einem Manne begleitet, aus. Sie sandte ihren Begleiter zu ihm mit einem Lied:

Wenn er fragt,
Wie weit du mich begleitet,
Sage,
Bis zum Tränenfluß
Der Trennung.

Der Mann weinte und sang:

Wer nicht liebt,
Dem ist leicht
Die Trennung,
Ich ahnte nicht,
Wie sie nagt.

Und er fiel in Ohnmacht. Die Eltern wurden dadurch ganz erschreckt. Rücksichtslos hatten sie das Mädchen fortgejagt und nicht an solche Folgen gedacht. Sie beteten um das Leben des Sohnes. Seine Ohnmacht dauerte von Sonnenaufgang bis um acht Uhr abends des nächsten Tages, aber endlich kam er wieder zu sich. Damals konnte ein Mann so heftig lieben. Müssen die Männer der jetzigen Zeit mit ihren greisen Herzen nicht vor Scham sterben?

VI

Vor alters ging ein Mann um ein Haus, weil er sicher wußte, daß eine schöne Frau darinnen wohnte. Aber er durfte nicht einmal an sie schreiben, und er sang:

Dem Lorbeer gleicht sie,
Der im Vollmond wohnt,
Ein Glanz den Blicken
Und fern
Der Berührung.

VII

Vor alters schickte ein Mann an eine Frau ein Lied, die ihm ihr Wort nicht gehalten hatte.

Vergebens
Hoffte ich Glück,
Mit Händen schöpfen und halten
Wollt' ich das rinnende Wasser
Aus Ide von Yamashina.

VIII

Vor alters war ein Mann. Er war sehr beschäftigt im Hofdienst und dazu von untreuer Natur. Darum ging seine Frau aufs Land mit einem anderen, der sie treu lieben wollte. Der erste Mann ging nachher als kaiserlicher Festbote an dem Isatempel nach dem Landesteil, wo seine ehemalige Frau lebte, und erfuhr dort, daß sie jetzt die Gattin seines Empfangsbeamten sei. Da sagte er: Die Gattin des Beamten solle ihm den Wein einschenken, sonst wolle er nicht trinken. Die Gattin kam endlich mit dem Becher und schenkte ihm ein, da nahm er eine Tachibana – eine Art Zitrone, die im Mai blüht –, die den Teller schmückte, und sang:

Der süße Duft
Der Tatchibanablüte,
Erschlossen im Mai,
Bringt die Gewänder
Der Jugendgeliebten.

(III bis VIII von Gitaro Chino [Tokio].)

*

Aus den Yamato-Monogatari (Die Sage von dem Mädchen mit den zwei Freiern)

Der Titel bedeutet entweder »Geschichten aus der Provinz Yamato« (dem Stammland Japans) oder einfach »Nationale Geschichten« im Gegensatz zu den sinochinesischen Erzählungen dieser Zeit. Man kann sie als eine Nachahmung der Ise-Geschichten auffassen, von denen sie sich jedoch durch ein fortgeschrittenes, wenn auch weniger klares Japanisch unterscheiden, auch sind sie nicht um eine einzelne Person angeordnet. Die hier mitgeteilte Geschichte in der Übertragung von Karl Florenz gehört zu den volkstümlichsten der japanischen Literatur.

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Vor alten Zeiten war einmal ein Mädchen, das wohnte in der Provinz Tsu. Zwei Männer bewarben sich um sie. Der eine von ihnen wohnte in derselben Provinz und hieß (nach seinem Wohnort) Ubara; der andere war aus der Provinz Isumi und hieß (gleichfalls nach seinem Wohnort) Chinu. Diese beiden Männer hatten nun dasselbe Alter und waren sich auch von Gesicht, Gestalt und Aussehen ganz gleich. Sie nahm sich vor, denjenigen zu heiraten, der den anderen an Liebe zu ihr übertreffen würde, aber auch die Liebe der beiden zu ihr war die gleiche. Wenn der Abend dunkelte, kamen sie beide zur Liebeswerbung; wenn sie ihr Geschenke machten, so waren es von beiden dieselben Geschenke. Von keinem konnte man sagen, daß er etwas vor dem anderen voraus hätte, so daß das Mädchen vor lauter Sinnen und Denken ganz krank wurde. Wenn die Liebe dieser Männer zu ihr lauer gewesen wäre, so würde sie beiden ihre Hand verweigert haben; da aber dieser sowohl wie jener Tag für Tag und Monat für Monat vor der Tür ihres Hauses stand und in zehntausend verschiedenen Weisen seine Liebe bekundete, war sie in Verlegenheit, wen sie erhören sollte. Weder von diesem noch von jenem nahm sie die Geschenke, die ihr in gleicher Weise gemacht wurden, an. Sie hatte Eltern, die sprachen zu ihr: »Es ist bedauerlich, daß Monate und Jahre in solch unschicklicher Weise dahingehen, und nicht zu ertragen, wie die Leute vergeblich klagen und seufzen. Wenn du den einen heiraten würdest, so würde die Liebe des andern erlöschen.« Das Mädchen antwortete: »Auch ich denke so. Aber die Gleichheit der Liebe beider macht mein Herz ganz krank. Was soll ich da nun machen?«

Nun hielt man sich dazumal gerade in Zelten auf, die über dem Spiegel des Ikuta (Lebens-)Flusses errichtet waren. Da ließen die Eltern jene beiden Bewerber herbeirufen und sprachen zu ihnen folgendermaßen: »Da jeder von euch dieselbe Liebe hegt, so ist unsere Tochter ganz krank im Herzen. Heute wollen wir die Sache auf irgendwelche Weise zur Entscheidung bringen. Der eine von euch ist von fernem Orte hergekommen; der andere aus hiesiger Gegend hat sich grenzenlos bemüht. Dieser sowohl wie jener verdienen unser Mitgefühl.« Als sie so sprachen, waren beide von der größten Freude erfüllt. Die Eltern fuhren fort: »Was wir weiter mitzuteilen gedenken, ist folgendes: schießt mit dem Bogen nach dem Wasservogel, der dort auf dem Flusse schwimmt; dem, der ihn trifft, wollen wir unsere Tochter geben.« »Vortrefflich!« sprachen die beiden und schossen. Der eine traf ihn am Kopf, der andere traf ihn am Schwanz. Da sie nun keinem von beiden den Vorzug geben konnte, war das Mädchen ganz verzweifelt und rief:

Des Daseins müde,
Will meinen Leib ich werfen
In Tsu-no-kunis
›Lebensfluß‹ – ein Lebensfluß
Für mich, ach, nur dem Namen nach!

Mit diesen Worten warf sie sich von dem Zelte, das über dem Flusse stand, klatsch, ins Wasser hinein.

Während die Eltern ganz außer sich schrien und lärmten, stürzten sich die beiden Bewerber an derselben Stelle ins Wasser. Der eine ergriff sie am Fuß, der andere ergriff sie an der Hand, und so starben sie. Aufs tiefste bekümmert, holten die Eltern den Leichnam des Mädchens aus dem Wasser herauf und begruben ihn unter Tränen und Klagen. Auch die Eltern der beiden jungen Männer kamen herbei und legten zu beiden Seiten des Grabhügels des Mädchens Gräber an. Da aber erhoben die Eltern des Mannes aus der Provinz Tsu Einspruch dagegen, indem sie sagten: »Daß der, welcher aus demselben Lande ist, an demselben Orte begraben wird, ist nur billig und gerecht; aber wie darf ein Mann aus einem anderen Lande die Erde dieses Landes entweihen?« Da luden die Eltern dessen aus Izumi Erde des Landes Izumi auf ein Schiff, brachten sie herbei und begruben schließlich ihren Sohn darin. Noch jetzt existieren die Gräber, des Mädchens Grab in der Mitte, links und rechts davon die Gräber der jungen Männer.

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Der Roman

Das Genji-Monogatari

Das Genji Monogatari ist der älteste Roman im europäischen Sinne der japanischen Literatur, wie zugleich ihr berühmtester geblieben. Es ist der große »Frauenroman« Japans, wie das folgende Tagebuch der Dame Sei das Frauenbuch kat exochen Alt-Japans ist. Die Verfasserin des Genji, die wir bereits als lyrische Dichterin kennengelernt haben, gehört auch persönlich zu den berühmtesten Gestalten Alt-Japans; sie lebte am kaiserlichen Hof um das Jahr 1000, doch ist ihr Leben wenig bekannt, und auch ihr literarischer Name: »Murasaki Shikibu« stellt nur, wie üblich, ihren Beinamen dar. Shikibu bedeutet soviel wie zeremoniell. Die Trägerin dieses Namens ist also jedenfalls Tochter eines Zeremonienmeisters gewesen. Murasaki aber heißt Veilchenfarbe, eigentlich Veilchenwurz, und wird auf den Namen Fuji (Fujiwara) gedeutet, der, wie bereits mitgeteilt, Glyzinie bedeutet. Die Dichterin war demnach wie so viele andere Autoren und Autorinnen eine Fujiwara. Chinesisch gelesen lautet aber das Zeichen für Fuji »To«, weshalb ihr Name auch To-shikibu gelesen wird. Er müßte für unsre Ohren in auffälliger Weise etwa lauten: »Veilchen-Zeremonienmeister«. Der Vater der Dichterin, selbst ein Literat von einigem Ansehen, war Enkel des bekannten Dichters Kanesuke, der wieder Urenkel des Dichters Fuyutsugu war. Die Tradition war also in dieser Fujiwara-Linie stark literarisch. Die Dichterin soll auch schon als junges Mädchen mit ihrem Bruder zusammen chinesische Gedichte und Literatur studiert haben. Darum nannte sie ein Kaiser später scherzhaft das Nihongi seines Hofes. Später studierte sie auch die japanischen Klassiker. Der aus diesen Studien hervorgehende Stil wird noch von den heutigen Japanern aufs höchste bewundert, und man kann überhaupt den Genji-Roman als das artistisch höchstvollendete und unter allen Umständen als das berühmteste Werk der japanischen Literatur bezeichnen. Die Dichterin verlor früh ihren Gatten, gleichfalls einen Fujiwara, dem sie zwei Töchter geboren hatte. Die ältere dieser Töchter, Daini no Sammi, war die Autorin des gleichfalls berühmten Sagoromo-Romanes, einer Nachahmung des Genji; wir haben sie als Lyrikerin kennengelernt. Als Witwe lebte die Dichterin des Genji sehr zurückgezogen, in einem zu dem Charakter ihrer Helden und Heldinnen auffallenden Gegensatz, der von der europäischen Kritik sehr gerühmt zu werden pflegt. Erst im einigermaßen vorgerückten Alter nahm sie am Hofe ihrer Verwandten, der Kaiserin Akiko, wieder ein Amt an. In dieser Zeit verfaßte sie auch ihr Tagebuch, das bereits oben genannte »Murasaki Shikibu Nikki«. Ihren berühmten Roman jedoch hatte sie bereits in ihrer Zurückgezogenheit verfaßt und um das Jahr 1000 veröffentlicht. Eine bekannte Legende, von der bildenden Kunst häufig wiedergegeben, zeigt die Dichterin auf einer Tempelterrasse vor dem mondbeglänzten Biwa-See an ihrem Schreibtisch mit einem feinen Pinsel schreibend. Der Aufenthalt in diesem Kloster hat sich jedoch als unhistorisch erwiesen, und ebenso erfunden dürften die mehreren Legenden eines Auftrags zu dem Roman, erteilt von der großen Vestalin von Ise oder der Kaiserin selber, sein. Auch soll die Dichterin der um diese Zeit aus China verbreiteten strengen Sekte der Tendai angehört haben, wonach ihr Roman eine buddhistische Tendenz hätte. In dem erwähnten Kloster am Biwa-See in Ishigama wird auch noch ihr Schreibzimmer (das Genji no ma) gezeigt, mit einer angeblichen Skizze aus dem Genji, auf die Rückseite einer buddhistischen Rolle geschrieben. Alle diese Geschichten scheinen jedoch mehr oder minder erfunden, vielleicht um das Werk, den Ruhm Alt-Japans, und seinen rein weltlichen, dem Gegenstand nach notwendig libertinen Charakter mit der kirchlichen Lehre zu versöhnen. Unbezweifelt blieb bisher nur der kulturhistorische sittenschildernde Wert dieser höfischen Dichtung.

Der Genji-Roman ist in 54 Kapitel eingeteilt und umfaßt in der offiziellen Ausgabe 4234 Seiten! bildet also auch darin ein Vorbild der späteren japanischen Romanwälzer. 80 Seiten allein bilden einen genealogischen Index der Helden und Heldinnen des Buches. Die erstere an Umfang reichere Hälfte erzählt die Liebesabenteuer des Prinzen Genji; die zweite Hälfte, die sogenannten »Zehn Kapitel von Uji«, die Geschichte seines Sohnes, deren Szenen nach dem Dorfe Uji, in der Nähe der Residenz, verlegt ist. Genji ist ein Don Juan von geringem sittlichen Empfinden, aber mitunter großer Zartheit, umgeben von einem Kranz von Frauengestalten, die mit bedeutender psychologischer Meisterschaft geschildert werden. Der Stil, der, stets geschmackvoll, auch gewagte Situationen darstellt und sich dabei den Einzelheiten des individuellen und gesellschaftlichen Lebens anschmiegt, vereinigt Realismus und psychologistische Betrachtung weit mehr als irgendein altes Werk des Westens. Ihm wird von der englischen Kritik in charakteristischer Weise nachgerühmt, daß es in jedem Wort von jedem jungen Mädchen ohne Erröten gelesen werden könne! Karl Florenz erzählt den Inhalt des Buchs mit den folgenden Worten:

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Prinz Genji war der Sohn eines Kaisers von seiner Konkubine Kiritsubo no Kói, einem Edelfräulein, die nicht aus dem mächtigen Fujiwara-Hause stammte und daher, wie ihr Sohn, unter der Mißgunst der Angehörigen dieser Familie viel zu leiden hatte. Sie starb, als Genji kaum drei Jahre alt war, von Vater und Sohn stets unvergessen. Mit zwölf Jahren heiratet Genji seine vier Jahre ältere Muhme Aoi-no-Ue, mit der er jedoch nicht glücklich lebt und der er bald durch seine Liebesabenteuer mit anderen Frauen reichlichen Grund zur Eifersucht gibt. Der Kaiser, sein Vater, hatte inzwischen eine andere schöne Konkubine, Fujitsubo, eine Tochter des verstorbenen Kaisers, in seinem Harem aufgenommen. Sie glich der seligen Mutter Genjis so sehr, daß dieser die tiefste Zuneigung zu ihr faßte und schließlich seiner Leidenschaft für sie so die Zügel schießen ließ, daß er heimlichen Geschlechtsverkehr mit ihr unterhielt. Aus diesem Verhältnis geht ein Sohn hervor, den der Kaiser für seinen eigenen hält, und den er, als er bei seiner Abdankung einen älteren Halbbruder Genjis zum Kaiser einsetzt, zum künftigen Thronerben bestimmt. Genji wird der Vormund des Thronfolgers, seines natürlichen Sohnes. Nach dem Tode seiner Gemahlin Aoi-no-Ue, die aus Gespensterfurcht stirbt, nimmt Genji eine Nichte Fujitsubos, die liebliche Murasaki-no-Ue, die er im Alter von zehn Jahren als Pflegetochter in sein Haus genommen hatte, als Gemahlin an. Sie ist ebenso klug und tugendhaft wie schön; die Dichterin hat in ihr eine ideale Frauengestalt geschaffen, die unter ihrem Geschlechte ebenso hervorragt wie Genji durch seine Klugheit, Schönheit, Liebenswürdigkeit und Eleganz unter den Männern. Die Entdeckung eines unerlaubten Verhältnisses zwischen Genji und Oboro-zukyo, einer Konkubine des jungen Kaisers, führt zu des ersteren Verbannung nach dem Dorfe Suma, etwa dreißig japanische Meilen von Kyoto; er wird aber nach einer Weile wieder in Gnaden zurückgerufen. Den Aufenthalt in Suma hat er natürlich nicht ungenutzt vorübergehen lassen, sondern mit Akashi, der hübschen Tochter eines in den Priesterstand eingetretenen früheren Statthalters, verkehrt, und sie zur Mutter gemacht. Im selben Jahre besteigt Genjis natürlicher Sohn den Thron. Der Kaiser, welcher von seinem wahren Ursprung unterrichtet wird, befördert seinen Vater im Range bis zum Premierminister, gibt ihm die Erlaubnis, im Ochsenwagen fahren zu dürfen, und ernennt ihn schließlich zum Dajo-tenno, »Kaiservater«. Was Genji einst an seinem Vater gefrevelt hatte, indem er Fujitsubo verführte, wird ihm nun vom Schicksal mit ähnlicher Münze zurückgezahlt. Seine liebste Nebenfrau, Prinzessin Nyosan, fällt in die Netze eines gewissen Kashiwagi und bekommt von diesem einen Sohn, der vor aller Welt als Sohn Genjis gilt, Prinz Kaoru, den Helden des zweiten Teils des Romans. Nach mehrjährigem Krankenlager stirbt Murasaki-no-Ue, und es dauert nicht lange, ehe der untröstliche Genji sich danach ganz von der Welt zurückzieht und nur noch den Prinzen Niou, seinen Enkel aus dem Konkubinat mit der Sumanerin Akashi-no-Ue, bei sich sieht.

Prinz Kaoru, Genjis angeblicher Sohn, und Prinz Niou, sein Enkel, sind die Spieler und Gegenspieler im letzten Abschnitt. Je glücklicher Genji in seinen Liebesabenteuern gewesen, da nie eine Frau imstande war, den Bewerbungen dieses japanischen Don Juan zu widerstehen, um so zahlreicher sind die Enttäuschungen Kaorus. Jedesmal tritt Niou zwischen ihn und seine Geliebten und schnappt sie ihm weg. Endlich scheint Kaoru das Glück günstig zu sein; er sticht seinen Rivalen bei der schönen Ukifune aus. Aber Niou weiß sich nachts bei dieser einzuschleichen, und sie gibt sich hin, in dem Glauben, es sei ihr Geliebter Kaoru. Von Scham überwältigt, versucht sie sich zu ertränken, wird jedoch von einem Priester daran verhindert und zieht sich als Nonne in ein Kloster zurück. Kaoru will sie wieder herausholen und begibt sich mit Unifunes jüngeren Bruder nach dem Kloster. Er schickt den Jüngling mit einem Briefe hinein. Beim Anblick des Bruders und des Briefes treten ihr die Tränen in die Augen, aber sie bleibt in ihrem Vorsatze, der Welt zu entsagen, fest. Sie behauptet, das sei nicht ihr Bruder, und sie sei nie die Geliebte Kaorus gewesen. Zur tiefsten Enttäuschung Kaorus kehrt der Bruder unverrichteter Sache nach Kyóto zurück.

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Aus dem Genjiroman

Ich erinnere mich nicht mehr, zu welcher Zeit damals, in der großen Schar der Nebenfrauen (nyogo) und Kebsfrauen des Palastes, eine junge Frau lebte, die zwar nicht von besonderer Geburt, doch von dem Kaiser mehr als alle ihre Nebenbuhlerinnen geliebt wurde. Die vielen Damen, die alle an den Hof gekommen waren, um ihr diesen Rang streitig zu machen, waren so natürlich alle einig in der Mißgunst. Aber auch die unter ihr stehenden Kebsfrauen waren nicht zufrieden. Bei jeder Gelegenheit, sooft diese einen Dienst zu verrichten hatten, des Vormittags oder Abends, brachten sie beständig hetzerische Dinge gegen sie vor. Vielleicht war es die Wirkung all dieser Dinge, daß sie plötzlich erkrankte und schlimmer wurde. Sie mußte oft tagelang in ihrer Stube bleiben. Ihr Herz ging nicht mit ...

Der Kaiser aber wurde gegen die Kranke immer zärtlicher. Er hörte auf keinen Klatsch der anderen, er liebte sie mit einer Liebe, an die man die heutige Welt nur gemahnen kann. Sogar die Hofleute vom höchsten Range wagten ihr nicht ins Gesicht zu sehen, die anderen aber verehrten sie. In China hatte einst ein ähnlicher Fall schrecklichen Umsturz in der Gesellschaft hervorgerufen. Viele verglichen sie darum mit der jungen Yokihi jenes Landes, diese hegten mannigfache Befürchtungen. Sie aber, die also üble Aufnahme in ihrer Umgebung fand, sie verließ sich nur auf die hohe Gunst des Herrschers, und blieb liebenswürdig gegen alle ihre Neiderinnen.

Im Sommer jenes Jahres wurde die Dame Niyasudokoro (Kiritsubo) abermals krank. Die Krankheit schien zunächst von leichter Art. Dessen ungeachtet wollte Kiritsubo sich vom Hof zurückziehen. Der Kaiser aber erlaubte es ihr nicht, er verlangte, daß sie trotz ihrer Schwäche noch bleiben solle. Er schickte ihr Medikamente. Jedoch nach einigen Tagen wurde ihr Zustand ernster, ihre Mutter verlangte unter Tränen die Erlaubnis, sie mit sich zu nehmen, die ihr endlich erteilt wurde. Um nicht ganz vergessen zu werden, ließ Kiritsubo das Kind, das sie vom Kaiser hatte, zurück. Sie verließ das Schloß, immer wieder blickte sie sich nochmals um. Auch der Kaiser war ganz verzweifelt. Dennoch konnte er sie nicht länger zurückhalten. Er fragte sich, was nun aus ihr werden solle. Er sah sie abgezehrt und bleich, die noch eben so schön gewesen war, und sein Herz schwoll von Mitleid. Sie aber tat, als ob sie ganz schmerzlos wäre, sie redete mit ihm wie eine Gesunde. Nur er dachte an Gegenwart und an Zukunft. Er redete zu ihr ganz zärtlich: Auch ich bin schon an das Ende meines Lebens gelangt. Willst du dich wirklich vordrängen? Willst du so von mir gehen? Sie gab ihm zur Antwort:

»Traurig ja fürwahr
»Ist hier unser Scheideweg.
»Das Schicksal will es.
»Und doch so gerne
»Hätt ich (mit dir) gelebt.«

Diese Verse zitierte sie mit Stärke. Doch ihr Atem ging unregelmäßig, sie war offenbar schwerkrank. Der Kaiser ordnete sogleich einen Exorzismus der hervorragendsten Priester an. Danach nahm er Abschied von ihr und ging in seine Gemächer zurück. Er legte sich auf sein Bett, er fühlte eine Last auf seiner Brust, und es gelang ihm nicht einzuschlafen. Immer wieder schickte er um Nachrichten. Kurze Zeit nach Mitternacht kam ein Bote: »Die Dame ist soeben gestorben.« Auch der Bote weinte.

Der Kaiser blieb allein in seinem Zimmer. Er wußte nicht, wie er jetzt leben sollte. Das Kind, das von alledem nichts verstand, wollte durchaus immer seine Mutter küssen. Der ganze kaiserliche Hofstaat brach dabei in Tränen aus. Indes, man konnte nicht immer Tränen vergießen. Man bahrte sie also auf, nach buddhistischer Vorschrift. Ein jeder Abschied ist traurig, dieser hier aber war es ganz besonders.

Ihre Mutter ging mit im Zuge. Sie wäre gerne zusammen mit ihrer Tochter aus der Welt verschwunden, in dem Rauch des einen Scheiterhaufens. Ein Wagen, in dem sie mit anderen Damen saß, führte sie hinaus nach Atago. Dort, wo alle Welt traurig war, wie Schmerzliches mußte erst sie dort fühlen. Solange der Leib noch vorhanden war, war es, als ob die junge Frau noch lebte. Erst, als sie ganz zur Asche geworden, begriff man, daß sie nun hingegangen war. Die Mutter versuchte sich tapfer zu zeigen. Allein, erdrückt von ihrem Kummer, wäre sie beinahe aus dem Wagen gefallen. Die anderen Damen mußten sie stützen. Am Ende der Zeremonien las ein Vertreter des Kaisers ein Dekret, worin Kiritsubo in den dritten Rang erhoben wurde. Der Kaiser, der bedauerte, ihr bei ihren Lebzeiten diesen Rang einer Gattin nicht verliehen zu haben, wollte sein Versäumnis wenigstens an diesem Tage gutmachen. Man vernahm es, und man beklagte sie noch mehr.

*

... Seitdem Kiritsubo verbrannt war, waren schon viele Tage vergangen. Die zahlreichen Seelenfeiern waren mit großer Sorgfalt abgehalten worden. Jetzt blies der Herbstwind, und die Abende waren schon kühl. Um so lebhaftere Erinnerungen bedrängten den Kaiser. Er entsandte eine Ehrendame, die Dame Yugei; diese verließ ihn in einem Augenblick, wo der Mond hell hereinglänzte. Der Kaiser saß da und betrachtete das leuchtende Gestirn. In solchen Stunden, bei festlichem Anlaß, hatte seine Freundin gar herrlich die Harfe geschlagen; keiner war ihr darin gleichgekommen. Auch alles, was sie sprach, noch das ganz unbedeutende, war immer ausgezeichnet gewesen vor den Gesprächen der anderen Frauen. Alles das zog jetzt durch seine Erinnerung, was einst ihre Schönheit noch erhöht hatte. Es war dunkel geworden. Er glaubte ihr Gesicht vor sich zu sehen.

Die Ehrendame, die er zu ihrer Mutter geschickt hatte, war schon an der Türe in wirklicher Betrübnis. Die alte Dame lebte ganz einsam mit einer einzigen Dienerin, doch in ihrem Hause sah es sehr ordentlich aus. Sie lag schon zu Bette. Sie war hoch betagt. Im Garten wuchs Unkraut, zerzaust vom Herbstwind. Das Licht des Mondes war der einzige Gast in diesem abgelegenen Heim. Die Greisin starrte in das Gesicht der Dame bei dem Mondlicht, sie brachte nicht ein Wort hervor. Nach einiger Zeit erst redete sie: »Ich bin ganz außer mir. Eine Dame, die der Kaiser geschickt hat, in diesem nassen verwahrlosten Garten!« Dabei brach sie in Schluchzen aus.

*

Ein Abend wars in der Regenzeit. Immer wieder fiel der Regen auf das fast menschenleere Schloß. Bei Genji sogar war es heut ruhiger. Er las allein bei einem Licht. Mit einem Mal entnahm er einem Kästchen wohl an hundert Papiere und Briefe. Der »Gardenobrist« hätte gar zu gerne einen Blick hineingeworfen.

»Einige davon magst du lesen,« meinte Genji; »andere aber sind zu indiskret.« – »Aber gerade diese sind es, die unverblümten, die ich sehen möchte. Alltägliche kümmern mich nicht. Lesenswert dünken mich nur solche, welche neckische Eifersucht zum Ausdruck bringen oder die sehnsüchtige Liebesbrunst in der Abendstunde verraten oder dergleichen. « Seinem Drängen nachgebend, ließ Genji ihn alles lesen; aber wahrscheinlich waren es nicht besonders geheime Dinge, da Genji sie in einem gewöhnlichen Fach verwahrt hatte; die geheimen waren wohl irgendwo sorgsam verborgen, und diese hier nur von untergeordneter Bedeutung. »Welche Mannigfaltigkeit!« sagte To no Chujo und begann auf die Namen der Schreiberinnen zu raten: »Dieser hier ist wohl von der und der und jener dort von der und der?« Manchmal riet er richtig, manchmal falsch, aber auch dann ergötzte es Genji sehr, seine Vermutungen und argwöhnischen Folgerungen kennen zu lernen. Er sagte nur wenig, hielt mit seinen Gedanken zurück und schob den Freund mit zweideutigen Antworten ab. »Du mußt selbst eine hübsche Sammlung solcher Briefe besitzen« meinte Genji; »willst du mich nicht einige davon sehen lassen? Dann wird auch mein Schrank vor dir bereitwilliger seine Türen öffnen.« – »Ich hin überzeugt, die meinigen werden für dich wenig Interesse besitzen,« antwortete To no Chujo. »Ich habe endlich die Entdeckung gemacht, wie schwer es ist, ein Weib zu finden, von der man sagen könnte: »Das ist jetzt die rechte, die ist vollkommen!« Es gibt eine ganze Menge, die ganz leidlich sind, die einige Empfindung haben, pinselgewandt sind und eine treffende, geistreiche Antwort (in Versen) zu geben vermögen. Aber wie selten findet man unter ihnen eine, von der man sagen könnte, daß sie und keine andere zu wählen sei? Wie oft sind diese nur ganz von sich und ihren Fähigkeiten erfüllt und verkleinern alle andern auf die verletzendste Weise! Wiederum gibt es andere, Lieblinge ihrer Eltern und immer an deren Seite. Solange sie hinter den ihr Leben begrenzenden Jalousien sitzen, mögen sie wohl auf die Herzen von Männern, die von dieser oder jener ihrer Fertigkeiten gehört haben, einigen Eindruck machen. Sie mögen oft jung, anmutig, gewinnend sein; sie mögen öfters, dem Beispiel anderer folgend, in den Künsten leichtsinnigen Zeitvertreibs einiges Geschick erlangt haben. Aber ihre Freunde werden ihre Mängel zu verdecken suchen, dagegen ihre guten Eigenschaften ins hellste Licht rücken. Wer sie nur vom Hörensagen kennt, hat keine Ahnung von ihren Mängeln und glaubt das, was von ihnen gesagt wird; nachher bei näherer Bekanntschaft wird er gewiß mehr oder weniger enttäuscht werden.« – Hier hielt To no Chujo inne, als ob er sich seines übereilten Herausplauderns etwas schämte. Genji lächelte, da er an Ähnliches in seinen eigenen Erfahrungen dachte, und sagte: »Aber etwas Gutes ist doch an jeder.« »Allerdings,« entgegnete To no Chujo, »denn wer ließe sich von ihnen einnehmen, wenn sie das nicht hätten? Sehr klein ist die Zahl sowohl derer, die der Beachtung überhaupt gar nicht wert sind, als der höchstklassigen Weiber, für deren Vorzüge man eine unbegrenzte Bewunderung hegen muß.« (Florenz.)

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Sie blickten durch den Zaun nach dem Hause, und ihr Blick fiel auf die Westfront. Dort stand eine Buddhastatue, vor der eine Nonne gerade ihre Andacht verrichtete. Sie hob die Jalousie ein wenig in die Höhe und brachte auf dem Altar eine Blumenspende dar. Dann nahm sie am Mittelpfeiler Platz, legte eine Sutra auf eine Armstütze und begann, sie mit bebender, vieles Leiden verratender Stimme zu lesen. Diese Nonne schien keine gewöhnliche Person zu sein. Sie war etwas über vierzig Jahre alt. Von weißer Gesichtsfarbe und edlem Ausdruck, war sie zwar abgemagert, doch vollwangig. Ihre Blicke, ihr Haar, welches mit schön geschnittenen Enden noch feiner war als langgetragenes, machten einen wohltuenden Eindruck auf Genji. Bei ihr waren noch zwei reinlich gekleidete Frauen und mehrere Mädchen, welche spielend ein und aus gingen. Unter diesen war eines, ungefähr zehn Jahre alt und mit weißen und verschossenen gelben Kleidern angetan. Es war so schön, daß andere gar nicht mit ihm zu vergleichen waren. Es stand da mit rotgeriebenen Augen: sein Kopfhaar hing wie ein aufgeklappter Fächer herab. – »Was gibts? Hast du dich mit einem der Mädchen gezankt und dich geärgert?« Damit blickte die Nonne zu dem Mädchen hin, wobei einige Ähnlichkeit zwischen den beiden unverkennbar war, und Genji vermutete, dies sei die Tochter der Nonne. »Inuki hat das Spätzchen, das ich in einem Deckelkorb eingeschlossen hielt, entfliehen lassen«, erwiderte das Mädchen voll Bedauern. Eine der Frauen sagte: »Inuki hat sich wieder eine Unvorsichtigkeit zuschulden kommen lassen. Ist der Sperling doch immer lieblicher geworden. Wo ist er nun hin? Wenn die Raben ihn fänden?« Sie stand auf und entfernte sich. Ihr Haar war sehr lang und hing lose herab. Sie war eine hübsche Frau. Man nannte sie die Amme des Shonagon. Sie war wohl die Aufseherin des Mädchens. Hierauf wandte sich die Nonne dem Mädchen zu und sprach: »Wie kindisch bist du! Sei nicht so albern! Du kümmerst dich gar nicht darum, daß ich jeden Tag sterben kann, und denkst nur an den Sperling. Ich habe dir immer gesagt: so was ist eine Sünde. Ach, wie schwer ist mir zumute! – Komm her zu mir!« Das Mädchen saß da, auf die Hände gestützt. Ihr Gesicht war lieblich, ihre Augenbrauen prächtig, ihre Stirne und der Haarwuchs wunderschön. Voll Bewunderung dachte Genji bei sich, wie viel schöner sie später noch werden würde, und wie ähnlich sie jener war, der er sein ganzes Herz geweiht. Bei diesem Gedanken gingen ihm die Augen über. Die Nonne streichelte das Haar des Kindes und sagte: »Du kannst das Kämmen nicht vertragen, aber wie schön ist doch dein Haar! Wie peinlich ist es mir, dich so kindisch einfältig zu sehen! Die selige Prinzessin (die Mutter Murasakis) war erst zwölf Jahre alt, als sie ihren hohen Gemahl verlor, doch verstand sie schon viel von der Liebe. Aber wie würdest du dein Leben weiterführen, wenn ich dich jetzt verließe?« Sie weinte bitterlich, und Genji wurde bei diesem Anblick traurig gestimmt. So jung das Mädchen war, starrte sie doch die andere an; dann beugte sie mit niedergeschlagenen Augen den Kopf zur Erde. Die dabei gelösten, nach vorn herabhängenden Haare waren herrlich glänzend. Die Nonne sang:

»Wie schwer fällt es den Tautropfen zu [v]erlöschen, wenn sie ein junges Herz hinter sich lassen, dessen Zukunft in Dunkel gehüllt ist!«

Die andere Frau, die noch bei ihr war, gab ihr in Tränen recht und verfaßte das folgende Gedicht:

»Warum sollten die Tautropfen verlöschen, bevor sie etwas von der Zukunft des jungen Grases wissen?«

Da kam der Bischof von der andern Seite und sagte: »Hier sind Sie zu sehr den neugierigen Blicken der Leute ausgesetzt. Gerade heute sitzen Sie zu sehr exponiert. Eben habe ich erfahren, daß Genji no Chujo zu meinem älteren Bruder, dem Eremiten, gekommen ist, um sich durch Zauberformeln das Wechselfieber vertreiben zu lassen. Da er im tiefsten Inkognito ist, so wußte ich gar nichts davon und habe ihm noch nicht meine Aufwartung gemacht, obwohl ich in nächster Nähe bin.« »Wie schändlich!« versetzte die Nonne, »man könnte uns in diesem nachlässigen Aufzuge sehen.« Mit diesen Worten zog sie die Jalousie herunter.

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Konjaku Monogatari

Im Gegensatz zu den Gesta des zehnten Jahrhunderts sind die Konjaku Monogatari, von denen wir eine Probe (in der Übertragung von Karl Florenz) abdrucken, wirkliche Volkserzählungen ihrem Gegenstand wie ihrer Sprache nach. Der Verfasser dieser »Geschichten von Ehmals« ist Minamoto no Takakumi (1004-1077), Sohn des »dichtenden Rats« Toshikata, sonst auch bekannt unter dem Namen Uji dainagon, der »Geheimrat von Uji«, in welchem Dorf er einen Landsitz besaß. Dorthin flüchtete sich der außergewöhnlich starke Mann regelmäßig vor der Sommerhitze, und dort soll er nach der Anekdote im Wirtshause hinter einem Wandschirm alle die Geschichten der Leute aus dem Volke aufgenommen haben. In Wahrheit aber stammen viele seiner Erzählungen aus der Literatur, ungefähr die Hälfte sind indische Tierfabeln, ein weiterer Hauptteil chinesische Legenden. Was aber dann rein japanisch ist, das schildert das Leben der niederen japanischen Volksklassen liebevoll in allen Winkeln. – Die hier mitgeteilte Geschichte ist später von der bildenden Kunst häufig dargestellt worden. Ihr Held sowie ihre Lokalität sind uns aus dem Gedichte des »Spielmanns« Semimaru (im Kokinshu) bereits bekannt. Zwischen der Lebenszeit dieses Dichters und unserer Volkserzählung liegen annähernd zwei Jahrhunderte. Nach der Ansicht des Japanologen Parker ist die ganze Geschichte eine alte rein japanisierte, chinesische Legende. Die Spielmannskunst, deren Gegenstand die »inneren Geheimnisse« (okubi) bilden, wurde jedoch in Japan auch öffentlich neben dieser esoterischen Art überliefert.

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Der blinde Spielmann

Vor alten Zeiten lebte einmal ein Mann Namens Minamoto no Hiromasa Ason, ein Sohn des Prinzen Yoshi-akira, des Kriegsministers und Sohnes des Kaisers in der Engi-Periode (d. i. Kaiser Daigo). Er war in allen Dingen sehr geschickt, besonders in der Musik: Die Laute (Biwa) spielte er mit großer Fertigkeit, auch blies er die Flöte mit unsagbarer Anmut. Er war ein hoher Hofadliger unter Kaiser Murakami. – Damals wohnte am Sperrtor von Osaka in einer Hütte, die er sich gebaut hatte, ein Blinder Namens Semimaru, einst der Bediente des Prinzen und Zeremonienmeisters Atsusane. Weil der Prinz, ein Sohn des priesterlichen Exkaisers Uda, ein hervorragender Meister in der Musik war und jahrelang mit Vorliebe die Laute spielte, hatte Semimaru ihm immer zuhören und selbst auch vortrefflich spielen lernen können. – Als Hiromasa, der sich in dieser Kunst vervollkommnen wollte, von der Geschicklichkeit des Blinden im Lautenspiel vernahm, wollte er ihn durchaus spielen hören; aber da dieser eine so ungewöhnliche (geringe) Wohnung innehatte, wagte er nicht zu ihm zu gehen, sondern ließ ihm heimlich sagen: »Warum wohnst du an einem solchen Orte? Komm und wohne in der Residenz!« Der Blinde gab darauf keine Antwort, sondern sagte nur: »Das Leben kann man bald so, bald so verbringen; aber ob es im Palast oder in der Strohhütte sei, unbefriedigend ist es schließlich doch!« Das imponierte dem Hiromasa, als der Bote bei der Rückkehr dies erzählte, und er dachte bei sich: »Ich liebe die Kunst gar zu sehr und habe das größte Verlangen, den Blinden auf alle Fälle zu sehen. Wie lange der Blinde noch lebt, weiß man nicht; auch meine Lebensdauer ist ungewiß. In der Biwa-Musik gibt es zwei Weisen, die Ryusen- (fließende Quelle) und die Takaboku- (Baumhacke) Weise; die kennt nur der Blinde, und die werden verloren gehen; ich möchte ihn diese Stücke spielen hören.« So denkend ging er nachts nach dem Sperrtor von Osaka. – Aber Semimaru spielte die Stücke nicht, und drei Jahre lang begab sich Hiromasa nächtlicherweile in die Nähe der Hütte des Blinden von Osaka und lauschte heimlich, jedesmal in der Hoffung, daß er jetzt die Stücke spielen werde. Es war in der Nacht des 15. August des dritten Jahres: der Mond hatte sich mit leichten Wolken bedeckt und der Wind blies ziemlich heftig. Da dachte Hiromasa bei sich: »Ach die heutige Nacht hat einen ganz besonderen Reiz. Heute nacht wird der Blinde von Osaka sicherlich die Ryusen- und Takuboku-Weisen spielen«, und ging nach Osaka und lauschte. Der Blinde schlug die Laute und schien von trauriger Stimmung erfüllt. Hiromasa merkte dies mit größter Freude, und wie er lauschte, sang der Blinde zur Aufheiterung seines Gemütes: »Trotz des heftigen Brausens des Sturmwinds am Sperrtor von Osaka habe ich mit Fleiß daselbst geweilt, mein Leben zu verbringen,« und spielte die Biwa. Als Hiromasa dies hörte, flossen ihm die Tränen, und er ward von Traurigkeit übermannt. Der Blinde sagte vor sich hin: »O wundervolle Nacht! wenn doch noch jemand außer mir hier wäre! O daß doch diese Nacht ein Mann von Herz und Geist zu mir käme, mit dem ich mich unterhalten könnte!« Als Hiromasa dies hörte, ließ er sich vernehmen und sprach: »Ein Mann aus Miyako Namens Hiromasa ist hierhergekommen«. Der Blinde sagte: Wer seid Ihr, der Ihr so sprecht?« Hiromasa antwortete: »Ich bin der und der. Da ich diese Kunst unwiderstehlich liebe, so bin ich in den letzten drei Jahren in die Nähe dieser Hütte gekommen und habe endlich heute nacht das Glück gefunden, dich zu sehen.« (Hiromasa tritt hierauf in die Hütte ein, hat ein langes Gespräch mit dem Blinden, wird von diesem in die Geheimnisse des Spiels der beiden Weisen eingeweiht und kehrt in der Morgendämmerung hochbefriedigt nach Hause zurück.)

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Die Skizzenbücher (Soshi Nikki)

Das »Kissenbuch«

Neben den chronologisch geführten Tagebüchern (Nikki) kennt das elfte Jahrhundert noch die Soshi oder »Zuihitsu«, die »ungeordneten Pinselstriche«, »Skizzen« – Bücher, die etwa den Pensées und Charactères zusammen mit den Mémoires der französischen Literatur entsprechen. Das berühmteste Werk sind die »Aufzeichnungen unter dem Kopfkissen« (ein älterer chinesischer Buchtitel), das Kissenbuch »Makura no Soshi« der bereits wiederholt genannten Sei Shonagon. Sei wurde um das Jahr 968 geboren. Ihr eigentlicher Name soll Takushi oder Akiko gewesen sein. Der Name aber, unter dem sie berühmt geworden ist, ist, wie der der Dichterin Genji, ein Beiname. Shonagon bedeutet wie wir bereits wissen, einen niederen Rat, Sei aber die chinesische Aussprache des Zeichens für Kyowara (reines Feld, Reinfeld), welchen Namen die Familie der Autorin trug. Auch sie stammte aus einer seit Jahrhunderten literarisch gerichteten Familie. Ihr Vater war der bekannte Kiowara no Motosuke, ein Abkömmling des Prinzen Toneri, dem man das Nihongi verdankt. Nach anderer Meinung aber soll Motosuke nur ihr Adoptivvater gewesen sei. Frühzeitig wurde sie Ehrendame der Kaiserin Sadako. An deren Hofe zeichnete sie sich durch Witz und Begabung aus, doch ließ ihre Künste auch reichlich auf Kosten ihrer Umgebung spielen, wie man selbst aus ihrem Buch erfahren wird. Dafür werden von ihr auch Züge besonderer Treue gegen ihre Herrin berichtet, nach deren Tod sie selbst Nonne wurde. Als solche soll sie abwechselnd auf der Insel Shikoku oder in der Umgebung von Kioto, von milden Gaben gelebt haben. Die Japaner vergleichen die Dichterin des Genji mit einer unbefleckten Pflaumenblüte, die Verfasserin des »Kissenbuches« mit einer reizenden Kirschblüte. Jedenfalls ist das Leben dieser Kirschblüte nicht unzerzaust geblieben, worüber sie ihren Leser ja auch keinesweg im unklaren läßt. Wie weit aber die über die Dame Sei umlaufenden Geschichten oder eigentlich Geschichtchen, die ihre europäischen Kritiker (zum Beispiel Revon und Florenz) oft mehr zu verdrießen scheinen, als ihre japanischen Landsleute, wirklich wahr sind, das läßt sich natürlich nicht mehr entscheiden. Nehmen wir ruhig an: Sei Shonagon Kyowara, die Verfasserin von Makura no Soshi, ist eine Dame gewesen mit den meisten Vorzügen und auch Fehlern, wodurch Damen aller Zeiten sich auszuzeichnen pflegen.

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(Das Morgenrot im Frühling)

[Die einzelnen Überschriften stammen bereits von den mittelalterlichen Kommentatoren.]

Eines entzückt mich im Frühling: das Morgenrot. Über den Bergen viele Finsternis, Wölkchen veilchenfarben segeln in Streifen. – Im Sommer wieder ist es die Nacht. Natürlich der Vollmond. Aber auch die dunklen Nächte mit dem Glühwurmgewirr. Und sogar im Regenfall erscheint mir die Nacht schön. – Dann im Herbst: der Abend. Die versinkende Sonne entsendet ihre leuchtenden Strahlen, kommt immer näher dem Bergkamm. Raben eilen nach ihrem Nest, zu dreien, zu vieren, zu zweien fliegend – köstliche Wehmut! Und zumal das Auftauchen der langen, ganz kleinen Wildgansketten am Horizonte; es gibt nichts, was schöner wäre. – Danach ist die Sonne verschwunden. Der Wind weht und die Insekten summen: auch in alledem köstliche Wehmut. – Zuletzt noch der Winter: in der Frühe auf den Reiz des Schneefalls muß man nicht erst hinweisen und wie undenklich weiß der Reif ist. Aber auch das ganz Schlichte: ein starker Frost. Man entzündet mit Eifer das Feuer, man trägt die glühende Holzkohle hinzu. Das will so die Jahreszeit. Indessen, gegen die Mittagsnähe läßt der Frost nach. Und wenn dann die rote Glut in Weißasche zerfällt, ist es nicht unerwünscht.

(Die Festzeiten)

Die mehrfachen Zeiten: der Erstmonat, der Drittmonat, der vierte und der fünfte, der siebente, achte und neunte Monat, der zehnte und der zwölfte Mond, sie alle haben ihren besonderen Wert und ihre Stellung im Jahre.

(Das neue Jahr)

Zum neuen Jahre besonders hellt sich der Himmel auf, heiter und neu. Nur leichte weiße Nebel. Jedermann hat ein neues Kleid angelegt, ein neues Gesicht und ein neues Herz. Damit wünschen sie dem Herren Glück und sich selber. Das wirkt sehr anregend ..

(Sonderheiten)

Die Art, wie ein Bonze spricht. – Die Art, wie die Männer und wie die Frauen sprechen. Die Art, wie die Leute aus dem Volke reden. Ein jedes Wort ist bei ihnen um eine Silbe zu lang. –

Einen geliebten Sohn zum Bonzen machen, ist immer bedauerlich. Der Schritt trägt zwar reiche Hoffnungen ein. Allein, daß man von ihm nicht mehr Aufheben macht als von einem Stück Holz, tief betrüblich. Hat er ein schlechtes Fastenmahl im Leib, so fordert man, daß der Bonze auch nicht Schlafenslust haben muß. Zeigt sich der junge Priester einmal lebhaft (und wie sollte er nicht irgendwie heimlich nach den Frauen sehen?), so tadelt man ihn gleichfalls. Und das Leben eines Beschwörers ist erst recht hart. Auf der Reise nach Mitake, nach Kumano nach allen heiligen Bergen, muß er sich schrecklich mühen. Hat er erst einen kleinen Ruf, so wünscht man ihn überall gleichzeitig, je mehr Erfolg seine Behandlungen haben, desto weniger gönnt man ihm Ruhe. Bei irgendeinem Schwerkranken, aus dem der Dämon nicht gleich zu bannen ist, fällt er dann vor Müdigkeit in Schlummer. Sogleich sagt man: »Der Mensch schläft immer nur.« Wie peinlich dies alles ist! Freilich heutzutage ist man weniger streng.

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Ihre Hoheit war einstmals zu ihrem Daijin Narimasa auf Besuch gefahren. Ihr Wagen fuhr zum Osttor ein, das mit seinen vier Pfeilern Raum genug bot. Wir andern wollten lieber beim Nordtor herein, wo keine Wache steht. Gewisse Dominae, deren Haartracht in Unordnung geraten war, sagten dabei verächtlich: »Da wir bis zum Innentor gefahren werden, müssen wir nicht so achtsam sein.« Leider konnte nun der Wagen mit seinem Palmendach nicht einfahren, er blieb in der engen Einfahrt stecken. Man stellte also mit Matten einen Weg her und man hob uns aus dem Wagen, was reichlich verdroß. Man konnte aber nicht umhin. Trotzdem waren wir sehr ärgerlich, daß wir im Vorbeigehen vor der Wachtstube von den Ministerialen und der Dienerschaft gesehen wurden. Wir erzählten das sogleich der Hoheit und sie lachte: »Aber bei mir werdet Ihr doch auch von Leuten gesehen! Warum seid Ihr auch leichtsinnig gewesen?« »Das stimmt zwar«, sagte ich, »jedoch die Leute hier sehen uns des öfteren und würden sich nur wundern, wenn wir allzu gewählt im Aufzug wären«. »Wie kann nur ein solches Palais ein so enges Tor haben, daß kein Wagen durch kann? Wenn ich den Daijin seh, werde ich ihn nicht schlecht ausschelten.« Da eben trat er herein mit der Tusche und sonstigem Schreibzeug. »O«, sagte ich, »das ist nicht schlecht, warum hat euer Schloß eben ein so enges Tor?« »Mein Haus ist meinem Stand gemäß«, erwiderte er lächelnd. »Und doch habe ich von Leuten erzählen hören, die ein zu hohes Tor hatten?« »Das ist unerhört«, rief er überrascht aus, »Sie meinen wirklich den Rebellen-Teikoku. Aber die Geschichte ist doch nur den alten Gelehrten bekannt. Zufälligerweise habe ich mich selbst früher mit diesen Studien befaßt und verstehe daher Ihre Anspielung«. »Aber der Weg ist auch nicht der beste, über Ihre Matten sind alle Dominae gefallen, und das sah nicht schlecht aus«. »Es regnete doch, wie konnte man den Weg besser herstellen? Wollen Sie mir noch etwas anhängen?« Und fort war er. »Das war eine Geschichte« sagte die Hoheit, Narimasa war ganz verlegen.« »O nein, ich erzählte bloß, daß unser Wagen nicht einfahren konnte.« Und damit zog ich mich zurück.

Weitere Anekdoten auf Kosten des Hofmeisters. Die Geschichte des Hundes Kinamaro und seines Angriffes auf »Miyobu von Omoto«, die erlauchte Schoßkatze Seiner Majestät, Würdenträgerin der fünften Rangklasse. Der Hund wurde deshalb auf die Hundeinsel verbannt, kam aber ins Schloß zurück. Fast totgeprügelt, spielt er bei nochmaliger Rückkehr einen fremden Hund und wird wegen dieses Geniestreichs begnadigt, woran die Dame Sei immer nur mit Tränen in den Augen denken kann. Sie gibt dann auch weitere Eindrücke persönlicher Art und beantwortet plötzlich die Frage, welches Wetter am besten den fünf »Gosekku«, den alten Volksfesten entspricht. Zum neuen Jahr und zum dritten Tag des Drittmonats muß es schönes Wetter geben. Dafür zum fünften Tage des fünften Monats schlechtes Wetter. Zum siebenten Tage des siebenten Monats zuerst bewölkter Himmel, der sich erst gegen Abend aufheitern darf, dann des Nachts Mond und viele Sterne. Am neunten Tage des neunten Monats soll es vor Morgengrauen leicht regnen. Das Chrysanthemum soll dann betaut sein und die Watte zum Schutz gegen den Nachtfrost soll ihren Duft entziehen. Spät am Morgen sieht man dann die Blüten gegen einen dunklen Regenhimmel, und das ist wundervoll.

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Über Berge, Gipfel, Ebenen, Stätten, Schluchten, Meere, berühmte Buchten, Furten, Kaisergräber, und Schlösser.

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Schlösser

... Auf dem weißen Papier der großen Schiebetüren des Nordflügels, in einem Winkel des Sommerpalastes Seiryoden, sind die Fabelwesen des bewegten Meeres gemalt mit ihren langen Armen und langen Beinen. Steht das Vorzimmer [der Kaiserin] offen, so können wir von dort diese Malereien sehen und beschäftigen uns gewöhnlich damit. Eines Tages kam da gegen Mittag, als wir bei dem großen Blumentopf aus grünem Porzellan mit den weit herausstehenden Kirschzweigen saßen, Seine Hoheit IIlustrissimus, der Dainagon, herzu. Er trug eine schmiegsame kirschrote Tunika und weite Hosen dunkler Veilchenfarbe. Seine weißen Unterkleider waren dunkelnelkenfarben gezeichnet. Da auch Seine Hoheit zugegen war, redete ihn Illustrissimus an der Tür an. Innerhalb der Vorhänge hielten sich die Hofdamen in ihren weiten kirsch- und glyzinienfarben, kerriengüldenen Gewändern aller Nuancen auf. Man trug das Essen in die kaiserlichen Gemächer. Wir hörten den Schritt der Diener und die Stimme des Kämmerers, der um Ruhe bat. Der Himmel war von wunderbarer Heiterkeit. Als alle Gerichte aufgetragen waren, rief ein Kämmerer zur Tafel. Der Kaiser trat durch die mittlere Tür ein, in Begleitung von Illustrissimus, dem Dainagon (Hofrat), der danach zu den Blumen zurückkam. Ihre Hoheit schob ihre spanische Wand zurück und schritt auf Seine Hoheit zu, der sie auf der Schwelle empfing. Ihr Gang war von außerordentlicher Schönheit, und alle Anwesenden waren davon betroffen.

Der Dainagon, davon geblendet, rezitierte:

Monde und Tage
Vergehen alle,
Der hohe Mimoro (Shinto-Kultstätte)
Dauert beständig.

Dies fand ich sehr angemessen. Denn wirklich, ich hätte gewünscht, daß es tausend Jahre so bliebe.

Noch bevor die amtierenden Damen die Tischgenossen gerufen hatten, trat der Kaiser in die Gemächer der Herrin ein. Er sagte: »Bringt mir Tusche und Schreibzeug.« Ich mußte ihn nur immerfort anschauen, und ich vergaß ganz auf die Herrin. Er faltete ein weißes Papier und sagte: »Schreibet hierauf irgend etwas Altes, was euch einfällt, aber ohne nachzudenken.« »Wie das?« fragte ich den Rat. »Schreibet schnell und weist es vor! Keinen unnützen Aufenthalt.« Er nahm sein Schreibzeug aus dem Gürtel und sagte: »Schnell; schnell, nicht erst nachdenken! Meinetwegen Naniwadsu oder was immer!« Er ließ uns keine Zeit.

»Nun,« dachten die Damen, »warum befiehlt man uns das?« Wir waren ganz verwirrt und schamrot. So gut es ging, schrieben sie alle ihre Gedichte nieder, auf den Frühling, auf die Seele der Blumen, und schließlich reichten sie auch mir das Papier hin. »Da seid Ihr an der Reihe.« So schrieb ich denn:

Die Jahre vergingen,
Die Jugend alterte.
Doch schau ich – Himmel, den Fürsten,
Schwindet all mein Kummer.

Seine Majestät warf einen Blick auf meine Verse und geruhte mir zu sagen: »Ich achte euren guten Willen«. Die Dame bemerkt dazu: Um zu »improvisieren«, muß selbst die Begabteste viele alte Gedichte kennen, was ein wichtiger Teil der Damenerziehung ist. Minister Motada sagte deshalb zu seiner Tochter: »Vor allem bemühe dich um eine schöne Schrift und lerne auch die ganzen Zwanzig Bände des »Kokinshu« auswendig«, was die junge Dame denn auch vor dem Kaiser zustande brachte. Man tut also unrecht, die Hofdamen nicht hoch zu halten.

*

Ominöses

Einen Hund, der bei Tag statt bei Nacht bellt.

Eine Winterfischreuse im Frühjahr.

Ein pflaumrotes Kleid im dritten und vierten Monate.

Ein Kohlenbecken ohne Kohle.

Ein Ochsentreiber, der seine Ochsen haßt.

Ein Gelehrter, der immer nur Töchter bekommt.

Ein Haus, wo man den (mit aller Rücksicht auf Orientierung) Eintretenden schlecht empfängt. Wie aber erst, wenn dies zur »Sommerwende« geschieht!

*

Ein Brief aus dem Dorfe enthält gar nichts! Man wird vielleicht sagen, ein Brief aus der Residenz auch nicht mehr. Indessen irgend etwas Mögliches steht immer darin. Man erfährt außerdem, was sich in der Welt begibt. Und so ist alles gut. – Man übersendet nun jemand einen tadellosen Brief und erwartet die Antwort. Man sagt sich: »Woher dieser unerklärliche Aufschub?« Indessen kommt das eigene, liebevoll verschnürte Schreiben zurück, beschmutzt, zerknittert von der Hand des Boten. Sogar der Strick, den man darübergezogen hat, ist ganz verschwunden. »Es war niemand zu Hause.« Oder der Brief kommt zurück mit der Erklärung, daß man ihn nicht annehmen könnte wegen Trauer. Oder sonstwie. Alles das ist wirklich betrüblich, und unerträglich.

Oder dieses: Man erwartet jemand, der kommen soll; man hat ihm einen Wagen entgegengeschickt, und man erwartet jetzt den Wagen. Das ganze Haus geht ihm entgegen, man sagt: »Das ist er!« Doch der Wagen kommt in den Schuppen zurück. Geräusch der Sänfte, die schnell heraus genommen wird. »Was gibt es denn?« Der Lenker antwortet, daß »heute niemand zu Hause« war. Und er geht wieder an seinen Ort. Aus dem Wagen (dem Geschirr) kommt nur der Ochse hervor.

Oder das folgende: Der Adoptivsohn (der nach chinesischer Sitte »Einheiratende«), für den man die ganze Wirtschaft auf den Kopf gestellt, bleibt einfach aus. Ein voller Umsturz! Man hat ihn mit einer gewissen Hofdame zusammen gelassen. Man erwartet seine Wiederkunft. Er kommt nicht mehr.

 

Die Kinderfrau geht aus dem Haus. »Nur auf einen Augenblick.« Das Kind schreit nach ihr. Man versucht es einstweilen zu beruhigen und sendet nach der Frau. »Komm schnell!« Darauf die Antwort: »Heut abend kann ich nicht mehr kommen.« So etwas ist nicht bloß betrüblich, es ist häßlich. – Wie aber ist man da erst betrübt, wenn man vergeblich seinen Freund zu sich gebeten hat.

 

Eine Frau erwartet jemanden. Sie hört zu sehr später Stunde, wie es vorsichtig an die Türe pocht. Mit klopfendem Herzen läßt sie fragen: »Wer ist da?« – Aber leider ist es irgendein Anderer, ein ganz Fremder. Das ist alles unerträglich.

 

Um den Dämon auszutreiben, läßt der Beschwörer ganz großartig seine Hammer und Glöckchen kommen. Jetzt stößt er ein Zikadengeräusch aus. Leider erfolgt kein Anzeichen, daß der Geist sich entfernen will. Die im Gebet versammelten Angehörigen, Männer und Frauen, alle beginnen Zweifel zu hegen. Der Beschwörer ist schon ganz müde vom Gebet. Es erfolgt immer noch kein Zeichen. Endlich erklärt er, man könne sich erheben und hebt seine Glöckchen auf, gibt zu, daß seine Arbeit zur Zeit unnütz war. Er fährt sich mit der Hand durch das Haar, kratzt sich den Kopf, endlich gähnt er öfters, streckt sich aus. Er kann nicht mehr.

 

Im Haus des Präfekten. Er hat seine Ernennung zum Legatus noch nicht erhalten. »Doch kommt sie noch sicherlich in diesem Jahre«, sagt man. Einstweilen kommen alle Schützlinge, die ein wenig weit oder auf dem Lande wohnen. Das Hin und Wieder der Wagen vermehrt sich. Alle Welt läuft mit dem »Neuen Statthalter« in die Tempel. Man ißt und man trinkt, benimmt sich geräuschvoll. Jedoch bis zum Morgenrot des letzten Ernennungstages macht sich Niemand an den Pforten bemerkbar. Man spitzt gleichwohl die Ohren. Man hat irgendwo den Lärm des Zuges gehört. Die Hofwürdenträger sind aus dem Palast gekommen. Die Diener haben sich darum bereits auf den Weg nach Neuigkeiten begeben. Sie warten schon lange, zitternd vor Frost. Endlich kommen sie zurück, sehr langsamen Schrittes. Die Anderen im Hause wagen gar [nicht] zu fragen. Nur die Provinzialen erkundigen sich, was mit dem Herrn nun ist. Ironische Antwort des Dienstpersonals. »Er ist Statthalter außer Dienst da und dort.« Alle, die ernsthaft auf ihn gerechnet haben, stehen betrübt. Am nächsten Morgen ziehen all die Schutzbefohlenen, die einem so lang zwischen die Beine gelaufen sind, wieder ab. Nur die ganz Alten, die nicht mehr fort können, gehen im Hause umher, zählen an den Fingern die Provinzen ab, die nächstes Jahr frei werden. Auch so etwas ist ganz unerträglich.

Oder: Man schickt irgend jemandem ein Gedicht, das man für ausgezeichnet hält. Es bleibt ohne Antwort. Wenn es nun aber gar ein Liebesbrief ist, was dann? Im letzten Fall nichts zu antworten, daß wenigstens das Wetter schön ist oder etwas Ähnliches, halte ich für grob.

 

An einen Mann in größeren, tätigen Lebensumständen schickt ein anderer, etwas altfränkischer Mann, der sich zerstreuen will, ein ganz gleichgültiges Gedicht nach altem Zuschnitt. Oder: Für ein Fest legt man größten Wert auf die Fächer. Man bestellt sie bei dem Gewerbsmann, der, wie man meint, die Sache am besten macht. Am bestimmten Tage erhält man die Fächer. Und man hat sein Lebtag nichts so Häßliches gesehen!

 

Dem Boten, der ein Geburtstaggeschenk oder ein Reisegeschenk bringt, gibt jemand keine Botengabe. Sogar den Leuten, die irgendeine unernste Papierblume oder ein Hämmerchen (gegen unheilvolle Einflüsse) bringen, muß man etwas schenken. Ein unerwartetes Geschenk erfreut aber um so mehr. Dann wieder kommt irgendein Mensch mit klopfendem Herzen, nicht anders als mit einem sehr wichtigen Auftrag. Doch bei Licht besehen bringt er gar nichts, und man gibt ihm darum auch nichts. Sehr peinlich. Endlich: Ein Haus, in dem man den Schwiegersohn seit fünf oder sechs Jahren empfängt und doch nicht Muße gefunden hat, die Wochenstube zu bereiten. Auch so etwas ist wirklich nicht anzusehen.

 

Ein Buch sogleich nach dem Erwachen: eine aufregende Sache.

Ein Regen ohne Ende am letzten Tag des alten Jahres.

Oder wenn man nach schon langem Fasten einen Tag ausgelassen hat.

Oder im achten Jahrmonat ein helles Kleid.

Oder eine Amme, die die Milch verliert.

(Ermüdend)

Das Drum und Dran eines Fasttages.

Geschäfte durch mehrere Tage.

Oder ein zu langer Aufenthalt im Tempel.

(Scheel Angesehnes)

Ein Haus mit dem Eingang gegen Norden.

Ein Mann von zu großer Gutmütigkeit.

Ein Greis von zu hohem Alter.

Eine Frau von lockerem Wandel.

Und ein abgerutschter Wall.

(Peinliches)

Ein Gast, der dich zu lange unterhält, während du selber eilig bist. Ist er ein guter Freund, so kann man ihn verabschieden, sagen: »Kommt später!« Handelt es sich aber um Leute, auf die man Rücksicht nehmen muß, so ist das ganz besonders unausstehlich.

– Man reibt den chinesischen Tuschstab auf den Schreibstein; es ist ein Haar drin oder gar ein kleines Steinchen, das immer knirscht: Glishi, glishi!

– Ein Mann wird plötzlich krank, und man schickt nach dem Beschwörer. Er ist nicht in seiner Wohnung, sondern irgendwo unterwegs. Man muß ihn überall suchen. Endlich, nach einer Erwartung voll höchster Ungeduld, kommt er. Hocherfreut leitet man ihn hinein, um seine Gebete und Riten zu beginnen. Ist er nun vielleicht müde seiner Geisterbeschwörung? Jedenfalls hat er kaum Platz genommen, so murmelt er ganz schläfrig. Auch das ist ganz unausstehlich. – Auch ein alltäglicher Mensch, der immerfort daherschwätzt, von allem, was er selber nicht versteht.

– Oder man wärmt sich an der Glutpfanne (verbrennt sich) die Haut an den Fingern. Ein junger Mensch tat dies einmal. Es hatte peinliche Folgen. Aber langweilige Greise, ihnen geht es gut aus. Die können da den ganzen Fuß an die Pfanne legen und ihn daran reiben, mitten in der Unterhaltung. – Leute mit solchen Umgangsformen sind imstande, wenn sie zu Besuch kommen, zuerst mit dem Fächer den Staub von den Stühlen zu fegen, auf die sie sich niederlassen wollen. Erst dann räkeln sie sich umständlich hin. Dabei legen sie ihre Kleider quer über das Knie. Man sollte denken, solche Sitten fänden sich nur bei Leuten ohne jede Geltung. Keine Ahnung. Sogar ein Shikibu von Tayu und ein Legatus a. D. von Suruga benahmen sich auf solche Art. Ähnlich gibt es Leute, die beim Weintrinken herumschreien, sich den Mund abtrocknen, sich den Bart wischen – falls sie solchen haben – und danach ihre Schale dem Nachbar anbieten. Andere wieder wiegen den Kopf beim Gehen, schneiden Gesichter, zechen, singen Dorflieder; all das habe ich von einigen sehr angesehenen Leuten gesehn. Es scheint mir auch, man achtet darauf nicht genügend.

Des Weiteren: wenn einer auf alle Welt neidisch ist – oder über seinen Stand klagt – oder über die andern urteilt. All das ist durchaus unausstehlich.

Ein Kind schreit gerade in dem Augenblicke, wo man irgend etwas verstehen will. Ein Hund bellt einen Freund an, der uns heimlich besuchen kommt. So einen Hund könnte man umbringen.

Raben versammeln sich, krächzen, während sie im Flug kreuzen. Ein Ritter, den man an einem ungewöhnlichen Orte versteckt hat für die Nacht, beginnt zu schnarchen.

Ein Freund besucht uns heimlich. Er kommt im Lackhelm. Beim Fortgehen stößt er in der Eile – und in seiner Furcht, gesehen zu werden – geräuschvoll irgendwo an: »Wht«. Dies ist ganz schrecklich. Nicht minder, wenn er mit dem Kopf an den herabgelassenen Vorhang ankommt und der dann raschelt ... »Sara ... sara ...!« Besonders wenn er den obern Teil des Vorhangs mit zu Boden reißt. – Man kann aber ganz leise und geräuschlos eintreten wie auch fortgehen, wenn man nur den Lack zuvor abnimmt.

Ein anderer wieder öffnet heftig die Obertür, den Jarido. Drücke die Tür ein wenig nach oben, so wird sie geräuschlos gehn! Wenn du aber gar ungeschickt bist, so klimpert sogar das Schiebegitter.

Oder man legt sich nieder und ist schlafbedürftig. Da kommt eine Mücke, fliegt einem im Gesicht herum, nennt mit ganz feiner Stimme ihren Namen und Art; das Geschwirr ihrer Flügel ist etwas zu laut für die zarte Person.

Leute, deren Wagen ächzt – und sie hören es wohl selber nicht. Wenn ich für mich in so einen Wagen steigen soll, finde ich den Eigentümer ganz unausstehlich.

Jemand erzählt irgendeine Geschichte, und ein andrer drängt sich vor, seine Klugheit zu zeigen. Überhaupt: sich vordrängen, Kind oder Erwachsener, es ist immer unausstehlich!

Man erzählt vielleicht eine Geschichte aus dem Altertum. Irgend jemand unterbricht einen dabei, in einer Einzelheit, die er genauer kennt, und erklärt das eben Gesagte für unwahr. Ganz besonders unausstehlich!

Eine Maus läuft frei umher. Sehr unausstehlich.

Kinder sind von der Straße gekommen, man war nett zu ihnen gewesen, hat ihnen Spielsachen gegeben. – Darauf gewöhnen sie sich an das Haus, kommen immer wieder, wühlen in allem! Abscheulich.

Bei sich zu Hause, oder am Hofe, während man Dienste tut, erscheint Jemand, den man nicht zu sehen wünscht. Man tut, als schliefe man. Darauf kommen die Dienstboten, alle nacheinander und wecken einen, schütteln und ziehn, als dächten sie, man wäre ganz schlaftrunken. Ganz abscheulich!

Ein Neuling, der alle seine Vorgänger übersprungen hat, redet einher wie ein Konfucius, so als verstünde er alles und als ob er alle Leute fördern müßte. Ganz abscheulich.

Ein Mann, zu dem man in Beziehungen steht, rühmt ganz unverhohlen eine Frau, die er einst gekannt hat. Obgleich die Geschichte in der Vergangenheit liegt, ist sie doch genügend abscheulich. Wie nun erst, wenn es sich um ein noch fortdauerndes Verhältnis handelt! Und doch auch in diesem Falle ist die Sache nicht immer nur abscheulich –!

Einer hat geniest und brummt dazu einen Segensspruch. Überhaupt ist es abscheulich, stark zu niesen, wenn man nicht im eigenen Haus ist.

Auch Flöhe sind recht abscheulich, wenn sie einem überall unter den Kleidern tanzen, als ob sie diese in die Höhe heben wollten.

Wenn Hunde zu lange heulen, klingt es übel und abscheulich.

Auch noch ganz besonders der Gatte der Amme! Ist das Kind ein Mädchen, so geht es noch. Er kümmert sich dann nicht darum. Ist es aber ein Knabe, so betrachtet er ihn als sein Eigentum, wacht über ihn wie ein Familienhaupt. Er schmäht jeden, der auch nur im geringsten die erlauchten Wünsche seines Kindes anzutasten wagt, und tut stolz gegen jedermann. Trotz all dieser Untaten, deren ihn niemand anzuklagen wagt, regiert er weiter mit Herrschermienen ...

(Was Herzklopfen macht)

Sperlinge, die ihre Jungen füttern.

In der Nähe von Kinderspielplätzen vorbeigehn.

Allein im Zimmer beim Duft eines erlesenen Räucherwerks. Oder unser chinesischer Spiegel zeigt eine leichte Trübung.

Ein schöner Mann hält seinen Wagen vor uns an, kündet leichthin seinen Besuch an.

Sein Haar waschen. Sich ankleiden: Die Kleider sind noch durchzogen vom süßen Weihrauch; und auch wenn wir ganz allein sind, klopft unser Herz dabei.

Nächtliche Erwartung. Ein Regenguß. Ein leichtes Wehen der Stoffe im Wind. Das alles macht das Herz klopfen.

(Dinge zarten Gedenkens)

Welke Aoi-Rosen (vom Kamo-Feste).

Reste vom ›Puppentag‹ (Mädchenfest).

In einer Mußestunde, während es draußen regnet, die aufgefundenen Briefe eines einst geliebten Mannes.

Ein (Fledermaus)fächer vom Vorjahre.

Eine helle Mondnacht.

(Herzerfreuendes)

– Eine Rückkehr von der Spazierfahrt. Die Wagen brechend voll, und jetzt treiben die Lenker die Ochsen so gut an, daß die Wagen in Trab kommen!

– Ein Brief auf reinweißes Michinoku-Papier geschrieben, mit einem Pinsel, so fein, daß man denkt, er könne keinen Strich ziehen.

Ein Boot kommt flußabwärts auf uns zu.

Tadellos geschwärzte Zähne [japanischer primitiver Brauch].

Nacheinander einige glückliche Würfe.

Eine Sühnung, gegen bösen Zauber an einem Flußufer von einem Priester wohl gesprochen.

Des Nachts, beim Erwachen, ein Schluck Wassers.

In einer Mußestunde der Langweile kommt ein Besucher, kein allzu naher Freund, und auch nicht ganz fernestehend. Er plaudert von allen Geschichten des Tages, netten Geschichten, abscheulichen Geschichten, außergewöhnlichen Geschichten, von diesem und jenem, Staatssachen und persönlichen Dingen. Das erfreut unser Herz.

Ein Festwagen, bedeckt mit Palmwedeln, kommt langsam feierlich heran. Ein gar zu eiliger wirkt nicht allzusehr. Es ist ein leichter Wagen mit Bambusgeflecht, ein solcher, den man auch in Lauf versetzen kann. Jetzt kommt er durch ein Tor. Noch eben erblickt, ist er auch schon vorbei. Man sieht nur noch die Diener hinterherlaufen, da fragt man sich, angenehm erregt: ›Wer saß da drin?‹ Nur darf die Sache nicht zu lange dauern. Das ist dann schlechter Geschmack.

Der Leiter eines Ochsengefährts soll hoch gewachsen sein, ein Graukopf mit gerötetem Gesicht, kraftvoller Haltung. Die Läufer schnell. Ein schmucker Junge soll gleich als ein solcher erkannt werden. Ist ein Mann aber zu dick, so scheint er im Lauf zu schlafen. Die Pagen sollen klein sein, schönes weiches Haar und eine süße Stimme haben, wenn sie sich vor einem niederwerfen. So ist es in Ordnung.

– Katzenmüssen eine schwarze Rückenlinie haben. Der ganze übrige Leib aber muß weiß sein.

Der Predigermönch muß schön sein. Dann hält man den Blick auf seine Züge geheftet, und die Heiligkeit seiner Predigt geht einem so besser ein. Ist aber der Mönch häßlich, so blickt man irgend wohin um sich, vergißt das Zuhören und fürchtet immer irgend ein Mißverständnis. Ich will darüber nichts mehr sagen. Wäre ich jünger, so könnte ich leicht mich weiter über diese Sünde verbreiten. Jetzt aber fürchte ich mehr, mich einer Sünde schuldig zu machen.

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Anekdoten über den Vollmond, über Kleidung – Das dritte Buch beginnt mit Betrachtungen über die beliebtesten Blumen und die geschätztesten Bäume, Feste und anderes. Über den Papagei, Kuckuck, über das Rauschen des Wassers, die Schnepfen, den Fasan, Storch und anderes.

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(Tadelloses)

– Ein weißes Kleid bei einem ganz jungen Mädchen über einem rosigen Unterkleid.

– Zerstoßenes Fruchteis mit Sirup (Kasura, »Kugelfaden«) in einer ganz neuen Metallschale. (Sic!)

– Ein Rosenkranz aus Kristall.

– Beschneite Glyzinien und beschneite Pflaumenblüten.

– Ein sehr hübsches Kind ißt Erdbeeren.

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Von japanischen Insekten, Legenden und so weiter.

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(Dissonanzen)

Eine Dame mit häßlichem Haar, die ein Kleid aus weißseidenem Damast angelegt hat.

Krause Haare mit Fest-Rosen. – Eine zahnlose Frau, die Pflaumen kaut und dabei Gesichter schneidet.

Ein Ritter der Leibgarde, der, seinen Titel als Kammerherr der sechsten Klasse betonend, sich für einen wichtigen Mann hält. Den Bauern und den Leuten aus dem Volke erscheint er wie ein hohes Wesen. Zitternd werfen sie sich hinter ihm Blicke zu. Kommt er aber zu Hofe, so schlängelt er sich heimlich in einen Gang und legt sich zum Schlafen nieder. Das stimmt gar nicht zusammen.

Ein ältrer Mann mit schwarzem Bart und unangenehmen Zügen spielt mit den Kindern der Dame, mit der er sich sozusagen unterhält.

Oder: Ein schöner Mann hat eine abscheuliche Frau.

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Von Wasserfällen, Brücken, Dörfern. Gelegentlich des Dorfes Tsumatori (Frauenraub) wirft Sei die Frage auf: Hat sich hier die Frau des Mannes rauben lassen? Oder hat der Mann die Frau eines andern geraubt? – Pflanzen, Gedichtsammlungen, Gegenstände der Dichtung, Blüten, Kräuter und Sträuche.

(Mißtrauliches)

Die Mutter eines Bonzen, der sich auf zwölf Jahre (die für den Eremiten vorgeschriebene Zeit) auf einem Berg eingeschlossen hat.

Einen neuen Bedienten, dessen Gesinnung einem noch verborgen ist, hat man nach Wertsachen fortgeschickt.

Ein Kind kann noch nicht sprechen, schreit aber beständig und dreht sich immer um, wenn man es in den Arm nimmt.

Erdbeeren, im Dunkeln gegessen.

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[Es folgen einige Notizen über »Unvereinbares«, Wetter und so weiter, dann gewagte Aperçus.]

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(Seltenheiten)

Ein Schwieger-Sohn, der seinen Schwieger-Vater rühmt.

Eine Schwieger-Mutter, die die Schwieger-Tochter liebt.

Eine silberne Pinzette, die die Haare gut rupft.

Ein Bedienter, der sich niemals beklagt.

Eine Frau ohne jede Tollheit, ohne jedes Leiden, körperlich und seelisch gleich hervorragend, mit einem Wort ohne Fehler.

Damen, gemeinsam im Haushalt, die dauernd Distanz wahren, aufeinander allerlei Rücksicht nehmen. – Diese gibt es überhaupt nicht.

Eine Abschrift eines Romans, einer Gedichtsammlung oder ähnliches ohne Tintenflecke.

(Was sich nicht lohnte)

Eine Dame hat sich entschlossen zum Hofdienst gemeldet. Nach kurzer Zeit schon zeigt sie Abneigung, findet den Dienst anstrengend, erklärt in einem fort, daß sie sich zurückziehe, »weil ich den andern Damen meine Meinung gesagt habe«, weil es sie zu sehr anstrengt. Dann will sie doch wieder zurückkommen – insofern sie nämlich mit ihren Verwandten schlecht steht!

Ein Adoptiv- (und Schwieger-)sohn ist zu den Eltern unfreundlich. Oder man hat einen Schwiegersohn gewählt, der nicht allzu geneigt war, und jammert hinterher: »Er ist nicht so, wie ich mir ihn dachte.«

(Was einen nicht reut)

Man hat ein selbstverfaßtes Gedicht jemand anderem überlassen und hat großen Beifall gefunden.

Eine Dame verlangt für eine weite Reise Empfehlungsbriefe. Man hat diese Briefe ein wenig oberflächlich geschrieben. Nun ist sie beleidigt und erzählt, daß man zu gleichgültig war. Darum bedankt sie sich nicht einmal und erklärt überall, daß sie einem nichts schuldig ist.

(Ansprechendes)

»Schilfrosen auf dem Wasser nach einem Regenguß«.

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»Was einen zur Eile spornt.«

»Was einen wehmütig stimmt« und ähnliches.

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(Was melancholisch machen kann)

Sich schneuzen (Euphemismus für weinen).

Auch die lebendige Stimme.

Die Brauen auszurupfen.

Senf essen.

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(Nachwort)

»Es ist dunkel geworden, und ich kann deshalb keine Schriftzeichen mehr schreiben. Auch die Schreibpinsel habe ich aufgebraucht und möchte diese Hefte zum Abschluß bringen. In diesen Heften habe ich während der Mußestunden meines langweiligen Verweilens in meinem Zimmer, in den Pausen des Dienstes, alles niedergeschrieben, was ich mit Augen gesehen und im Herzen gedacht habe. Da es manche Stellen enthält, wo ich mich über andere Personen lieblos und absprechend geäußert habe, gedachte ich es recht geschickt zu verbergen, aber dennoch ist es jetzt geschehen, daß es bekannt wurde, so daß ich die Tränen nicht zurückhalten kann.

Als Ihrer Majestät vom Naidaijin ein Stoß von Papieren geschickt worden war, sprach sie zu mir: »Was soll man darauf schreiben?« Seine Majestät der Kaiser meinte, man solle darauf eine Abschrift der historischen Denkwürdigkeiten (Shi-ki) fertigen. Als ich aber sagte, ich möchte sie zum Kopfkissen machen, entgegnete Ihre Majestät: »So nimm sie«, und gab sie mir. Als ich die unendlich große Papiermenge mit allerlei seltsamen Bemerkungen vollschreiben wollte, kam mir sehr viel Unbegreifliches in den Sinn. Wenn ich im großen und ganzen über Neuheiten in der Welt, über das, was den Leuten seltsam vorkommt, ferner ausgewählte Gedichte und schließlich über Kräuter und Bäume, Vögel und Insekten geschrieben hätte, so hätte man mich sicher getadelt, und meine Gegnerinnen würden gesagt haben: »Es ist doch schlechter als wir erwarteten; ihr geringes Talent zeigt sich da deutlich.« Da ich nun in meinem Buche zu Scherz und Spiel kunterbunt aufschrieb, was in meinem Herzen von ungefähr auftauchte, so erwartete ich, die Leute würden ungünstig über mein Werk urteilen, wenn es unter die andern Werke käme. Doch die Leser äußerten sich so lobend darüber, daß ich mich ganz beschämt fühlte; das ist wirklich sonderbar, und mit Recht! Was die andern verabscheuen, nenne ich gut, und was sie preisen, nenne ich schlecht. Das läßt die Leute in mein Herz schauen. Daß die Hefte so allgemein bekannt worden sind, tut mir sehr leid.«

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Die Geschichten aus der Geschichte

In der eigentlich klassischen Zeit des Heian wurden die ganz ernst genommenen Literaturwerke sämtlich in chinesischer Sprache abgefaßt, vor allem die Essays. Ihr inhaltlicher wie formaler Wert scheint jedoch selten ihre chinesischen Vorbilder erreicht zu haben. Die leichtere Literatur lag darum vorzugsweise in den Händen der, allerdings gleichfalls chinesisch gebildeten, Frauen. Am Ende der Heian-Zeit jedoch erscheinen die ersten japanisch geschriebenen Geschichten historischen Inhaltes, von noch stark legendärem Charakter. Die älteste ist der »Glanz-Bericht« (das Eigwa, ausgesprochen Eiga-Monogatari) in vierzig Büchern, Berichte über das zehnte und elfte Jahrhundert, vor allem über die berühmte Epoche des großen Fujiwara Michinaga, des Hausmeiers unter den drei Kaisern Itchijo, Sanjo und Go-Ichijo (987 bis 1036). Der Bericht über die Epoche des allmächtigen Regenten wird der Dichterin Akasome Emon, uns als Lyrikerin bereits bekannt, zugeschrieben. Doch können die letzten Abschnitte nur von einem späteren Schriftsteller herrühren. Die Geschichten enden mit dem Jahre 1092, mit den Ereignissen unter den Nachkommen des großen Fujiwara. Das »Eiga-Monogatari« muß als eine Art Geschichtsroman bezeichnet werden, es schöpft wohl hauptsächlich aus den vielen höfischen Tagebüchern. Das abgedruckte Stück erzählt von der Weltflucht des jungen Kaisers Morosada (Kwasan, um 1000). Wir geben es in der Übertragung von Florenz wieder. Die wohl nicht unbewußte Anlehnung an das mitgeteilte Stück des Genji-Romans von dem Kaiser und seiner Lieblingsfrau drängt sich dem Leser direkt auf.

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Die Weltflucht des Kaisers

[Kokiden, die Tochter des Dainagon, des Kaisers Lieblingsgattin ist schwer erkrankt.]

Nach drei Tagen kamen Leute aus Kokidens väterlichem Hause, um sie auf einem Wagen abzuholen, aber der Kaiser gestattete es nicht und hielt sie zurück mit den Worten: »Noch eine Nacht, noch eine Nacht!«, so daß noch sieben bis acht Tage vergingen. Erst als der Dainagon dem Kaiser eindringliche Vorstellungen machte, weil außerhalb des väterlichen Hauses ihr nicht die rechte Pflege zuteil werden könne, gab er ihr unter Tränen Urlaub. Doch bis der Wagen aus dem Palast gezogen wurde, blieb er bei ihr. Der Dainagon, der darob voll Dankes war und sich dadurch sehr geehrt fühlte, vergoß wiederholentlich Tränen und war tiefgerührt. Der Kaiser selbst, von der Trennung bewegt, war nicht wie gewöhnlich, so daß die Hofdamen ihm ihr Mitleid ausdrückten. Die kaiserliche Konkubine, Tochter des Ichijoden, welche sich seit Monaten im oben erwähnten Zustande befand, ließ nach der diesmaligen Rückkehr ins väterliche Haus den Kopf hängen, war traurig und vergrub sich ganz ins Bett, so daß sie nur den Tod zu erwarten schien. Der Dainagon irrte weinend zwischen allerlei Mitteln, sie zu retten, aber es war umsonst, und im achten Monat ihrer Schwangerschaft starb sie. Von dem seelischen Zustande des Herrn Dainagon kann man sich auch ohne weitere Beschreibung eine Vorstellung machen.

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Auch der Kaiser hielt sich immer im Zimmer zurückgezogen und klagte, die Stimme nicht schonend, so daß er in einen verwahrlosten Zustand geriet. Seine Pflegerinnen ermahnten ihn, aber er hörte nicht auf sie. Es war kläglich anzusehen. Der Ichijoden, der einsah, daß das ewige Klagen nichts helfe, befahl die gebührenden Zeremonien zu veranstalten, natürlich aber voll Kummer. »Als ich meine Tochter nach meinem Hause holte, dachte ich sie in der Sänfte mit einem neugeborenen Prinzen aus meinem Hause wieder in den Palast bringen zu können; aber wie hätte ich dies ahnen sollen?« so weinte er, sich auf den Boden werfend. Der Kaiser ließ alle seine bei ihm in besonderer Gunst stehenden und befreundeten Höflinge und Katachime den Zug begleiten und meinte wiederholentlich: »Wie bin ich traurig, daß ich mich hinfort damit begnügen soll, nur von ihr zu hören, sie aber nie mehr zu sehen!« und seiner Geliebten gedenkend, verbrachte er die ganze Nacht schlaflos.

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Der Herr Dainagon folgte zwar dem Leichenwagen, doch fiel er öfters ohnmächtig nieder, so daß es einen mitleiderregenden Anblick bot. Schließlich hörte alles mit Wolken und Dunst auf. Im Palast wie außerhalb desselben sagte man: »Ach, wie trostlos, wie jammervoll!« Darüber gingen Tage und Monate flüchtig dahin, und bei jeder Handhabung der betreffenden heiligen Schriften, die an gewissen Tagen nach dem Tode gelesen werden, hatten die Tränen des Herrn Dainagon keine Zeit, trocken zu werden. Auch der Kaiser ließ während der ganzen Trauerzeit von 49 Tagen keine seiner Gemahlinnen zu sich kommen. Wenn man ihn fragte, warum er sogar gegen die Miya no Nyogo sich so verhielte, so sagte er: »Ich bin unwohl ...«

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Während so alles kläglich, kläglich war, war schon bald das dritte Jahr Kwanwa herangekommen. Seit dem Anfang des zweiten Jahres (986) waren die Gemüter des Volkes in gedrückter Stimmung, und viele seltsame Warnungen ergingen. Auch der Kaiser hielt sich ganz in seinen Gemächern zurück. Zu gewisser Zeit ging das Gerücht, daß die Menschen in der Welt in außerordentlichem Maße von Religiosität erfüllt seien, und daß alles Mönch und Nonne geworden sei. Als der Kaiser dies vernahm, beklagte er die Jämmerlichkeit dieser Welt. Er wird bei sich selber gedacht haben: »Ach, wie schwer müssen Kokidens Sünden gewesen sein! Sicherlich hatte sie in einem früheren Dasein eine große Schuld auf sich geladen, daß sie jetzt so früh sterben mußte. Ach könnte ich sie doch davon erlösen!« Auf solche Weise wird sein erlauchtes Herz von solchen Gedanken verwirrt worden sein. Daß sein erlauchtes Herz sehr oft in unbegreiflich hehrer Stimmung und unruhig erschien, das bemerkte voll Kummer der Premierminister, und auch der Chunagon, der Oheim des Kaisers, wird dessen heimlich mit betrübtem Herzen gedacht haben. Gonkyu Ajari von Kwazan wurde beständig von ihm herbeigerufen, um die heiligen Schriften zu erklären. Des Kaisers erlauchtes Herz ergab sich voll und ganz der Religion. Daß er das Diktum: »Weib und Kind, seltene Schätze, auch die Fürstenwürde«, immer im Munde führte, erfüllte das Herz des Korenari no Ben, den der Kaiser mit großer Liebe im Dienst hielt, mit Kummer, und dieser meinte, ebenso wie der Chunagon: »Diese kaiserliche Frömmigkeit tut uns weh, und wir möchten sie wieder fort wünschen. Seine Familie verlassen und sich zum Priester weihen lassen, das ist keine Seltenheit; aber daß beim Kaiser eine Stimmung, welche uns wunderlich vorkommt, sich öfter zeigt, das kann in nichts anderem seinen Grund haben als darin, daß von dem abgedankten Kaiser Reizei ein unheilvoller Einfluß ausgeht.« So klagten die beiden. Weil der Kaiser noch immer in einem seltsamen krankhaften Zustande verharrte und wie geistesabwesend war, blieben der Chunagon und die andern fast stets im Palast, auch über Nacht, zur Aufwartung beim Herrn. Aber in der Nacht des 22. Tages des sechsten Monats dieses Jahres rumorten die Leute, der Kaiser sei plötzlich verschwunden. Zahlreiche Höflinge, von den Kandachime bis herab zu den niedrigen Wächtern und Bediensteten ohne Ausnahme, zündeten Lichter an und suchten den Kaiser auch in den entlegensten Winkeln; doch von dem Mikado war nicht das geringste zu sehen. Der Premierminister kam mit allen Ministern und Hofadligen zusammen; Zimmer für Zimmer wurde durchsucht, aber wo mochte er stecken? Alle Welt war in der höchsten Bestürzung und lärmte umher, während man alle Sperrtore schloß. Der Chunagon warf sich vor dem Heiligen Altar der den Palast beschirmenden Gottheit nieder und klagte weinend: »Mein Herrscher und Kleinod, wohin könnte er wohl verschwunden sein?« Dann wurden Abteilungen ausgeschickt, die in allen Klöstern suchen sollten, aber ganz und gar vergebens. Indessen waren seine Frauen (Nyogo) in Tränen aufgelöst, und während man dachte: »Ach, wie schrecklich ist das!«, wich schon die Sommernacht dem Tage, und der Chunagon und der Rat Korenari begaben sich auf der Suche nach dem Kaiser nach Kwazan. Und siehe, da saß er ja kauernd ein Mönchlein mit gespannten Augen. »Ach wie traurig, wie kläglich!« – mit diesen Worten warfen sich beide vor ihm nieder, und der Chunagon wurde auch ein Mönch. Auch der Rat Korenari wurde es. Was kläglich, traurig, jämmerlich genannt werden muß, ist gerade dies. Sein Wahlspruch: »Weib und Kind, seltene Schätze, auch die Fürstenwürde«, scheint von diesem Entschluß herzurühren. Jedoch war es für ihn sehr gut, daß er ein Mönch wurde. Aber wenn wir bedenken, wie er des Weges nach Kwazan kundig war und dahin ging, so scheint es uns ganz kläglich und des Mitleids wert.

»Der Große Spiegel«

Auch in Japan, sowie in China und da und dort in Europa, wurden alte Geschichtswerke gern mit dem Namen des Spiegels bezeichnet. »Der Große Spiegel« aus der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts eröffnet die Reihe der später als »Die Vier Spiegel« (Ereignisse von Kaiser Jimmu bis Yoritomo) gesammelten Werke. Es bildet, zusammen mit diesen, nach den chinesisch geschriebenen Werken der Narazeit das älteste japanisch geschriebene Geschichtsbuch. Sein Verfasser ist unbekannt, es berichtet über die Ereignisse unter den Kaisern vom Jahre 850 bis 1025 mit besonderer Hervorhebung aller Taten der Hausmeier und der Räte. Seine Vorrede, die wir hier abdrucken, ist in Japan besonders populär.

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(Die drei Greise)
(Vorrede zum großen Spiegel, Okagami)

Einst im Urninkloster, in einer Gesellschaft frommer Männer, erblickt' ich ein Klüngel: zwei Greise und eine Greisin, uralt ganz zu Boden gebeugt: »Wie gleichen sich doch diese Leute!« dacht' ich, wie sie einander anschauten und anlächelten. – »Ach, hat mich danach verlangt, mit einem Menschen aus vergangener Zeit zu reden von allem, was ich einst in der Welt geschaut, wie groß der dann in den geistlichen Stand getretene Herr einst war. Nun bin ich solch einem begegnet. Nun kann ich in Frieden ins Jenseits gehen, denn es ist sehr traurig, seine Gedanken niemand mitteilen zu können. Hat nicht jener Mann in alter Zeit, wie man berichtet, ein Loch in die Erde gegraben, nur um dahinein zu reden! Ich kann euch nicht oft genug sagen, wie sehr glücklich mich die Begegnung mit Euch macht. – Wie alt seid Ihr übrigens?« – »Wie alt ich bin, das weiß ich selber nicht genau,« sagte der zweite Greis. »Vor so langer Zeit hieß ich Ohinumaru und war Knappe des großen Herrn Teishin, Kämmerers und Feldhauptmanns, Vaters des seligen Kanzlers. Euch kannte damals jedermann: Ihr hießt Oyake, der Stammhalter, wart ein Herr im Hofstaat der Kaiserin. Ihr müßt noch älter sein als ich. Ich war noch ein halber Knabe und Ihr zähltet schon fünfundzwanzig, sechsundzwanzig Jahr.« – »Wahr,« sagte darauf der Stammhalter, »doch wie ist Euer ehrenwerter Name?« – »Als man mir das Knabenhaar abschor im Haus des Kanzlers, fragt' man mich, wie ich hieße. Und als ich erwiderte: ›Mein Geschlecht sind die Sommerberg‹, da gab man mir den Eigennamen ›Üppig‹.« Alle rings um die Alten lächelten.

Die Naseweisen alle sammelten sich um sie. Ein Ritter von etwa zwanzig Jahren trat ganz dicht vor sie hin und redete: »Diese alten Herren reden sehr feine Dinge. Nur dürften sie nicht wahr sein.« Die Beiden sahen sich an und lächelten. Darauf wandte sich der junge Mann gegen den ›Üppig‹ und fragte: »Ihr wißt nicht einmal mehr, wie alt Ihr seid? Und der Greis hier, weiß er es?« – »Natürlich,« sagte der Stammhalter, »ich bin kürzlich einhundertfünfzig Jahre alt geworden! ›Üppig‹ muß also einhundertvierzig sein. Geboren bin ich am fünfzehnten Tag des Erstmondes in jenem Jahr, wo Kaiser Miyuno dem Thron entsagte. Ich hab' unter dreizehn Kaisern gelebt. Mein Alter kann keiner bezweifeln. Es scheint unglaublich. Doch hat mein Vater, ein schlichter Dienstmann aus der Umgebung, der aber gebildet war und zu lesen verstand, auf mein erstes Kleidchen die Worte (das Horoskop) geschrieben (ich weiß es noch): »Affe, Älterbruder des Feuers.« – Er schien zu wissen, was er sagte.

Der junge Mann redete danach den zweiten Greis an: »Ich wüßt auch gern, wie alt Ihr eigentlich seid. Wenn Ihr das Jahr Eurer Geburt kennt, wird es mir nicht schwerfallen, es zu berechnen.« – »Meine Eltern,« erwiderte der zweite Greis, »haben mich nicht selbst auferzogen, bis zu meinem zwölften, dreizehnten Jahr von Fremden ernährt, kenn ich mein Lebensalter nicht genau. Mein Nährvater erzählte mir: ›Ich war selber kinderlos. Eines Tages beim Ausgang im Herrendienst – ich trug gerade sieben Schnüre Münzen am Leib – sah ich ein Weib mit einem sehr annehmlichen Kind im Arm. Sie redete: Das Kind möcht ich abgeben. Ich hab schon zehn Kinder geboren. Der Knabe ist das zehnte. Er ist im fünften Monat geboren, schwer aufzuziehen. Da gab ich ihr meine Münze für ihn. – Und wie heißt Ihr? – Ich heiß Sommerberg.‹ – So erzählte mein Vater. Mit dreizehn Jahren kam ich dann ins große Schloß.« – »Im Ernst,« fiel wieder der erste Alte ein, »ich freue mich so sehr, Euch zu begegnen. Es ist ein Geschenk von Buddha. Seit so viel Jahren bin ich nicht mehr zu den Predigern gegangen. Heute gerade muß ich dabei sein. Ich bin sehr glücklich. Und die Dame bei Ihnen ist sicherlich auch eine Dame jener Zeit.«

»Nicht ganz,« sagte Shigeki, »meine erste Frau starb sehr früh, diese hier ist meine zweite. Und Eure Frau?« – »Meine Frau ist die Frau jener Tage,« sagte der Stammhalter, »wir wollten eigentlich beide kommen. Doch sie hat gerade wieder den Tag ihres alten Wechselfiebers. Es tat ihr so leid, daß sie nicht mitkommen konnte.« – Zu diesen etwas betrüblichen Reden vergossen sie einige Tränen.

Man harrte noch des Predigers, und niemand wußte so recht, was er mit der Zeit anfangen sollte. Ich und alle die anderen herum hörten den Greisen zu. Der eine sagte noch: »Wir sind traurig. Reden wir lieber von den alten Dingen für die Umstehenden. Zeigen wir ihnen, was das Leben damals war.« – »Ihr habt recht,« sagte der Zweite, »das wird alle erfreuen. – Kramt doch in Euren Erinnerungen. Shigeki wird dann und wann nachhelfen.« Wirklich wollten sie, wie es schien, die ›Geschichte‹ anheben. Alle waren gespannt darauf. Es waren so viel Leute da, die das hören wollten, am begierigsten aber anscheinend der junge Ritter. Der kam wieder ganz nahe. »Das Leben,« so sagte der Stammhalter, »ist reich an fesselnden Dingen. Die Alten sind die Berater der Vergangenheit. Ehemals haben so einige weise Kaiser allerorten alte Leute aufspüren lassen, um von ihnen zu hören, wie es vorzeiten mit allem stand. Und auf Grund ihrer Berichte haben diese Kaiser dann das Volk so wohl verwaltet. Alte Leute, ehrwürdige Leute. Lacht nicht, junge Herren!« – Und er mußte selber lachen. Er verbarg dabei sein Gesicht hinter seinem neunteiligen gelben Fächer ...

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