Hermann Sudermann
Die Ehre
Hermann Sudermann

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Vierter Akt

Szenerie des zweiten Aktes.

Erste Szene

Trast. Robert mit der Mappe unter dem Arm. Wilhelm.

Wilhelm (leise zu Trast). Ich habe strengen Befehl, Herrn Heinecke nie wieder vorzulassen.

Trast. Mich auch nicht?

Wilhelm. O mit dem Herrn Grafen ist das ganz was anders.

Trast. Danke für gütiges Vertrauen. Herr Heinecke ist in meiner Begleitung. Ich übernehme die Verantwortung. Wir werden den Herrn Kommerzienrat erwarten –

Wilhelm. Aber –

Trast. Was ziehn Sie vor, Courant oder Papier? (Indem er nach einem Scheine sucht.) Ist denn das ganze Haus leer?

Wilhelm. Herr Kommerzienrat ging nach der Fabrik hinüber, gnädige Frau haben Migräne, gnädiges Fräulein fuhr nach der Stadt – Herr Curt auch.

Trast. Zusammen?

Wilhelm. Oh, die fahren nie zusammen. – Herr Curt wollte die Einladungen abbestellen – von wegen – (Winkt nach Robert hinüber.)

Trast (gibt ihm Geld). Es ist gut... Ab.

Wilhelm. Wie befehlen?

Trast. Ab!

(Wilhelm mit Verbeugung ab.)

Zweite Szene

Trast. Robert.

Trast. Komm mal her, mein Junge!

Robert. Was willst du?

Trast. Ich? Du weißt ja, ich will nie was. Ich lasse mich von den Ereignissen schaukeln. Aber die Frage ist: Was willst du hier – an diesem Platze?

Robert. Ich will Abrechnung halten.

Trast. Natürlich... Das wissen wir... Da du aber auf den großmütigen Händedruck, der einem braven Arbeiter in solchen erhebenden Momenten zuteil wird, sowieso verzichten willst, so seh ich nicht ein, warum du die Bücher nicht einfach aufs Comptoir schickst – und basta.

Robert. Freilich, das wäre sehr einfach.

Trast. Lieber Mensch, laß mich noch einmal als Freund mit dir reden.

Robert. Rede nur, rede.

Trast. Du bist auf der Jagd hinter einem Phantom!

Robert. So?

Trast. Deine Ehre hat niemand angetastet.

Robert. So?

Trast. Weil niemand auf der Welt dazu imstande ist!

Robert. So, So!

Trast. Das, was du deine Ehre nennst, dieses Gemisch aus – Scham, aus – Taktgefühl, aus – Rechtlichkeit und Stolz, das, was du dir durch ein Leben voll guter Gesittung und strenger Pflichttreue anerzogen hast, kann dir durch eine Bubentat ebensowenig genommen werden, wie etwa deine Herzensgüte oder deine Urteilskraft. Entweder sie ist ein Stück von dir selbst oder sie ist gar nicht... Mit jener Sorte von Ehre, die schon der lässig geworfene Handschuh irgendeines fashionablen Rowdys zu zerschmettern vermag, hast du nichts gemein... die ist gerade gut als Spiegel für die Laffen, als Spielzeug für die Müßiggänger und als Parfüm für die Anrüchigen.

Robert. Du sprichst wie einer, der aus der Not eine Tugend macht.

Trast. Sehr möglich... denn jede Tugend ist von der Not geschaffen worden.

Robert. Und meine Familie?

Trast. Ich denke, du hast keine mehr?

Robert (von Schmerz überwältigt, birgt das Gesicht in den Händen).

Trast. Ich versteh dich wohl... Das ist das Zucken des Nervenstrangs, dessen Zubehör man amputierte... Laß dich nicht beirren... Wenn auch die Zehe noch weh tut, das Bein ist weg.

Robert. Du hast nie eine Schwester gehabt!

Trast. ... Sag mal, muß ich, der Aristokrat, dich, den Plebejer, Duldung gegen die Niederen lehren? Mein Lieber, verachte die Deinen nicht. Sage nicht, daß sie schlechter sind als du und ich... Sie sind anders, weiter nichts... In ihren Herzen wohnt ein Empfinden, das dir fremd ist, in ihren Köpfen malt sich ein Weltbild, das du nicht verstehst. Sie darum verurteilen, wäre vorwitzig und beschränkt... Und damit du's endlich weißt, mein Sohn, in dem Kampfe gegen die Deinen bist du von Anfang bis zu Ende im Unrecht gewesen.

Robert. Trast, das sagst du?

Trast. Ich erlaube mir... Du kommst aus fremden Ländern, wo du dich im Verkehr mit Gentlemen neunmal gehäutet hast, und verlangst von den Deinen, daß sie dir zu Liebe von heut auf morgen einfach aus der Haut fahren sollen, die ihnen von Anbeginn glatt und schlank auf dem Leibe gesessen hat... Das ist unbescheiden, mein Junge... Und deiner Schwester ist vom Hause Mühlingk tatsächlich die Ehre wiedergegeben worden, die Ehre nämlich, die sie gebrauchen kann. – Denn jedes Ding auf Erden hat seinen Tauschwert... Die Ehre des Vorderhauses wird vielleicht mit Blut bezahlt – vielleicht, sage ich – die Ehre des Hinterhauses ist schon mit einem kleinen Kapital in integrum restituieret. (Da Robert zornig gegen ihn auffährt.) Iß mich nicht auf... Ich bin noch nicht fertig... Welchen andern Sinn hätte die Jungfrauenehre, um die es sich hier handelt, als dem künftigen Gatten eine gewisse Mitgift von Herzensreinheit, von Wahrhaftigkeit und Neigung zu verbürgen? Denn nur zum Zwecke der Heirat ist sie da... Nun frage gefälligst in der Sphäre nach, der du entstammst, ob deine Schwester mit dem Kapital, das ihr heut in den Schoß fiel, nicht eine weit begehrenswertere Partie geworden ist, als sie jemals gewesen.

Robert. Trast, du bist roh, du bist grausam.

Trast. Roh, wie die Natur, grausam, wie die Wahrheit. Nur die Trägen und die Feigen bauen à tout prix Idyllen um sich herum. Du aber hast mit all dem nichts mehr zu tun, drum gib mir die Hand, schüttle den Staub der Heimat von deinen Füßen und sieh dich nicht mehr um.

Robert. Erst muß ich persönlich meine Genugtuung haben.

Trast. Du willst dich also partout mit ihm schlagen?

Robert. Ich hatte darauf verzichtet – aber jetzt, jetzt will ich.

Trast. Sei doch nicht so altmodisch!

Robert. Altmodisch – mag sein... Vielleicht gerade, weil ich als Plebejer zur Welt gekommen bin und mir die Ehrbegriffe äußerlich aufgeimpft wurden, hab ich nicht die Kraft, mich zu der Höhe deiner Anschauungen emporzuschwingen. Laß mich also an meiner Beschränktheit zugrunde gehn.

Trast. Wenn er nun aber nicht will?

Robert. Ich werd ihn zu zwingen wissen.

Trast. Aha! (Für sich.) Dazu der Revolver!... Noch eins, mein Junge. Wenn du durchaus willst, daß Herr Curt dir eine Kugel auf den Pelz brennen soll, so muß ihm doch erst jeder Vorwand genommen sein, dich zu refüsieren.

Robert. Mein Gott ja – du hast recht.

Trast (seine Brusttasche ziehend). Genierst du dich etwa?

Robert. Nein, du hast zuviel für mich getan, als daß ich's dürfte –

Trast (ihm einen Scheck ausstellend). Da!

Robert. Und wenn ich das da niemals abarbeiten kann?

Trast. So schreib ich's in den großen Schornstein, in welchem das Konto der Freundschaft geführt wird! (Seinen Kopf streichelnd.) Na, es wird so schlimm nicht sein! Hm – mein Junge – eins, was du ganz vergessen hast.

Robert. Wie?

Trast. Lenore!

Robert (zusammenzuckend). Sprich nicht von ihr.

Trast. Du liebst sie.

Robert. Ah – ich antworte dir nicht!

Trast. Soll sie an dich vielleicht als an den Mörder ihres Bruders denken?

Robert. Besser, als daß sie an einen Ehrlosen denkt!

Trast (sich hoch aufrichtend). Bin ich nicht auch ein sogenannter Ehrloser? Und hast du mich nicht als wackern Kerl gekannt? Und trag ich nicht den Kopf so hoch wie irgendeiner auf der Welt? Schäm dich!

Robert (nach einem Schweigen). Trast – vergib mir.

Trast. Vergeben – Unsinn! Ich habe dich lieb – basta.

Robert. Trast – ich werde – mich nicht – schlagen.

Trast. Wort?

Robert. Wort!

Trast. So komm!

Robert. Wohin?

Trast. Was weiß ich! In die Welt!

Robert. Verzeih. Soll ich es mir versagen, dem gütigen Geber sein Geld vor die Füße zu werfen?

Dritte Szene

Wilhelm tritt ein.

Wilhelm. Der – Herr Kommerzienrat ist soeben in das Comptoir gegangen.

Trast (beiseite). Curt nicht daheim... Das trifft sich gut.

Robert (nach der Mappe greifend). Ich geh hinüber.

Trast. Gut. Erwarte mich dann.

Robert. Was willst du hier noch?

Trast. Laß das meine Sorge sein. Komm mal her! (Leise.) Eh du gehst, gib mir doch deinen Revolver!

Robert (erschrocken). Wie, du weißt?

Trast. Er zeichnet sich deutlich genug auf deiner Brusttasche ab.

Robert. Ich bitte dich – laß ihn mir! – Oder bist du mißtrauisch?

Trast. Ich fürchte, mein Pepe spukt dir im Kopf. –

Robert. Soll ein Ehrenwort zwischen uns Ehrlosen keine Geltung haben?

Trast. Gut – behalte ihn.

(Robert und Wilhelm ab.)

Trast (allein, will ihm erst nach, hält aber inne). Es war doch vielleicht unvorsichtig! – Falls der Bengel heimkommt, fang ich ihn ab und halt ihn zurück. – Aber jetzt handelt es sich um anderes. – Ist dieses Mädchen hier das, wofür ich sie taxier – – –

Vierte Szene

Trast. Lenore. (Lenore im Winterkostüm, Hut, Mantel, Muff, von rechts.)

Trast. Ah – das nenn ich Glück haben!

Lenore (ihm die Hand reichend, erregt). Herr Graf, wissen Sie, woher ich komme? Von Ihnen... (Wirft ihre Sachen ab.) Sie entsetzen sich über meine Kühnheit. Aber nur von Ihnen kann ich erfahren, was hier vorgeht. – Daß mein Bruder auf dem Wege war, jenes junge Wesen ins Unglück zu stürzen, fürchtete und argwöhnte ich... hat Ihr Freund das erfahren?

Trast. Wenn es nichts weiter wäre!

Lenore. Was wär es sonst?

Trast. Ich gestehe, ich finde die Worte nicht, um einer jungen Dame –

Lenore. Reden Sie nur!

Trast. Nun denn. Die Ihrigen haben es für nötig erachtet, jene armen Leute ihre Schande vergessen zu machen, und sie packten sie da, so sie am leichtesten zu packen waren, bei ihrer – Armut.

Lenore. Versteh ich Sie recht? Man hat meinen Bruder von jenem Mädchen losge – kauft? (Trast bejaht.) O mein Gott!

Trast. Es versteht sich von selbst, daß ich mich jeder Kritik enthalte. Zudem ist das Mittel, dessen man sich bediente, das landläufige, um dergleichen Verbindungen aus der Welt zu schaffen. Aber ich fürchte für unsern Freund!

Lenore (das Gesicht in den Händen). Wie kann ich das je an ihm gut machen!

Trast. Fühlen Sie die Verpflichtung dazu?

Lenore. Ob ich sie fühle! Mein ganzes Wesen bäumt sich gegen die abscheuliche Praxis auf, die in meinem Elternhause herrscht. – Bezahlen – immer bezahlen – Ehre, Recht, Liebe – alles bezahlen! – Wir können's! Wir haben's ja dazu!... (Wirft sich in den Sessel, dann aufspringend.) Vergeben Sie – ich bin außer mir... Ich spreche von den Meinen, als ob sie Fremde wären.

Trast. Vielleicht sind Sie ihnen fremder, als Sie selbst ahnen!

Lenore (bestürzt). Ah, wenn Sie recht hätten! – (Da er hinaushorcht.) Was haben Sie da?

Trast. War das nicht die Stimme Ihres Bruders?

Lenore (an der Tür). Ja, er ist es – mit ein paar Freunden.

Trast (für sich). Ich hätt' ihm die Waffe nicht lassen sollen! (Laut, nach seinem Hute langend.) Geht er ins Comptoir?

Lenore. Nein, man scheint eintreten zu wollen!

Trast (den Hut wieder hinlegend). Gut, so erwart ich ihn – Mein Fräulein, eine Bitte!... Mein Freund verläßt heute mit mir dieses Haus, morgen die Stadt und, ich hoffe, bald auch Europa.

Lenore (für sich). Oh, mein Gott!

Trast. Aber heute möchte ich ein Zusammentreffen zwischen ihm und Ihrem Herrn Bruder vermieden wissen. – Sollt' es doch dazu kommen, ohne daß ich dazwischentreten kann, so bitte, sein Sie in der Nähe!

Lenore (bejaht eifrig – Stimmen vor der Tür – sie eilt nach links – sich noch einmal umwendend). Was soll ich tun, Herr Graf?

Trast. Sich selber treu bleiben.

Lenore. Das will ich! (Ab.)

Trast. Jetzt – der Bruder!


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