Christoph Martin Wieland
Musarion oder die Philosophie der Grazien
Christoph Martin Wieland

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                      »Das alles, was du sagst, (fiel unser Timon ein)
Soll, wie es scheint, ein kleines Beyspiel seyn,
Kein Handel sey so schlimm, den nicht der Witz vertheidigt.
Nur Schade, daß die Ausflucht mehr beleidigt
Als was dadurch verbessert werden soll.
Doch, laß es seyn! mein Thorheitsmaß ist voll,
Wir wollen uns mit Zanken nicht ermüden.
Ich liebte dich; vergieb! ich war ein wenig toll:
Dir selbst gefiel ein Geck, und ich – ich bin zufrieden;
Erfreut sogar. Denn ständ' es itzt bey mir,
Durch einen Wunsch an seinen Platz zu fliegen,
Bathyl zu seyn – um dir im Arm zu liegen;
Bey deiner Augen Macht! – ich bliebe hier.
Du hörst, ich schmeichle nicht. Genießt Ihr das Vergnügen
Durch falsche Zärtlichkeit einander zu betrügen:
Mich fängt kein Lächeln mehr! – Ich seh' ein Blumenfeld
Mit mehr Empfindung an als eure schöne Welt:
Und wenn zum zweyten Mahl ein Weib von mir erhält,
Durch einen strengen Blick, durch ein gefällig Lachen
Mich bald zum Gott und bald zum Wurm zu machen,
Wenn ich, so klein zu seyn, noch einmal fähig bin:
Dann, holde Venus, dann verwirre meinen Sinn,
Verdamme mich zur lächerlichsten Flamme,
Und mache mich – verliebt in meine Amme.«

»Wie lange denkst du so?« versetzt Musarion;
»Der Abstich ist zu stark, den dieser neue Ton
Mit deinem ersten macht! Doch, lieber Freund, erlaube,
Ich fordre mehr Beweis, eh' ich ein Wunder glaube.
Du, welcher ohne Lieb' und Scherz
Vor kurzem noch kein glücklich Leben kannte;
Du, dessen leicht gerührtes Herz
Von jedem schönen Blick entbrannte,
Und der, (erröthe nicht, der Irrthum war nicht groß)
Wenn ihm Musarion die spröde Thür verschloß,
Zu Lind'rung seiner Qual – nach Tänzerinnen sandte;
Du, sprichst von kaltem Blut? du bietest Amorn Trutz?
Vermuthlich hast du dich, noch glücklicher zu leben,
In einer andern Gottheit Schutz
Und in die Brüderschaft der Fröhlichen begeben,
Die sich von Leidenschaft und Phantasie befrey'n,
Um desto ruhiger der Freude sich zu weih'n?
Du fliehst den Zwang von ernsten Liebeshändeln,
Und findest sicherer, mit Amorn nur zu tändeln;
Vermählst die Mäßigung der Lust,
Geschmack mit Unbestand, den Kuß mit Nektarzügen,
Studierst die Kunst dich immer zu vergnügen,
Genießest wenn du kannst, und leidest wenn du mußt?
Ich finde wenigstens in einem solchen Leben
Unendlichmahl mehr Wahrheit und Vernunft,
Als von der freudescheuen Zunft
Geschwollner Stoiker ein Mitglied abzugeben.
Und denkst du so, dann lächle sorgenlos
Zum Tadel von Athen, das deiner Änd'rung spottet.
Nicht, wo die schöne Welt, aus langer Weile bloß,
Zu Freuden sich zusammen rottet
An denen nur der Nahme fröhlich tönt,
Die, stets gehofft, doch niemahls kommen wollen,
Wobey man künstlich lacht und ungezwungen gähnt,
Und mitten im Genuß sich schon nach andern sehnt
Die da und dort uns gähnen machen sollen:
Nicht im Getümmel, nein, im Schooße der Natur,
Am stillen Bach, in unbelauschten Schatten,
Besuchet uns die holde Freude nur,
Und überrascht uns oft auf einer Spur,
Wo wir sie nicht vermuthet hatten.
Doch, Phanias, ist's diese Denkungsart,
Die dich der Stadt entzog, wozu die Außenseite
Von einem Diogen? wozu ein wilder Bart?
Mich däucht, ein weiser Mann trägt sich wie andre Leute?«

»Mein Ansehn, schöne Spötterin,
Ist wie es sich zu meinem Glücke schicket.
Wie? ist dir unbekannt in welcher Lag' ich bin?
Daß jenes Dach, von faulem Moos gedrücket,
Und so viel Land als jener Zaun umschließt,
Der ganze Rest von meinem Erbgut ist?
Was jeder weiß, kann dir allein unmöglich
Verborgen seyn: dein Scherz ist unerträglich,
Musarion, wie deine Gegenwart.
Mit wem sprichst du von einer Denkungsart,
Die von den Günstlingen des lachenden Geschickes
Das Vorrecht ist?« – »Freund, du vergissest dich:
Ein Sklave trägt die Farbe seines Glückes,
Kein edles Herz. Im Schauspiel stimmen sich
Die Flöten nach dem Ton des Stückes:
Allein ein weiser Mann denkt niemals weinerlich.
Wie, Phanias? Die Farbe deiner Seelen
Ist nur der Wiederschein der Dinge um dich her?
Und dir die Fröhlichkeit, des Lebens Reitz, zu stehlen,
Bedarf es nur ein widrig Ungefähr?
Ich weiß, mein Freund, wohin uns mißverstandne Güte,
Ein Herz, das Freude liebt, die Klugheit leicht vergißt,
Und niemand, als sich selbst, zu schaden fähig ist,
Ich weiß wohin sie bringen können.
Doch, alles recht geschätzt, gewinnst du mehr dabey
Als du verlierst. Was Thoren uns mißgönnen
Beweist nicht stets wie sehr man glücklich sey.
Das wahre Glück, das Eigenthum der Weisen,
Steht fest, indeß Fortunens Kugel rollt.
Dem Reichen muß die Pracht, die ihm der Indus zollt,
Erst, daß er glücklich sey, beweisen:
Der Weise fühlt er ist's. Ihm schmecken schlechte Speisen
Aus Thon so gut als aus getriebnem Gold.
Wenn um ihn her die muntern Lämmer springen,
Indem er sorgenfrey in eignem Schatten sitzt,
Und Zephyrn, untermischt mit bunten Schmetterlingen,
Gemähter Wiesen Duft ihm frisch entgegen bringen,
Die Vögel um ihn her aus tausend Zweigen singen,
Und alles, was er sieht, zugleich ergetzt und nützt:
Wie leicht vergißt er da, er, der so viel besitzt,
Daß sich sein Landhaus nicht auf Marmorsäulen stützt,
Nicht Sklaven ohne Zahl in seinem Vorhof lärmen,
Und Fliegen nur, wenn er zu Tische sitzt,
Die Parasiten sind, die seinen Kohl umschwärmen!
Kein Schmeichler-Heer belagert seine Thür,
Kein Hof umschimmert ihn! – Er freue sich! dafür
Besitzt er was das jedem Midas fehlet,
Was der Monarch mit Gold zu kaufen fälschlich meint,
Was, wer es kennt, vor einer Krone wählet,
Das höchste Gut des Lebens, einen Freund.«

»Du schwärmst, Musarion! – Er, dem das Glück den Rücken
Gewiesen, einen Freund?« – »Ein Beyspiel siehst du hier«,
Erwiedert sie: mich, die von freyen Stücken
Athen verließ, dich sucht', und da du mir
Entflohest, dir (der mütterlichen Lehren
Uneingedenk) so eifrig nachgejagt,
Wie andre meiner Art vor dir geflohen wären.
Ich dächte, das beweist, wenn einem Mann zu Ehren
Ein Mädchen – sich – und seinen Kopfputz wagt!'

»Ich weiß die Zeit – ich trug noch deine Kette –
(Hier seufzte Phanias) da, mich entzückt zu sehn,
Dich weniger gekostet hätte.
Du durftest, statt mir nachzugehn,
Dich damals nur nach Art der Nymphen sträuben,
Die gern an einem Busch im Fliehen hangen bleiben,
Mit leiser Stimme dräun und lächelnd widerstehn:
Allein, wer kann dafür, daß ungeneigte Winde
Von unsern Wünschen stets den besten Theil verwehn?
Dies ist vorbey! Jetzt, wenn es bey mir stünde,
Wünscht' ich mir nichts als ein gelaßnes Blut.
Man nennt mich zu Athen unglücklich – doch, ich finde,
Zu etwas, wie man sagt, ist stets das Unglück gut;
Durch ein bezaubertes Gewinde
Von süßem Irrthum hat zuletzt
Die Thorheit selbst mich auf den Weg gesetzt,
Zu werden was ich schien als man mich glücklich nannte.
Gesegnet seyst du mir, Geburtstag meines Glücks!
Tag, der mich aus Athen in diese Wildniß sandte!
Nicht Phanias, der Günstling des Geschicks,
Nein, Phanias, der Nackte, der Verbannte,
Ist neidenswerth! Da war er wirklich arm,
Unglücklicher als Irus, glich dem Kranken
Der sich zu Tode tanzt, als Schmeichler, Schwarm an Schwarm,
Sein Herzensblut aus goldnen Bechern tranken:
Beym nächtlichen Gelag, an feiler Phrynen Brust,
Da war er elend, da! ein Sklave, fest gebunden
Von jeder Leidenschaft! ein Opferthier der Lust!
Wie? Der, der siebenfach von einer Schlang' umwunden
Auf Blumen schläft und träumt er sitz' auf einem Thron,
Der sollte glücklich seyn? – Und wenn Endymion,
(Dem Luna, daß sie ihn bequemer küssen möge,
So schöne Träume gab) durch eine Million
Von Sonnenaltern stets in süßen Träumen läge,
Und träumt' er schmaus' am Göttertisch
Mit Jupitern und buhle mit Göttinnen,
Ein süß betäubendes Gemisch
Von allem was ergetzt berausche seine Sinnen,
Mit Einem Wort, er schwimme wie ein Fisch
In einem Ocean von Wonne –
Sprich, wer geständ' uns, unerröthend, ein,
Er wünsche sich Endymion zu seyn?
Diogenes, der Hund, in seiner Tonne
War glücklicher! – In unsrer eignen Brust,
Da, oder nirgends fließt die Quelle wahrer Lust,
Der Freuden, welche nie versiegen,
Des Zustands dauernder Vergnügen,
Den nichts von außen stört! Wie elend hätte mich
Ein Wechsel, der mir alles raubte
Wodurch ich mich vor diesem glücklich glaubte,
Fortunens ganzen Kram, – wie elend hätt' er mich
Gemacht, wenn mir aus ihrer lichten Sphäre
Die Weisheit nicht zu Hülf' erschienen wäre,
Die aus den Wolken mir die Arme reicht, zu sich
Hinauf mich zieht, und mich dahin versetzet,
Wo ihre Lieblinge, frey von Begier und Wahn,
Von keiner Lust gereitzt, von keinem Schmerz verletzet,
Sich den Olympiern und ihrer Wonne nahn.«


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