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Königin Luise.

Vortrag, gehalten am 10. März 1876 im Kaisersaale des Berliner Rathauses.

[Preuß. Jahrb., Band 87 (Aprilheft 1876), S. 417 ff. Auch erschienen unter dem Titel: Königin Luise. Zwei Festreden von Th. Mommsen und H. v. Treitschke. (Berlin, G. Reimer 1876.) S. 5ff.]

In Wort und Schrift, in Bild und Reim ist die hochherzige Königin, zu deren Gedächtnis ich Sie hier versammelt sehe, oft gefeiert worden; in der Erinnerung ihres dankbaren Volkes lebt sie fort wie eine Lichtgestalt, die den Kämpfern unseres Befreiungskrieges, den Pfad weisend, hoch in den Lüften voranschwebte. Wollte ich dieser volkstümlichen Überlieferung folgen oder gar jener Licht ins Lichte malenden Schmeichelei, die nach den Worten Friedrichs des Großen wie ein Fluch an die Fersen der Mächtigen dieser Erde sich klammert, so müßte ich fast verzweifeln bei dem Versuche, Ihnen ein Bild von diesem reinen Leben zu geben, wie der Künstler sich scheut, das unvermischte Weiß auf die Leinwand zu tragen. Das ist aber der Segen der historischen Wissenschaft, daß sie uns die Schranken der Begabung, die endlichen Bedingungen des Wirkens edler Menschen kennen lehrt und sie so erst unserem menschlichen Verständnis, unserer Liebe näher führt. Auch diese hohe Gestalt stieg nicht wie Pallas gepanzert, fertig aus dem Haupte Gottes empor, auch sie ist gewachsen in schweren Tagen. Sie hat, nach Frauenart, in schamhafter Stille, doch in nicht minder ernsten Seelenkämpfen wie jene starken Männer, die in Scham und Reue den Gedanken des Vaterlands sich eroberten, einen neuen reicheren Lebensinhalt gefunden. Dieselben Tage der Not und Schmach, welche den treuen schwedischen Untertan Ernst Moritz Arndt zum deutschen Dichter bildeten und dem Weltbürger Fichte die Reden an die deutsche Nation auf die Lippen legten, haben die schöne anmutvolle Frau, die beglückende und beglückte Gattin und Mutter mit jenem Heldengeiste gesegnet, dessen Hauch wir noch spürten in unserem jüngsten Kriege.

Wie die Reformation unserer Kirche das Werk von Männern war, so hat auch dieser preußische Staat, der mit seinen sittlichen Grundgedanken fest in dem Boden des Protestantismus wurzelt, allezeit einen bis zur Herbheit männlichen Charakter behauptet. Er dankt dem liebevollen frommen Sinne seiner Frauen Unvergeßliches. Am Ausgange des Dreißigjährigen Krieges blieb uns von der alten Großheit der Väter nichts mehr übrig als das deutsche Haus; aus diesem Born, den Frauenhände hüteten, trank unser Volk die Kraft zu neuen Taten. Dem öffentlichen Leben aber sind die Frauen Preußens immer fern geblieben, im scharfen Gegensatze zu der Geschichte des katholischen Frankreichs. Ganz deutsch, ganz preußisch gedacht ist das alte Sprichwort, das jene Frau die beste nennt, von der die Welt am wenigsten redet. Keine aus der langen Reihe begabter Fürstinnen, welche den Thron der Hohenzollern schmückten, hat unseren Staat regiert. Auch Königin Luise bestätigt nur die Regel. Ihr Bild, dem Herzen ihres Volkes eingegraben, ward eine Macht in der Geschichte Preußens, doch nie mit einem Schritte übertrat sie die Schranken, welche der alte deutsche Brauch ihrem Geschlechte setzt. Es ist der Prüfstein ihrer Frauenhoheit, daß sich so wenig sagen läßt von ihren Taten. Wir wissen wohl, wie sie mit dem menschenkundigen Blicke des Weibes immer eintrat für den tapfersten Mann und den kühnsten Entschluß; auch einige, nur allzuwenige, schöne Briefe erzählen uns von dem Ernst ihrer Gedanken, von der Tiefe ihres Gefühles. Das alles gibt doch nur ein mattes Bild ihres Wesens. Das Geheimnis ihrer Macht lag, wie bei jeder rechten Frau, in der Persönlichkeit, in dem Adel natürlicher Hoheit, in jenem Zauber einfacher Herzensgüte, der in Ton und Blick unwillkürlich und unwiderstehlich sich bekundete. Nur aus dem Widerscheine, den dies Bild in die Herzen der Zeitgenossen warf, kann die Nachwelt ihren Wert erraten. Nach dem Tage von Jena mußte auch Preußen den alten Fluch besiegter Völker ertragen: eine Flut von Anklagen und Vorwürfen wälzte sich heran wider jeden Mächtigen im Staate. Noch schroffer und schärfer hat in den leidenschaftlichen Parteikämpfen der folgenden Jahre die schonungslose Härte des norddeutschen Urteils sich gezeigt; kein namhafter Mann in Preußen, der nicht schwere Verkennung, grausamen Tadel von den Besten der Zeit erfuhr. Allein vor der Gestalt der Königin blieben Verleumdung und Parteihaß ehrfürchtig stehen; nur eine Stimme von Hoch und Niedrig bezeugt, wie sie in den Tagen des Glückes das Vorrecht der Frauen übte, mit ihrem strahlenden, glückseligen Lächeln das Kleine und Kleinste zu verklären, in den Zeiten der Not durch die Kraft ihres Glaubens die Starken stählte und die Schwachen hob. –

Das gute Land Mecklenburg hat unserem Volke die beiden Feldherren geschenkt, welche die Schlachten des neuen Deutschlands schlugen; wir wollen ihm auch die Ehre gönnen, diese Tochter seines alten Fürstenhauses sein Landeskind zu nennen, obgleich sie fern dem Lande ihrer Väter geboren und erzogen wurde. An dem stillen Darmstädter Hofe genoß die kleine Prinzessin mit ihren munteren Schwestern das Glück einer schlicht natürlichen, keineswegs sehr sorgfältigen Erziehung. Da sie heranwuchs, erzählte alle Welt von den wunderschönen mecklenburgischen Schwestern. Jean Paul widmete ihnen seine überschwengliche Huldigung. Goethe lugte im Kriegslager vor Mainz verstohlen zwischen den Falten seines Zeltes hervor und musterte die lieblichen Gestalten mit gelassenem Kennerblicke; seiner Mutter, der alten Frau Rat, lachte die Kinderlust aus den braunen Augen, wenn die jungen Damen nach Frankfurt kamen und im Dichterhause am Hirschgraben Specksalat aßen oder an dem Brunnen im Hofe sich selber einen frischen Trunk holten.

So menschlich einfach wie die Kindheit der Prinzessin verlief, ist auch der Schicksalstag der Frau in ihr Leben eingetreten; dort in Frankfurt, am Tische des Königs von Preußen, fand sie den Gatten, der ihr fortan »der beste aller Männer« blieb. An lauten Huldigungen hat es wohl noch niemals einer deutschen Fürstenbraut gefehlt; das war doch mehr als der frohe Zuruf angestammter Treue, was die beiden mecklenburgischen Schwestern bei ihrem Einzug in Berlin begrüßte. In einem Augenblicke gewann die Kronprinzessin alle Herzen, da sie das kleine Mädchen, das ihr die üblichen Hochzeitsverse hersagte, in der Einfalt ihrer Freude, zum Entsetzen der gestrengen Oberhofmeisterin umarmte und küßte. Die unerfahrene siebzehnjährige Frau, aufgewachsen im einfachsten Leben, sollte sich nun zurecht finden auf dem schlüpfrigen Boden dieses mächtigen Hofes, wo um den früh gealterten König ein Gewölk zweideutiger Menschen sich scharte, wo der geistvolle Prinz Ludwig Ferdinand sein unbändig leidenschaftliches Wesen trieb und der Kronprinz mit seiner frommen Sittenstrenge ganz vereinsamt stand; da fand sie eine treue und kundige Freundin an der alten Gräfin Voß. Wer kennt sie nicht, die strenge Wächterin aller Formen der Etikette, die in siebzig Jahren höfischen Lebens das gute Herz, das gerade Wort und den tapferen Mut sich zu bewahren wußte? Sie gab ihrer Herrin den besten Rat, der einer jungen Frau erteilt werden kann: keinen anderen Freund und Vertrauten sich zu wählen als ihren Gemahl; und dabei blieb es bis zum Tode der Fürstin.

Für den edlen, doch früh verschüchterten und zum Trübsinn geneigten Geist Friedrich Wilhelms ward es ein unschätzbares Glück, daß er einmal doch herzhaft mit vollen Zügen aus dem Becher der Freude trinken, die schönste und liebevollste Frau in seinen Armen halten, an ihrer wolkenlosen Heiterkeit sich sonnen durfte. Aber auch die Prinzessin fand bei dem Gatten, was die rechte Ehe dem Weibe bieten soll: sie rankt sich empor an dem Ernst, dem festen sittlichen Urteile des reifen Mannes, lernt manche wirre Träumerei des Mädchenkopfes aufzugeben. Unablässig strebt sie »sich zur inneren Harmonie zu bilden«; ihre wahrhaftige Natur duldet keine Phrase, keinen halbverstandenen Begriff. Etwas Liebenswürdigeres hat sie kaum geschrieben als die naiven Briefe an ihren alten freimütigen Freund, den Kriegsrat Scheffner. Da fragt sie kindlich treuherzig, damals schon eine reife Frau und viel bewunderte Königin: was man eigentlich unter Hierarchie verstehe, und wann die Gracchischen Unruhen, die Punischen Kriege gewesen; »frägt man aber nicht und schämt sich seiner Einfalt gegen jeden, so bleibt man immer dumm, und ich hasse entsetzlich die Dummheit«. Sie lebt sich ein in die Geschichte des königlichen Hauses, teilt mit ihrem Gemahl die Begeisterung für Friedrich den Großen und wählt sich unter den Fürstinnen des Hohenzollernstammes ihren Liebling: jene sanfte Oranierin, die schon einmal den Namen Luise den Preußen wert gemacht, die erste Gemahlin des Großen Kurfürsten, die unserem evangelischen Volke das Lied »Jesus meine Zuversicht« sang. A. W. Schlegel hatte einst der einziehenden Braut zugerufen: »Du bist der goldnen Zeit Verkünderin«. Fast schien es, als sollte der Dichtergruß sich erfüllen. Leicht und heiter flossen die Tage; wir Nachlebenden, die wir auch davon zu reden wissen, schenken der guten Gräfin Voß willig Glauben, wenn sie in ihrem Tagebuche am 22. März 1797 vergnüglich von der Geburt eines Prinzen erzählt und weise hinzufügt: »es ist ein prächtiger kleiner Prinz«. Wenn der Blick der glücklichen Mutter auf der dichten Schar ihrer schönen Kinder ruhte, dann rief sie wohl: »die Kinderwelt ist meine Welt!«

Nach der Thronbesteigung ihres Gemahls lernte die junge Königin auch die entlegenen Provinzen des Staates kennen; überall, selbst bei den Polen in Warschau, derselbe jubelnde Empfang, wie einst in der Hauptstadt, Sie war stets bereit, für den schweigsamen König das Wort zu nehmen zu einer freundlichen Ansprache, doch jeden Eingriff in die Staatsgeschäfte des Mannes wies sie bescheiden von sich. Jeder von uns hat wohl einmal aus dem Munde des alten Geschlechts, das heute zu Grabe geht, vernommen, wie das Volk mit seiner schönen Königin lebte. Alls ich vor Jahren auf die Kösseine im Fichtelgebirge wanderte, da erzählte der Führer, ein steinalter Mann, wie er einst als junger Bursch mit dem König und der Königin desselben Wegs gezogen; er fand des Schwatzens kein Ende, dann zerschnitt er ein Farnkraut, zeigte uns die dunklen Punkte auf dem Querschnitt des weißen Stengels und meinte stolz: das sei der brandenburgische Adler, und dies Adlerfarnkraut wachse nur hier auf den alten Preußischen Fichtelbergen.

Überall in Preußen war die junge Fürstin behaglicher Ruhe, warmer Anhänglichkeit begegnet, überall schien das Volk von der alten Ordnung befriedigt; die getreuen Breslauer versicherten beim Einzüge: »von Freiheit schwatze wer da mag«, der Preuße finde in dem geliebten Königspaare sein höchstes Glück. Und doch schwankte der Staat, der so sicher schien, längst haltlos einer entsetzlichen Niederlage entgegen. Kein Zeitraum der preußischen Geschichte liegt so tief im Dunkel, wie das erste Jahrzehnt Friedrich Wilhelms III. Das furchtbare Unglück und die glorreiche Erhebung der folgenden Jahre haben ihren breiten Schatten über diese stille Zeit geworfen; niemand bemüht sich, sie zu durchforschen. Man schließt aus den schweren Gebrechen, welche der Tag von Jena bloßlegte, kurzerhand zurück und verdammt den Anfang des Jahrhunderts als eine Epoche geistloser Erstarrung. Dies Urteil kann schon deshalb nur halb richtig sein, weil die Helden der Wiedererhebung, Stein und Hardenberg, Scharnhorst und Blücher, allesamt schon vor dem Jahre 1806 dem Staate dienten, manche bereits in hohen Ämtern. Fast alle die reformatorischen Taten, welche nachher dem niedergeworfenen Staate neue Stärke brachten, die Befreiung des Landvolks, die Neugestaltung des Heeres, die Stiftung der Universität Berlin, sind schon vor der Jenaer Schlacht erwogen und vorbereitet worden. Der König betrachtete die Bluttaten der Revolution mit dem Abscheu des ehrlichen Mannes, doch über den berechtigten Kern der furchtbaren Bewegung urteilte er unbefangener als die Legitimisten seines Hofadels. Schlicht und bescheiden, arbeitsam und pflichtgetreu, ganz unberührt von adeligen Vorurteilen, wollte er ein König der Bettler sein nach der Überlieferung seines Hauses. »Er ist Demokrat auf seine Weise – sagte einer seiner Minister zu dem französischen Gesandten Otto: – er wird die Revolution, die ihr von unten nach oben vollzogen, bei uns langsam von oben nach unten durchführen; er arbeitet ohne Unterlaß, die Vorrechte des Adels zu beschränken, aber durch langsame Mittel; in wenigen Jahren wird es keine feudalen Rechte mehr in Preußen geben.« Aber keiner dieser wohlgemeinten Entwürfe kam zur Reife; es lag wie ein Bann auf den Gemütern. Die Keime frischen jungen Lebens, die in dem Staate sich regen, vermögen die Decke nicht zu sprengen; die ganze Zeit, so reich an verborgenen geistigen Kräften, trägt jenen schwunglos philisterhaften Charakter, den wir alle aus der kahlen Nüchternheit ihrer Bauten, aus der Alten Münze und ähnlichen einst vielbewunderten Kunstwerken genugsam kennen. Man blieb bei bedachtsam schüchternen Vorbereitungen, die kaum für Tage tiefen Friedens genügten. Und währenddem wankte die alte Welt in ihren Fugen, auf rollenden Rädern stürmte die neue Zeit daher, ein kurzes Jahrzehnt warf die Grenzen aller Länder durcheinander, erhob auf den Trümmern der alten Staatengesellschaft das napoleonische Weltreich. Der preußische Staat verlor den Boden unter seinen Füßen; das deutsche Reich kam ins Wanken, und die waffenlosen Kleinstaaten des Südwestens, Preußens altes Werbegebiet, wurden durch die gewaltige Faust des Eroberers zu größeren Massen zusammengeballt, bildeten sich selber ihre Heere, verschlossen ihr Land den preußischen Werbern.

Wie war es möglich, daß in diesem scharf urteilenden, bis zur Tadelsucht freimütigen norddeutschen Volke so lange die Frage gar nicht aufkam: ob denn unser Norden immerdar wie eine friedliche Insel in dem tosenden Meere des Weltkrieges ruhen, ob Preußen allein unwandelbar bleiben könne in diesem großen Wandel der Zeiten? Die Königin, die so oft das rechte Wort zu finden wußte, hat auch hier die zutreffende Antwort gegeben: »wir waren eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen.« Die Größe der fridericianischen Tage lastete lähmend auf diesem Geschlechte. Dieser Staat, kaum erst durch wunderbare Siege emporgehoben in die Reihe der großen Mächte, war noch vor wenigen Jahren der bestregierte des Festlandes gewesen; noch im letzten Kriege hatten seine wohlgeschulten Soldaten den verachteten französischen »Katzenköpfen« ihre Überlegenheit gezeigt. Nun ruhte er so wohlgeborgen hinter der Demarkationslinie des Baseler Friedens, den ganz Norddeutschland als eine Wohltat pries; unter dem Schutze der preußischen Waffen blühten Handel und Wandel, die deutsche Dichtung sah ihre schönsten Tage. Dem Könige schien es ein Frevel, so vielen Segen leichtfertig auf das Spiel zu setzen. Wenn sein klarer Verstand zuweilen sich fragte: wie es doch zuging, daß die vielen kleinen Siege der rheinischen Feldzüge am Ende nur zu einer politischen Niederlage geführt hatten? und ob die neue Zeit nicht neue Formen fordere? – dann traten ihm die alten Generale, die noch die Kränze der fridericianischen Siege um die Stirn trugen, mit überlegener Sicherheit entgegen, und scheu verbarg er seine guten Gedanken wieder im Busen.

An einem großen Mißgeschicke des Gemeinwesens ist niemand ganz schuldlos, und auch die Königin war es nicht. Sie wußte wohl, warum sie in den Tagen des Unglücks die rührende Klage: »wer nie sein Brot mit Tränen aß« in ihr Tagebuch schrieb und selbst den letzten herben Vorwurf sich nicht ersparte: »denn jede Schuld rächt sich auf Erden«. Die unbewußte Selbstsucht des Glückes hatte auch ihr den Gesichtskreis verengert, so daß sie von den sittlichen Schäden des sinkenden Staates lange nichts ahnte. In der reinen Luft ihres befriedeten Hauses blieb ihr verborgen, welche wüste, überfeinerte Unzucht ihr Wesen trieb in diesem Berlin, das wenige Jahre später allen anderen deutschen Städten mit opferfreudiger Vaterlandsliebe voranging; sie selbst wie ihr Gemahl verkehrte leutselig und schlicht mit jedermann, doch im Heere und in den höheren Ständen herrschte ein Ton geringschätzigen Übermutes gegen die kleinen Leute, der alle Grundlagen des bürgerlichen Friedens zu erschüttern drohte. Die Glückliche ahnte nicht, wie alles morsch ward in dem Staate, wie das Auge des großen Königs zürnend auf die Erben niederblickte.

Die Gräfin Voß hatte schon vor Jahren, da ihre Herrin um die Geburt eines toten Kindes trauerte, feinfühlend erkannt, wie dieser Charakter durch das Unglück gehoben wurde. Erst als das Verderben dem Staate näher rückte, begann die Königin mit gespannten Blicken dem Gange der Ereignisse zu folgen, und Friedrich Gentz erstaunte, sie so genau und sicher unterrichtet zu finden. Seit der Besetzung Hannovers durch die Franzosen lag die Schwäche der Monarchie vor aller Augen; nicht einmal ihren Stolz, die Sicherheit des deutschen Nordens, hatte sie zu hüten verstanden; seitdem ahnte die Königin, daß die Friedensliebe des Hofes zur Feigheit wurde. Ihr ganzes Wesen wird freier und größer in diesen sorgenvollen Jahren, auch ihr Geschmack edler und reiner: wenn sie vordem an den tränenseligen Romanen des Modedichters Lafontaine sich gern erbaute, so läßt sie jetzt nur noch das Echte und Tiefe gelten und erhebt sich das Herz an Herder und Goethe, wie an Schillers mächtigem Pathos.

Das heilige Reich brach zusammen, die Fürsten des Südens und Westens traten als Vasallen unter Frankreichs Schutz. Da endlich wagte König Friedrich Wilhelm allzuspät die Überlieferungen seines Oheims wieder aufzunehmen und »die letzten Deutschen unter seinen Fahnen zu sammeln«. Er versuchte, dem Rheinbunde einen norddeutschen Bund entgegenzustellen; diese Rückkehr Preußens zu seiner alten deutschen Politik führte den verhängnisvollen Krieg herbei. An einem Tage stürzte der Waffenruhm des fridericianischen Heeres in Trümmer, und es folgte jene Zeit der Schmach und Schande, die uns noch heute, so oft und so glorreich gesühnt, in der Erinnerung empört. Die Königin hat noch später die Vorstellungen eines französischen Unterhändlers zurückgewiesen mit den Worten: »Die Frauen haben über Krieg und Frieden nicht mitzusprechen.« Sie weilte fern im Bade zu Pyrmont, als in Berlin der Krieg beschlossen wurde; aber »ich würde – so gestand sie beim Ausbruch des Kampfes an Gentz – für den Krieg gestimmt haben, wenn man mich gefragt hätte, weil die Ehre gebot, aus unserer zweideutigen Haltung herauszutreten.« Mit sicherem Instinkt ahnte Napoleon die Kraft des Widerstandes, die in diesem schwachen Weibe schlummerte; wie er allezeit in den sittlichen Mächten des Völkerlebens die gefährlichsten Feinde seines Weltreichs sah und die »Ideologen« mit seinem wildesten Hasse verfolgte, so überhäufte er auch die fromme Frau auf dem preußischen Throne mit den pöbelhaften Schimpfreden der Wachtstube; er schildert sie in seinen Bulletins als die Kriegsfurie Preußens, als die Armida, die im Wahnsinn ihr eigenes Schloß anzündet: elle voulait du sang!

Die Königin bemerkte wohl die ratlose Verwirrung im Hauptquartiere, und zu dem zaudernden Feldherrn, dem alten Herzog von Braunschweig, wollte sie kein Vertrauen fassen. Einen so jähen Fall, wie er nun ihrer Krone bereitet wurde, hatte sie doch nicht erwartet. Das glänzende Bild von dem Staate Friedrichs des Großen, daran sie seit dreizehn Jahren bewundernd geglaubt, lag plötzlich in Scherben vor ihren Füßen; weinend erzählte sie ihren Söhnen auf der Flucht: »der König hat sich getäuscht in der Tüchtigkeit seiner Generale, seines Heeres.« Aber mitten im Unglück erhebt sie sich zu jener Ansicht des Völkerlebens, welche der mutigste Mann immer mit dem frömmsten Weibe teilen wird. »Die Zeiten machen sich nicht selbst, die Menschen machen die Zeit« – und wieder: »es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten«. Das ist die königliche Auffassung der Geschichte; der gesamte Staatsbau der Monarchie ruht auf dem Gedanken, daß Personen die Geschichte machen. In solchen Zeiten der höchsten Not darf die Stimme des natürlichen Gefühles mitreden im Rate der Staatskunst; die Königin übte Frauenrecht und Fürstenpflicht, wenn sie jetzt dem tiefgebeugten Gemahl tröstend zur Seite stand und ihn bestärkte in dem Entschlüsse, den ungleichen Kampf fortzuführen bis zum Schwinden der letzten Hoffnung. Alle Schrecken des Krieges brachen über die Unglückliche herein. Krank und fiebernd flieht sie aus Königsberg vor dem Feinde, denn »lieber in die Hände Gottes fallen, als in die Hände dieser Menschen«; da sie in einem elenden Bauernhause auf der Kurischen Nehrung übernachtet, jagt der Sturm die eisigen Flocken durch das zerbrochene Fenster über das Bett der kranken Königin. In Memel, auf der letzten Scholle deutscher Erde, die noch frei und preußisch war, fand sie ein bescheidenes Obdach. Damals lernte sie unter strömenden Tränen das Wort verstehen: »Leid und Elend sind Gottes Segen.«

Den Haß der Römerin hat das sanfte Herz der deutschen Frau nie gekannt; nur ihre stolze Verachtung traf den großen Feind, der ihr der Held der rohen Selbstsucht war, und niemals wollte sie glauben, daß Gottes Weisheit diese Herrschaft der frechen Gewalt auf die Dauer zulassen könne. Sie sah, wie der alte deutsche Heldenmut wieder lebendig ward unter den tapferen Verteidigern von Kolberg, Graudenz und Danzig; ihre tiefe Frömmigkeit und das gute Zutrauen zu ihrem Volke begegneten sich in der Überzeugung, daß dieser Staat nicht untergehen könne: »der politische Glaube ist wie der religiöse, eine feste Zuversicht dessen, was man hoffet, aber nicht siehet«. Vor diesen Briefen der schmerzbeladenen, hoffnungsstarken Königin wird uns ein uraltes Gefühl des Germanenherzens wieder lebendig: die fromme Scheu vor dem Weibe: und wir verstehen, warum unsere Ahnen einst im Dickicht der cheruskischen Wälder eine heilige und weissagende Macht, sanctum aliquid providumque , an ihren Frauen ehrten. Der Mann geht auf in den Kämpfen und Sorgen des Augenblicks; das sichere gesammelte Gefühl des Weibes vermag in schweren Tagen klarer als er die Zeichen der Zeit zu deuten, hinter dem Glanze des Siegers die hohle Nichtigkeit, unter der Schmach des Besiegten die ungebrochene Kraft zu ahnen. Als der König nach der Schlacht von Eylau, der ersten, die der Unbesiegte nicht gewonnen, die lockenden Friedensvorschläge Napoleons zurückweist und sich weigert, den russischen Bundesgenossen zu verlassen, da schreibt seine Gemahlin einfältig wie ein gläubiges Kind: »das wird Preußen einst Segen bringen!« So einfach, wie sie wähnte, sind Lohn und Strafe im Leben der Völker nicht verteilt; gleichwohl bleibt dem frommen Worte seine Wahrheit: ohne den Sinn altpreußischer Ehre, den der König bei jener schweren Versuchung bewahrte, hätte der Staat sich nie wieder erhoben. Was die Preußen empfanden, da sie also den heldenhaften Sinn ihrer schönen Königin kennen lernten, das wissen wir aus den Versen Heinrich von Kleists:

Denn eine Glorie in jenen Nächten
Umglänzte deine Stirn, von der die Welt
Am lichten Tag der Freude nichts geahnt.
Wir sah'n dich Anmut endlos niederregnen;
Daß du so groß als schön warst, war uns fremd.

Noch eine letzte, schmähliche Demütigung stand der mißhandelten Frau bevor. Zar Alexander gab seinen treuen Bundesgenossen preis und schloß den Tilsiter Frieden; aus Rücksicht auf den neugewonnenen russischen Freund verstand sich Napoleon dazu, die Vernichtung Preußens, die längst beschlossene Sache war, aufzuschieben und dem Könige die Hälfte der Monarchie zurückzugeben. Da ersann die frevelhafte Torheit feigherziger Ratgeber den Vorschlag: die unvergeßlich beleidigte Königin solle selber den Sieger um mildere Bedingungen bitten. Auch dies Äußerste nahm sie auf sich, in der frauenhaften Hoffnung, es könne ihr vielleicht doch gelingen, das Herz des Eroberers zu rühren und ihrem Volke einige Erleichterung zu bringen. Die Hoffnung trog. Mit rohem Spotte schrieb Napoleon an seine Josephine: »es hätte mir zu viel gekostet, den Galanten zu spielen;« und an Clarke: »Sie begreifen, daß der König von Preußen sehr unzufrieden ist, da er sein Bollwerk, Magdeburg, in meinen Händen lassen muß.«

In der entlegensten Provinz des verstümmelten und ausgesogenen Staates verbrachte nun der Hof zwei schwere Jahre. Man zeigt noch in dem alten Ordensschlosse zu Königsberg das bescheidene Eckzimmer mit dem dunklen Alkoven daneben, wo die Königin wohnte: ein kleiner Schreibtisch, ein mehr als einfaches Klavier; von der Wand blickt das Bildnis Scharnhorsts mit großen, tiefen Augen hernieder. Welche Zeiten! Ringsum auf Schritt und Tritt die Erinnerungen an Preußens Macht und Glück: von jenem Fenster da hatte Luise vor zehn Jahren den Jubel des Huldigungsfestes mit angehört; hier vor diesem Tore steht das Schlütersche Standbild des ersten Königs, von ihrem Gemahl einst »dem edlen Volke der Preußen gewidmet«; dort im Vorzimmer der Ofenschirm stammt noch aus den Hohenfriedberger Tagen, da der große König wie ein junger Gott von Sieg zu Sieg stürmte, irgendeine übermütige kleine Prinzessin hat zierlich die Inschrift darauf gestickt: pour nous point d'Alexandre, le mien l'emporte! Und daneben diese jammervolle Gegenwart! Der Staat, ausgestoßen aus dem Kreise der großen Mächte, mitten im Frieden von feindlichen Truppen überschwemmt, verspottet und geschmäht von seinen Landsleuten. Die deutsche Nation fand kein Wort des Mitleids, nur Hohn und Schadenfreude für die Besiegten. In Preußen aber lebte noch die alte Treue. Fürst und Volk traten einander näher, wie im verwaisten Hause die Überlebenden sich inniger zusammenschließen; der ärmliche Hofhalt zu Königsberg und Memel empfing von allen Seiten rührende Beweise der Teilnahme, der König lud seine getreuen Stände als Paten zur Taufe der jüngsten Prinzessin. Dies stolze und trotzige Ostpreußen, das Stiefkind Friedrichs des Großen, schloß in Not und Trübsal, ohne viele Worte, den Herzensbund mit seinem Herrschergeschlechts der im Frühjahr 1813 seine Kraft bewähren sollte.

Die schwere Natur Friedrich Wilhelms verwand nur langsam die Schläge des Unglücks; er glaubte oft, daß ihm nichts gelinge, daß er für jedes Unheil geboren sei. Da er einmal mit der Königin die Gräber der preußischen Herzöge im Chore des Doms zu Königsberg besuchte, fiel sein Blick auf die Grabschrift: »meine Zeit in Unruhe, meine Hoffnung zu Gott.« »Wie entsprechend meinem Zustande!« rief er erschüttert und wählte sich das ernste Wort zum Wahlspruch für sein eigenes Leben. Nur das Pflichtgefühl hielt ihn aufrecht unter der Bürde seines schweren Amtes. Er begann mit Scharnhorst die Herstellung des zerrütteten Heeres und berief den Freiherrn vom Stein für den Neubau der Verwaltung. Mit herzlichem Vertrauen begrüßte die Königin den Mann »großen Herzens, umfassenden Geistes: Stein kommt, und mit ihm geht mir wieder etwas Licht auf«. Sie war mit ihm und ihrem Gemahl einig in dem Gedanken, daß es gelte, alle sittlichen Kräfte des erschlafften Staates zu beleben; fast wörtlich übereinstimmend mit den allbekannten Worten, die der König seiner Berliner Hochschule in die Wiege band, schrieb sie einmal: »wir hoffen den Verlust an Macht durch Gewinn an Tugend reichlich zu ersetzen.«

Die Acht Napoleons trieb den stolzen Reichsfreiherrn aus dem Lande, gerade in dem Augenblicke, da ein neuer Krieg des Imperators gegen Österreich sich vorbereitete und die Königin auf eine Erhebung des gesamten Deutschlands hoffte. Sie besaß nach Frauenart wenig Verständnis für die mächtigen Interessen, welche trennend zwischen den beiden Großmächten des alten Reiches standen, und sah in Österreich schlechtweg den stammverwandten Genossen. Mit der Mahnung, unsere leidenden österreichischen Brüder dereinst zu rächen, hatte sie vor Jahren ihren ältesten Sohn begrüßt, da er zum ersten Male den Offiziersrock trug. Vor wie nach dem Kriege bekannte sie: »meine Hoffnung ruht auf der Verbindung alles dessen, was den deutschen Namen trägt« – während der König, die militärische Lage richtiger schätzend, nicht ohne Rußlands Beistand den neuen Kampf wagen wollte. Jetzt aber fochten die Russen auf Frankreichs Seite; die Absichten des Wiener Hofes, der die Schlacht von Jena mit kaum verhohlener Schadenfreude begrüßt hatte, blieben in verdächtigem Dunkel. Das unfähige Kabinett, das die Erbschaft Steins angetreten, fand in der schwierigen Lage keinen festen Entschluß; Österreich unterlag, und die kriegerische Begeisterung des deutschen Nordens verrauchte in einigen kecken Parteigängerzügen. Die Königin aber schrieb verzweifelnd: »Österreich singt sein Schwanenlied, und dann ade, Germania!«

Zwei Tage der Hoffnung waren ihr noch beschieden am Abend ihres kurzen Lebens. Sie kehrt zurück in ihr geliebtes Berlin, und als sie durch das Königstor einzog in dem neuen Wagen, den ihr dir verarmte Stadt verehrt, nahebei der König zu Roß und die beiden ältesten Söhne im Zuge ihres Regiments, da begrüßten die dichtgedrängten Massen den Hof wie die Truppen mit herzlichem Willkommruf; Preußens Volk und Heer, die einander so bitter gescholten und angeklagt, feierten ihre Versöhnung, um fortan einig zu bleiben für alle Zukunft. Bald nachher, wenige Tage bevor die Königin ihre letzte Reise antrat, entließ Friedrich Wilhelm das Ministerium Altenstein; er verwarf die Abtretung von Schlesien, die ihm seine kleinmütigen Räte zumuteten, und berief Hardenberg an die Spitze der Geschäfte. Mit dem neuen Staatskanzler kam frisches Leben in die Verwaltung; er führte das Werk der Reformen des Freiherrn vom Stein kühn und besonnen weiter und bereitete durch ein vielverkanntes kluges diplomatisches Spiel die große Erhebung vor, während Scharnhorst die Waffen schärfte für den Tag der Befreiung. Diesen Tag zu erleben hatte Luise nie gehofft. Ihr zarter Körper erlag dem verzehrenden Kummer. In ihrer Heimat, in den Armen des Gatten ist sie den Tod der Christin gestorben. Die letzten Zeilen ihrer Feder lauteten: »ich bin heute so glücklich, liebster Vater, als Ihre Tochter und als die Frau des Besten der Männer.« Das gesamte Volk trauerte mit dem Witwer; doch auf dem Leben des schwergeprüften Fürsten blieb ein dunkler Schatten; niemals, auch nicht in den Tagen der leuchtenden Siege, hat er das starke, schwellende Gefühl des Glückes wiedergefunden.

Ohne jede Ahnung des eigenen Wertes, wie sie immer war, hat die Königin einst selber ausgesprochen, was sie von dem Urteil der Geschichte erwartete: »die Nachwelt wird mich nicht zu den berühmten Frauen zählen; aber möge sie von mir sagen: sie duldete viel, sie harrte aus im Dulden und sie gab Kindern das Dasein, welche besserer Zeiten würdig waren, sie herbeizuführen gestrebt und endlich sie errungen haben.« Wie über alles menschliche Hoffen hinaus ist diese demütig-stolze Erwartung in Erfüllung gegangen! Die historische Wissenschaft führt ihre denkenden Jünger zurück zu dem schlichten Glauben, daß der Eltern Segen den Kindern Häuser baut; denn sie lehrt, wie die Vergangenheit fortwirkt mitten in der lärmenden Gegenwart, und das Leben des Menschen nicht abschließt mit dem letzten Atemzuge. Nur wenigen Glücklichen ist ein so reiches Leben nach dem Tode beschieden gewesen, wie dieser deutschen Königin. Die Hoffnung besserer Zeiten war in der Tat, wie Schleiermachers Trauerpredigt sagte, ihr köstlichstes Vermächtnis. Wer noch deutschen Stolz im Herzen trug, gedachte ihres Ausspruchs: »wir gehen unter mit Ehren, geachtet von Nationen, und werden ewig Freunde haben, weil wir sie verdienen.« Der alte Blücher meinte grimmig, da er die Nachricht ihres Todes empfing: »wenn die Welt in die Luft flöge, mir wär' es recht.« Als endlich die Stunde der Erhebung schlug, da stiftete der König an Luisens Geburtstage den Orden des Eisernen Kreuzes, als ob er ihren Schutz anrufen wollte für den heiligen Krieg. Wer weiß es nicht aus den Liedern Theodor Körners, wie das Verlangen, die zu Tode gequälte Königin an dem ungroßmütigen Sieger zu rächen, die tapfere Jugend des Befreiungskrieges entflammte? Wer spürte nicht in dem gottesfürchtigen, menschenfreundlichen Sinne jener Heldenscharen einen Hauch von dem Geiste der Verklärten? Da der Friede kam, zogen jahraus jahrein Tausende zu dem stillen Tempel in Charlottenburg, und wahrlich nicht bloß um das Werk des Künstlers zu bewundern, dem die Tote einst selber den Weg zu großem Schaffen ebnete, sondern um sich das Herz zu erquicken an dem Anblick eines geliebten Menschenbildes. Die beiden gewaltigen Könige unseres achtzehnten Jahrhunderts wurden geehrt und gefürchtet, wenig geliebt. Mit dem Hause der Königin Luise lebte und litt das Land; seitdem erst entstand zwischen den Hohenzollern und ihrem Volke jenes einfach menschliche Verständnis, das die Leidenschaften der Parteien nie zerstören konnten.

Wenn ich die Stimmung recht verstehe, welche an dem Gedenktage der Königin über unserer Stadt und über diesem Saale liegt, so ist uns allen zu Mute, als ob wir heute die ruhevolle Hoheit der lieblichen Gestalt mit eigenen Augen erblickt hätten. Zeiten des Glückes sind stark im Vergessen; diese Tote aber ward ihrem Volke nach jedem neuen Siege lieber und vertrauter. Die Mutter schrieb ihr klagendes: Ade Germania! Ihrem Sohne beschied ein wundervolles Geschick, den Morgen eines langersehnten neuen Tages über sein Volk heraufzuführen, mit seinem guten Schwerte die Herrlichkeit des deutschen Reiches wieder aufzurichten. An dem Grabe seiner Eltern – wir alle erlebten es ja mit tief erschüttertem Heizen – hat der Sohn sich Mut und Kraft gesucht für die Schlachten des großen Krieges, für den steilen Weg zur kaiserlichen Krone.

Fern sei es von uns, heute einen verjährten Haß gewaltsam zu beleben, der seinen Sinn verloren hat, seit Frankreich längst die Buße seiner Schuld gezahlt, oder dies und jenes Wort der Königin leichtfertig auszubeuten für die Parteizwecke der Gegenwart. Wir werden das Andenken der Mutter unseres Kaisers dann am würdigsten ehren, wenn wir auch in den Tagen der Siege die Demut des Herzens und die stolze Geringschätzung der endlichen Güter des Lebens uns erhalten, wenn wir in diesem männischen Jahrhundert, unter den Hammerschlägen hastiger Arbeit und dem Lärmen der politischen Kämpfe die alte deutsche ritterliche Ehrfurcht vor Frauensitte und Frauenanmut uns bewahren, vor jenen menschlichen Tugenden, welche dem Ruhm und der Macht der Völker allein die Gewähr der Dauer geben. –


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