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II.

Frau von Braneck blickt suchend umher auf dem weiten, menschenwimmelnden Plan. Wo nur Parsenow bleibt? Eine wahrhaft unerträgliche Ungeduld hat sich ihrer bemächtigt. Am Ende ist er erkrankt oder seinem Pferde etwas zugestoßen ...

Da ... endlich! Die hohe, straffe Gestalt des Grafen nähert sich von dem Sattelplatz her der Tribünenpromenade. Auf der einen Seite schreitet neben ihm der Trainer, ein magerer, alter Engländer mit mißvergnügtem Gesicht, auf der andern ein junger, schmächtiger Husar, Leutnant von Wendlau. Er soll Satanella, die beim Handicap gut weggekommen ist, steuern. Parsenow vertraut ihm unbedingt. Er sitzt vorzüglich zu Pferd, hat, trotzdem er in diesem Jahr zum ersten Male reitet, schon drei Rennen gewonnen und besitzt das Geheimnis, die widerspenstige und nervöse Satanella ruhig unter seiner leichten Faust gehen zu lassen. Das ist sehr wichtig. Denn Satanella bekundet durch tausend Unarten ihre Abstammung von den ältesten Adelsgeschlechtern der Pferdewelt. Sie bricht vom Start weg, sie hat eine offene Abneigung gegen Wassergräben und springt dafür die Hürden so leichtsinnig, daß sie oft beinahe mit den Vorderbeinen hängen bleibt, kurz, sie erfordert Ruhe und Geduld in hohem Maße.

Parsenow trennt sich von seinen beiden Begleitern, die, eifrig diskutierend zum Stall zurückkehren, und blickt suchend um sich. Einen Augenblick verschwindet er in dem Gewühl, dann taucht er wieder auf und mit einem eifersüchtigen Schrecken sieht Frau von Braneck, daß eine Dame neben ihm steht. Sie kehrt ihr den Rücken zu. Aber sie erkennt sofort an der Toilette, daß es die Schauspielerin von vorhin ist.

Was mögen die beiden nur miteinander haben? ... aber schließlich ... Frau Hilda beruhigt sich wieder. Sie weiß ja doch, daß Parsenow kein Tugendspiegel ist, sondern es erst unter ihrem sanften Einfluß werden soll. Nein ... ihr erster Gatte, der ewig Kränkelnde und Hüstelnde, hat sie nicht glücklich gemacht trotz seines peinlich moralischen Lebenswandels ... man darf nun einmal von den Männern nicht allzuviel verlangen – wenigstens vor der Ehe ...

»Was hast Du denn?« sagt inzwischen Parsenow sehr kurz zu Erna, »Du weißt doch, daß ich das nicht liebe ...«

»Aber es ist dringend, Konrad,« erwidert die Schauspielerin und ein Rot des Unmuts zieht über ihr hübsches Gesicht.

»Was ist dringend? Geld natürlich ...«

»Ja ... aber nicht für mich ... wir müssen ...«

»Nach dem Rennen! ... jetzt habe ich keinen Groschen ...«

»Wo treffe ich Dich, wenn das Rennen gewonnen ist?«

»Ich hole Dich zum Theater ab ... nach fünf...«

»Und wenn Du verlierst?«

»Dann bin ich nicht zu sprechen,« sagt der Graf ruhig, »merk' es Dir bitte ... absolut nicht zu sprechen.«

»... als ob es mir Spaß machte, dann Deine schlechte Laune auszuhalten!« Erna wendet sich trotzig ab, »also viel Glück!«

Auch noch Glück wünscht ihm das unvernünftige Mädchen! Wäre Parsenow abergläubischer, so könnte ihn das wirklich verstimmen. Aber auch so schreitet er mit ziemlich umwölktem Gesicht auf Frau von Braneck zu.

»Ich komme nur auf einen Augenblick, verehrte Frau, um mich vorzustellen ...«

»Bitte ... lassen Sie sich nicht stören, Graf.« sagt die schöne Frau unmutig, »ich sehe, Sie haben da unten Bekanntschaften ...«

».... Denen man nun einmal in Berlin nicht entgehen kann,« erwidert Parsenow gelassen ... »sollte ich wirklich so glücklich sein, damit Ihren Unmut hervorgerufen zu haben?«

»Ich bin gar nicht eifersüchtig.« sagt Frau Hilda vorschnell und errötet gleich darauf lebhaft. Parsenow lächelt leise, der Major schmunzelt vor sich hin, das Eis ist gebrochen und eine lebhafte Unterhaltung gerät in Fluß. Natürlich dreht sie sich um Satanella. Frau von Braneck hat bereits ihren Bruder beauftragt, zehn Mark auf sie zu setzen und ist in großer Erregung über den Ausgang der Finanzoperation. Endlich verabschiedet Parsenow. Es ist die höchste Zeit. Nach dem Rennen verspricht er bestimmt, sich noch einmal zu zeigen, und schreitet dann schnell durch die zerstreuten Gruppen zum Sattelplatz. Sein Herz pocht hörbar und er muß unterwegs stehen bleiben, um sich den Schweiß von der Stirne zu wischen.

Das erste Glockenzeichen!

Das große Ereignis naht. Geschäftig trotten, Programm und Bleistift in der Hand, die Sportfreunde zu dem Nummerpfahl, in dessen breite Scheibe die Beamten eben die Ziffern einfügen. Wenige Schritte davon stehen die dichten Klumpen der Buchmacher und ihrer Kundschaft. Es raunt und krächzt und wispert in diesem heiligen Kreise. Ein zischelndes Stimmengewirr steigt daraus hervor, die Namen Floßhilde und Satanella schlagen immer wieder an das Ohr.

Ah! Endlich geht die Zifferntafel in die Höhe. Die Bleistifte geraten in Thätigkeit. Man notiert die Namen der laufenden Pferde und der Reiter, man prüft noch einmal das Gewicht, man schwankt und überlegt, man zieht Freunde zu Rat und sucht Brocken aus der Unterhaltung der Buchmacher aufzuschnappen und endlich beginnt das Rasseln und wird immer stärker und stärker. Der Totalisator gerät in Thätigkeit.

Frau von Braneck findet es zwar außerordentlich ungalant, daß den Damen der Eintritt in das umzäunte Viereck mit seinen langen Schalterreihen verboten ist, aber es interessiert sie doch, sich von außen das Getriebe anzusehen. Es herrscht innen ein Getümmel, daß man kaum mehr vorwärts kann. Die Drehthüren der schmalen Pforten sind in unaufhörlicher Bewegung. Eine Masse Menschen laufen da aus und ein, verhandeln aufgeregt wispernd mit außen stehenden Genossen, gestikulieren über dem zerknitterten Rennprogramm und stürzen endlich, die Börse in der Hand, zu einem der Schalter, an denen die Einsätze zu zehn, zwanzig und fünfzig Mark entgegengenommen werden. Immer wilder wird das Stimmengewirr; es übertönt selbst die Wettmaschine und immer wieder schallen aus dem Trubel die Ziffern sieben und elf... andere Zahlen dazwischen ... dann abermals sieben und elf ... und elf und sieben ...

Sieben ist die Nummer Floßhildes, der heißen Favoritin. Elf trägt Parsenows Satanella. Ihr wendet sich das Interesse des Publikums mehr zu, als den einzelnen Wettern lieb ist. Man weiß, daß man auf die unbesiegliche Floßhilde so gut wie nichts herausbekommt – 12 zu 10 gab es das letzte Mal – und so wagt man einen Coup mit dem importierten Pferd, der für den Fall seines Sieges den Anhängern reichen Lohn verspricht.

»Satanella gewinnt ganz gewiß. Alle Welt setzt auf sie,« sagte Hilda zuversichtlich zu ihrem Bruder, der sie und ihrem Vater hundert Schritte weiter nach hinten zu den Sattelplatz führt.

Dort reiten die Teilnehmer des Rennens in langer Reihe hintereinander auf dem länglichen Zirkel. Einzelne Pferde kommen noch in langsamem Schritt dazu, von Stallburschen geführt, die Reiter lässig in den Sätteln, mit dem Zaumzeug beschäftigt oder mit erzwungener und wirklicher Gleichgültigkeit um sich blickend. Es sind fast nur Offiziere. Kavalleristen aller Art, ein Feldartillerist, zwei Herrenreiter vom Civil im Dreß. Ein oder zwei haben stark gefrühstückt, ein paar andere sehen etwas blaß aus. Fast alle verhalten sich schweigsam, winken da und dort einem Bekannten zu, klopfen dem Pferde auf den Hals oder murmeln ein paar Worte zu dem nebenher gehenden Trainer. Auch in dem Kreise der gedrängt umher stehenden Sportfreunde herrscht andachtsvolles Schweigen. Eine Unterhaltung wird nur an wenigen Stellen und auch da im Flüsterton geführt.

Das zweite Glockenzeichen ... gewaltige Aufregung auf dem ganzen Platz. Der Totalisator arbeitet mit Hochdruck, seine Stempelmaschinen rasseln. »Eins auf die elf! ... Eins auf die sieben!« tönt es immer wieder aus den Schaltern, und heiseres Gemurmel klingt aus der Ecke links hinten an der Tribüne, dicht bei der Restauration, wo die Buchmacher ihr ständiges Hauptquartier besitzen. Bleistift und Notizbuch sind da in fieberhafter Bewegung, in den gekrümmten Handflächen klirren die Gold- und Silberstücke, die Banknoten rascheln zwischen plumpen Fingern ... das ist der Augenblick, wo die eigentlichen großen Geschäfte gemacht werden! In diesem Moment, wo die große Masse der Wettlustigen bereits ihr Geld gesetzt hat und eine Verkürzung der Odds nicht mehr möglich ist, fliegt häufig erst der Tip des Tages in pfeilschnellem Laufe, in geheimnisvollem Geflüster von Ohr zu Ohr durch die Reihen der Eingeweihten, die nun eben noch Zeit haben, hastig die Combination auszunutzen, sei es durch Privatwetten, sei es am Totalisator, der bis zum Starten der Pferde Einsätze entgegennimmt.

Aber heute ereignet sich nichts dergleichen. Es giebt keine Stallgeheimnisse zu verraten oder sie werden gut gewahrt. Die Crême des Rennplatzes, der Unionklub, der mit seinen Damen auf der abgesonderten Tribüne thront, und der Bodensatz, die fragwürdige Gilde der Buchmacher und ihrer Hintermänner, sie haben diesmal beide nichts voraus von der großen urteilslosen Masse, die nach den Voraussagen der Sportzeitungen, nach zufällig erhaschten Äußerungen eines vorübergehenden Offiziers oder Jockeys, selbst nach der Farbe und dem Namen des Pferdes, der Uniform seines Reiters wettet. Das Rennen liegt zwischen Floßhilde und Satanella ... das ist auch ihre Weisheit. Auf das erstere Pferd nehmen die Buchmacher überhaupt keine Einsätze mehr an, auf Satanella sind sie schwierig geworden. Die Odds gehen von 4 bis auf 3 ... selbst bis auf 2½ zu eins, soweit man sich nicht auf die Berechnung des Totalisators einigt.

Inzwischen stelzen die Pferde in langem Zuge vom Sattelplatz nach der Bahn. Voraus tänzelt, ungeduldig in die Doppeltrense beißend, ein schmächtiger schwarzer Hengst. Er ist nervös wie gewöhnlich. Sein Reiter, ein blutjunger Ulan, hat alle Mühe, ihn im Schritt zu halten, obwohl der Stallbursche an der Seite führt. Der Hengst ist unbekannt. Von den Fachleuten achtet niemand sonderlich auf das »dunkle« Pferd; auch die nächsten zwei, drei Rosse finden wenig Aufmerksamkeit ... aller Augen wenden sich der Heldin des Tages zu, die ihm folgt. Die weiß-rote Mütze eines Garde du Corps leuchtet über der Menge auf ... da und dort tönt ein Zuruf ... ein Hut wird gelüftet, während »Floßhilde«, die unbesiegte Wunderstute, durch das enge Menschenspalier schreitet. Ein kleines, schwarzbraunes Geschöpf, aber mit Sehnen von Stahl und einem Brustkasten, der, mehr einer unermüdlichen Dampfmaschine als dem Lungenbehältnis eines lebenden Wesens gleicht.

Unmittelbar darauf aber lichtet sich das Spalier von selbst. Die Damen kreischen auf und flüchten, selbst die Herren treten unwillkürlich einen Schritt zurück, man hört die warnenden Zurufe des Stalljungen, einen unterdrückten Fluch des Reiters ... natürlich ... das ist sie... »Satanella« ... verrückt und unbändig wie immer. Sie wiehert laut auf ... ihr Kopf schlägt ununterbrochen an dem straffen Martingal in die Höhe, daß die weißen Schaumflocken spritzten, mit dem Hinterhufen keilt sie rings im Kreise aus oder schlägt nach den Steigbügeln, um den lästigen Reiter zu entfernen ... es ist ein wahres Wunder, daß man sie glücklich in die Bahn bringt und der Husar mit ihr aufkantern kann.

Graf Parsenow lehnt einsam und sinnend an der Barrière und sieht zu, wie sein Gaul in langen Galoppsprüngen an den Tribünen vorbei zum fernen Start segelt. Es ist ein schönes Bild. Der geschmeidige Körper der Stute reckt und streckt sich in federnder Kraft, der kleine Husar kauert, die Füße bis zum Absatz in die Steigbügel geschoben, mit gekrümmten. Rücken katzengleich auf ihr ... ein beifälliges Gemurmel wird da und dort laut.

» Well«, sagt ein hagerer Jockey neben Parsenow, » I say ... it's a good thing for Satanella ...«

»Wenn das Luder man nich' so n' verfluchtes Temperament hätte...« brummt sein Begleiter, ein Buchmacher vom Rosenthaler Thor, verdrießlich vor sich hin.

Parsenow hört nichts von dem Gespräch. Er ist zu erregt. In der Herzgegend, in den Schläfen, selbst in den Augen hört er das rasche taktmäßige Hämmern des Blutes und ein merkwürdig quälendes Gefühl regt sich ihm im Magen, steigt langsam aufwärts und schnürt seine Kehle zusammen, so daß er heftig schluckt und hinter dem vorgehaltenen Wettbuch zu gähnen beginnt. Gleich darauf schämt er sich seiner Schwachheit ... die verwünschten Nerven ... was macht es ihm denn schließlich aus, wenn er auch diesmal nicht gewinnt? Er weiß es ja, daß Floßhilde kaum zu schlagen ist, daß er vernünftiger Weise nur auf den zweiten Platz rechnen kann ... und wenn es nicht heute glückt ... so am nächsten Mittwoch ... es ist ja noch nicht aller Tage Abend ...

Das sagt er sich, während er zur Restauration eilt, um noch rasch ein Glas Sekt hinunterzustürzen.

Eben hat er das Spitzglas geleert, da dringt ein helles Glockenzeichen und Stimmengewirr an seine Ohren. Der Start hat begonnen. Die Pferde sind unterwegs. Graf Parsenow stellt das Glas auf den Tisch, wischt sich mechanisch den dunklen Schnurrbart und starrt einen Augenblick vor sich nieder. Der Kellner, der ihn bedient, sieht ihn über das Büffet her müßig blinzelnd an. Solche Szenen sind hier nicht selten ...


Als fern am andern Ende der Rennbahn die rote Flagge des Starters fiel, hatte Satanella bereits auf eigene Faust einen Galoppsprung unternommen und lag so von vornherein etwa zwei Längen vor den andern! Einen Augenblick fürchtet ihr Reiter, es möchte ein falscher Ablauf gewesen sein ... aber der Starter ist froh, das Feld ziemlich geschlossen entlassen zu haben und im Sturmwind geht die Reise zwischen den Flaggen dahin nach dem fünftausend Meter entlegenen Ziel ...

Nun kann man an der Barrière nichts rechtes mehr unterscheiden. Ärgerlich läßt Parsenow sein Glas sinken. Er hat die Tribüne nicht bestiegen, um dem Gedränge zu entgehen. Auf dem Rasen stehend, späht er nach der fernen Hügelkette, hinter der die Pferde fast völlig verschwunden sind. Nur die Mützen der Reiter sieht man ... einen bunten, flimmernden Klumpen, der geschäftig und schnell an dem gelblichen, scharf abgegrenzten Hügelland dahingleitet. Über das breite Feld hin ziehen in dunklen, riesigen Schwärmen die Besucher des dritten und vierten Platzes, denen ihre große Weiße mit Strippe oder ihr Fünfzigpfennigstück ein ebenso wertvoller Wetteinsatz ist als den Tribünen-Inhabern des Zehnmark-Ticket. Schreiend und johlend strömen sie der Stelle zu, wo die Reiter auftauchen müssen, um quer über die Bahn zum ersten Tribünensprung zu jagen.

Da kommen sie ... noch immer in dichter Masse ... Floßhilde und Satanella mitten zwischen den andern ... ein Herr in rotgelbem Jockeydreß führt als Pacemacher die Gesellschaft. Schon ist er an der Tribünenhürde und schießt in langem Satz hinüber, vier, fünf andere Pferde strecken sich fast gleichzeitig zum Sprung ... die Reiter biegen sich elastisch in den Sätteln, ein kurzer Peitschenhieb klatscht ... ein Pferdehuf – es ist der Satanellas, die wieder beinahe zu kurz über das Hindernis gehuscht, schlägt krachend an das Holz, ein paar Splitter stiegen auf ... schon geht die Fahrt weiter und hinter den federnden Hufen sausen die Rasenstücke durch den leicht aufwirbelnden Staub ...

»Fellin reitet!« ... irgend wo dringt aus der Tribüne der Ruf: »Fellin reitet ...« viele Stimmen bestätigen die Neuigkeit. In der That ... das pacemachende Pferd hat seine Schuldigkeit gethan ... Vergeblich muntert es der im rotgelben Dreß auf ... es verliert den Atem und fällt in den Haufen der anderen zurück. Und schon beginnen zwei, drei Nachzügler mit ihm in das Hintertreffen zu geraten. Pferde, die dem rasenden Tempo nicht gewachsen sind in dem die Matadore des Felds dahinfegen.

Nun kommt die Steinmauer mit dem Graben. Ein jäher plötzlicher Aufschrei aus tausend Kehlen. Parsenow schließt die Augen. Er weiß, was das bedeutet.

Halb zögernd blickt er wieder auf die Bahn. Das erste, was er sieht, ist der rote Husar, unter dem Satanella unverzagt weiter stürmt ... Gott sei Dank ... also sie war es nicht ... nein ... ein braunes Pferd liegt dort am Boden ... neben ihm ... halb kauernd der Feldartillerist ... er scheint verletzt ... aber wer kann jetzt daran denken ... Unverwandt folgt Parsenow dem Pferdetrupp, der sich jetzt dem Koppelrick nähert. Er ist viel zuversichtlicher geworden. Er weiß es selbst nicht, warum, aber als von neuem ein geller Schrei über den Tribünenplatz tönt, da schließt er nicht die Augen, sondern konstatiert kaltblütig die Thatsache, daß der Herrenreiter Mr. Cook dort bewegungslos auf dem Rücken liegt, während der reiterlose Gaul in vollstem Eifer noch eine Weile mitläuft, um dann abschwenkend in kurzem Galopp dem Stall am Sattelplatz zuzusteuern.

Jetzt wird die Sache ernst. Auf der Tribüne wächst die Erregung. Das Stimmengewirr beginnt sich brausend zu steigern, während die Pferde in die Schlucht hinabschießen, die Reiter mit vorgestreckten Beinen und langen festen Zügeln fast auf der Croupe liegend, um sich dann wieder beinahe auf den Hals des Pferdes zu werfen, sobald dieses im Galopp den jenseitigen Abhang erklimmt. Geschrei, Jubel, Zurufe begrüßen das Feld, das zum zweiten Mal an den Tribünen vorbei schießt.

» Go on, Satanella!« brüllt eine heisere Stimme. » Go on, Floßhilde,« tönt es von allen Seiten dagegen » Go on!« Ein Lärmen, aus Lachen und Rufen der Enttäuschung gemischt, erschüttert die Luft! Das Langerwartete geschieht! Floßhilde beginnt sich unter der Meisterhand ihres Reiters zu strecken und dem Felde davonzulaufen. In langen, gleichmäßigen Sprüngen zieht sie los, unermüdlich und unerschütterlich wie eine wohlgeheizte Maschine. Immer größer wird der Abstand zwischen ihr und dem Gros, das sich langsam in eine endlose, schwerfällig galoppierende Reihe auseinander zieht. Nur zwei oder drei Pferde halten sich noch in ihrer Nähe und unter ihnen ... – Parsenow zerreißt mechanisch seinen Handschuh zwischen den Fingern – unter ihnen Satanella. Und mehr als das! Das scharfe Auge ihres Besitzers erkennt sofort, daß die Stute noch keineswegs ausgepumpt ist. Ihr Reiter sitzt tief im Sattel zurück ... die Zügel stehen elastisch an den fest an den Leib gelegten, Armen – es ist kein Zweifel, daß Wendlau das Pferd noch zurückhält und ihm den Kopf nur so weit freigiebt, um Floßhilde auf den Hufen zu folgen.

Das Wäldchen nimmt sie auf. Wenn sie da herauskommt beginnt auf der Geraden das Endgefecht. Die Entscheidung naht.

Parsenow legt sich mit äußerster Anstrengung die Gesichtszüge in ruhige Falten ... wenn er gewönne! ... aber nein ... nur keine Aufregung ... Niemand darf ihm ...

Ein Tosen bricht auf den Tribünen los. Sie kommen! sie kommen! Eine rotweiße Mütze taucht aus dem Wäldchen auf ... Floßhilde führt und nährt sich in unheimlichen Sätzen ... sie ist also noch die erste ... da einige Längen hinter ihr ein zweites Pferd ... der schwarze Hengst mit dem jungen Ulanen darauf ... dann ein Kürassier auf einem Rappen, der von Schaumspritzern wie weißgefleckt aussieht ... und dann ... nichts mehr! ... Parsenow reibt sich die Augen ... das ist ja gar nicht möglich ... wo bleibt denn Satanella?

Vor ihm erscheint alles wie in einem Dämmerschein. Er achtet nicht auf das grandiose Endgefecht des Kampfs. Auf den Tribünen donnert und wogt es wie von einem Sturm ... Alles heult und schreit durcheinander, während der Ulan auf dem verachteten schwarzen Außenseiter in einem verblüffenden Finish Floßhilde zu überrumpeln, sie im Ziele abzufangen sucht! Sein Gaul schießt geradezu nach vorn ... die Doppeltrense in dem bluttriefenden Maule wirbelnd, die Sporen in den blutbedeckten Flanken drehend, ununterbrochen mit der Peitsche niederklatschend nimmt der Reiter das Äußerste aus dem wie toll losbrechenden Pferd und krampft selbst jede Faser seines Körpers zusammen. Schon ist er auf ein paar Längen an Floßhilde heran ... Da wendet deren Reiter unter dem markerschütternden Lärmen der Tribüne den Kopf ... im nächsten Augenblick geht eine leichte Bewegung durch ihn und das Pferd ... Floßhilde wird länger und länger ... sie läuft nicht mehr ... sie beginnt beinahe zu fliegen ... fünfzig, sechzig, hundert Schritte Boden schießen im Momente unter ihr hinweg ... es ist, wie wenn eine unsichtbare Macht sie nach vorne reißt. Und das ist das Ziel... in ruhigen Sprüngen galoppiert die Wunderstute hindurch, taumelnd folgt ihr auf zehn, zwölf Längen das schwarze Pferd mit seinem gleichfalls völlig erschöpften, aber doch von allen Seiten beglückwünschten Reiter.

Und dann der Kürassier auf seinem Rappen ... nach einer Weile noch andere Pferde ... von Satanella nichts zu sehen.

Parsenow ist wie vor den Kopf geschlagen. Er steht noch immer auf derselben Stelle. Er hört das Hurrahgeschreih der Menge, die Klänge des Torero-Marsches aus dem Musiktempel, und heftet den Blick unverwandt nach dem blaßblauen Horizont, wo dicht am Koppelrick, eine lange Scheibenstange hastig hin und her geschwenkt wird, das Signal, Arzt und Tragbahre zu schicken. Mr. Cook scheint also schwer verletzt. Aber Parsenow ist das jetzt gleich. Er hat nur für den einen Gedanken Raum: was ist mit Santanella geschehn? An den Reiter denkt er eigentlich weniger.

Er könnte ja gehen und fragen. Oben von der Tribüne hat man die Sache wohl gesehen. Aber ihm graut vor der Gewißheit. Ziellos schlendert er über den Platz hinter der Tribüne. Da und dort schlägt das Wort »Satanella« an sein Ohr ... dann etwas von dem Wäldchen ... ein Ausruf des Bedauerns aus Frauenmund ... ein kräftiger, männlicher Fluch ...

Und wieder bleibt er stehen ... wahrscheinlich ist das Tier ausgebrochen und entlaufen ... natürlich entlaufen ... ein Gaul braucht doch nicht gleich zu stürzen! Man fängt sie ein ... das nächste Mal. siegt sie ... du lieber Gott ... dergleichen kommt ja vor ...

»Eine böse Sache, Herr!« sagt plötzlich eine Stimme neben ihm. Da steht sein Trainer, einen Kasten unter dem Arm.

»Ah ... Sie ... was ist ...?« Parsenow fühlt plötzlich einen unerträglichen Krampf in der Herzgegend ... ein Gefühl, wie wenn alles in ihm kalt würde ...

»Ich wollte nur fragen ...«, der Trainer sieht auf den Pistolenkasten, » ... wollen Sie selbst oder soll ich ...«

»Satanella erschießen« ... der Graf lacht geradezu herzlich auf ...

Sein Trainer sieht ihn etwas verwundert an. »Es ist doch das linke Vorderbein entzwei, Herr Graf« ... sagte er zögernd ... »Der Roßarzt hält es für eine unnütze Quälerei, wenn ...«

»Wo wars,« unterbricht ihn Parsenow rauh... »in dem Wäldchen ... nicht wahr ...?«

»Bei der vorletzten Hürde ... Sie sprang wieder wie gewöhnlich zu kurz ... Ein Wunder, daß sich der Leutnant von Wendlau nichts gethan hat.«

»Gar nichts?«

»Ein paar Kontusionen. Ich glaube, er hat keine Schuld an der Geschichte.«

»Schießen Sie den Gaul tot,« sagt Parsenow, steckt sich eine Cigarrette an und geht wieder zur Tribüne.


Eigentlich ist ihm jetzt wohl zu Mut. Seit langen Jahren ist er zum ersten Mal in einer ganz klaren und bestimmten Lage. Er ist ruiniert ... einfach ruiniert ... das ist kein Spaß, aber man weiß doch wenigstens woran man ist.

Die Erregung von vorhin ist bis auf die letzte Spur geschwunden. Er nimmt gleichmütig da und dort die Kondolenzen in Empfang, er wechselt leutselig einige Worte mit der Tip-Tante, jener bekannten Verkäuferin der Voraussagungen für die Rennen, er erwidert mit besonderer Nachlässigkeit den ironisch-höflichen Gruß des Herrn Krakauer, seines Geschäftsfreundes, der wie gewöhnlich prachtvolle Diamantenknöpfe auf einer schmutzigen Hemdbrust trägt, ein schönes auffallendes gekleidetes Mädchen, der er kaum bis zur Schulter reicht, am Arm mit sich herumschleppt, und mit gleichgültigem, beinahe matten Blick die Schar seiner Opfer in Civil und Uniform ringsum mustert. Er ist kein Wucherer, bewahre, ein einfacher »Geldmann« und doch bricht im Leben der Weltstadt sein Einfluß zuweilen an Stellen hervor, wo man es nicht für möglich halten sollte.

Der Graf weiß, daß er sehnsüchtig erwartet wird. Und als er sich Frau von Braneck nähert, sieht sein geübtes Auge mit einer gewissen Genugthuung, daß die schöne Frau geweint hat! Sie selbst giebt es errötend zu. Das Mitgefühl mit seinem Pech, das Erbarmen mit dem armen Pferd, die Trauer um das Zehnmarkstück, der Schrecken über den Sturz, das alles ist ihr in eine unbestimmte Empfindung von etwas sehr Traurigem und Widerwärtigem zusammengeflossen, und um so lebhafter äußert sich nun ihre Freude, ihr geradezu kindliches Staunen, als sie Parsenow wider alles Erwarten so gefaßt, ja geradezu heiter sieht. Er imponiert ihr dadurch noch mehr. Sie blickt bewundernd zu ihm auf.

»Na ja ... so ist's recht, lieber Graf,« sagt auch der Major und klopft ihm auf die Schulter, »immer den Kopf hoch ... gefällt mir ... denken Sie nicht weiter an die Geschichte ... wir bleiben den Abend beisammen und muntern Sie auf ... was?«

»Gern!« Parsenow ist mit allem einverstanden. Er muß selbst innerlich über seine Ruhe lachen. Ein komisches Gefühl, ruiniert zu sein, ... ein ganz neues Gefühl ... das ist's ... das regt ihn, den blasierten Lebemann, so angenehm an ... ein totaler Zusammenbruch ... das hat er noch nicht durchgemacht! Er ist geradezu gespannt, wie die Geschichte enden wird ...

Inzwischen sind die letzten Rennen gelaufen. Man drängt zum Aufbruch. Parsenow bietet den Herrschaften seinen Wagen zur Heimfahrt an und bald rollen sie die Chaussee dahin, der Major und Hilda auf dem Rücksitz, vor ihnen Parsenow und der Leutnant. Rings um sie setzt sich die Wagenburg in Bewegung. In endlosen schwarzen Reihen rollt es den Hügel hinab, der dunkle Strom der Fußgänger quillt zu beiden Seiten, die Colosse der Pferdebahn gleiten langsam durch das Gedränge, mit Hornstößen bahnen sich die Viererzüge den Weg, durch die zahllosen Droschken erster Klasse schlüpfen die Gigs und Dogcarts, schaukeln behäbige Equipagen mit würdevollen Kutschern ... dazwischen da und dort ein schmutzstarrendes Arbeitsfuhrwerk mit einem höhnisch grinsenden Fuhrmann, vorsündflutliche Kremser, Tandems mit vor einander gespannten, kunstvoll gelenkten Pferden. Und in den buntscheckigen Fahrzeugen die buntscheckige Menge, Mitglieder des Unionklubs, Buchmacher, Taschendiebe, Offiziere, Damen der großen Welt, Hochstapler, die Halbwelt aller Grade, Kriminalbeamte, Schlächtermeister und Zahlkellner, alles, alles, rollt einträchtiglich durch den Tiergarten dahin.

Der aber glänzt in seinem buntscheckigen Laube, ein würzigen Hauch weht durch die Stämme, die Räder rasseln, die Peitschen wehen und von dem blaßblauen Herbsthimmel lacht die Sonne über Gerechte und Ungerechte.


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