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1.

Mein Held hieß Bartek Slowik Bartek = Bartel.; da er aber die Gewohnheit hatte, wenn man zu ihm sprach, die Augen weit aufzureißen, nannten ihn die Nachbarn Bartek Glotzauge. Mit einer Nachtigall hatte er tatsächlich wenig gemein, dafür aber verschafften ihm seine intellektuellen Eigenschaften und seine wahrhafte Naivität auch den Spitznamen: Bartek, der Dumme. Dieser letztere war der populärste und wird wahrscheinlich allein in der Geschichte fortleben, obwohl Bartek noch einen vierten offiziellen Namen trug. Da die polnischen Ausdrücke für Mensch und Nachtigall Slowik – Nachtigall; czlowiek – Mensch. für ein deutsches Ohr gar keinen Unterschied bieten und die Deutschen im Namen der Zivilisation barbarische slawische Namen gerne in ihre Sprache übertragen, deshalb hatte seinerzeit bei den militärischen Eintragungen folgendes Gespräch stattgefunden:

»Wie heißt du?« fragte der Offizier Bartel.

»Slowik.«

»Szloik! … Ach! ja. Gut.«

Und der Offizier notierte Mensch.

Bartek stammte aus dem Dorfe Pognebin im Herzogtums Posen. Er war, Grund und Boden, Bauernhütte und einige Kühe nicht eingerechnet, Eigentümer eines scheckigen Pferdes und eines Weibes namens Magda. Dank einem solchen Zusammentreffen von Umständen konnte er ruhig und in Übereinstimmung mit der im polnischen Verse:

»Das Pferd ist scheckig – die Frau heißt Magda,
Was Gott bescheren soll – wird Er ohnehin bescheren,«

enthaltenen Weisheit leben.

Und sein Leben gestaltete sich auch ganz so, wie Gott es bescherte, und erst als Gott Krieg gab, wurde Bartek nicht wenig betrübt. Es kam die Bekanntmachung, daß man einzurücken, Hütte und Feld im Stiche zu lassen und alles Weiberobhut anzuvertrauen habe. Die Leute in Pognebin waren im allgemeinen recht arm. Im Winter pflegte Bartek in einer Fabrik zu arbeiten, und damit half er sich in der Wirtschaft noch – jetzt aber was beginnen? Wer weiß, wann der Krieg mit den Franzosen zu Ende sein wird? Als Magda die Einberufungskarte gelesen hatte, begann sie zu fluchen: »Daß es sie heimsuche, daß sie geblendet werden … Obwohl du dumm bist … tust du mir doch leid, die Franzosen werden dich nicht verschonen; sie werden dir den Kopf abschneiden oder sonst was antun.«

Bartek fühlte es, daß das Weib richtig sprach. Er fürchtete die Franzosen wie Feuer, und dabei tat es ihm auch leid. Was haben die Franzosen ihm getan? Wozu und weshalb soll er nach dieser schrecklichen Fremde, wo keine einzige wohlwollende Seele vorhanden ist, gehen? Wenn man in Pognebin sitzt, kommt es einem langweilig vor; heißt es aber ins Weite ziehen, da sieht man erst, daß es da doch besser sei, als anderwärts: aber nichts hilft mehr – es ist ein solches Schicksal, man muß hinausgehen.

Bartek umarmte sein Weib, dann seinen zehnjährigen Jungen Franek, spuckte aus, machte das Zeichen des Kreuzes und verließ, von Magda gefolgt, die Hütte. Sie nahmen keinen allzuzärtlichen Abschied. Sie und der Bub schluchzten, er wiederholte:

»No, still – no!« und so kamen sie auf die Landstraße. Hier bemerkten sie es, daß in ganz Pognebin dasselbe vorging, wie bei ihnen. Das ganze Dorf kam herbeigeströmt; die Straße war von Einberufenen vollgestopft. Sie gehen zur Bahnstation, und Weiber und Kinder, Greise und Hunde geben ihnen das Geleite. Den Einberufenen ist schwer ums Herz, und nur einigen jüngeren hängen die kurzen Pfeifen zum Mund heraus; einige sind schon zu Beginn betrunken: andere wieder singen mit heiseren Stimmen.

Einer und der andere von den deutschen Kolonisten in Pognebin singt vor Schreck die Wacht am Rhein. Diese ganze bunte und vielfarbige Volksmenge, in deren Mitte Bajonette von Gendarmen glitzern, zieht lärmend und gröhlend zwischen den Zäunen gegen das Ende des Dorfes hin. Die Weiber halten ihre »Soldatlein« am Genick und lamentieren, irgend eine Greisin zeigt ihren gelben Zahn und droht mit der Faust irgendwohin in die Weite. Eine andere flucht: »Daß der Herrgott euch unser Weinen anrechne.« Man vernimmt die Rufe: »Franek! Kaska! Jozek! lebt wohl!« Die Hunde bellen. Die Kirchenglocke läutet. Der Pfarrer verrichtet selbst die Gebete für Sterbende, denn mehr als einer von denen, die jetzt zur Bahnstation gehen, wird nicht wiederkehren. Der Krieg nimmt sie alle, wird sie aber nicht zurückgeben. Die Pflüge werden auf den Feldern verrosten, denn Pognebin hat Frankreich den Krieg erklärt, Pognebin konnte sich mit Napoleon III. Überlegenheit nicht befreunden und nahm sich die Affäre wegen des spanischen Thrones zu Herzen. Das Glockengeläute begleitet die Menschenmassen, die die Decken schon hinter sich gelassen haben. Sie gehen an einer Heiligenfigur vorüber: Mützen und Pickelhauben fliegen von den Köpfen. Auf dem Wege erhebt sich ein goldigschimmernder Staub, denn es ist ein trockener und schöner Tag.

Zu beiden Seiten der Straße rauscht das reifende Getreide mit seinen schweren Ähren und beugt sich unter einem von Zeit zu Zeit sanft dahinstreichenden Windhauche. Im blauen Äther schweben die Lerchen und jede zwitschert wie außer sich.

Der Bahnhof! Hier ist eine noch größere Volksmenge. Die Einberufenen aus den anderen Dörfern der Gegend harren bereits. Überall herrscht Bewegung, Gewühl und Verwirrung. Die Wände des Bahnhofgebäudes sind mit Manifesten beklebt. Der Krieg wird »im Namen Gottes und des Vaterlandes« proklamiert. Die Landwehr wird ausziehen, ihre bedrohten Familien, Frauen, Kinder und Wohnstätten zu verteidigen.

Die Franzosen scheinen es besonders auf Pognebin und Umgegend abgesehen zu haben. So wenigstens kommt es denen, die die Affiche lesen, vor. Immer neue Menschenmengen strömen herbei. Im Saale füllt Pfeifenrauch die Luft und verschleiert die Plakate. Im Gewühle fällt es schwer sich verständlich zu machen: alle gehen, rufen, schreien. Auf dem Perrone vernimmt man deutsches Kommando, dessen heftige Worte kurz, hart, entschieden klingen.

Eine Glocke ertönt! ein Pfiff! Von weitem vernimmt man das ungestüme Schnauben einer Lokomotive. Immer näher, deutlicher. Der Krieg scheint heranzunahen.

Ein zweites Glockenzeichen! Ein Schauer durchrieselt die Brust. Irgend ein Weib beginnt zu schreien:

»Jadom! Jadom!« (Sie kommen! Sie kommen!) Sie ruft offenbar ihren Adam, die Weiber aber fangen den Ausdruck auf und rufen: »Sie kommen!« Irgend eine gellende Stimme fügt hinzu: »Die Franzosen kommen!« und in einem Augenblicke ergreift eine Panik nicht nur die Weiber, sondern auch die zukünftigen Sieger von Sedan. Die Menge begann zu wogen. Mittlerweile hält der Eisenbahnzug vor dem Perron still. In allen Fenstern sieht man Mützen mit roten Borten und Uniformen. Es wimmelt von Soldaten. Auf Kohlenwagen dämmern unheimliche längliche Kanonenleiber; über den offenen Waggons erhebt sich ein Wald von Bajonetten. Man hatte offenbar den Soldaten geheißen, daß sie singen, denn der ganze Zug widerhallt von kräftigen Männerstimmen. Diesem Train, dessen Ende nicht zu sehen ist, entströmt irgend eine Kraft und Macht. Auf dem Perrone beginnt man die Einberufenen zu formieren; wer es kann, nimmt noch Abschied; Bartek fuchtelte mit den Tatzen wie mit Windmühlflügeln und riß die Augen weit auf.

»No, Magda! Lebe wohl!«

»Oj, du mein armer Kerl!«

»Du wirst mich nicht wiedersehen!«

»Ich werde dich nicht wiedersehen!«

»Es gibt gar keinen Rat!«

»Möge die Mutter Gottes dich behüten und beschirmen …«

»Leb wohl! Gib auf die Hütte acht.«

Die Frau umschlang weinend seinen Hals.

»Führe dich Gott!«

Der letzte Moment bricht an. Das Gequietsche, Weinen und Jammern der Weiber übertönt für einige Minuten alles.

»Lebt wohl! lebt wohl!«

Aber die Soldaten sind von dem wirren Volkshaufen schon getrennt; sie bilden schon eine schwarze geschlossene Masse, die sich in Karrees und Dreiecke formiert und sich mit der Gewandtheit und Regelmäßigkeit einer Maschine zu bewegen beginnt. Das Kommando »Einsteigen!« erschallt. Die Vier- und Dreiecke lösen sich in der Mitte auf, ziehen sich in schmalen Linien gegen die Waggons aus und verschwinden in ihrem Innern. In der Ferne pfeift die Lokomotive und speit graue Rauchsäulen aus. Jetzt schnaubt sie wie ein Drache, Dampfströme von sich gebend. Das Gejammer der Weiber erreicht seinen Höhepunkt. Die einen bedecken die Augen mit ihren Schürzen, die anderen strecken die Hände gegen die Waggons aus. Schluchzende Stimmen wiederholen die Namen der Männer und Söhne.

»Bartek, lebe wohl!« ruft Magda von unten. »Und krieche nicht, wohin man dich nicht schickt. Daß die Mutter Gottes … Leb wohl! O, Gott!«

»Und gib auf die Hütte acht!« läßt Bartek sich vernehmen.

Die lange Waggonreihe zuckte jäh zusammen; die Wagen stießen aneinander und setzten sich in Bewegung.

»Und denke, daß du Weib und Kind hast,« rief Magda, dem Zuge nachtrippelnd. »Leb wohl, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Leb wohl …«

Der Zug bewegte sich immer schneller, die Krieger aus Pognebin und Umgegend entführend.


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