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5.

Einige Zeit darauf überbrachte die königlich-preußische Post folgenden Brief nach Pognebin:

 

»Gelobt sei Jesus Christus und seine heilige Muttergottes! Was hört man bei dir? Du bist dort, in der Hütte unter dem Oberbett, gut daran, und ich führe hier einen furchtbaren Krieg. Wir waren bei einer großen Festung Metz, und ich habe die Franzosen so geschlagen, daß die ganze Infanterie und Artillerie sich wunderten. Der General selbst wunderte sich und sagte, ich hätte die Bataille gewonnen und gab mir ein Kreuz. Und jetzt werde ich von den Offizieren und Unteroffizieren sehr geachtet, und ich bekomme äußerst selten Backpfeifen. Dann marschierten wir weiter, und es war eine zweite Schlacht, nur habe ich vergessen, wie diese Stadt heißt, ich habe wieder geschlagen, eine vierte Fahne erbeutet und einen Kürassierobersten gefangen genommen. Aber der Unteroffizier hat mir geraten, wenn man unsere Regimenter nach Hause schicken wird, eine »Riklamation« zu schreiben und zu bleiben, denn im Kriege hat man nur nicht wo zu schlafen, dafür aber zu fressen, was das Zeug hält und Wein ist überall in diesem Lande, denn die Nation ist reich. Als wir ein Dorf einäscherten, wurde auch eine Kirche ganz niedergebrannt, denn sie sind Katholiken und viel Leute kamen um. Jetzt gehen wir gegen den Kaiser selbst, und der Krieg wird zu Ende sein, und da gib auf die Hütte und Franek acht, denn sonst würdest du von mir einen Denkzettel bekommen, damit du weißt, wer ich bin. Gott befohlen.

Bartholomäus Slowik.«

 

Bartek hatte augenscheinlich am Kriege Gefallen gefunden und begann ihn als sein Handwerk zu betrachten. Er gewann großes Selbstvertrauen und ging jetzt in die Schlacht, als schickte er sich zu einer Arbeit in Pognebin an. Nach jeder Schlacht bedeckte sich seine Brust mit Medaillen und Kreuzen, und obwohl er nicht zum Unteroffizier befördert wurde, galt er im Regiments allgemein als der beste Soldat. Er war immer wohldiszipliniert wie früher und befaß die blinde Tapferkeit eines Menschen, der sich von der Gefahr keine Rechenschaft ablegt. Diese Tapferkeit war nicht immer wie in der ersten Zeit eine Folge des Ingrimmes. Jetzt war deren Quelle militärische Erfahrung und Selbstvertrauen. Überdies konnten seine Riesenkräfte alle Strapazen, Märsche und Unbequemlichkeiten aushalten. Die Leute gingen an seiner Seite zugrunde, nur er harrte unverwüstlich aus, verwilderte nur immer mehr und wurde ein immer grimmigerer Söldner. Er begann jetzt nicht nur die Franzosen zu schlagen, sondern sie auch zu hassen. Auch seine anderen Begriffe verwandelten sich. Er wurde ein patriotischer Soldat und vergötterte blind seine Anführer. Im folgenden Briefe schrieb er an Magda:

»Wojtek ist von einer Kugel entzweigerissen worden, aber dazu ist der Krieg, verstehst du? Er war auch ein Tölpel, denn er sagte, die Franzosen sind Deutsche, sie sind aber Franzosen und die Deutschen, das sind die Unsrigen.«

In einer Antwort auf beide Briefe schimpfte sie ihn aus, was das Zeug hielt:

 

»Liebster Bartek,« schrieb sie, »du vor dem heiligen Altare mir Angelobter! Daß Gott dich strafe. Du Tölpel bist selbst ein Heide, wenn du gemeinschaftlich mit den Lutheranern eine katholische Nation mordest. Du, ein Katholik, hilfst den Lutheranern. Du Vagabund, findest am Kriege Gefallen, denn du brauchst nicht zu arbeiten, nur schlagen, trinken, nicht zu fasten und Kirchen niederzubrennen. Daß man dich in der Hölle dafür brate, daß du damit noch prahlst. Denke du Schafbock daran, was im heiligen Glauben mit goldenen Buchstaben eingetragen ist vom Weltanfange bis zum jüngsten Gerichte, an welchem Tage Gott, der Allerhöchste, für solche Widder keine Nachsicht haben wird und bezähme dich, du Türke, daß ich dir deinen Schädel nicht entzweischlage. Ich schicke dir fünf Taler, obwohl es mir schlecht geht, denn ich kann mir keinen Rat geben und die Wirtschaft geht zugrunde. Ich umarme dich, geliebtester Bartek.

Magda.«

 

Die in diesem Briefe enthaltene Moralpredigt machte auf Bartek wenig Eindruck: »Das Weib versteht keinen Dienst,« dachte er bei sich, »und mengt sich hinein.« Und er schlug sich, wie bisher. Er zeichnete sich beinahe in jedem Treffen aus, so daß man schließlich an noch höherer Stelle, als Steinmetz, auf ihn aufmerksam wurde. Als die zusammengeschmolzenen Regimenter aus dem Herzogtum Posen schließlich ins Innere Deutschlands zurückgeschickt wurden, reichte er auf Anraten des Unteroffiziers eine »Reklamation« ein und verblieb auf dem Kriegsschauplatze. Infolge dessen befand er sich vor Paris. Seine Briefe waren jetzt voll Geringschätzung für die Franzosen. »In jeder Schlacht fliehen sie so wie die Hasen,« schrieb er an Magda. Und er schrieb die Wahrheit. Die Belagerung aber war nicht sehr nach seinem Geschmacks. Vor Paris mußte man tagelang in Laufgräben liegen und den Kanonendonner hören, oft Schanzen schütten und durchnäßt werden. Überdies tat es ihm um sein früheres Regiment leid. In dem, zu welchem er als Freiwilliger transferiert wurde, war er größtenteils von Deutschen umgeben. Er kannte ein wenig deutsch, denn er hatte, als er in einer Fabrik arbeitete, etwas erlernt, aber doch nur sehr mangelhaft. Jetzt begann er sich schnell einzuüben. Im Regiments wurde er doch ein polnischer Ochs genannt, und nur seine Kreuze und schrecklichen Fäuste schützten ihn vor empfindlichen Scherzen. Aber nach einigen Gefechten erwarb er sich die Achtung seiner neuen Kameraden und begann sich langsam hineinzuleben. Schließlich wurde er als einer der ihrigen betrachtet, da er das ganze Regiment mit Ruhm bedeckte. Bartek würde es als einen Schimpf angesehen haben, wenn jemand ihn einen Deutschen genannt hätte, aber er selbst nannte sich, zur Unterscheidung von den Franzosen, einen Deutschen. Es schien ihm, daß sie ganz etwas anderes, und überdies wollte er nicht als etwas Schlimmeres gelten, als andere. Es traf aber ein Fall ein, der ihm viel zu denken gegeben hätte, wenn das Denken für diesen Heldengeist überhaupt leichter wäre. Einst wurden einige Kompagnien seines Regimentes gegen französische Freischützen abkommandiert und die Freischärler in einen Hinterhalt gelockt. Jetzt aber sah Bartek nicht nach den Schüssen fliehende rote Käppis, denn die Schar bestand aus alten Soldaten, den Überresten irgendeines Regimentes der Fremdenlegion. Umzingelt wehrten sie sich erbittert und warfen sich schließlich mit dem Bajonette entgegen, um sich durch den sie umklammernden Ring der preußischen Soldaten Bahn zu brechen. Sie verteidigten sich mit solch einer Hartnäckigkeit, daß ein Teil sich durchschlug und ließen sich insbesondere nicht lebend gefangen nehmen, wissend, was für Los der gefangenen Freischärler harrt. Die Kompagnie, in welcher Bartek diente, machte auch nur zwei Gefangene. Abends wurden sie im Forsthause in einer Stube untergebracht. Tags darauf sollten sie erschossen werden. Einige Soldaten standen bei der Türe als Schildwache. Bartek wurde in der Stube selbst, vor dem eingeschlagenen Fenster, zusammen mit den gefesselten Gefangenen postiert. Einer der Gefangenen war ein nicht mehr junger Mensch mit ergrautem Schnurrbarte und einem gegen alles gleichgültigen Gesichte; der zweite schaute auf einige zwanzig Jahre aus. Auf seinem Mädchengesichte keimte erst ein blondes Schnurrbärtchen.

»Somit ist alles zu Ende,« sagte der Jüngere nach einer Weile – »eine Kugel durch den Kopf und Schluß!«

Bartek fuhr zusammen, daß der Karabiner in seinem Arme klirrte: der junge Mensch hatte polnisch gesprochen …

»Mir ist schon alles egal,« erwiderte der zweite mit gelangweilter Stimme – »fürwahr, alles einerlei. Ich habe schon so viel mitgemacht, daß ich genug habe …«

Barteks Herz schlug immer heftiger unter der Uniform.

»Höre nur,« fuhr der Ältere fort, »es gibt keinen Ausweg. Wenn du Furcht hast, denke an etwas anderes, oder lege dich schlafen. Das Leben ist niederträchtig! So wahr Gott mir lieb ist, alles ist egal.«

»Es tut mir um die Mutter leid!« entgegnete der Jüngere dumpf. Und offenbar um seine Rührung zu unterdrücken oder sich selbst zu betrügen, begann er zu pfeifen, plötzlich unterbrach er sich und rief in großer Verzweiflung aus:

»Daß mich der Donner erschlage! Ich habe nicht einmal Abschied genommen!«

»Du bist also vom Hause geflohen?«

»Ja. Ich dachte mir: wenn die Deutschen geschlagen werden, werden die Posener besser daran sein.«

»Auch ich habe so gedacht. Und jetzt …«

Der Alte fuchtelte mit der Hand und sagte noch etwas leise, aber seine übrigen Worte wurden vom Rauschen des Windes übertönt. Es war eine kalte Nacht. Ein Schauerregen rieselte, der nahe Wald war schwarz wie ein Bahrtuch. In der Stube pfiff der Wind in den Ecken und heulte im Kamin wie ein Hund. Die hoch oberhalb des Fensters, damit der Wind sie nicht verlösche, angebrachte Lampe, warf einen flimmernden Schein auf die Stube, aber der knapp unter ihr am Fenster stehende Bartek war in Dunkelheit gehüllt.

Und es war vielleicht besser, daß die Gefangenen sein Gesicht nicht sahen. Mit dem Manne gingen wunderliche Sachen vor. Anfänglich bemächtigte sich seiner Verwunderung, und er glotzte die Gefangenen an und gab sich Mühe, ihre Worte zu verstehen. Sie sind also gekommen, die Deutschen zu schlagen, damit es denen im Posenischen besser ergehe, und er schlug die Franzosen, damit es den Posenern besser ergehe. Und diese beiden werden morgen erschossen werden! Was soll das bedeuten? Was soll er, armer Schlucker, davon denken? Wenn er sie anspräche? Wenn er ihnen sagte, er sei einer der ihrigen, und daß sie ihm leid tun? Plötzlich preßte ihm etwas die Kehle zu. Und was soll er ihnen sagen? Daß er sie retten wird? So wird auch er erschossen werden! Was geht nur mit ihm vor? Ein Weh würgt ihn so, daß er nicht auf der Stelle stillstehen kann. Irgendeine schreckliche Sehnsucht, ein Heimweh überkömmt ihn. Ein unbekannter Last in einem Söldnerherzen, das Erbarmen, schreit in seiner Seele: »Bartek, rette die Deinen, das sind die Deinigen!« und das Herz sehnt sich nach Magda, nach seinem Haus, wie noch nie vorher. Dieses Frankreich, dieser Krieg, diese Schlachten sind ihm schon zuwider. Immer deutlicher vernimmt er die Stimme: »Bartek, rette die Deinen!« Daß dieser Krieg ein Ende nehme! Durch das zerschlagene Fenster dunkelt der Wald und rauscht wie die Pognebiner Kiefern, und in diesem Rauschen ruft wieder etwas:

»Bartek, rette die Deinen!«

Was wird er tun?

Soll er mit ihnen in den Wald fliehen? Alles, was die preußische Disziplin vermocht hatte ihm einzuimpfen, sträubt sich sofort gegen diesen Gedanken … Im Namen des Vaters und des Sohnes! Vor diesem Gedanken muß er sich bekreuzen. Er, ein Soldat, soll desertieren? Nie!

Mittlerweile rauscht der Wald immer stärker, und der Wind pfeift immer kläglicher.

Der alte Gefangene läßt sich plötzlich vernehmen:

»Der Wind ist ganz so, wie bei uns im Herbste …«

»Laß mich in Frieden,« sagte der Jüngere mit gedrückter Stimme.

Bald darauf aber wiederholt er mehrmals:

»Bei uns, bei uns, bei uns! O Gott, Gott!«

Ein tiefer Seufzer vermengt sich mit dem Pfeifen des Windes, und die Gefangenen liegen wieder still …

Ein Fieber beginnt Bartek zu schütteln …

Am schlimmsten ist es, wenn sich der Mensch von dem, was ihn bewegt, keine Rechenschaft ablegen kann. Bartek hat nichts gestohlen, und es kam ihm so vor, als hätte er was gestohlen und als fürchtete er, man werde ihn erwischen. Es droht ihm nichts, und doch hat er eine unbändige Angst. Die Beine zucken unter ihm, das Gewehr ist ihm furchtbar schwer und etwas würgt ihn so, wie irgendein starkes Weinen. Sehnt er sich nach Magda oder nach Pognebin? Nach beidem, aber auch dieser junge Gefangene tut ihm so leid, daß er sich keinen Rat zu schaffen weiß.

Manchmal kommt es Bartek vor, daß er schlafe. Unterdessen steigert sich draußen noch das Gewitter. Im Pfeifen des Windes mehren sich seltsame Rufe und Stimmen.

Plötzlich sträubt sich auf Barteks Haupt jedes Haar unter der Pickelhaube …

Es scheint ihm nämlich, daß dort im dunklen, feuchten Forstinnern jemand stöhnt und wiederholt: »Bei uns, bei uns, bei uns!«

Bartek zuckt zusammen und stößt mit dem Gewehrkolben nach dem Fußboden, um wach zu werden.

Seine Geistesgegenwart kehrt wieder … Er schaut sich um: die Gefangenen liegen im Winkel, die Lampe flimmert, der Wind heult, alles ist in Ordnung.

Das Lampenlicht fällt jetzt reichlicher auf das Gesicht des jungen Gefangenen. Ein echtes Kindes- oder Mädchengesicht. Er hat aber die Augen halb geschlossen, unter dem Haupte Stroh und sieht schon wie gestorben aus.

Noch nie war Bartek von solch einem Leid durchwühlt worden. Etwas preßt ihm die Kehle zu, seiner Brust entringt sich ein Weinen.

Unterdessen drehte sich der ältere Gefangene mit Mühe auf die Seite um und sagt:

»Wladek! Gute Nacht …«

Es tritt Stille ein. Es verstreicht eine Stunde, mit Bartek ist es wirklich schlecht bestellt. Der Wind braust wie die Kirchenorgel in Pognebin. Die Gefangenen liegen still, plötzlich richtet sich der Jüngere mit Anstrengung ein wenig auf und ruft:

»Karl!«

»Was?«

»Schläfst du?«

»Nein …«

»Höre! Ich fürchte mich. Sag was du willst, aber ich werde beten.«

»So bete!«

»Vater unser, der du bist im Himmel, dein Name leuchte, dein Königreich komme …«

Ein Schluchzen unterbricht jäh die Worte des jungen Gefangenen … aber man vernimmt noch die abgebrochene Stimme:

»Dein … Wille … geschehe! …«

»O Jesus!« heult etwas in Barteks Stimme. »O Jesus! …«

Nein! länger wird er es nicht aushalten! Noch eine Weile und er wird aufschreien: »Junger Herr! ich bin ja ein Bauer! …« Dann durchs Fenster in den Wald … Es geschehe, was immer!

Plötzlich lassen sich von der Flurseite gemessene Schritte vernehmen. Das ist eine Patrouille und mit ihr ein Unteroffizier.

Die Wachen werden abgelöst.

Tags darauf war Bartek von der Frühe an betrunken. Am folgenden Tage gleichfalls …

 

Aber in den weiteren Tagen kamen neue Märsche, Gefechte … und es ist mir angenehm vermelden zu können, daß unser Held sein Gleichgewicht wieder erlangte. Nach jener Nacht blieb ihm nur ein wenig Vorliebe für die Flasche zurück, in welcher man immer Geschmack und manchmal auch Vergessenheit finden kann. Übrigens war er in den Schlachten noch schrecklicher, als bisher, der Sieg heftete sich an seine Fußstapfen.


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