Heinrich Zschokke
Der tote Gast
Heinrich Zschokke

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Noch ein Geburtstag

Den folgenden Tag war alles wieder beim alten. Der neue Hauptmann hatte vielerlei Geschäfte abzutun. Er hatte Erlaubnis empfangen, seinen General zu besuchen. Er hatte mit seinem Vorgänger mancherlei in Sachen der Kompanie zu verrechnen. Das machte eine Abwesenheit von einigen Wochen nötig. Er reiste vom Hause Bantes ab, wie von einem Vaterhause; man entließ ihn, wie einen Sohn, mit freundlichen Ermahnungen, mit guten Lehren, mit wohlwollenden Wünschen, wie einen, dessen man sicher ist, ohne Trauer und Wehmut um solch eine Trennung. Waldrich und Friederike schienen ebenso, wie sonst, wenn sie etwa in eine Gesellschaft oder er zur Parade ging. Nur erinnerte sie ihn noch, daß er nicht zu ihrem Geburtsfeste fehlen müsse, am zehnten November. Auch hatte ich das Vergnügen, meinen Freund auf jener Reise einige Tage bei mir zu sehen. Er freute sich seiner Beförderung, zweifelte aber, wie er aus den Worten seines Generals schließen konnte, daß er mit der Kompanie noch lange zu Herbesheim bleiben würde.

Das sagte er auch ganz unbefangen bei seiner Rückkehr im Hause Bantes. Man bedauerte ihn wieder verlieren zu müssen. »Doch«, setzte der Alte hinzu, »lassen wir uns kein graues Haar darum wachsen. Spät oder früh schickt uns alle der droben in andere Besatzung. Hier auf dem Erdbällchen sitzen wie einander, ob in dieser oder jener Stadt, immer nahe genug, oft einander nur allzunahe. Die verdammten Engländer und dergleichen sitzen meiner Fabrik zum Beispiel gerade auf dem Nacken.«

So versteht sich, Friederikens Geburtstag ward in gewohnter Ordnung und Feierlichkeit begangen. Waldrich hatte ihr aus der Residenz eine neue Harfe, ein zierliches Meisterwerk und ausgesuchte Musikalien mitgebracht. Beides überreichte er ihr, als die Reihe an ihn kam. Ein breites, rosenfarbenes Seidenband flatterte um das glänzende Saitenspiel.

Vater Bantes war hochselig. Er ging stillvergnügt und rasch umher im Speisesaal, und rieb sich so heimlich lächelnd die Hände, daß Frau Bantes, die ihm verwundert mit den Augen folgte, sich nicht enthalten konnte, dem Kommandanten leise zuzuflüstern: »Der Papa hat für uns noch eine artige Überraschung im Hintergrunde.«

In der Tat, die kluge Matrone irrte nicht.

Man setzte sich, nach vollendeten Glückwünschen und Angebinden, zum Tische. Als Friederike, wie die anderen, ihre Serviette vom Teller hob, fand sie auf diesem ein kostbares Halsband von orientalischen Perlen, einen prächtigen Brillantring und einen an sie gerichteten Brief. Das Fräulein erstaunte freudig, und hob die glänzende Schnur und den blitzenden Ring mit mädchenhaftem Wohlgefallen. Herr Bantes sah sie mit freudefunkelnden Augen an, und weidete sich an ihrer und aller Anwesenden Überraschung. Ring und Perlenband gingen darauf an der Tafel umher auf dem Teller, daß jeder die Pracht bequemer schauen könne. Friederike hatte inzwischen den Brief erbrochen und las ihn. Ihre Gesichtszüge verrieten noch mehr Erstaunen, als sie schon vorher bei den Geschenken geäußert hatte. Herr Bantes schwamm in Seligkeit. Die Mama studierte mit einer ängstlichen Neugier die gespannten Gesichtszüge der Tochter.

Friederike schwieg lange, indem sie sinnig das Blatt betrachtete. Endlich legte sie es nieder.

»Laß auch den Brief herumgehen!« rief der entzückte Vater. Sie gab den Brief verlegen und stumm an die neben ihr sitzende Mutter.

»Nun, Riekchen,« rief die Alte, »hat dir die Überraschung den Atem und dergleichen gestohlen? Gelt, der Papa weiß es anzustellen?«

»Wer ist der Herr von Hahn?« fragte Friederike mit dunkler Miene.

»Wer anders denn als der Sohn meines alten ehemaligen Associé Hahn, des berühmten Bankiers? Könntest du für dich einen andern erwarten? Der Alte hat bessere Geschäfte gemacht, als ich hier mit meiner Fabrik. Nun setzt er sich in Ruhe. Sein Sohn, der junge Hahn, übernimmt die ganze Sache des Alten, und du wirst die Henne des jungen Hahn.«

Frau Bantes gab, indem sie mit dem sich sanft hin und her bewegenden Kopfe eine stille Mißbilligung äußerte, den Brief an den Kommandanten. Der Inhalt war folgender: »Zu Ihrem Geburtsfeste, mein schönes Fräulein, drängt sich, leider diesmal im Geiste nur, weil der Arzt bei rauher Witterung die Reise untersagt hat, ein Ihnen Unbekannter. Ach, daß ich sagen muß Unbekannter, daß ich nicht statt dieser Zeilen selbst nach Herbesheim fliegen und dort um Ihre Hand flehen und das, was unsere guten Väter in der Herzlichkeit ihrer Jugendfreundschaft wegen unserer Verbindung beschlossen haben, und was meine Sehnsucht so ungeduldig verlangt, vollenden kann! Oh, mein angebetetes Fräulein, mit der ersten milden Witterung, wenn auch noch etwas kränklich, eile ich nach Herbesheim. Ich segne mein Schicksal. Ich mache es zur Aufgabe meines Lebens, daß auch Sie einst unser vereintes Schicksal segnen sollen. Nur um die Hand darf ich flehen; ich weiß es, nicht um das Herz. Dieses kann sich nur frei hingeben. Aber lassen Sie mir wenigstens die Hoffnung, es verdienen zu können. Wenn Sie wüßten, wie glücklich nur eine kleine Zeile von Ihrer Hand mich machen, wie die mich wunderreicher als die Kunst meines Arztes heilen und stärken würde – Sie ließen mich nicht vergebens bitten. Erlauben Sie, daß ich mich, in Verehrung und Liebe, nennen darf Ihren Verlobten Eduard von Hahn.«

Der Kommandant sah ernst und starr auf den Brief. Er hatte gar nicht das Ansehen eines Lesenden, sondern eines Denkenden oder, ich möchte lieber sagen, eines Träumenden. Inzwischen wollte Vater Bantes durchaus, Friederike solle ihre mädchenhafte Ziererei abtun und ihm einmal recht offen und ehrlich bekennen, daß sie sich freue.

»Aber Papa, wie kann ich das? Ich habe diesen Herrn Bankier von Hahn in meinem Leben nicht gesehen.«

»Närrchen, ich verstehe dich, natürlich. Aber ich kann dir darüber Trost und Frieden geben. Er ist ein feiner, schlanker, großer Jüngling, ein hübsches Milchgesicht. Etwas schwächlich war er schon ehemals; das ist vermutlich vom plötzlichen Wachsen gekommen. Er war gewaltig in die Höhe geschossen.«

»Wann sahen Sie ihn denn, Papa?«

»Als ich das letztemal in der Residenz war. Laß sehen, es mögen zehn, zwölf Jahre sein. Ich brachte dir damals die schöne Puppe mit, wie hieß sie doch? Sie war fast so groß wie du. Die Babette, Rosette, Lisette oder dergleichen. Nun wißt du's. Der junge Hahn mochte kaum viel über zwanzig haben. Ein rechtes Milchgesicht, sag' ich dir. Du sollst ihn nur sehen.«

»Papa, ich hätte erst ihn lieber gesehen, als seinen Brief mit solchem Antrag gelesen.«

»Ein dummer Streich ist's, daß er, wie wir Alten es abgemacht hatten, nicht selbst zu deinem Geburtstage kommen konnte. Als ich mit der Mama verlobt war, kam ich selbst. Nun, Mama, und du? Gelt, du hast die Äuglein aufgerissen? Das Geheimnis brannte mir fast die Seele ab. Hätt's dir gern gleich anfangs mitgeteilt. Allein ich kenne euch Frauen. Da wäre das Geheimnis schon vor dem Geburtstage verraten worden und alle Überraschung in die Brüche gegangen.«

Frau Bantes erwiderte etwas ernsthaft: »Du hast wohlgetan, Papa, mich, als Mutter, nicht zu Rate zu ziehen. Es ist nun geschehen. Segne der Himmel dein Werk!«

»Aber, Mama, ich sage: die Wahl! Für seinen Adel zwar geb' ich ihm keinen roten Kreuzer. Doch, solch ein Mädel nimmt's eben auch nicht übel, wenn es gnädige Frau getitelt wird. Aber der reiche Bankier! Sieh, Mama, wir Fabrikanten sind am Ende mit unserem Plunder nur gemeiner Plunder. Aber ein Bankier ist in der Handelswelt allezeit ein Superlativus und dergleichen. Krümmt der alte Hahn den Finger und winkt nach Wien, flugs ist da am Hofe alles in Bewegung und fragt: was befehlen der Herr von Hahn? Nickt er mit dem Kopfe nach Berlin, flugs beugt sich alles bis zur Erde. Solche einem können der Teufel und die Engländer und dergleichen nichts anhaben. Davon, Mama, sprech' ich. Was sagst du dazu?«

»Ich finde die Wahl, eben wie du sie machen konntest, vortrefflich!« sagte Frau Bantes ernst, und senkte die Augen auf ihren Suppenteller.

Friederike sah düster seitwärts nach ihrer Mutter und seufzte: »Mama, auch Sie?«

Der Kommandant stierte noch immer den Brief an, während man so fortsprach. »Donner, Hauptmännchen, können Sie sich nicht satt lesen? Ihre Suppe wird kalt!« rief Herr Bantes.

Waldrich erwachte, sah noch einmal das Papier an und warf es hastig vor sich hin, als säße Pestgift daran. Er aß; ein anderer nahm den Brief.

Papa Bantes ärgerte sich, daß Friederike nicht fröhlicher war. Er schob anfangs alles auf die jähe Überraschung, daß das arme Mädchen keine Worte finden konnte. Inzwischen ließ er nicht ab und trieb seine Scherze weiter, wie sie ein frohsinniger alter Herr bei solchen Anlässen wohl zu treiben pflegt. Aber von keiner Seite wollte es anklingen. Nur Buchhalter, Kassierer und Inspektor lächelten freundlichen Beifall.

Verdrießlich sagte er endlich zu Friederiken: »Mädchen, rede mir endlich frei von der Leber weg, hab' ich's getroffen oder nicht? einen klugen oder dummen Streich gemacht? Sag's nur dem Papa. Übrigens wirst du schon anders pfeifen, Vögelchen, wenn der junge Hahn kommt.«

»Es kann sein, lieber Papa!« erwiderte Friederike. »Wie sollte ich Ihre freundliche wohlwollende Absicht im mindesten bezweifeln? Diese Erklärung beruhige Sie.«

»Nun, das ist aller Ehren wert, Riekchen. So muß ein vernünftiges Mädchen zur Sache denken. Mama hat mir's selbst gestanden, sie habe zu ihrer Zeit auch so gedacht. Also die Gläser gefüllt! Die Braut soll leben, und der Bräutigam daneben!«

Der Papa stieß mit seiner Tochter an. Die andern folgten. Die frohe Laune schien zurückzukehren.

»Dummen Streiches kein Ende, daß der junge Hahn uns gerade heute fehlen muß!« fuhr Herr Bantes wieder fort. »Ein schöner, hübscher Mann, sag' ich dir. Sehr gefällig, sehr gesellig; hat mehr Schulen durchgemacht als sein Vater. Ich wette, du kommst nicht wieder los von ihm, wenn du ihn einmal gesehen hast. Ich wette, du fällst dem Papa um den Hals und dankst ihm.«

»Es ist möglich, Papa. Wenn's dann so ist, werd' ich's gern tun. Aber bis ich ihn gesehen, bitt' ich – und Sie wissen, lieber Papa, ich habe am Geburtstage das Recht der billigen Bitte! – und so bitte ich, kein Wort mehr von ihm, bis ich diesen Unbekannten gesehen habe.«

Herr Bantes runzelte die Stirn und sagte endlich: »Mit Erlaubnis, Fräulein Tochter, das war einmal eine einfältige Bitte! – Indes sie gilt. Die Mama tat zu ihrer Zeit nicht solche Bitten.«

»Schatz,« sagte Frau Bantes zu ihrem Manne, »keine Vorwürfe für Friederike. Du mußt nicht vergessen, daß ihr Geburtsfest ist; es darf sie niemand kränken.«

»Hast recht, Mama!« erwiderte der Alte. »Er kommt gewiß bald. Der Neumond ist nahe; dann ändert das Wetter.«

Damit nahm die Unterhaltung, freilich anfangs etwas gezwungen, andere Wendung, und ging endlich auch in die alte Unbefangenheit und Gemütlichkeit über. Nur beim Hauptmann blieb unter allen Scherzen etwas Frostiges zurück. Frau Bantes schien es zu bemerken und füllte ihm, wider ihre Gewohnheit, öfter das Glas. Friederike sah einigemal mit starrem, forschendem Auge auf ihn hinüber. Und wenn sich beide zufällig mit den Blicken begegneten, war ihnen, als täten ihre Seelen geheime Fragen aneinander; in Waldrichs Auge lag etwas wie ein stummer Vorwurf, und in Friederikens Gemüt ward es, als vernähme sie von diesem Blicke eine angenehme Antwort.

Die anderen plauderten anders; unterhielten sich wohl, und der Papa erreichte die volle Höhe seiner guten und mutwilligen Laune. Es traf sich eben, als man nach aufgehobener Tafel um den Tisch ging, um der schönen Königin des Festes den gesetzlichen Kuß zu geben, daß Waldrich und Friederike einander vor dem Vater begegneten.

»Höre, Riekchen,« sagte der mutwillige Vater, »denke dir jetzt, unser Georg sei nun ein gewisser jemand, den ich bei Leibes- und Lebensstrafe nicht nennen darf, bis er hier ist. Denke dir das, dann wird der Kuß anders als ein gemeiner werden; versuch's nur, du Närrchen.«

Waldrich und Friederike standen voreinander. Er nahm ihre Hand. Sich, Aug' in Auge verloren, ernst, fast wehmütig anschauend, neigten sie sich zum Kusse gegeneinander. Der Alte sprang mit einer komischen Bewegung auf die Seite, den Kuß zu sehen. Er ward gegeben. Beide, indem sie sich zurückzogen, schlossen ihre Hände fester zusammen. Waldrich erblaßte, Friederikens Augen verdunkelten von einer Träne. Sie neigten noch einmal die Lippen zusammen. Nach diesem Kusse schienen beide voneinander gehen zu wollen. Rasch noch einmal flogen beider Lippen zusammen. Dann laut weinend eilte Friederike fort; Waldrich wankte gegen ein Fenster und zeichnete gedankenlos mit dem Finger im angelaufenen Glase desselben.

Der Alte sah links und rechts mit dem Kopfe, während er übrigens steif und wie versteinert stand. »Was, zum Kuckuck, ist denn los? Was hat denn das Mädchen?« rief er. »Was ist ihm begegnet?«

Frau Bantes senkte ihre Augen schweigend nieder auf den Brillantring ihrer Hand; sie wußte, was Friederiken begegnet war und sagte zum Herrn Bantes: »Papa, schone jetzt das Mädchen. Laß es erst ausweinen.«

»Aber, aber, aber...« rief der Alte hastig, und lief zu Friederike. »Was hast du, Kind, was weinst du?«

Sie weinte und erwiderte, sie wisse es selbst nicht.

»Ah, Flausen und dergleichen!« rief der Vater. »Dir ist etwas geschehen. Bist du gekränkt worden? Hat etwa die Mama...«

»Nein.«

»Oder der Hauptmann dir etwas gesagt?«

»Nein.«

»Donner, doch nicht? – Was? Rede doch, ich? Wegen des Spaßes? Darum weinst du?«

Frau Bantes zog ihn sanft an der Hand von Friederiken zurück und sagte: »Papa, du hast dein Wort gebrochen, und sie gekränkt. Du hast ihre Bitte verletzt, und wieder, du weißt es wohl...«

»An den jemand erinnert? – Hast recht, ich hätte es nicht tun sollen. Laß gut sein, Riekchen; es geschieht nicht wieder. Wer nimmt aber dem Papa dergleichen auch auf der Stelle so hoch auf?«

Friederike beruhigte sich. Frau Bantes führte sie zur Harfe. Waldrich mußte stimmen. Die Flöte ward geholt. Man versuchte die neuen Notenstücke. Friederike spielte die Harfe unter Waldrichs Flötenbegleitung vortrefflich. Es ward noch ein schöner, genußvoller Abend.


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