Frank Wedekind
Die Büchse der Pandora
Frank Wedekind

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Dritter Aufzug

London. Eine Dachkammer ohne Mansarde. Zwei große Scheiben in der Flucht des Daches öffnen sich nach oben. Rechts und links vorn je eine schlechtschließende Tür. Im rechten Proszenium eine zerrissene graue Matratze. Links vorn ein wackliger Blumentisch, auf dem eine Whiskyflasche und eine qualmende Petroleumlampe stehen. Links hinten in der Ecke eine alte Chaiselongue; neben der Mitteltür ein durchsessener Strohsessel.

Man hört den Regen aufs Dach schlagen; er träufelt durch die Luke, so daß die Diele unter Wasser steht, Vorn auf der Matratze liegt Schigolch in langem grauen Paletot. Auf der Chaiselongue links in der Ecke liegt Alwa Schön, in einen Plaid gewickelt, dessen Riemen über ihm an der Wand hängt.

Schigolch Der Regen trommelt zur Parade.

Alwa Ein stimmungsvolles Wetter für ihr erstes Auftreten!

Lulu in halblangem Haar, das ihr offen über die Schulter fällt, tritt barfuß in abgerissenem schwarzen Kleide von links vorn ein mit einer Waschschüssel, die sie unter den Tropfenfall setzt.

Schigolch Wo bleibst du denn, mein Kind? – Hast du dir erst noch die Hände gewaschen?

Alwa Reinlichkeit ist der Schmuck der Armut.

Lulu sich aufrichtend, ihr Haar zurückschlagend Wenn nur du erst hier aus dem Wege wärst.

Alwa Mir träumte eben, wir dinierten zusammen chez Maxime. Bianetta Gazil war noch mit dabei. Ich hatte fers de cheval bestellt. Das Tischtuch triefte auf allen vier Seiten von Champagner.

Schigolch Yes, yes; und mir träumte von einem Stück Christmas-Pudding.

Lulu Wenn man sich an einem von euch wenigstens etwas wärmen könnte!

Alwa Willst du denn deine Pilgerfahrt barfuß antreten?

Schigolch Der erste Schritt kostet immer allerhand Geächz und Gestöhn. Vor zwanzig Jahren war das mit ihr um kein Haar besser; und was hat sie seitdem gelernt! Die Kohlen müssen nur erst gehörig angefacht sein. Wenn sie acht Tage dabei ist, halten sie keine zehn Lokomotiven mehr hier in unserer ärmlichen Dachkammer.

Alwa Die Schüssel läuft schon über.

Lulu Wo soll ich denn hin mit dem Wasser?

Alwa Gieß es zum Fenster hinaus.

Lulu steigt auf einen Stuhl und leert die Waschschale durch die Dachluke hinaus Es scheint doch, der Regen will endlich nachlassen.

Schigolch Du vertrödelst die Stunde, wo die Kommis vom Abendessen nach Hause gehen.

Lulu Wollte Gott, ich läge schon irgendwo, wo mich kein Fußtritt mehr weckt!

Alwa Das wünschte ich mir auch. Wozu dieses Leben noch in die Länge ziehen! Laßt uns lieber heute abend noch in Frieden und Eintracht zusammen verhungern. Es ist ja doch die letzte Station.

Lulu Warum gehst denn du Faultier nicht hin und schaffst uns was zu essen?! Du hast in deinem ganzen Leben noch keinen Pfennig verdient!

Alwa Bei diesem Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Türe jagt!?

Lulu Aber mich! Ich soll euch mit dem bißchen Blut, das ich noch in den Gliedern habe, das Maul stopfen.

Alwa Ich rühre keinen Happen an von dem Geld.

Schigolch Laß sie nur gehen. Sie hat mit fünfzehn Jahren ihre Familie ernährt. Ich sehne mich noch nach einem Christmas-Pudding; dann habe ich genug.

Alwa Und ich sehne mich noch nach einem saftigen Beefsteak und einer Zigarette, dann sterben! – Mir träumte eben von einer Zigarette, wie ich sie noch nie geraucht habe.

Schigolch Sie sieht uns lieber vor ihren Augen krepieren, als daß sie sich zu unserer Erlösung ein Vergnügen macht.

Lulu Die Menschen auf der Straße lassen mir eher Mantel und Rock in den Händen, ehe sie umsonst mitgehen. Hättet ihr meine Kleider nicht verkauft, dann brauchte ich wenigstens das Laternenlicht nicht zu scheuen. Ich möchte das Weib sehen, das in den Lumpen, die ich am Leib trage, noch was verdient.

Alwa Ich habe nichts Menschliches unversucht gelassen. Solange ich noch Geld hatte, brachte ich Nächte damit hin, Tabellen aufzubauen, mit denen man den perfektesten Falschspielern gegenüber hätte gewinnen müssen. Und dabei verlor ich Abend für Abend mehr, als wenn ich die Goldstücke eimerweise zum Fenster hinausgeschüttet hätte. Dann bot ich mich den Kurtisanen an; aber die nehmen keinen, den ihnen die Justiz nicht vorher abgestempelt hat. Und das sehen sie einem auf den ersten Blick an, ob man Beziehungen zum Galgen hat oder nicht.

Schigolch Yes, yes.

Alwa Ich habe mir keine Enttäuschung erspart; aber wenn ich Witze machte, dann lachten sie über mich selbst; wenn ich mich so anständig gab, wie ich bin, dann wurde ich geohrfeigt; und wenn ich es mit Gemeinheiten versuchte, dann wurden sie so keusch und jungfräulich, daß mir vor Entsetzen die Haare zu Berge standen. Wer die menschliche Gesellschaft nicht überwunden hat, der findet kein Vertrauen bei ihnen.

Schigolch Willst du nicht vielleicht endlich deine Stiefel anziehen, mein Kind? – Ich glaube, ich werde in dieser Behausung nicht mehr viel älter werden. Von den Zehenspitzen aufwärts habe ich schon seit Paris kein Gefühl mehr. Nachgerade wird es auch Zeit für mich. – Und dann die Reiselust, die mich in Atem hält. Gegen Mitternacht werde ich im Cosmopolitan-Club doch wohl noch einen Sodom-Whisky trinken. Gestern sagte mir die Bar-Maid, ich hätte noch Aussicht, ihr Geliebter zu werden.

Lulu In des drei Teufels Namen, ich gehe hinunter! Sie nimmt die Whiskyflasche vom Blumentisch und setzt sie an den Mund.

Schigolch Damit man dich auf eine halbe Stunde weit kommen riecht!

Lulu Ich trinke nicht alles.

Alwa Du gehst nicht hinunter, mein Weib! Du gehst nicht hinunter! Ich verbiete es dir!

Lulu Was willst du deinem Weibe verbieten, das du nicht ernähren kannst?

Alwa Wer ist daran schuld?! Wer anders als meine Frau hat mich auf das Krankenlager gebracht.

Lulu Bin ich krank?

Alwa Wer hat mich in den Kot geschleift? – Wer hat mich zum Mörder meines Vaters gemacht?

Lulu Hast du ihn erschossen? – Er hat nicht viel verloren, aber wenn ich dich dort liegen sehe, dann möchte ich mir beide Hände dafür abhacken, daß ich mich so gegen meine Vernunft versündigt habe! – Sie geht nach links in ihre Kammer.

Alwa Sie hat es mir von ihrem Casti-Plani übermacht. Sie selbst ist allerdings längst nicht mehr dafür erreichbar.

Schigolch Solche Teufelsracker können gar nicht früh genug mit dem Erdulden anfangen, wenn noch Engel daraus werden sollen.

Alwa Sie hätte als Kaiserin von Rußland geboren werden müssen. Da wäre sie an ihrem Platz gewesen. Eine zweite Katharina die Zweite.

Lulu kommt mit einem Paar ausgetretener Stiefeletten aus ihrer Kammer zurück und setzt sich auf die Diele, um sie anzuziehen.

Lulu Wenn ich nur nicht kopfüber die Treppe hinunterstürze! Hu, wie kalt! – – Gibt es etwas Traurigeres auf dieser Welt als ein Freudenmädchen!

Schigolch Geduld, Geduld! Es muß nur erst der richtige Zug ins Geschäft kommen.

Lulu Mir soll's recht sein; um mich ist es nicht mehr schade. Sie setzt die Whiskyflasche an Ça me chauffe! Ça m'excite! – O verflucht!

Sie geht wankend durch die Mitteltür ab.

Schigolch Wenn wir sie kommen hören, müssen wir uns so lange in meinem Verschlag verkriechen.

Alwa Es ist ein Jammer um sie! – Wenn ich zurückdenke – ich bin doch gewissermaßen mit ihr zusammen aufgewachsen.

Schigolch Solange ich lebe, hält sie jedenfalls noch vor.

Alwa Wir verkehrten anfangs miteinander wie Bruder und Schwester. Mama lebte damals noch. Ich traf sie eines Morgens zufällig bei der Toilette. Doktor Goll war zu einer Konsultation gerufen worden. Ihr Friseur hatte mein erstes Gedicht gelesen, das ich in der »Gesellschaft« hatte drucken lassen: »Hetz deine Meute weit über die Berge hin; sie kehrt wieder von Schweiß und von Staub bedeckt...«

Schigolch Oh yes!

Alwa Und dann kam sie in rosa Tüll – sie trug nichts darunter als ein weißes Atlasmieder – auf den Ball beim spanischen Gesandten. Doktor Goll schien seinen nahen Tod zu ahnen. Er bat mich, mit ihr zu tanzen, damit sie keine Tollheiten anstellte. Derweil wandte Papa kein Auge von uns, und sie sah während des Walzers über meine Schulter weg nur nach ihm. Nachher hat sie ihn erschossen. Es ist unglaublich.

Schigolch Ich zweifle nur stark daran, daß noch einer anbeißt.

Alwa Ich möchte es auch niemandem raten!

Schigolch Dieses Rindvieh!

Alwa Sie hatte damals, obgleich sie als Weib schon vollkommen entwickelt war, den Ausdruck eines fünfjährigen, munteren, kerngesunden Kindes. Sie war damals auch nur drei Jahre jünger als ich; aber wie lang ist das nun schon her! Trotz ihrer fabelhaften Überlegenheit in Fragen des praktischen Lebens ließ sie sich von mir den Inhalt von »Tristan und Isolde« erklären; und wie entzückend verstand sie sich dabei aufs Zuhören! – Aus dem Schwesterchen, das sich in seiner Ehe noch wie ein Schulmädchen fühlte, wurde dann eine unglückliche hysterische Künstlersfrau. Aus der Künstlersgattin wurde dann die Frau meines seligen Vaters; aus der Frau meines Vaters wurde meine Geliebte. Das ist nun einmal so der Lauf der Welt; wer will dagegen aufkommen.

Schigolch Wenn sie im entsprechenden Augenblick nur nicht Reißaus nimmt und uns statt dessen einen Obdachlosen heraufbringt, mit dem sie ihre Herzensgeheimnisse ausgetauscht hat!

Alwa Ich küßte sie zum erstenmal in ihrer rauschenden Brauttoilette; aber nachher wußte sie nichts mehr davon. Trotzdem glaube ich, daß sie in den Armen meines Vaters schon an mich gedacht hat. Oft kann es ja nicht gewesen sein. Er hatte seine Zeit hinter sich, und sie betrog ihn mit Kutscher und Stiefelputzer. Aber wenn sie sich ihm gab, dann stand ich vor ihrer Seele. Dadurch hat sie auch, ohne daß ich mich dessen versehen konnte, diese furchtbare Gewalt über mich erlangt.

Schigolch Da sind sie!

Man hört schwere Tritte die Treppe heraufkommen.

Alwa emporfahrend Ich will das nicht erleben! Ich werfe den Kerl hinaus!

Schigolch rafft sich mühsam auf, nimmt Alwa am Kragen und pufft ihn nach rechts Vorwärts, vorwärts! Wie soll ihr der Junge seinen Kummer beichten, wenn wir zwei uns hier herumsielen.

Alwa Aber wenn er ihr Gemeinheiten zumutet!

Schigolch Und wenn, und wenn! Was will er ihr denn noch zumuten! Er ist auch nur ein Mensch wie wir.

Alwa Wir müssen die Tür auf lassen.

Schigolch Alwa in den Verschlag stoßend Wozu die Tür auf lassen! – Kusch dich!

Alwa im Verschlag Ich werde schon hören, was vorgeht. Gnade ihm der Himmel!

Schigolch schließt die Kammertür. Von innen Jetzt still!

Alwa von innen Der soll sich vorsehen.


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