Mark Twain
Querkopf Wilson
Mark Twain

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Einundzwanzigstes Kapitel.

Langsam schleppten sich die Wochen dahin; niemand besuchte die Brüder im Gefängnis außer ihrem Verteidiger und der Tante Patsy Cooper. Endlich kam der Tag der Gerichtsverhandlung; es war der schwerste Tag in Wilsons Leben, denn trotz seiner unausgesetzten Bemühungen hatte er auch nicht die leiseste Spur des fehlenden Mitverschworenen entdeckt. Ob die Bezeichnung ›Mitverschworener‹ für jene unbekannte Persönlichkeit überhaupt die richtige war, schien ihm allerdings zweifelhaft. Er hatte sie eben stillschweigend gewählt, obwohl er nie begreifen konnte, warum die Zwillinge nicht gleichfalls entflohen und verschwunden waren, statt auf dem Schauplatz des Mordes zurückzubleiben und sich festnehmen zu lassen.

Scharen von Menschen strömten nach dem Gerichtshause; das Gedränge dort war groß, und man konnte voraussehen, daß es bis zum Schluß der Verhandlung nicht abnehmen würde, denn nicht nur in der Stadt selbst, sondern auch auf viele Meilen im Umkreis, sprach man im Volke von nichts anderem. Neben Pembroke Howard, dem Staatsanwalt, hatten die nächsten Anverwandten ihre Plätze; dort saß Frau Pratt in tiefer Trauer, und Tom mit dem Kreppstreifen um den Hut. Hinter ihnen nahmen die zahlreichen Freunde der Familie die ersten Bänke ein.

Zu dem Verteidiger der Zwillinge hielt sich niemand, außer ihrer armen, alten, tiefbetrübten Wirtin! Sie saß an Wilsons Seite und machte ein so freundliches Gesicht, wie sie irgend konnte. Im Negerwinkel hatte sich Schamber eingefunden, desgleichen Roxy, die ihren Kaufbrief in der Tasche trug. Es war ihr teuerstes Besitztum, von dem sie sich weder bei Tag noch bei Nacht trennen mochte. Als Tom in sein Erbe gekommen war, hatte er ihr ein Monatsgeld von fünfunddreißig Dollars ausgesetzt und geäußert, sie müßten beide den Zwillingen dankbar sein, die sie reich gemacht hätten. Darüber war Roxy aber in so großen Zorn geraten, daß Tom sich wohl hütete, die Bemerkung noch einmal zu machen. Der alte Richter, sagte sie, sei gegen ihren Sohn viel tausendmal zu gut gewesen und ihr selbst hätte er sein Leben lang nichts zuleide gethan. Sie wäre ganz wild vor Wut über die beiden ausländischen Teufel, die ihn umgebracht hätten und würde nicht eher wieder ruhig schlafen, bis sie am Galgen hingen. Sobald ihnen das Urteil gesprochen wäre, wollte sie laut ›Hurrah‹ schreien, daß die Wände davon wiederhallten, und wenn sie der Bezirksrichter auch ein Jahr lang dafür ins Gefängnis steckte.

Pembroke Howard trug als Staatsanwalt die öffentliche Anklage in kurzen Worten vor. Er machte sich anheischig, durch eine zusammenhängende Kette von Beweisen überzeugend darzuthun, daß der Hauptangeklagte den Mord begangen habe, teils aus Rache und teils um sein eigenes Leben vor Gefahr zu schützen. Sein Bruder aber sei bei dem Verbrechen zugegen gewesen und habe dadurch seine Zustimmung und Mitschuld kundgethan. Dieser Meuchelmord, einem tückischen, verworfenen Gemüt entsprungen, sei die verruchteste That, die eine feige Hand nur begehen könne. Sie habe das Herz einer liebenden Schwester gebrochen und das Glück eines jungen Neffen zerstört, der dem Toten so teuer gewesen sei wie ein eigener Sohn. Zahlreiche Freunde beklagten ihren unersetzlichen Verlust, und die ganze Stadt trauere um ihren trefflichsten Bürger. Deshalb fordere das Gesetz für den Frevel die höchste zulässige Strafe, die auch ohne Zweifel an dem hier gegenwärtigen Uebelthäter in aller Strenge vollzogen werden würde. Das übrige, was er noch zu sagen habe, wolle er für seine Schlußbemerkung aufsparen.

Der Redner war heftig bewegt und mit ihm das ganze Haus. Als er wieder Platz nahm, brachen Frau Pratt und einige ihrer Freundinnen in Thränen aus, und mancher haßerfüllte Blick flog zu den unglücklichen Gefangenen hinüber.

Ein Zeuge nach dem andern wurde nun aufgerufen und eingehend befragt, aber ihr Kreuzverhör war kurz, weil Wilson wohl wußte, daß sie nichts auszusagen hatten, was sich für die Verteidigung verwerten ließ. Der Querkopf wurde von aller Welt bedauert, denn in diesem Prozeß konnte er für seine kaum erst begonnene Laufbahn keine Lorbeeren pflücken.

Mehrere Zeugen versicherten bei ihrem Eide, sie hätten den Richter Driscoll in öffentlicher Versammlung sagen hören, daß die Brüder ihr verlorenes Dolchmesser schon wiederfinden würden, wenn sie es brauchen wollten, um jemand damit umzubringen. Das war nichts Neues, doch wurde man jetzt inne, auf wie traurige Weise sich die Prophezeiung erfüllt hatte. Es machte großen Eindruck auf alle Gemüter, und über den ganzen Gerichtssaal lagerte sich eine tiefe Stille, als die unheilvollen Worte wiederholt wurden.

Nun erhob sich der Staatsanwalt wieder und sagte, er wisse aus seinem letzten Gespräch mit dem Richter Driscoll, daß der Herr Verteidiger, als Ueberbringer einer Herausforderung seitens des Hauptangeklagten, zu ihm gekommen wäre. Der Richter habe sich jedoch geweigert, einem Menschen, der eines Mordes schuldig sei, auf dem Felde der Ehre Genugthuung zu geben. Anderswo, habe er bedeutsam hinzugefügt, wäre er zum Kampfe bereit. Vermutlich habe man den Angeklagten gewarnt und benachrichtigt, daß er bei der ersten Begegnung darauf gefaßt sein müsse, entweder den Richter selbst zu töten oder sich von ihm über den Haufen schießen zu lassen. Wenn der Herr Verteidiger gegen die Richtigkeit dieser Angaben nichts einzuwenden hätte, würde es nicht erforderlich sein, ihn als Zeuge zu vernehmen. Wilson erwiderte darauf, er wolle die Thatsachen nicht bestreiten.

(»Mit Wilsons Verteidigung sieht es windig aus« – diese und ähnliche Bemerkungen wurden im Saale geflüstert.)

Frau Pratt sagte aus, sie habe keinen Schrei gehört und wisse nicht, wovon sie aufgewacht sei; vielleicht hätte das Geräusch rascher Schritte, die sich der Vorderthür näherten, sie geweckt. Als sie im Nachtkleide in den Gang hinausstürzte, hörte sie Fußtritte auf der Haupttreppe und andere, die ihr folgten, während sie nach dem Wohnzimmer eilte. Dort fand sie die Angeklagten bei ihrem ermordeten Bruder. (Sie brach in Schluchzen aus; im Saal entstand große Bewegung.) Die Personen, die hinter ihr dreinkamen, fügte sie noch hinzu, seien Herr Rogers und Herr Buckstone gewesen.

In dem Kreuzverhör, das Wilson mit ihr vornahm, erwiderte sie, die Zwillinge hätten ihre Unschuld beteuert und versichert, sie seien auf einem Spaziergang begriffen gewesen und in das Haus geeilt, weil sie einen lauten Hilfeschrei gehört hatten, als sie noch eine gute Strecke entfernt waren. Auf Verlangen der Brüder habe sie selbst, sowie die beiden Herren, die Hände und Kleider der Zwillinge besichtigt und keine Blutflecken an ihnen gefunden.

Rogers und Buckstone bestätigten diese Angaben.

Sodann wurde die Auffindung des Dolchmessers durch Zeugen erhärtet. Um festzustellen, daß es genau mit der Beschreibung übereinstimme und dieselbe Waffe sei, für deren Wiedererlangung eine Belohnung ausgesetzt worden, verlas man die betreffende Anzeige. Es folgten nun noch mehrere unbedeutende Einzelheiten, und damit war die Begründung der Anklage geschlossen.

Wilson erklärte, er werde drei Zeuginnen beibringen – die drei Fräulein Clarkson – welche ein paar Minuten, nachdem man das Hilfegeschrei vernommen, einem verschleierten Mädchen begegnet seien, das sich durch das hintere Hofthor aus dem Driscoll'schen Anwesen entfernte. Ihre Aussage, verbunden mit gewissen Indizienbeweisen, die er dem Gerichtshof vorlegen wolle, würde Richter und Geschworene überzeugen, daß noch eine Person an dem Verbrechen beteiligt sei, deren man bis jetzt nicht habhaft geworden, und daß es sich als eine Forderung der Gerechtigkeit gegen seine Klienten empfehlen würde, das Verfahren auszusetzen, bis die fragliche Person zur Stelle sei. In Anbetracht der späten Stunde bitte er das Verhör der drei Zeuginnen bis zum nächsten Morgen vertagen zu dürfen.

Die Menge strömte aus dem Gerichtshause und zerstreute sich in einzelne, aufgeregte Gruppen, welche unter sich die Vorgänge bei der Verhandlung mit dem lebhaftesten Interesse besprachen. Alle schienen einen höchst befriedigenden und genußreichen Tag verlebt zu haben, außer den Angeklagten, ihrem Verteidiger und ihrer alten Freundin. Diese waren ziemlich niedergeschlagen und hatten wenig Hoffnung. Als Tante Patsy den Zwillingen Gute Nacht sagen und Mut zusprechen wollte, mußte sie mitten im Satz abbrechen, weil ihr die Stimme versagte.

Obgleich sich Tom für vollkommen sicher hielt, hatte er sich bei der feierlichen Eröffnung der Gerichtssitzung eines gewissen unbehaglichen Gefühls doch nicht erwehren können, denn er war äußerst schreckhaft von Natur. Sobald es jedoch offenbar wurde, auf wie schwachen Füßen Wilsons Verteidigung stand, fühlte er sich wieder beruhigt, ja, er frohlockte innerlich. Mit einem Anflug spöttischen Bedauerns für den Verteidiger, verließ er den Gerichtssaal. »Die Clarksons sind in der Hintergasse einem unbekannten Frauenzimmer begegnet,« sagte er bei sich, »mehr weiß er nicht vorzubringen. Ich will ihm meinetwegen ein paar Jahrhunderte Zeit lassen, um die Person zu entdecken. Sie selbst ist nicht mehr vorhanden, ihre Kleider sind verbrannt und die Asche in die Winde verstreut, – wahrhaftig, er wird leichte Arbeit haben, sie aufzufinden!« Wieder und wieder pries er seine kluge Erfindungsgabe, durch die er sich gegen jede Entdeckung, ja sogar gegen den geringsten Verdacht vollständig gesichert hatte.

»In solchen Fällen übersieht man fast regelmäßig irgend eine Kleinigkeit – eine geringfügige Spur bleibt zurück und ermöglicht die Entdeckung; aber hier ist auch nicht die leiseste Andeutung mehr vorhanden. Ebensogut könnte man den Zug eines Vogels verfolgen wollen, der bei Nacht durch die Luft fliegt. Wer die Spur des Vogels in der Luft finden kann, wenn er davongeflogen ist, der und kein anderer wird auch meine Bahnen aufzuspüren wissen und den Mörder des Richters entdecken. Daß diese Arbeit gerade dem armen Querkopf Wilson aufgebürdet wird, ist wirklich ein tragikomisches Verhängnis. Wie muß er sich quälen und abhaspeln mit der Verfolgung der Unbekannten, die nirgendwo ist, während ihm der rechte Mann die ganze Zeit über am Ellbogen sitzt.« Je mehr er die Lage der Dinge überdachte, um so mehr fiel ihm ihre spaßhafte Seite auf. Endlich sagte er: »Mit dem Frauenzimmer will ich ihn hänseln bis an sein Lebensende. So oft ich ihn in Gesellschaft treffe, frage ich ihn mit der unschuldigsten Miene von der Welt: ›Wie steht's, Querkopf – hast du ihre Fährte gefunden?‹ Das wird ihm so ärgerlich sein, wie früher meine Erkundigung nach seiner ungeborenen Anwaltspraxis.« Er hätte laut auflachen mögen, doch das ging nicht an, es waren Leute zugegen und er trauerte ja um seinen Onkel. Aber das Vergnügen wollte er sich doch machen, heute abend bei Wilson vorzusprechen, um zu sehen, welche Pein ihm seine aussichtslose Verteidigung bereitete. Vielleicht konnte er das eine oder andere Wort des Bedauerns und Mitleids einfließen lassen, so daß der Querkopf vollends außer sich geriete.

Wilson hatte sich kein Abendbrot bringen lassen, ihm war alle Eßlust vergangen. Er holte seine ›Protokolle‹ mit den Fingerabdrücken sämtlicher Mädchen und Frauen hervor und starrte sie wohl über eine Stunde in düsterm Schweigen an, um sich zu überzeugen, ob er nicht doch vielleicht die Spuren jenes verdächtigen Mädchens übersehen haben könne. Aber es war alles vergebens. Endlich lehnte er sich in den Stuhl zurück, verschränkte die Hände über dem Kopf und überließ sich finstern, unfruchtbaren Gedanken.

Noch spät am Abend trat Tom Driscoll bei ihm ein, setzte sich und sagte in munterem Ton:

»Was sehe ich! Du hast zum Trost dein altes Steckenpferd aus der Zeit deiner Verkennung und Zurücksetzung wieder aufgenommen!« Er griff nach einem der Gläser und hielt es ans Licht, um es genau zu betrachten. »Verliere nur den Mut nicht, altes Haus! Weil deine neue Sonnenscheibe Flecken hat, brauchst du doch nicht gleich alles aufzugeben und den unnützen Kinderkram vorzuholen. So etwas geht vorbei, und dann bist du wieder obenauf.« – Er legte das Glasplättchen hin. »Hast du denn gedacht, du müßtest immer Erfolg haben?«

»O nein, durchaus nicht,« erwiderte Wilson mit einem Seufzer; »aber ich kann nicht glauben, daß Luigi deinen Onkel getötet hat, und er thut mir von Herzen leid. Es macht mich ganz schwermütig, und dir würde es ebenso gehen, wenn du kein Vorurteil gegen die jungen Leute hättest.«

»Das ist noch sehr die Frage,« sagte Tom mit finsterer Miene, denn ihm fiel der Fußtritt wieder ein, den er erhalten hatte. »Es ist wahr, ich bin ihnen wenig Dank schuldig, wenn ich daran denke, wie mich der Braune an jenem Abend behandelt hat. Aber Vorurteil hin – Vorurteil her – ich kann sie nun einmal nicht ausstehen, und wenn ihnen nach Verdienst geschieht, werde ich mir keine grauen Haare um sie wachsen lassen.«

Wieder nahm er ein Glasplättchen in die Hand und besichtigte es. »Wahrhaftig, da steht der Name der alten Roxy darunter! Willst du denn die Königspaläste auch mit den Abdrücken von Negerpfoten verzieren? Nach dem Datum zu urteilen, war ich sieben Monate alt, als das gemacht wurde; sie pflegte und wartete mich damals zusammen mit ihrem Negerjungen. Bei ihrem Daumen geht eine Linie quer über den Abdruck. Woher kommt das wohl?« Tom reichte Wilson das Plättchen hin.

»Von irgend einem alten vernarbten Riß oder Schnitt,« antwortete dieser seinem Quälgeist in abgespanntem Ton, »man findet das häufig.« Er nahm das Glas gleichgültig zur Hand und hielt es gegen die Lampe. Plötzlich wich alles Blut aus seinem Gesicht, seine Hand zitterte und er starrte mit förmlich verglastem Blick auf die glatte Fläche vor seinen Augen.

»Um alles in der Welt, was ist denn mit dir los, Wilson, willst du in Ohnmacht fallen?«

Tom holte ihm rasch ein Glas Wasser, aber Wilson fuhr schaudernd davor zurück.

»Nein, nein,« rief er, »fort damit!« Seine Brust hob und senkte sich, er bewegte den Kopf schwerfällig hin und her, wie jemand, der einen betäubenden Schlag erhalten hat. Endlich sagte er: »Ich glaube, mir wird wohler werden, wenn ich mich zu Bette lege; ich habe mich heute zu sehr angestrengt und mich vielleicht schon seit einigen Tagen überarbeitet.«

»Dann will ich gehen und dich in Ruhe lassen, Gute Nacht, altes Haus!« Beim Abschied konnte Tom jedoch eine letzte Stichelrede nicht unterdrücken: »Nimm dir's nicht so zu Herzen; immer gewinnen thut keiner. Du wirst schon noch jemand an den Galgen bringen.«

»Jawohl, und ich lüge nicht,« murmelte Wilson vor sich hin als er allein war, »wenn ich sage, es thut mir leid, daß ich mit dir den Anfang machen muß, trotzdem du ein so elender Hund bist!«

Er raffte sich zusammen, trank ein Glas kalten Whisky und ging wieder an die Arbeit. Die neuen Fingerabdrücke, die Tom unabsichtlich auf Roxys Glasplatte zurückgelassen hatte, brauchte er bei seinem geübten Auge nicht erst mit den Spuren auf dem Griff des Dolchmessers zu vergleichen. Er beschäftigte sich mit andern Dingen und brummte dabei von Zeit zu Zeit: »Narr, der ich war! – Nur an ein Mädchen habe ich gedacht – ein Mann in Frauenkleidern ist mir nicht eingefallen.« Zuerst suchte er die Platte heraus, die Toms Fingerabdrücke im Alter von zwölf Jahren trug, dann das ›Protokoll‹ des Säuglings von sieben Monaten; beide Gläser legte er neben einander und fügte das dritte mit dem Abdruck hinzu, den der junge Mensch soeben gemacht hatte, ohne es zu wissen.

»So, jetzt ist die Sammlung vollständig,« sagte er im Ton der Befriedigung und setzte sich hin, um alles mit Muße in Augenschein zu nehmen. Aber dies Vergnügen war nur von kurzer Dauer. Er schaute die drei Glasplatten mit unverwandtem Blick an und war ganz starr vor Erstaunen. Endlich legte er sie hin und rief ärgerlich: »Hol's der Henker! Das geht über meine Begriffe. Die Kinderplatte stimmt nicht mit den beiden andern!«

Wohl eine halbe Stunde lang ging er im Zimmer auf und ab und zerbrach sich den Kopf über das Rätsel. Dann suchte er zwei andere Gläser hervor, setzte sich und dachte eine Weile hin und her. »Es nützt nichts,« murmelte er, »ich kann es nicht verstehen. Sie stimmen nicht überein, und doch will ich darauf schwören, daß Namen und Datum richtig sind, deshalb müßten sie natürlich gleich sein. In meinem ganzen Leben habe ich mich nicht ein einziges Mal bei der Unterschrift geirrt. Es ist das wunderbarste Geheimnis, das mir je vorgekommen.«

Er war jetzt ganz erschöpft vor Müdigkeit und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Erst wollte er ausschlafen und dann noch einmal versuchen, das Geheimnis zu ergründen. Eine Stunde mochte er wohl in unruhigem Schlummer gelegen haben, dann erwachte er allmählich wieder zum Bewußtsein und richtete sich schläfrig im Bett in die Höhe. »Was träumte mir nur eben?« fragte er und suchte sich zu besinnen. »Es war mir doch, als hätte mein Traum die Lösung des Rät – –«

Mit einem Sprung war er mitten im Zimmer. Ohne den Satz zu beenden, lief er zum Tisch, machte Licht an und holte seine Glasplatten. Ein einziger rascher Blick genügte ihm.

»Es ist so, wie ich dachte,« rief er. »Himmel, was für eine Enthüllung! Und dreiundzwanzig Jahre lang hat kein Mensch eine Ahnung davon gehabt!«


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