Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zwei Kaiser.

Sonderausgabe 1.–10. Abdruck. Berlin 1888, G. Reimer.

15. Juni 1888.

Zum zweiten Male binnen hundert Tagen steht die Nation an der Bahre ihres Kaisers. Nach dem glücklichsten aller ihrer Herrscher beweint sie den unglücklichsten. Es ist, als sollten mit der Herrlichkeit von Kaiser und Reich auch die ungeheuren tragischen Schicksalswechsel unserer alten Kaisergeschichte sich erneuern. Recht eigentlich unter Gottes Führung, wie er es so oft in schlichter Demut aussprach, erreichte Kaiser Wilhelm die Höhen weltgeschichtlichen Ruhmes, wider alles menschliche Erwarten und Berechnen, weit über sein eigenes Hoffen hinaus, und doch beständig steigend, jeder neuen, jeder größeren Aufgabe, die ihm das Schicksal stellte, vollauf gewachsen, bis er schließlich an den letzten Grenzen menschlichen Alters wie in Verklärung endigte, im Tode noch der gewaltige Einiger der Deutschen, die einst beim Donner seiner Schlachten seit Jahrhunderten zum ersten Male wieder das Glück ungeteilter Siegesfreude genossen hatten und nun an seiner Gruft im Einmut heiliger Trauer sich zusammenfanden.

In den Jahren, da der Charakter des werdenden Mannes sich zu entscheiden pflegt, konnte Prinz Wilhelm nur den Ehrgeiz hegen, dereinst als Feldherr seines Vaters oder Bruders die Heere Preußens zu neuen Siegen zu führen. Der jüngste fast unter den Kämpfern des Befreiungskrieges, teilte er mit Gneisenau, mit Clausewitz, mit allen politischen Köpfen des preußischen Heeres die Überzeugung, daß Deutschlands neue Westgrenze ebenso unhaltbar sei, wie seine lockere Bundesverfassung, und erst ein dritter Punischer Krieg den alten Machtkampf zwischen Galliern und Germanen endgültig entscheiden, dem deutschen Staate die Selbständigkeit sichern könne. An dieser Hoffnung hielt er fest, die ganze stille Friedenszeit hindurch. Noch im Jahre 1840 schrieb er sich das Beckersche Lied: »sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein« eigenhändig ab und setzte unter die Schlußworte »bis seine Flut begraben des letzten Manns Gebein« jenen kühnen Federzug, der seitdem aus der kaiserlichen Namensunterschrift der weiten Welt bekannt wurde. Haß gegen die Franzosen blieb seinem freien Gemüte fremd; aber scharf wie unter allen preußischen Staatsmännern der Zeit vielleicht nur der eine Motz, faßte er frühe schon die europäische Lage seines Staates ins Auge und erkannte, daß dies Preußen wachsen mußte, um sich der unerträglichen Pressung zwischen so vielen überlegenen Militärmächten zu entwinden. Von solchen Gedanken königlicher Ehrfurcht erfüllt, ward er, ganz Soldat, nach wenigen Jahren der Liebling und das Vorbild des Heeres, beliebt durch seine freundliche Leutseligkeit, gefürchtet durch eine dienstliche Strenge, die selbst dem letzten Troßknecht zeigte, daß ein sorgendes und strafendes Auge über ihm wachte. Auf sein Volk in Waffen und dessen »geweckte Intelligenz« schaute er mit der ganzen Begeisterung des Befreiungskrieges, aber auch mit dem nüchternen Entschlusse, die Ideen Scharnhorsts nach dem Wandel der Zeiten unablässig fortzubilden, so daß dies Heer allezeit das erste bliebe. Draußen in den Kleinstaaten hielt man für müßiges Paradespiel, was tiefer politischer Ernst war. Die öffentliche Meinung schwelgte in radikalen Träumen, sie schwärmte in fremdbrüderlicher Begeisterung für Polen und Franzosen, sie hoffte auf den ewigen Frieden. Im Dünkel ihrer Überbildung konnte sie nicht begreifen, was die schlichte kriegerische Tüchtigkeit und Pflichttreue dieses Prinzen für die Zukunft des Vaterlandes bedeutete.

Erst unter der Regierung seines Bruders, als der »Prinz von Preußen« schon mit der Möglichkeit seiner eigenen Thronbesteigung rechnen mußte, trat er in die Staatsgeschäfte ein. Gleich seinem Vater wollte er die Grundlagen der alten monarchischen Verfassung unverändert erhalten: »Preußen soll nicht aufhören, Preußen zu sein.« Wort für Wort sagte er dem Bruder voraus, was er dereinst selber in den Tagen des Streites um die Neugestaltung des Heeres erleben sollte: der Landtag werde sein Steuerbewilligungsrecht mißbrauchen, um durch die Verkürzung der Dienstzeit die Schlagkraft der Armee zu schwächen, und könne durch den Schein der Sparsamkeit leicht auch die Treugesinnten betören. Seine Warnung ward überhört, und wie er einst um des Staates willen seine Jugendliebe geopfert hatte, so gab er jetzt gehorsam jeden Widerspruch auf, sobald die Entscheidung des Königs gefallen war. Ritterlich trat er auf dem Vereinigten Landtage selber in die Bresche, als erster Untertan des Königs, um allen Groll, der sich in der gärenden Zeit wider die Krone angesammelt hatte, auf sich abzulenken.

Es kamen die Stürme der Revolution. Ein wahnsinniger Haß, eine ungeheure Verkennung entlud sich über seinem Haupte, nur das Heer, das ihn kannte, ward nicht an ihm irr; an den Beiwachtfeuern der preußischen Garde in Schleswig-Holstein erklang das Lied: »Prinz von Preußen, ritterlich und bieder, kehr' zu deinen Truppen wieder, heißgeliebter General!« Und als er dann heimkehrte aus der Verbannung, die er um des Bruders willen auf sich genommen, da stellte er sich sogleich, dem Könige gehorsam, auf den Boden der neuen konstitutionellen Ordnung. Was berechtigt war und lebensfähig in den Entwürfen des Frankfurter Parlamentes, erkannte er freudig an; allein die Ehrenrechte der deutschen Fürsten und die streng monarchische Ordnung des Heeres wollte er doktrinären Neuerungsversuchen nicht preisgeben. Die führerlose Bewegung endete mit einer schrecklichen Enttäuschung. Der Prinz selbst sah sich genötigt, den Aufruhr in Baden niederzuwerfen. In den langen Jahren der Ermattung nachher blieb ihm Muße genug, den Gründen des Mißlingens nachzudenken und den Ausspruch seines Bruders zu erwägen, daß eine Kaiserkrone nur auf dem Schlachtfelde erworben werden könne.

Da führte ihn die Erkrankung König Friedrich Wilhelms IV. an die Spitze des Staates. Nach einem Jahre schonenden Zuwartens übernahm er, feingesponnene Ränke mit festem Griffe zerreißend, kraft eigenen Rechts die Regentschaft, zwei Jahre darauf die Krone. Aber nochmals, nach kurzen Tagen jauchzender Freude, unbestimmter Erwartungen, mußte er den Wandel der Volksgunst erfahren und jenen Kampf beginnen, den er einst als Thronfolger vorausgesehen, den Kampf um sein eigenstes Werk, um die Neugestaltung seines Heeres. Ins Ungeheuerliche schwoll der Parteihaß an, wie es nur möglich war in dem Volke des Dreißigjährigen Krieges; es kam so weit, daß die deutschen Witzblätter dies mannhaft treuherzige Kriegerangesicht, das doch immer von dem Lächeln der Königin Luise umspielt ward, unter dem Zerrbilde des Tigers darstellten, und so heillos verwickelte sich der Verfassungskampf, daß allein noch die durchschlagende Macht kriegerischer Erfolge den Knoten zerhauen, das Recht des Königs erweisen konnte.

Und diese Erfolge kamen in jenen großen sieben Jahren, da mit einem Male die Summe gezogen wurde aus zwei Jahrhunderten preußischer Geschichte, da Schlag auf Schlag alle die Aufgaben ihre Lösung fanden, an denen die Staatskunst der Hohenzollern durch so viele Geschlechter hindurch gearbeitet hatte. Die letzte der deutschen Nordmarken ward der skandinavischen Herrschaft entrissen, und damit das Werk des Großen Kurfürsten vollendet; die Schlacht von Königgrätz verwirklichte, was am Tage von Kollin gescheitert war, die Befreiung Deutschlands von der Herrschaft des Hauses Österreich; und durch eine Reihe unvergleichlicher Siege, durch die Kaiserkrönung im Bourbonensaale von Versailles ward alles überboten, was die Kämpfer von 1813 einst von dem ersehnten dritten Punischen Kriege erhofft hatten. Die Preußen erkannten dankbar, daß ihre Verfassung unter diesem starken Königtum besser denn je gesichert war; denn sofort nach dem böhmischen Kriege leistete der König, der in der Sache so gänzlich recht behalten, freiwillig die gesetzliche Sühne für die Verletzung der Formen, und nicht ein Wort der Bitterkeit, das an den abgetanen Zwist erinnerte, kam aus seinem Munde. Die deutschen Bundesgenossen aber hatten durch die Siege dieses ersten wahrhaft gemeinsamen Kampfes endlich einen gesunden nationalen Stolz gewonnen und in der Freude an dem neuen Reiche des vielhundertjährigen Haders vergessen.

In allen diesen wunderbaren Fügungen, die auch ein nüchternes Hirn betören konnten, erscheint König Wilhelm immer gleich fest und sicher, gütig und bescheiden. Während des Verfassungskampfes brachte er nach seinem eigenen Geständnis das schwerste Opfer, das seinem liebebedürftigen Herzen zugemutet werden konnte, er ertrug die Entfremdung von seinem geliebten Volke; und mit der gleichen Selbstüberwindung faßte er den schweren Entschluß zum Kriege gegen das altbefreundete Österreich. Doch ganz unbedenklich forderte er nach dem Siege die Eroberungen, die er aus den Händen der Revolution niemals angenommen hätte, als den Preis eines gerechten Krieges; noch während des ersten norddeutschen Reichstages sagte er mit seiner großartigen naiven Offenheit zu dem Abgeordneten für Leipzig lächelnd: »Ja, Leipzig hätte ich doch gern behalten.« Geschwankt hat er in diesen schweren Jahren nur dann, wenn sein soldatischer Gradsinn sich nicht sogleich entschließen konnte, an die Hintergedanken arglistiger Gegner zu glauben: so in Baden 1863, als der deutsche Fürstentag ihn so freundvetterlich und bieder zu den Frankfurter Verhandlungen einlud, so wieder in Eins bei den Unterredungen mit Benedetti. Es heißt aber die Geschichte verfälschen, wenn man ihre großen Wandlungen kleinmeisterlich allzu nahe betrachtet; der Nachwelt genügt, zu wissen, daß König Wilhelm nach kurzem Zaudern, das seinem Gemüte zur Ehre gereicht, in beiden Fällen den rechten Entschluß fand.

Nach der Heimkehr sagte der neue Kaiser: »Lange lag dieser Ausgang in den Herzen. Jetzt ist es an das Licht gebracht. Sorgen wir, daß es Tag bleibe.« Er glaubte selbst in einer »kurzen Spanne Zeit« nur noch die ersten Anfänge der neuen Ordnung deutscher Dinge erleben zu können. Alles kam anders und schöner! Er sollte nicht nur selber alle die grundlegenden Gesetze des Reichs vollenden, sondern auch durch die Macht seiner Persönlichkeit dem werdenden Reiche den innern Halt geben. Zu Anfang sah mancher der verbündeten Fürsten in der Reichsverfassung nur eine Fessel, bald erkannten sie alle in ihr die Bürgschaft der eigenen Rechte, weil der unbestreitbar erste Mann des deutschen hohen Adels die Kaiserkrone trug und seine Treue jedem unverbrüchliche Sicherheit gewährte. So ist es geschehen, wesentlich durch das Verdienst des Kaisers und gegen die ausgesprochene Erwartung des Kanzlers, daß der Bundesrat, den einst alle Welt als den Träger des Partikularismus beargwöhnte, in wenigen Jahren die zuverlässige Stütze der nationalen Einheit wurde, während der Reichstag bald wieder dem unberechenbaren Spiele der Parteiung verfiel.

Einen Vertrauten, der ihn in allem beriet, hat Kaiser Wilhelm nie besessen. Mit sicherer Menschenkenntnis fand er geniale Kräfte für seinen Rat heraus, und mit der Neidlosigkeit eines großen Herzens ließ er die Erprobten sehr frei gewähren, aber jeden, selbst den Reichskanzler, nur innerhalb seines Faches. Immer blieb er der Kaiser, nur in seiner Hand liefen alle Fäden der Herrschaft zusammen.

Das höchste Glück des Lebens erblühte ihm erst, als er wie durch ein Wunder dem Meuchelmorde entgangen, den Feinden der Gesellschaft mit jener großmütigen kaiserlichen Botschaft antwortete, welche die sozialen Schäden der Gegenwart zuerst an der Wurzel abzugraben unternahm. Seitdem erst begriff die Nation ganz, was sie an ihrem Kaiser besaß; ein Strom der Liebe, wie er nur den Tiefen des deutschen Gemütes entquillt, hat ihn dann durch seine letzten Jahre dahingetragen. Europa gewöhnte sich in dem greisen Schlachtensieger den Wahrer des Weltfriedens zu verehren; um des Friedens willen schloß er, die alte Vorliebe für Rußland überwindend, das mitteleuropäische Bündnis. Im Innern trat der streng monarchische Charakter seiner Regierung mit den Jahren immer bestimmter hervor; der persönliche Wille des Herrschers behauptete sein gutes Recht neben den Parlamenten, und jetzt unter der warmen Zustimmung der endlich belehrten öffentlichen Meinung. Die Deutschen wußten, daß ihr Kaiser immer das Notwendige tat und in seiner einfachen, kunstlosen, bestimmten Sprache immer »sagte, was zu sagen war«, wie Goethe es nannte. Selbst auf Gebieten, die seinem Bildungsgänge ferner lagen, fand er sich mit seinem angeborenen königlichen Blicke schnell zurecht; wie Großes verdankt ihm auch das ideale Schaffen der Nation, niemals hat er unter den Künstlern und Gelehrten einen Unwürdigen ausgezeichnet. Einzelne Züge seines Charakters erinnern an die Ahnen, an den Großen Kurfürsten wie an den Großen König, an den ersten und den dritten Friedrich Wilhelm; eigentümlich blieb ihm die glückliche, ruhige Harmonie seines Wesens. An seiner schlichten Größe war nichts blendend, nichts rätselhaft, außer der fast übermenschlichen Lebenskraft des Leibes und der Seele. Alle konnten ihn verstehen, nur nicht der Hochmut der Halbbildung; allen, den Geistreichen wie den Einfältigen, konnte die stärkste Kraft seines Charakters, die unwandelbare Pflichttreue, zum Vorbilde dienen. So ward er der beliebteste aller Hohenzollernschen Herrscher. Wärmer, inniger von Jahr zu Jahr schloß sich die Nation ihrem Kaiser an. In schönem Einmut bewilligte ihm der Reichstag noch die notwendige Verstärkung des Heeres, und bis zum Ende schauten die treuen Augen aus den altersgrauen, verwitterten Zügen hoffnungsfroh auf alles, was lebendig war in der jungen Zeit. Noch kurz vor dem Scheiden sprach er mit Zuversicht von dem vaterländischen Sinne der deutschen Jugend. Als er dahinging, da war allen zu Mute, als ob Deutschland ohne ihn nicht leben könne, obwohl wir doch seit Jahren schon das Ende erwarten mußten.

Welch ein Gegensatz zwischen diesem beständig aufsteigenden Lebensgange des großen Vaters und dem finsteren Geschick des edlen Sohnes! Zum Throne geboren und bei der Geburt schon am glückverheißenden Jahrestage der Leipziger Schlacht freudig begrüßt von allen preußischen Herzen, durch treffliche Lehrer sorgfältig für das Fürstenamt erzogen, erschien Prinz Friedrich Wilhelm, sobald er zum Manne gereift war, als der Herrlichste von allen, strahlend in männlicher Kraft und Schönheit. Und als er dann die englische Prinzeß Royal heimführte, da erwartete die gesamte liberale Welt von seiner Herrschaft eine Zeit des Völkerglückes; denn noch galt England als das Musterland der Freiheit, der Heiligenschein der politischen Legende verklärte noch die Häupter Leopolds von Belgien und des hochzeitsfrohen koburgischen Hauses. Man erfuhr bald, daß der Kronprinz mit jenen Verletzungen des formalen Rechtes, welche der Verfassungskampf herbeiführte, sich ebensowenig befreunden konnte, wie mit dem Plane der Einverleibung Schleswig-Holsteins. Aber niemals hätte er sich dazu verstanden, nach dem Brauche der meisten englischen Thronfolger an die Spitze der Opposition zu treten; den Gedanken, daß es jemals eine Partei des Kronprinzen geben könne, wies er als unpreußisch weit von sich. Im Dänischen Kriege erwarb er sich sein erstes großes Verdienst um den Staat; unter seiner kräftigen Mitwirkung entschloß sich die noch unerfahrene, mehrfach zaudernde Heerführung zu kühnerem Vorgehen. Und nun erschienen die glänzenden Tage seines Feldherrnruhms, die ihm für immer seine Stelle in der deutschen Geschichte gesichert haben. Er half durch die kühnen Angriffsgefechte seines schlesischen Heeres den Sieg von Königgrätz vorbereiten und entschied ihn durch den Sturm auf Chlum. Er führte die ersten zermalmenden Schläge des französischen Krieges; seine blonde germanische Reckengestalt verkündete den Elsassern zuerst, daß ihr altes Vaterland sie wieder zurückforderte; durch seine Kriegstaten und die herzbewegende Macht seiner heiteren, volkstümlichen Güte wurden die bayrischen und schwäbischen Krieger erst ganz für die Einheil Deutschlands gewonnen, und allezeit wird im deutschen Heere des Tages gedacht werden, da nach neuen, herrlichen Siegen »unser Fritz« vor dem Standbilde des vierzehnten Ludwig im Versailler Schloßhofe die Eisernen Krenze an seine Preußen und Bayern verteilte.

Nach dem Frieden war die Stellung des hochgerühmten Feldherrn nicht leicht. Er stand als Feldmarschall schon zu hoch in der militärischen Rangordnung und fand auch an dem alltäglichen Friedensdienste zu wenig Freude, als daß sich ein angemessenes Kommando für ihn hätte finden lassen. Nur die wichtigste der deutschen Armee-Inspektionen, die Aufsicht über die süddeutschen Truppen, ward ihm übertragen, und alljährlich wartete er dieses Amtes einige Wochen lang: immer einsichtig, fest und freundlich, so daß er im Süden fast noch mehr Liebe fand als in der nordischen Heimat. Die Süddeutschen sahen ihn tätig, in seiner ganzen Kraft; daheim trat er nur selten in das öffentliche Leben hinaus. Er wurde das Opfer der wunderbaren Größe seines Vaters, darin lag sein tragisches Verhängnis. Lange Jahre männlicher Vollkraft, die er nach allem menschlichen Ermessen schon auf dem Throne hätte verleben müssen, verbrachte er in einem Stilleben, das ihm wohl des Vaterglücks die Fülle brachte und ihm auch oft Gelegenheit gab, seine schöne natürliche Beredsamkeit zu zeigen, für wohltätige und gemeinnützige Zwecke segensreich zu sorgen, aber nicht ausgefüllt war durch ganze Mannesarbeit. Schon als junger Prinz hegte Kaiser Wilhelm sehr strenge, wohlerwogene Grundsätze über die unvermeidliche Selbstbeschrankung der Thronfolger; er wußte, daß der erste Untertan nicht mitreden darf, wenn er nicht in Versuchung geraten soll, mitzuregieren. Wie alle großen Monarchen der Geschichte, wie sämtliche Hohenzollern mit der einzigen Ausnahme König Friedrich Wilhelms III., hielt er seinen Thronerben den Regierungsgeschäften fern.

Nur einmal, nach dem letzten Mordversuche, wurde der Kronprinz beauftragt, die Stelle des Vaters zu vertreten. Es war eine ereignisschwere Zeit, der Berliner Kongreß soeben versammelt, die Friedensverhandlung mit der römischen Kurie kaum begonnen, das Sozialistengesetz noch im Entstehen. Alle die schweren Arbeiten bewältigte der Kronprinz mit musterhafter Umsicht, und nie soll ihm Deutschland vergessen, daß er, sicherlich gegen die Neigung seines milden Herzens, den hohen Mut fand, das Richtbeil niederfallen zu lassen auf den Nacken des Kaisermörders. Durch diese tapfere Tat verhalf er der im Reiche schon halbverschollenen Todesstrafe wieder zu der Geltung, die ihr in jedem festgeordneten Staate gebührt. Nach der Genesung des Kaisers trat er wieder in die Ruhe seines Hauses zurück, und es konnte nicht fehlen, daß der an den Höfen aller Thronfolger heimische Geist der Kritik sich auch hier dann und wann äußerte, aber immer nur in bescheidener, ehrerbietiger Form. Reich und fruchtbar ward sein Wirken für die Kunst: ohne ihn wäre der Hermes des Praxiteles nicht zum neuen Leben erweckt, das Berliner Gewerbemuseum nicht in so mustergültiger Formenreinheit vollendet worden. Er war der erste akademisch Gebildete in der Reihe der preußischen Thronfolger, und mit Stolz trug er den Purpurmantel des Rektors der alten Albertina. Doch in dem langen Stilleben verlor der Kronprinz zuweilen die Fühlung mit der gewaltig aufstrebenden Zeit und konnte ihren neuen Gedanken nicht mehr recht folgen. Die antisemitische Bewegung, deren Grund doch allein in der Selbstüberhebung der Judenschaft lag, meinte er mit einigen Worten zornigen Tadels abzutun, und die Königsberger Studenten warnte er gar vor den Gefahren des Chauvinismus – einer Empfindung, die nach zwei Jahrhunderten des Weltbürgertums den Deutschen so fremd ist wie ihr welscher Name.

Aber die menschlichen Dinge erscheinen anders vom Throne, anders von unten her gesehen. Wie die Nation den vielgeliebten Prinzen kannte, hoffte sie zuversichtlich, daß er gleich dem Vater mit seinen Lebensaufgaben selber wachsen und als Herrscher sich ebenso kräftig zeigen würde, wie einst als Stellvertreter des Kaisers. Da brach das Unheil über ihn herein. Drei deutsche Ärzte, die Berliner Professoren Gerhardt, v. Bergmann, Tobold, erkannten zuerst das Wesen der Krankheit und sprachen die Wahrheit ohne Menschenfurcht aus, wie wir es von deutschen Gelehrten zu erwarten gewöhnt sind. Noch war Heilung möglich, wahrscheinlich sogar. Aber der rettende Entschluß blieb aus – und wer darf hier tadeln, da doch fast jeder Laie in gleicher Lage die gleiche Wahl getroffen hätte? Nunmehr ward der Kranke einem englischen Arzte ausgeliefert, der alsbald durch unerhörte Verlogenheit seiner Berichte den guten Ruf unseres alten, ehrlichen Preußens besudelte. In wachsender Angst begannen die Deutschen zu ahnen, dies teuere Leben sei in schlechten Händen. Der Erfolg übertraf die ärgsten Befürchtungen. Als Kaiser Wilhelm die Augen geschlossen hatte, kehrte ein sterbender Kaiser heim, das hohe Erbe anzutreten.

Die Größe der Monarchie, ihre Überlegenheit gegenüber allen republikanischen Staatsformen beruht wesentlich auf der wohlgesicherten langen Dauer des fürstlichen Amtes. Ihre Kraft erlahmt, wo diese Sicherheit fehlt. Die Regierung des sterbenden Kaisers konnte nur eine traurige Episode der vaterländischen Geschichte werden, traurig durch die namenlosen Leiden des edlen Kranken, traurig durch das lügnerische Treiben des englischen Arztes und seiner unsaubern journalistischen Spießgesellen, traurig durch die Frechheit der deutschfreisinnigen Partei, die sich begehrlich an den Kaiser herandrängte, als ob er selber zu ihr gehörte, und einmal doch einen Erfolg, den Sturz des Ministers v. Puttkamer, erreichte – während die monarchischen Parteien durch das Gefühl der Pietät wie durch die Voraussicht des nahen Endes genötigt wurden, ihre Stimme zu dämpfen. In solchen Tagen der Prüfung offenbaren sich alle Herzensgeheimnisse der Parteien. Wer es noch nicht wußte, der muß jetzt begreifen, welch ein Sykophantentum unter der Flagge des Freisinns sein Wesen treibt, und welch ein Gesinnungsterrorismus jeden freien Kopf mißhandeln würde, wenn diese Partei jemals ans Ruder gelangte, die zu unserem Glück im ganzen Reiche nichts weiter hinter sich hat als die Mehrheit der Berliner, einzelne in die Politik verschlagene Gelehrte, die Kaufmannschaft einiger unzufriedenen Handelsplätze und die allerdings ansehnliche Macht des internationalen Judentums. Doch hinweg mit diesen finsteren Bildern; die Geschichte ist über sie hinweggeschritten. Halten wir fest in ehrfurchtsvoller Erinnerung, was der schmerzensreichen Regierung Kaiser Friedrichs die sittliche Weihe gibt. Mit einem frommen Duldermute, dessen Größe wohl nur wenige Eingeweihte ganz ermessen, mit einer Heldenkraft, die allen Glanz seiner Schlachtensiege überstrahlt, hat er die Qualen seiner Krankheit ertragen, der Sprache beraubt, im Angesichte des Todes immer und immer die alte Pflichttreue der Hohenzollern, seine warme Begeisterung für alle ewigen Güter der Menschheit bewahrt. Würdig der Väter ist er zum ewigen Frieden eingegangen, und solange deutsche Herzen schlagen, werden sie des königlichen Dulders gedenken, der uns einst als der glücklichste und frohmutigste der Deutschen erschien und nun in so tiefem Leide enden mußte.

In jenen frohen Tagen, da das Bild »der vier Könige« an allen deutschen Schaufenstern hing, sagte sich mancher in banger Ahnung, das sei allzuviel des Glücks. Nun hat die ausgleichende Gerechtigkeit der Vorsehung auf die Fülle der Freuden ein Übermaß der Trauer folgen lassen, das fast zu hart scheint für ein monarchisches Volk. Von den vier Königen sind zwei nicht mehr. Aber das Leben gehört den Lebendigen. Mit hoffendem Vertrauen wendet die Nation ihre Augen auf ihren jungen kaiserlichen Herrn. Alles, was er bisher zu seinem Volke sprach, atmet Kraft und Mut, Frömmigkeit und Gerechtigkeit. Wir wissen jetzt, daß der gute Geist der wilhelminischen Zeiten dem Reiche unverloren bleibt, und schon in diesen ersten Trauertagen erlebten wir eine große Stunde deutscher Geschichte. In deutscher Treue scharte sich unser gesamter Fürstenstand um seinen Kaiser und erschien mit ihm vor den Vertretern der Nation. Die Welt erfuhr, daß der deutsche Kaiser nicht stirbt, wer immer seine Krone tragen mag. Welch ein Wandel der Dinge seit den Zeiten, da die Höfe an jedem Neujahrstage ängstlich auf die Aussprüche des geheimnisvollen Cäsars an der Seine lauschten! Heute gedenkt die deutsche Thronrede mit keinem Worte mehr dieser Westmächte, die sich einst anmaßten, die Gesittung der Welt allein zu vertreten, denn mit unbelehrbaren Feinden läßt sich ebensowenig rechten wie mit zudringlichen zweifelhaften Freunden. Mag Europa sich in Frieden an die Verschiebung der alten Machtverhältnisse gewöhnen, oder mag das deutsche Schwert nochmals aus der Scheide fahren zur Sicherung des Gewonnenen: für beide Falle hoffen wir gerüstet zu sein. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so wird dies große Jahrhundert, das als ein französisches zu beginnen schien, als deutsches Jahrhundert enden: durch Deutschlands Gedanken und Deutschlands Taten wird die Frage gelöst, wie sich eine starke überlieferte Staatsgewalt mit den berechtigten Ansprüchen der neuen Gesellschaft vertragen könne. Einmal doch muß die Zeit kommen, da die Völker fühlen, daß die Schlachten Kaiser Wilhelms nicht bloß den Deutschen ein Vaterland geschaffen, sondern auch der Staatengesellschaft eine gerechtere, vernünftigere Ordnung gegeben haben. Dann wird sich erfüllen, was einst Emanuel Geibel dem greisen Sieger zurief:

Und es mag am deutschen Wesen
Einmal noch die Welt genesen!


 << zurück weiter >>