Christoph Martin Wieland
Musarion oder die Philosophie der Grazien
Christoph Martin Wieland

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                         Hier ward der hohe Schwung, den Phanias zu nehmen
Begriffen war, gehemmt. Schon schwanden Raum und Zeit
Aus seinem Blick, schon fühlt er sich entkleidt
Vom niederziehenden Gewand der Sterblichkeit,
Schon war er halb ein Gott; – als eine Kleinigkeit
Die wir uns fast zu sagen schämen
Ihn plötzlich in die Unterwelt
Zurücke zog. – Ihr mächtigen Besieger
Der Menschlichkeit, die ihr dem Sternenfeld
Euch nahe glaubt – das Herz ist ein Betrüger!
Erkennet euer Bild in Phanias und bebt!
Der Weise, der so kühn sich zum Olymp erhebt,
Der schon so hoch empor gestiegen,
Daß er (wie Sancho dort auf Magellonens Pferd)
Die purpurnen und himmelblauen Ziegen
Des Himmels grasen siehtwie Sancho dort..: Unter andern Wunderdingen, welche Sancho Pansa auf dieser eingebildeten Luftreise gesehen haben wollte, waren auch die sieben himmlischen Ziegen, (das Siebengestirn) mit denen er sehr gute Bekanntschaft gemacht zu haben vorgab, und von welchen, wie er getrost versicherte, zwey grün, zwey fleischfarben, zwey himmelblau und eine von gemischter Farbe sind. , die Sphären singen hört',
Und aus der Gluth, die sein Gehirn verzehrt,
Des Feuerhimmels Nähe schließet,
Ihn, der nichts Sterblich's mehr mit seinem Blick beehrt,
Den stolzen Gast des Äthers, schießet
Musarion mit einem – Blick herab.
Doch freylich war's ein Blick, nur jenem zu vergleichen
Den Koypel seinem Amor gab;
Der, euer Herz gewisser zu beschleichen,
Euch schalkhaft warnt, als spräch' er: Seht ihr mich?
Ihr denkt, ich sey ein Kind voll süßer Unschuld, ich?
Verlaßt euch drauf! Seht ihr an meiner Seite
Den Köcher hier? Wenn euch zu rathen ist,
So flieht! – Und doch, was hilft die kleine Frist?
Es sey nun morgen oder heute,
Ihr habt ein Herz, und das ist meine Beute!

So, oder doch in diesem Ton,
So etwas sprach der Blick, womit Musarion
Den weisen Phanias aus seiner Fassung brachte.
Er sah, er stockt', er schwieg; die alte Flamm' erwachte,
Und seine Augen füllt ein unfreiwillig Naß.
Die Schöne stellte sich sie sehe nichts, und lachte
Nur innerlich. Drauf sprach sie: Phanias,
Es dämmert schon. Ich habe mich zu lange
Bey dir verweilt. Athen ist weit von hier;
In dieser Gegend kenn' ich niemand außer dir,
Und hier im Hain, gesteh' ich, wäre mir
Die Nacht hindurch vor Ziegenfüßlern bange.
Was ist zu thun? – Ich denk' ich folge dir?«

»Mir? stottert Phanias: gewiß sehr viele Ehre!
Allein mein Haus ist klein« – »Und wenn es kleiner wäre,
Für eine Freundin hat die kleinste Hütte Raum.« –
Du wirst an allem Mangel haben,
Ein wenig Milch, ein Ey, und dieses kaum« –
»Mich hungert nicht.« – »Nur einen Hirtenknaben,
Dich zu bedienen« – »Nur? Es ist an Dem zu viel.
Wir wollen gehn, mein Freund! die Luft wird kühl«
»Vergieb, Musarion; ich muß dir alles sagen:
Mein Häuschen ist besetzt; ich habe seit acht Tagen
Zwey Freunde, die bey mir« – »Zwey Freunde?« – »Ja, und zwar
Die, däucht mir, nicht zu deinem Umgang taugen.« –
»Was sagst du? – Philosophen gar?
Sie haben doch noch ihre Augen?
Gut, Phanias, ich will sie kennen, ich« –
»Du scherzest.« – »Nein, mein Herr; ich hatte, wie Ihr mich
Hier seht, von ihrer Art wohl eher
Um meinen Nachttisch stehn.« – »Vergieb, ich zweifle sehr:
Der stoische Kleanth« – »O Ceres! und wer mehr?«
»Theophron, der Pythagoräer,
Sind schwerlich von so blödem Geist« –
»O Phanias, ist alles Gold was gleißt?
Allein, gesetzt, sie wären lauter Geist,
Was hindert dieß? Nur desto mehr Vergnügen!« –
»Kurz, wir sind drey, Madam, und auf den Mann
Ein kleines Ruhebett« – »Man hilft sich wie man kann;
Und können wir den Schlaf durch Schwatzen nicht betrügen?
Wir gehn, mein Lieber – deinen Arm!
Nun, Phanias? macht dir mein Antrag warm?
Man dächt' es wäre hier wer weiß wie viel zu wagen.
Drey Weise werden mir doch wohl gewachsen seyn?
Ich fürchte nichts bey euch, und bin allein.«

Was soll er thun? – Wo Widerstreben
Vorm Untergang das Schiff nicht retten kann,
Da wird ein weiser Steuermann
Mit guter Art sich in den Wind ergeben.
Mein Phanias, der nur aus blöder Scheu
Vor seinen Mentorn sich so lange widersetzte,
Schwor, daß er seine Einsiedley
Dem Musentempel ähnlich schätzte,
Weil ihr das Glück beschieden sey,
Die liebenswürdigste der Musen zu beschatten.
Schon zeigte sich, daß ihre Reitze noch
Nicht alle Macht auf ihn verloren hatten.
Der ausgetriebne Amor kroch,
So leise, wie auf Blumenspitzen,
Aus ihren Augen in sein Herz.
Des Gottes Ankunft kündt ein fliegendes Erhitzen
Der blassen Wang', ein wollustvoller Schmerz
Mit Thränen an, die wider seinen Willen
In runden Tropfen ihm die Augenwinkel füllen.
Er meint er athme nur, und seufzt; starrt unverwandt
(Indeß sie schwatzt und scherzt) sie an, als ob er höre,
Und hört doch nichts; drückt ihr die runde Hand,
Und denkt, indem durchs steigende Gewand
Die schöne Brust sich bläht, ob diese halbe Sphäre
Der Pythagorischen nicht vorzuziehen wäre?

Die Schöne wurde die Gefahr
Worin der Ruhm der Stoa schwebte,
Den Kampf in seiner Brust und ihren Sieg gewahr,
Und wie vergebens er der Macht entgegen strebte
Wovon (so lispelt ihr der Liebesgott ins Ohr)
Die Philosophen selbst, sie wollten
Nun oder wollten nicht, bald Zeugen werden sollten.
Sie sah, wie nach und nach sein Trübsinn sich verlor,
Und wie beredt, wie stark sein Auge sagte,
Was er sich selbst kaum zu gestehen wagte;
Allein sie fand für gut, (und that sehr klug daran)
Ihm, was sie sah, und ihrer beiden Seelen
Geheime Sympathie zur Zeit noch zu verhehlen.
Nur sah sie ihn mit solchen Blicken an,
Die er berechtigt war so günstig auszulegen
Als ihm gefiel. Allein, macht die Begier verwegen,
So macht die Liebe blöd. Er sah in ihrem Blick
Sonst jeden Reitz, nur nicht sein nahes Glück.

So langten sie, da schon die letzten Strahlen schwanden,
Bey seinem Landgut an, wo sie das weise Paar,
Von Linden die im Vorhof standen
Umduftet, unverhofft in einer Stellung fanden,
Die der Philosophie nicht allzu rühmlich war.


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