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7.

Bartek war aber so geschwächt heimgekehrt, daß er durch mehrere Tage nicht zu arbeiten vermochte. Es war dies ein großes Unglück für die ganze Wirtschaft, die sehr dringend einer männlichen Hand benötigte. Magda behalf sich wie sie konnte. Sie arbeitete von frühmorgens bis in die Nacht. Die Nachbarn Czermienicki halfen ihr wie sie konnten, aber all dies reichte nicht aus, und die Wirtschaft ging zurück.

Es waren auch schon etwas Schulden beim Kolonisten Just aufgenommen. Dieser Deutsche, der seinerzeit von der Gutsherrschaft in Pognebin eine gewisse Anzahl Morgen Urlandes angekauft, hatte jetzt die beste Wirtschaft im Dorfe und Bargeld, das er auch gegen ziemlich hohe Zinsen auslieh, vor allem hatte er dem Gutsherrn Herrn Jaczynski, dessen Name im »goldenen Buche« leuchtete, der aber eben deshalb das Ansehen des Hauses auf entsprechendem Fuße erhalten mußte, geliehen, aber Just lieh auch den Bauern. Magda war ihm seit einem halben Jahre einen gewissen Betrag schuldig, den sie teils in der Wirtschaft investiert, teils während des Krieges an Bartek geschickt hatte. Es hätte aber weiter nichts auf sich gehabt. Gott hatte ein fruchtbares Jahr beschert, und von der zu erwartenden Ernte kann man die Schuld bezahlen, wenn es nur an Arbeitshänden nicht fehlen wird. Aber zum Unglücke konnte Bartek nicht arbeiten. Magda wollte dem nicht sehr Glauben schenken und ging zum Pfarrer, um sich Rat zu holen, wie den Mann aufzurütteln, er konnte aber tatsächlich nicht. Wenn er sich einigermaßen anstrengte, hatte er Atemnot und Kreuzschmerzen. Und so saß er tagelang vor der Hütte und rauchte aus einer Porzellanpfeife mit Bismarcks Bildnis in weißer Uniform und Kürassierhelme auf dem Haupte und starrte mit dem müden, schläfrigen Blicke eines Menschen, in dessen Knochen die Strapazen noch stecken, in die Welt hinein. Dabei dachte er ein wenig über den Krieg, über die Siege, über Magda, über alles und nichts nach.

Als er einst so saß, vernahm er von weitem Franeks Weinen.

Franek kam aus der Schule heim und heulte, daß es weithin schallte.

Bartek nahm die Pfeife aus dem Munde.

»No, du Franz! was ist dir? Warum heulst du so?«

»Was soll ich nicht heulen, wenn ich über die Schnauze gekriegt habe …«

»Wer hat dir über die Schnauze gegeben?«

»Wer, wenn nicht Herr Boege!«

Herr Boege versah in Pognebin die Obliegenheiten eines Lehrers.

»Und was für Recht hat er dich über die Fresse zu schlagen?«

»Er wird es wohl haben, wenn er es getan hat.«

Magda, die im Garten arbeitete, kletterte über den Zaun und näherte sich mit der Haue in der Hand dem Kinde.

»Was hast du angestellt?« fragte sie.

»Was habe ich anstellen sollen! Nur Boege schimpfte mich polnisches Schwein, gab mir eins über die Schnauze und sagte, nachdem sie jetzt die Franzosen besiegt haben, werden sie uns mit Füßen treten, denn sie sind die stärksten. Und ich habe ihm nichts getan, er fragte nur, wer die größte Person in der Welt ist, und ich sagte, der heilige Vater, und er gab mir eins über die Schnauze, ich hub zu schreien an, und er schimpfte mich polnisches Schwein und sagte, da sie jetzt die Franzosen besiegt haben …«

Franek begann im Kreise zu wiederholen: »und er hat gesagt, und ich hab' gesagt,« schließlich bedeckte Magda sein Gesicht mit der Hand, und sich an Bartek wendend, begann sie zu rufen:

»Hörst du! hörst du! Du gehst die Franzosen bekämpfen, und dann soll der Deutsche dein Kind wie einen Hund schlagen und es beschimpfen, du gehst Krieg führen … soll der Schwab dein Kind totschlagen? Da hast du eine Belohnung … soll der unsaubere Mensch …«

Von der eigenen Beredsamkeit gerührt, begann Magda in Franeks Begleitung zu weinen, und Bartek riß die Augen weit auf, öffnete das Maul und war so erstaunt, daß er kein Wort hervorbringen und von allem was geschehen, nichts begreifen konnte. Wie denn? Und seine Siege …?

Eine Weile saß er noch schweigend, plötzlich blitzte es in seinen Augen auf, das Blut drang ihm ins Gesicht. Bei simplen Menschen geht oft Erstaunen und Schrecken in Wut über. Bartek sprang jäh auf und schleuderte durch die zusammengepreßten Zähne hervor:

»Ich werde mich mit ihm auseinandersetzen.«

Und er ging. Es war nicht weit. Die Schule befand sich hart hinter der Kirche. Herr Boege stand eben vor dem Gange von einem Rudel Ferkel, unter welche er Brotkrumen warf, umgeben.

Er war ein ungefähr fünfzigjähriger starkgewachsener Mann und noch rüstig wie eine Eiche. Er war nicht zu dick, hatte nur ein sehr fettes Gesicht, in welchem große Fischaugen mit einem Ausdrucke der Kühnheit und Energie schwammen.

Bartek trat sehr nah an ihn heran.

»Warum, du Deutscher, schlägst du das Kind? was?« fragte er.

Herr Boege trat einige Schritte zurück, maß ihn mit den Augen ohne einen Schatten von Furcht und sagte phlegmatisch:

»Fort, du polnischer Tölpel!«

»Warum schlägst du das Kind?« wiederholte Bartek.

»Ich werde auch dich, du polnischer Bauernlümmel, schlagen. Jetzt werden wir euch zeigen, wer hier der Herr ist. Geh zum Teufel, geh ins Gericht klagen, fort!«

Bartek packte den Lehrer an der Schulter, begann ihn heftig zu schütteln, mit heiserer Stimme rufend:

»Weißt du, wer ich bin? weißt du, wer die Franzosen durchgewalkt hat? weißt du, wer mit Steinmetz geredet hat? Warum schlägst du das Kind, du schmutziger Schwab?«

Die Fischaugen Boeges quollen nicht minder wie die Barteks hervor, aber Herr Boege war ein kräftiger Mann, und er beschloß, sich mit einem Schlage von diesem Angreifer zu befreien.

Dieser Anschlag kam in einer großmächtigen Ohrfeige auf dem Gesichte des Siegers von Gravelotte und Sedan zum Ausdrucke. Da geriet der Bauer außer sich. Boeges Kopf wurde von zwei jähen Bewegungen erschüttert, die an Pendelbewegungen erinnerten, mit dem Unterschiede, daß die Erschütterungen entsetzlich rasch waren. In Bartek erwachte wieder der schreckliche Besieger der Turkos und Zuaven. Vergebens eilte der zwanzigjährige Oskar, Boeges Sohn, ein ebenso kräftiger Mann wie der Vater, ihm zu Hilfe. Es entspann sich ein kurzer, schrecklicher Kampf in welchem der Sohn zu Boden sank und der Vater sich in die Luft gehoben fühlte. Bartek, die Hände in die Höhe streckend, trug ihn, ohne selbst zu wissen wohin. Zum Unglücke stand beim Hause ein Faß Spülicht, von Frau Boege emsig für die Schweine zusammengegossen, und da gluckte es im Fasse, und bald sah man drin Boeges heftig zappelnde und hinausragende Beine. Frau Boege stürzt aus dem Hause.

»Hilfe, Rettung!«

Die überlegte Frau stülpte sofort das Faß um und schüttete den Mann mitsamt dem Spülwasser auf die Erde.

Von den nahen Häusern eilten die Kolonisten den Nachbarn zu Hilfe.

Einige Deutsche fielen über Bartek her und begannen ihn mit Stöcken und Fäusten zu bearbeiten. Es entstand eine allgemeine Verwirrung, in welcher Bartek schwer von den Gegnern zu unterscheiden war: die Leiber bildeten einen Knäuel, der sich konvulsivisch bewegte.

Aber Bartek stürzte jäh aus der Masse der Kämpfenden wie rasend hervor und rannte aus Leibeskräften zum Zaune.

Die Deutschen setzten ihm nach, gleichzeitig aber ließ sich ein durchdringendes Krachen des Zaunes vernehmen, und im selben Momente schwang Bartek eine mächtige Stange in seinen eisernen Tatzen.

Er drehte sich schäumend, wütend um, hob die mit der Stange bewaffneten Hände in die Höhe: alle stoben auseinander.

Bartek setzte ihnen nach.

Zum Glücke holte er niemanden ein. Unterdessen kam er zu sich und retirierte aufs Haus zu. Ach! wenn er Franzosen vor sich hätte! Die Geschichte würde diesen Rückzug verewigt haben.

Die Sache verhielt sich so: Die Angreifer gegen zwanzig Mann stark, hatten sich gesammelt und griffen Bartek wiederum an. Er zog sich langsam wie ein von einer Hundekoppel bedrängtes Wildschwein zurück. Zeitweilig wendete er sich um und blieb stehen, und dann machten auch die Verfolger Halt. Die Stange flößte ihnen Respekt ein.

Sie schleuderten aber Steine, und ein Stein verwundete Bartek an der Stirne. Blut überströmte seine Augen. Er fühlte, daß er schwach wurde. Er taumelte, ließ die Stange sinken und stürzte nieder.

»Hurra!« schrieen die Kolonisten.

Ehe sie ihn aber erreichten, richtete Bartek sich wieder auf. Das hielt sie zurück. Dieser verwundete Wolf konnte noch gefährlich fein. Übrigens war es schon unweit der ersten Hütten, und von weitem sah man bereits mehrere Bauernknechte, die aus Leibeskräften nach dem Kampfplatze rannten. Die Kolonisten zogen sich nach ihren Häusern zurück.

»Was ist geschehen?« fragten die Herbeigeeilten.

»Ich habe die Deutschen ein wenig betastet,« antwortete Bartek.

Und er wurde ohnmächtig.


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