Frank Wedekind
Die Büchse der Pandora
Frank Wedekind

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Lulu Warum bittest du mich nicht einfach um fünfzehnhundert Francs, wenn du das Geld nötig hast?

Casti-Piani Ich habe gar kein Geld nötig! – Übrigens bitte ich dich deshalb nicht darum, weil du auf dem trocknen bist.

Lulu Wir haben noch dreißigtausend Mark.

Casti-Piani In Jungfrau-Aktien! Ich habe mich nie mit Aktien abgegeben. Der Staatsanwalt bezahlt in deutscher Reichswährung, und Oikonomopulos zahlt in englischem Gold. Du kannst morgen früh in Marseille sein. Die Mittelmeerfahrt dauert nicht viel mehr als fünf Tage. In spätestens vierzehn Tagen bist du in Sicherheit. Hier in Paris stehst du dem Gefängnis näher als irgendwo. Es ist ein Wunder, das ich als Polizeiorgan nicht fasse, daß ihr hier ein volles Jahr unbehelligt habt leben können. Aber so gut, wie ich euren Antezedentien auf die Spur kam, kann bei deinem starken Verbrauch an Männern jeden Tag einer meiner Kollegen die glückliche Entdeckung machen. Dann darf ich mir den Mund wischen, und du verbringst deine genußfähigsten Lebensjahre in der Einsamkeit. Willst du dich bitte gleich entscheiden. Um halb ein Uhr fährt der Zug nach Marseille. Sind wir bis elf Uhr nicht handelseinig, dann pfeife ich den Sergeant de ville herauf. Andernfalls packe ich dich, so wie du dastehst, in einen Fiacre, fahre dich nach der Gare de Lyon und begleite dich morgen abend aufs Schiff.

Lulu Es kann dir damit doch unmöglich ernst sein?!

Casti-Piani Begreifst du nicht, daß es mir nur um deine leibliche Rettung zu tun ist?

Lulu Ich gehe mit dir nach Amerika, nach China; aber ich kann mich selbst nicht verkaufen lassen! Das ist schlimmer als Gefängnis.

Casti-Piani Lies einmal diesen Herzenserguß! Er zieht einen Brief aus der Tasche Ich werde ihn dir vorlesen. Hier ist der Poststempel »Kairo«, damit du nicht glaubst, ich arbeite mit gefälschten Dokumenten. Das Mädchen ist Berlinerin, war zwei Jahre verheiratet, und das mit einem Mann, um den du sie beneidet hättest, einem ehemaligen Kameraden von mir. Er reist jetzt in Diensten einer Hamburger Kolonialgesellschaft.

Lulu munter Dann besucht er seine Frau ja vielleicht gelegentlich.

Casti-Piani Das ist nicht ausgeschlossen. Aber höre diesen impulsiven Ausdruck ihrer Seligkeit! Mein Mädchenhandel erscheint mir durchaus nicht ehrenvoller, als ihn der erste beste Richter taxieren würde; aber solch ein Freudenschrei läßt mich für den Augenblick eine gewisse sittliche Genugtuung empfinden. Ich bin stolz darauf, mein Geld damit zu verdienen, daß ich das Glück mit vollen Händen ausstreuen Er liest »Lieber Herr Meier!« So heiße ich als Mädchenhändler – »Wenn Sie nach Berlin kommen, gehen Sie bitte sofort in das Konservatorium an der Potsdamer Straße und fragen Sie nach Gusti von Rosenkron – das schönste Weib, das ich je in Natur gesehen habe; entzückende Hände und Füße, von Natur schmale Taille, gerader Rücken, strotzender Körper, große Augen und Stumpfnase – ganz so, wie Sie es bevorzugen. Ich habe ihr schon geschrieben. Mit der Singerei hat sie keine Aussicht. Die Mutter hat keinen Pfennig. Leider schon zweiundzwanzig, aber verschmachtend nach Liebe. Kann nicht heiraten, weil vollkommen mittellos. Habe mit Madame gesprochen. Man nimmt mit Vergnügen noch eine Deutsche, wenn gut erzogen und musikalisch. Italienerinnen und Französinnen können mit uns nicht wetteifern, weil zu wenig Bildung. Wenn Sie Fritz sehen sollten... « – Fritz ist der Mann; er läßt sich natürlich scheiden – »... dann sagen Sie ihm, alles war Langeweile. Er wußte es nicht besser, ich wußte es auch nicht...« – jetzt folgt die Aufzählung ihrer Glückseligkeiten...

Lulu Ich kann nicht das einzige verkaufen, das je mein eigen war.

Casti-Piani Laß mich doch weiterlesen!

Lulu Ich liefere dir heute abend noch unser ganzes Vermögen aus.

Casti-Piani Glaub mir doch um Gottes willen, daß ich euren letzten Sou schon bekommen habe. Wenn wir nicht bis elf Uhr das Haus verlassen haben, dann transportiert man dich morgen mit deiner Sippschaft per Schub nach Deutschland.

Lulu Du kannst mich nicht ausliefern!

Casti-Piani Meinst du, das wäre das Schlimmste, was ich in meinem Leben gekonnt habe? – Ich muß für den Fall, daß wir heute nacht nach Marseille fahren, nur rasch noch ein Wort mit Bianetta reden.

Casti-Piani geht ins Spielzimmer, die Tür hinter sich auf lassend. Lulu starrt vor sich hin, das Billett, das ihr Rodrigo zusteckte und das sie während des ganzen Gesprächs zwischen den Fingern hielt, mechanisch zerknitternd. Alwa erhebt sich hinter dem Spieltisch, ein Wertpapier in der Hand, und kommt in den Salon.

Alwa zu Lulu Brillant! Es geht brillant! Die Geschwitz setzt eben ihr letztes Hemd. Puntschu hat mir noch zehn Jungfrau-Aktien versprochen. Die Steinherz macht ihre kleinen Profitchen. Er geht nach links vorne ab.

Lulu allein Ich soll in ein Bordell? – – Sie liest den Zettel, den sie in der Hand hält, und lacht wie toll.

Alwa kommt von links zurück, eine Kassette in der Hand Machst du denn nicht mit?

Lulu Gewiß, gewiß. Warum nicht!

Alwa Apropos, im »Berliner Tageblatt« steht heute, daß sich der Alfred Hugenberg im Gefängnis aus dem dritten Stockwerk ins Treppenhaus hinuntergestürzt hat.

Lulu Ist denn der auch im Gefängnis?

Alwa Nur in einer Art von Präventivhaft. Gerüchtweise verlautet, sein Vater, der Polizeidirektor, habe, während der Junge beerdigt wurde, Selbstmordversuch gemacht.

Alwa geht ins Spielzimmer ab. Lulu will ihm folgen. In der Tür tritt ihr die Gräfin Geschwitz entgegen.

Die Geschwitz Du gehst, weil ich komme?

Lulu Weiß Gott, nein. Aber wenn du kommst, dann gehe ich.

Die Geschwitz Du hast mich um alles betrogen, was ich an Glücksgütern auf dieser Welt noch besaß. Du könntest in deinem Verkehr mit mir zum allerwenigsten die äußerlichen Anstandsformen wahren.

Lulu Ich bin gegen dich so anständig wie gegen jede andere Frau. Ich bitte dich nur, es auch mir gegenüber zu sein.

Die Geschwitz Hast du die leidenschaftlichen Beteuerungen vergessen, durch die du mich, während wir zusammen im Krankenhaus lagen, dazu verführtest, daß ich mich für dich ins Gefängnis sperren ließ?!

Lulu Wozu hast du mir denn vorher die Cholera angehängt?! Ich habe während des Prozesses noch ganz andere Dinge beschworen, als was ich dir versprechen mußte. Mich schüttelt der Ekel bei dem Gedanken, daß das jemals Wirklichkeit werden sollte!

Die Geschwitz Dann betrogst du mich also mit vollem Bewußtsein?!

Lulu Um was bist du denn betrogen? Deine körperlichen Vorzüge haben hier einen so begeisterten Bewunderer gefunden, daß ich mich frage, ob ich nicht noch einmal Klavierunterricht geben muß, um mein Dasein zu fristen. Kein siebzehnjähriges Kind macht einen Mann liebestoller, als du Ungeheuer den braven Kerl durch deine Widerspenstigkeit machst!

Die Geschwitz Von wem sprichst du? Ich verstehe kein Wort.

Lulu Ich spreche von deinem Kunstturner, von Rodrigo Quast. Er ist Athlet; er balanciert zwei gesattelte Kavalleriepferde auf seinem Brustkasten. Kann sich eine Frau etwas Herrlicheres wünschen? Er sagte mir eben noch, daß er diese Nacht in die Seine springe, wenn du dich seiner nicht erbarmst.

Die Geschwitz Ich beneide dich nicht um deine Geschicklichkeit, die hilflosen Opfer, die dir durch unerforschliche Bestimmung überantwortet sind, zu martern. Ich kann dich überhaupt nicht beneiden. Ein Bedauern, wie ich es mit dir fühle, hat mir mein eigener Jammer noch nicht abgerungen. Ich fühle mich frei wie ein Gott bei dem Gedanken, welcher Kreaturen Sklavin du bist!

Lulu Von wem sprichst du denn?

Die Geschwitz Ich spreche von Casti-Piani, dem die verworfenste Niederträchtigkeit in lebenden Buchstaben auf der Stirn geschrieben steht.

Lulu Schweig! Ich gebe dir Tritte in den Leib, wenn du schlecht von dem Jungen sprichst. Er liebt mich mit einer Aufrichtigkeit, gegen die deine abenteuerlichsten Aufopferungen die reine Bettelei sind. Er gibt mir Beweise von Selbstverleugnung, die mir deine Zumutungen erst in ihrer ganzen Abscheulichkeit zeigen. Was gibt man nicht hin, wenn man Gelüste hat wie du! Du bist im Leib deiner Mutter nicht ganz fertig geworden, weder als Weib noch als Mann. Du bist kein Mensch wie wir anderen. Für einen Mann war der vorhandene Stoff nicht ausreichend, und zum Weib hast du zuviel Hirn in den Schädel bekommen. Deshalb bist du verrückt! Wende dich mit deinen Gefühlen an Fräulein Bianetta Gazil. Die ist gegen Bezahlung zu allem zu haben. Drück ihr zwanzig Francs in die Hand, dann gehört sie dir.

Bianetta Gazil, Madelaine de Marelle, Ludmilla Steinherz, Rodrigo, Casti-Piani, Puntschu, Heilmann und Alwa kommen aus dem Spielzimmer in den Salon

Lulu Um Gottes willen, was ist passiert?

Puntschu Mais rien du tout, ma chère. On va se rafraîchir.

Madelaine de Marelle Tout le monde a gagné, c'est épatant!

Bianetta Moi, j'ai gagné au moins quarante louis...

Ludmilla Steinherz Il ne faut pas s'en vanter, mon amie!

Madelaine de Marelle C'est vrai; ça ne porte pas bonheur.

Bianetta Gazil Mais la Banque aussi a gagné!

Alwa Es ist pyramidal, wo das Geld herkommt!

Casti-Piani Tant mieux; on n'a pas besoin de se priver de Champagne.

Heilmann J'ai au moins, moi, de quoi me payer un dîner au Café de Paris.

Alwa Venez, Mesdames, au buffet!

Die ganze Gesellschaft begibt sich nach rechts ins Spielzimmer. – Lulu wird von Rodrigo zurückgehalten.

Rodrigo Une petite seconde, Madame. – Hast du mein Billetdoux schon gelesen?

Lulu Droh mir mit Anzeigen, soviel du Lust hast! Ich habe keine zwanzigtausend Francs mehr.

Rodrigo Lüg mich nicht an, du Kanaille! Ihr habt noch vierzigtausend Mark; der Lämmerschwanz hat mir das eben noch bestätigt.

Lulu Dann wende dich mit deinen Erpressungen doch an ihn! Mir ist es egal, was er mit seinem Gelde tut.

Rodrigo Ich danke dir! Bei dem Hornochsen brauche ich zweimal vierundzwanzig Stunden, bis er begreift, wovon die Rede ist. Und dann kommen seine Erläuterungen und Auseinandersetzungen, denen gegenüber einem sterbensübel wird. Derweil schreibt mir meine Braut: »Tout est fini entre nous!«, und ich kann den Leierkasten umhängen.

Lulu Hast du dich denn hier in Paris verlobt?

Rodrigo Ich hätte dich wohl erst um Erlaubnis fragen sollen? Was war hier mein Dank dafür, daß ich dich auf Kosten meiner Gesundheit aus dem Gefängnis befreit habe? – La misère noire! Ihr habt mich preisgegeben! Ich hätte Packträger werden können, wenn mich dieses Mädchen nicht aufgenommen hätte. In den Folies-Bergère warf man mir gleich am ersten Abend einen Sammetfauteuil an den Kopf. Die französische Nation ist zu heruntergekommen, um noch gediegene Kraftleistungen zu würdigen. Wäre ich ein boxendes Känguruh, dann hätten sie mich interviewt und in allen Journalen abgebildet. Gott sei Dank hatte ich auf der Toilette schon die Bekanntschaft meiner Célestine gemacht. Als ich ihr meine zwei Sous in die Hand drückte, erklärte sie mir, sie beabsichtige, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Sie hat die Ersparnisse zwanzigjähriger Arbeit auf dem Crédit Lyonnais deponiert. Dabei liebt sie mich um meiner selbst willen. Sie geht nicht wie du nur auf Gemeinheiten aus. Sie hat drei Kinder von einem englischen Bischof, die alle zu den schönsten Hoffnungen berechtigen. Übermorgen früh werden wir uns auf der Mairie des ersten Arrondissements standesamtlich trauen lassen.

Lulu Meinen Segen hast du dazu.

Rodrigo Dein Segen kann mir gestohlen werden! Ich habe meiner Braut gesagt, ich hätte zwanzigtausend Francs auf der Bank liegen.

Lulu Dabei prahlt der Kerl noch, daß ihn das Mädchen um seiner selbst willen liebt!

Rodrigo Meine Célestine verehrt den Gemütsmenschen in mir, und nicht den Kraftmenschen, wie du das getan hast und all die anderen. Das ist jetzt überstanden! Erst rissen sie einem die Kleider vom Leib, und dann wälzten sie sich mit der Femme de chambre herum. Ich will ein Totengerippe sein, wenn ich mich noch jemals auf solche Belustigungen einlasse!

Lulu Warum zum Henker verfolgst du denn die unglückliche Geschwitz mit deinen schmutzigen Anträgen?

Rodrigo Weil das Frauenzimmer von Adel ist. Ich bin Homme du monde und verstehe mich besser als irgendeiner von euch auf den Pariser Konversationston. – Aber jetzt bitte ich um eine bündige Antwort. Wirst du mir bis morgen abend das Geld verschaffen oder nicht?

Lulu Ich habe kein Geld.

Rodrigo Ich will Hühnerdreck im Kopf haben, wenn ich mich damit abspeisen lasse! Er gibt dir den letzten Sou, den er hat, wenn du nur einmal deine verdammte Pflicht und Schuldigkeit tust und ihn nicht umsonst vor deiner Tür winseln läßt. Du hast den armen Jungen hierher gelockt, und jetzt kann er sehen, wo er ein passendes Engagement für seine Vervollkommnung auftreibt.

Lulu Was schert es dich, ob er das Geld mit Weibern oder am Spieltisch vertut?!

Rodrigo Wollt ihr denn mit Gewalt den letzten Pfennig, den sich sein Vater an der Zeitung verdient hat, diesem wildfremden Pack in den Rachen jagen?! Du machst vier Menschen glücklich, wenn du fünfe gerad sein läßt und dich einem wohltätigen Zweck opferst! Muß es denn immer und immer nur Casti-Piani sein!

Lulu Soll ich ihn vielleicht bitten, daß er dir die Treppe hinunterleuchtet?

Rodrigo Comme vous voulez, ma chère! Wenn ich bis morgen abend die zwanzigtausend Francs nicht habe – du kannst sie auf dem Postbureau an der Avenue de l'Opéra deponieren –, dann erstatte ich Anzeige bei der Polizei, und euer Luderleben hat ein Ende. – Au plaisir de vous revoir!

Journalist Heilmann kommt atemlos von links hinten.

Lulu Sie suchen Madelaine de Marelle? – Sie ist nicht hier.

Heilmann Nein, ich suche etwas anderes.

Rodrigo ihm den Weg weisend Die zweite Tür rechts, bitte.

Lulu zu Rodrigo Hast du das schon von deiner Braut gelernt?

Heilmann stößt in der Tür links auf Bankier Puntschu Pardon, mein Engel.

Puntschu Ach, Sie sind's! Madame de Marelle erwartet Sie im Lift.

Heilmann Fahren Sie bitte mit ihr hinauf. Ich bin gleich zurück.

Heilmann eilt nach links ab. Lulu geht ins Speisezimmer; Rodrigo folgt ihr.

Puntschu allein Quelle chaleur! – – Schneid' ich dir die Ohren nicht ab, schneidet du sie mir! – – Muß man sich durchquetschen zwischen Juden, Christen und Sirenen! – – Kann ich nicht vermieten mein Josaphat, muß ich mir helfen mit meinem Verstand! – Wird er nicht runzlig, mein Verstand; wird er nicht avachi; braucht er sich nicht zu baden in Eau de Cologne!

Bob überbringt ein Telegramm.

Bob A Monsieur Puntschu!

Puntschu erbricht es und murmelt Les actions du Funiculaire de la Jung-Frau tombées... Attends! Gibt Bob ein Trinkgeld Comment t'appelles-tu?

Bob Gaston Tarnaud, Monsieur; mais on m'a baptisé Bob parce que ça se prononce plus court comme ça.

Puntschu Es-tu né è Paris?

Bob Oui, Monsieur.

Puntschu Quel âge?...


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