Mark Twain
Querkopf Wilson
Mark Twain

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Drittes Kapitel.

Nachdem sich Percy Driscoll seinem Hausgesinde so gnädig erwiesen, schlief er den Schlaf des Gerechten. Roxy dagegen konnte die ganze Nacht über vor Grauen und Entsetzen kein Auge zuthun. Der Gedanke, daß man ihren Knaben, wenn er groß wurde, flußabwärts verkaufen könne, machte sie fast wahnsinnig. Verlor sie auch auf Augenblicke das klare Bewußtsein und schlummerte ein, so sprang sie doch gleich wieder auf die Füße und stürzte zu ihrem Kinde, um zu sehen, ob es noch in der Wiege sei. Sie riß es heraus, drückte es an ihr Herz, gab ihm tausend Liebesnamen und bedeckte es mit heißen Küssen. »Sie sollen's nicht thun, nein, nein! – Eher bringt dich deine Mammy um!« rief sie unter Schluchzen und Stöhnen.

Als sie es wieder zurück ins Bettchen legte, warf sich das andere Kind im Schlaf unruhig umher. Sie trat zu ihm und betrachtete es lange.

»Warum sollst du alles Glück haben und mein armer Kleiner nichts?« sagte sie. »Was kann er dafür? Weshalb ist Gott dir so gut, und für ihn sorgt er nicht? Dich kann kein Mensch flußabwärts verkaufen. O, wie hasse ich deinen Pappy – er hat kein Gefühl, kein Herz für die Neger. Ich könnte ihn töten vor Abscheu.« Sie überlegte eine Weile und brach dann wieder in wildes Schluchzen aus. »Nein, nein, 'nen anderen Weg giebt's nicht. Es muß sein. Lieber mein Kind umbringen, als immer fürchten zu müssen, daß es mir entrissen und verkauft würde. Bring' ich Massa Percy um, so schicken sie meinen Kleinen doch einmal den Fluß hinunter. Es hilft nichts, deine arme Mammy muß es thun, um dich zu retten, Herzblatt –« sie drückte den Knaben an die Brust und erstickte ihn fast mit ihren Liebkosungen. »Mammy muß dich töten – ob ich's wohl kann? – Aber weine nur nicht – Mammy verläßt dich nicht – sie geht mit dir und bringt sich auch um. Komm nur, Herzblatt, komm mit deiner Mammy; wir springen zusammen ins Wasser, dann ist alle Not dieser Welt vorbei – im Jenseits drüben verkauft man arme Neger nicht flußabwärts.«

Sie redete dem Kinde beschwichtigend zu und eilte nach der Thür; plötzlich stand sie still; dort hing ihr neues Sonntagskleid – ein elendes Kattunfähnchen mit auffallendem Muster und schreiend bunten Farben bedruckt. Sie betrachtete es mit sehnsüchtigem Verlangen.

»Ich hab's noch nie angehabt,« sagte sie, »und 's ist doch so wunderschön!« Da kam ihr ein guter Gedanke, sie nickte beifällig. »Nein, in dem alten schlechten Zeug hier sollen sie mich nicht 'rausfischen, wenn alle Welt mich angafft.« Sie legte das Kind hin, wechselte ihre Kleidung und betrachtete sich im Spiegel. Erstaunt über ihre eigene Schönheit, beschloß sie, sich zum letzten Gang noch vollends zu schmücken. Sie nahm das Kopftuch ab und ordnete ihr reiches glänzendes Haar, »wie die Weißen es thun,« wand auch ein paar recht grellfarbene Bänder hinein und steckte hie und da eine abscheuliche gemachte Blume an; zuletzt warf sie sich noch ein bauschiges feuerrotes Ding, ›eine Wolke‹, wie man es damals nannte, über die Schultern – dann war sie bereit, ins Grab zu steigen. Wieder nahm sie den Kleinen auf den Arm; als ihr aber sein kurzes grobes Hemd in die Augen fiel, quälte sie der Abstand zwischen seiner schäbigen Bettelkleidung und der glänzenden Pracht ihres eigenen Aufputzes; ihr Mutterherz ward gerührt und sie schämte sich.

»Nein, Schätzchen, so spielt dir deine Mammy nicht mit. Dich sollen die Engel grad so schön finden wie deine Mammy. Ich will nicht, daß sie sich die Hand vor die Augen halten und zu David und Goliath und den anderen Propheten sagen: ›Das Kind da im grauen Hemd paßt nicht in den Himmelsgarten.‹«

Rasch hatte sie das kleine Geschöpf nackt ausgezogen, und legte ihm jetzt ein schneeweißes langes Tragkleidchen mit hellblauen Schleifen und zierlichen Puffen und Falbeln an, das Thomas à Becket gehörte.

»Da – jetzt bist du im Staat.« Sie stellte das Kind aufrecht in den Armstuhl und trat ein paar Schritte zurück, es zu betrachten. Erstaunt riß sie die Augen auf, klatschte bewundernd in die Hände und rief: »Na, das hätt' ich mir nicht träumen lassen – du bist ja allerliebst. Massa Tommy ist kein bischen schöner – auch nicht ein Linschen!«

Nun eilte sie an die Wiege des andern Kindes, warf einen vergleichenden Blick zu dem ihrigen hinüber und schaute dann wieder den Erben des Hauses an. Ein seltsames Licht dämmerte in ihren Augen auf, sie schien in Gedanken verloren, als wäre sie sich selbst entrückt. Endlich kam sie wieder zu sich. »Gestern wusch ich alle beide in der Wanne,« murmelte sie, »und da kam der Pappy und fragte mich, welches seins wäre.«

Wie im Traum ging sie hin und her; sie entkleidete Thomas à Becket und zog ihm das kurze, grobe Hemdchen an. Mit seinem Korallenhalsband schmückte sie ihr eigenes Kind, legte dann die Knaben dicht neben einander und betrachtete beide.

»Was doch Kleider ausmachen,« rief sie nach langem Schweigen. »Meiner Seel' – kaum weiß ich selbst, wer welcher ist – wie soll's sein Pappy 'rausfinden?«

Nun bettete sie ihren Kleinen in Tommys reiche Wiege.

»Du bist jetzt Massa Tom und sollst's bleiben,« sagte sie mit klopfendem Herzen. »Ich muß mich recht üben, dich so zu nennen, damit ich mich nicht verschnappe; denn, wenn es heraus käm', ging's uns beiden schlecht. Da – jetzt lieg' still und sei nicht mehr bös', Massa Tom – Gott sei Lob und Dank, du bist ja gerettet – jetzt kann niemand mehr Mammys süßes kleines Herzblatt flußabwärts verkaufen.«

Den Erben des Hauses legte sie darauf in ihres Kindes roh aus Tannenholz gezimmerte Wiege und betrachtete den kleinen Schläfer mit unruhigen Blicken.

»Du thust mir leid, armes Ding, gewiß und wahrhaftig – aber was soll ich thun – ich kann's nicht ändern. Dein Pappy hätt' ihn mal verkaufen können an irgend jemand – dann wär' er sicher den Fluß hinunter gekommen – nein, nein, das ertrag' ich nicht, es kann nicht sein– es ist unmöglich!«

Sie warf sich auf ihr Lager und wälzte sich lange ruhelos umher. Plötzlich richtete sie sich auf, ein tröstlicher Gedanke schoß ihr durch das wirre Hirn.

»'S ist keine Sünde – die weißen Menschen haben's auch gethan. Gottlob, 's ist keine Sünde. Wie ist mir denn, wo hab' ich's nur gehört? – Ja, und sogar die aller allerobersten im Rang – die Könige!«

In tiefes Sinnen versunken, war sie bemüht, sich die Einzelheiten einer Geschichte ins Gedächtnis zu rufen, die sie irgendwo einmal vernommen hatte.

»Jetzt fällt mir's ein,« rief sie endlich. »Der alte schwarze Pastor hat's erzählt, der damals von Illinois kam und in der Negerkirche predigte. Was sagte er doch? – Kein Mensch kann sich selbst erlösen – der Glaube thut's nicht – die Werke thun's nicht – man bringt's nicht zuwege! 'S ist freie Gnade, und die kommt nur von Gott. Der Herr kann sie geben, wem er will, dem Frommen, dem Sünder – ganz nach Gefallen. Er wählt, wie's ihm gerade paßt: den einen stößt er von seinem Platz und setzt einen andern an die Stelle. Einen läßt er ewig im höllischen Feuer brennen, und den andern macht er selig sein Lebtag und immerdar. Der Pastor sagte, so sei's auch in England geschehen vor grauer Zeit. Die Königin hat ihr Büblein allein 'rumliegen lassen und ist in Gesellschaft gegangen; da kommt eine Negerin, die fast weiß ist, in die Kammer hinein, zieht dem Königskind die Kleider von ihrem Kleinen an, und ihrem Kleinen die Kleider vom Königskind. Sie läßt ihr Büblein in der Kammer und trägt das Königskind in die Negerhütte. Kein Mensch hat's je 'rausgefunden. Ihr Kleiner ist mit der Zeit König geworden und hat das Königskind flußabwärts verkauft, als er mal Geld brauchte. So war's, – so hat's der Pastor selbst erzählt, und 's ist keine Sünde, weil's die weißen Menschen auch gethan haben. Ja freilich – gethan haben sie's – und sogar im Königshaus. O, wie froh bin ich, daß mir die Geschichte wieder eingefallen ist.«

Leichten Herzens und voll Zuversicht stand sie auf, ging von einer Wiege zur andern und brachte den Rest der Nacht damit zu, sich zu ›üben‹, wie sie es nannte. Sie streichelte ihr eigenes Kind und sagte bittend: »Lieg' still, Massa Tom,« dann gab sie dem wirklichen Tom einen Klaps und fuhr ihn streng an: »Willst du gleich still liegen, Schamber, sonst setzt's was!«

Zu ihrer Verwunderung dauerte es gar nicht lange, bis sie das ehrfurchtsvolle Benehmen, das sie sonst ihrem jungen Herrn gegenüber in jeder Miene, jedem Wort kundgethan, auf den unberufenen Eindringling übertragen konnte, während sie den unglücklichen Erben des alten Hauses Driscoll nur noch in kurzem, befehlendem Ton anredete, wie es ihr mütterliches Vorrecht war.

Manchmal setzte sie ihre Uebung auch eine Weile aus, um zu überlegen, ob sie mit Sicherheit auf das Gelingen ihres Planes rechnen dürfe.

»Die Neger werden noch heute verkauft, weil sie das Geld gestohlen haben – dann kauft man andere, und die kennen die Kinder nicht – das trifft sich gut. Fahr' ich sie draußen spazieren, so schmier' ich ihnen Syrup um den Mund – da merkt's gewiß niemand, daß sie verwechselt sind. Ja, das thue ich, wenn's keiner sieht, bis alle Gefahr vorbei ist, und sollt's ein Jahr dauern. »Nur einer könnt's entdecken – vor dem fürcht' ich mich – das ist Herr Wilson – sie nennen ihn Querkopf und sagen, er ist ein Narr. Und dabei ist er so klug wie ich, klüger als alle andern, außer vielleicht Richter Driscoll oder Pem Howard. Meiner Treu – der Mensch ängstigt mich mit seinen verflixten Gläsern; ob er wohl ein Hexenmeister ist? – Aber, ich weiß, was ich thu', ich geh' zu ihm und sag', er soll wieder Abdrücke nehmen von den Kindern ihren Fingern, und wenn er dann nichts merkt, dann bringt's kein Mensch auf der Welt 'raus, daß ich sie vertauscht habe, und ich brauch' nichts mehr zu fürchten – rein gar nichts. Aber ein Hufeisen will ich doch einstecken, dann hat der Zauber keine Macht.«

Die neuen Neger brauchte Roxy natürlich nicht zu fürchten, auch ihren Herrn nicht, denn Driscoll war gerade mit einer Landspekulation vollauf beschäftigt und hatte für nichts anderes Sinn. Er schaute die Kinder an und sah sie doch kaum. Roxy brauchte nur die Kleinen zum Lachen zu bringen, sobald sie ihn von weitem erblickte, dann verwandelte sich Mund, Augen und Nase der verzerrten Gesichtchen in lauter Gaumen und winzige Löcher; bis aber der Anfall vorüber war und sie wieder kleinen menschlichen Geschöpfen glichen, war Driscoll längst fort.

In den nächsten Tagen wurde überdies das Gelingen der wichtigen Landspekulation so zweifelhaft, daß Herr Percy sich mit seinem Bruder, dem Richter, an Ort und Stelle begeben mußte, weil ein Erbstreit entstanden war. Die Abwesenheit der beiden Herren dauerte sieben Wochen. Noch vor ihrer Rückkehr hatte Roxy den beabsichtigten Besuch bei Wilson gemacht und sie war nun ganz beruhigt. Wilson nahm die Abdrücke und schrieb die Namen auf, dann setzte er das Datum darunter – es war der erste Oktober.

Nachdem er die Glasplatten sorgfältig verwahrt hatte, fuhr er fort, sich mit Roxy zu unterhalten, der es sehr darauf anzukommen schien, daß er sehen sollte, wie die Kinder im letzten Monat an Fülle und Schönheit zugenommen hatten. Die Kleinen waren ganz sauber und rein gewaschen, und er bewunderte sie höchlich, in der Meinung, Roxy damit ein Vergnügen zu machen; sie aber zitterte und bebte im Innern, weil sie jeden Augenblick fürchtete, er möchte vielleicht – – –

Ihre Angst war jedoch vergebens. Er entdeckte nichts, und sie kehrte frohlockend heim. Von nun an verbannte sie alle Sorge auf immer aus ihrem Gemüt.


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