Christoph Martin Wieland
Musarion oder die Philosophie der Grazien
Christoph Martin Wieland

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                       Indessen wird, so sichtbar als es war,
Den beiden Weisen doch davon nichts offenbar,
Ob sie die Schöne gleich mit großen Augen messen.
Die Herren dieser Art blendt oft zu vieles Licht;
Sie sehn den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Doch sind die unsrigen entschuldigt; denn indessen
Daß Phanias ein liebliches Vergessen
Von allem, was sein steifer Pädagog
Ihm jemahls vorgeprahlt, aus schönen Augen sog,
War auf Musarions Verlangen
Das akademische Gefecht schon angegangen,
Womit sie etwas sich zu gut zu thun beschloß.
Kleanth bewies bereits: »Der Weise nur sey groß
Und frey, geringer kaum ein wenig
Als Jupiter, ein Krösus, ein Adon,
Ein Herkules, und zehnmahl mehr ein König
Auf mürbem Stroh als Xerxes auf dem Thron;
Des Weisen Eigenthum, die Tugend, ganz alleine
Sey wahres Gut, und nichts von allem dem
Was unsern Sinnen reitzend scheine
Sey wünschenswürdig« – Kurz, die Wuth für sein System
Ging weit genug, ganz trotzig, ohne Röthe,
Zu prahlen: Wenn in »Cypriens Figur
Die Wollust selbst leibhaftig vor ihn träte,
Schön, wie die Göttin sich dem Sohn der MyrrhaSohn der Myrrha: dem Adonis, dem geliebtesten unter ihren sterblichen Günstlingen. nur
Bey Mondschein sehen ließ, – und diese Venus böte
Auf seinem Stroh ihm ihre schöne Brust
Zum Polster an – ein Mann wie Er verschmähte
Den süßen Tausch.« – Hier war es, wo die Lust
Des Widerspruchs Theophron sich nicht länger
Versagen kann – ein Mann von krausem schwarzem Bart
Und Augen voller Gluth, kein übler Sänger
Und Citarist, dabey ein Grillenfänger
So gut als jener, nur von einer andern Art.
»Das geht zu weit, (fiel er Kleanthen in die Rede)
Zum mindsten führet es gar leicht zu Mißverstand.
Nicht daß ich hier das Wort der Wollust rede
Im gröbern Sinn! Die ist unleugbar eitel Tand
Und Schaum und Dunst, ein Kinderspiel für blöde
Unreife Seelen, die mit ihren Flügeln noch
Im Schlamm des trüben Stoffes steckenIm Schlamm des Stoffes stecken: Anspielung auf eine von den Pythagoriern und von Plato aus einer uralten morgenländischen Vorstellungsart angenommene Lehre von der dämonischen Natur der menschlichen Seele, ihrer Präexistenz in der Geisterwelt und ihrem Sturz in die Materie, wovon der göttliche Plato in seinem Phädrus, im 10ten Buche von den Gesetzen, im Timäus u.a.O. uns mancherley schwer zu begreifende Dinge offenbart. .
Doch sollt' uns nicht die Nektartraube schmecken,
Weil ein Insekt auf ihrem Purpur kroch?
Der Mißbrauch darf nicht unser Urtheil leiten:
Alt ist der Spruch, zu selten sein Gebrauch!
Saugt nicht auf gleichem Rosenstrauch
Die Raupe Gift, die Biene Süßigkeiten?«

Begeistert wie ein Korybant,
Und von Musarion die Augen unverwandt,
Fing jetzt Theophron an, in dichterischen Tönen,
Vom Ersten Wesentlichen Schönen
Zu schwärmen: »Wie das alles, was wir sehn
Und durch der Sinne Dienst mit unsrer Seele gatten,
Von dem, was übersinnlich schön
Und göttlich ist, nur wesenlose Schatten,
Nur Bilder sind, wie wenn in stiller Flut,
Von Büschen eingefaßt, sich Sommerwolken mahlen.«
Von da erhob er sich, bey immer wärmerm Blut,
»Zu den geheimnisvollen Zahlen,
Zur sphärischen Musik, zum unsichtbaren Licht,
Zuletzt zum Quell des Lichts.« – Ekstatischer hat nicht,
Wie aus der alten Nacht die schöne Welt entsprungen,
Und vom Deukalion, und von der goldnen Zeit,
Virgils Silen den Knaben vorgesungen
Die ihn im Schlaf erhascht und zum Gesang gezwungen.

Dann fuhr er fort, und sprach »vom Tod der Sinnlichkeit,
Und wie durch magische geheime Reinigungen
Die Seele nach und nach vom Stoffe sich befreyt,
Und wie sie, durch Enthaltsamkeit
Von Erdetöchtern und – von Bohnen,
Zum Umgang tüchtig wird mit Göttern und Dämonen.
Bis sie (dem Wurme gleich, der in die Sommerluft
Auf neuen Flügeln sich erhebet)
Dem Stoff sich ganz entreißt und ihres Körpers Gruft,
Zur Göttin wird und unter Göttern lebet.«

Belustigt an dem hohen Schwung,
Den unser Doktor nahm, stellt sich die schlaue Schöne,
Als ob vor Hörenslust und vor Bewunderung
Ihr Busen sich in seinen Fesseln dehne.
Zum Unglück für den Mann, der lauter Wunder spricht,
Entsteht dadurch (und sie bemerkt es nicht)
Ich weiß nicht welche kleine Lücke,
Die seinen Flug auf einmahl unterbricht;
Und wie zuletzt die Richtung seiner Blicke
Ihr sichtbar macht was ihn zerstreut,
Und sie beschäftigt scheint den Zufall zu verbessern,
Hat sie die Ungeschicklichkeit,
(Wofern's nicht Bosheit war) das Übel zu vergrößern.

Der Umstand ist an sich nur eine Kleinigkeit;
Doch wird vielleicht die Folge zeigen
Daß er entscheidend war. Es folgt ein tiefes Schweigen,
Wobey Kleanth sogar das volle Glas,
Und, was kaum glaublich ist, die Lust zum Zank vergaß;
Indeß, vertieft in Sinus und Tangenten,
Der Jünger des Pythagoras
Den wallenden KonturKontur: Das Wort Kontur (Contour, Conturno,) scheint uns unter diejenigen ausländischen Kunstwörter zu gehören, welche man sonst, aus Ermanglung eines gleichbedeutenden Deutschen Wortes, immer nur durch Umschreibung zu geben genöthigt wäre. Denn Kontur und Umriß sind keinesweges gleichbedeutend. Umriß heißt bloß das, was von der Form eines Körpers durch den Sinn des Gesichts erkannt wird: Kontur hingegen bezeichnet eigentlich die Vorstellung, die wir von einer körperlichen Form vermittelst des Gefühls und Betastens erhalten. Es ist eine bloße Täuschung – nicht unsrer Sinne, sondern unsers voreiligen Urtheils, wenn wir den Kontur eines Körpers (z. B. der Sphären, wovon hier die Rede ist) zu sehen glauben. Bevor wir ihn durch das Gefühl ausgetastet, haben wir von seiner Form nur eine sehr mangelhafte Vorstellung, weil uns das Auge nicht mit der Dichtheit, Rundung, Eckigkeit, Glätte, Rauheit, u.s.w. sondern bloß mit der heller oder dunkler gefärbten Oberfläche der Körper bekannt macht. gewisser Sphären maß,
Woran die Lambert selbst sich übermessen könnten;
Vor Amorn unbesorgt, der hier zu lauern pflegt,
Und schon den schärfsten Pfeil auf seinen Bogen legt.

Mit lächelnder Verachtung sieht die Dame
Das weise Paar, mit seinem Flitterkrame
Von falschen Tugenden und großen Wörtern, an;
Und eh' die Herren sich's versahn,
Weiß sie mit guter Art den unbescheidnen Blicken,
Was ihres gleichen zu entzücken
Die Charitinnen nicht mit eigner Hand
So schön gedreht, auf einmahl zu entrücken;
Und alles sinkt sogleich in seinen alten Stand.

Drauf sprach sie: »In der That, man kann nichts schöners hören,
Als was Theophron uns vom unsichtbaren Licht,
Von Eins und Zwey, von musikal'schen Sphären,
Vom Tod der Sinnlichkeit und von Vergött'rung spricht.
Wie Schade, wär' es nur ein schönes Luftgesicht
Wornach er uns die Lippen wässern machte!
Und doch, der Weg zu diesem stolzen Glück
Ist, däucht mir, das, woran er nicht gedachte?«

Theophron, noch ganz warm von dem was seinem Blick
Entzogen war, und voll von wollustreichen Bildern,
Beginnt den Weg, den Prodikus so schmal
Und rauh und dornig mahltden Prodikus so rauh und dornig mahlt: den Weg der Tugend, in der Erzählung von Herkules auf dem Scheidewege, auf welche im ersten Buche schon angespielt wird. , so angenehm zu schildern,
So lachend wie ein Rosenthal
Zu Amathunt, dem Aufenthalt der Freuden.
Ein Sybarit, der einen Weg aus beiden
Zu wählen hätt', erwählte sonder Müh
Den blumigen, den die Philosophie
Theophrons ging, – durch zauberische Schatten,
Wo Geist und Körper sich, bey ungewissem Licht,
In schöne Ungeheuer gatten,
Und Amor, nicht der kleine Bösewicht
Den Koypel mahlt, ein andrer von Ideen,
Wie der zu Gnid von Grazien umschwebt,
Ein Amor, der vom Haupt bis zu den Zehen
Voll Augen ist und nur vom Anschaun lebt,
Der Seele Führer wird, sie in die Wolken hebt,
Und, wenn er sie zuvor – in einem kleinen Bade
Von Flammen – wohl gereinigt und gefegt,
Sie stufenweis durch die gestirnten Pfade
Bis in den Schooß des höchsten Schönen trägt.


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