Heinrich Zschokke
Der tote Gast
Heinrich Zschokke

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Gute und schlimme Wirkungen

Friederike schlief unter schönen Träumen die Nacht, Herr Bantes äußerst unruhig. Die schwarze, bleiche Figur, deren Mondgesicht durch das schwarze Kopfhaar und den starken schwarzen Backenbart ihm so fürchterlich hervorblickte, schwebte ihm auch vor verschlossenen Augen sichtbar. Friederike hegte hingegen für den gespensterhaften Unbekannten recht dankbare Gesinnungen, daß er ihren Vater so schleunig bekehrt und in der Angst dem lieben Waldrich zugewandt hatte.

Am anderen Morgen, sobald Herr Bantes mit den Seinigen gefrühstückt hatte, begab er sich zum Amtsbürgermeister – dies war das Ergebnis nächtlicher Überlegungen – und bat denselben, gegen den Unbekannten Polizeimaßregeln zu versuchen, um ihn aus der Stadt zu entfernen. Er erzählte ihm nun offen, was sich gestern, ehe er in die Abendgesellschaft gekommen, in seinem Hause zugetragen habe, und wie seine Frau und Tochter schon halb und halb in ihren Sinnen benebelt wären, daß sie den toten Gast für den angekündigten Sohn des Bankiers Hahn hielten; ungeachtet der junge Bankier, um Bräutigamsrollen zu spielen, nicht dazu das Äußere des bekannten Gespenstes wählen würde, und wenn er sie aus Narrheit oder Spaß hätte wählen wollen, sie gewiß nicht gekannt haben würde.

Der Bürgermeister schüttelte lächelnd den Kopf. Er wußte nicht, was er zum plötzlichen Aberglauben des sonst ungläubigen Herrn Bantes sagen sollte; versicherte aber, er wollen ernste Untersuchungen anstellen, denn die ganze Stadt sei von dieser wunderlichen Erscheinung beunruhigt.

Als Herr Bantes nach einigen Stunden (denn auch mit dem Polizeileutnant und anderen Freunden hatte er sich beraten) nach Hause ging, sah er von ungefähr seitwärts durch ein Fenster ins Erdgeschoß seines Hauses. Das Fenster gehörte zu einem schön geschmückten Zimmer, das sonst der Kommandant Waldrich zu bewohnen pflegte. Herr Bantes glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Er sah den wüsten, toten Gast da im tiefen, ja es schien, im leidenschaftlichen Gespräch mit Friederike. Das Mädchen lächelte ihm freundlich zu und schien gar nichts dagegen zu haben, als er ihre Hand ergriff und küssend an seine Lippen drückte.

Jetzt schwankte alles vor den Augen des Greises, oder vielmehr er schwankte. Anfangs wollte er geradezu hinein in des Kommandanten Zimmer, um die zärtliche Unterredung zu unterbrechen und den unüberwindlichen Verführer aus dem Hause zu jagen; dann besann er sich, daß dies üble Folgen für ihn oder Friederike haben könnte. Er erinnerte sich des Duells zwischen dem Grafen von Altenkreuz und dem Vicomte vor hundert Jahren. Er eilte totenbleich ins Zimmer seiner Gemahlin, die vor seinem Anblick erschrak.

Als sie die Ursache seines Zustandes erfahren hatte, suchte sie ihn zu beruhigen; versicherte, das vermeintliche Gespenst sei in der Tat der erwartete Bräutigam, ein liebenswürdiger, bescheidener Mann, mit dem sie und Friederike sich lange unterhalten habe.

»Ich glaub's schon, Mama, der ist mit dir in deinen Jahren ganz bescheiden. Aber geh hin und sieh, wie weit er mir Friederike in kurzer Zeit gekommen ist. Sie küssen sich.«

»Das ist nicht möglich, Papa!«

»Da, da, diese Augen strafe du nicht Lügen. Er hat sie; sie ist verloren! Warum sind die allein? Dir ist auch schon der Verstand vergiftet, sonst würdest du sie beide nicht allein gelassen haben.«

»Lieber Papa, er bat um Erlaubnis, sich allein gegen Friederike erklären zu dürfen. Laß doch deine Einbildung fahren! Wie ist es möglich, daß du, eben du, aufgeklärter, alles verspottender Mann deinen Glauben so betören lassen kannst, und plötzlich der abergläubigste aller Menschen wirst?«

»Überrumpeln? Abergläubig? Nein, vorsichtig, behutsam und dergleichen gegen dies Teufelsblendwerk! – Sei es, was es immer wolle, man soll sich auf keine Weise prellen lassen. Das Mädchen ist mir zu teuer. Ich befehle ein für allemal, ihr sollt mit eurem sogenannten Herrn von Hahn allen Umgang abbrechen.«

»Aber was wird sein Vater sagen?«

»Oh, der Alte wird nichts sagen. Und wie sollte er? Er hat ja weder Tod noch Teufel zum Sohn! – Und in Gottes Namen sag' er, was er wolle. Geh, ich bitte dich, schicke den Verführer fort!«

Frau Bantes ward verlegen. Sie trat freundlich zu ihm hin, legte ihre Hand traulich auf seine Schulter und sagte leise mit bittendem Tone: »Lieber Mann, bedenke, was du aus eitler Furcht tust! Wegen eines blassen Gesichts und eines schwarzen Kleides ist ja ein Fremder noch kein Gespenst. Wenn du aber befiehlst und darauf beharrst, und es zu deiner Ruhe beiträgt, so werde ich dir gehorchen. Doch bedenke, Friederike und ich haben ihn schon zum Mittagessen eingeladen.«

»Da könnte einen ja der Schlag rühren!« schrie Herr Bantes. »Nun gar zum Mittagessen! Der muß einen Zauberdunst und dergleichen in seinem Odem haben, daß er euch behext wie die afrikanische Schlange die kleinen Vögel, die sich ihrem offenen Rachen gern oder ungern nähern müssen. Fort, fort, fort! Ich will nichts von ihm!«

In diesem Augenblicke trat sehr heiter Friederike herein.

»Wo ist der Herr von Hahn?« fragte die Mutter mißmutig.

»Nur auf einen Augenblick in seine Wohnung. Er kommt sogleich zurück. Er ist wahrlich ein guter, edler Mensch!«

»Da haben wir's!« rief Herr Bantes. »In einer Viertelstunde Gesprächs hat sie es schon weg, daß er ein guter, edler Mensch ist. Wie? du den Waldrich lieben? Oh, daß Waldrich hier wäre! Wenn er – – kurz weg! Ich will nichts davon wissen. Laß ihm absagen. Laß ihm eine Lüge sagen, eine ehrliche Notlüge, ich sei krank geworden; wir bedauerten sehr; könnten heute nicht die Ehre haben, ihn bei Tische zu sehen und dergleichen.«

Friederike erschrak über die Heftigkeit ihres Vaters. »Hören Sie mich doch, Papa; Sie sollen alles wissen, was er mir gesagt hat. Er ist gewiß ein vortrefflicher Mann, und Sie werden...«

»Halt!« rief Herr Bantes. »Ich will nichts hören; habe schon zuviel Treffliches gehört. Sieh, Kind, laß mir jetzt meinen Willen. Nenn' es Wunderlichkeit, nenn' es wie du willst, höre mich an. Gleicht der tote Gast dem Herrn von Hahn, oder der Herr von Hahn dem toten Gast, so ist das alles ein Teufel. Ich mag und will nichts von ihm. Kannst du deinen edeln, vortrefflichen, guten Menschen und dergleichen bewegen, daß er Herbesheim noch heute verläßt, auf immer verläßt, so geb' ich dir mein Ehrenwort, sollst den Waldrich behalten, und wenn der wirkliche Sohn meines Freundes dann auch wirklich ankäme. Ich verspreche dir, auf der Stelle an seinen Vater zu schreiben, alles mit ihm Abgekartete ganz ehrenhaft rückgängig zu machen, sobald ich weiß, der Schwarze ist fort. Da, nimm meine Hand darauf. Nun sage mir, kannst du ihn bewegen einzupacken und sich aus dem Staub davonzumachen?«

»Wohl!« rief Friederike freudeglühend, »denn sehen Sie – er wird gehen. Erlauben Sie mir, ihn nur noch einige Augenblicke zu sprechen, unter vier Augen.«

»Da haben wir's wieder! Nein, fort, fort! Schreib ihm ein paar Zeilen! Nicht zum Essen! Fort mit ihm!«

Es half kein Widerreden. Aber der Preis, der Friederike geboten war, hatte zuviel Wert. Sie schrieb an den ihr lieb gewordenen Bankier; entschuldigte, durch Krankheit ihres Vaters, die Einladung zum Mittagsmahl widerrufen zu müssen; bat ihn sogar, wenn er einige Achtung und Freundschaft für sie habe, die Stadt sobald als möglich zu verlassen, denn von seiner Entfernung hänge ihr Glück und der Frieden ihres Hauses ab. Sie verhieß ihm, mit nächster Post in einem Briefe die sonderbaren Ursachen dieser sonderbaren, unartigen, aber höchst dringenden Bitte zu entwickeln.


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