Weiß Ferdl
Die kreutzfidele Harfe
Weiß Ferdl

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Das neue Evangelium!

Andächtige versammelte Christen, vernehmet das heutige Evangelium, welches geschrieben hat der Evangelist Ferdiläus, weil ihn in die Finger fror, und der Kohlenhändler, ein Ungläubiger, dem er für einen Sack Kohlen die ewige Seligkeit versprach, den Sack Kohlen nicht brachte und sprach: »Mir is 's Geld lieber!«

76. Kapitel – Erster mit 82. Vers.

Wahrlich, wahrlich, sage ich euch, es wird kommen eine Zeit mit Kriegsgeschrei und Not und das Volk wird hungern und murren und die Weisen des Landes werden sich versammeln und beraten, wie dem zu helfen sei. Um die Gaben des Himmels gerecht zu verteilen unter dem darbenden Volke, gründeten die Weisen des Landes die Kommunalverbände, welche alles, was der Herr wachsen und gedeihen ließ, aufkauften, in ihre Speicher abführten und geduldig und gottergeben warteten – bis die Preise stiegen.

Damit aber Keiner zu viel bekäme und alles gerecht verteilt würde, zeugeten die Kommunalverbände die Marken des Brotes, die Marken des Brotes aber zeugeten die Marken des Mehles, die Marken des Mehles aber zeugeten die Marken des Fleisches, die Marken des Fleisches aber zeugeten mit den Metzgern die Marken des Fettes, die Marken des Fettes aber zeugeten die Marken der Milch – 32 und alle diese Marken gingen hin und vermehrten sich und siehe da: »Die Bäcker kauften sich Häuser, die Metzger fuhren im Auto und die Milchhändler hatten zu wenig Finger, um ihre Brillantringe anzustecken. Das Volk aber darbte und hungerte und niemand wußte Rat.« –

Zu jener Zeit aber lebten einige kluge Männer aus dem Stamme Schieberäus, welche jedermann gegen Geld alles verschafften, was sein Herz begehrte Und alsobald begann ein Schieben, daß die Erde erzitterte und die Sonne sich verdunkelte und es kam eine Zeit, in der alles verschoben war.

Die Braven und Guten mußten hungern und die Leichtsinnigen und Prasser lebten in Freuden. Alte Männer, die ihr Leben lang gearbeitet, liefen in zerrissenen Schuhen umher und 16jährige Nichtstuer fuhren im Auto. Millionen Menschen hungerten – und das hießen sie den Freiheitsstaat.

Als die Not am größten war, erbarmte sich der Herr den Seinen und ließ nichts mehr wachsen und bald fingen auch die vom Stamme Schieberäus zu hungern an. Da gingen sie zu einem alten weisen Manne, einem Doktor der Philosophie, der 37 Sprachen sprach und in einem Luxuscafé Tassen abspülte und frugen ihn um Rat.

Dieser sprach sodann: »Bringet alles Papiergeld, was ihr habt und legt es auf einen Haufen.« Da begann ein Rennen und Laufen und sie brachten das Geld in Wägen, Lastautos und Möbelwagen und die vom Steueramt wunderten sich, woher das viele Geld kam, von dem sie nichts wußten. Der Berg wurde höher und höher und die vom Stamme Schieberäus saßen auf ihren Geldhaufen und gaben acht, daß ihnen nichts verloren ginge. 33

Da nahm der weise Mann zwei Kieselsteine, schlug sie aufeinander, ein Funke sprang daraus hervor, entzündete den Geldberg und alles Papiergeld und mit ihm die vom Stamme Schieberäus verbrannten und Schweinefett stank zum Himmel.

Die Gerechten jubelten und frohlockten und sangen: Alleluja, mir hab'n zuerst a nix g'habt.

Das sind die Worte des heutigen Evangeliums! – I wollt, mir war'n schon so weit. – Amen. 34


 

Kinder vertragt euch, geh seid gescheit.

        Sie liebten sich voll heißer Glut
Und waren sich so gut.
Ein Engel war sie süß und hold,
Er lieb und treu wie Gold.
Bald wurden sie ein glücklich Paar,
's ist her noch kaum ein Jahr.
Dem Onkel gestern sie's gestand,
Sie möchten wieder auseinand.
Der Onkel sprach, geh tut das nicht,
's ist stets die alt' Geschicht.
Auch ist's erprobt schon tausendfach,
Es kommt nichts bess'res nach;
Rückt eure Betten auseinand,
Dazwischen stellt 'ne Wand.
Glaubt mir, eh' noch 'ne Woch' vergeht,
Die Wand nicht mehr dazwischen steht,
Dann liebt ihr euch aufs neu,
Grad sö wie einst im Mai.

Refr.: Kinder vertragt euch, geh seid gescheit,
Macht anderen Leuten doch nicht die Freud;
Die lachen aus euch, lebt ihr im Streit,
Wenn ihr vertragt euch, platzen's vor Neid. 35

*

Zwei Brüder leben stets in Streit,
Ach schon seit langer Zeit.
Wenn der sagt: »schwarz«, sagt der stets »weiß«,
's ist der Bayer und der Preiß.
Der Preuße sagt, der Bayer sei
Mit'n »Zuschlag'n« gleich dabei.
Dickköpfig sei er auch nicht schlecht,
Ich glaube fast, da hat er recht.
Die Bayern sag'n: »Dö möcht'n gern,
Daß wir ganz preißisch wer'n.
Und überall und allawei
Hab'ns drinn ihr großes Mäu.«
Nicht alle Preußen tun so sein,
Kenn einen still und fein.
Wenn alle schrien laut ringsum,
Der sprach kein Wort, denn er war stumm.
Ich selbst ließ mich bekehr'n,
Hab jetzt wirklich Preuß–innen gern.

Refrain: Kinder vertragt euch usw.

*

In unserm deutschen Vaterland
Ist wilder Streit entbrannt,
Parteien gibt es ach so viel,
Jede hat ein andres Ziel.
O kommt zu uns und habt Vertrau'n,
Wir wollen neu aufbau'n.
Verräter seid ihr, andre schrei'n,
Und reißen wieder alles ein. 36
Schon stehet auf dem Trümmerfeld
Wieder ein neuer Held
Und rufet, ich führ' euch zum Licht,
Doch andre schrei'n: Nein, glaubt ihm nicht.
Soviele woll'n uns zieh'n empor,
Doch kommt es mir so vor,
Wir sinken tiefer immerfort,
Weil die zieh'n da – die andern dort.
So geht's nicht weiter mehr,
Drum hört auf meine Lehr.
Deutsche vertragt euch, geh' seid gescheit,
Macht unsern Feinden doch nicht die Freud;
Die lachen aus euch, lebt ihr in Streit,
Wenn ihr vertragt euch, platzens vor Neid. 37


 

Was die Leute in den Bergen sehen.

Das schönste, was wir in unserm Bayernlandl haben, das sind unsere Berg, und was das allerschönste daran ist, ist der Umstand, daß sie uns die Berg auch nicht nehmen können – oder verschieb'n; sie können's auch nicht zentralisier'n nach Berlin hinauf, das geht nicht Gott sei Dank, sonst wären sie wohl schon längst droben. Wenn sie's seh'n woll'n unsere Berg d'Berliner müssen's schon runter fahr'n, anders geht's nicht. – Sehr interessant ist es, wenn man sich auf unserm Hauptbahnhof aufhält und die Fremden belauscht, wenn sie von den Bergen zurückkommen. Es ist ganz merkwürdig, jeder sieht was anders. Wie der Mensch hineinschaut in die Welt, so sieht er auch die Welt. – Da fällt mir der niederbayerische Bauer ein, der vor vielen Jahren einmal eine Palästinareise gemacht hat mit seinem Hochw. Herrn Pfarrer. Als er zurückkam, haben ihn seine Nachbarn gefragt: »Hans, iazt sag uns amol, iazt bist so weit in der Welt umananda kemma, sag uns amol, was hat da auf dera Roas am allerbest'n g'fall'n?« – »Also paßt's auf,« hat der Bauer g'sagt, »wia ma durch Tirol durchi san, da hon i auf an Bahnhof zwoa Kaibin g'seg'n, also meiner Lebtag hon i no nix schöners g'seg'n, wie dö zwo Kaibin.« – Der hat also von der ganz'n Palästinareis' nichts g'seh'n als wie die zwei Kalb'n. – So geht's auch manchen, der in die Berge hineinfährt, manche sehen ja die Schönheit 38 der Alpenwelt, aber manche die sehen wieder gar nichts. – Kürzlich ging ich hinter einem Fräulein, die war auf der Roten Wand oben und erzählte ihrer Freundin: »Weißt Emmi, so was schönes hast noch nie geseh'n, du machst dir gar keinen Begriff, weißt und was das allerschönste war, am Abend im Unterkunftshaus war einer da, der hat Zither gespielt und da hab ich einen Berliner Herrn kennengelernt, der hat »Shymy« getanzt, also so was herrliches – aaach – das kannst dir nicht vorstellen.« – – – – – Die ist wegen dem »Shymy« auf die Rote Wand hinaufgestiegen. – So sind wir Menschen: der Botaniker sieht, wenn er einen Berg hinaufsteigt, bloß seine Blumen und Pflanz'n, ein Jager, der schaut bloß nach den Gams'n und ein Verliebter, der sieht bloß seine Angebetete, ihre Wad'ln, Hax'n, was ihm halt am besten gefällt, wenn »sie« vor ihm geht, übersieht er die ganze Zugspitz.

Ich will Ihnen nun einige markante Typen vorführen. Als erster kommt ein

 

Sittlichkeitsschnüffler.

In unserer heutigen schamlosen Zeit ist es wirklich kein Vergnügen, in die Berge zu fahren, was man da zu sehen bekommt, das ist empörend. In welchem Aufzug die Leute blos daher kommen, diese Bergsteiger, die haben manchmal nichts an wie Hemd und Hose und die Weiber erst, da haben manche nicht mal Hosen an, das hab ich schon einige Male gesehen. Glauben Sie ja nicht, daß die Leute wegen der schönen Aussicht hinaufsteigen, – o nein, die steigen nur hinauf, um da droben ihren Lüsten besser fröhnen zu können, warum suchen sie denn so einsame, schlechte Wege? – Damit 39 Leute, wie ich, ihnen nicht nachsteigen können sollen – aber ich steig nach, wo ich eine Unsittlichkeit wittere. – Dann diese Lieder, die da oben gesungen werden. Zum Beispiel: »Auf da Alm gibt's keine Sünd'«; da gibt's schon Sünde, sogar sehr viel Sünde – das weiß ich aus eigener Erfahrung. – Es sollte überhaupt verboten sein, daß Personen zweierlei Geschlechts auf ein und denselben Berg hinaufsteigen. Da sollen Berge mit weiblichen Namen für die Frauen und Berge für die Männer bestimmt werden. Es ist doch im höchsten Grade unsittlich, wenn z. B. eine Frau auf dem Watzmann herumsteigt. Empörend! – Dann diese sogenannten Familienbäder, diese Familienbäder! Glauben Sie ja nicht, daß da eine einzige Familie badet – o nein, da liegen sie rum in eng anliegenden Trikots, der nicht den geringsten Zweifel über die schamlosesten Körperformen läßt und die Gespräche, die dabei geführt werden, empörend. Stundenlang hab ich schon zugehört. – Einmal hab ich in einem derartigen Familienbad ein mir ganz fremdes Weib unter dem Wasser in die Waden gezwickt, ich wollte nur sehen, was sie macht. Was meinen Sie, was sie gemacht hat? Gelacht hat sie! Dann hab ich sie noch einmal hinein gezwickt, hat sie wieder gelacht! Ich war empört und hab sie zum drittenmal etwas höher hineingezwickt. Was glauben Sie, was dieses schamlose Frauenzimmer gesagt hat: »Wenn's sonst nix können, dann tun's ma leid!« – Ist das nicht empörend!!!

*

Als nächster kommt ein echter Münchener, der Herr Alois Mitterhuber. Sie dürfen nicht glauben, daß die Münchner 40 nicht auch in die Berge gehen. Oha! – Also der Mitterhuber und seine beiden Freunde, der Xaverl und der Sepp, die kommen jede Woche dreimal zum Tarocken zusammen, haben eine kleine Reisesparkasse eingeführt und machen mit dem Geld jedes Jahr eine Reise in die Alpen. Heuer war folgendes ausgemacht: Mit der Bahn nach Kufstein, dann zu Fuß nach Hinterbärenbad, Aufstieg zum Stripsenjoch, dann hinunter zum Mitterjäger und nach St. Johann. Am nächsten Tag mit dem Motoromnibus nach Lofer, Reichenhall und dann zurück nach München. Als Ausrüstung wurde mitgenommen eine Laterne, ein Seil, viel Brotzeit und – eine Tarockkarte.

 

Der Mitterhuber

erzählt Ihnen nun selbst, wie weit sie vorgedrungen:

Also mir san in der Früah mit'n erst'n Zug weg, mir san scho bald am Bahnhof außi, daß ma an schöna Platz krieg'n am Fenster, zweg'n der schönen Aussicht. Mir ham a an schöna Platz dawischt. – Der Zug is net glei ganga, da sagt der Xaverl: »Jazt kunnt ma eigentli a kloan's Taröckerl macha, nacha vergeht d' Zeit schneller!« Also guat, mir setz'n 13 Mark z'samm und bis ma uns umg'schaut hab'n, san ma scho z' Kufstoa drinn gwen, mir hab'n d' Solo gar net ausspuin kinna, der Xaverl hat nacha 's Geld gnumma und hat's in sei Notizbüchl neig'schrieb'n, nacha ham ma g'sagt, bal ma amol Brotzeit macha, nacha kinna ma's ja ausspuin! – In Kufstein hab'n ma an Eisenbahna g'fragt, wo's da an guat'n Wei gibt, der hat g'sagt, geht's da ummi in d' Traub'n, glei beim Bahnhof. Also mir san in d' Traub'n eine, hat si a jeder a Halbe Terlaner b'stellt, a fein's Weinderl, 41 der hat a Blume g'habt. Wia ma die erste Halbe trunka g'habt ham, sagt der Xaverl: »Oane trink ma no!« – Also guat, hab'n ma no oane trunka. Nacha ham ma glei a bisserl Brotzeit g'macht, da moant der Xaverl, jetz könnt ma eigentli unsere Solo ausspuin, nacha brauch i dös Geld net allweil mitschlepp'n. – Also guat, ham ma d' Solo ausg'spuit, krieg i a Bär'nkart'n her, lauta Aß und Zehna, i hab halt 's ganze Geld außag'holt. Wia ma firti war'n, sag i: »Also genga ma iazt hintri auf Hinterbärenbad?« – Nacha sag'n die andern, dös kannst da denka, z'erst holt er 's ganze Geld, nacha möcht er aufhör'n, naa, iatzt setz ma nomal 15 Mark z'samm. Also guat, ham ma nomal 15 Mark z'sammg'setzt, nacha hat si no a jeda a Halbe kaaft, nacha ham ma nomal brodelt und danach hab'n ma's glei aus da Flasch'n g'suffa. Bis auf d'Nacht um sechse hab'n ma alle drei a solche Hepfa g'habt, daß ma d' Welt a nimma g'seg'n ham. Um halbe sieme is nacha grad a schöna Zug nach Münka ganga, nacha san ma glei wieda hoamg'fahr'n. – Aber schö is da drinn – ah – z'nachst Jahr mach ma die gleiche Tour no amal!

 

Ein gemütlicher Sachse

(trifft auf dem Bahnhof einen guten Freind).

»Holara di-di! Ich gann d'r sach'n, so was Scheenes hab ich doch im mein ganz'n Läb'n nich gesäh'n. In der säcks'schen Schweiz is ja ooch scheene, aber so was, nee, du machst dir gar keenen Begriff – een Bärg höher wie der andre. – Und die Leide, so gemiedlich, uff äm Berg hab ich en Bayern gefrachd, ob ich hier runterrutsch'n gann?« »Na!« sacht er, 42 »aber mir kannste am Buckl runterrutsch'n.«– So entgächengommend sinn die Leide und zu ess'n kannste kriech'n, was dei Herz verlangt. – Am letz'n Tach war ich auf eener Alm ob'n, ach Herjemerschnee, war's da scheene. Und die Sennerin, die war echal' ganz verrückt nach mir, wer weeß, was da nich alles passiert wär, wenn ich nicht wech gemüßt hädde, eichja. – Wie ich wech bin, hat se mir zwee Pfund Budder direckt nachgeschmissen, ich sach dir direckt nach geschmissen hat's se mir's – das Pfund zu 500 Mark – so verrückt war das Weibs'n nach mir. – Also ich sach dir mei liebber Freind, ä härrliche Gechend. Hollora di-di.«

 

Ein Preiß

(der in eine Regenperiode hineingekommen und daher nicht in der rosigsten Laune ist).

In die bayerischen Berje jewesen. En Tach wie'n andern jeregnet. Schöne Jechend – Quatsch! – Alpenglüh'n – Quatsch! Jefror'n hab ick bis uff de Knoch'n. – Und die Bayern, so alberne Jebräuche, alles janz anders wie bei uns. Nachts jehen die Jungens zum Fensterln, hab ick ooch mal vasucht, war nischt – ausjerutscht, in die Jauchejrube jefallen – scheußlich. – Nischts los, keene Diele, keen Tanzlokal, keen Nachtbetrieb, jar nischt, ejal die ollen Berje – nöh, nöh, eenmal, – nie wieder!

 

Samy Löwenherz

trifft seinen Freund Kahn und gibt ihm gute Ratschläge:

Ech war heuer mit mainer Familie in Farchant, das ist bei Part'nkirch'n, es hat mer gut gefall'n! Da 43 Sundheimer war aach da mit seiner Familie, – der Einstein war aach da – der Levysohn war aach da, da Frankforter, der Direktor von der Germaniawerke – ja – und der Rosenberger war aach da – der klane, der Blonde, du kennst aach – der Macher von der Treuhandgesellschaft – ä großer Ganeff. – Es war a recht a nette Gesellschaft beisammen. Da Rosenberger, der kleine, der Blonde, der Macher von der Treuhandgesellschaft, möcht a G. m. b. H. gründ'n, er will die Zugspitz kauf'n, ä Bahn hinauf bauen, ä Hotel, ä klane Börs' und a Synagog, na sen mer ganz unter uns da ob'n. Die österreichische Seit'n hat er schon gekauft – Spaß bei der Valuta.

Mei lieber Kahn, es ist schön da drinn, de Berg, ä Pracht, ma sieht se von unt'n aach, ma braucht nix hinaufzusteigen. Laß dir sag'n mei lieber Kahn, geh nix nach Garmisch, geh nix nach Part'nkirch'n, da is nix – da san zu viel Juden.

 

Ein Amerikaner

(fährt mit seinem Führer in die Gegend von Garmisch-Partenkirchen, es gefällt ihm, er läßt halten und stellt folgende Fragen):

stop! – Uas sein das for Berg? – Die spitzige Dreitor! allright! – Uas sein das für Berg? – Der Zugspitz, oh well, der hochste Berg von Germain – allright. Uas sein das for viele hous? – Ah, de Garmisch-Partekirch – well. Und dieses alles zusammen, de spitzige Dreitor and the Zugspitz and the Garkirch and Partemisch, uiviel kost das?


 

Ich weiß eine Bank

Ein Münchner Foxtrott-Lied.

                    Jeder trachtet nur nach Geld,
            Jetzt auf uns'rer schnöden Welt,
      Und es schwinden langsam alle Ideale,
            Ach so wenig Poesie,
            Wie zur Zeit gab es noch nie.
      Ja die Menschen schwärmen heut nur fürs Reale.
            Jeder Schulfratz spekuliert,
            Deshalb ihn nicht int'ressiert,
      Auch zu wissen, wann Columbus ward geboren,
            Ach, das ist schon lange her,
            Helfen kann er auch nicht mehr,
      Wenn er auf der Börse hat etwa verloren.
            Statt in d' Kirch, um Gott zu danken,
            Geh'n die Leut auf ihre Banken.
      Ich geh' so wo niemals hin,
      's hätt kein Zweck, ich hab nichts drinn.
Ich weiß eine Bank im Isartal m–hm, die ist sehr gut fundiert.
Sie ist verschwiegen und sozial, deshalb stark frequentiert.
Und all meine Schätze groß und klein, hab' anvertraut ich ihr.
Unsummen Glücks bracht sie mir ein, o Bank, wie dank ich, wie dank ich dir. 45

            Alle Großbanken der Welt
            Mit dem vielen, vielen Geld,
      Können mir die Bank da droben nicht ersetzen.
            Was könnt bieten ihr denn mir?
            Nichts wie Kästen voll Papier,
      Setzt euch drauf für eure Dividendensetzen.
            Meine Bank in Laub versteckt,
            Durch die Zweige halb verdeckt,
      Hat viel süßere Genüsse zu vergeben,
            Wenn im Frühling alles blüht,
            Herz am Herzen heiß erglüht.
      So im Mai, da ist stets Hausse, das ist ein Leben.
            Hab 'nen Schatz ich eingefangen,
            Wird zu meiner Bank gegangen.
      Lustig setz ich mich in Trab,
      Hol dort meine Zinsen ab.
Ich weiß eine Bank im Isartal m–hm, die ist sehr gut fundiert;
Sie ist verschwiegen und sozial, deshalb stark frequentiert.
Zur Zeit der Hausse ist's mir passiert, saß schon ein andrer drauf.
Dann macht ich eb'n ganz ungeniert a kleine, a kleine Filiale auf.

            Ob der Kurs gewaltig steigt,
            Oder sich auch abwärts neigt,
      Meine Bank gewährt mir allzeit Provisionen.
            Eine Baisse, nein, Gott sei Dank,
            So was kennt nicht meine Bank;
      Alles schwebt da in den höchsten Regionen. 46
            Und will mal ein Aktionär
            Seine Aktie nimmermehr,
      Läßt er's lieg'n, der Austausch ist dort sehr im Schwunge,
            Ich befolge stets die Lehr,
            Geb die alte Aktie her,
      Und nehm mir dafür dann meistens gleich zwei Junge.
            Meine Bank ist ohnegleichen,
            Der Magistrat laßt's jed's Jahr streichen,
      Aber eines sag i net,
      Den Platz, wo mei Bankerl steht.
Ich weiß eine Bank im Isartal m–hm, die ist sehr gut fundiert;
Sie ist verschwiegen und sozial, deshalb stark frequentiert.
Manch süße Stund dort ich verbracht bei schimmernden Mondenlicht.
Manchmal hat's schon a bißerl kracht, z'sammbrochen, z'sammbrochen ist's noch nicht. 47


 

Der kloane Pepperl.

        Der kloane Pepperl kugelrund,
Er schaut gar pfiffig drein,
Is allweil lusti, pumperlg'sund,
Ma ko eahm bös net sei.
Recht g'naschi is er a der Tropf,
Und kriag'n halt gar nia gnua,
Steckt d' Nas'n nei in jeden Topf,
A richtiga Lausbua.
Neuli hat d' Muatta für z' Mittag
An Zwetschg'n-Datschi g'macht,
Weil den da Pepperl so gern mag,
Da hat sei Herzal g'lacht.
Hat wia a Drescher da nei'g'haut
Und bampft und g'schleckt und druckt,
Und bis ma si hat recht umg'schaut,
Sein Datschi abi g'schluckt.
Die Muatta hat zwoa Stück'ln noch
In Kast'n eini to,
Damit ma zum Kaffee halt doch
A no was hat davo.

Wie's späta schaut in Kast'n nei,
Tuat bloß oa Stückl drinna sei. 48
Aha, no wart nur du Lausbua,
Vor dem hat do gar nix a Ruah.
Da Pepperl is im Hof grad drunt,
Kriacht auf all vier rum wia a Hund
Und bellt hau, hau, tuat Pratzerl geb'n
Und g'freut sich über sei jung's Leb'n.
's G'sicht is vom Datschi ganz verschmiert,
Doch G'wissensbisse er koa g'spürt.
Die Muatta macht das Fenster auf
Und ruft: »Pepperl, geh kumm schnell rauf,
Du kannst glei wieda nunter geh'n,
Geh, tummel di, i möcht mal seh'n,
Wia schnell du kummst herauf,
Aber fall net hi, paß auf.
Die Muatter sei schwach Seit'n kennt,
Wia narrisch is da Pepperl g'rennt,
Er will doch zoag'n der kloa Mo,
Wia er scho so schnell laufa ko.
Scho schnauft er über d' Stieg'n rauf,
Die Mutta macht eahm Tür glei auf.
Ja so schnell bist du scho herob'n,
Ja, gibt's denn dös, tut sie ihn lob'n.
Da Pepperl bild si net viel ei
Und blast und schnauft und schaut stolz drei'.
Pepperl, i muß di um was frag'n,
Lüag mi net o, tua d' Wahrheit sag'n.
Heut mittag hab ich, i woaß g'wiß,
In Kast'n, der in Gang drauß is,
Zwoa Stückerl Datschi eini to, 49
Erst vorhin denk i wieda dro,
Weil i vorbei grad ganga bin,
Schau i nei, jetzt is bloß oana drinn,
Du Pepperl, ha, wia kimmt denn das?

Da Pepperl macht a Papperl hi,
Halb trotzig, halb verleg'n,
Und sagt: »Weil's im Gang so finster is,
Hab i den andern halt net g'sehg'n.« 50


 

Am Abend nach der silbernen Hochzeit.

        Der Ehrentag des Jubelpaars, er neigt sich schon zu Ende,
Und alles drängt sich nochmals hin und drückt ihnen die Hände:
»Auf Wiederseh'n, gesund und frisch am goldnen Jubelfeste!«
Und jedes wünscht von Herzen noch das allerallerbeste.
Er reicht der Mutter seinen Arm, führt stolz sie aus dem Saale,
»Es lebe hoch das Jubelpaar« ertönt's noch viele Male.
Ein selig Lächeln ziert den Mund der lieben beiden Alten,
Die fünfundzwanzig lange Jahr zusammen treu gehalten.
's war doch recht schö, gell, Alter, gell und hat di a recht g'freut,
Da hat ma's g'seh'n, wie gern uns hab'n die lieben guat'n Leut.
Und alles Liebe, Schöne, was ihnen heut bewiesen,
In der Erinnerung noch einmal aufs neue sie genießen.
Sie kamen heim und traten ein ins Schlafgemach, ins traute,
Da – voll Verwund'rung – eins auf das andre schaute.
Mit noch 'ner Überraschung sie wurden hier beglückt,
Die Betten, die sonst an der Wand – waren zusammeng'rückt!
Sie standen eng beisammen, wie damals einst im Mai,
Die Alten schmunzelten vergnügt und dachten was dabei.
Dann zogen sie sich aus mit nicht gar großer Eile,
Nach 25 Jahren, da heißts: Eile mit Weile! 51

*

Als sie dann friedlich nebeneinander lagen,
Da sprachen sie von frühern, schönen Tagen,
Und öfters frug sie: »Weißt du's noch, gell, dös war schön?«
»J–ja! I kann den Wein nimmer vertrag'n – muß mal zum Doktor geh'n!«
»Und im Hotel, weißt du's noch, wie du mich so fest gedrückt?«
»Ja, ja! Den ganzen Abend hat's mi hint im Kreuz scho zwickt!«
Da plötzlich ruckt das Frauerl ganz nahe zu ihm hin.
Er denkt: »Jess' Marand Joseph, was hat denn dö im Sinn?«
»Du Alter,« sprach sie schmeichelnd, »i möcht was wissen heut!«
»I hab scho soviel Schlaf, morg'n is do a no Zeit!«
»Na, heut muaßt mir's no sag'n und darfst net lüag'n dabei.
Sag, warst die 25 Jahr mir wirklich immer treu??«
»Jazt so was, na, wia magst no da fragen so saudumm,
Das woaßt am besten selber,« sagt er und draht sich um!
»Na, na,« sagt sie, »i woaß net,« und ruckt no näher hin,
Sie lag jetzt schon bei ihm in seinem Bett a drinn.
»Du darfst ma 's ruhig sagen, wennst mir mal nicht ganz treu,
Kein Wort sollst von mir hören, ganz g'wiß i dir's verzeih!«
So red'ts und benzt in ein'm fort und gibt halt gar koa Ruah.
Da endlich sagt er: »Alte, paß auf und hör ma zua!«
A oanzigsmal, aber öfter net – und da nur aus Neugierd,
Hat a andre das bekommen, was dir hätte gebührt!«
Ganz still wurd's drauf im Schlafgemach,
Eng standen beisammen die Betten.
Dann seufzt sie: »Wie froh wär'n wir jetzt,
Wenn wir das ›Einemal‹ hätten!« 52


 

Die Wilden und wir!

1.

1.
        Voll Mitleid schauten wir einst nur
Auf Menschen, die ohne Kultur,
Und dünkten uns gar hoch erhaben
Mit unsern hohen Geistesgaben.
Und jetzt, wie weit hab'n wir's gebracht
Mit unsrer hohen Geistesmacht.
Koa ganze Hos'n hab'n wir mehr!
Ja so a Wilder – a Afrikaner,
Der hat's viel schöner als unseraner,
Dem kann man so was g'wiß net nachsag'n,
Der hat no nia a Hos'n trag'n.
2.
Wir hab'n Maschinen, groß und schwer,
Hab'n Architekten, Ingeneur,
Auch außerdem viel g'scheite Leute
In Wohnungsämtern sitzen heute.
Doch brauchst a Wohnung, schrein's dich an:
»Jetzt warten's halt, bis kommen dran!
Es dauert höchstens zwei, drei Jahr.
Ja so a Wilder – a Afrikaner,
Der hat's viel schöner als unseraner,
Der baut a Hütt'n sich schnell aus Loam
Und sagt: da bin – i jetzt dahoam. 53
3.
Geb'ns hier an Film in Kino grad,
Wo Oane einisteigt ins Bad,
Ach Gott, das möcht ein jeder sehen
Und an der Kasse d'Leut anstehen.
Doch erst bei einer Nackttänzerin,
Da rennen d'Leut wia narrisch hin,
Zahl'n tausend Mark, daß seh'n das G'stemm.
A so a Wilder – a Afrikaner,
Der hat's viel schöner als unseraner,
Dort laufens alle ganz nackert rum,
Für dös was zahl'n, wär ihm schon z'dumm.
4.
Was hab'n bei uns die Leut für Plag,
In Tanzstund müssen's geh'n all' Tag,
Damit's die Tänze, die modernen,
So wie's sich's g'hört auch recht erlernen.
Den Jazz, den Shimmy und Foxtrott,
Den sling slang skoutsch of Hottentott,
Die Arm und Füaß dreh'n sie sich aus.
Ja so a Wilder – a Afrikaner,
Der hat's viel schöner als unseraner,
Braucht nicht in Tanzstund erst geh'n auf d'Nacht,
Denn der, der hat ja die Tanz' aufbracht.
5.
Wenn einer hier ein Mädl freit,
Geschieht das mit Umständlichkeit, 54
Er geht erst in a Leihanstalt,
Für einen Gehrock er brav zahlt,
Ein Blumenstrauß muß auch noch her,
Dann stottert er: »Ich lieb Sie sehr!«
Und sie, sie laßt ihn dann abfahr'n.
Ja so a Wilder – a Afrikaner,
Der hat's viel schöner als unseraner,
Der zieht an Ring durch d'Nas'n ihr
Und hackelt ein – jetzt gehst mit mir.
6.
Hab'n wir a Frau, was die uns kost',
Die sorgt, daß Geld g'wiß net verrost',
Die Kleider, Mäntel, Hüte, Schleier,
Die Schuh, die Strümpf, an Pelz, an Reiher,
Überall ein Dutzend gleich davon,
Der gute Mann, der zahlt das schon,
Damit's dem Hausfreund ja recht g'fallt.
Ja so a Wilder – a Afrikaner,
Der hat's viel schöner als unseraner,
Bringt a paar Blatt'ln heim seinem Schneck,
Da hast a G'wand, schmeiß 's alte weg.
7.
Auch hat bei uns manch Ehemann
Gar schwer zu leiden dann und wann
Durch die bekannten Schwiegermütter,
Die machen manchem 's Dasein bitter.
Aus Höflichkeit man sich stets duckt
Und jede Bosheit nunter schluckt. 55
So dumm sind aber nur bloß wir.
Ja so a Wilder – a Afrikaner,
Der hat's viel schöner als unseraner,
Wenn dem die seine schimpft immerzu,
Dann frißt er's z'samm, dann is a Ruh.
8.
Was war das für a Herrlichkeit,
Zu reisen einst zur Sommerszeit,
Am schönen Rhein, im Schoß der Reben,
Das war ein lustig, freies Leben,
Da klangen Lieder hell und rein,
Man trank den Wein vom deutschen Rhein.
Wer kann sich leisten heut' das noch?
Ja so a Wilder – a Afrikaner,
Der hat's viel schöner als unseraner,
Der lebt am Rhein in Freuden nur,
Der Deutsche zahlt's – hoch die Kultur. 56

 

Von der Kunst der Volkssänger.

Die Volkssänger, eine Münchener Eigenart, sterben aus. Schade darum. Wenn nicht der Film wäre, der sie größtenteils als Komparsen beschäftigt, würden sie schon gestorben sein. Auch sie sind ein Opfer der neuen sensationslüsternen Zeit. Die Welt von heute will nur noch Tanz, Erotik und Nervenkitzel. Diese Sachen hat aber der gute alte Volkssänger nicht auf seinem Repertoir. Er hatte Witz, Humor und Gemüt, und diese schönen Dinger sind jetzt außer Kurs, unmodern geworden. Die Volkssänger waren meist Leute aus dem Volke, darum konnten sie auch am besten zum Volk reden und wurden auch verstanden. Man traf hauptsächlich geistig etwas höherstehende Berufe vertreten. Ein großer Prozentsatz sind frühere Jünger der schwarzen Kunst, hauptsächlich Schriftsetzer. Einen Winter war ich in Regensburg beim »alten Fritz« (der 57 Regensburger »alte Fritz« – ein Singspieldirektor – ist mit dem preußischen »alten Fritz« weder verwandt noch verschwägert, und hatte auch sonst nichts mit ihm gemein) engagiert. Der Herr Direktor war Schriftsetzer, der Pianist war Schriftsetzer, ich (der jugendliche Liebhaber) war Schriftsetzer, der Väterspieler war Buchbinder und unsere Primadonna war Einlegerin – wir waren eine komplette Buchdruckerei. Außerdem gibt es unter den Volkssängern noch viele Maler, Schuster (Hans Sachs) und Bader (Friseure). Viele, die die Arbeit scheuten und nur aus diesem Grunde zu den Volkssängern gingen, fanden auch da bald ein Haar drinn, denn auch hier hieß es fleißig arbeiten, sonst kam man nicht vorwärts. So ein Singspieldirektor muß ein Universalgenie sein. Er ist Gründer und Leiter des Ensembles, dann sein eigener Impresario, Charakterkomiker, Humorist, Held, Liedersänger, Kassier, Dichter, Dramaturg, Zettelankleber und das alles macht er ohne Telephon und Postscheckkonto. Ja, ihr Herren vom Theater, schaut so mitleidig lächelnd auf die Volkssänger herab, wie hilflos würdet ihr aber auf dem Brettl ohne Kulissen, ohne Vorhang, ohne Souffleur, bei hellerleuchtetem Zuschauerraum, wo soviel zu sehen ist, was ablenkt, droben stehen. Spielt mir einmal einen Baron mit Monokel und echten Glacéhandschuhen, ganz ohne Kulissen, rings herum biertrinkende Proletarier, die so wenig Respekt vor deiner adeligen Erscheinung haben, daß mir einmal einer, als ich den Satz (so arrogant, als ich es nur fertig brachte) sprach: »Ös ist mir äußerst unangenehm, mit gewöhnlichen Leuten aus dem Volke zu verköhren!«, zurief: »Geh, jetzt schneid'st aba o!« – In solchen Fällen 58 ist es furchtbar schwer, die sichere adelige Haltung zu bewahren. Eine andere Szene: Der Fremdenlegionär ist desertiert, er bricht auf dem Brettl, das eine Wüste darstellen soll (sie haben leider vergessen, den Tisch wegzuräumen; steht da mitten in der Wüste ein Tisch), verschmachtend zusammen und ruft herzzereißend: »Mich dürstet, kein läbendes Wäsen ist um mich, hür mus ich also ölend verschmachten« – und gerade während dieser heiklen Szene stellt die Kellnerin, weil sie's nicht recht in der Hand hatte, sechs Glas Bier auf dem Brettl ab, direkt vor deiner Nase. – So, da heißt es den Geist konzentrieren, um nicht aus der Rolle zu fallen, und unmittelbar neben den sechs vollen Biergläsern weiterzuschmachten! Da soll ein Hofschauspieler hergehen, ob er das fertig bringt! – Oder bei einem sehr traurigen Trauerspiel, in welchem die Heldin den Buam, den sie gern hat, net heiraten soll, sondern einen andern, einen schlechten, gräuslichen, buckligen, aber reichen Kerl. Sie sitzt da in Tränen aufgelöst (Taschentuch ins Wasser getaucht), hat sich aber nach schweren Kämpfen zu dem heroischen Entschluß durchgerungen und spricht mit tränenerstickter Stimme: »Na, i laß net von eahm, i folg der Stimm' meines Herzens,« und die Stimm' sagt – – »Kalbslungl aus!« schreit die Wirtin aus dem Küchenfenster raus. Wirtinnen haben meistens sehr kräftige volltönende Altstimmen.

Ungemein schwierig ist bei den mit Recht so beliebten Wildererszenen, wenn der »Jager« auf dem Brettl steht und erklärt, daß er dem verdammten Wilderer schon auf der Spur ist und daß er ihm diesesmal sicher nicht mehr auskimmt. Der Wilderer, der sich in Ermanglung einer 59 Tanne unter dem Tisch versteckt hat, muß sich nun unbemerkt davon schleichen, dabei steht aber der Jager so ungeschickt auf dem Brettl (Flächeninhalt 2½ Quadratmeter), daß der Wilderer, um abgehen zu können, ihn halb umrennen muß. Trotzdem sieht ihn der Jager, der sich eben seiner scharfen Falkenaugen gerühmt hat, nicht. – Das ist wahre theatralische Kunst.

Sehr häufig kommt es vor, daß die Garderobe (Waschküche, Dienstbotenkammer, Kegelbahn usw.) ziemlich weit vom Brettl entfernt, der Auftretende muß das ganze Gastlokal durchqueren, ehe er seinen eigentlichen Wirkungskreis erreicht. Ein gewandter Komödiant weiß sich da zu helfen, er fängt gleich an der Türe schon selbst Zusammengedichtetes zu reden an. Zum Beispiel: »Also na, den ganzen Tag lauf i scho umanander, bei dera Hitz, was ma da für einen Durst kriagt – koa Mensch aber laßt dich trinka!« Das verehrte Publikum ist nicht so begriffstützig, einige halten ihm ihre Gläser hin, und der Komödiant trinkt zum größten Gaudium der Anwesenden einige Gläser aus, bevor er das Brettl erreicht. Kollege Reinhard nennt dies »erweiterte Schaubühne«, wir Volkssänger bezeichnen dies einfach und schlicht: »Krampf macha«. Dadurch, daß der Raum, in welchem sich der Auftretende aufhält, ziemlich weit vom Brettl entfernt liegt (meist ist es der Hausgang, die Küche oder die Schenk), ist es für ihn sehr schwer, das Stichwort zu hören, wann er auftreten muß. Aber auch dieses schwierige Problem haben die Volkssänger gelöst. Die betreffende Person, die oben steht, sagt einfach, wenn der andere auftreten soll: »Ich glaub gar, jetzt kommt der Herr . . . ., 60 ja richtig, da kommt er ja schon!« Ein besseres, sichereres Stichwort gibt es nicht.

In den letzten Jahren vor dem Krieg, als die Zugkraft der lieben, uralten Possen, in welchen regelmäßig die zwei sich Liebenden heiraten – war das Ensemble größer, heirateten beim Aktschluß zwei, drei und vier Paare, es heiratete einfach alles, was sich auf dem Brettl irgendwie sehen ließ, wo die Personen fehlten, heirateten die Paare brieflich –; also, als diese lustigen Heiratspossen dem Publikum nicht mehr so zusagten, griffen einige Singspieldirektoren nach dramatisch rührseligen Stücken. Der Herr verzeih ihnen, was da alles verzapft wurde. Nichts war ihnen heilig, sogar Ibsen wurde vergewaltigt. Nach meiner Ansicht haben die unsinnigen Stücke, die nun einmal absolut nicht aufs Brettl passen, dem Volkssängertum den Rest gegeben und seinen Niedergang beschleunigt. Wenn man zu »Komika« (so nennt man in München die Volkssänger) geht, will man lachen und nicht weinen.

Da es bei den Volkssängern keinen Vorhang gibt, ist der Aktschluß nicht so einfach. Um sich darüber hinweg zu helfen, wird zum Schluß immer etwas gesungen. Dieser Schlußgesang ersetzt den Vorhang; dann wissen die Leute bestimmt, jetzt ist es aus. Selbstverständlich gibt es da einige Universal-Schlußgsangl, die fast zu jeder Komödie passen. Sehr verwendungsfähig ist folgender:

        »Hochzeit is, Hochzeit is,
Dös is a Freud,
Wir werden zusammen jetzt
A paar glück l i che Leut!« 61

Auf der Silbe »li« wird möglichst lang liegen geblieben, das ist äußerst effektvoll. Hier ist die seltene Gelegenheit geboten, sein Stimmaterial glänzen zu lassen.

Zu jeder Posse paßt auch folgender Schlußgesang:

        »Hat der Scherz sie amüsiert,
Wird gleich wiederum studiert,
Denn das ist ja uns're Freud,
Wenn zufrieden san die Leut,
Wenn zufrieden s–a–n die Leut.

Hier liegt das Schwergewicht auf der Silbe »san«. Der Vokal a ist sehr gut zu singen.

Ein sehr alter und zu jedem Stück, ob lustig oder traurig, verwendbarer Schluß ist folgender:

        »Jetzt is aus, aus, aus
Unser Komediespiel.
Alles hat doch sein Ziel.
Rufens uns raus, raus, raus,
Hab'n wir den schönsten Lohn
Im–m–e–r davon.« 62


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