Frank Wedekind
Die Büchse der Pandora
Frank Wedekind

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Alwa Fräulein von Geschwitz hat Ihnen doch jeden Pfennig, den Sie ausgegeben haben, zurückerstattet. Soviel ich weiß, beziehen Sie außerdem noch ein monatliches Salär von fünfhundert Mark von ihr. Es fällt einem manchmal ziemlich schwer, an Ihre Liebe zu der unglücklichen Gefangenen zu glauben. Wenn ich eben Fräulein von Geschwitz darum bat, meine Hilfe anzunehmen, so geschah es gewiß nicht, um Ihre unersättliche Goldgier aufzustacheln. Die Bewunderung, die ich vor Fräulein von Geschwitz in dieser Sache hegen gelernt, empfinde ich Ihnen gegenüber noch lange nicht. Es ist mir überhaupt unklar, was Sie an mich für Ansprüche geltend machen. Daß Sie zufällig bei der Ermordung meines Vaters zugegen waren, hat zwischen Ihnen und mir noch nicht die geringsten verwandtschaftlichen Bande geschaffen. Dagegen bin ich fest davon überzeugt, daß Sie, wenn Ihnen das heroische Unternehmen der Gräfin Geschwitz nicht zugute gekommen wäre, heute ohne einen Pfennig irgendwo betrunken im Rinnstein lägen.

Rodrigo Und wissen Sie, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie das Käseblatt, das Ihr Vater redigierte, nicht um zwei Millionen veräußert hätten? – Sie hätten sich mit dem ausgemergeltsten Ballettmädchen zusammengetan und wären heute Stallknecht im Zirkus Humpelmeier. Was arbeiten Sie denn? – Sie haben ein Schauerdrama geschrieben, in dem die Waden meiner Braut die beiden Hauptfiguren sind und das kein anständiges Theater zur Aufführung bringt. Sie Nachtjacke Sie! Ich habe auf diesem Brustkasten noch vor zwei Jahren zwei gesattelte Kavalleriepferde balanciert. Wie das jetzt mit der Plauze werden soll, ist mir allerdings rätselhaft. Die Französinnen bekommen einen schönen Begriff von der deutschen Kunst, wenn sie mir bei jedem Kilo mehr den Schweiß aus den Trikots tröpfeln sehen. Ich werde den ganzen Zuschauerraum verpesten mit meiner Ausdünstung.

Alwa Sie sind ein Waschlappen.

Rodrigo Wollte Gott, Sie hätten recht! Oder wollten Sie mich vielleicht beleidigen? – Dann setze ich Ihnen die Fußspitze unter die Kinnlade, daß Ihnen Ihre Zunge an der Tapete spazierengeht.

Alwa Versuchen Sie das doch!

Tritte und Stimmen werden von außen hörbar.

Alwa Was ist das...?

Rodrigo Es ist ein Glück für Sie, daß wir hier kein Publikum haben.

Alwa Wer kann das sein?

Rodrigo Das ist meine Geliebte! Seit einem vollen Jahre haben wir uns jetzt nicht mehr gesehen.

Alwa Wie wollten denn die schon zurück sein! – Wer mag da kommen! – Ich erwarte niemanden.

Rodrigo Zum Henker, so schließen Sie doch auf!

Alwa Verstecken Sie sich!

Rodrigo Ich stelle mich hinter die Portière. Da habe ich vor einem Jahr auch schon einmal gestanden.

Rodrigo verschwindet hinter der Portière rechts vorn. Alwa öffnet die Mitteltüre, worauf Alfred Hugenberg, den Hut in der Hand, eintritt.

Alwa Mit wem habe ich... Sie? – Sind Sie nicht...?

Hugenberg Alfred Hugenberg.

Alwa Was wünschen Sie?

Hugenberg Ich komme von Münsterberg. Ich bin heute morgen geflüchtet.

Alwa Ich bin augenleidend. Ich bin gezwungen, die Jalousien geschlossen zu halten.

Hugenberg Ich brauche Ihre Hilfe, Sie werden sie mir nicht versagen. Ich habe einen Plan vorbereitet. – Hört man uns?

Alwa Wovon sprechen Sie? – Was für einen Plan?

Hugenberg Sind Sie allein?

Alwa Ja. – Was wollten Sie mir mitteilen?

Hugenberg Ich habe zwei Pläne nacheinander wieder fallen lassen. Was ich Ihnen jetzt sage, ist bis auf jeden möglichen Zwischenfall durchgearbeitet. Wenn ich Geld hätte, würde ich Sie nicht ins Vertrauen ziehen. Ich dachte zuerst lange daran – – Wollen Sie mir nicht erlauben, Ihnen meinen Entwurf auseinanderzusetzen?

Alwa Wollen Sie mir bitte sagen, wovon Sie denn eigentlich sprechen?

Hugenberg Die Frau kann Ihnen unmöglich so gleichgültig sein, daß ich Ihnen das sagen muß. Was Sie vor dem Untersuchungsrichter zu Protokoll gaben, hat ihr mehr genützt als alles, was der Verteidiger sagte.

Alwa Ich verbitte mir eine derartige Unterstellung.

Hugenberg Das sagen Sie so; das verstehe ich natürlich. Aber Sie waren doch ihr bester Entlastungszeuge.

Alwa Sie waren der! Sie sagten, mein Vater habe sie zwingen wollen, sich selbst zu erschießen.

Hugenberg Das wollte er auch. Aber man glaubte mir nicht; ich wurde nicht vereidigt.

Alwa Wo kommen Sie jetzt her?

Hugenberg Aus einer Besserungsanstalt, aus der ich heute morgen ausgebrochen bin.

Alwa Und was beabsichtigen Sie?

Hugenberg Ich erschleiche mir das Vertrauen eines Gefängnisschließers.

Alwa Wovon wollen Sie denn leben?

Hugenberg Ich wohne bei einer Prostituierten, die ein Kind von meinem Vater hat.

Alwa Wer ist Ihr Vater?

Hugenberg Er ist Polizeidirektor. Ich kenne das Gefängnis, ohne daß ich jemals drin war; und mich wird, so wie ich jetzt bin, kein Aufseher erkennen. Aber darauf rechne ich gar nicht. Ich weiß eine eiserne Leiter, von der man vom ersten Hof aus aufs Dach und durch eine Dachluke unter den Dachboden gelangt. Vom Innern aus führt kein Weg dorthin. Aber in allen fünf Flügeln liegen Bretter und Latten unter den Dächern und große Haufen Späne. Ich schleppe die Bretter und Latten und Späne an fünf Enden zusammen und zünde sie an. Ich habe alle Taschen voll Zündmaterial, wie es zum Feuermachen gebraucht wird.

Alwa Dann verbrennen Sie doch!

Hugenberg Natürlich, wenn ich nicht gerettet werde. Aber um in den ersten Hof zu kommen, muß ich den Schließer in meiner Gewalt haben, und dazu brauche ich Geld. Nicht daß ich ihn bestechen will; das würde nicht gelingen. Ich muß ihm das Geld vorher leihen, damit er seine drei Kinder in die Sommerfrische schicken kann. Dann drücke ich mich morgens um vier, wenn die Sträflinge aus geachteten Familien entlassen werden, zur Tür hinein. Er schließt hinter mir ab. Er fragt mich, was ich vorhabe; ich bitte ihn, mich am Abend wieder hinauszulassen. Und eh' es hell wird, bin ich unter dem Dachboden.

Alwa Wie sind Sie aus der Besserungsanstalt entkommen?

Hugenberg Ich bin zum Fenster hinausgesprungen. Ich brauche zweihundert Mark, damit der Kerl seine Familie in die Sommerfrische schicken kann.

Rodrigo aus der Portière tretend Wünschen der Herr Baron den Kaffee im Musikzimmer oder auf der Veranda serviert?

Hugenberg Wo kommt der Mensch her?! – Aus derselben Türe! – Er sprang aus derselben Türe heraus!

Alwa Ich habe ihn in Dienst genommen. Er ist zuverlässig.

Hugenberg sich an die Schläfen greifend Ich Dummkopf! – ich Dummkopf!

Rodrigo Ja, ja, wir haben uns hier schon gesehen! Scheren Sie sich zu Ihrer Frau Vize-Mama! Ihr Brüderchen möchte seinen Geschwistern gerne Onkel werden. Machen Sie Ihren Herrn Papa zum Großvater seiner Kinder. Sie haben uns gefehlt! Wenn Sie mir in den nächsten vierzehn Tagen noch einmal unter die Augen kommen, dann schlage ich Ihnen den Kürbis zu Brei zusammen.

Alwa Seien Sie doch ruhig!

Hugenberg Ich Dummkopf!

Rodrigo Was wollen Sie mit Ihren Brennmaterialien! – Wissen Sie denn nicht, daß die Frau seit drei Wochen tot ist?

Hugenberg Hat man ihr den Kopf abgeschlagen?

Rodrigo Nein, den hat sie noch. Sie ist an der Cholera krepiert.

Hugenberg Das ist nicht wahr.

Rodrigo Was wollen Sie denn wissen! – Da, lesen Sie; hier! Zieht ein Zeitungsblatt hervor und deutet auf eine Notiz darin »Die Mörderin des Dr. Schön... « Gibt das Blatt an Hugenberg.

Hugenberg liest »Die Mörderin des Dr. Schön ist im Gefängnis auf unbegreifliche Weise an der Cholera erkrankt.« – Da steht nicht, daß sie gestorben ist.

Rodrigo Was will sie denn sonst getan haben? Sie liegt seit drei Wochen auf dem Kirchhof. In der Ecke links hinten, hinter den Müllhaufen, wo die kleinen Kreuze sind, an denen kein Name steht, da liegt sie unter dem ersten. Sie erkennen den Platz daran, daß kein Gras darauf wächst. Hängen Sie einen Blechkranz hin, und dann machen Sie, daß Sie wieder in Ihre Kinderbewahranstalt kommen, sonst denunziere ich Sie bei der Polizei. Ich kenne das Frauenzimmer, das sich durch Sie ihre Mußestunden versüßen läßt.

Hugenberg Ist es wahr, daß sie tot ist?

Alwa Gott sei Dank, ja! – Ich bitte Sie, mich nicht länger in Anspruch zu nehmen. Mein Arzt verbietet mir, Besuche zu empfangen.

Hugenberg Meine Zukunft ist so wenig mehr wert! Ich hätte das letzte bißchen, das mir das Leben noch gilt, gerne an ihr Glück hingegeben. Pfeif drein! Auf irgendeine Art werde ich nun doch wohl zum Teufel gehen!

Rodrigo Wenn Sie sich unterstehen und mir oder dem Herrn Doktor hier oder meinem ehrenwerten Freund Schigolch noch in irgendwelchen Weise zu nahe treten, dann verklage ich Sie wegen beabsichtigter Brandstifterei. Ihnen tun drei Jahre Zuchthaus not, damit Sie wissen, wo Ihre Finger nicht hineingehören. – Und jetzt hinaus!

Hugenberg Ich Dummkopf!

Rodrigo Hinaus! Wirft Hugenberg zur Tür hinaus. Nach vorne kommend Nimmt mich wunder, daß Sie dem Lümmel nicht auch Ihr Portemonnaie zur Verfügung gestellt haben.

Alwa Ich verbitte mir Ihre Unflätigkeiten! Der Junge ist im kleinen Finger mehr wert als Sie!

Rodrigo Ich habe an dieser Geschwitz schon Genossenschaft genug. Soll meine Braut eine Gesellschaft mit beschränkter Haftpflicht werden, dann mag ein anderer vorangehen. Ich gedenke die pompöseste Luftgymnastikerin aus ihr zu machen und setze deshalb gerne meine Gesundheit aufs Spiel. Aber dann bin ich Herr im Hause und bezeichne selber die Kavaliere, die sie bei sich zu empfangen hat.

Alwa Der Junge hat das, was unserem Zeitalter fehlt. Er ist eine Heldennatur. Er geht deshalb natürlich zugrunde. Erinnern Sie sich, wie er vor Verkündigung des Urteils aus der Zeugenbank sprang und dem Vorsitzenden zurief: »Woher wollen Sie wissen, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie sich als zehnjähriges Kind die Nächte barfuß hätten in den Cafés herumtreiben müssen?!«

Rodrigo Hätte ich ihm nur gleich eine dafür in die Fresse hauen können! – Gottlob gibt es Zwangserziehungsanstalten, in denen man solchem Pack Respekt vor dem Gesetz einflößt.

Alwa Er wäre so einer, der mir in meinem »Weltbeherrscher« Modell stehen könnte. Seit zwanzig Jahren bringt die dramatische Literatur nichts als Halbmenschen zustande; Männer, die keine Kinder machen, und Weiber, die keine gebären können. Das nennt man »modernes Problem«. Wenn ich bedenke, mit welch traurigen Jammergestalten sich mein Jugendfreund die Ehre erkämpft hat, der größte deutsche Dichter zu sein, dann wird es mir schwer, ihn um seinen Lorbeer zu beneiden. Seine Helden begehen Selbstmord, weil sie im Lauf von fünf Akten nicht bis drei zählen lernen. Und dafür begeistert sich ein in Gummiwäsche und Jägerhemden gekleidetes, von Schmutz starrendes Publikum von Klavierlehrerinnen, das an Häßlichkeit jeden Kehrichthaufen überbietet, der sich an den Hinterpforten eines Palastes aufstaut. Ich müßte nicht unter Exemplaren, wie es mein Vater und seine zweite Frau waren, groß geworden sein, wenn ich ihm seinen Lorbeer nicht sachte vom Haupte nehme.

Rodrigo Ich habe mir eine zwei Zoll dicke Nilpferdpeitsche bestellt. Wenn die keinen Sukzeß bei ihr hat, dann will ich Kartoffelsuppe im Hirnkasten haben. Ist es Liebe oder sind es Prügel, danach fragt kein Weiberfleisch; hat es nur Unterhaltung, dann bleibt es stramm und frisch. Sie steht jetzt im zwanzigsten Jahr, war dreimal verheiratet, hat eine kolossale Menge Liebhaber befriedigt, da melden sich auch schließlich die Herzensbedürfnisse. Aber dem Kerl müssen die sieben Todsünden auf der Stirn geschrieben stehen, sonst verehrt sie ihn nicht. Wenn der Mensch so aussieht, als hätte ihn ein Hundefänger auf die Straße gespuckt, dann hat er bei solchen Frauenspersonen keinen Prinzen zu fürchten. Ich miete eine Remise an der Rue Lafontaine; da wird sie dressiert; und hat sie den ersten Tauchersprung exekutiert, ohne den Hals zu brechen, dann ziehe ich meinen schwarzen Frack an und rühre bis an mein Lebensende keinen Finger mehr. Bei ihrer praktischen Einrichtung kostet es die Frau nicht halb soviel Mühe, ihren Mann zu ernähren, wie umgekehrt. Wenn ihr der Mann nur die geistige Arbeit besorgt und den Familiensinn nicht in die Puppen gehen läßt.


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