Ludwig Tieck
Franz Sternbalds Wanderungen
Ludwig Tieck

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Viertes Kapitel

Franz wünschte einsam zu sein, und stieg mit Sebastians Briefe nach einem kleinen Garten hinab, der sich hinter dem Hause des Meister Lukas ausbreitete. Hier standen alle Sträuche und Gewächse in der besten Ordnung; einige hatte der Herbst schon entblättert, andre waren noch frisch grün, als wären sie eben aufgebrochen: die Gänge waren reinlich gehalten, die letzten Herbstblumen standen im schönsten Flor. Franzens Gemüt war völlig erheitert, er fühlte eine holdselige Gegenwart um sich scherzen, und die Zukunft sah ihn mit freundlichen Gebärden an. Er öffnete den Brief und las:

 

Trauter Bruder.

Wie weh tut es mir, daß ich unsern Dürer nicht habe begleiten können, um Dich in den Niederlanden vielleicht noch anzutreffen. Meine Krankheit ist nicht gefährlich, aber doch hält sie mich von dieser Reise ab. Meine Sehnsucht nach Dir wird auf meinem einsamen Lager in jeder Stunde lebendiger; ich weiß nicht, ob Du an mich mit denselben Empfindungen denkst. Wann die Blumen des Frühlings wiederkommen, bist Du vielleicht noch weiter von mir entfernt, und dabei weiß ich nicht einmal zuverlässig, ob ich Dich auch jemals wiedersehe. Wie mühevoll und wie leer ist unser menschliches Leben! ich lese jetzt Deine Briefe zu wiederholten Malen, und mich dünkt, als wenn ich sie nun besser verstünde; wenigstens bin ich jetzt noch mehr als sonst Deiner Meinung. Ich kann nicht malen, und darum lese ich auch wohl jetzt in Büchern fleißiger als ich sonst tat, und ich lerne manches Neue, und manches, das ich schon wußte, erscheint mir wiederum neu. Übel ist es, daß es dem Menschen oft so schwer ankömmt, selbst das Einfältigste recht ordentlich zu verstehn, wie es gemeint sein mochte, denn seine jedesmalige Lebensart, seine augenblicklichen Gedanken hindern ihn daran; wo er diese nicht wiederfindet, da dünkt ihm nichts recht zu sein. Ich möchte Dich jetzt mündlich sprechen, um recht viel von Dir zu hören, um Dir recht viel zu sagen; denn je länger Du fort bist, je mehr empfinde ich Deine Abwesenheit, und daß ich mit niemand, selbst mit Dürer nicht das reden kann, was ich Dir gern sagen würde.

Die Helden des römischen Altertums wandeln jetzt mit ihrer Größe durch mein Gemüt; sowie ich genese, will ich den Versuch anstellen, aus ihren Geschichten etwas zu malen. Ich kann es Dir nicht beschreiben, wie sich seit einiger Zeit das Heldenalter so lebendig vor mir regt; bis dahin sah ich die Geschichte als eine Sache an, die nur unsre Neugier angehe, aber es ist mir daraus eine große und neue Welt im Gemüt und Herzen aufgequollen. Vorzüglich gern möchte ich aus Cäsars Geschichte etwas bilden; man nennt diesen Mann so oft, und nie mit der Ehrfurcht, die er verdient. Wenn er auf dem Nachen ausruft: »Du trägst den Cäsar und sein Glück!« oder sinnend am Rubikon steht, und nun noch einmal kurz sein Vorhaben erwägt, wenn er dann fortschreitet, und die bedeutenden Worte sagt: »Der Würfel ist ge worfen!« so bewegt sich mein ganzes Herz vor Entzücken, alle meine Gedanken versammeln sich um den einen großen Mann, und ich möchte ihn auf alle Weise verherrlichen. Am liebsten sehe ich ihn vor mir, wenn er durch die kleine Stadt in den Alpen zieht, sein Gesellschafter ihn fragt: ob denn hier auch wohl Neid und Verfolgung und Plane zu Hause wären, und er mit seiner höchsten Größe die tiefsinnigen Worte ausspricht: »Glaube mir, ich möchte lieber hier der Erste, als in Rom der Zweite sein.«

Dies ist nicht bloßer Ehrgeiz, oder wenn man es so nennen will, so ist es das Erhabenste, wozu sich ein Mensch emporschwingen kann. Denn freilich, war Rom, das damals die ganze Welt beherrschte, im Grunde etwas anders, als jene kleine unbedeutende Stadt? Der höchste Ruhm, die größte Verehrung des Helden, auch wenn ihm der ganze Erdkreis huldigt, was ist es denn nun mehr? Wird er niemals wieder vergessen? Ist vor ihm nicht etwas Ähnliches dagewesen? Es ist eine große Seele in Cäsars Worten, die hier so kühn das anscheinend Höchste mit dem scheinbar Niedrigsten zusammenstellt. Es ist ein solcher Ehrgeiz, der diesen Ehrgeiz wieder als etwas Gemeines und Verächtliches empfindet, der sein Leben, das er führt, nicht höher anschlägt, als das des unbedeutenden Bürgers, der das ganze Leben gleichsam nur so mitmacht, weil es eine hergebrachte Gewohnheit ist, und der nun in der Fülle seiner Herrlichkeit, wie als Zugabe, als einen angeworfenen Zierat, seinen Ruhm, seine glorwürdigen Taten, sein erhabenes Streben hineinlegt. Wo die Wünsche der übrigen Menschen über ihre eigne Kühnheit erstaunen, da sieht er noch Alltäglichkeit und Beschränktheit; wo andre sich vor Wonne und Entzücken nicht mehr fassen können, ist er kaltblütig, und nimmt mit zurückhaltender Verachtung an, was sich ihm aufdrängt.

Mir fallen diese Gedanken bei, weil viele jetzt von den wahrhaft großen Männern mit engherziger Kleinmütigkeit sprechen, weil diese es sich einkommen lassen, Riesen und Kolosse auf einer Goldwaage abzuwägen. Eben diese können es auch nicht begreifen, warum ein Sylla in seinem höchsten Glanze das Regiment plötzlich niederlegt, und wieder Privatmann wird, und so stirbt. Sie können es sich nicht vorstellen, daß der menschliche Geist, der hohe nämlich, sich endlich an allen Freuden dieser Welt ersättige, und nichts mehr suche, nichts mehr wünsche. Ihnen genügt schon das bloße Dasein, und jeder Wunsch zerspaltet sich in tausend kleine; sie würden ohne Stolz, in schlechter Eitelkeit Jahrhunderte durchleben, und immer weiterträumen, und keinen Lebenslauf hinter sich lassen.

Jetzt ist es mir sehr deutlich, warum Cato und Brutus gerne starben; ihr Geist hatte den Glanz verlöschen sehn, der sie an dieses Leben fesselte. – Ich lese viel, wozu Du mich sonst oft ermahntest, in der Heiligen Schrift, und je mehr ich darin lese, je teurer wird mir alles darin. Unbeschreiblich hat mich der Prediger Salomo erquickt, der alle diese Gedanken meiner Seele so einfältig und so erhaben ausdrückt, der die Eitelkeit des ganzen menschlichen Treibens durchschaut hat; der alles erlebt hat, und in allem das Vergängliche, das Nichtige entdeckt, daß nichts unserem Herzen genüget, und daß alles Streben nach Ruhm, nach Größe und Weisheit Eitelkeit sei; der immer wieder damit schließt: »Darum sage ich, daß nichts besser sei, denn daß ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit, denn das ist sein Teil.«

»Was hat der Mensch von aller seiner Mühe, die er hat unter der Sonnen? Ein Geschlecht vergehet, das andre kömmt, die Erde aber bleibt ewiglich. Die Sonne gehet auf und gehet unter, und läuft an ihren Ort, daß sie daselbst wieder aufgehe. Der Wind gehet gegen Mittag, und kömmt herum zu Mitternacht, und wiederum an den Ort da er anfing. Alle Wasser laufen ins Meer, noch wird das Meer nicht völler; an den Ort wo sie herfließen, fließen sie wieder hin. Es ist alles Tun so voll Mühe, daß niemand ausreden kann. Das Auge siehet sich nimmer satt, und das Ohr höret sich nimmer satt. Was ist's das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ist's, das man getan hat? Eben das man hernach wieder tun wird, und geschieht nichts Neues unter der Sonnen.« –

Und nachher sagt er: »Ist's nun nicht besser dem Menschen, essen und trinken, und seine Seele guter Dinge sein in seiner Arbeit?«

»Wie es dem Guten gehet, so geht's auch dem Sünder. Das ist ein böses Ding, unter allem, das unter der Sonnen geschieht, daß es einem geht wie dem andern, daher auch das Herz des Menschen voll Arges wird, und Torheit in ihrem Herzen, dieweil sie leben, darnach müssen sie sterben. – Denn die Lebendigen wissen, daß sie sterben werden, aber die Toten wissen nichts, sie verdienen auch nichts mehr, denn ihr Gedächtnis ist vergessen; daß man sie nicht mehr liebet, noch hasset, noch neidet, und haben kein Teil mehr auf der Welt, in allem was unter der Sonnen geschieht. So gehe hin, und iß dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut, denn dein Werk gefällt Gott. Laß deine Kleider immer weiß sein, und deinem Haupte Salbe nicht mangeln. Brauche des Lebens mit deinem Weibe das du liebhast, solange du das eitel Leben hast, das dir Gott unter der Sonnen gegeben hat, solange dein eitel Leben währet, denn das ist dein Teil im Leben, und in deiner Arbeit, die du tust unter der Sonnen. Alles was dir vorhanden kommt zu tun, das tue frisch, denn in dem Tode, da du hinfährst, ist weder Werk, Kunst, Vernunft noch Weisheit.« –

Liebster Franz, höher bringt es der Mensch gewiß niemals, dies ist die Weisheit.

Ich habe einen Nürnberger Hans Sachs kennengelernt, einen wackern Mann, er hat sich auf die Kunst der Meistersänger gelegt, dabei ist er ein großer Freund der Reformation, er ist Bürger und Schuhmacher allhier. Doch muß nach meinem Dafürhalten die Dichtkunst anders aussehn, als sie in seinen Versen erscheint. Wo find ich einmal in deutscher oder fremder Zunge, was meine lechzende durstige Brust so recht durch und durch erquickt und sättigt?

Lebe wohl, und gib mir bald Nachrichten von Dir; Deine Briefe können mir niemals zu weitläuftig sein. –

Sebastian.

 

Dieser Brief versetzte den jungen Maler in ein tiefes Nachsinnen: er wollte seinem Gemüte nicht recht eindringen, und er fühlte fast etwas Fremdes in der Schreibart, das sich seinem Geiste widersetzte. Es quälte ihn, daß alles Neue mit einem zu gewaltsamen Eindrucke auf seine Seele fiel, und ihr dadurch die freie Bewegung raubte. So lag ihm auch wieder die Gesinnung und das Betragen des Meister Lukas in den Gedanken, manches in Sebastians Briefe schien ihm damit übereinzustimmen, und in solchen Augenblicken des Gefühls kam er sich oft in der Welt ganz einsam vor: er mochte sich es mit Gedanken nicht deutlich sagen, aber von Lukas' Fröhlichkeit und Sebastians Weisheit und Trost wandte sich sein Herz weg, weil sie dessen Sehnsucht als Verzweiflung erschienen.

Wunderlich seltsam ist das Leben der Jugend, die sich selbst nicht kennt. Sie verlangt, daß die ganze übrige Welt, wie ein einziges Instrument, mit ihren Empfindungen eines jeden Tages zusammenstimmen soll, sie mißt sich mit der fremdartigsten Natur, und ist nur zu oft unzufrieden, weil sie allenthalben Disharmonie zu hören glaubt. Sich selbst genug, sucht sie doch außenwärts einen freundlichen Widerhall, der antworten soll, und ängstigt sich, wenn er ausbleibt.

Er ging nach einiger Zeit in das Haus zurück. Dürer war schon wieder munter, und beide suchten den Meister Lukas in seiner Malerstube auf. Er saß bei seiner Zeichnung. Franz verwunderte sich sehr über den kunstreichen Mann, der in so kurzer Zeit so viel hatte arbeiten können: die Zeichnung war beinah fertig und mit großem Feuer entworfen. Dürer betrachtete sie und sagte: »Ihr scheint recht zu haben, Meister Lukas, daß sich nach einem guten Trunke besser arbeiten läßt, ob ich es gleich noch nie versucht habe; denn mir steigt der Wein in den Kopf und verdunkelt mir den Gedanken.«

»Man muß sich nur nicht stören lassen«, sagte Lukas, »wenn einem auch anfangs etwas wunderlich dabei wird, sondern dreist fortfahren, so findet man sich bald in die Arbeit hinein, und alsdann gerät sie gewißlich besser.«

Die drei Künstler blieben mit den Frauen auch am Abend zusammen, und setzten ihre Gespräche fort. Franz war gedrückt von dem Gedanken, daß er morgen abreisen müsse: so wie er unvermuteterweise seinen Dürer gefunden hatte, sollte er ihn jetzt ebenso plötzlich zum zweiten Male verlassen: er sprach daher wenig mit, auch aus dem Grunde, weil er zu bescheiden war.

Es war spät, der Mond war eben aufgegangen als man sich trennte. Franz nahm von Lukas Abschied, dann begleitete er seinen Lehrer nach seiner Herberge. Dürer kehrte vor dem Hause wieder um, sie durchstrichen einige Straßen und kamen dann auf einen Spaziergang der Stadt.

Der Mond schien schräge durch die Bäume, die beinah schon ganz entblättert waren; sie standen still, und Franz fiel seinem Meister mit Tränen an die Brust. »Was ist dir?« fragte Dürer, indem er ihn in seine Arme schloß. »O liebster, liebster Albrecht«, schluchzte Franz, »ich kann mich nicht darüber zufriedengeben, ich kann es nicht aussprechen, wie sehr ich Euch verehre und liebe. Ich hab es mir immer gewünscht, Euch noch einmal zu sehn, um es Euch zu sagen, aber nun habe ich doch keine Gewalt dazu. O liebster Meister, glaubt es mir nur auf mein Wort, glaubt es meinen Tränen.«

Franz war indem zurückgetreten, und Dürer gab ihm die Hand und sagte: »Ich glaube es dir.«

»Ach!« rief Franz aus, »was seid Ihr doch für ein ganz andrer Mann, als die übrigen Menschen! Das fühle ich immer mehr, ich werde keinen Euresgleichen wieder antreffen. An Euch hängt mein ganzes Herz, und wie ich Euch vertraue, werde ich keinem wieder vertrauen.«

Dürer lehnte sich nachdenkend an den Stamm eines Baumes, sein Gesicht war ganz beschattet. »Franz«, sagte er langsam, »du machst, daß mir deine Abwesenheit immer trauriger sein wird, denn auch ich werde niemals solchen Schüler, solchen Freund wieder antreffen. Denn du bist mein Freund; der einzige, der mich aus recht voller Seele liebt, der einzige, den ich ganz so wieder lieben kann.«

»Sagt das nicht, Albrecht«, rief Franz, »ich vergehe vor Euch.«

Dürer fuhr fort: »Es ist nur die Wahrheit, mein Sohn, denn als solchen liebe ich dich. Meinst du, deine getreue Anhänglichkeit von deiner Kindheit auf habe mein Herz nicht gerührt? O du weißt nicht, wie mir an jenem Abend in Nürnberg war, und wie mir jetzt wieder ist: wie ich damals den Abschied von dir abkürzte, und es jetzt gern wieder täte; aber ich kann nicht.«

Er umarmte ihn freiwillig, und Franz fühlte, daß sein teurer Lehrer weinte. Sein Herz wollte brechen. »Die übrigen Menschen«, sagte Dürer, »lieben mich nicht wie du; es ist zu viel Irdisches in ihren Gedanken. Ich stelle mich oft wohl äußerlich hart, und tue wie die übrigen; aber mein Herz weiß nichts davon. Pirkheimer ist ein Patrizier, ein reicher Mann, er ist brav, aber er schätzt mich nur der Kunst wegen, und weil ich fleißig und aufgeräumt bin. Mein Weib kennt mich wenig, und weil ich ihr im stillen nachgebe, so meint sie, sie mache mir alles recht. Sebastian ist gut, aber sein Herz ist dem meinigen nicht so verwandt als das deine. Von den übrigen laß mich gar schweigen. Ja wahrlich, du bist mir der Einzige auf der Erde.«

Franz sagte begeistert: »O was könnte mir für ein größeres Glück begegnen, als daß Ihr die Liebe erkennt, die ich so inniglich zu Euch trage.«

»Sei immer wacker«, sagte Dürer, »und laß dein frommes Herz allerwege so bleiben, als es jetzt ist. Komm dann nach Deutschland und Nürnberg zurück, wenn es dir gut däucht; ich wüßte mir keine größere Freude, als künftig immer mit dir zu leben.«

»Ich bin eine verlassene Waise, ohne Eltern, ohne Angehörigen«, sagte Franz, »Ihr seid mir alles.«

»Ich wünsche«, sagte Albrecht, »daß du mich wiederfindest, aber ich glaube es nicht; es ist etwas in meiner Seele, was mir sagt, daß ich es nicht lange mehr treiben werde. Ich bin in manchen Stunden so ernsthaft und so betrübt, daß ich zu sterben wünsche, wenn ich nachher auch oft wieder scherze und lustig scheine. Ich weiß auch recht gut, daß ich zu fleißig bin, und mir dadurch Schaden tue, daß ich die Kraft der Seele abstumpfe, und es gewiß büßen muß; aber es ist nicht zu ändern. Ich brauche dir, liebster Franz, wohl die Ursache nicht zu sagen. Meine Frau ist zu weltlich gesinnt, sie quält sich ewig mit Sorgen für die Zukunft und mich mit; sie glaubt, daß ich niemals genug arbeiten kann, um nur Geld zu sammeln, und ich arbeite, um in Ruhe zu sein, oft mit unlustiger Seele; aber die Lust stellt sich während der Arbeit ein. Meine Frau empfindet nicht die Wahrheit der himmlischen Worte, die Christus ausgesprochen hat: ›Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn die Speise? Und der Leib mehr denn die Kleidung? So denn Gott das Gras auf dem Felde kleidet, das doch heute stehet, und morgen in den Ofen geworfen wird, sollte er das nicht vielmehr euch tun? O ihr Kleingläubigen! Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: ›Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?‹‹ – Nun lebe wohl, mein liebster Freund; ich will zurück, und du sollst mich nicht begleiten, denn an einer Stelle müssen wir uns ja doch trennen.«

Franz hielt noch immer seine Hand. »Ich sollte Euch nicht wiedersehn?« sagte er, »warum sollte ich dann wohl nach Deutschland zurückkommen? Nein, Ihr müßt leben, noch lange, lange, Euch, mir und dem Vaterlande!«

»Wie wir uns heut trennen müssen«, sagte Dürer, »so muß ich doch irgendeinmal sterben, es sei wenn es sei. Je früher, je weniger Lebensmühe; je später, je mehr Sorgen. Aber komm bald zurück, wenn du kannst.«

Er segnete hierauf seinen jungen Freund, und betete inbrünstig zum Himmel. Franz sprach in Gedanken seine Worte nach, und war in einer frommen Entzückung; dann umarmten sich beide, und Dürer ging wie ein großer Schatten von ihm weg. Franz sah ihm nach, und der Mondschimmer und die Bäume dämmerten ungewiß um ihn. Plötzlich stand der Schatten still, und bewegte sich wieder rückwärts. Dürer stand neben Franz, nahm seine Hand und sagte: »Und wenn du mir künftig schreibst, so nenne mich in deinen Briefen du und deinen Freund, denn du bist mein Schüler nicht mehr.« – Mit diesen Worten ging er nun wirklich fort, und Franz verlor ihn gänzlich aus den Augen. Die Nacht war kalt, die Wächter der Stadt zogen vorüber und sangen, die Glocken schlugen feierlich. Franz irrte noch eine Zeitlang umher, dann begab er sich nach seiner Herberge, aber er konnte nicht schlafen.


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