Rudolf Stürzer
Lustige Geschichten aus dem Wiener Leben
Rudolf Stürzer

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Glatteis.

Es war an einem jener Tage, an denen die Zeitungen unter der Spitzmarke »Ausstreuen!« Brüche von Unterschenkeln und Armspeichen, Ellbogensplitterungen und Blutbeulen am Hinterhaupte, nebst, Namen, Alter und Wohnort der Verunglückten verzeichneten, als ich in sternenklarer Frostnacht nach Hause strebte. Jawohl: strebte, nicht ging, denn es war ein Streben, kein Gehen, wo bei jedem Tritt einmal das linke, gleich darauf das rechte Bein entweder seitwärts ausbog oder blitzartig vorwärtsschnellte und heftige Armsteuerungen das Gleichgewicht nur mühsam zu wahren vermochten. Kurz vor meinem Sehnsuchtsziele machte die Straße ein Knie, und das war die gefährlichste Stelle, denn der Gehweg war blankgefegt, und die Pflastersteine glitzerten im silberigen Schmuck des Rauhfrostes.

Langsam, Schuh vor Schuh, pürsche ich mich heran – und richtig: da liegt auch schon einer! Mit halbem Rücken an der Mauer, die Beine weit von sich gestreckt, die Ellbogen als Stützen eingestemmt.

Ueberall anderswo zieht bei solchem Anblick warmes Mitgefühl und Helfensdrang ins Herz des noch aufrecht Stehenden, aber in einer Weltstadt, noch dazu in einer Gegend, wo seit Menschengedenken kein Wachmannstiefel auf dem Pflaster klang, zu einer Zeit, wo etliche Kirchturmuhren »klein« schlagen und der halbe Glühstrumpf einer ruhmredig reaktivierten Vorkriegslaterne trübselig ins Schwarze blinzelt, da geht es mit der Wärme und dem Drange nicht so rasch . . . na ja, man hat ja Beispiele von schlechtem Lohne! Man hilft, zerrt, hebt und stützt den gefallenen Menschenbruder, und daheim erspart man sich dann das Aufziehen der Uhr oder das Nachzählen der Barschaft. Nein, nein, Nächstenliebe in allen Ehren, aber sie ist nicht die Mutter der Weisheit.

Schuh vor Schuh pürsche ich mich um die fremden Beine herum, da hebt der Menschenbruder gar jämmerlich zu flehen an:

»Gengan S', liaba Herr, helf'n S' ma do auf, Sö werd'n mi do da net lieg'n lass'n woll'n . . .«

»Können Sie denn nicht selber aufsteh'n?«

»Aber – wann i 's kunnt, war i schon lang auf und hätt' dem Hausmasta die Darm aussagriss'n!«

Ich beuge mich zu ihm herab, lauer Weindunst schlägt mir entgegen und verscheucht die Mutter der Weisheit. Bacchusdiener sind brave Leute, außerdem auch ziemlich wehrlos.

Ich stemme den einen Fuß in eine Pflasterritze, den andern an die Hausmauer und beginne das Hilfswerk. Der andre hilft theoretisch mit.

»Wart'n S', liaba Herr – wann S' mi zu d'r Mauer schiabn könnt'n, daß i auf mein – no, Sö wiss'n 's schon – daß i auf eahm sitz'n kunnt, dann kräullat i schon auf, aber so rutsch' i mit die Füaß immer aus – aber den Hausmasta, wann i d'rgleng, meiner Seel, der g'hört mein! A so a krauperter Kerl, net aufstrahn bei so an Glatteis, die Pflasterstana san ja so heil, als wann s' mit Saf eing'schmiert warn. . . . So, jetzt geht's schon – wart'n S', Herr, da nehman S mein Schal und leg'n S' ma 'hn unter d' Füaß, wissen S', wia bei die Roß, wann ans niederg'fall'n is. . . . So und jetzt san S' no so guat' und drahn S' mi a bißl auf d' linke Seit'n, d'r rechte Arm is ma eing'schlaf'n, – – so – – Sö san a guata Mensch, dös siacht ma schon – so, bitt' schön, zahrn S' jetzt nur fest an, i halt' mi schon an der Mauer an, wann i nur amal auf die Knia bin! . . . Aber den Hausmasta, den läut' i ma aussa und reib' eahm ane, daß eahm die Gatihos'n bei die Knia oreißt! . . . Net aufstrahn, na, net aufstrahn!«

Mit Schal und Mauer als Hilfsmittel gelang es endlich auch meiner Kraft, den Menschenbruder auf die Beine zu stellen. Vorläufig wandte er das Gesicht noch der Mauer zu, an der die Hände nach festem Halt suchten.

»I dank' Ihna recht schön, liaba Herr, i dank' recht schön . . . . 's höchste Unglück kann g'scheh'gen, weg'n so an Fallot'n von an Hausmasta, is net wahr? A Gehirnscherüttung – sehr guat, was? Jetzt kann i dös gar net aussprech'n – vielleicht hab' i ma do was tan! Aber dann gfreu di, du Mistviech von an Hausmasta, i wir dir's Aufstrahn lerna! – Gengan S' Herr, san S' so freundli und helf'n S' ma beim Umdrahn, i trau mi no net aufz'treten, i kunnt wieder ausrutsch'n – leg'n S' nur den Schal no amal hin! . . .«

Nun stand er mit dem Rücken an der Mauer, neuer Lebensmut zog in sein Herz.

»Soll i jetzt anläut'n und den Hausmasta da vor Ihna ausbanln?«

»Aber nein, vielleicht kommt ein Wachmann, dem können Sie . . .«

»I bitt' Ihna, hör'n S' ma mit d'r Polizei auf! Glaub'n S' dö traut si an Hausmasta was z' sag'n? Wann d'r Wachmann anläut' und sagt dem Ruach was wegnan Aufstrahn, wiss'n S', was d'r Hausmasta dann zum Wachmann 45 sagt? No, Sö könnan's Ihna eh denk'n, net wahr? – Ja, ja, das sagt er, d'r Hausmasta! Und der Wachmann muaß oziagn, d'r Hausmasta is heut' mehr als die Polizei! Die Polizei schafft eahm 's Aufstrahn – no, und straht ana auf? Na! und rührt si die Polizei? Na! Wiss'n S', Herr i bin i a Urganisierter, weil dös sein muaß, denn sunst fress'n uns die Kapitalisten – Sö san ja eh kana –, aber sunst machat'n s' aus uns, was woll'n – a Urganisation muaß sein, aber so a Hausmasta, der net aufstraht, der g'hört mit an Haslinger so lang g'haut, bis eahm d' Milz sauer wird! – I waß net – aber i läut' do an!«

»Aber lassen Sie's geh'n, die Hausmeister sind jetzt halt auch organisiert und lassen sich nichts d'reinred'n. . . .«

Der Mann beginnt nachzudenken, ich hebe den Schal auf und will ihn ihm in die Hand geben, da braust er auf:

»A freili, urganisiert! Was haßt urganisiert? Daß si die andern die Hax'n brech'n oder den Schädl ausananda hau'n? Na, mei liaba Herr, dös is ka Urganisation, wiss'n S', mei Vata war aa a Hausmasta, aber da hat's nix geb'n, um a zwa bei d'r Nacht hat d'r Wachter ang'läun't, und d'r alte Mann hat aussa müass'n aus sein warma Bett, und hat aufstrahn oder wegkihrn müass'n, sunst is er g'straft wurd'n – und da hat's kan Hausmasta in ganz Wean geb'n, der net aufgstraht hätt'. Sechg'n S', dös is a Urganisation, aber net nur 's Spirrgeld einsteck'n und 's Reinigungsgeld – wo is denn da was von ana Reinigung, han? I siech nix, i bin dag'leg'n, und wann Sö net daherkumma und mir helf'n, kann i dafrier'n, weil d'r Hausmasta a gnädiger Herr is und net aufstrahn will, und die Polizei traut si eahm nix z'sag'n! Dös war halt früher do net, da hat a jeder Hausmasta im ganz'n Haus um an Asch'n bett'lt zum Aufstrahn, weil si a jeder a G'wiss'n d'raus g'macht hätt', wann si aner an Fuaß oder an Arm bricht weg'n seiner, aber jetzt? Hat so a Hausmasta überhaupt no a G'wiss'n? Na! Sunst tät er aufstrahn, aber so a Kramp'n hat's ja net notwendig, er geht selber net aussa, liegt schön im Bett bei seiner Alt'n und kann si nix brech'n, aber 's Reinigungsgeld g'fallt eahm, was?«

»Na ja, es ist vieles anders word'n als früher, da kann man nichts mach'n. . . .«

»Jawohl, dös is a wahr's Wort, Herr! Aber muaß ma si dös g'fall'n lass'n? I net, i mirk ma dös Haus schon, und wann i den Hausmasta d'rgleng, hat er ausg'schlaf'n bei seiner Alt'n!«

»Also probier'n Sie's jetzt, ob Sie geh'n können.

Ich stütze ihn unterm Arm und es kommt eine Art schleifender Fortbewegung zustande.

46 »Wiss'n S', wann ma nur amal von dem Diabspflaster weg san, dann geht's schon, weiter vurn is a Schnee, da rutsch i dann nimmer, aber recht hab'n S', Herr, wann S' sag'n, daß früher anders war! Hat 's denn das früher geb'n, an so an Saustall, daß net wegkihrt wurd'n is und net aufg'straht? Wann mei Vater jetzt aufstehert, der möcht' so kane Aug'n mach'n. . . .«

Ich bin bei meinem Haustor, da beginnt wieder der Schneebelag.

»Ja, ja, nicht nur Ihr Vater, auch alle andern täten Augen machen . . ., aber können Sie jetzt allein geh'n?«

»Ja, ja, jetzt geht's schon . . ., also i dank' Ihnen recht schön, wann Sö net g'wesn war'n, i waß net, was aus mir wurd'n war – also guate Nacht!«

Er macht ein paar Schritte, ich sperre das Haustor auf, da reißt es ihn noch einmal herum, er kommt auf mich zu, legt die Hand auf meine Schulter, und aus dem lauen Weindunst flüstert er vertraulich aufmunternd in mein Ohr:

»Geln S' ja, Herr – mir könnan S' es ja sag'n – geln S' ja, Sö san aa a Monarchist. . . .«

 


 


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