Christoph Martin Wieland
Musarion oder die Philosophie der Grazien
Christoph Martin Wieland

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An Herrn Creyßsteuereinnehmer Weisse in Leipzig.

Unser schätzbarer Freund, Herr Reich, schreibt mir, daß er der Versuchung nicht widerstehen könne, etliche Ballen holländisches Papier, die ihm neulich angekommen, zu einer neuen Ausgabe unsrer Musarion anzuwenden. Er sieht sich gewissermaßen als den Pflegevater dieser Schülerinn der Grazien an, und ist parteyisch genug für seine angenommene Tochter, sie so niedlich geputzt sehen zu wollen, als nur immer möglich ist.

Ob ihre Liebenswürdigkeit diese kleine Schwärmerey rechtfertige, würde, wenn ich Ihren Beyfall, mein vortrefflicher Freund, für eben so gerecht, als gütig halten dürfte, keine Frage mehr seyn. Und warum sollte ich aus lauter Bescheidenheit gegen das Urtheil eines Weisse so unbillig seyn, ein Mißtrauen in den Werth desjenigen zu setzen, was ihm gefallen, und, wenn ich auch die Hälfte der Energie seiner Ausdrücke auf Rechnung der Freundschaft setze, so vorzüglich gefallen hat? – Nein, es würde nicht Bescheidenheit, Gleißnerey würde es seyn; und von dieser Sünde wenigstens wird mich, wie ich hoffe, Herr Ziegra selbst freysprechen.

Ich gestehe es Ihnen also, mein liebenswürdiger Freund, daß ich, seit dem Ihr vollgültiger Beyfall, und das günstige Urtheil so vieler andrer Kenner, welches ich für eine Art von Gewähr für die Stimme aller guten Köpfe ansehen kann, mein eignes Gefühl über diesen Punkt gerechtfertiget hat, daß ich erfreut bin, meine Absicht nicht verfehlt, und nach so vielen allzu unvollkommnen Versuchen endlich etwas hervorgebracht zu haben, dem ich Leben genug zutrauen darf, um alsdann noch zu seyn, wenn wir gekommen seyn werden, quo pius Aeneas, quo Tullus dives et Ancus.

Denn weil ich nun einmal im Bekennen bin, so gestehe ich Ihnen auch, daß dasjenige, was man sonst von allen Schriftstellern sagt, »daß sie sich selbst, sogar wider ihren Willen, in ihren Werken abbilden«, in diesem Gedichte eine meiner Absichten war. Ich wollte, daß eine getreue Abbildung der Gestalt meines Geistes (die von einigen, theils aus Blödigkeit ihres eignen, theils aus zufälligen Ursachen, vielleicht auch aus Vorsatz und Absichten, mißkannt worden ist) vorhanden seyn sollte; und ich bemühete mich, Musarion zu einem so vollkommenen Ausdruck desselben zu machen, als es neben meinen übrigen Absichten nur immer möglich war. Ihre Philosophie ist diejenige, nach welcher ich lebe; ihre Denkart, ihre Grundsätze, ihr Geschmack, ihre Laune sind die meinigen. Das milde Licht, worinn sie die menschlichen Dinge ansieht; dieses Gleichgewicht zwischen Enthusiasmus und Kaltsinnigkeit, worein sie ihr Gemüth gesetzt zu haben scheint; dieser leichte Scherz, wodurch sie das Überspannte, Unschickliche, Schimärische, (die Schlacken, womit Vorurtheil, Leidenschaft, Schwärmerey und Betrug, beynahe alle sittlichen Begriffe der Erdbewohner zu allen Zeiten, mehr oder weniger verfälscht haben,) auf eine so sanfte Art, daß sie gewissen harten Köpfen unmerklich ist, vom wahren abzuscheiden weiß; diese sokratische Ironie, welche mehr das allzustrenge Licht einer die Eigenliebe kränkenden oder schwachen Augen unerträglichen Wahrheit zu mildern, als andern die Schärfe ihres Witzes zu fühlen zu geben sucht; diese Nachsicht gegen die Unvollkommenheiten der menschlichen Natur – welche, (lassen Sie es uns ohne Scheu gestehen, mein Freund,) mit allen ihren Mängeln doch immer das liebenswürdigste Ding ist, das wir kennen. – Alle diese Züge, wodurch Musarion einigen modernen Sophisten und Hierophanten, Leuten, welche den Grazien nie geopfert haben, zu ihrem Vortheile so unähnlich wird – diese Züge – ja mein liebster Freund, sind die Lineamenten meines eignen Geistes und Herzens, und ich wage es, um so dreister es zu sagen, da sich unter unsern Zeitgenossen, und in der That unter den Menschen aller Zeiten, keine geringe Anzahl befindet, denen ein moralisches Gesichte, das dem ihrigen so wenig gleicht, nothwendig häßlich vorkommen muß. Von Herzen gern sey ihnen das Recht zugestanden, davon zu urtheilen, wie sie können: genug für mich, wenn Musarion und ihr Verfasser allen denen lieb ist, und es immer bleiben wird, welche in diesen Zügen ihre eignen erkennen. Weiter wird mein stolzester Wunsch niemals gehen; und so wünsche ich, wie Sie sehen, nichts als was ich gewiß bin, zu erhalten, oder Helvetius und die Erfahrung müssen Unrecht haben.

Sie wissen, mein Freund, daß ich überhaupt Ursache habe, über die Aufnahme, dieses mehr den Grazien und ihren Günstlingen, als dem Geschmack und Genius unsrer Zeiten gewidmeten Gedichts, vergnügt zu seyn; man sagt mir, daß sogar diejenigen unter den Journalisten, welche mir bisher keine Ursache gegeben haben, mich ihrer Billigkeit oder Bescheidenheit zu rühmen, (einen einzigen ausgenommen, der eher ein Gegenstand des Mitleidens, als der Peitsche würdig scheint, womit er zeither von einem mehr als juvenalischen Satyr gezüchtiget worden ist) sich von den Reizungen unsrer schönen Griechinn haben verführen lassen, günstiger von ihr zu sprechen, als ich erwartet hatte. Bey alle dem deucht mich doch, daß selbst die wenigen unter den öffentlichen Beurtheilern, welche gewohnt sind zu denken, ehe sie schreiben, vielleicht nicht Muße gehabt haben, sich die Philosophie der Grazien genau genug bekannt zu machen, um den wahren Plan, den Zusammenhang der Grundsätze, und die eigentlichen Absichten dieses Gedichts, (außer derjenigen, wovon ich Ihnen vorher sagte) zum Gebrauche der Bedürftigen richtig genug zu entwickeln. Ich rede hier von einer bessern Art von Köpfen, als es die schulgerechten Philosophen vel quasi sind, von denen geschrieben stehet:

Die Herren dieser Art blendt oft zu vieles Licht,
Sie sehn den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Es ist unnöthig, mich hierüber deutlicher zu erklären; ich erwähne dessen auch nur, um Ihnen zu sagen, was mich beynahe veranlaßt hätte, eine kleine Verrätherey an der guten Musarion zu begehen, und alles zu entdecken, was diejenigen, denen die Grazien günstig sind, schon lange wissen, und was nur denen verborgen bleibt, die nichts davon wissen sollen, weil Musarion

Nicht ihres gleichen zu entzücken

gemacht worden ist. Indem ich Ihnen dieses sage, habe ich die Ursache schon angegeben, warum ich den ersten Gedanken, eine so überflüßige Arbeit zu thun, wieder unterdrücke. Und hier werde ich versucht, eine andere Verrätherey zu begehen, und Ihnen eine kleine Stelle aus einer gewissen Psyche, die Ihnen nicht ganz unbekannt ist, abzuschreiben, welche das, was ich itzt in Gedanken habe, besser ausdrückt, als ich es auf andre Weise thun könnte. Mir deucht diese Versuchung so unschuldig, daß ich, um sie los zu werden, am besten thun werde, ihr zu unterliegen. Hier ist die Stelle:

Man weiß, daß Pilpai, Trismegist,
Und Plato selbst sich oft herabgelassen,
Was von der Geisterwelt zu sagen räthlich ist,
In eine Art von Mährchen zu verfassen,
Wobey, so blau sie auch beym ersten Anblick sind,
Der beste Kopf genug zu denken findt.

Die Mode war in jenen alten Tagen
Die tiefe Weisheit gern in Bildern vorzutragen;
Und klüglich wie uns deucht; denn ungebrochnes Licht
Taugt ganz gewiß für blöde Augen nicht.

Die Wahrheit läßt sich nur Adepten
Gewandloß sehn; und manches schwache Haupt,
Das ungestraft sie anzugaffen glaubt,
Erfährt das Loos der alten Nympholepten,
Und läßt, indem es gafft, für einen Augenblick
Zweydeut'ger Lust, sein Bißchen Witz zurück.

Ein Schleyer, wie der Morgenländer
Um seine Dame zieht, nicht eben siebenfach,
Doch auch so gläsern nicht wie coische Gewänder
Verhütet sehr bequem dergleichen Ungemach.

Liebhaber, die mit Witz Geschmack verbinden,
Gewinnen noch dabey: Sie finden
In einem Putz, der weder schwimmt noch preßt,
Viel schönes sehn, doch mehr errathen läßt,
Die Wahrheit, so wie andre Schönen,
Nur desto reizender. Den andern Erdensöhnen
Gefällt doch wenigstens die schöne Stickerey,
Der reiche Stoff, der Farben Spiel und Leben,
Sie würden um den Putz die Dame selber geben,
Und was verlören sie dabey?

Und das ist nun alles, was ich, bey Gelegenheit der gegenwärtigen Ausgabe, über Musarion zu sagen habe, und vielleicht schon mehr, als ein Verfasser von sich selbst und seinen Werken sagen sollte. Doch ehe ich mich von Ihnen beurlaube, mein theurester Freund, werde ich versucht, den Schmerz öffentlich sehen zu lassen, den ich über die unglückliche Fehde empfinde, welche ein den Musen gehässiger Dämon zwischen meinem alten verdienstvollen Freunde, dem Herrn Bodmer, und dem vortrefflichen Verfasser der Beyträge zum deutschen Theater angezettelt hat. Ich weiß es nur zu wohl, mein würdiger Freund, daß Sie der leidende Theil sind; mit freundschaftlichem Unmuth habe ich den Angriffen, über welche sich Ihre Muse zu beschweren hat, aus einer Entfernung, die mich außer Stand setzte, sie zu verhindern, zugesehen; aber ich gestehe Ihnen: mit gleich lebhaftem Unmuth sehe ich, mit was für unrühmlichen Waffen Sie von einigen Ungenannten (die für ihren eigenen Ruhm nicht besser sorgen können, als wenn sie unbekannt bleiben) sind gerochen worden. Die Sachen sind zu meinem empfindlichsten Bedauren so weit gekommen, daß mir nicht mehr erlaubt ist, stille zu schweigen, ohne auf der einen oder andern Seite ehrwürdige Pflichten zu verletzen.

Für dießmal, und da mir der enge Raum dieses Schreibens keine ausführliche Erklärung gestattet, begnüge ich mich, mit einem Wunsche zu schließen, von dem ich gewiß bin, daß er auch der Ihrige ist. Möchten doch die Männer, die ihr Leben, oder wenigstens, (wenn ihnen nicht mehr erlaubet ist,) die angenehmsten Stunden ihres Lebens den Musen und der Philosophie gewidmet haben, möchten sie die ganze Würde ihrer Bestimmung, und die Größe der Vortheile, die in ihrer Gewalt sind, empfinden! Wie glücklich, wie groß, wie unabhängig würden sie seyn, wie wenig der Gunst der Könige nöthig haben, und wie ehrwürdig selbst in den Augen der Großen der Welt könnten sie sich machen, wenn ihr Herz eben so gut, als ihr Kopf wäre: wenn der Einfluß der Musen und Grazien, auch ihr sittliches Gefühl, wenn ihr Geschmack auch ihre Gesinnungen verfeinert und verschönert hätte; wenn sie durch einen edlen Stolz sich zu groß dünkten, zu den niederträchtigen Leidenschaften des Pöbels und ihren verächtlichen Ausbrüchen herabzusinken, und indem sie einander selbst auf alle mögliche Art verkleinern, bey dem großen Haufen der Unwissenden und Narren, der den Erdboden bedeckt, die Wissenschaften und die liebenswürdigen wohlthätigen Künste der Musen verächtlich zu machen. Wieviel würden sie, wieviel würde die Gesellschaft und in der Folge die menschliche Natur selbst, die von dem höchsten Grade der Verschönerung, deren sie fähig ist, noch so weit entfernt scheint, durch die Erfüllung dieses Wunsches gewinnen, wenn alle Leute von Genie und Talenten, alle Gelehrte, alle Schriftsteller, wenigstens alle guten, ohne Eifersucht und niedrige Privatabsichten in einem tugendhaften und freundschaftlichen Wetteifer auf ihrer gemeinschaftlichen Laufbahn neben einander fortliefen, einander allezeit Gerechtigkeit wiederfahren ließen, jedes neu aufkeimende Talent mit Vergnügen willkommen hießen, und anstatt es zu schrecken und niederzuschlagen, es auf alle mögliche Weise aufzumuntern bedacht wären – Kurz! Wenn sie einander so liebten und ehrten, wie alle Leute, welche selbst Verdienste haben, und daher auch Verdienste sollen schätzen können, zu thun schuldig sind, und wie gewiß alle wahrhaftig schönen Seelen durch eine Art von innerlicher Nothwendigkeit zu thun angetrieben werden.

Lassen Sie uns, liebster Freund, fortfahren, die Ungläubigen durch unser Beyspiel zu überzeugen, daß dieser Wunsch keine platonische Grille sey.

Ich bin mit aufrichtigstem Herzen

Ihr                                                  
ergebenster Freund und Verehrer
Wieland

Warthausen, den 15. März 1769.


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