Hermann Sudermann
Die Ehre
Hermann Sudermann

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Achte Szene

Die Vorigen. Auguste. Michalski mit einem Päckchen.

Michalski. Morgen!

Frau Heinecke. Pst!

Heinecke (mit der Faust drohend). Ihr seid mir! – Macht, daß Ihr raus kommt!

Auguste (setzt sich). Es ist recht frisch heute früh.

Michalski (setzt sich und wickelt eine Flasche aus). Hier den Likör ha' ick dir mitgebracht. – Was Extrafeines – Hol mal den Proppenzieher.

Frau Heinecke. Ein anderes Mal! Wir sollen Euch ja vor de Türe setzen.

Auguste. Wer sagt das?

Frau Heinecke. Pst! Robert!

Auguste. Was? In Eurem eigenen Hause laßt Ihr Euch Vorschriften machen?

Heinecke (leise). Pst! Er sitzt ja in de Kammer.

Auguste (mitleidig). Der arme Vater. Er zittert vor Angst.

Michalski. Olle, brave Leute so in Angst zu setzen. Der Schuft!

Frau Heinecke. Er ist kein Schuft! Er is ein jutes Kind und sorgt für uns.

Heinecke. Wenn er uns ooch nach Indien schleppen will.

Beide. Wa? Wohin!

Frau Heinecke. Nach Indien!

Auguste. Warum denn?

Frau Heinecke. Bloß, weil die Alma hat uf'n Maskenball jehen gewollt.

Michalski. Verrückt!

Frau Heinecke. Seine paar Möbel, die einem das Heim so freundlich gemacht haben, muß man elendig im Stiche lassen.

Auguste (sentimental). Und mir Ärmste laßt Ihr nu ooch im Stiche! Werdet Ihr sie verkaufen?

Frau Heinecke. Die Möbel? – (Auguste nickt.) Wir müssen!

Auguste. Auch den Spiegel und die Fauteuils? (Frau Heinecke bejaht. – In Rührung.) Ich an Eure Stelle, anstatt sie für ein Butterbrot zu verschleudern, würde sie Eurer einsam zurückbleibenden Tochter zum Andenken jeben. Da wäret Ihr doch sicher, daß man sie in Ehren hielte.

Frau Heinecke (mißt sie mit mißtrauischem Blicke, dann heimlich zum Alten). Vater, se will schon die Fotölchs.

Auguste (einlenkend). Oder, wenn Ihr sie doch verkaufen wollt, so sind wir immer diejenigen, die Euch die höchsten Preise zahlen. Damit's in de Familie bleibt.

Heinecke. Aber noch sind wir nicht weg!

Michalski. Ich an Eurer Stelle –

Frau Heinecke. Wat sollen wir tun? Wir sind nu janz von ihm abhängig. Wenn er befiehlt, müssen wir folgen, oder sollen wir Euch zur Last liegen?

Auguste. Wir haben alleine nich das Sattessen. (Es klopft.)

Neunte Szene

Die Vorigen. Der Kommerzienrat.

Alle (fahren erschrocken durcheinander).

Mühlingk. Guten Tag, lieben Leute. Ist Ihr Sohn zugegen?

Heinecke (devot). Ja woll!

Frau Heinecke (öffnet die Tür). Robert! (Zärtlich.) Liebes Jotteken, er ist auf 'n Stuhle eingeschlafen... hat nämlich kein Auge geschlossen diese Nacht... Robertchen, der Herr Kommerzienrat!... Schläft ganz fest.

Mühlingk (freundlich). So?... Um so besser! – Wecken Sie ihn nicht!

Heinecke. Mach die Düre zu!

Frau Heinecke (leise). Aber hat er nicht gesagt – –

Heinecke. Wenn der junge Herr Mühlingk kommt, hat er gesagt – (Schließt leise die Tür.)

Auguste (zu Michalski, mit der Gebärde des Geldzählens). Paß mal uf!

Mühlingk (der sich in der Stube umgeschaut hat). Das sieht ja recht wohlhabend hier aus, lieben Leute!

Heinecke (mit Würde). Belieben der Herr Kommerzienrat Platz zu nehmen auf diesen Fotölch?

Mühlingk. Ei ei, lauter Seide?

Frau Heinecke. Ja, es is lauter Seide.

Mühlingk. Wohl ein liebes Geschenk?

Frau Heinecke (zögernd). Sozusagen!

Mühlingk (harmlos). Von meinem Sohne?

Heinecke. Ja wohl!

Frau Heinecke (gleichzeitig). Pst!

Mühlingk (beiseite). Schlingel! (Laut.) Beiläufig: Ihr lieber Sohn hat sich nicht gerade gebührlich gegen den meinen benommen. Offen gesagt: ich hatte anderen Dank erwartet! Sie können ihm mitteilen, daß er entlassen ist, und daß ich bis vier Uhr nachmittags seine Abrechnung erwarte.

Frau Heinecke. Das wird ihm aber leid tun!

Heinecke. Er hat den Herrn Kommerzienrat geliebt wie seinen eigenen Vater.

Mühlingk. So? Das freut mich. – Doch deshalb kam ich nicht, lieben Leute. Sie haben eine Tochter.

Auguste (sich vordrängend). Ufzuwarten!

Mühlingk. Womit kann ich dienen?

Auguste (devot). Ick bin die Dochter!

Mühlingk. So? – Sehr brav – sehr brav! Aber Sie mein ich nicht. Das Fräulein heißt Alma!

Frau Heinecke. Janz richtig. Und ohne zu lügen, sie ist ein hübsches Mächen!

Heinecke. Und talentvoll! Wir lassen sie für den Jesang ausbilden.

Mühlingk. Ah! Es ist immer erhebend zu sehn, wenn Kinder ihren Eltern Freude machen! Nur eins will mir nicht gefallen: Ihre liebe Tochter hat den Aufenthalt, den ich Ihnen seit siebzehn Jahren in meinem Hause gewähre, dazu benutzt, um mit meinem Sohne zarte Beziehungen anzuknüpfen. Offen gesagt: Ich hatte andern Dank erwartet.

Frau Heinecke. Aber Herr Kommerzienrat.

Mühlingk. Um jedes Verhältnis zwischen Ihrem Hause und dem meinen aus der Welt zu schaffen, biete ich Ihnen ein Abstandsgeld, das Sie, mein wackerer Herr Heinecke, mit Ihrer Tochter Alma zu teilen haben würden, dergestalt, daß die eine Hälfte ihr als Heiratsgut zufällt, sobald sich jemand findet, der – (lächelt diskret.) Nun, Sie verstehn mich wohl. Bis dahin würde die Nutznießung des Ganzen Ihnen verbleiben. Sind Sie einverstanden?

Auguste (leise hinter ihm). Sag ja – ja.

Heinecke. Ich – ich –

Mühlingk. Ich habe die Summe ungewöhnlich hoch bemessen, um ein unbedachtes Versprechen einzulösen, das Ihr lieber Sohn gestern dem meinigen abzunötigen wußte... Sie beläuft sich auf (zögert und schluckt) fünfzigtausend Mark.

Heinecke (mit einem Aufschrei). Jesus, Herr Kommerzienrat, ist das Ihr Ernst?

Frau Heinecke. Mir wird schwach! (Sinkt in einen Stuhl, von Auguste unterstützt.)

Mühlingk (beiseite). Ich habe zu hoch taxiert! (Laut.) Ich frage Sie noch einmal, sind Sie mit vierzigtausend Mark zufrieden?

Michalski. Ich denke, es waren –

Auguste (ihn stoßend, leise). Sag ja – rasch – sonst zieht er noch mehr ab!

Heinecke. Ich kann's nicht glauben, Herr Kommerzienrat. Auch diese vierzig! So ville Jeld jibt's nicht... Das ist Unsinn. Zeigen Sie mir das Jeld!

Mühlingk. Es liegt an der Kasse für Sie angewiesen.

Heinecke. Und der Herr Kassierer wird nicht sagen: Setzt den alten Kerl vor die Düre – er ist übergeschnappt. – Oh, er kann recht eklig sind gegen uns arme Leute, der Herr Kassierer.

Mühlingk (hat ein Scheckbuch hervorgezogen, schreibt eine Ziffer und reißt das oberste Blatt ab, das er Heinecke überreicht. Alle studieren eifrig den Schein).

Heinecke. Vierzigdausend! Immer noch furchtbar nobel... Herr Kommerzienrat! Geben Sie mir Ihre Hand.

Mühlingk (steckt die Hand in die Tasche). Noch eins: Morgen abend wird ein Möbelwagen vor Ihrer Türe halten, und zwei Stunden später werden Sie freundlichst meinen Grund und Boden verlassen haben. Hernach hör ich wohl nichts mehr von Ihnen. –

Heinecke. Sagen Sie das nich, Herr Kommerzienrat! Wenn Ihnen der Besuch eines alten, braven Mannes nicht lästig fällt, so mach ich mir manchmal das Vergnügen. Ja, ein alter, braver Mann, das bin ich!

Mühlingk. Natürlich! Adieu, liebe Leute! (Beiseite.) Pfui! (Ab.)

Zehnte Szene

Heinecke. Frau Heinecke. Auguste. Michalski.

Heinecke. Mutter! Vierzigdausend! (Michalski will ihn umarmen.) Drei Schritt vom Leibe, mein Sohn! (Sucht in den Taschen, findet ein Schnupftuch, breitet es auf dem Knie aus, legt den Schein hinein, faltet das Tuch sorgfältig darüber und steckt es in die Brusttasche.) So, jetzt kannste zärtlich sein!

Frau Heinecke. Mir ist weh vor Freuden! (Sie umarmen sich weinend.) Wenn ick bedenke: Ich brauch nu nich mehr ohne Jeld uf'n Marcht zu gehen, und wenn mir friert, kann ich nachmittags ohne schlechtes Gewissen noch einmal einheizen – düchtig! – Und abends essen wir kalten Uffschnitt.

Heinecke. Und ick kann Pferdebahn fahren, so viel ick will.

Michalski. Genau vierhundertdausend Mal à zehn Pfennige.

Frau Heinecke. Und das Kanapee schenkst du mir ooch!

Auguste. Nach Indien geht Ihr aber nu nich?

Frau Heinecke (gleichzeitig). Um Jesuwillen!

Heinecke. Bist wohl doll!

Auguste. Und wat werden Herr Robert denn dazu sagen?

Frau Heinecke (freudig). Ja, Robert! (Will zur Kammertür.)

Auguste (hält sie zurück). Ick rate dir, laß ihn schlafen. Der erfährt's zeitig genug.

Frau Heinecke (erschrocken). Wie meinste das?

Heinecke (zupft seine Frau am Rockschoß, zeigt nach der Küchentür). Aber die da!... He he!

Frau Heinecke. Das arme, liebe Kind!

Heinecke (geheimnisvoll). Wir woll'n se iberraschen. – Pscht!

Alle (schleichen auf Zehenspitzen zur Küchentür).

Heinecke (der vorangeht, stößt die Tür auf – ein Schrei ertönt. – Heinecke verdutzt, fährt zurück). Nanu? – Mutter, wat's nanu?

Frau Heinecke (schlägt die Hände über dem Kopf zusammen). Herr Jeses!

Michalski (ihnen über die Schulter sehend). Potz – Deibel!

Heinecke (mit angenommener Strenge). Nu kommste mal her!

Almas Stimme (ängstlich). Ach bitte – nein!

Heinecke. Wird's bald?

Elfte Szene

Die Vorigen. Alma.

Alma (erscheint in indischem Prachtkostüm, die Hände schamhaft vors Gesicht geschlagen. Alle laufen mit verstecktem Lachen und Ausrufen der Bewunderung um sie herum. Auguste befühlt den Stoff).

Auguste. Das indische Kleed!

Michalski. Von die splitternacktigte Prinzessin.

Alma. Ich – hab's – bloß – anprobieren wollen. – Ich werd's – gleich ausziehn.

Frau Heinecke (sie vorsichtig herzend). Ach, Jotte – wie so'n Engelken!

Alma. Ihr seid mir nicht mehr böse?

Heinecke. Beese? (Sich besinnend, strenge.) Das heißt eigentlich sehr. Aber wir wollen noch eenmal Jnade vor Recht ergehn lassen. (Sich umwendend.) Das hab ich fein gemacht? Was?

Frau Heinecke (streichelt ihre Locken und führt sie nach rechts). Komm! Setz dir nieder! Nein, hier auf'n Fotölch!

Alma. Auf dem – – Was ist geschehn? –

Heinecke. Hehe! (Alle setzen sich um sie herum.)

Alma. Und darf ich heute auf den Maskenball?

Heinecke. Ja, du darfst auf den Maskenball!

Auguste (ironisch). Das arme Kind!

Heinecke (aufspringend). Ick muß mal sofort uf die Kasse!

Michalski (der die Likörflasche aufkorkt). Warte! Ein Glück will angefeuchtet sind, damit es kleben bleibt. Alma, hole Gläser!

Frau Heinecke (aufspringend). Laß das liebe Kind sitzen. Das besorg ich! (Geht zum Wäscheschränkchen und holt ein Gestelle mit Likörgläsern. Zu Auguste.) Was meintest du vorhin mit Robert? –

Auguste. Wirst schon sehn!

Frau Heinecke. Er kann doch uns armen, alten Leuten unser bisken Glück nich mißgönnen? –

Michalski (singt, das Glas erhebend). So leben wir, so leben wir –

Frau Heinecke. Still! Um Gotteswillen!

(In der Kammer poltert ein Stuhl.)

Michalski. Meine Herrschaften, Fräulein Alma Heinecke, unser Glückskind, und vor allem das Haus, das sich immerhin nobel erwiesen hat –

Heinecke. Das Haus Mühlingk soll leben, hoch!


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