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VIII.

Auf der Sonnabend-Börse war das Gerücht über die Zahlungsschwierigkeiten van Looks entstanden und sickerte im Laufe des Nachmittags langsam von der Burgstraße aus durch die Stadt.

Zunächst nur in die engsten, der Finanzwelt am nächsten stehenden Kreise. Auf dem Rennplatz in Charlottenburg fand es diesmal nicht den richtigen Nährboden. Denn das scheußliche Wetter hatte die Zahl der Besucher auf ein Minimum reduziert. Aber in den Wiener Cafés, in der Passage, oben bei Bauer und im Kaiserhof konnte man schon in den frühen Abendstunden an den kleinen Tischchen, wo die Grundstückschlächter und Häuserspekulanten, die Geldmänner und Börsenjobber saßen, aufgeregt davon zischeln und flüstern hören.

Von da kroch das Gerücht schwerfällig und lautlos wie eine Schlange weiter in das »Theater an der Spree«, dessen Première wie gewöhnlich die halbe Börse angelockt hatte. Man sah bleiche Gesichter. In den dichtgefüllten Logen, in dem lichtstrahlenden Foyer wurde gedämpften Tones vielfach von ganz anderen Dingen als den Vorgängen auf der Bühne gesprochen, da und dort sah man fragend von einer Loge in die andere hinüber, man erhielt ein Achselzucken zur Antwort, man nickte sich zu und neigte sich wieder flüsternd zum Ohr des Nachbars.

Das, was in dieser sonst so günstigen Umgebung das Gerücht wieder zu ersticken drohte, war die Thatsache, daß sich van Look selbst im Theater befand. Für einen irrsinnigen Preis hatte er beim Billethändler drei Vorderplätze in einer Proszeniumsloge besorgt. Die Stühle rechts und links blieben leer, so daß er, der auffällig in der Mitte saß, durchaus gesehen werden mußte.

Sein Gesicht war unbeweglich wie immer. Er verfolgte mit Interesse den Verlauf des Stücks, beteiligte sich am Applaus, musterte in den Zwischenakten, mit dem vorgehaltenen Theaterzettel ein Gähnen verbergend, durch das Opernglas die Damentoiletten und winkte da und dort einem Bekannten einen leichten Gruß mit der Hand. Kurzum, er zeigte eine eiserne Haltung und das Bankerott-Gerücht, das wesenlose Gespenst, das seit Stunden hinter ihm herschlich, schien ihn immer noch nicht erfassen zu können, sondern ihn unsicher und gierig wie ein feiges Raubtier zu umkreisen.

Kurz vor Beendigung der Vorstellung verließ er das Haus und befahl dem Kutscher, ins Eden-Theater zu fahren. Der Engländer machte ein sehr dummes Gesicht, während er die Pferdedecken zusammenrollte. Er begriff nicht, was sein Herr um zehn Uhr Abends im Eden-Theater zu suchen hatte.

Gleich darauf quoll mit den Strömen der Besucher auch das unheimliche Gerücht aus den Pforten des Bühnentempels. Es strömte mit ihnen in die Weinstuben, die Clubs und Cafés, es verirrte sich sogar in die Bräus, um da freilich alsbald in dem ekelhaften Bier- und Cigarrendunst, dem Lärmen und wiehernden Auflachen unterzugehen; vor allem aber rieselte es lautlos in zahllosen Bächen auseinander in die Zeitungsredaktionen.

Dort war um diese Stunde alles klar zum Gefecht. Weitaus der größte Teil der Morgen-Ausgabe stand natürlich schon im Satze fertig, aber immer noch rannten die Druckerjungen mit den Depeschen, die sofort in Streifen zerschnitten in den Setzer-Raum wanderten, und liefen die Reporter aus und ein.

Das war ein böses Ding mit solchem Gerücht und guter Rat teuer. Die Handelsredakteure wußten ja schon seit dem Mittag davon, aber erst jetzt, wo Anfragen und Berichte sich drängten, trat man der Frage der Veröffentlichung näher. Natürlich bringt man gern das allerneueste, die Ereignisse von übermorgen, aber mit Finanzdingen ist das eine kitzliche Sache. Niemand stößt gern eine Börsengröße vor den Kopf, manche der Beteiligten hatten sogar ihre dringendsten Gründe, es nicht zu thun ... und vor allem: bestätigte sich die Kunde nicht, dann riskierte man einen Prozeß und einen hohen Schadenersatz an die geschädigte Firma!

Diese Erwägung war entscheidend, überall! Man beschloß, bis zum Montag zu warten, und als die Mitternacht schlug und die Druckerei-Gebäude unter dem Stampfen und Rasseln der Rotationsmaschinen zu zittern begannen, da enthielt der Stereotypsatz kein Wort von dem bevorstehenden Konkurs des Bankhauses van Look und Compagnie.

Für van Look war dies insofern ein zweifaches Glück, als der nächste Tag ein Sonntag war. Da findet keine Börse statt, es erscheinen keine Kurs-Zettel, man trifft sich nicht wie in der Woche in den Cafés und Restaurants. Für eine wankende Firma sind solche vierundzwanzig Stunden oft ein unersetzlicher Gewinn.

Das sagte sich auch van Look, während sein Wagen durch die nächtlichen Straßen rasselte. Am Sonntag Morgen mußte der Brief, den er erwartete, eintreffen. Brachte er ihm die ersehnte Hilfe aus London, schwiegen die Zeitungen bis dahin, dann konnte er wohl ...

Der Wagen hielt in kurzem Ruck. Das Edentheater lag vor ihm.

Die Vorstellung war schon längst zu Ende. Aber trotzdem schimmerte noch Licht an zahlreichen Fenstern des Gebäudes und drang Musik und Gesang aus dem Innern hervor.

Es war eine Wiederholung der Generalprobe des Ausstattungs-Vaudevilles »Satanella« die beim ersten Mal nicht nach Wunsch ausgefallen. Morgen, am Sonntag-Abend, sollte die Erstaufführung stattfinden; es konnte also an demselben Vormittag nur eine kurze Rekapitulation der Rollen im Straßenanzug von den Darstellern verlangt werden.

Aus diesem Grunde hatte man sich zu der nächtlichen Generalprobe entschlossen. Darüber wurde zwar da und dort gemurrt, aber eigentlich fand doch niemand etwas Rechtes daran auszusetzen. Bis zum Theaterarbeiter darunter kannte man ja den erbitterten Kampf ums Dasein, der in der Berliner Bühnenwelt sich ununterbrochen abspielt, und wußte man, daß die Premiere entscheidend für die Zukunft des Theaters und aller darin Angestellten war. Da hieß es denn freilich, vor der Premiere alle Kräfte zusammenzuraffen und einmal eine Nacht auf den Schlaf zu verzichten. Und das umsomehr, als innerlich alle Welt von dem großen Erfolge des Vaudevilles überzeugt war.

Übrigens hatte auch die Direktion zu der nächtlichen Probe das Ihrige gethan. Etwas seitlich war im Bühnenraum ein Büffet für die Solisten aufgestellt, auf dem kalter Imbiß, Cognac- und Selterwasserflaschen prangten. Ein Fäßchen Münchener Bier lag daneben. Auch Chor und Comparserie erhielten mit Vorsicht Freibier, das aus dem Tunnel unten geholt wurde.

Es war eine schlechte Luft in dem Theater. Der ganze Menschendunst der vorhergegangenen, leidlich besuchten Vorstellung lag noch darin; nur die Hitze hatte etwas nachgelassen. Das Haus war mäßig, wie während einer Aufführung beleuchtet; die Bühne strahlte im hellsten Lichtschein.

Einen seltsamen Anblick bot das Parkett. Es war, als ob da ein Fastnachtsball abgehalten werden sollte. Die Bänke waren ziemlich dicht, namentlich in der Mitte, von allerhand Leuten besetzt, die »zum Bau« gehörten oder wenigstens glaubten, sich dazu rechnen zu dürfen. Da saßen die Angehörigen der Mimen, die Lieferanten und Ouvriers, der Pächter des Biertunnels mit seiner Familie und ein paar Freunden, weiter nach hinten hin Haufen von Garderobièren Nähterinnen, ganze Schwärme von Theaterkindern, die, erst in der Apotheose am Schluß beschäftigt, müßig mit den Beinen schlenkernd und halboffenen Mundes auf die Bühne starrten; da und dort ein Kellner in schmierigem Frack.

Von den vorderen Parkettreihen hielt sich diese misera plebs respektvoll fern. Da saß der Herr Direktor, den Maschinenmeister und die Regisseure neben sich. Die dicken Schweißtropfen liefen über sein rotes, freudeglänzendes Gesicht. Hinter ihm ein paar Theater-Agenten und einige Reporter, die sich durch krampfhaft fortgesetzte Reklame-Notizen Einlaß verschafft hatten. Der Kapellmeister saß mit dem Rücken gegen die Bühne auf seinem Stuhl und sah ziemlich stumpfsinnig, den Kopf auf die Hand gestützt und mit dem Taktstock wippend in das Parkett hinein.

In dessen linkem Gange lehnte an der Brüstung einer Loge der Polizeileutnant des Reviers, dem die Sache viel Spaß zu machen schien, wenn er schon in dienstlicher Eigenschaft da war. Er blickte mit verstohlenem Lächeln auf den phantastisch geputzten Märchen-König herunter, der die Krone von Goldblech auf der Perrücke, neben ihm auf dem ersten Parkettplatz saß und eben bedächtig eine Prise nahm. Hinter ihm saßen zwei kleine Teufelchen. Mädchen von etwa fünfzehn Jahren, in feuerroter Tracht, die die Beine übereinander geschlagen hatten und sich eifrig in die Ohren wisperten.

Und ähnliche fremdartige Gestalten blinkten da und dort im Zuschauerraum, denn da das Vorspiel des Stückes nur einige Solisten, namentlich die Ernesti, beschäftigte, so benutzten die übrigen Mitwirkenden die Gelegenheit, sich wenigstens einen Teil des Vaudevilles vom Parkett aus anzusehen und namentlich die große Wandeldekoration am Schluß des Bildes zu bewundern. – Da unterhielt sich ein auffallend bösartig aussehender Mephisto in unverfälschtem Lerchenfelder Dialekt mit ein paar Nonnen; eine schöne, von Kopf zu Fuß in Weiß gekleidete Fee hatte neben einem Agenten Platz genommen und sprach eifrig auf ihn ein, zwei flotte weibliche Husaren, denen der Säbel immer zwischen die Kniee geriet und die Sporen in einander hängen blieben, drängten sich auf den Fußspitzen durch eine Parkettreihe, ein dicker Mann in der Tracht eines Bürgermeisters aus dem 18. Jahrhundert, mit einer Halskrause angethan einen Knaufstock in der Hand, sah ihnen wohlgefällig nach.

Auf der Bühne aber, hinter den Kulissen, saß eine ganze Reihe ältlicher, als Furien, mit grauen Schleiern und Gewändern verkleideter Damen. Sie strickten eintönig schwatzend Strümpfe und nahmen ab und zu einen Schluck aus dem Bierseidel. Auch eines der vielen, sich überall herumtreibenden halbwüchsigen Teufelchen stellte sich dann und wann zu diesem Zweck ein. Die Amorettchen, die auf dem Boden herumkauerten, waren noch zu klein dazu, Geschöpfchen von acht bis zehn Jahren, aber schon mit dem Ausdruck altkluger Verderbtheit in den Blicken. Viele von ihnen waren eingeschlafen, andere schauten halb geistesabwesend aus den großen Kinderaugen um sich. Man sah, wie es sie in der späten Nachtstunde nach ihrem Bett verlangte.

Van Look hatte sich eine Parkettloge aufschließen lassen und nahm müde darin Platz. Er hatte Erna versprechen müssen, in die Generalprobe kommen und ihr Kostüm, namentlich aber ihre Couplets zu bewundern. Aber eigentlich interessierte ihn die ganze Sache sehr wenig. Das ausgelassen heitere, dabei mehr als bedenkliche Stück langweilte ihn trotz der prickelnden Walzermelodien und der prächtigen Kostüm-Aufzüge, der Direktor mit seiner unterwürfigen Vertraulichkeit und seinen plumpen Manieren war ihm zuwider und vor allem ... er hatte andere Dinge im Kopf, Dinge, die er niemandem erzählen, niemandem andeuten durfte.

Seit mindestens einer Woche hatte er kaum mehr geschlafen. Er war müde bis zum Umfallen. Aber er wußte, daß er die Ruhe nicht finden würde, wenn er in seine prächtige Wohnung heimkehrte, in sein Schlafgemach, von dessen hoher Decke eine blaue Ampel ihren milden Schein über die persischen Teppiche und Vorhänge, das breite geschnitzte Bett und die kostbaren Bilder an den Wänden warf. Er würde sich wieder ruhelos umherwälzen wie die vergangenen Nächte, er würde wieder aufstehen und sich an den Schreibtisch setzen, um beim flackernden Kerzenlicht zu rechnen und wieder zu rechnen, er würde dann wieder Cigaretten rauchend durch die Räume irren, um am anderen Ende der Zimmerflucht mit neidischem Grimm aus dem anstoßenden Gemach das sonore Schnarchen seines Kammerdieners zu vernehmen, er würde sich endlich wieder auf sein Lager werfen und wachen Auges in die Dunkelheit starren, während neben seinem Bette die Frau Sorge sitzt und strickt und strickt ...

Nein ... dann schon lieber hier! Er legte sich in den Stuhl zurück und sah auf die Bühne. Wie Traumbilder zogen da allerhand leuchtende Gestalten an seinem Auge vorbei, sie sangen und sprangen, eine einschmeichelnde Musik tönte melodisch dazwischen, die Kulissen flimmerten in buntem Wirrwarr und immer neue Menschen strömten grell geputzt aus ihnen heraus, sie mischten sich unter die andern, der Gesang wurde voller, die Klänge aus dem Orchester reicher ... wie eine bunte, klingende Scheibe begann es sich vor van Look zu drehen ... er ließ den Kopf nach vorn sinken und schlief ein ... jenen tiefen, traumlosen Schlaf, der einer gewaltigen seelischen Erschütterung folgt.

Auf der Bühne ermahnte der Direktor seine Leute, sich zusammenzunehmen, um vor dem Herrn van Look, der ihnen die Aufführung des Stückes ermögliche, Ehre einzulegen, und in den Pausen zwischen dem Tanzen und Singen richtete sich manches neugierige Auge nach der Parkettloge, in deren Finsternis man nur undeutlich die Umrisse einer menschlichen Gestalt erkennen konnte.

Wenn sie geahnt hätten ... die kleinen Balletteusen, die Mimen und Sänger, die Ernesti selbst, daß sie mit all ihrer Kunst dem armen Millionär nur das Eine schenken, was die Natur dem geplagten Ackerknecht mit vollen Händen spendet, – ein paar Stunden erquickenden Schlafs! Sie kamen ihm teuer zu stehen, die paar Stunden. All der Prunk und die Flitterherrlichkeit die da auf den Brettern vor seinen geschlossenen Augen vorbeizog, verdankten ja seiner Börse ihr Entstehen. Aber gern hätte er noch mehr, hätte er, was man verlangte, gegeben für diese kleine Spanne der Ruhe, des Vergessens.

Die Kunde von seinem drohenden Sturz war natürlich noch nicht bis hierher gedrungen, die Ernesti ausgenommen. Die anderen konnten es erst erfahren, wenn sich die Zeitungen des Stoffs bemächtigten und dann plötzlich der Skandal emporlohte, wie ein langsam fortglimmendes Feuer, das der belebende Lufthauch trifft.

Erst gegen ein Uhr Nachts erwachte van Look, von dessen Thüre der Logenschließer jeden Besuch mit der Bemerkung, der Herr wolle nicht gestört sein, abgewiesen hatte, und sah einen Augenblick verdutzt um sich. Er wußte nicht recht, wo er sich befand. Dann schaute er auf die hellerleuchtete, menschenwimmelnde Bühne. Man war bei der Schluß-Apothese angelangt. Das Paukengetöse und Trompetengeschmetter des Orchesters hatte ihn geweckt.

Eilig erhob er sich, warf einen flüchtigen Blick auf das Parkett, wo alles aufgesprungen war und enthusiastisch applaudierte, und verließ eilig, um den Moment, bevor man ihn noch stören konnte, zu benutzen, seine Loge. Draußen drückte er dem tief dienernden Bewacher seines Schlummers ein Zehnmarkstück in die Hand und schritt auf die Straße.

Er fühlte sich erfrischt und gekräftigt. Die kalte Nachtluft that ihm wohl. An ein paar Passanten vorbeigehend, die neugierig nach dem erleuchteten Theater starrten, gab er seinem Wagen einen Wink, nach Hause zu fahren, und schlenderte zu Fuß weiter, ziellos das Trottoir entlang.

In seine Wohnung zurückzukehren, brachte er nicht über sich. Er wußte doch, daß er bis zum Morgengrauen im Zimmer auf- und niederlaufend auf jenen Brief aus London warten würde, dessen Ankunft ihm telegraphisch angezeigt war. Wozu sich dieser Pein aussetzen? Da war es besser, Vergessenheit zu suchen und die Zeit totzuschlagen ... so oder so ...

Vor einem Nachtcafé des Potsdamer Viertels blieb er schließlich stehen, überlegte einen Augenblick und schritt hinein, durch die spärlich besetzten Vorderräume hindurch in die Hinterzimmer.

Hier waren die Tischchen mit grünem Tuch ausgeschlagen. Größere und kleinere Gruppen von Herren, saßen daran und spielten. Da wurde »geblefft,« dort »getippt«, an einem dritten Ort »gemauschelt«; das Pokern fand, da es die Behörde als Glücksspiel ansah nur mit Vorsicht statt. Eigentliches Hazard wurde, öffentlich wenigstens, des Wirts wegen vermieden.

Van Look kannte von der Börse her zahlreiche Anwesende. Er trat an den sogenannten Millionentisch, an dem in bunter Reihe Jobber, ein paar Rechtsanwälte, ein stark verbummelt aussehender Japaner, dann als Gros einige Schöneberger Terrainbesitzer, endlich ein Turfagent und andere fragwürdige Persönlichkeiten saßen, und nahm, teils verlegen, teils ehrerbietig begrüßt, Platz.

Zu anderen Zeiten wäre ihm die Gesellschaft viel zu gemischt gewesen. Aber was verschlug ihm das jetzt? Die Hauptsache war, daß er spielen konnte! Er ließ sich vom Kellner ein Cognacflacon und ein Glas kommen und begann zu pointieren.

Es war ihm lieb, daß er verlor, ja, er spielte absichtlich unbesonnen, aus Furcht, daß die anderen sonst allmählich das Jeu aufgeben würden. Die aber blieben kleben, Stunde um Stunde. Längst waren im Vorderraum die letzten Gäste verschwunden und die Flammen ausgelöscht, die Thüre geschlossen und die Kellner bis auf einen zu Bett ... die Spielergruppe blieb sitzen und starrte lautlos in die Karten, mechanisch gebend und abhebend, mischend und setzend, während draußen schon wieder der Himmel ergraute und das Pferdebahnklingeln, das Läuten der Bolleschen Milch-Wagen, Stimmengewirr und Droschkengerassel den neuen Tag verkündete.

Kurz nach acht Uhr Morgens hörten sie endlich auf. Van Look hatte, was er an barem Gelde bei sich trug, bis auf ein paar Thaler verloren. Es war ihm gleichgültig. Darauf kam es nicht an. Als er auf die Straße trat, schlug ihm ein dünner Sprühregen ins Gesicht. Ein vorübergehender Maurergeselle sah den feinen, übernächtigen Herrn halb scheu, halb verächtlich an. Ein verbissenes Lächeln umspielte seine groben Züge, während er weiter schritt.

Und alles umher arbeitete auf den Straßen, durch die van Look langsam dahinging. Die Gassenfeger waren in voller Thätigkeit, die Bäckerjungen und Fleischergesellen liefen von einem Haus zum anderen und scherzten mit dem Dienstmädchen, die den Korb am Arm in die Markthalle gingen. Scheuerfrauen arbeiteten auf dem Trottoir und in den Fluren, verschlafene Gäule zogen die Frühdroschken vorbei, die Ziehhunde vor den Gemüsewagen kläfften in ihrem Geschirr.

Überall Leben und Bewegung. Van Look kam sich unbehaglich gedrückt vor. Er beschleunigte seine Schritte und blieb gleich darauf wieder stehen. Eine geheime Angst hielt ihn von seinem Schreibtisch fern, auf dem, wie er wohl wußte, jetzt der schicksalsschwere Brief lag.

Endlich stand er im Corridor seiner Wohnung. »Ist die Post schon da?« frug er gleichgültig den Diener, der ihn den Paletot abnahm.

»Jawohl, gnädiger Herr ... mehrere Briefe... sie liegen in dem Arbeits-Cabinet ...«

Lange saß ihnen van Look schweigend und eine Cigarrette rauchend gegenüber. Endlich nahm er eine Schere und schnitt das Schreiben, dessen blaue Marke und Poststempel die Herkunft aus London verkündete, auf.

Es waren nur wenige Zeilen seines Onkels, des City-Millionärs Augustus T. van Look.

Ein böses Zeichen, daß er so kurz schrieb.

Der Bankier schloß nervös die Augen: dann richtete er sich auf und heftete mit raschem Entschluß seine Blicke auf das Blättchen Papier ...

»Du verlangst meine Hülfe, weil Du durch den Sturz von Lejeune Frères u. Co. in Paris in Zahlungsschwierigkeiten geraten bist.
Ich würde sie Dir gewähren.
Aber zugleich bittest Du, diese Hülfe zu beschleunigen, um die etwa zurückverlangten Depots auszahlen zu können.
Diese Depots sind mithin von Dir verpfändet oder sonst veruntreut.
Also bist Du ein Betrüger.
Mit Betrüger hat keinen Umgang, weder heute noch morgen, noch jemals

Dein Onkel
Augustus T. van Look.«

Das war das Ende!

Van Look warf den Brief auf den Tisch und stierte vor sich hin.

Eine Rettung gab es jetzt nicht mehr. Unmöglich konnte er im Laufe des Tages die Summen zusammenbringen, um auch nur dem ersten, am Montag zu erwartenden Kassensturm zu begegnen.

Und was dann?

Er sah eine kleine, mit dem Nötigsten ausgestattete Zelle vor sich, im Untersuchungsgefängnis zu Moabit. Und dann, fern vor den Thoren Berlins, einen finstern, sich weithin ausdehnenden Gebäudekomplex mit vergitterten Fenstern und Mauern.

Und er dadrinnen in Plötzensee, er, der blasierte Lebemann, in grauem Sträflingskleid mit kurzgeschorenem Haar.

Das war unmöglich.

Die Flucht?

Wohin? ... Er hatte noch etwas Vermögen in seinem Schreibtisch liegen; es mochten zwanzigtausend Mark sein.

Damit war nicht viel zu machen. Man mußte arbeiten in dem fremden Lande, ringen im Kampf ums Dasein, sich abhasten und mühen, in der ewigen Angst, ergriffen zu werden.

Blieb nur das eine!

Ihm war zu Mute, als fahre er von einem Maskenball nach Hause, während er dasaß und über seine Vergangenheit nachsann.

Ein bunter, vielbewegter Maskenball. Hübsche Mädchen waren dagewesen und schöne Frauen, Bajazzi hatten in Menge ihre Allotria um ihn getrieben und Ritter in klirrendem Blechpanzer gravitätischen Schritts seinen Weg gekreuzt. Mit durstigen Troubadouren hatte er gezecht, über pedantische Magister gegähnt, und da und dort einer leichtsinnigen Colombine oder Pierrette Schmeicheleien ins Ohr geflüstert.

Und nun ihn wirbelten die Paare, der Sekt perlte, jauchzend und träumend hüpften die Zigeunergeigen, und wenn sie einen Augenblick verstummten, dann war es ihm, als löste sich der bunte Schleier, der vor seinen Augen lag, als sähe er durch die flimmernden Kostüme, durch den ganzen Mummenschanz des Daseins hindurch, und was er sah, das waren arme, müde Menschen wie er, die in Flittertand und Sprüngen sich lustig zu gebärden versuchten.

Müde Menschen ..!... das war's! Einmal muß ein jeder Maskenball sein Ende nehmen. Man sehnt sich aus dem Fastnachtstrubel nach Hause in die Ruhe und Stille, man läßt sich im Corridor, wo die letzten Pärchen auf die Droschken warten, den Mantel reichen und tritt hinaus in die tiefe, klare Nacht ...

»Befehlen der gnädige Herr das Frühstück?« frug neben ihm der Diener.

Van Look schrak auf.

»Nein,« sagte er, sich erhebend, »nein ... ich gehe jetzt schlafen. Und daß mich niemand stört ... verstehen Sie ... niemand!«

»Sehr wohl!«

Der Diener ging. Es wurde still in dem Gemach. Vor den verhangenen Fenstern kreischten die Spatzen um die triefende Dachrinne und schritt ein reduziert aussehender Mensch auf der Straße gähnend auf und ab. Es war der Agent eines Privat-Detektive-Instituts, dem seit dem gestrigen Abend der geheime Auftrag zu Teil geworden war, den Bankier van Look zu überwachen ...


Gegen zwei Uhr Mittags bestand Graf Parsenow darauf, vorgelassen zu werden. Der Diener mochte sagen, was er wollte.

Er habe die anderen Herrschaften doch auch abgewiesen, meinte er achselzuckend, warum denn der Herr Graf durchaus ...

Allein Parsenow war nicht gesonnen, sich auf eine Unterhaltung mit dem Lakaien einzulassen. Er schob ihn zu Seite und trat in den Flur.

»Wo schläft Ihr Herr?« frug er kurz.

»Herr Graf ... auf Ihre Verantwortung ... ich kann nicht ...«

»Wo Ihr Herr schläft...?«

Parsenows Stimme klang drohend.

»Hier!« Der eingeschüchterte Diener bezeichnete ihm die Thüre. Der Besucher klopfte.

»Herr van Look!«

Keine Antwort.

»Herr van Look ... ich bin es ... Graf Parsenow! ...«

Keine Antwort.

Der Diener sah ängstlich auf. »Mein Gott ... sonst hat der Herr so einen leisen Schlaf ...«

»Herr van Look!« Der Graf stand lauschend an der Thüre. Dann wandte er sich plötzlich mit schwankender Stimme zu dem Diener:

»Merkten Sie nichts besonderes an Ihrem Herrn ... als er sich zur Ruhe legte ...?«

Und ehe jener antworten konnte, hatte Parsenow mit nerviger Faust die Thürklinke gefaßt und drückte durch einen starken Ruck mit Hand und Knie das verriegelte Schloß ein ...

Das erste, was er sah, war das Gesicht des Bankiers, der reglos auf dem Bett lag. Er kannte diese Gesichtsfarbe, dieses wächserne, durchschimmernde Gelb.

Und ein intensiver Geruch von bitteren Mandeln erfüllte den Raum.

»Blausäure...« sagte Parsenow halb in Gedanken vor sich hin.

Der Diener neben ihm schluchzte und gurgelte vor Schrecken.

Der Graf wandte sich ab: »Ihr Herr ist tot ... Blausäure-Vergiftung ... Schicken Sie nach seinen Verwandten und lassen Sie hier alles liegen, wie es ist ...«

»Mein Gott ... mein Gott!« stöhnte der unglückliche Lakai. Er starrte wie geistesabwesend vor sich hin. Dann plötzlich kam über ihn die normale Empfindung des Deutschen in kritischer Lage ... der Drang nach dem Schutzmann! Er lief mit schwankenden Knieen davon nach dem Hausthor zu.

Parsenow hütete sich wohl, allein in der Wohnung des Toten zurückzubleiben. Einen kurzen Blick warf er noch auf die schweigende Gestalt, dann knöpfte er seinen Mantel zu und trat auf die Straße, von der eben im Laufschritt ein Polizist mit dem Diener zusammen eindrang.

Gegenüber aber, neben dem reduzierten Privat-Detektivs, stand Krakauer und schielte mit dem Ausdruck eines bösen Raubtieres nach den verhüllten Fenstern.

»Waren Sie drin, Herr Graf?« schrie er und lief Parsenow bis über die Straße entgegen. »Wo?«

»Bei van Look ... mich hat er nicht vorgelassenI«

»Ja ... ich war drin ...«

»Und ... und ... wie geht's ihm?« frug Krakauer ängstlich.

»Danke der Nachfrage!« erwiderte Parsenow kühl, »dem Herrn van Look geht es gut ... recht gut!«

»Gott sei Dank ...« murmelte der Geldmann »... haben Sie lange mit ihm gesprochen?«

»Nein! ... ich habe gar nicht mit ihm gesprochen.« Parsenow sah sein Gegenüber fast belustigt an ... »Kein Wort ...«

»Ja ... warum denn nicht?«

»Weil Herr van Look überhaupt nicht mehr spricht. Er ist tot ... mausetot ...«

Daraufhin entstand eine längere Pause.

Der Geldmann rührte stumpfsinnig mit seinem Krückstock in dem Straßenkot ...

»Da sind 8000 Thaler flöten ...« sagte er endlich vor sich hin.

»Sie haben Wechsel auf van Look ...?«

»Ja ... für 8000 Thaler ...« Krakauers Stimme klang schmerzlich bewegt ... »seit gestern hab' ich ihn observieren lassen, um sicher zu gehen! aber ich dacht' es mir!«

»Na, das Geld können Sie sich sauer kochen lassen.« meinte Parsenow in grimmigem Spott, »oder hoffen Sie, daß doch ... doch noch etwas da ist?«

»Nichts!« Krakauer schüttelte verzweifelnd den Kopf«, ... glauben Sie mir ... nichts ... ein paar Prozent, wenns hoch kommt ...«

»Meinen Sie?«

»Das weiß ich ... 's ist doch ganz klar. So ein alter Fuchs wie van Look giebt sich nicht geschlagen, so lange er noch halbwegs Geldmittel zur Verfügung hat.«

»Da haben Sie recht ...«

»Apropos!« Krakauer sah ihn mißtrauisch an ... «Sie sind doch auch dabei beteiligt ... ich meine, Frau von Braneck hatte Geld bei ...«

»Frau von Braneck hatte ihr ganzes Vermögen bei van Look!« sagte Parsenow, griff nachlässig nickend an die Krempe des Cylinderhutes und ging davon.

Der Geldmann schaute ihm völlig verdonnert nach. Das war ein schöner Schlag für ihn, dem Parsenow hohe Summen schuldete.

Er seufzte tief auf... »'s ist 'ne Thränenwelt!« murmelte er vor sich hin und bestieg sein Coupé.


Hilda war schon am Vormittag mit ihrem Vater nach Potsdam gefahren, um da Verwandte zu besuchen und sich von ihnen die Sehenswürdigkeiten der romantischen Kasernenstadt zeigen zu lassen. Sie wollte erst spät abends zurückkommen, vielleicht sogar dort übernachten.

Parsenow hatte also den ganzen Nachmittag für sich und konnte überlegen, was nun weiter geschehen solle.

Er ging nach Hause, warf sich in den Schaukelstuhl, streckte die Beine von sich und rauchte.

Stundenlang. Das Zimmer füllte sich mit dem bläulichen Aroma des bessarabischen Tabaks. Der feine Dunst legte sich wie ein Schleier um die Gestalt des Grafen, der schweigend und fast reglos dasaß.

Er mochte sein Gehirn zermartern wie er wollte. Seine Gedanken führten ihn immer wieder zu demselben Endergebnis, derselben grausamen Alternative hin.

Entweder blieb er ein Gentleman, wofür er sich bisher hielt und von seiner Umgebung gehalten wurde. Dann war es Ehrenpflicht von ihm, nicht von einer Verlobung zurückzutreten, weil die erhoffte Mitgift geschwunden war. Und fehlte die Mitgift, so mußte er eben zu arbeiten anfangen ...

Ein grotesker Gedanke! Er, der als Junggeselle nichts gethan, sollte jetzt zu einer Thätigkeit greifen, um auch noch für Weib und Kind Unterhalt zu verschaffen! Das kam ihm wie eine bittere Ironie des Schicksals vor, wie eine Strafe dafür, daß er die Mode mitgemacht und nach der bekannten »reichen Partie« gestrebt hatte.

Freilich, solche Partien gab es für einen Mann wie ihn noch viele. Verloren war da nichts, sowie er frei war ... sich frei machte ...

Zornig sprang er auf. Er schämte sich selbst dieser Gedanken. Und der feste Entschluß stieg in ihm auf, unter keinen Umständen von Hilda zu lassen, auch wenn sie selbst, wie er es ihr wohl zutraute, ihm das nahelegen sollte.

Hastig schrieb er einen Brief an den Major, in dem er ihm kurz und schonend den Tod van Looks, und was damit zusammenhing mitteilte und mit der Bitte schloß, um Hildas willen, die nach diesem schweren finanziellen Schlag des Haltes besonders bedürfe, den Tag ihrer Vermählung so bald als möglich ansetzen zu wollen.

Tief aufatmend übergab er dem Diener den Brief zur Besorgung ins Hotel, wo ihn der Major bei der Rückkehr finden mußte. Dann litt es ihn nicht länger in dem Zimmer. Er schritt planlos hinaus in die bereits dunkelnden Straßen.

Vor einer Litfaßsäule blieb er stehen und las mit einem gewissen dumpfen Erstaunen, daß heute Abend im Eden-Theater die Erstaufführung des Vaudevilles »Satanella« stattfinden würde.

Er sah auf die Uhr. Noch war es Zeit. Und warum sollte er nicht hingehen? Es blieb sich ja gleich, wie er die Zeit totschlug.


Ohne rechts und links zu sehen, ging Parsenow dahin. Was kümmerten ihn diese Menschen umher, dies Sonntagnachmittag-Publikum, das die Trottoirs erfüllte, geputzte Köchinnen am Arm ihrer Grenadiere, Commis und kleine Verkäuferinnen, Handwerkerfamilien, aus N. und 0., die mit Kind und Kegel dahinzogen, Arbeiter und Fabrikmädchen im Sonntagsstaat. Ein Dunst von schlecht gelüfteten Kleidern und übel qualmenden Cigarren lag in der Luft.

Es ekelte den Grafen. Rascher schritt er vorwärts.

Plötzlich blieb er stehen, daß ein hinter ihm herkommendes Pärchen fast an ihn anrannte. Wie das Geheul von hungrigen Wölfen klang es die Straßen herauf, ein regelloser, zerrissener Lärm, der sich mißtönend über das Gewühl emporschwang. Näher und näher kam es. Man unterschied die durcheinanderbrüllenden Stimmen.

»Das Allerneueste!«

Die Extrablattverkäufer liefen links und rechts von den beiden Trottoirs dahin und schwenkten schreiend die leuchtenden, noch druckfeuchten Bogen in der Luft.

»Das Allerneuste!

»Bankerott und Selbstmord«, heulte nebenan ein Conkurrent, dem das Geschäft noch zu flau ging.

»Das Allerneuste!« ... in wüstem Chorus klangen die Stimmen wieder zusammen, daß mancher der Passanten sich an die Ohren greifend den nicht mehr fernen Tag herbeisehnte, an dem die Sonntagsruhe in Kraft treten sollte.

Parsenow winkte einen der Kerle heran, warf ihm ein Zehnpfennigstück in die Hand und entfaltete beim Schein der Gaslaternen das Blatt, als dessen Herausgeber unten am Rand in winziger Schrift sich Xaver Ritter von Crocevich nannte.

Ueber den Tod van Looks enthielt das Blatt nichts neues, wohl aber die Nachricht, daß die Behörden bereits Nachforschungen in dem Bureau der Bank vorgenommen, und sich so gut wie nichts an Depositen und sonstigen Werten gefunden habe.

Krakauer hatte also recht behalten. Der Bankier war im Kampfe bis aufs Messer unterlegen.

Es wunderte Parsenow nicht weiter. Flüchtig durchlas er die letzten Sätze, in denen der Ritter von Crocevich mit herbem Zorn die allgemeine Entrüstung und Empörung der beteiligten Kreise schilderte und warf das Blatt zusammengeballt auf das Pflaster. Nun hatte er volle Gewißheit.

»Das Allerneuste!« heulte es noch immer auf den Straßen; es klang ihm noch in die Ohren nach, als er das Foyer des »Eden-Theaters« betrat.

Dort hatte die Nachricht wie eine Bombe eingeschlagen. Ein stummer, bleicher Schrecken ging lautlos durch das lichterstrahlende Haus.

Lange war es fraglich gewesen, ob die Vorstellung überhaupt stattfinden konnte, denn Erna lag noch zehn Minuten vor Beginn der Ouvertüre in Weinkrämpfen in ihrer Garderobe. Sie hatte, als sie sich eben zu schminken begann, einen Carton aus dem Blumenladen geschickt erhalten. Sie vermutete ein Bouquet van Looks darin und prallte aufkreischend zurück, als sie den Deckel abhob. Die Schachtel enthielt einen frischen Totenkranz, das Extrablatt lag, an den Hauptsätzen noch vorsorglich blau unterstrichen, darunter.

Die unbekannte Collegin, die ihr diese Sendung zugedacht, erreichte ihren Zweck! Die Ernesti, ohnehin schon nervös und aufgeregt durch die bevorstehende Première, geriet in eine Verfassung, die aller Bemühungen des Theater-Arztes, der ratlos herumstehenden Garderobièren und des verstört aussehenden Direktors spottete.

Endlich kam der Inspicient auf eine glückliche Idee, indem er die Ernesti frug, ob sie denn wirklich der neidischen Absenderin den Triumph gönnen und sich die schöne Rolle verderben lassen wolle. Das wirkte. Vor Wut und Schrecken zitternd ließ sich Erna ankleiden und betrat die Bühne.

Wie wohl hätte sie sich zu einer anderen Stunde da gefühlt in dem drolligen Leichtsinn, der übermütigen Pikanterie, dem schlagenden Couplet-Witz ihrer Rolle! Jetzt spielte sie befangen und innerlich verstört. Sie fühlte sich wie gelähmt. Immer wieder stand die bleiche Gestalt des Bankiers zwischen ihr und dem Publikum, und wenn sie doch einen verzweifelten Anlauf nahm, die temperamentssprühende Grazie zu entwickeln, der sie sonst ihre Triumphe verdankte, so flimmerte ein Totenkranz vor ihren Augen und die Stimme verklang ihr in die Kehle.

Und es war nicht ihre Schuld allein, daß das lustige Stück kalt ließ, daß es von Akt zu Akt zu sinken begann bis zu dem eisig aufgenommenen, lärmenden und prachtvoll ausgestatteten Finale. Auch im Zuschauer-Raum ging ja das Gespenst des Bankerottes auf und nieder. Bald setzte es sich in eine der zahlreichen leergebliebenen Logen – ihre Besteller dachten jetzt nicht an »Satanella«, sondern verhandelten aufgeregt in ihren Privatbureaux mit einander und fuhren bis tief in die Nacht von einem Hause des Tiergarten-Viertels zum anderen, um sich gegen die am Montag drohende Börsenpanik zu wappnen –, bald klopfte es im Foyer einem der anwesenden Börsianer, dem das Vaudeville allmählich doch Spaß zu machen schien, kalt lächelnd auf die Schultern, daß er zusammenschrak und vor ihm die ganze bunte Bühnenwelt in einem Meer von Zahlen und Ziffern, von Wechseln und Schlußscheinen versank.

Und dann saß das Gespenst wieder im Parkett und fixierte mit tückischem Blick bald den, bald jenen, der sein bißchen Geld irgend einer Berliner Bank anvertraut. Wird vielleicht auch diese Konkurs ansagen – wird er sein sauer Erspartes niemals wiedersehen? ... kalter Angstschweiß trat dem Armen auf die Stirne und er sah gar nicht mehr hin auf die flimmernde Bilderpracht, die ihm die Kunst des Kulissenmalers und Maschinenmeisters vor Augen zauberte.

So fiel das Stück. Wenn der Vorhang nieder sank, blieb es still in den Logen und dem Parkett. Nur auf der Galerie lärmte, von vereinzelten »Beisitzern« unten aufgemuntert, eine zahlreiche Claque. In das gedrückte Schweigen, das vor dem Gobelin, in die zitternde Aufregung, die dahinter herrschte, klang der rohe, verständnislose Lärm wie ein Hohn hinein. Es zischte niemand; aber schließlich wurden die Klatscher selbst verlegen und hörten auf.

Das Haus war still. Nur aus dem Orchester klang das unharmonische Durcheinandertönen hervor, mit dem die Musiker während der Zwischenakte ihre Instrumente stimmten.


Während die Einleitungsmusik zum dritten Akt rauschend erklang, trat durch eine Seitenthüre des Theaters ein großer, gebeugter Mann vorsichtig auf die Straße. Einen Augenblick fühlte der Direktor des Eden-Theaters nach der Brusttasche, in der er die Einnahmen aus der Vormittags- und Abendkasse sorglich bewahrt hatte; dann schritt er leise nach der nächsten Droschke. »Kutscher ... Bahnhof Friedrichstraße!« ...

Dort kam er gerade noch zum Hamburger Nachtschnellzug zurecht. Er setzte sich in ein Coupé I. Klasse und fuhr hinaus in die dunkle Ebene.

Schon am Nachmittag hatte er daran gedacht. Der Abfall »Satanellas« wirkte entscheidend. Nun konnte er sich nicht mehr halten, er konnte die Wechsel nicht einlösen, die die Lieferanten gern von ihm in Zahlung genommen, als sie das Giro des Bankhauses van Look und Compagnie darauf erblickt, die Katastrophe war da!

Mochten die andern nun sehen, wie sie ohne ihn fertig wurden. Er trug ein paar Tausend Mark bei sich, die ihm das Vorwärtskommen in der neuen Welt erleichterten, und als der Zug an Paulinenaue vorbeidonnerte, sah er sich schon im Geiste als den Inhaber einer flottgehenden Music-Hall in Chicago, in der allerhand um sich spuckende und schiefe Cylinder auf den Köpfen balancierende Gentlemen beisammen sitzen und von grinsenden Nigger-Kellnern bedient würden.


Auch Parsenow hatte zeitig das Theater verlassen. Er konnte heute nirgends bleiben. Eine innere Unruhe trieb ihn von einem Ort zum andern.

Während er durch die Friedrichstraße schlenderte, kam ihm plötzlich ein neuer Gedanke. Er wunderte sich, daß ihm das nicht schon lange eingefallen, und trat in die nächste Weinstube ein.

Dort ließ er sich an einem der kleinen, in Holzverschlägen stehenden Tische nieder, bestellte eine Flasche Burgunder und goß hastig ein paar Gläser hinab.

Das beruhigte ihn etwas. Er fing wieder an, nachzudenken, wie sich nun eigentlich die Zukunft gestalten sollte.

Arbeiten! ... das Wort klang ihm zu befremdlich, fast drohend. Er konnte sich nichts rechtes darunter vorstellen und mußte selbst lachen, wenn er sich im Geiste in irgend einer der ihm bekannten Thätigkeiten sah ... etwa als Buchmacher ... nein, dazu braucht man Geld und kann vor Gericht kommen ... oder aber als Stallmeister, als Inhaber einer Reitschule ... oder vielleicht auch als Versicherungsagenten ... als einen in feinere Kreise eingeführten Wein- und Cigarrenreisenden ...

Er lachte höhnisch auf. Das alles war ja zu närrisch, zu undenkbar. Und schließlich, nötig hatte er es ja auch nicht. Er konnte mit Hilda auf dem Landsitz des alten, leidlich begüterten Majors leben, ihm bei der Landwirtschaft helfen, mit den benachbarten Gutsbesitzern unter derben Flüchen und noch derberen Späßen Whist spielen und zahllosen Flaschen Rotspohn den Hals brechen; er konnte auch, wenn Herr von Döbeln einmal starb, für den jungen Leutnant die Verwaltung des Guts weiter führen, als eine Art höherer Inspektor, als ein armer Verwandter, der sich für das Gnadenbrod irgendwie nützlich zu machen versucht.

Und er sah sich schon vor sich, nach weiteren zehn Jahren, verbauert und abgestumpft, in hohen Stiefeln und verblichener Joppe, ein abgestandener Krautjunker, wie er so viele kannte, schon halb ein Gegenstand des Spottes für die Männer, des Mitleids für die Frauen. Und dann erst die weitere Zukunft ... wenn er älter und immer älter würde ... wenn es ihm selbst, dem grauhaarigen Manne, unbegreiflich erscheinen mußte, daß er einmal der glänzende Parsenow, der tollkühne Sportsman, der berühmte Lebemann gewesen ...

Ein unbeschreiblicher Ekel stieg in ihm auf. Trostlos starrte er in das Glas, aus dem rubinrot das Burgunderblut schimmerte. Wer zeigte ihm den Ausweg?

Ein Lärmen nebenan ließ ihn aus seinem Sinnen auffahren. Dort hatte an dem Tische, den die Schranke des Holzverschlags von dem seinen trennte, offenbar eine größere Gesellschaft Platz genommen. Er konnte die Gesichter nicht sehen, wohl aber vernahm er die Stimmen, jene eigenartig schnarchenden Nasaltöne, die allenfalls einige der begabtesten Schauspieler den Angehörigen der höheren norddeutschen Gesellschaft nachzumachen vermögen.

Die Herren mußten eben das Extrablatt gekauft haben. Der Graf hörte, wie sie die einzelnen Sätze vorlasen und sich darüber unterhielten. Und dann schlug plötzlich ein bekannter Name an sein Ohr.

»Wißt Ihr, was mir dieser Kerl, der Krakauer, vorhin erzählt hat,« sagte ein tiefer, rauher Baß, ... »ich war bei ihm ... in Angelegenheit meines Gutsverkaufs ... da schwor er, daß Frau von Braneck ihr ganzes Vermögen bei van Look verloren habe ...«

»Oh,« machte eine helle Stimme bedauernd, ... Parsenow kannte sie. Das mußte Wendlau sein. Die andern schwiegen.

»Na ... und Parsenow ...?«

»Pah ... der nimmt 'ne andere«, klang eine wohlbekannte, etwas heisere Stimme, ... »furchtbar einfache Chose ...!«

»Nanu, Stayningen ... das ist denn doch ...« mehrere Herren riefen durcheinander, aber das heisere Organ klang durch.

»Was ist denn da weiter dran! ... ziemlich stumpfsinnige Dame ... bei Gott ... und nun ohne Geld ... das ist nichts für einen Glücksritter, wie es unser guter Parsenow doch allmählich ...«

Prinz Stayningen brach plötzlich ab und schluckte heftig, während sein Gesicht sich aschgrau färbte und ein unerträglicher Schrecken seine Herzmuskeln zusammenzog. Parsenow stand hochragend dicht vor ihm und wehte ihm flüchtig mit dem ausgezogenen Handschuh über das Gesicht.

Einen Augenblick entstand tiefe Stille. In blödem Erstaunen stand der Kellner wie angewurzelt, das Tablett mit Austern vor sich hinhaltend; ein Gast, der in der Nähe gesessen, erhob sich und verließ das Lokal.

»Ihre Zeugen, Durchlaucht!« sagte Parsenow endlich ruhig und sah den Tisch entlang ... »lieber Wendlau, würden Sie die Güte haben, für mich ...«

Der kleine Husar sprang, erschrocken und geschmeichelt zugleich auf.

»Baron Hork hat vielleicht die Freundlichkeit, Ihnen zur Seite zu stehen ... Einen Augenblick.« Der Graf schob seinen Arm unter den des Leutnants und führte ihn ein paar Schritte zur Seite. Hork, ein älterer Herr, ging nebenher. »Bestehen Sie, bitte, darauf, meine Herren, daß die Mensur schon morgen früh stattfindet. Es ist gegen den Brauch; aber die Sache liegt ja ganz klar und vor allem ... sie hat sich in der Öffentlichkeit ereignet. Eben hat noch so ein Mensch hier das Lokal verlassen, vielleicht um die Affaire brühwarm auf die nächste Redaktion zu bringen ... und Sie werden zugeben, daß es nicht angenehm ist, sich zu schlagen, wenn schon alle Zeitungen voll von der Geschichte sind und meine Braut alles erfahren hat ...«

»Wir werden unser Möglichstes thun, Herr Graf!«

»Ich bitte Sie darum. Die Bedingungen so schwer wie möglich ... eigentlich selbstverständlich, da thätliche Beleidigung meinerseits vorliegt. Ich erwarte Sie in meiner Wohnung, Wendlau ... Guten Abend, Ihr Herren!«

Der Graf ging.

Wendlau und Hork saßen längere Zeit flüsternd mit den beiden von Stayningen bezeichneten Herren in der nahegelegenen Wohnung des ersteren beisammen. Man stritt sich mit halblauter Stimme, machte Bemerkungen und Verbesserungen auf einem Blatt Papier, das zwischen ihnen lag, und strich sie wieder aus, bis endlich das Protokoll zu Stande kam. Die Herren tranken ihre Gläser aus und empfahlen sich, der Husar aber begab sich eilends zu seinem Mandanten.

Er fand Parsenow, eine Cigarette rauchend, auf dem Sofa liegen.

»Nun wie stehts?« rief er ihm schon in der Thüre entgegen.

»Ganz nach Wunsch ...« erwiderte stotternd der kleine Sportsman; seine Stimme zitterte vor Aufregung. »Das Duell findet morgen früh sieben Uhr im Grunewald hinter der Saubucht statt. Hagenow, Stayningens Sekundant, meinte, es wäre gut, nicht zu weit von der Chaussee ... wegen der Wagen ... um zu verhindern, daß sie auf dem Rückweg zu sehr über die Wurzeln rumpeln ...«

»Und die Bedingungen?« unterbrach ihn Parsenow, der die letzten Worte überhört zu haben schien.

»Fünfzehn Schritt Distance, fünf Schritt Barrière, mit avancieren, unbeschränkte Zielzeit, fünfmaliger Kugelwechsel ...«

»Das genügt,« sagte Parsenow nachdenklich und zündete sich eine neue Cigarette an. »Dann haben Sie wohl die Freundlichkeit, um dreiviertel sechs Uhr bei mir vorzusprechen, Herr von Wendlau?«

»Zu Befehl« – hätte der Leutnant beinahe gesagt. So sehr imponierte ihm Parsenows kaltblütige Ruhe. Doch begnügte er sich mit einem ernsthaften Kopfnicken.

»Es ist merkwürdig!« sagte er scheu nach einer Weile.

»Was denn, lieber Wendlau?«

»Sie scheinen wirklich in keiner Weise erregt zu sein!«

»Nein!«

»Man möchte fast sagen,« fuhr der Husar stockend fort, »daß Sie geradezu vergnügt aussehen!«

Der Graf lachte hell auf. »Bin ich auch, Liebster ... warum denn nicht?«

»Na ... wissen Sie ... vor so 'ner Affaire ...«

»Soll ich mich etwa nicht freuen, dem thörichten Prinzen einen Cursus in der Schweigsamkeit beizubringen?«

»Ja ... aber ...« Der Leutnant sah unsicher in das Gesicht seines Gegenüber. Es lag so ein merkwürdiger Ausdruck von Ironie in Parsenows braunen, scharfgeschnittenen Zügen. »Sie sind ja freilich ein ausgezeichneter Schütze ... aber man kann doch nie wissen ...«

»... wie es ausgeht? ... Das werden wir in wenigen Stunden erfahren. Und nun habe ich noch einen Brief zu schreiben. Also auf morgen, lieber Wendlau!« Der Graf streckte ihm unbefangen lachend die Hand entgegen. Wendlau drückte sie und ging. In Gedanken versunken trat er auf die dunkle, stille Straße. Er wußte selbst nicht recht, warum ihm Parsenow so merkwürdig verändert vorkam.


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