Mark Twain
Querkopf Wilson
Mark Twain

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Zehntes Kapitel.

Tom warf sich wieder auf das Sofa und preßte die Hände an seine pochenden Schläfen. Die Ellbogen auf das Knie gestützt, wiegte er sich laut stöhnend hin und her.

»Ich habe vor einer erbärmlichen Negerin gekniet,« murmelte er mit verbissener Wut. »Schon vorher glaubte ich den äußersten Grad von Erniedrigung erreicht zu haben – aber das war nichts im Vergleich. Nun – eine Gewißheit bleibt mir wenigstens – es ist freilich nur ein leidiger Trost – tiefer kann ich nicht noch fallen, eine größere Schmach giebt es nicht.«

Doch das war eine voreilige Behauptung.

Als er um zehn Uhr an jenem Abend die Leiter im Gespensterhaus erklomm, sah er bleich und schwach aus, und ihm war elend zu Mute. Roxy hatte ihn kommen hören; sie stand an der Stubenthür und wartete auf ihn.

Das zweistöckige Blockhaus lag unbenutzt da, seit vor einigen Jahren das Gerücht entstanden war, es sei darin nicht geheuer. Niemand wollte mehr dort wohnen, bei Nacht vermied man die Gegend ängstlich, auch am hellen Tage machten die meisten Leute lieber einen weiten Bogen, um nicht in die Nähe des gefürchteten Gespensterhauses zu kommen. Mit der Zeit war es in Verfall geraten und drohte einzustürzen, da man keinerlei Ausbesserung vornahm; es stand etwa dreihundert Meter von Querkopf Wilsons Haus entfernt, als letztes Gebäude nach dieser Seite hin, dazwischen war nichts als unbebautes Land.

Tom folgte Roxy in die Stube hinein. In einer Ecke lag eine Schütte reines Stroh, auf dem sie schlief; ihre ärmlichen, aber sauber gehaltenen Kleidungsstücke hingen an der Wand, eine Blechlaterne warf hier und da kleine Lichtflecke auf den Boden, einige alte leere Kisten, die verstreut umherstanden, ersetzten die Stühle. Nachdem sie beide Platz genommen hatten, begann Roxy:

»Ich mach' kein langes Federlesen und komm' jetzt gleich zur Sache; vom Geld reden wir nachher – ich hab's nicht eilig. Was glaubst du wohl, daß ich dir sagen will?«

»Nun du – du – o Roxy, mache mir's doch nicht so schwer. Schieß los und sage, daß du irgendwie dahinter gekommen bist, in welche Klemme ich mich gebracht habe durch thörichten Leichtsinn und Ausschweifung.«

»Leichtsinn – Ausschweifung – i bewahre! Das ist rein gar nichts im Vergleich zu dem, was ich weiß.«

Tom starrte sie mit offenem Munde an: »Aber Roxy, was soll denn das heißen?«

Sie stand auf und blickte düster und erbarmungslos, wie das Schicksal selbst, auf ihn herab.

»Ich will dir's sagen – und 's ist die lauterste Wahrheit. Du bist so wenig mit dem alten Massa Driscoll verwandt wie ich selbst – daß du's nur weißt.« Ihr Auge flammte auf in wildem Triumph.

»Was!«

»Jawohl – und damit ist's noch nicht genug. Du bist ein Nigger – als Sklave geboren und nichts anderes als ein Nigger und Sklave bis zu dieser Stunde. Wenn ich den Mund aufthu', verkauft dich der alte Massa Driscoll nach dem Süden, flußabwärts, bevor noch zwei Tage um sind.«

»Was faselst du da, du erbärmliche alte Hexe, es ist eine verdammte Lüge!«

»Die reine Gotteswahrheit ist's – meiner Seel', ich lüge nicht. Glaub' mir's nur – du bist mein Sohn –«

»Du Teufelsweib!«

»Und der arme Junge, den du heut' gestoßen und geschlagen hast, der ist Percy Driscolls Sohn und dein Herr!«

»Du Ungeheuer!«

»Sein Name ist Tom Driscoll und du heißt Valet de Schamber, 'nen Familiennamen hast du nicht, weil den kein Neger hat!«

Tom sprang auf, griff nach einem Holzscheit und hob es drohend empor, aber seine Mutter lachte nur höhnisch.

»Setz' dich hin, du Gelbschnabel,« sagte sie. »Glaubst du, ich fürcht' mich vor dir und deinesgleichen? Wenn du könntest, jagtest du mir 'ne Kugel in'n Rücken – das säh' dir ganz gleich – ich kenn' dich durch und durch. Bring' mich nur um – dir nützt's doch nichts – alles ist aufgeschrieben und in sichern Händen. Der Mann, der's in Verwahrung hat, weiß auch, wer der Rechte ist, an den er sich halten muß, wenn mir ein Leids geschieht. – Du meine Güte, denkst du denn, deine Mutter ist ebenso erzdumm wie du? Das bilde dir nur nicht ein. Jetzt setz' dich dorthin, betrag' dich anständig und steh' nicht eher wieder auf, bis ich dir's sage!«

Tom war wie rasend vor ohnmächtiger Wut. Eine Weile tobte er noch und stürmte im Zimmer umher, endlich schien er zu einem festen Entschluß zu kommen.

»Es ist alles nur Unsinn und Faselei,« sagte er so bestimmt er konnte. »Gehe nur hin und versuche es, mich zu verderben; ich habe nichts mehr mit dir zu schaffen.«

Ohne ein Wort der Erwiderung nahm Roxy die Laterne vom Nagel und schritt nach der Thür. Der kalte Angstschweiß trat Tom auf die Stirne.

»Komm wieder, Roxy, komm wieder!« jammerte er. »Es war nicht mein Ernst, ich will es nie mehr sagen, ich nehme alles zurück! Sei nur gut, Roxy, und bleibe hier.«

Das Weib stand einen Augenblick still und befahl dann in strengem Ton:

»Eins muß jetzt ganz aufhören, Valet de Schamber. Du darfst mich nicht mehr Roxy nennen, als wärest du meinesgleichen. So reden Kinder nicht mit der Mutter. Du sagst Ma oder Mammy zu mir, wie sich's gehört – wenigstens wenn niemand dabei ist. – Sag's!«

Mühsam brachte Tom das Wort heraus.

»So ist's recht. Vergiß das nicht wieder, sonst soll dir's übel bekommen. Also – du hast eben versprochen, du wirst es nie mehr Lüge und Unsinn nennen? Nun gut – ich warne dich: hör' ich's noch einmal aus deinem Munde, so hast du's zum letztenmal gesagt. Auf der Stelle geh' ich dann zum Richter Driscoll, sag' ihm, wer du bist und geb' ihm die Beweise. Glaubst du mir das alles, Schamber?«

»O,« stöhnte Tom, »ja, ich glaube es – ich weiß es nur zu gut!«

Roxys Triumph war vollständig, das stand außer Frage. Zwar hätte sie ihre Behauptung keinem Menschen gegenüber beweisen können, und die schriftliche Aufzeichnung war ganz erlogen, aber sie wußte, mit wem sie es zu thun hatte und der Erfolg entsprach vollkommen ihrer Erwartung.

Im Bewußtsein ihres herrlichen Sieges nahm sie mit stolzer Haltung wieder auf der alten Kiste Platz, als wäre es ein Thron.

»Nun also, Schamber, – reden wir jetzt von Geschäften; mit der Narretei ist's aus. Du kriegst fünfzig Dollars monatlich – davon zahlst du die Hälfte deiner alten Mammy. Heraus damit!«

Aber Tom hatte auf der Gotteswelt nichts als sechs Dollars. Die gab er ihr und versprach, vom neuen Monat an ihre Forderung zu erfüllen.

»Wie groß sind deine Schulden, Schamber?«

»Fast dreihundert Dollars,« sagte Tom schaudernd.

»Wie denkst du sie zu bezahlen?«

Tom stöhnte laut. »Das weiß ich nicht; was fragst du mich nach so schrecklichen Dingen?«

Aber sie ließ sich nicht abweisen und trieb ihn immer mehr in die Enge, bis er sich zu einem Geständnis bequemte. Vor vierzehn Tagen, während alle Welt glaubte, er sei in St. Louis, hatte er einen förmlichen Raubzug gegen seine Mitbürger unternommen. Er war verkleidet umhergeschlichen und hatte allerlei Wertsachen aus Privathäusern entwendet. Die Beute, welche er fortschickte, genügte aber noch nicht, um soviel Geld dafür zu lösen, als er brauchte, und doch getraute er sich, bei der Aufregung, die in der Stadt herrschte, jetzt nicht, das Wagnis zu wiederholen.

Seine Mutter billigte das Unternehmen und bot ihm ihre Hilfe an, allein das erschreckte ihn nur. Mit ängstlichem Stammeln brachte er endlich die Bitte vor, sie möge die Stadt verlassen. Er würde sich dann wohler und sicherer fühlen und den Kopf höher halten können. Zu seiner freudigen Ueberraschung unterbrach sie ihn, als er noch weitere Gründe anführen wollte, und erklärte sich mit diesem Vorschlag ganz einverstanden. Sie sagte, es wäre ihr einerlei, wo sie wohnte, wenn sie nur das Kostgeld regelmäßig ausgezahlt erhielte; doch werde sie nicht weit fortgehen, und einmal im Monat nach dem Gespensterhaus kommen, um ihr Geld in Empfang zu nehmen.

»Seit vielen langen Jahren hab' ich dich verabscheut, aber jetzt hass' ich dich nicht mehr so arg,« sagte sie. »Alles hatt' ich für dich gethan – dich ausgetauscht, dir 'ne gute Familie und 'nen vornehmen Namen gegeben, dich zu 'nem reichen, weißen Herrn gemacht, der seine Kleider im Laden kauft – und was war mein Dank? – Verachtet hast du mich immerzu, mich vor den Leuten gescholten und geschmäht, mich fort und fort dran erinnert, daß ich 'ne Negerin bin – und – und –«

Sie brach in Schluchzen aus und konnte nicht weiter reden.

»Aber,« sagte Tom, »ich wußte doch nicht, daß du meine Mutter bist, und übrigens – –«

»Sei nur still davon, man kann's nicht mehr ändern, ich will's vergessen. Doch, gieb acht, daß du mich nie mehr daran erinnerst,« fügte sie drohend hinzu, »sonst geht dir's schlecht.«

Als sie sich trennten, sagte Tom noch im süßesten Ton, der ihm zu Gebote stand: »Mammy, hättest du vielleicht nichts dagegen, mir zu sagen, wer mein Vater war?«

Wenn er geglaubt hatte, die Frage würde sie in Verlegenheit setzen, so irrte er sich gewaltig. Roxy richtete sich stolz empor.

»Ich soll was dagegen haben?« erwiderte sie. »Nein, ganz und garnichts. Du brauchst dich deines Vaters nicht zu schämen, das sag' ich dir. Er gehörte zu den vornehmsten Leuten der ganzen Stadt, zu den besten Familien von altvirginischer Herkunft. Das Geschlecht ist allerwege so gut wie die Driscolls und Howards.« Sie warf sich noch mehr in die Brust und fuhr mit Nachdruck fort: »Kannst du dich noch auf Oberst Cecil Burleigh Essex besinnen, der im selben Jahr starb, wie der Pappy von deinem jungen Herrn Tom Driscoll? Alle hohen Beamten, Freimaurer und Aeltesten der Kirchen kamen und folgten ihm zu Grabe; so 'ne schöne Leiche hat die Stadt noch nie zu sehen bekommen. – Das war der Mann.«

Sie sprach mit so hohem Selbstgefühl und war so begeistert von der Erinnerung, daß ihr ganzer Jugendreiz auf einmal zurückkehrte und ihre Haltung eine stattliche Würde annahm, die man fast königlich hätte nennen können, wäre die Umgebung nur ein wenig besser damit im Einklang gewesen.

»Kein anderer Neger hier am Ort ist so hochgeboren wie du. Nun geh' deiner Wege und trag' den Kopf so hoch wie du willst – du hast das Recht dazu, verlaß dich drauf.«


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