Heinrich Zschokke
Der tote Gast
Heinrich Zschokke

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Die Entdeckung

Es war aber schon geendet, ehe er es wußte. Frau Bantes, eine stille, feinbeobachtende Frau, die wenig sprach, viel sann, hatte am Tische, sobald sie Waldrichs Stimme hörte, sich seiner Knabenzüge erinnert, sie mit diesen männlichen verglichen und ihn erkannt. Seine sichtbare Verlegenheit, als die Rede auf den Windbeutel Georg gekommen war, konnte, was sie vermutete, nur bestätigen. Dennoch sagte sie weder den anderen noch ihm ein Wort von ihrer Entdeckung. So pflegte sie immer zu tun. Keine Frau hatte so wenig die frauenhafte Art, ihre Gedanken auf der Zunge zu tragen, als sie. Alles ließ sie gehen und reden, wie man gehen und reden wollte; sie hörte, verglich und zog daraus ihre Folgerungen. Daher wußte sie immer mehr als die übrigen im Hause, und leitete unvermerkt alle Geschäfte und Unternehmungen, ohne viele Worte; selbst der lebhafte, feurige Greis, ihr Mann, der ihr am wenigsten gehorchen wollte, gehorchte ihr, ohne es zu ahnen, am meisten. Daß sich Waldrich nicht entdeckte, war ihr etwas verdächtig. Sie wollte schweigend den Grund erforschen.

Waldrich hatte in der Tat keinen Grund, sondern suchte nur einen Anlaß, die Familie mit seinem Namen zu überraschen. Da er abends zum Tee gerufen wurde, fand er im Zimmer niemanden als Friederiken. Sie kam eben von einem Besuche heim und warf ihren Schal ab. Waldrich trat zu ihr.

»Fräulein,« sagte er, »ich muß Ihnen noch Dank für den Schutz sagen, den Sie meinem Freunde Waldrich gewähren wollten.«

»Sie kennen ihn, Herr Kommandant?«

»Er dachte Ihrer oft, aber gewiß nicht so oft, als Sie es verdienten.«

»Er ist in unserem Hause erzogen worden. Ein wenig undankbar ist es aber doch, daß er, einmal von uns weg, nie, auch nur zu Besuch, zu uns kam. Beträgt er sich gut, ist er geschätzt?«

»Man hat nicht über ihn zu klagen! Keiner aber hat so sehr über ihn zu klagen als Sie, mein Fräulein.«

»Dann muß er ein guter Mensch sein, denn ich habe nichts gegen ihn.«

»Aber er ist ja noch, ich weiß es, Ihr Schuldner.«

»Er ist mir nichts schuldig.«

»Aber er sprach von einem Reisegelde, das er damals zu seiner Einrichtung gebrauchte, als er zur Armee gehen wollte, und sein Vormund ihm es verweigert hatte.«

»Ich habe es ihm ja gegeben, nicht geliehen.«

»Ist er darum Ihnen weniger schuldig, Thusnelde?«

Friederike sah den Kommandanten bei diesem Namen starr an, und es ging ihr wie ein Licht auf, und sie errötete, da sie ihn erkannte.

»Es ist nicht möglich!« rief sie freudig überrascht.

»Wohl, liebe Friederike, wenn ich Sie noch so nennen darf – ach, das schöne Du darf ich nicht mehr sagen – der Schuldner, der Sünder steht vor Ihnen – verzeihen Sie ihm. Ja, hätte er früher gewußt, was er nun weiß, er wäre schon tausendmal für einmal nach Herbesheim gekommen.« Er nahm ihre Hand und küßte dieselbe.

In dem Augenblicke trat Frau Bantes herein. Friederike eilte ihr entgegen: »Wissen Sie, Mamachen, wie der Herr Kommandant heißt?«

Das Antlitz der Frau Bantes ward von einem milden Rot überflogen. Sie sagte sanft lächelnd: »Georg Waldrich.«

»Wie, Mamachen, Sie wußten es und verschwiegen es?« sagte Friederike, die sich noch immer nicht von ihrer Überraschung erholen konnte, und nun den hochgewachsenen, festen Kriegsmann im Heerkleide mit dem schüchternen Schulknaben der Vorzeit verglich.

»Ja, wahrhaftig,« sagte sie, »er ist es. Wo ich auch nur meine Augen hatte! Da hat er ja noch die Schramme am linken Auge, die er sich vom Falle holte, als er mir eine Zitronenbirne vom höchsten Baume im Garten brach. Wissen Sie noch?«

»Ach, was weiß ich nicht noch alles!« sagte Waldrich und küßte seiner ehemaligen, ehrwürdigen Pflegemutter die Hand, und bat auch bei ihr um Verzeihung, nie seit seiner Mündigkeit zum persönlichen Besuch gekommen zu sein. Er behauptete, es sei eigentlich nicht wirkliche Undankbarkeit gewesen, denn er habe oft mit ehrfuchtsvoller Erkenntlichkeit an dieses Haus zurückgedacht; noch weniger Leichtsinn und Gleichgültigkeit – aber er wisse selbst nicht, was ihm immer im Gemüt widerstanden habe, daß er nie nach Herbesheim zurückkehren mochte.

»Ungefähr wohl dasselbe,« erwiderte leise die Mutter, »was die seligen Geister abhalten mag, sich nach dem Raupenstande ihres elenden Menschtums zurückzusehnen. Sie waren in Herbesheim eine Waise, und als Waise, ohne Mutter und Vater, ein Fremdling. Das konnten wir Sie nie vergessen machen. Sie waren Knabe, abhängig, oft fehlbar. Es zogen Sie keine reizenden Kindheitserinnerungen an die Stadt, die mehr Ihre Schul- als Vaterstadt gewesen ist. Sobald Sie frei, Jüngling, Mann geworden sind, fühlten Sie sich aller Orten glücklicher, als Sie bei uns sein konnten.«

Waldrich blickte mit einer Träne im Auge auf die Rednerin. »Ach, Sie sind noch immer die liebe, fromme, weise Mutter wie sonst. Sie haben recht. Es ist mir aber doch jetzt in der Tat heimatlicher in Herbesheim, als ich selbst erwartet habe; und ich gestehe, der Gegensatz meiner ehemaligen und jetzigen Verhältnisse mag dazu etwas beitragen. Wäre ich nur früher gekommen! Geben Sie mir in Ihrem herrlichen Herzen die Rechte des Pflegesohnes wieder.«

Frau Bantes konnte auf die Frage nicht antworten, denn Herr Bantes trat rasch herein und sogleich zum Teetisch. Wie ihm Friederike erklärte, wer ihr Gast sei, stutzte er, streckte dann plötzlich die Hand gegen den Kommandanten und sagte: »Seien Sie mir sehr willkommen, Herr Waldrich. Waren ein Knirps, und sind mir ganz aus den Augen gewachsen, Herr Waldrich. Ja, nun heißt es nicht mehr Georg, sondern Herr Waldrich, oder wohl gar Herr von Waldrich und dergleichen? Sind Sie von Adel?«

»Nein.«

»Und der Bandzipfel da im Knopfloch? Bedeutet nichts?«

»Daß ich mit meiner Kompanie eine feindliche Schanze nahm und gegen drei, vier Stürme sie behauptete.«

»Wieviel Mann kostete das?«

»Zwölf Tote, siebzehn Verwundete.«

»Also neunundzwanzig Menschenkinder für eine Achtelelle Seidenband. Verdammt teure Ware, die der Fürst verkauft, und doch in jedem Kramladen um ein paar Kreuzer einhandelt. Setzen wir uns; trinken wir. Friederike, bediene! Viel Beute gemacht? Wie stehen die Finanzen?«

Waldrich zuckte lächelnd die Achsel. »Wir zogen aber auch nicht der Beute willen ins Feld, sondern des Vaterlandes willen, daß es nicht die Beute der Franzosen bleibe.«

»Schön, schön. Ich liebe solche Gesinnungen, und es ist gut, daß man auch bei leeren Säcken darauf hält. Und Ihr väterliches Kapitälchen, sicher und solid angelegt?«

Waldrich ward rot und sagte dabei lächelnd: »Ich bin sicher, es geht mir nicht wieder verloren.«


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