Christoph Martin Wieland
Musarion oder die Philosophie der Grazien
Christoph Martin Wieland

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                War Philipps Sohn ein Held, der sich der Lust entzog
In welcher unberühmt die Ninias zerrannenPhilipps Sohn: Alexander der Große. Ninias. Sohn des Ninus und der Semiramis, ein Assyrischer König, von welchem die Geschichte nichts zu sagen hat, als daß er die acht und zwanzig Jahre seiner Regierung (wie man bey seines gleichen das divino far niente nennt) in der üppigsten Unthätigkeit in seinem Harem zwischen Weibern und Höflingen verträumt habe. ,
Und auf zertrümmerten Tyrannen
Von Sieg zu Sieg bis an den Indus flog?
Sein wälzender Triumph zermalmte tausend Städte,
Zertrat die halbe Welt – warum? laßt's ihn gestehn!
»Damit der Pöbel von Athen
Beym nassen Schmaus von ihm zu reden hätteder Pöbel von Athen... zu reden hätte: »O ihr Athener, (soll Alexander, als er in einem äußerst mühseligen und gefährlichen Abenteuer am Flusse Hydaspes in Indien begriffen war, ausgerufen haben) werdet ihr jemahls glauben können, was für Gefahren ich laufe, um mir euere gute Meinung zu erwerben?«
Um wie viel mehr, als solch ein Weltbezwinger,
Ist Der ein Held, ein Halbgott, kaum geringer
Als Jupiter, der tugendhaft zu seyn
Sich kühn entschließt; dem Lust kein Gut, und Pein
Kein Übel ist; zu groß, sich zu beklagen,
Zu weise, sich zu freu'n; der jede Leidenschaft
Als Sieger an der Tugend Wagen
Gefesselt hat und im Triumphe führt;
Den alles Gold der Inder nicht verführt;
Den nur sein eigener, kein fremder Beyfall rührt;
Kurz, der in Phalaris durchglühtem Stier verdärbe
Eh' er in Phrynens Arm – ein Diadem erwärbe.

In solche schimmernde Betrachtungen vertieft
Lag Phanias, schon mehr als halb entschlossen;
Als Amor unverhofft die neue Denkart prüft,
Die Gram, Philosophie und Noth ihm eingegossen.
Er sah, und hätte gern den Augen nicht getraut,
Die ein Gesicht, wovor ihm billig graut,
Zu sehn sich nicht erwehren können.
Die Götter werden ihm den Ruhm doch nicht mißgönnen,
Ein Xenokrat zu seyn? Was hilft Entschlossenheit?
Im Augenblick der uns Minerven weiht
Kommt Cytherea selbst zur ungelegnen Zeit.
Zwar diese war es nicht: doch hätte
Die Schöne, welche kam, vielleicht sich vor der Wette,
Die Pallas einst verlor, gleich wenig sich gescheut.
Schön, wenn der Schleier bloß ihr schwarzes Aug' entdeckte,
Noch schöner, wenn er nichts versteckte;
Gefallend, wenn sie schwieg, bezaubernd, wenn sie sprach:
Dann hätt' ihr Witz auch Wangen ohne Rosen
Beliebt gemacht; ein Witz, dem's nie an Reitz gebrach,
Zu stechen oder liebzukosen
Gleich aufgelegt, doch lächelnd wenn er stach
Und ohne Gift. Nie sahe man die Musen
Und Grazien in einem schönern Bund,
Nie scherzte die Vernunft aus einem schönern Mund;
Und Amor nie um einen schönern Busen.

So war, die ihm erschien, so war Musarion.
Sagt, Freunde, wenn mit einer solchen Miene
Im wildsten Hain ein Mädchen euch erschiene,
Die Hand aufs Herz! sagt, liefet ihr davon?
»So lief denn Phanias?« – Das konntet ihr errathen!
Er that was Wenige in seinem Falle thaten,
Allein, was jeder soll, der sicher gehen will.
Er sprang vom Boden auf, und – hielt ein wenig still,
Um recht gewiß zu sehn was ihm sein Auge sagte;
Und da er sah, es sey Musarion,
So lief er euch – der weise Mann! – davon
Als ob ein Arimasp ihn jagteein Arimasp ihn jagte: Die Arimaspen sind (wie uns Plinius unter der Gewährleistung der berühmten Geschichtschreiber Herodot und Aristeas meldet) ein Skythisches Volk, das im äußersten Norden, unweit der Höhle des Nordwindes wohnt, nur Ein Auge mitten auf der Stirne hat, und in ewigem Kriege mit den Greifen lebt, um ihnen das Gold zu rauben, welches diese ungeheuren Vögel mit unersättlicher Begierde aus den Adern der Erde hervor scharren, bloß um das Vergnügen zu haben, ihre Goldhaufen Tag und Nacht zu bewachen und gegen die Arimaspen zu vertheidigen. Das, was an diesem Mährchen historisch wahr ist, gehört nicht hierher. .

»Du fliehest, Phanias?« ruft sie ihm lachend nach:
»Erkennest mich und fliehst? Gut, fliehe nur, du Spröder!
Dein Kaltsinn macht Musarion nicht blöder;
Du schmeichelst dir doch wohl, sie sey so schwach
Dir nachzufliehn?« – Durch ungebahnte Pfade
Wand er wie eine Schlange sich:
So schlüpft die keusche Oreade
Dem Satyr aus der Hand, der sie im Bad erschlich.
Die Schöne folgt mit leichten Zephyrfüßen,
Doch ohne Hast; denn (dachte sie) am Strand
Wohin er flieht, wird er wohl halten müssen.
Es war ihr Glück, daß sich kein Nachen fand;
Denn, der Versuchung zu entgehen,
Was thät' ein Weiser nicht? Doch da er keinen fand,
Wohin entfliehn? – Es ist um ihn geschehen
Wenn ihn sein Kopf verläßt! – Seyd unbesorgt! er blieb
Am Ufer ganz gelassen stehen,
Sah vor sich hin, schwang seinen Stab, beschrieb
Figuren in den Sand, als ob er überdächte
Wie viele Körner wohl der Erdball fassen möchte;
Kurz, that als säh' er nichts, und wandte sich nicht um.

»Vortrefflich!« rief sie aus, »das nenn' ich Heldenthum
Und etwas mehr! Die alte Ordnung wollte,
Daß Daphne jüngferlich mit kurzen Schritten fliehn,
Apollo keuchend folgen sollte;
Du kehrst es um. – Fliehst du, mich nachzuziehn?
Den kleinen Stolz will ich dir gerne gönnen!«

»Du irrest dich«, antwortet unser Held
Mit Mienen, welche nicht, wie sehr sie ihm misfällt,
Verbergen wollen oder können:
»Ein rascher meilenbreiter Spalt,
Der plötzlich zwischen uns den Boden gähnen machte,
Ist alles, glaube mir, wornach ich sehnlich schmachte,
Seitdem ich dich erblickt.« – »Der Gruß ist etwas kalt«,
Erwiedert sie: du denkest, wie ich sehe,
Die Reihe sey nunmehr an dir,
Und weichst zurück so wie ich vorwärts gehe.
Doch spiele nicht den Grausamen mit mir!
Was willst du mehr, als daß ich dir gestehe
Du zürnst mit Recht? Ja, ich mißkannte dich:
Doch, war ich damahls mein? Jetzt bin ich, was du mich,
Zu seyn, so oft zu meinen Füßen batest.«

»Wie, (unterbrach er sie) du, die mit kaltem Blut
Mein zärtlich Herz mit Füßen tratest,
Mich lächelnd leiden sahst – du hast den Übermuth
Und suchst mich auf, mich noch durch Spott zu quälen?
Zwey Jahre liebt' ich dich, Undankbare, so schön,
Wie keine Sterbliche sich je geliebt gesehn.
Dein Blick, dein Athem schien allein mich zu beseelen,
Thor, der ich war! von einem Blick entzückt
Der sich an mir für Nebenbuhler übte;
Durch falsche Hoffnungen berückt,
Womit mein krankes Herz getäuscht zu werden liebte!
Du botst verführerisch das süße Gift mir dar,
Und machtest dann mit einem andern wahr
Was dein Sirenenmund mir zugelächelt hatte.
Und, o! mit wem? – Dieß brachte mich zur Wuth!
(Nur der Gedank' empört noch itzt mein Blut)
Ein Knabe war's, – erröthe nicht, gestatte
Daß ich ihn mahlen darf, – gelblockig, zephyrlich,
Ein bunter Schmetterling, so glatt wie eine Schlange,
Mit Gänseflaum ums Kinn, mit rothgeschminkter Wange,
Ein Ding, das einer Puppe glich,
Wie kleine Töchterchen mit sich zu Bette nehmen:
Dem gabst du, ohne dich zu schämen,
Den Busen preis, um den der Hirt von Ilion
Helenen untreu worden wäre;
Dieß Äffchen machte den Adon
Der Nebenbuhlerin der Göttin von Cythere.
Und Phanias, indeß so ein Insekt
Auf deinen Rosen kriecht, liegt Nächte durch gestreckt,
Mit Thränen, die den May von seinen Wangen ätzen,
Die Schwelle deiner Thür, Undankbare, zu netzen!
Nein! Der versöhnt sich nie, der so beleidigt ward!
Hinweg! die Luft, in der du Athem ziehest,
Ist Pest für mich – Verlaß mich! du bemühest
Dich fruchtlos! unsre Denkungsart
Stimmt minder überein als ehmahls unsre Herzen.«

»Mich däucht (erwiedert sie) du rächest dich zu hart
Für selbst gemachte Liebesschmerzen.
Sey wahr, und sprich, ist's stets in unserer Gewalt
Zu lieben wie und wen wir sollen?
Oft fragt der Liebesgott uns nur nicht ob wir wollen?
Wir finden ohne Grund uns zärtlich oder kalt.
Itzt dem Apollo spröd, itzt schwach für einen Faunen.
Was weiß ich's selbst? wer zählet Amors Launen?
Ihr, die ihr über uns so bitter euch beschwert,
Laßt euer eignes Herz für unsers Antwort geben!
Ihr bleibt oft an der Stange kleben,
Und was euch angelockt war kaum der Mühe werth.
Ein Halstuch öffnet sich, ein Ärmel fällt zurücke,
Und weg ist euer Herz! Oft braucht es nicht so viel;
Ein Lächeln fängt euch schon, ihr fallt von einem Blicke.
Ein flüchtiger Geschmack, ein Nichts, ein eitles Spiel
Der Phantasie, regiert uns oft im Wählen;
Das Schöne selbst verliert auf kurze Zeit
Den Reitz für uns; wir wissen daß wir fehlen,
Und finden Grazien bis in der Häßlichkeit.
Hat die Erfahrung, wie ich glaube,
Von dieser Wahrheit dich belehrt;
So ist mein Irrthum auch vielleicht verzeihenswerth.
Wer suchet unter einer Haube
So viel Vernunft als Zenons Bart verheißt?
Und wie? mein Freund, wenn ich sogar zu sagen
Mich untersteh', daß wirklich mein Betragen
Für meine Klugheit mehr als wider sie beweist?
Ich schätzt' an dir, wofür dich jeder preist,
Ein edles Herz und einen schönen Geist:
Was ich für dich empfand war auf Verdienst gegründet;
Du warst mein Freund, und fordertest nicht mehr;
Vergnügt mit einem Band das nur die Seelen bindet,
Sahst du mich Tage lang, und fandest gar nicht schwer
Mich, wenn der Abendstern dir winkte, zu verlassen,
Um an Glycerens Thür die halbe Nacht zu passen.
So ging es gut, bis dich ein Ungefähr
An einem Sommertag in eine Laube führte,
Worin die Freundin schlief, die wachend dich bisher
So ruhig ließ. Ich weiß nicht was dich rührte;
Der Schlaf nach einem Bad, wenn man allein sich meint,
Muß was verschönerndes in euern Augen haben:
Genug, du fandst an ihr sonst unerkannte Gaben
Und sie verlor den angenehmen Freund.
Nichts ahnend wacht' ich auf; da lag zu meinen Füßen
Ein Mittelding von Faun und Liebesgott!
In dithyrambische Begeist'rung hingerissen
Was sagtest du mir nicht! was hätt'st du wagen müssen,
Hätt' ich, der Schwärmerey die Lippen zu verschließen,
Das Mittel nicht gekannt! Ein Strom von kaltem Spott
Nahm deinem Brand die Luft. Mit triefendem Gefieder
Flog Amor zürnend fort: doch freut' ich mich zu früh;
Denn eh' ich mir's versah', so kam er seufzend wieder.
Mit Seufzen, ich gesteh's, erobert man mich nie;
Der feierliche Schwung erhitzter Phantasie
Schlägt mir die Lebensgeister nieder.
Ich machte den Versuch, durch Fröhlichkeit und Scherz
Den Dämon, der dich plagte, zu verjagen:
Doch diese Geisterart kann keinen Scherz ertragen.
Ich änderte die Kur. Allein mein eignes Herz
Kam in Gefahr dabey; es wurde mir verdächtig;
Denn Schwärmerey steckt wie der Schnuppen an:
Man fühlt ich weiß nicht was, und eh' man wehren kann
Ist unser Kopf des Herzens nicht mehr mächtig.
Auf meine Sicherheit bedacht
Fand ich zuletzt ich müsse mich zerstreuen.
Mir schien ein Geck dazu ganz eigentlich gemacht.
Für Schönen, die den Zwang der ernsten Liebe scheuen,
Taugt eine Puppe nur, die trillert, hüpft und lacht;
Ein bunter Thor, der tändelnd uns umflattert,
Die Zähne weißt, nie denkt, und ewig schnattert;
Der, schwülstiger je weniger er fühlt,
Von Flammen schwatzt die unser Fächer kühlt,
Und, unterdeß er sich im Spiegel selbst belächelt,
Studierte Seufzerchen mit schaler Anmuth fächelt.«


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