Hermann Sudermann
Die Ehre
Hermann Sudermann

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Vierte Szene

Robert. Alma.

Robert (für sich). Jetzt werd ich erfahren, wer sie ist... Und was ich zu tun hab. (Weich.) Komm zu mir, Schwester.

Alma. Mutter hat befohlen, ich soll die Stube ausfegen.

Robert. Das hat Zeit. (Nimmt sie bei der Hand. Sie schrickt zurück.) Brauchst keine Angst zu haben... Ich werd dich nicht schlagen. Und verfluchen auch nicht... Du sollst nur wissen, daß du von nun an einen guten Freund hast, der bei dir Wache hält... treu und nachsichtig.

Alma. Du bist viel zu gut. – Viel zu gut. – (Sinkt schluchzend vor ihm nieder.)

Robert. Na, na – nur nicht knien!... Setz dich auf die Fußbank... so... (setzt sich auf den Sessel) und richt dich auf, damit ich dir in die Augen sehn kann. (Versucht ihren Kopf aufzuheben, sie verbirgt ihn widerstrebend in seinem Schoße.)... Du willst also nicht?... So lieg meinetwegen und weine... Ich werd dich von diesem Platz nicht wegweisen Und weinen wirst du noch manchen Tag und manche Nacht, wenn du erst recht begriffen hast, was man aus dir gemacht hat... Sag mal, das siehst du doch ein, daß dein ganzes künftiges Leben nur der Reue gehören muß?

Alma. Ja! Das seh ich ein...

Robert (nimmt ihren Kopf in beide Hände). Ja, ja, Schwester, da hat man sich denn in der Fremde ein Glück für dich zurechtgebaut... Zehn volle Jahre lang... Und nun werden zwanzig kaum ausreichen, um nur dies Elend vergessen zu machen.

Alma. In zwanzig Jahren bin ich ja alt.

Robert. Alt? – Was tut das? Für uns beide gibt es auch heute keine Jugend mehr!

Alma. O Gott!

Robert (in Erregung aufspringend). Hab keine Furcht. Wir werden zusammenbleiben. Wir werden uns in irgendeinen Winkel verkriechen, wie's gehetzte Tiere machen. Ja, das sind wir... Man hat uns lustig gehetzt und zerfleischt... (Alma sinkt mit dem Gesicht auf den leeren Sitz zurück.) Siehst du, nur wir einander können uns heilen... Du mich und ich dich. (Für sich.) Wie sie daliegt! Heiliger Gott, mir wird immer klarer, was zu tun ist. – Die Kinderseele, die er in den Schmutz getreten hat, kann er mir nicht wiedergeben, und andere Genugtuung brauch ich nicht!... Alma!

Alma (sich aufrichtend). Was?

Robert. Du liebst ihn wohl sehr?

Alma. Wen?

Robert. Wen? jenen!

Alma. O ja!

Robert. Und wenn du ihn ganz verlierst, – fühlst du, daß du dran zugrunde gehen würdest?

Alma. O nein!

Robert. So ist's recht... Sei hübsch tapfer... Man lernt vergessen... Man lernt's... (Setzt sich.) Vor allem wirst du wieder arbeiten. Daß es mit dem Singsang zu Ende ist, versteht sich von selbst. Du hast die Schneiderei gelernt... Die nimmst du wieder auf. Nur in ein Geschäft gehst du nicht mehr zurück... Dort gibt es Verführung und schlechtes Beispiel.

Alma. Ach ja, die Mädchen sind zu schlecht.

Robert. Man soll niemand mit Steinen werfen. – Und am wenigsten du! Wohin wir ziehen, weiß ich noch nicht. – Ich bring's nicht über mich, unsere alten Eltern zu verpflanzen, sonst nähm' ich Euch mit mir – ganz egal wohin – bloß weit, weit weg, wo du nur mir gehörst. – Mir und der Arbeit. – Denn das kannst du mir glauben: Ein volles Müdewerden ist schon ein halbes Glücklichsein. – Die Eltern werden natürlich bei uns wohnen. Und du sollst mir helfen, für sie zu sorgen. – Neben der Schneiderarbeit wirst du waschen und kochen. – Wirst sie pflegen und ihre Launen ertragen. Willst du das?

Alma. Wenn du willst.

Robert. Nein, du mußt wollen. – Mit freudigem Herzen. Sonst ist kein Segen dabei. – Ich frag dich noch einmal: Willst du?

Alma. Ja. – Von morgen ab will ich alles. –

Robert. So ist's recht. – Aber warum erst von morgen ab und nicht schon heute?

Alma. Weil ich heute noch –

Robert. Was denn?

Alma. Ach bitte, bitte!

Robert (freundlich). Heraus damit!

Alma. Ich möchte – heute noch – gar zu gerne – auf den Maskenball gehen.

(Langes Schweigen. Stummes Spiel... Er steht auf und geht im Zimmer auf und nieder.)

Alma (aufstehend). Ja, darf ich?

Robert. Rufe die Eltern! –

Alma. Also ich darf nicht? (Weinerlich.) Nicht einmal das? Nicht einmal zum Abschied soll man ein kleines Vergnügen haben?

Robert. Weißt du, was du sprichst? Du – – –

Alma (trotzig). Ich weiß janz jut, was ich spreche... Ja, bin jar nicht so dumm! Ich kenn das menschliche Leben... Warum haste dich so?... Ist das nicht ein Unsinn, daß man hier sitzen soll wegen jar nicht? – Kein' Sonn', kein Mond scheint rin in so 'nen Hof. – Und rings um einen klatschen se und schimpfen!... Und keiner versteht was von Bildung... Und Vater schimpft und Mutter schimpft... Und man näht sich die Finger blutig!... Und kriegt fünfzig Pfennig pro Tag... Das reicht noch nicht mal zu's Petroleum... Und man ist jung und hübsch!... Und möcht jern lustig sein und hübsch angezogen jehn... Und möchte gern in andre Sphären kommen... Denn ich war immer fürs Höhere... Ja, das war ich... Ich hab immer gern in de Bücher gelesen... Und wegen's Heiraten! Ach, du lieber Gott, wen denn? – So einen Plebejer, wie sie da hinten in de Fabrik arbeiten, will ich jar nich... Der versäuft doch bloß den Lohn und schlägt einen... Ich will einen feinen Mann, und wenn ich den nicht kriegen kann, will ich lieber jar keinen... Und Curt ist immer fein zu mir gewesen... Da hab ich keine ruppigen Worte gelernt... Die hab ich hier im Haus gelernt. Und ich will raus hier. Ich brauch dich überhaupt nicht mit deine Wachsamkeit... Mädchen, wie ich, jeht nich unter!

Robert (will auf sie los, besinnt sich aber). Rufe die Eltern!

Alma. Und jetzt frag ich Vatern, ob ich nicht... (Da er drohend auf sie zustürzt.) Ja, ja, ich geh schon! (Ab.)

Robert (allein). So. – Also das ist sie! Ah, was für ein weichlicher Narr ich war!... Fing schon an, mir diese Gemeinheit mit Wehmut und Poesie zu überzuckern. – Das kann Verführung nicht!... Das hat im Blut gelegen. So, jetzt heißt's handeln. Pietätlos – roh, meinetwegen. – Sonst ist alles verloren! –

Fünfte Szene

Robert. Heinecke. Frau Heinecke. Alma.

Frau Heinecke (Alma vor sich herschiebend).

Heinecke (mit vollen Backen). Diese Unverschämtheit!

Frau Heinecke. Maskenbälle kosten Jeld. Jetzt wird ze Hause geblieben.

Heinecke. Hast du meinen Fluch verdient oder nich? Ick verfluch dir doch noch mal, du Kröte!

Robert. Alma, geh hinaus. Ich habe mit den Eltern zu reden.

Frau Heinecke. Und schlampe nich so rum... Zieh dir ein Kleid über. Das Jraue mit de Flicken.

Alma. Das Olle?

Heinecke. Raus!

Frau Heinecke. Und daß du mir keinen Kaffee trinkst. Na, na, heule nich! (Leise.) Er steht auf 'n Herd! (Alma ab.)

Sechste Szene

Heinecke. Frau Heinecke. Robert.

Robert. Vater, Mutter – seid mir nicht böse – Ich muß Euch – in Euerm Leben muß – und wird – eine große Umgestaltung vor sich gehn.

Heinecke. Was is los?

Robert. Ich habe mich überzeugt, daß Alma rettungslos verderben muß, wenn sie nicht in Verhältnisse gebracht wird – die nicht einmal die Möglichkeit zu einer Rückkehr in ihr bisheriges Leben gestatten. – Aber was soll aus Euch werden? – Allein dürft Ihr hier nicht bleiben... Sonst würdet Ihr der Gier der Michalskis zum Opfer fallen. – Kurz und gut... Ihr müßt mit mir gehn...

Frau Heinecke (entsetzt). Nach Indien?

Robert. Ganz egal, wohin. Vielleicht auch nach Indien. Der Einfluß Trasts reicht weit. Wir sind in der Lage, wählen zu können.

Heinecke (trotzig). Wenn schon, denn jleich nach Indien.

Frau Heinecke. Mir geht der Kopf auseinander.

Robert. Es wird Euch schwer... Ich seh ja das ein. Aber verzagt nicht. Es scheint nur so schlimm. Man lebt in den Tropen tausendmal bequemer, als daheim. Ihr werdet Diener haben, so viel Ihr wollt.

Heinecke. Potz Dausend.

Robert. Und Euer eigenes Haus!

Heinecke. Und Palmen?

Robert. Mehr als Ihr brauchen könnt.

Frau Heinecke. Und die schönsten Siedfrüchte pflückt man sich von de Bäume?

Robert. Man läßt sie sich pflücken.

Frau Heinecke. Und kosten nischt?

Robert. So viel wie nichts.

Heinecke. Und die Popejeien fliegen so rum? Und die Affen – Wie im Zoolog'schen?

Robert. Also Ihr willigt ein?

Frau Heinecke. Wenn du meinst, Vater?

Heinecke. Na, also meinetwegen – wir kommen mit!

Robert. Ich dank Euch! – Ich dank Euch! (Beiseite.) Gott sei gelobt, daß ich sie nicht zu zwingen brauchte! (Laut.) Und nun keine Zeit verloren! Wo ist Feder und Papier? (Heinecke kratzt nachdenklich den Kopf.)

Frau Heinecke. Alma hat sie wohl! (Sie geht in die Kammer.)

Heinecke. Natürlich. Die schreibt ja immerzu Briefe. (Schließt die Ofentür.)

Robert (für sich, mit einem Seufzer der Erleichterung). Ah! – Nun bin ich doppelt begierig auf die Genugtuung, die er anbieten wird, und die ich – ablehnen werde. – Ablehnen, wie das Duell. – Sie werden mich feige und ehrlos schelten! Ach, was! Ich brauche ihre Ehre nicht, ich habe den Meinen Brot zu schaffen.

Frau Heinecke (zurückkehrend). Auf 'n Tisch ist alles zurechtgelegt. – Oder willst du hier –?

Robert. Nein, nein! Dort bin ich ungestört!

Frau Heinecke. Du siehst müde aus. Du solltest ein Stündken ruhen.

Robert (schüttelt den Kopf). Wenn Herr Mühlingk junior Nachricht sendet – oder sich selbst bemüht, so ruft mich. (Ab.)

Siebente Szene

Heinecke. Frau Heinecke.

Frau Heinecke (auf einen Stuhl sinkend). Nach Indien!

Heinecke. Uns alte brave Leute rund um die Erdkugel zu schleppen.

Frau Heinecke (zum Fenster zeigend). Herr Jeses!

Heinecke. Was jibt's?

Frau Heinecke. Michalskis.

Heinecke. Was? Die! (Knöpft den Rock zu.) Die sollen mir kommen.

(Es klopft.)

Beide (leise). Herein!


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