Mark Twain
Querkopf Wilson
Mark Twain

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Zwölftes Kapitel.

Als die Zwillinge eingetroffen waren, kam die Unterhaltung gleich in Fluß; man plauderte lebhaft und behaglich, und der neu geschlossene Freundschaftsbund befestigte sich mehr und mehr. Auf Verlangen holte Wilson seinen Kalender herbei und las den Brüdern ein paar Stellen vor, denen sie aufrichtigen Beifall spendeten. Dies freute den Verfasser so sehr, daß er ihnen gern die Bitte gewährte, eine Handvoll Blätter mitnehmen und zu Hause lesen zu dürfen. Auf ihren weiten Reisen hatten sie die Erfahrung gemacht, daß es drei Arten giebt, sich die Gunst eines Schriftstellers zu erwerben, welche eine Stufenleiter gegenseitiger Anerkennung bilden: Erstens: man sagt ihm, man habe eins seiner Bücher gelesen. Zweitens: man versichert, man kenne seine sämtlichen Werke. Drittens: man bittet ihn um sein neuestes Buch im Manuskript.Wohlverstanden – im Manuskript! Leute, die den Autor um sein gedrucktes Buch angehen, pflegen von diesem und seinem Verleger scheel angesehen zu werden. M. T. Auf die erste Art gewinnt man seine Achtung, auf die zweite seine Bewunderung und auf die dritte erobert man sein ganzes Herz. Die Zwillinge waren beflissen gewesen, gleich die beste von diesen Methoden anzuwenden.

Nicht lange, so wurde ihr Gespräch unterbrochen. Der junge Tom Driscoll trat ein und ließ sich vorstellen. Als die Brüder aufstanden und ihm die Hand schüttelten, that er, als sähe er sie zum erstenmal. Aber das war nur Schein, er hatte sie schon bei der Empfangsfeier von weitem erblickt, während er das Haus bestahl. Auf die Brüder machte er den Eindruck eines hübschen Menschen mit glattem Gesicht und geschmeidigen, aalgleichen Bewegungen, die nicht ungraziös waren. Angelo fand seine Augen schön, Luigi sah einen verschleierten und listigen Ausdruck darin. Angelo gefiel die freie Ungezwungenheit seiner Art zu sprechen, Luigi fand sie nicht gerade angenehm. Angelo hielt ihn für einen ganz netten jungen Mann, Luigi war noch nicht mit sich einig darüber. Toms erster Beitrag zu der Unterhaltung bestand in einer Frage, die er wohl schon hundertmal im fröhlichsten, gutmütigsten Ton an Wilson gerichtet hatte. Sie verursachte diesem stets ein etwas peinliches Gefühl, denn sie berührte eine geheime Wunde; diesmal aber gab sie ihm einen ordentlichen Stich ins Herz, weil die Fremden zugegen waren.

»Nun, wie steht's mit der Anwaltspraxis? Hast du schon einen Prozeß geführt?«

Wilson biß sich auf die Lippen und erwiderte so gleichgültig wie möglich: »Nein – noch nicht.«

Als Richter Driscoll den Zwillingen Wilsons Lebensgeschichte erzählte, hatte er seine Rechtsgelehrsamkeit aus zarter Rücksicht beiseite gelassen.

»Wilson ist nämlich Advokat, meine verehrten Herren,« erklärte Tom mit verbindlicher Miene, »doch praktiziert er im Augenblick nicht.«

Der Spott kränkte Wilson, aber er nahm sich zusammen und sagte, ohne seine Erregung blicken zu lassen:

»Ganz richtig – ich praktiziere nicht. Mir ist noch kein Prozeß übertragen worden, und ich habe mir mein Brot zwanzig Jahre lang mühselig mit der Durchsicht von Rechnungsbüchern verdienen müssen. Nicht einmal in dieser Beschäftigung bekam ich hier am Orte so viele Aufträge, als ich gewünscht hätte. Aber, daß ich die Rechtswissenschaft gründlich studiert und nichts versäumt habe, um mich zu einem tüchtigen Anwalt auszubilden, ist nicht minder wahr. In deinem Alter, Tom, hatte ich bereits meinen Beruf erwählt, und wäre jederzeit imstande gewesen, ihn auszuüben. Vielleicht wird mir nie die Gelegenheit dazu geboten, tritt aber der Fall noch ein, so soll es an mir nicht fehlen, denn ich habe meine Rechtsstudien alle die Jahre her ununterbrochen fortgesetzt.«

Tom hatte den Hieb wohl gefühlt, aber er ließ sich nicht einschüchtern. »Bravo,« rief er, »gesprochen wie ein Mann – das gefällt mir. Wie wär's, wenn ich dich zu meinem Geschäftsträger machte,« fuhr er lachend fort. »Deine Rechtspraxis und meine Geschäfte würden sich so ziemlich die Wage halten, meinst du nicht auch, David?«

»Es giebt allerlei Geschäfte –« versetzte Wilson. Er dachte an das Fräulein in Toms Zimmer, und hatte schon vor, den jungen Menschen wegen seines heimlichen und verwerflichen Treibens zur Rede zu setzen, doch kam er wieder davon zurück. »Nein,« unterbrach er sich, »was ich sagen wollte, ist kein Gegenstand für eine allgemeine Unterhaltung.«

»Dann lassen wir es besser auf sich beruhen. Du wolltest mir gewiß noch einen zweiten Rippenstoß geben, reden wir lieber von etwas anderem: Was macht denn dein geheimnisvolles Steckenpferd neuerdings? Weißt du, deine ›Protokolle‹, wie du sie nennst. Wilson hat nämlich den Plan, das gewöhnliche Fensterglas aus der Mode zu bringen und durch Scheiben zu ersetzen, die mit Abdrücken fettiger Finger verziert sind. Er wird steinreich werden, wenn er seine Erfindung an alle gekrönten Häupter Europas zum Schmuck für ihre sämtlichen Paläste verkauft. – Zeige uns doch einmal deinen Schatz, David.«

Wilson brachte drei Glasplättchen herbei. »Ich bitte die Herren, sich mit der rechten Hand durchs Haar zu fahren, wodurch sich etwas von der natürlichen Fettigkeit den Fingern mitteilt – und jede einzelne Fingerspitze der Reihe nach auf das Glas zu drücken. Alle feinen Linien in der Haut zeichnen sich dann genau darauf ab und verwischen sich nicht wieder, wenn sie nicht durch die Berührung mit einem rauhen Gegenstand ausgelöscht werden. Du zuerst, Tom!«

»Ich dächte, du hättest den Abdruck meiner Finger schon ein- oder zweimal genommen.«

»Ja; aber beim letztenmal warst du noch ein kleiner Junge von etwa zwölf Jahren.«

»Das stimmt. Seitdem habe ich mich natürlich ganz verändert, und die gekrönten Häupter sollen ja wohl die mannigfachsten Verzierungen auf ihre Fensterscheiben bekommen.«

Er fuhr sich mit der Hand durch sein kurzgeschorenes Haar und drückte dann jeden Finger einzeln auf das Glas. Angelo benützte ein anderes Plättchen zu dem gleichen Zweck, und zuletzt Luigi ein drittes. Nun fügte Wilson noch Namen und Datum bei und bewahrte die Glasplättchen wieder auf.

»Eigentlich wollte ich nichts sagen,« meinte Tom lachend, »aber, wenn dir's auf Verschiedenartigkeit ankommt, so hast du jetzt eben ein Glas unnütz vergeudet. Die Fingerabdrücke des einen Zwillings sind genau wie die des anderen.«

»Was geschehen ist, ist geschehen,« sagte Wilson und nahm wieder Platz, »mir ist's sowieso lieber, wenn ich sie beide habe.«

»Aber, wie steht's denn, David,« fuhr Tom fort, »früher hast du doch auch aus der Hand gewahrsagt, wenn du die Abdrücke nahmst? – Er ist nämlich ein Allerweltsgenie – eine Größe ersten Ranges, ein tiefsinniger Gelehrter, der hier am Ort verkümmert, ein Prophet, der nur so viel gilt, wie alle Propheten im Vaterlande – hier fragt kein Mensch nach seiner Weisheit und man nennt seinen Schädel ein Museum voll komischer Einfälle – nicht wahr, David, so ist's! Doch einerlei – er wird schon noch sein Glück machen – ein gläsernes Glück mit Fettabdrücken – hahaha! Wirklich, die Wahrsagerei ist famos – lassen Sie ihn nur einmal Ihren Handteller betrachten! Wer für sein Geld nicht genug hat, bekommt es an der Kasse zurückbezahlt. Er liest, was drin geschrieben steht, als wäre es ein Buch und sagt einem nicht nur sechs Dutzend Dinge voraus, die geschehen werden, sondern auch fünfzig- oder sechzigtausend, die nicht eintreffen. Komm, David, zeige den Herren, was für einen wunderbaren Tausendkünstler unsere Stadt besitzt, ohne daß wir es ahnen.«

Für Wilson war dies spöttische und nicht sehr rücksichtsvolle Geschwätz eine arge Pein, und das that den Zwillingen in der Seele weh. Sie urteilten ganz richtig, daß sie ihm die größte Wohlthat erweisen würden, wenn sie die Sache ernsthaft behandelten und Toms Neckereien unbeachtet ließen, deshalb sagte Luigi:

»Wir haben auf unsern Reisen öfters Beispiele von Handwahrsagerei erlebt und uns selbst davon überzeugt, wie erstaunliche Dinge sie zu leisten vermag. Sie ist eine Wissenschaft – wie sollte man sie wohl anders nennen, und zwar eine der tiefsinnigsten. – Im Orient zum Beispiel –«

»Dies Taschenspielerkunststück eine Wissenschaft!« – rief Tom mit verwunderter, ungläubiger Miene. »Das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein.«

»Mein völliger Ernst. Vor vier Jahren hat man uns unser Schicksal aus der Hand geweissagt, als ob es dort geschrieben stände.«

»So meinen Sie also wirklich, daß etwas an der Sache ist?« fragte Tom, dessen Unglaube schon zu wanken begann.

»Versteht sich,« fiel jetzt Angelo ein. »Die Schilderung unserer Charaktere zum Beispiel stimmte in allen Einzelheiten; wir hätten kaum noch etwas hinzuzufügen gewußt. Auch wurden mehrere denkwürdige Thatsachen aus unserer Vergangenheit enthüllt, von denen keiner der Anwesenden das Geringste wissen konnte.«

»Das ist ja die reinste Zauberei,« rief Tom mit immer wachsendem Interesse. »Und was man Ihnen von der Zukunft vorausgesagt hat, ist auch eingetroffen?«

»Im allgemeinen ja – so ziemlich,« sagte Luigi. »Zwei oder drei der Hauptereignisse jedenfalls; das allerwichtigste sogar noch im selben Jahre. Auch von den unbedeutenden Prophezeiungen haben sich einige bereits erfüllt, und die andern großen oder kleinen können mit der Zeit noch wahr werden – vielleicht gehen sie auch nie in Erfüllung, doch gestehe ich, daß mich das mehr überraschen würde, als wenn das Gegenteil eintritt.«

Die Worte machten einen tiefen Eindruck auf Tom, aller Mutwillen war ihm vergangen.

»Höre, David,« sagte er im Ton der Entschuldigung, »du mußt nicht etwa denken, daß ich deine Wissenschaft herabsetzen wollte; es machte mir nur Spaß, dich ein wenig damit aufzuziehen. Bitte, laß dir doch einmal ihre Handflächen zeigen. Nicht wahr, du thust mir den Gefallen.«

»Jawohl, gern, wenn du es wünschest; aber, du weißt ja, ich habe nie Gelegenheit gehabt, mich ganz mit der Kunst vertraut zu machen und will auch nicht als Sachverständiger gelten. Wenn ein vergangenes, wichtiges Ereignis sehr deutlich in den Linien der Hand geschrieben steht, kann ich es meist erkennen, aber, was geringfügiger ist, entgeht mir oft – natürlich nicht immer, jedoch häufig. Wenn es aber gilt, in der Zukunft zu lesen, so bin ich meiner Sache nicht recht sicher. Ich spreche beinahe, als ob ich die Handwahrsagerei lebhaft betreibe, doch das ist durchaus nicht der Fall. In den letzten sechs Jahren habe ich kaum ein halbes Dutzend Hände untersucht. Die Leute fingen an, sich darüber lustig zu machen, und da ließ ich die Kunst einschlafen, um dem Gerede ein Ende zu machen. Wenn es Ihnen recht ist, Graf Luigi, will ich einmal einen Versuch mit Ihrer Vergangenheit machen – glückt mir der, dann – doch nein, an die Zukunft will ich mich überhaupt nicht wagen; das sollte wirklich nur ein ganz Kundiger thun.«

Als er Luigis Hand nahm, sagte Tom: »Warte einen Augenblick, David, – sieh noch nicht hin! Hier, Graf Luigi, ist Papier und Bleistift. Schreiben Sie die Prophezeiung auf, von der Sie sagten, es sei die allerwichtigste gewesen und sie habe sich noch im nämlichen Jahr erfüllt. Dann geben Sie mir den Zettel, damit ich sehen kann, ob David das Erlebnis in Ihrer Hand entdeckt.«

Luigi schrieb eine Zeile, faltete das Papier zusammen und reichte es Tom mit den Worten: »Wenn er es findet, werde ich Sie auffordern, das Geschriebene vorzulesen.«

Nun begann Wilson seine Untersuchung von Luigis Handfläche. Er folgte den Lebenslinien, den Herz- und Kopflinien und beobachtete auch alle die feineren und zarteren Merkmale und Verzweigungen genau, die sich spinnwebartig nach allen Seiten ausbreiteten. Dann befühlte er den fleischigen Ballen am Daumen, merkte auf dessen Form, strich von der Wurzel des kleinen Fingers bis zum Handgelenk hinunter, untersuchte jeden Finger besonders nach Größe, Gestalt und Verhältnis zu den anderen, auch ihre natürliche Lage im Zustand der Ruhe. Die Anwesenden schauten seinem Verfahren mit der größten Spannung zu, sie steckten die Köpfe zusammen, beugten sich über Luigis Hand, und keiner unterbrach die Stille mit einem Laut. Schließlich wiederholte Wilson die Untersuchung noch einmal von Anfang an und verkündete zugleich das Ergebnis.

Er entwarf eine genaue Schilderung von Luigis Charakter und Gemütsart, beschrieb seine Geschmacksrichtung, seine Zu- und Abneigungen, seine natürlichen Anlagen und Absonderlichkeiten, so daß Luigi oft die Lippen zusammenkniff und die andern lachten. Beide Zwillinge erklärten jedoch, daß jeder Zug richtig sei und alle Angaben zuträfen.

Hierauf ging Wilson zu Luigis Lebensgeschichte über. Er verfuhr dabei nur zögernd und mit großer Vorsicht; langsam strich er mit den Fingern über die Hauptlinien der inneren Hand und hielt zuweilen bei einem Kreuzpunkt oder einem besonderen Kennzeichen still, um die ganze Stelle sorgfältig zu durchforschen. Einige Thatsachen aus Luigis Vergangenheit, die er aufzählte, erwiesen sich als richtig, und die Untersuchung ward fortgesetzt. Auf einmal sah Wilson überrascht in die Höhe.

»Hier stoße ich auf ein Ereignis, von dem Sie vielleicht nicht wünschen würden – –«

»Sprechen Sie es nur aus,« sagte Luigi gutmütig, »es wird mich nicht in Verlegenheit bringen, verlassen Sie sich darauf.«

Aber Wilson zögerte noch immer und schien nicht recht zu wissen, was er thun sollte.

»Es ist wirklich eine zu heikle Sache,« sagte er endlich. »Ich möchte sie lieber aufschreiben oder Ihnen ins Ohr flüstern, damit Sie selbst entscheiden, ob man davon reden soll oder nicht.«

»Das wird am besten sein,« versetzte Luigi, »schreiben Sie es nieder.«

Wilson warf einige Worte auf ein Stück Papier, das er Luigi reichte. Dieser las sie für sich und sagte dann zu Tom:

»Sehen Sie nach, was auf Ihrem Zettel steht, Herr Driscoll.«

Tom las laut:

»Man prophezeite mir, daß ich einen Menschen umbringen würde. Der Spruch ging in Erfüllung, noch ehe das Jahr vorüber war.«

»Nun lesen Sie auch dies!«

»Sie haben jemand umgebracht, ob es aber ein Mann, eine Frau oder ein Kind ist, kann ich nicht ermitteln,« las Tom mit Verwunderung. »Aber, das ist ja unerhört, das geht über alle Begriffe,« rief er in großer Erregung. »Die eigene Hand eines Menschen ist sein ärgster Todfeind – sie führt ein Verzeichnis über die schlimmsten und verborgensten Geheimnisse seines Lebens und ist stets bereit, sie dem ersten besten Schwarzkünstler, der des Weges kommt, treulos zu verraten. Warum lassen Sie denn aber auch Ihre Hand ansehen, wenn etwas so Schreckliches darin geschrieben steht?«

»O, das macht mir nichts aus,« versetzte Luigi gelassen. »Ich hatte meine guten Gründe, den Mann zu töten und bereue es keineswegs.«

»Weshalb thaten Sie es denn?«

»Es war ein Ding der Notwendigkeit.«

»Ich will Ihnen sagen, wie es kam, da mein Bruder mit der Sprache zögert,« rief jetzt Angelo eifrig. »Er tötete ihn, um mir das Leben zu retten; es war eine edle That, die das Licht nicht zu scheuen braucht.«

»Gewiß nicht, gewiß nicht,« bestätigte Wilson, »wer so etwas um seines Bruders willen vollbringt, darf sich dessen wohl rühmen.«

Luigi schüttelte den Kopf. »Es klingt zwar alles sehr schön, was ihr da sagt, aber mit der Selbstlosigkeit, dem Heldentum und Edelmut ist's nicht weit her. Vergeßt nur nicht, daß ich Angelos Leben retten mußte, weil sonst auch meines bedroht war. Würde der Mann mich etwa nicht umgebracht haben, nachdem er meinen Bruder getötet hatte? Also habe ich mir selbst das Leben gerettet.«

»Ja, so sprichst du immer,« rief Angelo, »aber ich kenne dich und glaube, du hast gar nicht an dich selbst gedacht. Die Waffe, mit der Luigi den Mann getötet hat, bewahre ich als Andenken und will sie Ihnen einmal zeigen. Sie hat durch dies Ereignis noch an Interesse gewonnen, aber schon ehe sie in Luigis Hände kam, hatte sie ihre Geschichte. Ein großer indischer Prinz, der Gaikowar von Baroda, in dessen Familienbesitz sie sich seit zwei oder drei Jahrhunderten befand, hat sie Luigi geschenkt. Schon manchem, der jenem Hause feindlich gesinnt oder lästig war, mag damit der Garaus gemacht worden sein. Es ist ein absonderliches Ding, ganz anders geformt als ein gewöhnliches Dolchmesser. Ich will Ihnen gleich eine Zeichnung davon machen.« Er nahm ein Blatt Papier und warf rasch eine Skizze hin. »So ungefähr sieht es aus – die breite, mörderische Klinge ist scharf wie ein Rasiermesser. Die Namen oder Abzeichen seiner Besitzer sind der Reihe nach darin eingegraben. Luigis Namen und unser Wappen ließ ich selbst in lateinischer Schrift hinzufügen. Ganz eigentümlich ist auch der Griff; er besteht aus massivem, spiegelglattem Elfenbein, ist rund, vier bis fünf Zoll lang und so dick wie das Handgelenk eines starken Mannes. Das Ende ist abgeplattet, damit der Daumen darauf ruhen kann, wenn man das Dolchmesser emporhebt, um zuzustoßen. Der Gaikowar zeigte uns, wie man es handhaben muß, als er es Luigi gab, und noch in derselben Nacht stieß ihm mein Bruder einen seiner Leute mit dem Messer nieder. Die Scheide ist mit prachtvollen Edelsteinen von großem Werte reich verziert und würde Ihnen vielleicht noch besser gefallen als die Waffe selbst.«

Als Tom das hörte, dachte er bei sich: »Wie gut, daß ich hergekommen bin; ich hätte das Dolchmesser um einen Pappenstiel verkauft, weil ich die Edelsteine für gewöhnliches Glas hielt.«

»Erzählen Sie doch weiter,« bat Wilson, »wir sind begierig, etwas von dem Ueberfall zu erfahren. Wie ging es denn dabei zu?«

»Das Messer war einzig und allein schuld daran. Ein eingeborener Diener schlich sich des Nachts in unser Zimmer im Palast, um es zu stehlen, ohne Zweifel wegen der kostbaren Steine auf der Scheide, die ein ganzes Vermögen wert sind. Es lag unter Luigis Kopfkissen und wir waren beide im Bett. Ich schlief, Luigi aber wachte, und beim düstern Schein des Nachtlichts, das im Zimmer brannte, glaubte er die Umrisse einer Gestalt zu erkennen, die sich dem Lager näherte. Er zog das Messer aus der Scheide und rüstete sich zur Gegenwehr. Decken und Betttücher brauchte er nicht erst zurückzuschlagen, denn bei der großen Hitze hatten wir keine. Plötzlich richtete sich jener Eingeborene neben dem Bette auf und beugte sich über mich; in seiner erhobenen Rechten funkelte ein Dolch, mit dem er nach meiner Kehle zielte. Doch rasch packte Luigi den Mann am Handgelenk, warf ihn zu Boden und stieß ihm das scharfe Messer ins Genick. – Das ist die ganze Geschichte.«

Die Zuhörer holten tief Atem, und man sprach noch eine Weile über den schrecklichen Vorfall. Dann griff Wilson nach Toms Hand.

»Laß doch einmal sehen, Tom,« sagte er, »ob bei dir nicht irgend eine kleine, verborgene Heimlichkeit zu entdecken wäre. Zufällig habe ich deine Handfläche noch nie besichtigt. – Oho! –«

Tom hatte ihm rasch die Hand entzogen und sah ganz bestürzt aus.

»Er wird ordentlich rot,« rief Luigi.

»So?« erwiderte Tom heftig und warf ihm einen bösen Blick zu, »aber doch wenigstens nicht, weil ich ein Mörder bin!«

Luigis dunkle Augen flammten; ehe er jedoch etwas thun oder sagen konnte, rief Tom schon mit ängstlicher Hast: »O, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, ich habe das gar nicht sagen wollen, es fuhr mir nur so heraus. Es thut mir wirklich sehr, sehr leid – nicht wahr, Sie verzeihen mir?«

Wilson kam ihm zu Hilfe und suchte die Sache friedlich beizulegen, so gut er konnte. Das gelang ihm auch vollkommen, so weit es die Zwillinge betraf; denn ihnen war die unangenehme Lage, in die Wilson durch die rohen Worte seines Gastes geraten war, peinlicher als die Beleidigung selbst. Auf Tom hatte aber Wilsons Vermittlung keine so günstige Wirkung. Zwar stellte er sich möglichst unbefangen, und man merkte ihm auch äußerlich keine Verstimmung an, aber im Grunde grollte er doch den drei Zeugen seiner Unhöflichkeit. Es verdroß ihn, daß sie überhaupt zugegen gewesen waren und seine Worte beachtet hatten, und dabei vergaß er fast, sich über seinen eigenen Mangel an Lebensart zu ärgern. Doch bald geschah etwas, wodurch seine Gemütsverfassung wieder behaglicher und menschenfreundlicher wurde. Die Zwillinge fingen nämlich unter sich Streit an; es war zwar nur ein unbedeutender Wortwechsel, aber sie erhitzten sich doch in kurzer Zeit gewaltig gegen einander. Tom hatte große Freude daran und that was er konnte, um das Feuer zu schüren, natürlich mit Vorsicht, und indem er sich den Anschein gab, als wünsche er es zu dämpfen. Bald entfachte sich die Glut mit seiner Hilfe mehr und mehr, und vielleicht hätte er im nächsten Augenblick die Genugthuung gehabt, die Flamme emporlodern zu sehen, wäre der Auftritt nicht durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen worden. Diese Störung kam ihm ebenso ungelegen, wie sie Wilson angenehm war.

Der neue Ankömmling, dem Wilson die Thür öffnete, war ein gutmütiger, handfester und ungebildeter Irländer von mittleren Jahren, Namens John Buckstone, ein großer Politiker im kleinen, der an allen öffentlichen Angelegenheiten einen hervorragenden Anteil nahm. Gerade jetzt war die Stadt in voller Aufregung wegen der herrschenden Meinungsverschiedenheit über den Genuß berauschender Getränke. Die Rum-Partei kämpfte einen erbitterten Kampf mit der Anti-Rum-Partei. Buckstone gehörte zu ersterer und war abgesandt worden, um die Zwillinge aufzusuchen und sie einzuladen, einer Massenversammlung der Rum-Partei beizuwohnen. Er richtete seine Botschaft aus und fügte hinzu, daß die Bundesbrüder sich schon in der großen Halle des Markthauses versammelten. Luigi folgte der Aufforderung bereitwillig, Angelo dagegen nur zögernd, denn er liebte weder ein großes Gedränge, noch konnte er den starken, amerikanischen Branntwein vertragen. Auch neigte er dem Mäßigkeitsverein zu.

Als die Zwillinge sich mit Buckstone entfernten, schloß sich ihnen Tom Driscoll unaufgefordert an. Schon von weitem konnte man die lange Reihe der Fackeln hin- und herschwanken sehen, die sich die Hauptstraße hinunter bewegten; die Pauken dröhnten, die Zimbeln schmetterten, die Querpfeifen quiekten, und fernes Hurrahgeschrei schallte an ihr Ohr. Eben stiegen die letzten Teilnehmer am Zuge die Treppe des Markthauses hinauf, als die Zwillinge sich dem Gebäude näherten; sie fanden die Halle schon dicht gedrängt voll von Menschen, die Fackeln rauchten und überall herrschte Lärm und Begeisterung.

Buckstone führte die Brüder auf die Rednerbühne, wohin ihnen Tom Driscoll gleichfalls folgte, und stellte sie dem Präsidenten vor, während die Menge sie mit lautem Zuruf willkommen hieß. Als der Lärm sich etwas gelegt hatte, forderte der Vorsitzende die Anwesenden auf: »die erlauchten Gäste damit zu begrüßen, daß wir sie alsbald zu Mitgliedern unserer glorreichen Vereinigung – dem Paradies der Freien und dem Verderben der Sklaven – durch allgemeines Handaufheben erwählen.«

Dieser rednerische Erguß öffnete die Schleusen der Begeisterung von neuem; die Wahl erfolgte mit Einstimmigkeit und donnerndem Beifall. Dann vernahm man stürmische Rufe: »Feuchtet sie an! Feuchtet sie an! Sie sollen uns Bescheid thun!«

Jedem Zwilling wurde ein Glas Whisky gereicht. Luigi schwenkte es in der Luft und setzte es dann an die Lippen, während Angelo das seinige hinstellte. Wieder erhob sich ein Geschrei.

»Was soll das bedeuten? Was ist mit dem andern los? Warum will der Blonde uns nicht zutrinken? Wie sollen wir das verstehen?«

Der Vorsitzende zog Erkundigungen ein und erstattete der Versammlung Bericht:

»Wir haben einen unglücklichen Irrtum begangen, meine Herren. Es stellt sich heraus, daß Graf Angelo Capello unsere Ueberzeugung nicht teilt. Er ist eigentlich ein Mäßigkeitsvereinler und hat gar nicht die Absicht gehabt, Mitglied bei uns zu werden. Deshalb wünscht er, daß wir über seine Wahl noch einmal abstimmen. Ich bitte die Herren, dies in Erwägung zu ziehen.«

Nun entstand ein gellendes Gelächter, in das sich lautes Murren und Pfeifen mischte; doch gelang es dem Präsidenten durch den kräftigen Gebrauch der Glocke die Ruhe einigermaßen wiederherzustellen. Ein Mann aus der Menge ergriff das Wort und sagte, daß der Mißgriff zwar sehr zu bedauern sei, doch ließe er sich unmöglich bei der heutigen Zusammenkunft wieder gut machen. Nach den Statuten könne das erst in der nächsten, regelmäßigen Sitzung geschehen. Er wolle keinen Antrag stellen, da das nicht erforderlich sei, doch wünsche er, den Herrn Grafen im Namen des Hauses um Entschuldigung zu bitten und ihn zu versichern, daß die ›Söhne der Freiheit‹ alles thun würden, um ihm seine zeitweilige Mitgliedschaft so angenehm wie möglich zu machen.

Die Rede wurde mit schallendem Beifall aufgenommen. »Ganz einverstanden!« tönte es von allen Seiten. »Mäßigkeitsvereinler oder nicht – er ist doch ein guter Kerl! Laßt ihn leben! Bringt ihm ein Hoch aus, leert die Gläser!«

Auf der Rednerbühne wurden Gläser herumgereicht, man trank auf Angelos Gesundheit und die ganze Versammlung brüllte im Chor:

Hoch soll er leben,
Hoch soll er leben,
Hoch soll er leben.
Dreimal hoch!!!

Tom Driscoll trank auch; es war sein zweites Glas, denn er hatte Angelos Glas geleert, sobald dieser es hinstellte. Der doppelte Trunk machte ihn sehr lustig, sogar unbändig ausgelassen; er begann sich aufs lebhafteste an allem zu beteiligen, was geschah, und sich besonders beim Pfeifen und Johlen, sowie durch allerlei schnöde Bemerkungen hervorzuthun.

Der Präsident, der eben eine Ansprache beginnen wollte, stand noch vorn an der Rampe, ihm zur Seite die Zwillinge. Die wunderbare Aehnlichkeit der beiden Brüder brachte Tom Driscoll darauf, einen Witz zu machen; er trat vor und wandte sich mit trunkener Dreistigkeit an die Versammlung:

»Jungens,« rief er, »ich stelle den Antrag: der da soll schweigen und das lebendige Vielliebchen neben ihm eine Rede vom Stapel lassen.«

Der komische Vergleich der Zwillinge mit einem Vielliebchen gefiel den Anwesenden, die in ein donnerndes Gelächter ausbrachen. Luigis feuriges Gemüt ertrug jedoch die Beleidigung, die ihm in Gegenwart von vierhundert Fremden angethan wurde, nicht mit Gelassenheit. Seine ganze Natur empörte sich dagegen, die Sache ruhig hinzunehmen, ohne auf der Stelle Wiedervergeltung zu üben. Kochend vor Wut trat er mit ein paar Schritten hinter den ahnungslosen Witzbold, holte aus und versetzte ihm mit wahrer Riesenkraft einen so gewaltigen Fußtritt, daß Tom geradeswegs über die Rampe hinweggeschleudert wurde und den ›Söhnen der Freiheit‹ in der vorderen Reihe auf die Köpfe fiel.

Selbst in völlig nüchternem Zustand ist es keinem Menschen angenehm, wenn er ganz harmlos dasteht und plötzlich so ein lebendiges Wurfgeschoß auf ihn losgelassen wird. Wer aber einen Rausch hat, kann dergleichen gar nicht vertragen. Die ›Söhne der Freiheit‹, auf deren Köpfen Tom landete, hatten alle schon etwas über den Durst getrunken, es gab überhaupt in der ganzen Versammlung kaum jemand, der nicht zu tief ins Glas geschaut hatte. So wurde denn Tom mit Entrüstung sofort auf die Köpfe der nächsten Reihe weiterbefördert, die ihn wieder auf die Hintermänner ablud und zugleich mit den vorderen ›Söhnen der Freiheit‹, von denen er auf sie geworfen worden war, eine wütende Schlägerei begann. Das ging so weiter, von einer Bank zur andern, bis Tom, auf seinem stürmischen Fluge durch die Luft, die Thür erreichte. Hinter ihm tobten, rauften, fluchten und wetterten alle in wildem Durcheinander. Eine Reihe brennender Fackeln nach der andern wurde bei dem Handgemenge auf den Boden geworfen, und bald erscholl noch lauter als der betäubende Lärm der Präsidentenglocke, als das Gebrüll der zornigen Stimmen und das Krachen der zertrümmerten Bänke, der entsetzliche Schreckensruf: »Feuer!«

Sogleich hörte der Kampf auf, das Fluchen verstummte; einen Augenblick herrschte lautlose Stille, nichts regte sich, wo eben noch der Sturm gerast hatte. Im nächsten Moment aber kam mit einem Schlage wieder Leben und Thatkraft in die Menge. Es entstand ein Wogen, Drängen und Schwanken hierhin und dorthin. Wer konnte, suchte einen Ausweg durch Thür oder Fenster, das Gewühl wurde bald weniger dicht und die Massen lichteten sich.

So schnell war die Feuerwehr wohl noch nie zur Hand gewesen; sie brauchte freilich nicht weit zu gehen, denn ihr Standquartier war in einem Anbau des Markthauses. Von ihren zwei Abteilungen hatte eine die Spritze, die andere Haken und Feuerleitern zu verwalten. Eine Hälfte jeder Abteilung gehörte zur Rum-Partei, die andere Hälfte zur Anti-Rum-Partei, das hielt man damals für recht und billig. Die Anti-Rum-Leute, die gerade im Quartier herumlungerten, waren zahlreich genug, um die Leitern und Spritzen zu bedienen. In zwei Minuten hatten sie ihre Helme und roten Hemden angelegt, denn ohne die Berufsuniform rückten sie niemals aus.

Als nun die Massenversammlung im oberen Stock über Hals und Kopf durch die lange Reihe der Fenster sprang und sich auf das Dach der Arkaden flüchtete, empfingen die Retter sie mit einem mächtigen Wasserstrahl, der einige vom Dach herunterspülte und die übrigen fast ersäufte. Aber immerhin war das Wasser dem Feuer vorzuziehen, deshalb sprangen fortwährend neue Scharen durch die Fenster und wurden erbarmungslos so lange durchweicht, bis das Haus sich völlig geleert hatte. Dann stiegen die Feuerwehrleute in den Saal hinauf und überfluteten ihn mit einer Wassermasse, die genügt hätte, um ein vierzigmal so großes Feuer zu löschen. Eine so schöne Gelegenheit, sich zu zeigen, kommt für die Feuerwehr einer kleinen Stadt selten vor und muß gut ausgenützt werden. Alle anständigen und urteilsfähigen Bürger des Ortes versicherten sich deshalb nicht mehr gegen Feuerschaden, sondern gegen die Feuerwehr.


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