Heinrich Zschokke
Der tote Gast
Heinrich Zschokke

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Neue Schrecken

Der Bürgermeister, durchaus ein Mann ohne Vorurteil und Aberglauben, hatte doch eine etwas schlaflose Nacht gehabt. In der Nacht aber, beim Monden- oder Sternenschein, oder beim Mangel alles Lichts, hat nicht nur die Gestaltung der äußeren Welt ein anderes Aussehen, sondern auch die innere Welt des Menschen. Man ist religiöser, zum Glauben an Ungewöhnliches, Seltsames, Abenteuerliches und Wunderhaftes geneigter, was auch die altkluge Vernunft dagegen einzuwenden habe. Die Vernunft ist die Tagessonne des Gemüts, alles wird hell und klar durch ihren Schein; der Glaube des Gefühls und der Phantasie ist der nächtliche Mond des Gemüts, alles wird in dessen zweifelhaftem Schimmern und zauberhaftem Helldunkel fremdartig. – Durchlief der Bürgermeister nun die ganze Geschichte, mit der sich die Stadt vom toten Gaste trug und verglich damit die Zeit und Stunde, in welcher der Herr von Hahn erschien, seine Gestalt, sein bleiches Gesicht, seine Kleidertracht, seine verschwenderischen Geschenke, sein schnelles Vertrautwerden mit Bräuten – denn auch Minchen war auf dem Sprunge, versprochen zu werden, und das Geschichtchen von der Jungfer Wiesel hatte in der Tat etwas Verdächtiges – so mußte das alles wenigstens auffallen. Jungfer Wiesel hatte dem Polizeidiener wirklich noch am Abend gestanden, der schwarze Gast sei bei ihr im Putzladen gewesen, habe eine Kleinigkeit gekauft; doch erst in der Abenddämmerung sei er erschienen, und nie vorher; noch weniger wollte sie von der berüchtigten Hintertür etwas wissen. Dies hatte der Bürgermeister von seinem Polizeidiener wieder vernommen, und es machte ihm allerlei sonderbare Gedanken.

Für einen bloßen Spaßvogel konnte er den schwarzen langen Herrn unmöglich halten; dazu sah er zu ernsthaft aus. Auch waren seine Geschenke viel zu kostbar gewesen, als daß er nur einen Scherz mit den lieben Herbesheimern getrieben haben sollte. Herr Bantes, sonst ein Todfeind alles Aberglaubens, hatte aber dem Bürgermeister so viel Seltsames erzählt und geklagt, daß dieser allerdings eine unruhige Nacht haben konnte, indem er Für und Wider in seinem Kopf umherwarf.

Ehe noch der Polizeidiener folgenden Morgens auf Befehl des Bürgermeisters zum Kreuz kam, erzählten ihm schon die Leute auf der Straße, daß der tote Gast und sein Diener Knall und Fall verschwunden wären, man wisse nicht wohin? Er hätte weder Wagen noch Pferde noch Extrapost genommen, wäre zu keinem Stadttor hinaus, und doch nirgends zu finden. Dies bestätigte auch die Aussage des Kreuzwirtes, der den Polizeimann in das Zimmer führte, wo der angebliche Herr von Hahn gewohnt hatte. Da war noch alles in bester Ordnung, als hätte niemand darin gewohnt; die Betten standen unangestastet, die Stühle an ihrem Ort; kein Koffer, kein Kleid, kein Bändchen, kein Stückchen Papier – nichts Hinterlassenes, keine Spur! Nut auf dem Tische lag die volle Zahlung des Wirts in harten Talern, die er aber wohlweislich nicht anrühren mochte.

»Nehme das Teufelsgeld wer will!« sagte der Kreuzwirt. »Man weiß ja, dabei ist kein Segen. Leg' ich's in meine Truhe, wird es mir zu stinkendem Unrat. Ich will es den Armen im Stadtspital schenken; ich mag es einmal nicht.« Er übergab die harten Taler dem Polizeidiener, der sie dem Spitalpfleger bringen mußte.

Das Gerücht vom plötzlichen Verschwinden des toten Gastes war mit allen Nebenumständen sogleich durch ganz Herbesheim verbreitet. Auch Herr und Frau Bantes, da sie kaum das Bett verlassen hatten, vernahmen es von ihren Mägden, bald auch von dem Buchhalter und Kassierer.

»Wunderbar!« sagte Herr Bantes zu seiner Frau. »Nun, was sagst du denn dazu? Ich freue mich, daß er fort ist. Du wirst doch glauben, daß es da nicht ganz mit rechten Dingen zuging? Ich sage dir, das war mir nimmermehr der Sohn meines alten Freundes Hahn. Wer hätte jemals an so tolle Märchen, an solchen Unsinn und dergleichen glauben sollen, wenn man nicht mit leiblichen Augen Zeuge gewesen wäre!«

Frau Bantes brachte gegen die Aussagen der Mägde und des Buchhalters einige bescheidene Zweifel vor. Man schickte den Kassierer zum Kreuzwirt, aber auch dieser kam bald mit der vollen Bestätigung zurück. Frau Bantes lächelte befremdet zu dem allem, und wußte nichts mehr zu erwidern. Sie meinte nur, das müsse sich noch anders aufklären, denn ihren gesunden Verstand wolle sie doch nicht bei dieser Geschichte preisgeben.

Plötzlich fuhr Herr Bantes mit wahrhaftem Todesschrecken auf und er ward so blaß, daß Frau Bantes für ihn zu zittern anfing. Denn lange konnte oder wollte er nicht reden. Endlich rief er mit einer matten, ungewissen Stimme: »Mutter, ist das eine wahr, so könnte auch das andere wahr sein.«

»Was denn, um Gottes willen?«

»Glaubst du, Friederike schlafe noch? Wir sind doch schon lange wach gewesen in unsern Betten, hast du denn von ihr im Nebenzimmer auch nur den geringsten Ton, nur einen Fußtritt, nur das Rücken eines Stuhles gehört?«

»Rede doch, Papa, du wirst doch nicht argwohnen, das Kind sei...«

»Aber wenn das eine wahr ist, kann auch das andere – es wäre doch entsetzlich! Mama, ich habe nicht den Mut nachzusehen.«

»Wie denn? Glaubst du, sie sei...«

»Nun ja, den Kopf im Nacken!«

Mit diesen Worten sprang der Alte, von den schwersten Ahnungen gefoltert, zu Friederikens Schlafkabinett. Ängstlich trippelte Frau Bantes ihm nach. Er legte seine zitternde Hand an das Schloß der Tür; er öffnete diese leise; er wagte kaum zu atmen, und da ihm keine Stimme entgegentönte, getraute er sich lange nicht, zum Bett hinzublicken. »Sieh du hin, Mama!« sagte er, und war in ängstlicher Beklemmung.

»Sie schläft ja sanft!« sagte Frau Bantes. Er richtete die Augen dahin. Da lag Friederike harmlos im Bette, das zarte Gesicht mit den vom Morgenschlummer geschlossenen Augen noch an der gehörigen Stelle. »Aber lebt sie?« fragte Herr Bantes, und hielt mißtrauisch das Steigen und Fallen der atmenden Brust des Kindes für eine Täuschung der Augen. Erst wie er ihre warme Hand berührte, ward ihm wohl, und noch mehr, als sie, davon erwachend, ihre Augen aufschlug und ihr erstes ein freundliches, doch verwunderungsvolles Lächeln war. Die Mama erklärte ihr nun den Besuch, und erzählte das geheimnisvolle Verschwinden des Herrn von Hahn und die daraus entstandene neue Angst des Papa. Und allesamt waren sie nun zufrieden und fröhlich.


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