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Luther und die deutsche Nation.

Vortrag, gehalten in Darmstadt am 7. November 1883.

[Preuß. Jahrb., Band 52 (Dezemberheft 1883). Auch besonders erschienen: 1. und 2. Abdruck, Berlin, G. Reimer. 1883.]

Hochansehnliche Versammlung!

Mancher unter Ihnen hat vor einigen Wochen auf der Höhe des Niederwaldes gestanden, als unser greiser Kaiser das Bild der schwertumgürteten Germania enthüllen ließ, und dort das Glück genossen, mit allen Landsleuten von nah und fern das eine Gefühl dankbarer Freude zu teilen. Jahrhundertelang ist uns Deutschen dieser Einmut froher, neidloser Erinnerung, der zum Leben gesunder Völker gehört, versagt geblieben; denn jene Siege, die uns die neue Einheit unseres Reiches schufen, waren selber seit unvordenklicher Zeit die erste gemeinsame große Tat, zu der sich die ganze Nation in schönem Wetteifer zusammenfand. Wohl ist sie ruhmvoll, die Geschichte dieses Volkes, das so oft schon dem Weltteil den ersten Mann des Jahrhunderts geschenkt, so oft in den Kämpfen Europas das erweckende oder das versöhnende Wort gesprochen hat; doch fast alle ihre großen Namen waren in das Gewirr der Gegensätze, die unser inneres Leben zerrütteten, so tief verflochten, daß sie noch heute breiten Schichten des Volkes unverständlich bleiben und ihnen nur als die Vorkämpfer eines Stammes, einer Partei, eines Glaubensbekenntnisses, nicht schlechtweg als deutsche Helden erscheinen. Wir haben im achtzehnten Jahrhundert den letzten und größten Vertreter des alten unbeschränkten Königtums unter uns walten sehen, und seit seine Saat in Halme schoß, beginnen die Einsichtigen zu fühlen, daß er für Deutschland focht, als er gegen Österreich und das heilige Reich seine Schlachten schlug; dennoch wird König Friedrich, gleich seinem Ahnen, dem großen Kurfürsten, immer zunächst der Liebling seiner Preußen bleiben und der Masse der Oberdeutschen niemals ganz vertraut werden. Wir haben ein Jahrhundert zuvor durch einen greuelvollen Krieg der europäischen Welt die kirchliche Duldung gesichert, aber der Sieg ward um einen furchtbaren Preis, durch die Verwüstung unserer alten Kultur, erkauft, und der Held, der sich von jener finsteren Zeit als die beinahe einzige lichte Gestalt abhebt, Gustav Adolf, war ein Fremder; selbst seine Bewunderer können nicht leugnen, daß seine Siegeslaufbahn zu unserem Heile frühzeitig endete, eben in dem Augenblicke, da seine Macht unserem Vaterlande verderblich zu werden begann.

So ist denn auch die Gedächtnisfeier, zu der sich in dieser Woche unser protestantisches Volk überall gehobenen Herzens versammelt, leider nicht ein Fest aller Deutschen. Millionen unserer Landsleute stehen teilnahmslos oder grollend abseits; sie wollen, sie können nicht begreifen, daß der Reformator unserer Kirche der gesamten deutschen Nation die Bahnen einer freieren Gesittung gebrochen hat, daß wir in Staat und Gesellschaft, in Haus und Wissenschaft, überall noch den Atem seines Geistes spüren. Wer über ihn redet, der muß bekennen, wie er sich selber zu den großen sittlichen Aufgaben der Gegenwart stellt. Leidenschaftlich, als stünde der Reformator noch mitten unter uns, erklingen die Anklagen derer, die seine Größe nicht zu fassen vermögen.

Schon bei seinen Lebzeiten ist Martin Luther dem tragischen Geschick der Verkennung, das keinem großen Manne und am wenigsten dem Kämpfer erspart bleibt, nicht entgangen. In den hoffnungsreichen ersten Jahren seines öffentlichen Wirkens begrüßte ihn die Nation mit einer stürmischen Freude, wie sie der deutsche Boden erst in unseren Tagen wieder erlebt hat. Damals, als er zuerst der Katze die Schelle anband und dann kühn und kühner, fortgerissen von der zwingenden Macht des freien Gedankens und des wachen Gewissens, aus einem treuen Sohne der alten Kirche zum erklärten Ketzer ward, als er die Bannbulle des Papstes in das Feuer warf und in dem flammenden Aufruf »an den christlichen Adel deutscher Nation« seine Deutschen aufforderte zur Reform der Kirche und des Reiches, an Haupt und Gliedern: da stand er vor Kaiser und Reich als der Führer der Nation, heldenhaft wie ihr Volksheiliger, der streitbare Michael; da jubelte das Volkslied: »Zu Worms er sich erzeiget, er stand wohl auf dem Plan, seine Feind' hat er geschweiget, keiner durft' ihn wenden an«; da schien es wirklich, als sollten alle die elementarischen Kräfte, die in der tief erregten Nation arbeiteten, der Glaubensernst der frommen Gemüter, der Forschermut der jungen Wissenschaft, der Nationalhaß des ritterlichen Adels wider die welschen Prälaten, der Groll der mißhandelten Bauern, sich zu einem mächtigen Strome vereinigen und gewaltig aufwallend alles römische Wesen aus unserem Staate, unserer Kirche hinwegschwemmen. Aber noch war unsere deutsche Königskrone fest verkettet mit der weltumspannenden Politik des römischen Kaisertums. Einen Zufall dürfen wir es nicht nennen, daß in jenem verhängnisvollen Augenblick ein Fremdling unsere Krone trug, der unseres Herzens Schlag nicht hören konnte und, während die Deutschen dem lauten Freimut ihres Landsmannes zujauchzten, verächtlich lächelnd sprach: der soll mich nicht zum Ketzer machen.

Sobald der Kaiser dem Rufe der Nation sich versagte, stand nicht bloß die politische Macht des spanischen Weltreichs wider den Reformator, sondern auch eine gewaltige sittliche Macht, die feste Kaisertreue unseres Volkes. Und nun trat auch die alte Todsünde unserer Geschichte, der Haß der Stände, wieder hervor. Die Ritterschaft vergeudete ihren ungestümen Tatendrang in einer ziellosen, unglücklichen Fehde. Die Bauern nahmen die Lehre der evangelischen Freiheit fleischlich auf und erhoben sich zu einem wütenden sozialen Kampfe. Luther aber meinte seine heilige Sache geschändet und ließ die Gecken, die das Evangelium mit Hammern und mit Zangen in den Kisten suchten, die ganze Wucht seines Zornes empfinden. Als der gräßliche Aufruhr durch die unbarmherzigen Herren gräßlicher bestraft war, da sah sich der Mann, den sein Volk soeben auf den Schild gehoben, mit den Verwünschungen der kleinen Leute beladen. Mittlerweile hatte sich auch der erste Gelehrte des Jahrhunderts, Erasmus, von den Wittenbergern abgewendet; auch Luthers Lehrer, Staupitz, der sinnige Mystiker, auch die geistreichen Humanisten Crotus Rubianus und Eobanus Hessus traten erschrocken zurück. Mit ihrem Abfall war entschieden, daß die neue Lehre selbst unter den Höchstgebildeten der Nation vorerst noch nicht überall Anklang finden konnte, und da sie mit der Selbständigkeit des Denkens auch den trotzigen Eigensinn des deutschen Charakters entfesselte, so verfielen ihre Anhänger bald einer gefährlichen Zersplitterung: zuchtlose Schwarmgeisterei und dogmatischer Streit schwächten ihre Einheit.

Also von allen Seiten bedrängt und verlassen suchte Luther seine Zuflucht bei dem deutschen Fürstenstande. Noch immer reich an Erfolgen waren seine letzten Jahre noch reicher an schmerzlichen Enttäuschungen. Er hatte einst gehofft, in der gesamten Christenheit oder mindestens in seiner deutschen Nation das kirchliche Leben zu verjüngen. Nun mußte es ihm genügen, daß nach und nach in den größeren weltlichen Fürstentümern Deutschlands kleine evangelische Landeskirchen entstanden; und wer in der Geschichte nur die Erscheinungen des Tages obenhin betrachtet, mag es leicht eine glückliche Fügung nennen, daß der durch übermenschliche Arbeit früh Gealterte aus diesem Leben hinweggerufen wurde, unmittelbar bevor die deutschen Protestanten im Schmalkaldischen Kriege durch Hader und planlose Schwäche den Waffen der Fremdherrschaft schimpflich erlagen. Ja während sonst das Bild der geschiedenen Helden sich im Gedächtnis der Völker zu verklären pflegt, erschien Luther den Nachlebenden kleiner, als er gewesen. In jenen müden Jahrzehnten der politischen Tatenscheu und des theologischen Gezänks, welche den lichten Tagen der deutschen Reformation folgten, formte sich ein kleines Geschlecht die Gestalt des Reformators nach seinem eigenen Bilde, als wäre er auch nur ein bibelfester Prediger und ehrsamer Hausvater gewesen, als hätte er wirklich nur eine Sonderkirche, die sich nach dem Namen eines sündhaften Menschen nannte, stiften wollen. Erst die historische Wissenschaft unseres Jahrhunderts hat sich wieder das Herz gefaßt, den ganzen Luther zu verstehen, den zentralen Menschen, in dessen Seele fast alle die neuen Gedanken eines reichen Jahrhunderts mächtig widertönten; sie steht ihm fern genug, um auch die mittelbaren Folgen seines zerstörenden und aufbauenden Wirkens zu würdigen, um alle die Keime einer neuen Kultur, die er ahnungslos, nach der Weise des Genius, in den deutschen Boden senkte, wahrzunehmen und dankbar zu erkennen, wie treu er sein Wort erfüllt hat: »für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen«. –

Im deutschen Gemüte lag von jeher dicht neben der hellen Weltlust ein beschaulicher Ernst, der die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge schmerzlich empfand, neben der wagenden Tapferkeit eine tiefe Sehnsucht nach Erlösung von dem Fluche der Sünde. Die Germanen allein unter allen Völkern Westeuropas haben schon in den Tagen ihres Heidentums etwas geahnt von dem dereinstigen Untergänge dieses frevelnden Geschlechts, von einer neuen Welt der Reinheit und der Klarheit, die da kommen solle. In einem solchen Volke mußte die frohe Botschaft aus Jerusalem bereite Herzen finden, und wie andächtig, wie innig die Deutschen den neuen Glauben aufnahmen, das erzählen die Wunderbauten unserer alten Dome. Gleichwohl hatte die christliche Lehre, als sie bei uns eindrang, bereits in Rom eine Gestalt angenommen, welche dem deutschen Volke niemals ganz vertraut werden konnte. Diesseits und Jenseits, alle Zeiten und alle Völker erschienen eingeschlossen in der einen großen Gemeinschaft der Heiligen, welche die streitende Kirche hienieden mit der leidenden Kirche der armen Seelen im Fegefeuer und der triumphierenden Kirche der Seligen droben im Himmel verband. Aus dem Gnadenschatze der guten Werke der Heiligen spendete die Kirche ihren Gläubigen die Vergebung der Sünden durch den Mund eines herrschenden Priesterstandes, der durch die geistige Zeugung der Weihe befähigt war, Brot und Wein in den Leib und das Blut des Erlösers zu verwandeln. Außer ihr war kein Heil; von der Wiege bis zur Bahre, von der Taufe bis zur letzten Ölung umfing und heiligte sie das Leben jedes Christen. Es war ein wunderbarer großer Gedankenbau; lange Jahrhunderte hindurch hatten die Weisheit und die Andacht so vieler heiliger Männer und eine seltene Kunst der Menschenbeherrschung daran gebaut; festgefügt stand Stein auf Stein, die unerbittliche Folgerichtigkeit dieser Lehre ließ dem Christen nur die Wahl zwischen der Unterwerfung und der Ketzerei. Doch die scharfe Logik der Romanen hat dem deutschen Geiste niemals ganz genügt; nicht so von außen her, nicht allein durch die Gnadenmittel der Kirche und durch vorgeschriebene gute Werke konnte das rege Gewissen unseres Volkes seinen Frieden finden. Schon im vierzehnten Jahrhundert erdröhnte das deutsche Land von den Kyrieleis-Rufen der Geißler, und immer lauter, immer verzweifelter, fast so herzzerreißend wie in den Anfängen der christlichen Geschichte, erklang seitdem der Aufschrei der sündigen Kreatur nach Versöhnung mit ihrem Schöpfer.

Zugleich ward auch der kampfmutige Weltsinn der Deutschen an den Lehren der alten Kirche irr. So viele Kränze des Ruhmes, so viele edle Freuden bot diese schöne Erde dem tatkräftigen Manne; und das alles sollte nichts gelten neben der höheren Heiligkeit der begebenen Menschen, der Priester und der Mönche, die auf alles verzichteten, was Menschen menschlich aneinander bindet, die mit dem holden Glück auch die heiligen Pflichten des ehelichen Lebens verschmähten! Kummervoll sann der größte Dichter unseres Mittelalters, Walther von der Vogelweide, diesem dunklen Rätsel nach und klagte:

Ach leider kann es nimmer sein,
Daß Gottes Gnade kehre
Mit Reichtum und mit Ehre
Je wieder in dasselbe Herz.

Und dieser Priesterstand, der sich so unnahbar hoch über die gehorchende Gemeinde erhob, der alle weltliche Arbeit so tief verachtete, war selber längst einer schamlosen Weltlust verfallen, die ihn den Weltlichen als ein Heuchlergezücht erscheinen ließ. Er besaß das reichste Drittel Deutschlands, gab auf den Reichstagen durch seine Überzahl den Ausschlag, und seine politische Macht ward von den Deutschen als Fremdherrschaft empfunden; denn in der Kirche regierte der Papst mit seinen italienischen Prälaten, und alle die Fülle von Geist, Witz und Bildung, die sich in dem Lügenstübchen des Vatikans gesellig zusammenfand, alle die Meisterwerke des Meißels und des Pinsels, die in der Sonne päpstlicher Gnade reiften, konnten unser Volk doch nicht darüber trösten, daß die Herrscherin der Christenheit die ruchloseste Stadt der Erde war. Vergeblich hatten die Deutschen, allen anderen Nationen voran, auf den Konzilien des fünfzehnten Jahrhunderts die Schäden der Kirche zu bessern versucht. Als Luther auftrat, war die Nation in unheimlicher Gärung, von widersprechenden Gefühlen stürmisch bewegt: hier die Gewissensangst der Frommen, die über ihre Sünden und guten Werke peinlich Buch führten und mit heiligem Schauer die volkstümlichen Bilder des Totentanzes betrachteten; dort der kecke Übermut eines sinnenkräftigen, lebenslustigen Geschlechts, das der derben Schwänke nicht satt ward und sich dreist spottend an dem Zerrbild der verkehrten Welt erfreute; dazu allen Deutschen gemein der Haß gegen das welsche Wesen.

Die Tat der Befreiung ging aus den Kämpfen des ehrlichen deutschen Gewissens hervor; aus seiner Demut schöpfte Luther die Kraft der höchsten Verwegenheit. Getrieben von einer leidenschaftlichen Angst um seine und seiner Brüder Seligkeit hatte er einst Vater und Mutter verlassen und in seiner Klosterzelle durch alle Qualen mönchischer Buße den Himmel stürmen wollen, doch immer wieder klang es in seiner Seele: »o meine Sünde, Sünde, Sünde!« – bis dann endlich das Wort des Apostels von der Rechtfertigung durch den Glauben zündend in sein Herz schlug. Und nun kam sie über ihn, die Wandelung des inneren Menschen, die μετάνοια des Paulus; in demütiger Erkenntnis der Unzulänglichkeit alles menschlichen Verdienstes ergab er sich gläubig der Gnade des lebendigen Gottes und er wagte, dieses seines Glaubens zu leben. Der ganze Gegensatz romanischer und germanischer Empfindung tritt uns vor die Augen, wenn wir diese Seelenkämpfe Luthers vergleichen mit den inneren Anfechtungen, welche späterhin der Rittersmann der wiederhergestellten alten Kirche, Ignatius von Loyola, zu überwinden hatte. Der Spanier entledigt sich seiner Pein durch den Entschluß, diese Wunden seiner Seele nie mehr zu berühren; der Deutsche beruhigt sich erst, sobald sein Gemüt überzeugt ist und alle Zweifel vor der Gewißheit einer innerlich erlebten Wahrheit schwinden.

Ohne jede Ahnung von der unermeßlichen Wirkung seiner Tat beginnt er nun den Kampf gegen den häßlichsten Mißbrauch der verweltlichten Kirche, und dann führt ihn Gott weiter wie einen Gaul, dem die Augen geblendet sind. Aus jenem entscheidenden Gedanken ergibt sich ihm die Erkenntnis, daß Gott keinen erzwungenen Dienst will und über die Gewissen niemand richten kann denn Gott allein. Kaum drei Jahre nach dem Beginne des Ablaßstreites sagt er sich schon los von der gebundenen Sittlichkeit des Mittelalters durch jenen mächtigen Hymnus der evangelischen Freiheit, das Buch von der Freiheit des Christenmenschen: der Christ ist niemand Untertan in seinem Glauben und eben darum jedermanns Knecht, dem geringsten seiner Brüder zum Dienst der Liebe verpflichtet, gute Werke machen nimmermehr einen guten Mann, sondern ein guter Mann machet gute Werke. Eine zugleich freiere und strengere Auffassung des sittlichen Lebens, die wieder anknüpft an die Kämpfe Jesu wider die starre Gesetzlichkeit der Pharisäer und den Schwerpunkt der sittlichen Welt im Gewissen des Menschen findet. An diese Erkenntnis wieder schließt sich die Forderung des Priestertums der Laien und der Gedanke der freien Gemeindekirche, die sich bescheidet, die äußeren Formen der Kirchengemeinschaft wie alles Menschliche in den Fluß der Zeiten zu stellen, und dem mißdeuteten Worte »auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen« das lebendig verstandene Wort entgegenhält: »wo zwei oder drei von euch versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen«.

Gewiß war Luthers Tat eine Revolution, und da der religiöse Glaube im innersten Kerne des Volksgemüts wurzelt, so griff sie in alles Bestehende tiefer ein, als irgendeine politische Umwälzung der neuen Geschichte. Es ist wahrlich kein Zeichen evangelischen Mutes, wenn manche wohlmeinende Protestanten dies zu leugnen oder zu verhüllen suchen. Nur ein Mann, in dessen Adern die ungebändigte Naturgewalt deutschen Trotzes kocht, konnte so Vermessenes wagen. Die ganze alte Ordnung der sittlichen Welt, die einem Jahrtausend heilig gewesen, die lange Kette der ehrwürdigen Traditionen, welche das Leben der Christenheit gebunden hielten, brach mit einem Schlage zusammen, und lebhaft können wir heute dem Gegner des Reformators, dem Elsasser Murner nachempfinden, wenn er beim Anblick der ungeheuren Zerstörung jammernd ausrief:

Alle Bücher sein erlogen,
Die je beschrieben sind,
Die Heiligen han betrogen,
Die Lehrer sein all blind!

Die Größe der historischen Helden besteht in der Verbindung von Seelenkräften, die nach der Meinung des platten Verstandes einander ausschließen. So gewaltig die Kühnheit des schlichten Mannes, der sich selber nur eine Gans unter den Schwänen nannte und dennoch sich vermaß, gegen die stärksten politischen und sittlichen Mächte der Zeit in die Schranken zu treten, ebenso erstaunlich erscheint von Haus aus seine Mäßigung. Nie war er kühner, als da er den Bilderstürmern von Wittenberg die Mahnung der Liebe zurief: macht mir nicht aus dem Frei sein ein Muß sein! Mit kindlichem Vertrauen baute er auf die Macht des göttlichen Wortes allein. Und sein Glaube trog ihn nicht; denn nachdem erst die wilden Zuckungen des Bauernkrieges und der Wiedertäufern überwunden waren, vollzog sich der Sieg der Reformation in Deutschland fast überall friedlich, frei aus dem Volke heraus. Bei allem Häßlichen, das sich mit ansetzte, trug die große Bewegung doch jenen Charakter schlichter Treuherzigkeit und Kraft, der alle große Epochen der deutschen Geschichte auszeichnet; sie schenkte unserem Volke die Form des Christentums, welche dem Wahrheitsdrange und der unzähmbaren Selbständigkeit der deutschen Natur zusagt, gleichwie die römische Kirche der Logik und dem Schönheitssinne der Romanen, die orthodoxe Kirche der halborientalischen Gebundenheit der gräko-slawischen Welt entspricht. Und weit hinaus über den Kreis seiner Glaubensgenossen wirkte Luthers Wort; er war im Rechte, wenn er den deutschen Bischöfen zurief: »Ihr habt mein Evangelium verdammen lassen, habt es aber heimlich und in vielen Stücken angenommen.« Mit gutem Grunde nennen wir ihn heute einen Wohltäter auch der alten Kirche. Denn auch sie ward durch ihn gezwungen, ihre sittlichen Kräfte zusammenzuraffen, auch sie blieb nicht unberührt von der innigen, seelenvollen Auffassung des Glaubens, welche Luther der Christenheit wiedergab. Eine so sinnliche Ablaßlehre, wie sie Tetzel einst predigte, wäre auf deutschem Boden jetzt unmöglich; und sicherlich steht heutzutage der denkende deutsche Katholik dem deutschen Protestanten in seiner ganzen Weltanschauung näher als seinem spanischen Glaubensgenossen.

In allen den mächtigen Wandlungen unseres geistigen Lebens seitdem ist der Grundgedanke der Reformation, die freie Hingebung der Seele an Gott, unwandelbar das sittliche Ideal der Deutschen geblieben. Er kehrt, ins Weltliche gewendet, wieder in dem strengen Ausspruch Kants, daß überall auf der Welt nichts für gut gehalten werden dürfe, als allein ein guter Wille; er tönt uns entgegen aus dem milden Gesange der Engel, die Fausts Unsterbliches gen Himmel tragen: »wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen«. Wir danken der Reformation das lebendige Nebeneinander der Glaubensbekenntnisse, worauf die heutige deutsche Gesittung beruht, jene freie Duldsamkeit, die weder der Furcht noch dem Kaltsinn entspringt, sondern der Erkenntnis, daß das Licht der göttlichen Offenbarung, wie heute die Welt noch steht, nur gebrochen in vielen Strahlen dem Auge der Menschheit erkennbar ist; denn so gewiß kein Sohn des sechzehnten Jahrhunderts, auch Luther nicht, verstanden hätte, was wir heute Toleranz nennen, ebenso gewiß ist diese Duldung nur möglich geworden auf dem Boden des Protestantismus, der den hochmütigen Wahn einer alleinseligmachenden Kirche grundsätzlich verwirft. Wir danken ihr, daß der Deutsche zugleich fromm und frei empfinden kann, daß keiner unserer großen Denker, wie kühn sich auch die Flüge ihres Geistes erhoben, jemals in den lästernden Spott eines Voltaire verfiel, und die Todsünde der Heuchelei unter uns eine seltene Ausnahme ist.

Denn das ist die Größe des Protestantismus, daß er einen Widerspruch zwischen dem Denken und dem Wollen, zwischen dem religiösen und dem sittlichen Leben nicht dulden will, sondern gebieterisch fordert: was du erkannt hast, das bekenne und darnach handle! Zu Luthers Zeiten standen die Italiener unserem Volke in Kunst und Wissenschaft weit voran. Bereits im vierzehnten Jahrhundert war unter ihnen Petrarca aufgetreten, der erste moderne Mensch, der ganz auf eigenen Füßen stand und die Binde sich von den Augen gestreift hatte; und nun gerade in den Tagen des deutschen Ablaßstreites schrieb Machiavelli jene zwei Bücher vom Staate, die mit den überlieferten Vorstellungen des Mittelalters weit rücksichtsloser brachen als Luther. Jedoch den Romanen fehlte die Kraft, ihre eigenen Gedanken in vollem Ernst zu nehmen, sie brachten es über sich, ihr Gewissen zu teilen und einer Kirche, die sie verspotteten, zu gehorchen. Die Deutschen wagten das Leben nach der erkannten Wahrheit zu gestalten, und weil die historische Welt die Welt des Willens ist, weil nicht der Gedanke, sondern die Tat das Schicksal der Völker bestimmt, darum beginnt die Geschichte der modernen Menschheit nicht mit Petrarca, nicht mit den Künstlern des Quattrocento, sondern mit Martin Luther. Merkwürdig früh hat die europäische Welt dies erkannt. Nur hundertundvierzig Jahre nach Luthers Tode stellte der deutsche Historiker Cellarius die Behauptung auf, gegen den Ausgang des fünfzehnten Jahrhunderts sei eine alte, für uns abgeschlossene Zeit zum Ende gelangt, das Mittelalter. Bei allen Völkern hat sich seitdem Begriff und Name des Mittelalters eingebürgert, und dabei wird es bleiben, obwohl die Selbstverliebtheit unserer Tage zuweilen, ganz vergeblich, versucht, die Geschichte der neuen Zeit erst mit der französischen Revolution zu beginnen. –

Gleich allen echten Germanen hegte Luther ein tiefes Gefühl historischer Pietät, und er liebte, die große Neuerung, die er in der Kirche vollzog, sich nur als die Wiederherstellung der ursprünglichen Zustände des Christentums zu denken. Dagegen wußte er wohl, daß er das politische Leben der Völker mit einem schlechthin neuen Gedanken befruchtet hatte. »So stund's aber dazumal,« – sagt er über die Zeiten seiner Jugend – »es hatte niemand gelehret noch gehöret, wußte auch niemand von der weltlichen Obrigkeit, woher sie käme, was ihr Amt oder Werk wäre oder wie sie Gott dienen solle.« In der Tat war der Staat noch niemals zu seinem vollen Rechte gelangt, seit die schwere, der heidnischen Welt unbekannte Frage nach den Grenzen geistlicher und weltlicher Gewalt zuerst in der Christenheit aufgeworfen wurde. In ihren ersten Jahrhunderten hielt sich die Kirche scheu von dem Staate zurück, weil er heidnisch war, und als sie dann im Römerreiche die Oberhand gewann, entstand nach und nach, eng verbunden mit der Verfassung und dem Dogma der Kirche, das politische System der kirchlichen Weltherrschaft. Das ganze Leben der Christenheit erscheint als eine fest geordnete Einheit; Staat und Volkswirtschaft, Wissenschaft und Kunst, alle Berufe der Menschen empfangen ihre sittlichen Gesetze aus den Händen der Kirche; die Kirche ist der Staat Gottes, der weltliche Staat das Reich des Fleisches, ohne eigenen sittlichen Zweck und nur dann vor Gott gerechtfertigt, wenn er dem Schiedsrichter der Staatenwelt, dem Papste, seinen starken Arm zum Dienste leiht. Kein kräftiger Staat des Mittelalters hatte diese herrischen Ansprüche des Papsttums jemals vollständig anerkannt. Seit Dante, seit Marsilius von Padua und den tapferen ghibellinischen Schriftstellern, die sich um Kaiser Ludwig den Bayern scharten, war das Ansehen der kirchlichen Weltstaatslehre auch in der Wissenschaft bereits tief erschüttert. Sie ganz zu überwinden, konnte doch nur dann gelingen, wenn der Stier bei den Hörnern gepackt und die Herrschaft des Priesterstandes in der Kirche selbst verworfen wurde.

Erst Luther warf den Satz »geistliche Gewalt ist über der weltlichen«, diese starke Mauer der Romanisten, in Trümmer und lehrte, daß der Staat selber eine Ordnung Gottes ist, berechtigt und verpflichtet, seinen eigenen sittlichen Lebenszwecken, unabhängig von der Kirche, nachzugehen. Damit ward der Staat für mündig erklärt, und da er wirklich schon zu seinen Jahren gekommen war, da die weltliche Gewalt überall an dem erstarkten Selbstgefühl der Nationen eine sichere Stütze fand, so wirkte diese Tat der politischen Befreiung fast noch gewaltiger, noch weiter in die Welt hinaus, als die Reformation der Kirche. Alle Kronen, ohne Ausnahme, katholische wie evangelische, sagten sich los von der politischen Herrschaft des gekrönten Priesters. Von einer Obedienzleistung, wie sie der Papst vordem den weltlichen Gewalten zugemutet, war fortan keine Rede mehr, und noch ehe Luthers Jahrhundert zu Ende ging, begründete Bodinus den Gedanken der Souveränität des Staates zuerst mit wissenschaftlicher Schärfe – eine neue Erkenntnis, die, einmal gefunden, das gemeinsame Besitztum der gesitteten Menschheit geblieben ist. Mochte die Gesellschaft Jesu noch von der Weltherrschaft des Gottesstaates träumen, unaufhaltsam verwuchsen die Staaten Europas zu einer neuen freien Völkergesellschaft und bildeten sich ein weltliches Völkerrecht, das, gerechter als weiland die Urteilssprüche der Päpste, in der Interessengemeinschaft und dem Rechtsbewußtsein der Nationen seine Wurzeln hat. Schritt für Schritt drängte der moderne Staat die Kirche auf ihr geistliches Gebiet zurück; er nahm ihr die Rechtspflege, die Schulverwaltung, das Armenwesen und bewies durch die Tat, daß er diesen politischen Pflichten besser als sie zu genügen vermag. Nichts zeugt so laut für die Gesundheit der politischen Gedanken der Reformation, wie die unleugbare Tatsache, daß die politische Entwicklung in den protestantischen Staaten fast durchweg friedlicher, minder gewaltsam verlaufen ist, als in der katholischen Welt.

Keinem Volke brachte die Befreiung des Staates von kirchlicher Herrschaft so reichen, so lang nachwirkenden Segen wie uns Deutschen, denn nirgends war die alte Kirche fester mit dem Staate verflochten, als in diesem römischen Reiche und allen den geistlichen Fürstentümern, welche seine Krone stützten. Unleugbar hat die Reformation den längst schon beginnenden Zerfall des alten Reichs gefördert, die längst schon vorhandenen politischen Gegensätze noch durch kirchlichen Haß verschärft. Doch wer Wunden zu heilen vermag, darf sie auch schlagen. Nur aus dem Borne des Protestantismus konnte dies sieche Reich den verjüngenden Trank schöpfen. Nur wenn unser Staat wieder wahr wurde wie seine Kirche, wenn er die zur Lüge gewordenen Ansprüche seines heiligen römischen Kaisertums aufgab und seine Krummstabslande einer weltlichen Obrigkeit unterwarf, nur dann vermochte er wieder zu wachsen mit der wachsenden Zeit.

Luther selbst hat diese letzten Schlüsse aus seinen Gedanken nie gezogen. Ihm graute vor den Schrecken eines Bürgerkrieges: »ehe man in Deutschland eine neue Weise des Reichs anrichtete, so wäre es dreimal verheeret«. Er wußte, daß er kein Staatsmann war, und teilte mit seinem Volke die ehrfürchtige Scheu vor der kaiserlichen Majestät, vor dem jung edlen Blut von Österreich; wie viele Zweifel mußte er überwinden, bis er sich nur entschloß, den Widerstand gegen kaiserliche Übergriffe, der doch im alten Reiche Rechtens war, gutzuheißen. Die Natur der Dinge, die Vernunft der Geschichte, hat schließlich dennoch vollendet, was in dem Heimatlande der Reformation nicht ausbleiben konnte: unrettbar brachen die geistlichen Staaten Deutschlands nach und nach zusammen, bis endlich im Anfang unseres Jahrhunderts die letzten verfaulten Trümmer der römischen Theokratie verweltlicht und mit ihnen auch die römische Kaiserkrone vernichtet wurde. Nun erst, seit unser Staat sich ehrlich zu seinem weltlichen Wesen bekannte, ward die Stätte geebnet für einen Neubau; und auch an dieser letzten heilvollen Wendung unserer Geschicke hat der Reformator seinen Anteil durch eine Tat, deren ferne Folgen ihm verhüllt blieben. Auf Luthers Rat entschloß sich der Hochmeister des Deutschen Ordens, Albrecht von Brandenburg, den weißen Mantel mit dem schwarzen Kreuze abzulegen, die falsche Keuschheit des Mönches zu meiden und »eine rechte ordentliche Herrschaft zu gründen, die ohne Gleißen und falschen Namen vor Gott und der Welt angenehm wäre«. So ward das Ordensland Preußen, die Pflanzung des gesamten Deutschlands, in ein weltliches Herzogtum verwandelt und vor der Begehrlichkeit des polnischen Nachbarn gerettet. Luther aber schrieb dankbar: »Siehe dies Wunder! In vollem Laufe, mit vollen Segeln, eilt jetzt das Evangelium durch Preußen!« Er ahnte nicht, welche größeren Wunder unser Volk noch an seiner entlegenen Ostmark erleben sollte. Aus diesem, der alten Kirche geraubten Lande, das mit dem Protestantismus stand und fiel, ist in unvergeßlichen Kämpfen die streitbare Großmacht unserer neuen Geschichte hervorgegangen und endlich, als die Zeiten sich erfüllten, der neue Staat der Deutschen, der nicht heilig sein will und nicht römisch, sondern, nach den Worten des Reformators, ohne Gleißen und falschen Namen ein weltliches, ein deutsches Reich. –

Wie die Einheit des deutschen Staates erst möglich ward, seit die letzten Staatsgebilde der römischen Kirche von unserem Boden verschwanden, so verdanken wir auch den Kämpfen der Reformation das köstliche geistige Band, das uns in den Tagen deutscher Zerrissenheit lange fast allein zusammenhielt, unsere neue Sprache. Was selbst dem Zauber unserer ritterlichen Dichtung nicht gelungen war, den deutschen Norden unter die Herrschaft der hochdeutschen Sprache zu beugen, das gelang erst, als die schöne Lieblingsstätte des Minnesanges, die Wartburg, zum zweiten Male unserem Volke teuer ward und von dort die ersten Bücher der deutschen Bibel ausgingen – die heilige Schrift, übertragen mit strenger Treue durch einen wahlverwandten religiösen Genius und doch so ganz verdeutscht, so ganz beseelt von dem Hauche deutschen Gemütes, daß wir uns heute das Bibelwort in anderer Fassung kaum noch denken können. Gleich den Italienern empfingen wir unsere Schriftsprache mit einem Male durch die Tat eines Mannes. Es liegt aber im Wesen des Genius, das Notwendige, das einfach Natürliche zu wollen. Wie Dante nicht willkürlich neuerte, sondern nur die Volkssprache seiner toskanischen Heimat adelte und durchgeistigte, so hegte auch Luther nur schlicht und recht die Absicht, von seinem ganzen Volke verstanden zu werden, damit Gott deutsch zu den Deutschen rede. Er benutzte daher das gemeinverständliche Mitteldeutsch, das schon überall, wo Ober- und Niederdeutsche unter einem Herrscher zusammensaßen, in dem Staate des deutschen Ordens, in den Kanzleien der lützelburgischen Kaiser und der sächsischen Kurfürsten von der Obrigkeit geredet wurde.

Also wirkten gebend und empfangend alle Stämme der Nation zu den Taten der Reformation zusammen. Im Norden fand der Protestantismus seinen festen politischen Rückhalt; die mächtige Sprache aber, welche fortan das evangelische Deutschland geistig beherrschte, kam aus dem Oberlande, aus jenen Gauen Süd- und Mitteldeutschlands, die zu allen Zeiten das warme Nest unserer Dichtung und also auch der Sprachbildung geblieben sind. Und dies Hochdeutsch war die Sprache von Luthers Heimat; seine Laute klangen ihm vertraut von Kindesbeinen an; so hatte er schon das Volk in den Mansfelder Bergwerken, seines lieben Vaters Schlegelgesellen, reden hören. Sprachgewaltig, wie seitdem nur einer noch, Goethe, ward er der volkstümlichste aller unserer Schriftsteller. In seinen Schriften vereinigt sich, was sonst unvereinbar scheint, der Tiefsinn, die gedrängte Gedankenfülle des Buchs und die fortreißende Macht, der sprudelnde Wörterreichtum der Rede, so daß der Leser immer die herzbewegende Stimme des Predigers zu hören meint; dem Einfältigen geben sie genug, und der Denkende findet des Nachsinnens kein Ende. In Kämpfen geboren, kann diese Sprache des Freimuts und der Wahrhaftigkeit bis zum heutigen Tage die Zeichen ihres Ursprungs nicht verleugnen. Gewaltig vermag sie zu zürnen, übermütig zu spielen in toller Laune, zu den Höhen des Gedankens steigt sie kühn empor, für jedes holde Geheimnis des Herzens findet sie ein liebliches Wort; doch wer sie zwingen will, ihre Meinung zu bemänteln oder tückisch unterm Zaum hervor zu beißen oder gar den überbildeten Geschmack durch das Pikante und Charmante zu reizen, dem schenkt sie wenig, den laßt sie betteln gehen an den Tischen der Fremden. Mehr denn hundert Jahre hat es noch gewährt, bis dies neue Deutsch, das in der Predigt und dem Gemeindegesange der evangelischen Kirche kräftig erklang, zum Gemeingut unseres Volkes wurde, bis auch die Wissenschaft volkstümlich und weltlich ward und das Wort sich ganz erfüllte, das Ulrich von Hutten schon in den ersten Tagen überschwenglicher Hoffnung zuversichtlich in die Welt hinausgerufen hatte: »sonst waren nur die Pfaffen gelehrt, jetzt hat uns Gott auch Kunst beschert, daß wir die Bücher auch verstahn«. Um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts kam über den lutherischen Zweig des deutschen Protestantismus eine lange Zeit unheilvoller Erstarrung, da fast allein die weihevollen Klänge des evangelischen Kirchenliedes noch Kunde gaben von dem ursprünglichen Geiste der Reformation und in der neuen wie in der alten Kirche herrschsüchtige Theologen der weltlichen Wissenschaft Richtung und Grenze vorschrieben. Nur der Heldenmut seiner tatkräftigeren Schwesterkirche, nur der Kampf der Calvinisten Niederlands wider die spanische Krone, bewahrte damals das verkommene Luthertum vor dem sicheren Untergange. Erst der Jammer des Dreißigjährigen Krieges brachte auch uns die Selbstbesinnung. Die Pietisten von Halle erweckten unserem Volke wieder den lebendigen evangelischen Geist, den Geist der brüderlichen Liebe, der das Evangelium leben wollte und über dem öden Buchstabengezänk der letzten Jahrzehnte ganz vergessen schien; Pufendorf vertrieb die Theologen aus den politischen Wissenschaften, Thomasius wagte zuerst auf deutschem Lehrstuhl deutsch zu reden; und auf dem also bereiteten Boden erhob sich sodann unsere neue Wissenschaft und Dichtung, ganz frei von konfessioneller Härte, weltlich von Grund aus, weit kühner in ihren Gedanken, als Luther selbst jeweils gebilligt hätte, und dennoch protestantisch. Alle ihre Führer gehörten dem Protestantismus an. Nur aus der Autonomie des Gewissens, die uns Luther errungen, konnte das neue Ideal der Humanität hervorgehen. Mit Entsetzen vernahmen die bayrischen Jesuiten das »lutherische Deutsch« dieser neuen Bildung; doch unhemmbar hielt sie ihren friedlichen Siegeszug auch durch das katholische Deutschland, bis sie schließlich alles, was deutsch war, in den frischen Strom ihrer Gedanken hineingezogen hatte; und heute sehen wir mit Freude, wie selbst die Vorkämpfer Roms unter unseren Landsleuten langst lutherisch deutsch gelernt haben, wie sie wider uns streiten mit Waffen, die in unserer Schmiede gehämmert sind.

Seit die Kirche sich auf ihren geistlichen Beruf beschränkt sah, erhielt alles redliche weltliche Schaffen erst seine sittliche Rechtfertigung. Das Rätsel war gelöst, das jenem Dichter des Mittelalters so ganz unlösbar schien: wie Reichtum und Ehre sich mit der Gnade Gottes vertragen sollten. Die Ewigkeit trat dem Gläubigen mitten in sein Leben hinein, und er fühlte, daß er auch mit seiner Hände Arbeit dienen könne und solle. Selbst den Kriegsleuten gab Luther die tröstliche Gewißheit, daß sie auch in seligen Stand kommen würden, wenn sie ihres harten Handwerks in Treue warteten. Seit eine Kirche ohne Klerisei bestand, konnte auch in den rein katholischen Ländern der Klerus sich nicht mehr auf die Dauer als der erste Stand behaupten. In Deutschland aber wurden jene mittleren Schichten der Gesellschaft, zu denen Luther vornehmlich geredet hatte, mehr und mehr zum Kerne der Nation. Auch die soziale Macht, welche die gelehrte Bildung und mit ihr leider der Doktrinarismus im deutschen Leben behauptet, hat ihren ersten Ursprung in der Wirksamkeit des größten aller deutschen Professoren.

Der Protestantismus entstammt einem derben männischen Jahrhundert, das nach den Frauen wenig fragte, und die nüchternen Formen seines Kultus vermögen der frommen Sehnsucht des weiblichen Herzens nicht immer zu genügen. Und doch hat Luther die deutschen Frauen höher erhoben, als sie je vordem gestanden hatten in den Zeiten, da noch die gnadenreiche Mutter Gottes angerufen ward; er hat den Wirkungskreis des Weibes, das Haus wieder zu Ehren gebracht vor Gott und Menschen. Schwer mußte er kämpfen, ehe er sich das Herz faßte, um die Hand seiner Käthe zu werben; was zuletzt den Ausschlag gab, war doch nicht bloß die Sehnsucht nach häuslichem Glück, sondern das Gefühl einer heiligen Pflicht. Wie oft hatte er den Klosterleuten zugerufen: »wer hat dich etwas geloben und schwören heißen, was wider Gott und seine Ordnung ist, nämlich daß du schwörest, du seiest kein Mann und kein Weib?« War er berechtigt also zu fragen, war die Ehe wirklich ein heiliger Stand, Gott wohlgefälliger als die Gelübde der Beschorenen, dann mußte er selber mit seinem Leib und Leben Zeugnis ablegen für seine Lehre. Er wußte, welch eine Schlammflut ekler Verdächtigungen sich nun heranwälzen mußte gegen ihn, dessen makelloser Name bisher einer großen Sache zum Schilde gedient und allen Pfeilen der Verleumder widerstanden hatte. Freiwillig nahm er dies Kreuz auf sich; denn überzeugender, siegreicher, konnte sich die sittliche Macht der evangelischen Freiheit nicht erweisen, als wenn die Ehe des entlaufenen Mönches und der entlaufenen Nonne zum Vorbild wurde für Tausende frommer Menschen.

Und sie ward es. Dies mit allen Flüchen der römischen Kirche beladene Haus lebt in unser aller Herzen. Wir denken seiner, wenn am Weihnachtsabend vor dem Tannenbaume die hellen Stimmen unserer Kinder die frohe Botschaft singen, »Vom Himmel hoch da komm ich her«; wir sehen ihn vor Augen, den alten Doktor, wie er, ein Gewissensrat seiner lieben Deutschen, allen den Zweifelnden und Beladenen, die von nah und fern zu ihm eilen, Lehre, Trost und Hilfe spendet und immer mit seinem freien Gemüt Partei nimmt für das Recht des Herzens, für die Stimme der Natur, für die Billigkeit und die Liebe; wir hören sein herzliches Lachen, wenn er den zagenden Melanchthon mit kräftigem Zuspruch aufrichtet oder in neidloser Freundschaft die Größe seines kleinen Griechen preist; wir freuen uns seiner goldenen Laune, wenn er abends um seinen gastlichen Tisch den Becher kreisen läßt und die deutscheste der Künste, Frau Musika, zu den fröhlichen Zechern ladet: »hie kann nicht sein ein böser Mut, wo da singen Gesellen gut«; wir klagen mit ihm, wenn er, überwältigt vom menschlichsten Schmerze, an der Bahre seines Lenchens weint. So war das erste evangelische Pfarrhaus; und wie viele Tränen sind seitdem von den Frauen unserer Landpfarrer getrocknet, wie viele gute und hochbegabte Männer in diesen friedlichen Heimstätten einer gelehrten und doch der Natur nicht entfremdeten Bildung erzogen worden.

All unser Tun ist Stückwerk, und in der Geschichte dauert der Name keines Mannes, der nicht größer war als seine Werke. Das köstlichste Vermächtnis, das Luther unserem Volke hinterlassen hat, bleibt doch er selber und die lebendige Macht seines gottbegeisterten Gemüts. Keine andere der neueren Nationen hat je einen Mann gesehen, der so seinen Landsleuten jedes Wort von den Lippen genommen, der so in Art und Unart das innerste Wesen seines Volkes verkörpert hätte. Ein Ausländer mag wohl ratlos fragen: wie nur so wunderbare Gegensätze in einer Seele zusammen liegen mochten: diese Gewalt zermalmenden Zornes und diese Innigkeit frommen Glaubens, so hohe Weisheit und so kindliche Einfalt, so viel tiefsinnige Mystik und so viel Lebenslust, so ungeschlachte Grobheit und so zarte Herzensgüte, und wie derselbe ungeheure Mensch, der einen Brief an Seine Fürstliche Ungnaden Herzog Georg von Sachsen kurzab unterzeichnete »Von Gottes Gnaden Martin Luther, Evangelist zu Wittenberg«, dann wieder zerknirscht vor Gott in den Staub sinken konnte. Wir Deutschen finden in alledem kein Rätsel, wir sagen einfach: das ist Blut von unserem Blute. Aus den tiefen Augen dieses urwüchsigen deutschen Bauernsohnes blitzte der alte Heldenmut der Germanen, der die Welt nicht flieht, sondern sie zu beherrschen sucht durch die Macht des sittlichen Willens; und weil er heraussagte, was im Gemüte seines Volkes schon lebte, nur deshalb konnte der arme Mönch, der soeben noch aus dem stillen Augustinerkloster am Monte Pincio demütig hinübergepilgert war nach den Hallen von St. Peter, in wenigen Jahren wachsen und wachsen und schließlich der neuen römischen Weltmacht ebenso furchtbar werden, wie einst die deutschen Kohortenstürmer dem Reiche der Cäsaren. Ein Menschenalter nach Luthers Tode bekannten sich schon vier Fünftel unserer Nation zum evangelischen Glauben. In den meisten der deutschen Landschaften, welche die römische Kirche heute beherrscht, verdankt sie ihre Herstellung der Macht des Schwertes, und fast überall, wo das Evangelium gewaltsam ausgerottet ward, kränkelt der deutsche Geist noch heute, als wäre ihm eine seiner Schwingen gelähmt. Wo immer deutsches und fremdes Volkstum feindselig aufeinander stößt, da war der Protestantismus allezeit unser sicherster Grenzhüter. In unseren Nordostmarken gilt deutsch und evangelisch, polnisch und römisch-katholisch längst als gleichbedeutend, und unter den deutschen Stämmen Österreichs bewahrt sich keiner sein Volkstum so treu, wie das evangelische Sachsenvolk Siebenbürgens. –

Wohl ziemt es uns, in diesen Tagen der Feier, da die Gestalt des Reformators lebendig in unsere Gegenwart hineintritt, auch der Warnung zu gedenken, die er einst seinen Deutschen zurief: »Gottes Wort und Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht wieder kommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei den Juden gewesen, aber hin ist hin, sie haben nu nichts. Paulus bracht' ihn in Griechenland. Hin ist hin, nu haben sie den Türken. Rom und latinisch Land hat ihn auch gehabt: hin ist auch hin, sie haben nu den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken, daß ihr ihn ewig haben werdet, denn der Undank und Verachtung wird ihn nicht lassen bleiben. Darum greif zu und halt zu, wer greifen und halten kann, faule Hände müssen ein böses Jahr haben«. Dieselben Mächte des Verderbens, welche einst die Reformation in ihrem natürlichen Fortgang hemmten, treiben in verwandelter Gestalt noch heute unter uns ihr Wesen: der lieblose Bruderzwist der Gläubigen, das fleischliche Evangelium der Rottengeister und die dreiste Selbstgerechtigkeit der Epikureer, wie Luther sie nannte.

Mächtiger als diese dunklen, erscheinen doch die lichten, die trostvollen Zeichen der Zeit. Das Gefühl einer tiefen inneren Verwandtschaft verbindet die Gegenwart mit den Zeiten Luthers, zwingt den Künstler unwillkürlich, die Bauformen des sechzehnten Jahrhunderts wieder aufzunehmen, den Gelehrten sich forschend in jene Zeit des Sturmes zu versenken. Vieles, was Luthers Tage nur ahnen konnten, hat unser Jahrhundert erst gestaltet und vollendet. Die neue Welt, die damals entdeckte, tritt jetzt erst in die Weltgeschichte ein, und ihre zukunftreichsten Lande gehören dem evangelischen Glauben, fern am Stillen Ozean denken in diesen Tagen fromme Herzen des Landes, wo die Wiege Martin Luthers stand; die Buchdruckerkunst bewährt sich jetzt erst als eine völkerverbindende Macht; die Einheit Deutschlands und Italiens steht aufrecht, und nach unseren deutschen Krummstabslanden ist auch der letzte und schlechteste der geistlichen Staaten, der Kirchenstaat des Papstes, ins Grab gesunken; die Freiheit des Denkens und des Glaubens ist allen Völkern der gesitteten Welt gesichert, und in der evangelischen Kirche arbeitet noch immer die ungebrochene Kraft eines starken Lebens. Der Unfriede, der sie erfüllt, beweist doch nur, daß die Religion in unseren Tagen die Herzen wieder tiefer und stärker ergreift, als einst im Zeitalter der Aufklärung. Und mitten im Hader sind ihr doch zwei Taten des Friedens gelungen: sie hat die getrennten Schwesterkirchen des Protestantismus zur evangelischen Union verbunden, und eben jetzt ist sie überall am Werke, den so lange verkümmerten Gedanken der Gemeindekirche in den Formen ihrer Verfassung auszugestalten.

In so reicher Zeit soll kein guter Protestant die Hoffnung aufgeben, daß dereinst noch schönere Tage kommen werden, da unser gesamtes Volk in Martin Luther seinen Helden und Lehrer verehrt. Wir wissen alle, vor Zeiten gereichte es unserem Vaterlande zum Heile, daß die Reformation nur einen halben Erfolg errang; vollkommen siegreich, allein herrschend, hätte die evangelische Kirche jenen Geist menschlicher weitherziger Duldung, der heute im deutschen Leben überwiegt, schwerlich aufkommen lassen. Doch die Tage, da die Kirchenspaltung Segen brachte, gehen zu Ende. Seit die römische Kirche mit der Unfehlbarkeit des Papstes ihr letztes Wort gesprochen hat, empfinden wir schmerzlicher denn je, welche Kluft die Glieder unseres Volkes trennt. Diese Kluft zu schließen, das evangelische Christentum wieder also zu beleben, daß es fähig wird, unsere ganze Nation zu beherrschen – das ist die Aufgabe, welche wir erkennen und spätere Geschlechter dereinst lösen sollen. Nie kann dies Werk gelingen, wenn wir feig den Berg wieder hinabsteigen, den unsere tapferen Väter im Schweiße ihres Angesichts erklommen haben. Denn nimmermehr wird eine Priesterkirche das Volk Martin Luthers um ihre Altäre versammeln. Solches vermag nur eine Kirche, welche die evangelische Freiheit des Christenmenschen, die Selbständigkeit des gläubigen, bußfertigen Gewissens anerkennt und den sittlichen Mächten dieser Welt, vor allem dem Staate, ihr gutes Recht gewährt. Schwerere Zeiten als die unseren hat der Protestantismus schon siegreich überstanden: wie viele sind unter uns, deren Ahnen am Weißen Berge oder bei Lützen sich für das Evangelium schlugen oder das Brot der Verbannung aßen um ihres Glaubens willen. Getrost und dankbar dürfen wir am Geburtstage des Reformators sein hochgemutes Lied anstimmen:

Und ob es währt bis in die Nacht
Und wieder an den Morgen,
Doch soll mein Herz an Gottes Macht
Verzweifeln nicht noch sorgen!


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