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Noch höher auf dem Berg

Es waren nun drei Wochen vergangen, seit Vinzi beim Vetter angekommen war. In diesen Tagen erschien, von Leuk heraufkommend, ein guter Bekannter von Vinzis Vater und brachte Grüße von diesem und der Mutter an den Vinzi und an den Vetter und seine Familie. Er hatte Geschäfte unten in Domo und wollte auf dem Rückweg wieder bei Lorenz Lesa vorsprechen; denn er hatte Vinzis Vater und erst recht der Mutter versprechen müssen, Bericht von dem Buben zu bringen, wie er das Leben auf dem Berge annehme und wie er sich gegen den Vetter und seine Familie verhalte, ob er sie auch nicht mit seinem schweigenden und unachtsamen Wesen belästige. Über das Heimkommen des Buben sollten der Vetter und die Base entscheiden. Sobald sie für gut finden würden, ihn heimkehren zu lassen, möchten sie ihn nur einem Begleiter mitgeben, oder berichten, daß sie unten in Leuk dafür sorgen sollten. Der Mann wollte in fünf oder sechs Tagen wieder zurück sein. Es war jetzt der fünfte Tag, daß der Mann dagewesen und in das Tal hinabgereist war.

Lorenz trat eben in die Stube ein, wo seine Frau den Tisch zum Abendessen hergerichtet hatte und nun mit Ruhe dem Augenblick entgegensah, da die Buben von der Weide heimkehren würden und sie auftragen könnte, was ihnen wohl gefallen würde.

»Der von Leuk kommt heute nicht mehr, er wird morgen kommen«, sagte Lorenz, »wir wollen ihnen drunten auch recht ausdrücklich sagen lassen, welch eine Freude wir an ihrem Buben haben.«

»Das wollen wir«, stimmte seine Frau bei. »Gerade jetzt habe ich überdenken müssen, warum sie uns wohl den Buben heraufgeschickt haben, einen solchen würde ich sicher daheim behalten. Sonst tut man doch so etwas, wenn einer nicht ganz so ist, wie er sein sollte, oder etwa seine Mucken hat, die er unter anderen verlieren sollte. Aber der Vinzi ist ja ein Bub wie kaum einer. Seit der in unserem Hause ist, meine ich manchmal, ich kenne meine eigenen Buben nicht mehr. Da ist der Rußli, den mußte ich sonst jeden Morgen unter großem Geschrei und Kämpfen an den Brunnen schleppen, und bei dem Waschen schrie er wie ein Gespießter, und jetzt läuft er, sobald er aus dem Bett ist, eilig zum Bach hinter dem Heuschober hinüber und meint, dort sei's eine Freude, sich zu waschen, weil der Vinzi sich dort wäscht und es mit Freuden tut. Da kann der Rußli sich fegen und reiben, wie ich es nie hätte tun dürfen, nur weil er meint, er sehe dann dem Vinzi gleich, der ja freilich immer aussieht, daß jeder ihn gern ansehen mag. Und nicht ein einziges Mal kommt mir der Rußli mehr mit Heulen oder Klagen heim, daß man meinen muß, sie haben ihn fast umgebracht, und sag ich dann: ›Wie kommt's, daß du jetzt so vernünftig und ohne Krächzen heimkommen kannst?‹ so sagt er: ›der Faz darf mich nicht mehr hauen, weil es der Vinzi mit mir hält.‹ Und sag ich dann zum Faz: ›Wie kommt es, Faz, daß du nun den Rußli in Ruh lassen kannst?‹ so sagt er: ›Jetzt hält ihn der Vinzi in Ordnung, er muß recht tun, dann ist das andere nicht nötig. – Es ist mir ja auch lieber so‹, sagt er dann ganz verständig, ›der Vinzi soll nur bei uns bleiben.‹ So etwas hätte ja der Faz früher nie gesagt, das Hauen war ihm doch immer das liebere. Und der Jos, der hat einem ja immer am wenigsten zu tun gegeben, das mußt du selbst sagen –«

»Ja freilich, alle Erstlinge sind Musterbüblein bei den Müttern«, schaltete der Vater ein.

»Nun ja, der Jos darf sich zeigen«, fuhr die Frau fort; »aber einen so manierlichen Buben, wie Vinzi ist, habe ich noch nie gesehen. Das hat aber Jos gemerkt, und nun tut er alles genau so wie Vinzi, und es steht ihm so gut an, daß ich manchmal denken muß, der brauchte nur so ein Mützchen auf den Kopf und ein Mäntelchen um die Achseln zu haben, wie man sie an den Fremden auf dem Postwagen sieht, so nähme man ihn für ein Herrensöhnchen.«

»Ist nicht nötig«, sagte der Mann dazwischen.

»Und daß unser Jos eine so schöne Stimme hat, hätten wir auch nie gewußt, wäre Vinzi nicht mit seiner Musik bei uns eingezogen«, fuhr die Frau fort. »Und wie schön es jetzt jeden Abend bei uns ist, das kann ich manchmal selber kaum glauben. Da hat man seine Ruh den ganzen Abend lang und hört die schönsten Gesänge dazu. Keinmal muß man mehr erschrecken, weil einer den anderen unter den Tisch geschmissen hat und der dritte seinen Stuhl zusammenreitet. Ich glaube, diese Musik hat sie alle drei so gezähmt, daß man sich nur fragen muß, sind das auch die gleichen Buben? Jetzt will ich nur noch eins sagen: Warum hat dein Vetter den Buben hier heraufgeschickt und hat ihn nicht lieber bei sich behalten? Seine Frau hat's sicher nicht gewollt, das kann ich schon erraten. Jetzt sag, was du meinst.«

»Das ist sicher, daß der Vinzenz Lesa etwas Gutes mit seinem einzigen Sohn im Sinne hatte, das kannst du glauben«, erwiderte der Mann; »aber ich habe mich auch gefragt, was es sein könnte, und habe nichts finden können, ich wußte nur noch, daß er mir etwas gesagt hatte, was dem Buben fehle. Erst als der von Leuk kam und fragen mußte, ob Vinzi uns nicht mit Schweigen und so etwas belästige, kam es mir wieder in den Sinn, daß er meinte, unsere Buben seien viel fröhlicher bei ihrer Arbeit, und er wollte, seiner wäre auch so. Er möchte ihn eine Zeitlang bei uns haben, so in ganz anderer Umgebung, und er hat ja recht gehabt, es hat sich doch gewiß gebessert mit dem Fröhlichsein. Der Vinzi ist ja jetzt lustig wie ein Fink, und alle anderen macht er noch fröhlicher, als sie waren.«

Jetzt hörte man das Jauchzen der heimkehrenden Buben. Der Vater ging hinaus, um ihnen beizustehen, die Mutter wandte sich der Küche zu; es war die rechte Zeit, alles auf den Tisch zu stellen, daß weder Ungeduld des Wartens noch verbrannte Hälse aufkommen konnten.

Am anderen Tag kam der Mann von Leuk aus dem Tal herauf. Lorenz Lesa stellte ihm ein Glas Wein vor und setzte sich zu ihm.

»Was habe ich nun zu berichten?« fragte der Mann.

»Sagt meinem Vetter Vinzenz, daß hier alles in der besten Ordnung ist«, begann Lorenz, »daß sein Bub lustig ist und singt und pfeift wie ein Vogel im Hanfsamen, und wir alle mit ihm.«

»Und daß wir ihn gern haben, als wär er einer der unseren«, fiel hier die Frau ein, »und daß wir ihn sicher hierbehalten und nicht fortlassen bis zum allerletzten Herbsttag.«

»Ja, und sagt meinem Vetter«, setzte hier der Mann wieder ein, »wenn er den Buben bei uns überwintern lassen will, so sei es uns noch lieber, und belästigt habe er nicht einen auf dem ganzen Berg, dagegen manchen fröhlich gemacht.«

»Das wird Vinzenz Lesa gerne hören, ich will alles recht berichten«, sagte der Mann. »Nun sollte ich Frau Lesa auch noch berichten, wie der Bub aussähe, die will alles so genau wissen, der wird nun aber gar nicht zu sehen sein?«

»Nein, von sechs Uhr morgens bis um sechs Uhr am Abend sind die Buben alle miteinander auf der Weide und singen und pfeifen und wollen's gar nicht besser haben«, sagte Lorenz, »das wird wohl meinem Vetter recht sein, lieber, als wenn Ihr den Buben daheim getroffen hättet.«

»Und der Base sagt, daß sie gar nicht zu sorgen brauche«, fuhr die Frau fort, »ihr Bub sähe so frisch und sauber aus wie eine Bachforelle, und wenn es anders kommen sollte, so wär ich auch noch da und kümmerte mich um ihn wie um einen eigenen.«

»Jetzt ist's gut«, sagte der Leuker Bote befriedigt und machte sich nun auf den Weg, froh, daß er solche Nachrichten für die Frau Stefane mitbringen konnte; denn sie hatte ihm eindringlich anbefohlen, nach allem zu fragen, was er nicht so recht behalten konnte; aber nun hatte er ja die besten Berichte über alles abzugeben, Gefragtes und Ungefragtes.

.

Wie er versprochen, hatte Vinzi Jos und auch Faz eine schöne Pfeife geschnitzt, und alle beide hatten sich schon in einen solchen Feuereifer hineingespielt, daß nichts mehr als Unterhaltung bei ihnen galt als ihre Pfeifen.

Daß Vinzi ganz anders als sie spielen konnte, hörten sie beide recht gut, und ihm abzulernen, wie er's machte, und es ihm gleichzu tun, war nun der höchste Wunsch der beiden. Sobald man am frühen Morgen auf der Weide angekommen war, ging das Pfeifenspiel los, und solange das ruhige Weiden der Kühe fortdauerte, wurde ununterbrochen mit dem größten Feuereifer fortgefahren. Da aber Jos und Faz die Anführer der ganzen Hirtenbubentruppe von ringsherum waren, und da sie nun gar nicht mehr auf den anderen Weiden erschienen, sammelte sich nach und nach die ganze Schar auf ihrem Platz, und der musikalische Eifer der beiden wurde ansteckend. Jeder wollte sein Talent zum Pfeifenblasen auch versuchen, und jeder dachte, er könne sicher Vinzis Spiel besser nachahmen als die anderen.

Darin waren sie alle einig, daß er es ganz anders könne als alle andern, und die gleiche Pfeife, die eben einer von ihnen geblasen hatte, gab einen ganz neuen Ton von sich, sobald Vinzi hineinblies.

Wenn so eine Zeitlang die Pfeifen durcheinander in den mannigfaltigsten Tönen gewimmert, gebrummt und gekreischt hatten, dann riefen die Pfeifer wieder vereint nach dem Vinzi, daß er komme und ihnen vorspiele, damit sie sähen, wie er's mache. Dann kam Vinzi heran und spielte willig, soviel sie wollten, und alle drängten sich dicht um ihn herum und schauten ihm mit der größten Spannung auf die Finger. Da kamen die Melodien wie von selbst heraus. Vinzi ließ nur so ganz leicht seine Finger über die Löcher hüpfen, und es sah so einfach aus, daß jeder dachte, jetzt könne er's sicher, und jeder gern zuerst wieder versuchen wollte, wie er's nun herausbringe. Wenn es dann auch keinem gelang, wie er meinte, so dachte doch jeder, wenn er nur eine eigene Pfeife hätte, so wollte er es wohl erlernen; aber jetzt konnte ja einer kaum für ein paar Minuten eines der seltenen Instrumente bekommen; denn immer verlangten schon wieder zehn andere danach.

So kam einer um den andern zu Vinzi und fragte: »Was muß ich dir geben, wenn du mir auch eine gute Pfeife schneidest?«

Und Vinzi antwortete immer bereitwillig: »Ich will dir schon eine Pfeife schneiden, du brauchst mir nichts zu geben; aber ein wenig warten mußt du, ich habe schon mehrere versprochen.«

Jetzt hatte Vinzi vollauf zu tun; denn jeden Tag gelangten neue Bitten um Pfeifen an ihn, daneben auch immer wieder die Aufforderung vorzuspielen, und Rußli gab von seinen Ansprüchen an ihn auch nichts auf. Aber dem Vinzi wurde dabei immer wohler zumute. Was man von ihm forderte, leistete er mit Freuden, und alle, die um ihn waren, konnte er damit erfreuen.

Der Vetter hörte es gern, wenn am Abend seine Buben erzählten, nun kämen alle Hirten von allen Weiden bis zum Hospiz hinauf zu ihnen auf ihre Weide um des Pfeifenspiels willen, sie wollten es alle hören und erlernen, und nun gelte gar keine andere Lustbarkeit mehr als nur das Musikmachen. Vinzi schneide auch jeden Tag soviele Pfeifen, daß nun schon auf jeder Weide zwei oder drei seien; aber da seien ja immer soviele Buben, daß einer kaum ein paar Pfiffe tun könne, so wolle schon wieder ein anderer versuchen, wie er es könne. Man müsse eben lange hintereinander spielen, bis man rechte Töne hervorbringe; davon, wie man sie beim Singen aneinanderreihen könne, sei dann noch lange keine Rede.

So sei jetzt von allem, was ein Hirtenbub sich wünsche, eine Pfeife, wie Vinzi sie schnitze, das Höchste; denn Pfeifen, die andere schnitten, hätten nie die rechten Töne.

Unter der Hirtenschar waren zehn oder zwölf, die man ›die Türmler‹ nannte. Vinzi wußte nie recht, wieviele ihrer waren; es kam immer nur ein Teil derselben auf einmal nach der Lesa-Weide, da, wie auf den anderen Weiden, eine Abteilung beim Vieh zurückbleiben mußte. Vinzi hatte zuerst geglaubt, die Türmler seien eine Brüderschar, dann hatte er gemerkt, daß sie Vettern untereinander waren, von dreierlei Haushaltungen stammend. Er hatte schon an zwei Türmler Pfeifen abgegeben; denn sie hatten ihn besonders gedrängt; aber der schwarze Vereli, so genannt um seines schwarzen, wolligen Haares und der dunkeln Hautfarbe willen, bat so eindringlich und mit solchem Verlangen um eine so herrliche Schalmei, daß Vinzi nicht widerstehen konnte und ihm gleich eine verfertigte, obschon er auch ein Türmler war und viele von den Buben fort und fort riefen: »Sie haben schon zwei! Die Türmler haben schon zwei!«

Dankend und jauchzend rannte der schwarze Vereli mit seinem errungenen Schatz davon.

Am folgenden Tag erschien er wieder und kam eilig zu Vinzi herangelaufen: »Ich muß heute droben die Kühe hüten helfen, die andern dürfen hier bleiben«, sagte er außer Atem, »ich muß dir nur einen Bericht bringen: Ich habe dem Großvater die Pfeife gezeigt und habe ihm vorspielen müssen, und dann hat er gesagt, ich könne es nicht, und dann habe ich gesagt, aber du könntest es wie gar kein anderer, und dann hat er gesagt, du sollest bald einmal zu ihm kommen, du müßtest ihm etwas vorspielen. Das mußte ich dir berichten. Komm dann, wenn ich zu denen gehöre, die droben bleiben, komm morgen!« rief der Vereli noch schnell zurück und rannte schon davon.

»Zuerst muß man es dem Vetter sagen; wenn er ja sagt, wohin muß ich dann kommen?« rief Vinzi dem Forteilenden nach.

Er erhielt keine Antwort mehr, der Vereli war schon weit weg.

»Zu den Türmlern hinauf mußt du«, bedeutete ihm Rußli, der unzertrennlich von Vinzi immer in seiner nächsten Nähe war und die Aufforderung mit angehört hatte.

»Ich weiß doch nicht, wo die wohnen«, entgegnete Vinzi.

»Im Turm natürlich«, sagte Rußli.

»Oh, so heißen sie darum die Türmler!« rief Vinzi aus.

»Ja, natürlich«, fand Rußli.

Nun stieg der alte graue Turm vor Vinzis Augen auf, den er auf seiner Herreise mit Schrecken erblickt hatte; denn in seinem angstvollen Zustand kam er ihm wie ein Gefängnisturm vor, in dem vielleicht der Vetter wohnte, und wo er nun auch wohnen sollte. Aber in seiner Erinnerung stiegen aus der Umgebung des Turmes noch eine grünglänzende Wiese und leuchtende Blumen auf, die sein Blick nur so gestreift hatte; denn er konnte vor angstvoller Erwartung nicht mehr um sich schauen. Nun kam ihn plötzlich eine große Lust an, die Straße hinaufzuwandern, wo er heruntergekommen war, und zu sehen, wie alles dort oben aussehe, was ihm nur so unbestimmt in der Erinnerung geblieben war.

Am Abend erzählte er dem Vetter, was der schwarze Vereli ihm berichtet hatte, und fragte, was er nun tun solle.

»Gleich morgen nach dem Turm hinaufgehen«, sagte der Vetter. Der Großvater sei der älteste Mann auf dem ganzen Berg, man müsse tun, was er begehre.

»Von wem dort oben ist er der Großvater?« fragte Vinzi.

»Von allen denen, die man die Türmler nennt«, antwortete der Vetter, »und dann noch von einer großen Schar anderer, die daheimbleiben. Denn nur die Buben, die den Sommer über das Vieh hüten sollen, kommen herauf. Er ist eigentlich Ur- und auch der Ururgroßvater von ihnen, aber das wäre zu weitläufig, ihn so zu nennen, so heißt er bei allen Verwandten und auf dem ganzen Berg der Großvater. Wenn seine Enkel und Urenkel alle zusammenwären, gäbe es eine ganze Herde.«

»Ja und der Ärgste von allen ist der schwarze Vereli«, setzte Faz hinzu.

»Wieso?« fragte der Vater, der keinen Zusammenhang zwischen dieser Anzeige und seinen Worten ersah.

»Nur so, daß die Türmler immer die ärgsten Lumpereien anstellen, und das erfindet alles der schwarze Vereli«, erläuterte Faz seine Anzeige, »und Jos hält es doch immer mit ihm, weil er so gut jodeln kann.«

»Ja, das kann er wie keiner, und das hör ich gern«, bestätigte Jos, »und mit dem Lumpereianstellen wird es wohl jetzt ein wenig abnehmen; ohne Vereli können sie nichts erfinden, und der hat nun etwas anderes zu tun. Vinzi hat ihm eine Pfeife gemacht, die hätte er schon lange gern gehabt; er will das Spielen solange forttreiben, bis er es kann, und wenn der etwas will, so gibt er nicht nach, bis er's kann.«

»Diese Pfeifen sind ein rechter Segen für den ganzen Berg, die bösesten Buben kann man damit zähmen«, sagte die Mutter und lehnte sich mit Wohlbehagen an ihren Sesselrücken. Sie wußte ja, nun hatte sie ihre Ruhe für den Abend; denn nun würde gleich auch in ihrer Stube die gesegnete Pfeife ertönen und alles beruhigen.

Am anderen Morgen, als die Buben mit ihrer Herde ausziehen wollten, sagte der Vetter zu Vinzi: »Geh du nur gleich hinauf zum Turm, der Großvater ist schon auf. Mit dem ersten Strahl der Sonne sitzt er schon auf seinem Bänklein am Turm und sonnt sich dort bis zum Abend. Du mußt dich dann mit dem Heimkommen nach dem Alten richten, solang er dich oben haben will, mußt du bleiben.«

Nun zogen sie aus. Rußli blieb, wie immer, mit Vinzi ein wenig hintennach. Er hatte des Vaters Worten aufmerksam zugehört.

»Du mußt bald wieder heimkommen«, sagte er jetzt, »sobald du dem Großvater etwas vorgespielt hast, muht du wieder herunterkommen.«

»Du hast ja gehört, was dein Vater gesagt hat«, entgegnete Vinzi, »ich muß so tun, wie der Großvater will. Wenn er will, daß ich den Morgen lang dort bleibe, so muß ich es tun.«

»Dann will ich alle Kühe fitzen«, sagte Rußli ganz grimmig.

»Das ist nun recht schlecht von dir, Rußli«, rief Vinzi erzürnt aus. »Nun habe ich geglaubt, du seist ein ganz netter Bub und bin immer bei dir geblieben und habe dir erzählt und vorgepfiffen, soviel du nur wolltest, und habe geglaubt, der Faz habe über dich gesagt, was nicht wahr sei, und nun ist es doch wahr. Weißt du, was ich jetzt tue? Ich will nur noch mit Jos und Faz gehen, du kannst nun allein sitzen, wo du willst, ich komme nie mehr zu dir.«

»So will ich es nicht tun«, sagte Rußli halb störrisch, halb bußfertig.

»So ist's recht, Rußli«, sagte Vinzi schon wieder versöhnt, »und nun will ich dir auch etwas schneiden auf dem Weg und dir's heimbringen, und dann mach ich's immer so, wenn ich fortgehe. Was willst du jetzt? willst du einen Spazierstock?«

»Nein«, war gleich die bestimmte Antwort.

»Willst du eine Fahnenstange?«

»Nein.«

»Was willst du denn?«

»Eine Pfeife.«

»Die hast du ja schon lange«, meinte Vinzi.

»Es ist gleich, ich will nur gern eine Pfeife und dann immer noch eine Pfeife, wenn du mir wieder etwas schneidest«, behauptete Rußli hartnäckig.

»Also eine Pfeife«, versprach Vinzi.

Nun war man beim Weideplatz angelangt. Die Vettern trieben ihre Herde rechts von der Straße ab gegen die Lärchenbäume hin, Vinzi setzte seinen Weg fort, die wiederholten Rufe der drei: »Komm bald zurück!« immer wieder mit dem Schwingen seiner Mütze beantwortend, die er zum Schluß vor lauter Wohlsein hoch in die Lüfte warf und mit lautem Jauchzen wieder auffing. Vinzi war so wohl zumut wie noch nie. Vom blauen, wolkenlosen Himmel strahlte die Sonne über die grünen Weiden und die Felsenberge drüben, auf denen die dunkeln Tannen in dem hellen Himmel ihre Wipfel zeichneten. Ja, da war er heruntergekommen; aber wie anders sah doch heute alles aus! Es wurde immer schöner. Jetzt trat der hohe Schneeberg zwischen den dunkeln Waldhöhen ganz heraus, so groß und mächtig mit der schimmernden Schneekrone. Und jetzt, oh, wie wunderbar, da kam silbern leuchtend im Morgenlicht ein breiter Strom vom Himmel nieder über den ganzen Berg herunter, ohne Rauschen, ohne Bewegung; nein, das war nicht fließendes Wasser, das war der große Gletscher. Vinzi mußte wieder stehen bleiben, der Anblick wurde immer noch wunderbarer. Jetzt flammte es wie blaues Feuer eine ganze Strecke über den Gletscher hin.

Daß es hier oben so schön sein konnte, davon hatte er keine Ahnung gehabt, er konnte fast nicht weiter.

Endlich mußte es doch sein. Jetzt tönte es um ihn wie fernes Waldrauschen, da war doch kein Wald so nahe. Nein, dort über die hohen Felsen kam weiß ausschäumend und tosend ein Wasserfall heruntergestürzt und drüben noch einer; da und dort sprangen die sprudelnden Bergbäche von den Felswänden nieder, und eine so frische herrliche Luft strömte ihm hier entgegen, daß er wieder stillstehen und sie in langen Zügen einatmen mußte. Aber was war denn das rotglühende Feld, das dort droben weithin über den Berghang sich ausbreitete? Das mußte er sehen. Nun lief er zu. In der leichten Luft ging es bergan, als hätte Vinzi Flügel, er merkte es gar nicht, wie die Straße stieg.

Von Zeit zu Zeit verschwand der rote Berghang, wenn die Straße eine Biegung machte, dann stand er wieder da in der hellen Sonne, immer näher, immer leuchtender. Nun tönte ihm ganz melodisch ein wohlbekanntes Geläute entgegen, das waren Herdenglocken. Wo war nur die Herde?

Nun mußte er doch wieder stillstehen und sich umsehen.

Dort, zur Linken unterhalb der Straße im grünen Wiesengrund zog die Herde ruhig weidend hin und her, eine ganze Schar von Kühen aller Farben und auch eine Schar von Hirtenbuben war zu sehen, die einen am Boden liegend, die anderen in Trüppchen zusammenstehend, und dort, mitten in der Talmulde, erhob sich ein grauer steinerner Turm. Ja, das war der alte Turm, den er auf seiner Herreise gesehen und den ihm die Vettern geschildert hatten. Und dort saß der Großvater ganz so, wie Vetter Lorenz gesagt hatte, den Rücken an das Gemäuer lehnend, schaute er, vom hellen Sonnenschein beschienen, dem blauen, sonnigen Himmel entgegen. Schneeweißes Haar bedeckte ihm das unbeschattete Haupt, und ein dichter weißer Bart fiel ihm auf die Brust herunter. Es sah so friedlich aus da unten; der alte Mann so wohlig im Sonnenschein sitzend, die Herde so ruhig grasend um ihn her. Selbst der alte Turm, den er wie etwas Schreckliches in der Erinnerung hatte, kam dem Vinzi jetzt als ein recht gemütlicher Wohnsitz vor, wo alle die Hirtenbuben mit dem Großvater gewiß ein fröhliches Zusammenleben hatten. Er wollte gern das alles in der Nähe betrachten; aber den roten Berg mußte er schnell erst nahe sehen, er mußte bald erreicht sein.

Vinzi eilte bergan.

Noch eine Biegung der Straße, und gerade vor ihm lag nun das leuchtende rote Feld.

Er kletterte zur Rechten über die Straßenwand und ging hinein, mitten hinein in das grüne Laub, das über und über mit rotglühenden Alpenrosen bedeckt war. Weithin über den ganzen Berghang, soweit er schauen konnte, sah er die dunkelroten Rosen. »Oh, wie schön! Oh, wie schön!« sagte Vinzi einmal ums andre vor sich hin.

Ganz sachte ging er noch ein wenig weiter, dort war ein freies Plätzchen, wo er keinen Strauch knicken würde. Da setzte er sich hin, mitten unter die Blumen hinein, und schaute in stiller Wonne nach der wunderbaren Herrlichkeit, die ihn umgab.

Wohl strahlte die Sonne vom wolkenlosen Himmel auf ihn nieder; aber so kühl wehte der frische Bergwind um seine Schultern, daß ihm die warmen Strahlen ganz willkommen waren. Aber dem schimmernden Rosenfeld lag der Himmel dunkelblau und weithin über all den grauen Felszacken und den grünen, sonnigen Alpenhöhen. Drüben stieg der mächtige Berg mit dem weißen Schneehaupt hoch empor, und da und dort warfen die tosenden Bergbäche ihren schneeigen Schaum der leuchtenden Sonne entgegen, so daß er in allen Farben schimmerte.

Vinzi mußte lange dagesessen und geträumt haben. Plötzlich bemerkte er, daß jetzt die Sonne fast gerade über seinem Kopfe stand, es mußte gleich Mittag sein. Erschrocken sprang er auf, rannte in hohen Sätzen über das Blumenfeld, womöglich den Fuß so niedersetzend, daß er kein Röslein knickte, dann in hohem Sprunge auf die Straße hinunter, quer über diese hin und in vollem Lauf auf der anderen Seite den Wiesenhang hinab dem alten Turm zu. Da stand Vinzi schon gerade vor dem Großvater, der noch auf seiner, vor dem Winde geschützten Bank im warmen Sonnenschein saß. Vinzi mußte tüchtig Atemholen, bevor er etwas sagen konnte.

»Was ist's, Bub, warum hast du's so eilig?« fragte in aller Ruhe der Großvater.

»Ich habe mich ein wenig versäumt, ich wollte früher bei Euch sein«, antwortete Vinzi, der nun seinen Atem wiedererlangt hatte. »Der schwarze Vereli hat berichtet, ich solle heraufkommen. Ihr wolltet die Pfeife spielen hören.«

»So bist du der Bub, der die Schalmeien schnitzt und so gut darauf spielen soll?« sagte der Alte; »das ist brav von dir, daß du zu mir kommst. Setze dich hier zu mir auf das Bänklein und sag mir, wem du gehörst und woher du kommst.«

Vinzi setzte sich und berichtete, woher er sei, und daß er jetzt für eine Zeitlang bei seinem Vetter Lorenz Lesa wohne.

»Den kenn ich«, sagte der Alte, »das ist ein braver Mann, hat er auch nichts dawider, daß du zu mir kommst?«

Vinzi sagte, daß er ihn selbst zu gehn geheißen und ihm befohlen habe, hier zu bleiben, solange es dem Großvater recht sei.

»So ist's recht, dann kannst du mir schon etwas vorspielen. Aber ich meine, zuerst müßten wir unseren Imbiß einnehmen«, damit stand der Alte auf; aber gleich besann er sich anders und setzte sich wieder behaglich auf sein Plätzchen.

»Ich meine, wenn der Junge das Essen holte und der Alte sitzen bliebe, wär's nicht ungeschickt«, sagte er, dem Vinzi freundlich auf die Schulter klopfend. »Geh du hier um die Ecke, mach die Haustür auf, und dahinter auf dem Gesims steht alles, der Milchkrug und das Essen. Das bring hierher.«

Vinzi ging und kehrte gleich mit allem Gewünschten wieder. Das wurde zwischen die beiden auf die Bank gestellt, und der Großvater begann sich Käse und Brot zurechtzuschneiden und forderte Vinzi auf, dasselbe zu tun.

Dieser zögerte aber ein wenig; er hatte ja den ganzen Morgen nichts getan, als was ihm gefiel, und hätte schon lange dem Großvater vorspielen können; er konnte nicht so recht mit gutem Gewissen zugreifen.

»Iß, iß! Was ist dir im Weg? Es ist mehr als genug für uns zwei da, jetzt fang an«, sagte der Alte nach einer Weile und schaute Vinzi mit so freundlichen Augen an, daß dieser mit Freuden auch eine schwerere Forderung erfüllt hätte als diejenige, die an ihn gestellt war.

»Und wie gefällt es dir nun auf unserem Berg?« fragte der Großvater nach einer Weile wieder.

Vinzis Augen leuchteten hell auf. »Oh, hier ist es schön! Ich weiß gar nichts Schöneres«, sagte er, noch ganz erfüllt von den Eindrücken, die er vor kurzem empfangen hatte.

Der Großvater klopfte ihm wohlgefällig auf die Schulter: »Ich auch nicht, ich auch nicht«, sagte er voller Befriedigung, »das hast du gerade wie ich. Wo könnte es auch schöner sein? Wo haben sie einen goldneren Sonnenschein, als wir hier oben, und eine leichte Luft dazu, die einem mit jedem Atemzug so wohl macht, daß man's durch den ganzen Menschen spürt. Und jeder kann davon nehmen, soviel er nur zu fassen vermag. Und Kraft geben sie, diese Luft und diese Sonne; ich kann dir's sagen, ich weiß etwas davon. Freilich jetzt hat sie bei mir nachgelassen; gesund bin ich noch, nur nicht mehr jung. Wie alt meinst du, daß ich sei, Bub?«

»Etwa siebenzig«, rief Vinzi.

»So, meinst du? Siebenzig war ich vor zwanzig und ein paar Jahren. Da war ich noch jung. Da hab ich's noch für nichts geachtet, mit Lasten auf dem Rücken ins Tal hinabzugehen und andere heraufzutragen. Aber jetzt geht es nicht mehr; sie begehren auch nichts mehr von mir, die Jungen, als daß ich hier den Sommer über alle die Buben im Turm zusammenhalte. Am Tag sind sie freilich alle bei der Herde; aber am Abend müssen sie alle heim und muß Ordnung gehalten werden; dann muß einer da sein, der befiehlt, sonst kommen sie aneinander. Am Tag sitze ich hier im Sonnenschein und habe Zeit, für alles zu danken, was unser Herrgott in meinem langen Leben an mir getan hat. Seit ich das neunzigste Jahr hinter mir habe, zähl ich sie nicht mehr; ich nehme jeden schönen Gottestag als ein schönes Geschenk an und schaue am Abend zum Himmel auf und sage von Herzen: ›Ich danke dir dafür, du guter Vater im Himmel, ich danke dir.‹ Und kommt dann meine Zeit, daß ich gehen muß, so hab ich nicht weit. Sieh hinauf, ich meine, ich habe nur einen kleinen Flug zu tun, so bin ich droben. Schon darum ist's so schön hier auf dem Berg, so nah am Himmel und so frei und weithin ihn alle Augenblicke schauen zu können, das nimmt einem die Gedanken in die Höhe und macht zum Leben und Sterben froh.«

Vinzi war den Worten des Großvaters mit großer Aufmerksamkeit gefolgt. Daß er jetzt schwieg, tat dem Jungen sehr leid, er hätte so gern noch vieles davon gewußt, wie es der Großvater in seiner einsamen Wirtschaft dann mache.

»Worüber hast du so streng nachzudenken?« fragte der Alte nach einer Weile des Stillschweigens.

»Ich habe gedacht, wenn Ihr mir nur erzählen würdet, wie Ihr's dann im Winter macht, wenn die Hirtenbuben daheim sind. Ob Ihr dann mutterseelenallein in dem Turm wohnt, oder ob Ihr dann fortgehen müßt, obgleich es Euch hier oben so wohl ist«, antwortete Vinzi.

»Ich gehe nie mehr ins Tal hinab, seit zehn Jahren nicht mehr, und ich bin froh, daß ich nicht muß«, sagte der Alte, einen langen Zug der sonnigen Bergluft einatmend, »ich könnt's nimmer aushalten; so schwere Luft und soviele Menschen. Da kommt immer einer dem anderen vor die Sonne. Im Turm allein brauche ich auch nicht zu wohnen, ich habe gute Freunde hier, die Mönche droben im Hospiz. Du weißt ja wohl, wo das Hospiz ist?«

»Nein, das weiß ich nicht«, entgegnete Vinzi, »und was ein Hospiz ist, weiß ich auch nicht.«

»Das ist ein gutes Haus«, sagte der Alte; »da werden die armen Reisenden aufgenommen, die im Winter fast nicht mehr weiter kommen vor vielem Schnee und großer Kälte und manchmal halb erfroren liegen bleiben. Da kommen dann die guten Mönche, die im Hospiz wohnen, und holen sie herein zum warmen Feuer und stärken sie mit Speise und Trank, daß sie wieder weiterziehen können. Das sind meine guten Freunde, die Mönche, und wenn im Herbst die Buben mit der Herde heimfahren, dann gehe ich mit bis zum Hospiz hinauf; das ist nicht weit, es steht gleich da droben, kannst es einmal sehen.«

»Oh, ich weiß schon!« rief Vinzi aus, dem plötzlich das große steinerne Haus an der Straße vor Augen stand, das er auf der Herreise gesehen hatte, wo es ringsum so still und tot war, als sei kein einziger Lebender in der Nähe.

»Dort ist schon eine warme Ecke am Kamin für mich bereit«, fuhr der Alte fort, »da sitz ich den Winter durch und höre manches gute Wort von den Mönchen und sehe dann und wann einen, der elend ohne ihre Hilfe zugrunde gegangen wäre, und nun wieder mit frischem Mut sein Ränzlein aufladen kann. Dann höre ich auch manches, wie es drunten in der Welt zugeht, und bin froh, dem allem entronnen und hier oben zu sein.«

»Ja, das glaub ich wohl«, sagte Vinzi ganz verständnisvoll.

»Wie wär's, wenn wir jetzt ein wenig Musik machen würden?« fragte nach einer Pause der Großvater. Dann nahm er den leeren Krug samt Teller und Messer und schob alles unter die Bank, um so recht freien Platz für den einen zum Spielen, für den anderen zum Zuhören zu schaffen. »Was willst du am liebsten spielen?«

Vinzi hatte seine Pfeife hervorgezogen und begann eine Melodie zu spielen.

Sie gefiel dem Alten, er wollte sie noch einmal hören. Vinzi wiederholte sie. Wie er wieder zu Ende war, sagte der Großvater: »Du hast da etwas Schönes gespielt; ich meine, das könnte ein geistliches Lied sein.«

»Das ist es auch«, sagte Vinzi.

»Wie kommst du denn zu einem solchen Lied? So junge Buben pfeifen sonst meistens andere Töne. Wo hast du's gefunden?« wollte der Alte wissen.

»Gefunden habe ich's nicht; ich spiele es nur dem Singen nach. Jeden Abend singt die Mutter daheim mit uns solche Lieder«, berichtete Vinzi.

»So kannst du noch mehr solche?« fragte der Alte gleich.

»Ja, ja, noch viele«, versicherte Vinzi.

»Jetzt möcht ich nur wissen, ob du mir ein Lied spielen kannst, das ich einmal gehört habe und nachher nie wieder. Das würde ich gern wieder einmal hören. Aber ich kann nur noch sagen, wie es am Schluß vom Vers immer wieder hieß, vielleicht kannst du's daran erkennen.«

»Oder vielleicht noch besser, wenn Ihr mir ein wenig von der Weise vorsingt«, meinte Vinzi.

»Nein, nein, Bub, singen kann ich nicht mehr«, wehrte der Großvater; »aber ich will dir sagen, wovon in dem Lied die Rede war und wie der Schluß hieß. Siehst du, ich war nicht immer so froh wie jetzt. Ja, als ich erst so alt war wie du, da wachte noch eine Mutter über mich, so wie du eine hast, die dich deine Lieder singen lehrte. Mein Vater war schon tot. Aber ich hatte Kameraden, die wollten in die Welt hinaus, und ich wollte mit. Die Mutter wollte es nicht, aber ich ging. Wir kamen weit umher, einmal als Soldaten, einmal als Handwerker. Es war ein wüstes Leben. Das verstehst du aber nicht. Ich konnte es nicht mehr aushalten und sagte: ›Wir wollen umkehren und ein neues Leben anfangen.‹ Sie wollten nicht. Da kehrte ich allein heim. Lange hatte ich der Mutter nicht mehr geschrieben, sie mir auch nicht. Als ich heimkam, war sie tot. ›Dein Fortgehen war ihre Krankheit‹, sagte unsere Nachbarin zu mir. Das brannte mich noch mehr als alles andre. Nun wollte ich ein neues Leben beginnen; dann könnte ja alles wieder gut werden. Aber ich hatte keine Freudigkeit. In mir hieß es fort und fort: ›Du kannst nichts ungeschehen machen‹, und die Vorwürfe brannten wie Feuer. Einmal, wie ich vor Unruhe nicht schlafen konnte, rief ich zum Himmel: ›Oh, Mutter, wie gern hast du mir sonst immer geholfen; aber du weißt jetzt, daß ich's nicht verdiene!‹ Am Morgen beim Erwachen hörte ich deutlich meiner Mutter Stimme; sie sagte: ›Geh in die Kirche, Klaus, es läutet!‹ Gerade so hatte sie immer gesagt am Sonntagmorgen. Ich sprang auf; es war wirklich Sonntag. Ich war lange nicht in der Kirche gewesen, jetzt lauf ich hin. Zuerst konnte ich dem nicht folgen, was der Pfarrer sagte, es war nicht für mich. Auf einmal höre ich die Worte: ›Da kam unser Herr vom Himmel und brachte uns Gnade und Vergebung, daß wir nicht in unserem Elend vergehen müssen, sondern wieder fröhlich werden können.‹ Das war für mich und traf mich wie ein Sonnenstrahl. Dann kam das Lied, und ich verstand alle Worte, gerade so war's in mir; aber am Schluß von jedem Vers tönte es immer wie ein Freudenchor und hieß so:

›Doch das sel'ge Lied der Gnade
Tönet fort ln Ewigkeit.‹

Das habe ich nie vergessen. Ich bin von da an wieder zur Kirche gegangen, wenn es geläutet hat, und habe viele gute Worte vernommen und bin fröhlich geworden für alle Zeit. Kannst du mir jetzt das Lied spielen?«

Vinzi hätte so gern dem Großvater gespielt, was er gern hören wollte; aber er wußte nichts von dem Liede.

»So spiel du mir nur noch eins von den deinen, die hör ich auch gern«, sagte der Großvater begütigend, als er sah, wie leid es Vinzi tat, daß er seinen Wunsch nicht erfüllen konnte.

Das tat Vinzi mit Freuden und blieb so lange dabei, ein Stücklein ums andere zu spielen, bis ein lautes Rufen und Schreien aus der Ferne anzeigte, daß die Hirtenbuben auf der Heimkehr waren.

Vinzi stand schnell auf und sagte, es werde dem Großvater recht sein, daß er nun gehe, und dieser fand auch, nun sei es Zeit, konnte aber nicht begreifen, daß der Nachmittag so schnell hatte vergehen können. »Du kommst doch bald wieder?« setzte er hinzu. »Sag nur Vetter Lorenz, ich erwartete dich, und eins muß ich dir noch sagen: du solltest unsere Buben hier auch lehren so zu blasen, wie du's kannst, so hören wir auch noch etwas, wenn du wieder fort bist.«

Vinzi sagte, er zeige ihnen alle Tage, wie man's machen müsse; aber sie brächten die Töne nicht so recht aneinander, daß die Weisen herauskommen, viel schneller könnten sie neue Lieder singen, als daß sie diese auf der Pfeife richtig herausbrächten.

»So lehr sie schöne Lieder singen, du kannst ja viele. Es müssen nicht gerade lauter geistliche Gesänge sein, oder kannst du keine anderen?«

»Von Vetter Lorenz habe ich ein paar gehört, und einen neuen wüßte ich auch, wenn ich nur die Worte dazu hätte«, entgegnete Vinzi.

»Da geht's dir ja noch ärger als mir; du vergissest deine Liederverse jetzt schon, das ist wohl zu früh«, meinte der Großvater.

»Nein, ich habe sie nicht vergessen, ich habe sie nie gehabt«, sagte Vinzi ganz ernsthaft.

Der Alte schaute ihn forschend an, ob er etwa einen Spaß im Sinne habe; er sah nicht so aus. »Was weißt du denn von einem Lied, wenn es keine Verse hat?« fragte er jetzt.

»Ich weiß, wie es klingen muß, und ich wüßte schon Worte, aber zu wenige, und ich kann sie nicht zusammenbringen, daß es ein Lied gibt. Heut morgen, als ich in den Rosen saß, habe ich alles gesehen und gesungen; aber die Worte sind nicht recht. Wenn mir nur einer ein Lied daraus machte!«

Ganz verlangend schaute Vinzi dabei zu dem Großvater auf.

»Vielleicht wüßt ich einen«, sagte dieser mit Befriedigung, daß ihm einer eingefallen war, der dem Vinzi helfen könnte. »Wovon müßte denn dein Lied handeln?«

»Eben von den Rosen und dem Sonnenschein darauf, und dem Sonnenschein auf allen Bergen und dem schäumenden Wasser, und allem dem, wie es da droben ist, so schön, so schön!«

Vinzis Augen funkelten im Eifer der Schilderung; denn die ganze Zeit lang hörte er inwendig immerfort die Töne, die zu seinem Liede gehörten, und fühlte sich alle Augenblicke gedrängt, sie laut herauszusingen.

»So will ich alles dem Pater Silvanus berichten; dann wollen wir sehen, was er dazu sagt.«

Damit drückte der Großvater Vinzi noch einmal die Hand, dann rannte dieser den Berg ohne Aufenthalt hinab, bis er am Hause des Vetters stand. Ein lautes Freudengeschrei tönte ihm vom Brunnen her entgegen, wo eben die Vettern die Abendreinigung vornahmen. Die Jungen stürzten alle drei auf ihn los und wollten wissen, was er den ganzen Tag gemacht habe, und erzählten ihm zu gleicher Zeit alle miteinander, was sich alles in dieser Zeit bei ihnen ereignet hatte. Zwischendurch zupfte ihn der Rußli immer wieder vertraulich an der Jacke, um ihm etwas Besonderes zu sagen, und kam endlich dazu, seine Mitteilung anzubringen: »Ich habe keine gezwickt, den ganzen Tag, keine einzige.«

Da zog Vinzi eine schöne neue Pfeife aus der Tasche und gab sie ihm.

Vinzi hatte jetzt das Pfeifenschnitzen so im Griff, daß er die Pfeife heute früh mitten in den Rosen schnell zurechtgemacht hatte.

Auch der Vetter Lorenz und die Base begrüßten ihn so herzlich, als wäre er ein Wiedergefundener, und als er den Auftrag des Großvaters ausrichtete, sagte der Vetter: »Ja, ja, geh du nur, soviel du willst, wenn du nur immer am Abend wieder bei uns bist.«

Und die Base stimmte ein und setzte hinzu: »Mir wär's am liebsten, es gäbe gar keine Veränderung mehr mit dem Vinzi und alles bliebe für immer so, wie es ist.«

Als Vinzi bald nachher auf seiner Türschwelle saß, hatte er soviel zu überdenken und auszusinnen, daß er meinte, heute wolle er gar nicht nach seinem Lager gehen, sondern die ganze Nacht auf der Schwelle sitzen bleiben.

Die Geschichte des Großvaters hatte ihm einen tiefen Eindruck gemacht; er war noch ganz davon erfüllt. Schon während der Erzählung war ihm ein Gedanke gekommen, der war immer lebendiger in ihm geworden, und jetzt drängte es ihn, den gleich auszuführen, das war die allerbeste Zeit dazu.

Vinzi hatte seine Pfeife hervorgenommen und spielte jetzt leise vor sich hin. Manchmal schwiegen die Töne, und Vinzi lauschte träumend in die Nacht hinaus; dann summten sie wieder weiter, so suchten sie sich zusammenzufinden. Vinzi schaute wieder um sich. Es war schon dunkel in den Häusern ringsum. Aber die Sterne am Himmel strahlten jetzt mit so wunderbarem Glanz auf ihn nieder, daß er seine suchenden Töne verstummen ließ und in staunender Andacht zu dem freudeleuchtenden Himmel emporschaute.

»Oh, jetzt weiß ich's!« rief er plötzlich aus, ergriff nochmals seine Schalmei und entlockte ihr eine ganze Reihe jauchzender Freudentöne. Dann schloß er befriedigt sein Türchen, ging nach seinem duftenden Heulager und legte sich vergnügt zur Ruhe.

Aber nun ging das Musizieren erst recht los, und ein Gesang ertönte, als ob alle Engelscharen aus dem leuchtenden Sternenhimmel auf ihn niedersängen. Das hörte Vinzi freilich nur im Traum; denn sobald er sich auf sein Bett gelegt hatte, war er gleich fest eingeschlafen.

 


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