Weiß Ferdl
Die kreutzfidele Harfe
Weiß Ferdl

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Intimes von der Bänkelsängerei.

Der Anfänger.

Eines der unglücklichsten Geschöpfe auf der Welt ist so ein Anfänger bei den Volkssängern. Er ist das Mädchen für alles. Nicht nur daß er den Kollegen und Kolleginnen fleißig Bier holen muß, nein, er ist der »Polante« für alle. Er muß die Garderobekoffern von einem Kunsttempel zum andern fahren, er muß die Bühne richten, abräumen, muß der dicken Frau Direktor die Kleider, die hinten zum Einhaken sind, zumachen, eine sehr anstrengende Arbeit, usw. Geht irgend etwas schief am Brettl oben, ist natürlich nur der Anfänger schuld. Er hat ein falsches Stichwort gebracht, er ist zu früh oder zu spät aufgetreten, immer nur er, die anderen sind unfehlbar.

Wie ich zur Bänklsängerei kam, ging folgendermaßen. Ich war ohne Stellung; da mir aber das Leben und Treiben der Großstadt sehr gut gefiel und ich mich schämte, gleich wieder heim zur Mutter zu gehen, suchte ich in der Zeitung nach irgendeiner Beschäftigung. Da fiel mir ein Inserat in die Augen: »Sänger-Anfänger wird gesucht«. Das ist was für mich. Ich stellte mich vor, mußte irgendein Lied vorsingen, ich glaub, es war: »Woaßt du Muatterl, was mir tramt hat«, hab dasselbe mit solcher Hingabe gesungen, daß ich sofort vor den Augen der Frau Direktor Karl – Gott 63 hab sie selig, sie hielt viel auf mich und ich habe ihr manches zu danken – Gefallen fand. Nachdem ich irgendeinen Satz aus einer Komödie vorgelesen hatte, hieß es, ich hätte schon das Zeug zu einem Naturburschen. Ich wurde engagiert. Um bei dem Repräsentationschor mitsingen zu können, brauchte ich einen Frack. Mit meiner Hausfrau, die ein gutes Mundstück hatte, ging ich zu einem Tändler in der Löwengrube. Zwei Fräcke kamen in Betracht; der eine kostete 12 Mark, der zweite, der allerdings etwas verdächtig glänzte, 7 Mark. Ich wählte den zu 7 Mark. Die Tändlerin riet mir zu dem für 12 Mark, sie meinte, der für 7 Mark sei doch sehr schundig, das ist höchstens was für einen »Komika«, aber für neambt G'scheit'n. Das tat weh. Gleich am Anfang eine solche entwürdigende Äußerung über den Stand, dem ich angehören will. – Doch ich blieb fest, hab' nicht geweint. Meine Hausfrau versuchte, indem sie feststellte, daß das Futter zerrissen sei und daß die Flecken, die drinn sind, wahrscheinlich nicht amal mit Benzin rausgehen werden, noch 2 Mark herunterzuhandeln. Die Tandlerin versicherte auf »Ehr und Seligkeit«, daß sie der Frack selber 5 Mark 50 Pfennig koste und unter 6 Mark auf gar keinen Fall hergeben kann. Ich zahlte 6 Mark und war Volkssänger-Eleve. Einige Tage darauf sang ich im Frack schon den Repräsentationschor mit. Bald erhielt ich eine kleine Rolle, es ging gut, meine Frau Direktor war zufrieden und gab mir eine größere Rolle. Ein Deserteur kommt heim ins Vaterhaus, stürzt sich seinen Eltern zu Füßen und bittet um Verzeihung. Beim Baaderwirt war's in der Dachauerstraße, mein Stichwort fiel, ich stürzte hinaus, rannte den 64 Zigarrenmann, der mir im Weg stand, fast um, der schimpfte noch, aber ich hörte nichts, stieß noch an einen Tisch, daß die Gäste besorgt nach ihren wackelnden Biergläsern griffen, und landete stolpernd auf dem Podium, was gut paßte, weil ich mich ja so auf die Knie stürzen mußte. Dann kniete ich da droben, gesprochen hab ich sehr wenig, aber desto mehr gezittert, gezittert hab ich so echt, daß sogar das Podium mitgewackelt hat, meine Mitspieler haben auch mit gewackelt, alles hat gewackelt, der halbe Baaderwirt – und die Komödie war geworfen. Die gütige Direktorin faßte die Kritik in folgende Worte zusammen: »I bin selba schuld, i hätt Ihna noch koa solche Roll'n geb'n soll'n. Das war nix!« – Doch bald ging es besser, obwohl ernste Rollen nie meine Stärke waren, ich fühlte mich in solchen Schmachtfetzen, wie ich die Stücke nannte, stets unbehaglich. Einmal bei einer Weihnachtskomödie, in der die Leute weinen sollten, hatte ich einen Knecht zu spielen. Schon als ich auftrat, lachten die Leute. Es ist merkwürdig, grad in einem ernsten Stück lachen die Leut am liebsten; ich freute mich und tat alles, um das Publikum zum Lachen zu bringen, ließ Nüss' und Äpfel fallen, stolperte, warf den Christbaum um, die Leute brüllten, ich war nicht wenig stolz auf meinen Erfolg, die andern alle wütend, weil sie das Publikum nicht zum Weinen brachten.

Mein erstes Solo als Liedersänger sang ich im Oberottl in der Sendlingerstraße, und zwar das Lied mit dem herzigen Refrain:

        s'Herzerl is so krank,
Mir is Angst und bang. 65

Das stimmte. Mir war angst und bang und hatte ein sehr starkes Tremolo in meinen Tönen. Doch es ging ganz gut, wenn auch die lieben Kollegen gehässigerweise sagten: »Es hat nichts passieren können, wir sind ja an der Tür g'stand'n und haben niemand nauslassen, sie mußten sitzen bleiben.« Drei Wochen später hatte ich im Kaisergartl draußen mit dem Lied: »Ins Dörferl zieh'n die Werber ein« schon einen schönen Erfolg. Hocherfreut ging ich die Kellertreppe in die Garderobe hinunter, da war die kalte Dusche schon vorbereitet. Ich war noch nicht in der Garderobe, als ich die Worte von einem neidischen Kollegen hören mußte: »Heut sitzt ein furchtbar blödes Publikum draußen, heut gefällt wieder jeder Mist!« Ich wußte, wem das anging. Doch als dann unsere Truppe nach Chemnitz engagiert wurde, war ich bereits ein brauchbares und vielverwandtes Mitglied. Doch recht wohl fühlte ich mich nicht, ab und zu schämte ich mich des Berufes, und als ich 1903 zum Militär einrücken mußte, faßte ich den festen Entschluß, zur Schriftsetzerei zurückzugehen. Aber es kam halt doch anders. 66



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