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14

Am andern Morgen ließ ich mir von Herrn Küster Pagels den Schlüssel zur Kirche geben und stieg hinauf auf den Glockenstuhl des Turmes, wo man aus den Schallöchern die ganze Welt sehen konnte, in der ich bis jetzt gelebt hatte. Ich verstand nicht, warum ich das nicht schon längst getan hatte und wie ich im Bann gedruckter Träume, phantastischer Zauberwelten und der grausigen Ausgeburten krankhafter Gehirne so ganz die schöne wirkliche Welt hatte vergessen können, die im wahren Sinne des Wortes meine Welt war. Von hier aus sah ich die kleinen Landstädte, in denen ich schon einmal gewesen war, Städtchen mit alten Stadtmauern, durch deren enge, gotische Tore unser Wagen mit schmetterndem Donner eingefahren war, Dörfer, Gutshöfe und einsame Gehöfte, von denen ich viele kannte und zu nennen wußte; hier sah ich auch die Türme der Residenz, wo ich jetzt wohnte, und von den sieben großen und kleineren Seen ihrer näheren Umgebung blitzte hier und da ein Silbertäfelchen oder ein schmaler Streif hervor. Ja sogar vom Mönkweder See sah ich ein Eckchen schimmern, und auf der Höhe an seinem Uferrande kroch gerade wie ein winziges Räupchen ein Eisenbahnzug entlang. Wie sich das »Bleichgesicht« wohl freute, daß es uns los war!

Am liebsten aber schaute ich aus dem Schalloch nach Süden, wo von hier aus noch ein viel größeres Stück der Welt zu schauen war, als gestern von dem tiefgelegenen Aussichtsturme, und am fernsten Horizont noch neue, dämmernde Linien auftauchten. Diesmal aber war es die Nähe, die meine Teilnahme in Anspruch nahm. Von hier aus sah man deutlich, wie sich das Parkwäldchen, gleich einer Halbinsel, aus dem großen Walde hervorstreckte und mit einem langen Arm den vorderen Teil des Gartens umschloß. Ich konnte fast alle die Wege verfolgen, die wir gestern gegangen waren, und sah den gewundenen Lauf des Bächleins aus dem kleinen See, bis es sich zuletzt zu dem schönen Teiche ausbreitete. Ja ich sah sogar Lana, denn das kleine Silberpüppchen, das gegenüber einer Dame, wahrscheinlich Fräulein Kiekebusch, an einem Tische unter der offenen Halle des Aussichtsturmes saß und sich augenscheinlich eifrig mit den Wissenschaften abgab, war sie doch wohl. Ich konnte mich einer stillen Freude nicht erwehren, daß für mich die sämtlichen Wissenschaften augenblicklich in dämmernder Ferne lagen und ich weiter nichts zu tun hatte, als meinen Organismus zu kräftigen und Bücher zu lesen, die mir Spaß machten. Dabei fiel mir ein, daß ich noch mitten in Brentanos Märchen steckte, die mir trotz der krausen, romantischen Willkür, mit der der Dichter seine wunderlichen Puppen und grausigen Ungeheuer tanzen läßt, sehr wohl gefielen. Ich brachte den Kirchenschlüssel zurück und holte mir den zweiten Band aus der Bibliothek. Da sich nun trotz des anfangs klaren Morgens der Himmel doch bezogen hatte und ein plötzlicher Regen herniederging, so stieg ich auf den Heuboden und versuchte zu lesen. Aber obwohl die Schleiereule auf dem Hahnebalken so schön schnarchte, wie sie konnte, wollte der grausige Menschenfresser Wellewatz, obwohl er zwei harmlose Bäckergesellen zu ihrer peinlichen Überraschung zum Frühstück aufaß, gar nicht recht auf mich wirken, denn ich mußte immer an meine gestrigen Erlebnisse denken und an den Späukenkieker und die Pirole und die sonderbare Fernsprache, die wir betrieben hatten, und an die geheimnisvolle Nachricht, die heute kommen sollte. Und statt Fanserlieschen Schönefüßchen, mit ihren zierlichen Pantöffelchen Sandalia und ihrem Schürzchen Femoralia, sah ich immer nur Lana vor mir und las oft viele Seiten, ohne daß ich wußte, was darauf stand, so daß ich wieder von vorn anfangen mußte. Unterdes hatte der Regen aufgehört, und durch die ein wenig geöffnete Luke stand ein breiter Sonnenstreif herein. Auf dem Dache klapperten die Störche, deren Jungen Fliegestunde hatten; ich konnte hören, wie sie bei ihren ungeschickten Versuchen, die schwere Kunst zu erlernen, tapsig auf dem First entlang hopsten; die Tauben gurrten, und ein Huhn verkündete wieder einmal die Tat aller Taten, nicht ohne von seinem Hahn mit Ausdrücken freudiger Zustimmung und Bewunderung begleitet zu werden. Dazwischen aber zeigte ein taktmäßiges, zugleich scharfes und dumpfes Geräusch, daß Johann unten im Kaffstall Häcksel für seine Pferde schnitt. Ich klappte mein Buch zu und ging hinunter zu ihm, unbekümmert darum, daß der fatale König Jerum gerade seine fünfzig Messer wetzte, um damit seine schöne sanfte Frau Ursula dem gräßlichen Götzen Pumpelirio Holzebock zu opfern. Ich setzte mich auf ein paar Bund Stroh und sah zu, wie Johann mit kundigen Händen seine Arbeit tat, und bei jedem Schnitt des haarscharfen Messers ein Sprühregen goldenen Häcksels auf den Haufen fiel, der schon am Boden lag. Johann verfehlte nicht, mir ein Rätsel aufzugeben, dessen Auflösung Häcksellade lautete. Es war sehr sinnreich, doch leider ist es mir nicht möglich, es hier wiederzugeben, denn es litt, wie sehr viele dieser plattdeutschen Volksrätsel, an einer so schreckhaften Natürlichkeit des Ausdrucks und einer so drastischen Stärke der Bilder, daß ich den würdigen Leser und die wohlerzogene Leserin nicht damit behelligen darf. Ich aber war vom Lande und mit solcher derben Kost groß gemacht, und da ich es auch bereits kannte, so riet ich es mit staunenswerter Leichtigkeit. Dann fragte ich:

»Wennihr kümmt bei Semmelmann hier ümmer dörch?«

»Na, so hen tau twölwen,« sagte Johann, »dat hei grar tau rechte Tieb up'n Hof an dei Krüff kümmt. Wat geiht denn di dat an? Du denkst woll, hei bringt hüt werre Stuten mit ore woll gor Plutschen, Muschükens (Zwiebäcke) un Mulschellen? Ne, so fett fiedelt Lux nich. Den'n Jieper lat di man vergahn. Ja, up'n Hof is dat wat anners, dor möten s' alle Dag so'n Oart Tüg hebben.«

»Is hei denn würklich 'n Späukenkieker?« fragte ich.

»Na, dat kannst em doch anne Oogen anseihn. Dei süht allens, wat is, un wat nich is, un wat wäst is un nich wäst is, dei süht dei Doden as lebennig un dei Lebennigen as Dode. Dat krüppt einen den Puckel lang, wenn dei in't Vertellen kümmt von den Kierl in dei Lukowschen Dannen, dei sinen Kopp inne ott Zeitung wickelt hett un em so ünner den Arm dreggt, un von den dreibeinigen Hasen in dei Pannkaukenwisch, dei 'ne olle Hex is, un von dei Dodenkuhl up'n Galgenbarg un von den gläunigen Kierl an dei Gammeliner Scheir, dei ümmer mit'n Grenzstein rümdrögt un hult, wil dat hei nich weit, wo hei em hensetten sall. Na, un mit den Düwel weit hei Bescheid, as wenn sei beir ut ein Dörp wieren. Dei Geschichten, dei ick di vertellt heww, dei weit ick all blot von em. Äwer süß is hei 'n gauden Kierl un deiht keinen Minschen wat; hei frett kein Kinner un stippt kein Finsterladen in'n Kaffee, un för sin Späukoogen, dor kann hei doch nich, dat sünd Gaben. Äwer dei möt einer woll hebben, wenn hei sowat beleben sall. Ick heww mi all so väl Mäuh geben, äwer ick heww noch nie nich'n olligen Späuk tau seihn krägen, dat wir nahst ümmer wat anners. Ick bün doch vör Johren mit unsen Paster hierher kamen von Zachun, wo wi früher wäst sünd, donn läwte dei oll Slufuhr, Köster Säwer, noch, dei harr hier dat Regiment un harr ümmer makt, wat hei wull, wil dat oll Paster Merian äwer achtig Johr olt wir, as hei sick dat entseggen dehr, un allens sinen Gang gahn laten dehr. Eins Abens lat bi Mandschien, dor wir ick noch mal in'n Goren gahn; ick harr jo minen Gräwer an dei Karkhofsmuer stahn laten un wull em rin halen. Un dor brummt dor ümmer wat up'n Karkhof. Na, ick kiek jo nu äwer Muer un dor seih ick wat Witt's in dat lütt Likenschuer, wo ümmer bei Dodenbohren in sünd, un wat ümmer apen steiht. Un süht ut, as 'n groten witten Kopp mit 'n korten Liew un dünne Bein un wiwagt ümmer hen un her, un mennigmal, denn brummt bat. Dei Düwel künn dat nich gaud sin, dei süht jo swart ut, äwer dat künn jo ein von dei Doben sin, den'n dat in sin Graww nich paßt, un dei in 'n Mandschien späuken geiht. Ick nu fix hen na'n Paster. Dei seet noch bi't Läsen un keem ok gliek mit, denn bi so wat, dor hett hei mächtige Kraasch, dat hürt tau sin Geschäft. Ick nehm mi äwer doch 'n düchtigen Schacht mit, bäter is bäter. Na, un wat wir't? Harr dei oll flusohrige Köster alle Nacht sin beiden Käuh up'n Karkhof dräben von wegen dat schöne Gras, wat dor wassen dehr. Un bei ein wir jo nu satt im harr sick in dat olle Likenschuer stellt un arekaugte ümmer linksüm un wiwagte ümmer hen un her un keek in'n Mandschien un wir idel vergnäugt. Un dei anner seegen wi ok, dei stünn achter'n Busch un ruffte in dat fette Faure, dat dat äwer'n ganzen Karkhof tau hüren wir.«

Johann futterte seine Schneibelade mit einer neuen Garbe Stroh und fuhr fort: »Na, un woans wir dat mit den Hamerdühmk? Dei hamert jo noch hüt un dissen Dag mennigmal, äwer kein Minsch hürt dornah hen. Äwer as dat tauierst upkeem, dor wir dat 'ne gruglige Geschicht. Wenn dat so recht düster un still wir, denn füng dat bi'n Swinstall an tau hamern, un dei Lür sären, dat wir so'n Unnerirdschen, so'n Dühmk, dei smädte dor Undäg un kloppte Sargnagels in. ›Tack!‹ fär dat ümmer, ›Tack!‹ in einsen weg, as wenn einer mit'n isern Hamer up Isen sleit. Tauletzt wullen dei Dierns nich mihr allein tau't Melken in'n Kauhstall, un ick müßt dor man so lang' bistahn, det dei mit ehr Stripp-strapp-strull farig wiren. Na, dat güng jo nu nich, un as nu eins Abens bei Hamerdühmk so recht flietig werre bi't Sargnageln wir, dor halte ick mi den Paster. Un güngen mit dei Stallücht na'n Swinstall lang un baben uppen Bähn, dor snorkte dei Dodenvagel. Ick harr mi äwer werre 'n dägten Schacht mitnahmen – bäter is bäter. Wi kreegen den Hamerdühmk jo nu ok fat't, un ick harr em giern mit minen Schacht einen räwertreckt, wenn ick man nich dacht harr, dat künn den Schinken un dei Mettwust schaden. Jo, wat wir dat? Uns oll grot Säg, dei schüerte sick flietig an'n Stänner, un dorbi bohrte sei ümmer dei isern Döhrenklink hoch, un dei söll werre dal, dat wir dat ganze Gehamer. Ja, mit Späuk is mi dat noch ümmer mallührt, un dei Paster hett lacht, dat hei sick versluken dehr un sick binah dei Seel ut'n Liw hausten müßt. So hett hei blot man noch eins lacht bi den groten Späuk in Gammelin. Kennst bu Gammelin? Na, denn wüst du jo, baben liggt dei olle Kirch, un dei Karkhof treckt sick den Barg dal, un ünnen an dei Muer liggt dei Pastergoren. Na, dor is jo mal 'n Kloster wäst, un wo dei Pagen ehren Bedreiw hatt hebben, dor späukt dat ümmer. Na, ick wir jo nu mit 'n Paster äwer Land wäst tau'n Aantenköpen un harren ok 'n gatlichen Korw vull hinnen in uns Krett. Na, dat wir in'n Harwst un abens Klock Nägen, as wi na Gammelin ran keemen, all ganz düster. Un as ick nu so up dei Kirch los führ, dor krieg ick mit eins dat Bäwern un dat Gräsen, denn in den Pastergoren an dei Karkhofsmuer lang, dor kümmt ein Tog von lütte Kierls, dei drägen all ehren gläunigen Kopp inne Hand, as'n Henkelpott, un singen dortau. ›Herr Paster,‹ segg ick, ›seihn S' denn nich den Späuk?‹ ›Führ du man tau,‹ seggt hei, ›wi will'n uns den Späuk mal'n baten neger ankieken.‹ Un grient sick. Dei Tog treckt sick jo nu achter dat Buschwark, un ick hür blot noch dat gräsige Singen un führ tau, dat ick dor man blot vörbikam. As ick nu äwer an'n Pastergoren ran bün, dor kümmt bei Tog ut dei Gebüschen werre rut un treckt up den Stieg an'n Tun dicht bi uns lang. Na, un wat wir't? Dat wiren ben'n Gammeliner Paster sin söß Gören, dei güngen dor mit Körbsenlantüchten un süngen, wat dat Tüg hollen wull: ›Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne!‹ Na, ick swenkte dei Pier einen in dei Jack, dat wi hier man fix wegkamen dehren, un dat wir man gaud, dat dor Steinplaster leeg, so künnen dei Lür bi dat Geraster von den Wagen doch nich gaud hüren, wo dei Paster sick dot lachen wull.«

Johann hätte mir vielleicht noch mehr von seinen vergeblichen Versuchen, der Geisterwelt nahe zu treten, erzählt, allein die Mittagsstunde nahte heran, und ich wollte doch gerne den sehen, der mit den Dingen im Himmel und auf Erden, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt, besser Bescheid wußte. Ich setzte mich darum auf die Bank vor der Haustür unter der alten Linde und schlug mein Buch wieder auf. Aber damit hatte es keinen Fortgang, obwohl unter der Leitung des Neuntöters, der zwar ein Vogel, aber doch niemand anders als der ehemalige Kammerherr Neuntöter von Würges war, die wunderlichsten Dinge geschahen, wie das überhaupt in diesen Märchen gebräuchlich ist, so daß man auch zu Brentano sagen möchte, wie der Kardinal Hippolyt zu Ariost, als dieser ihm den »rasenden Roland« gewidmet hatte: »Meister, wo habt Ihr nur all das krause Zeug hergeholt?« Ich trug den Band wieder in die Bibliothek und ging ein wenig auf der Chaussee spazieren, nach der Richtung zu, wo der Semmelmann kommen mußte. Ich ging eine Weile zwischen den bewaldeten, steinbestreuten Hügeln abwärts, wo mir Johann damals seine Theorie vom Wachsen der Steine entwickelt hatte, und schaute in die Ferne; der Erwartete war aber nicht zu sehen. Ich blickte mich dann eine Zeitlang nach rückwärts um, aber auch dort war der Weg still und leer. Als ich dann weiterging, stapfte der hagere Mensch mit dem seltsamen Zylinderhut und der großen Tragekiepe auf dem Rücken mir entgegen – wer weiß, wo er hergekommen war. Es war die Art dieses wunderlichen Mannes, der natürlich alle Richtsteige der ganzen Gegend kannte, plötzlich auf den Hauptwegen zu erscheinen und ebenso plötzlich auf geheimen Gespensterpfaden wieder zu verschwinden. Er kam in seiner geschäftsmäßigen Weise, bei jedem Schritt seinen Kreuzdornstock aufstoßend, auf mich zu und schien mich weder zu sehen, noch zu beachten; doch warf er bald nach rechts, bald nach links seine Blicke, als müsse er überall nach dem Rechten sehen, und seine Lippen bewegten sich, als rede er vor sich hin. Ganz unvermittelt blieb er plötzlich vor mir stehen, stemmte seinen Stock hinter sich unter die Tragkiepe und fragte, indem er mit seinen blassen Augen über mich hinwegsah, als spräche er mit jemandem hinter mir: »Büst du Reinhard Flemming?« Es klang aber nicht wie eine Frage, sondern wie eine Bestätigung. Er wartete auch keine Antwort ab, sondern fügte zu meiner näheren Kennzeichnung hinzu: »Dei dat mit Driebenkiel makt hett. Hä? Na, denn sall'k di grüßen von Harrn Wohland; wenn'k di seih, hett hei seggt.« Dann nahm er seinen Stock wieder hervor und sagte im Weitergehn: »Dor liggt wat inne Luft. Ick weit nich, ick weit nich. As wenn so'n Fisch anne Angel tuckt un weit nich, wat hei biten sall. As wenn so'n Wäre uptrecken will, un dat grummelt all. Ick weit nich, ick weit nich!«

Mit solchen verworrenen Reden stapfte er weiter, und ich ging langsam hinter ihm her.

Pastor Liborius lächelte, als ich ihm bei Tische von dieser Begegnung erzählte, und dann erfuhr ich zum ersten Male den wirklichen Namen des wunderlichen Mannes. »Ja,« sagte der Pastor, »der alte Radepohl hat seine Eigenheiten. Er ist sonst ein ganz vernünftiger Mann und hat Fähigkeiten, die ich mir, wie ich glaube, durch keine Mühe erwerben könnte. Zum Beispiel behält er alle die kleinen Aufträge auf Besorgungen in der Stadt, meist auf lauter Kleinigkeiten der verschiedensten Art, die er im Laufe des Tages auf den Dörfern, von den verschiedensten Leuten einsammelt, alle im Kopf und vergißt nie etwas. Das würde ich niemals lernen, nicht wahr, Thekla?« Dabei sah er mit listigem Ausdruck seine Schwester an. »Traurig, traurig!« sagte diese, »du bringst ja nicht einmal das Richtige mit, wenn man es dir aufschreibt.«

Pastor Liborius zeigte weder Reue noch Niedergeschlagenheit und schien sich dieses Mangels gar noch zu freuen. Dann fuhr er fort: »Der alte Radepohl ist, was man eine Seele nennt, treu, gutherzig, ehrlich und zuverlässig, aber in einer Hinsicht hat er ein bißchen zu viel Seele, oder soll man es lieber Phantasie nennen? Er sieht die Gestalten seiner Einbildungskraft leibhaftig vor sich und glaubt an sie. Er hört Stimmen und hat Gesichte, die Ärzte nennen das Halluzinationen. Früher hätte man ihn vielleicht als Hexenmeister verbrannt und noch früher am Ende als gottbegnadeten Seher verehrt, heute lächeln die Verständigen nur über ihn, denn wesentlichen Schaden tut er nicht. Zu bekehren ist er nicht, ich wenigstens habe es schon lange aufgegeben. Gegen einen Backofen kann man nicht angähnen, sagen die Leute – gegen eine richtige Verdrehtheit sind Gründe machtlos. Sanitätsrat Moldenhauer nennt ihn einen interessanten Fall. Unheilbar, aber unschädlich.«

Als ich mich am Nachmittage sehr pünktlich um zwei Uhr der Parkmauer näherte, stand Lana schon erwartungsvoll in der Pforte und lief mir freudig entgegen, ergriff meine Hand und zog mich eifrig mit sich. »Was Schönes, was Schönes!« rief sie. »Ganz, wie ich mir gedacht habe. O, wie freue ich mich! Denk mal, wir sollen beide Großpapa besuchen, morgen schon, und sollen ein paar Tage dort bleiben. Und da sollst du mir alles zeigen, die Robinsonsinsel und das Hexenhaus, wo ihr damals die Abenteuer erlebt habt – das hat er mir schon lange versprochen. Und die Hütte, die ihr euch selber gebaut habt, und alles. Er selbst will das nicht, weil er damit nicht so gut Bescheid weiß, und dann hat er ja auch das Zipperlein.« Dabei lachte sie hell auf, es klang wirklich ein wenig unehrerbietig und herzlos. Sie verbesserte sich aber gleich selbst. »Es ist furchtbar häßlich von mir, daß ich lache,« sagte sie, »denn ich weiß, es tut dem armen Großpapa sehr weh, aber es klingt zu komisch, gar nicht, als ob es eine Krankheit wäre, sondern ganz was Lustiges, bei dem man immer tanzen und springen muß. Aber nun mußt du gleich sagen, ob du mitkommen kannst, um drei Uhr will Großpapa Nachricht haben.«

»Ich weiß nicht,« sagte ich, »Fräulein Liborius ... meine Eltern würden es gern erlauben.«

»Wir gehen gleich hin und sagen es ihr,« rief Lana, »ich komme mit.« Somit kehrten wir wieder um und gingen eilfertig dem Pastorenhause zu. Es waren übrigens nur noch wenige Tage bis zum Beginn der Ferien, wo ich nach Steinhusen übersiedeln sollte zu Onkel Simonis, der jetzt noch auf einer kleinen Reise begriffen war und dann wieder zurückkehrte.

Der Pastor schlief, wie immer nach Tisch, und wir mußten uns schon an seine Schwester wenden, die so wie so in allen solchen Dingen die Entscheidung hatte. Übrigens, daß der Pastor schliefe, das hätte niemand zu sagen gewagt; er saß nach Tisch in seinem Lehnstuhl, rauchte die gewohnte lange Pfeife und dachte nach oder las die Zeitung, und dabei mochte er nicht gerne gestört werden. Wenn er dann aber nach einer Stunde etwa merkte, daß die Pfeife ausgegangen, aber noch ganz voll Tabak war und daß der Inhalt der Zeitung für ihn noch vollständig den Reiz der Neuheit besaß, steckte er ergebungsvoll seine Pfeife wieder an und vertiefte sich zunächst voller Teilnahme in das Vermischte.

Fräulein Liborius hatte gar nichts dagegen einzuwenden, daß der Gast ihres Bruders, dem sie nie ganz verziehen hatte, daß sie nicht vorher um ihn gefragt worden war, das Haus früher verließ, als angenommen war, und seinen bedürftigen Organismus an einem anderen Orte weiter kräftigte, der noch dazu für diesen Zweck so besonders wohl geeignet war, als dort Mamsell Kallmorgen das Szepter ihres von Segen triefenden Kochlöffels führte. Fräulein Liborius war etwas sehr genau, und die weichen Eier, Milchtöpfe, Riesenbutterbröte, Mehlklöße und Pfannkuchen, die in diesen Tagen gespart werden konnten, tanzten in ihrer Einbildungskraft offenbar einen fröhlichen Reigen miteinander.

So gingen wir denn sehr befriedigt wieder zurück, und auf dem Wege zum Aussichtsturm tanzte Lana alle Augenblicke vor Vergnügen neben mir her. »Und ganz allein mit dir reise ich dahin!« sagte sie. »Kein Fräulein Kiekebusch und kein Mädchen kommt mit, nur Leo. Ohne Leo läßt mich Mama nicht dahin, wo soviel Wasser ist.«

»Leo?« fragte ich, »wie wird sich der mit Wasser vertragen, mit dem Kettenhund, meine ich?«

»Ach, du weißt noch gar nicht, daß Leo und Wasser Freunde sind? Wenn Wasser Leo bloß zu sehen kriegt, dann zieht er seine Kette stramm und macht sich ganz lang und günst immer nach ihm hin und hört nicht eher auf, als bis Leo kommt und ihm guten Tag sagt.«

Dann stiegen wir auf den Aussichtsturm, und da wir sahen, daß auf dem Uhlenberg der weiße Wimpel schon wehte, signalisierte Lana schnell die uns und, wie wir annahmen, auch den Empfänger erfreuende Nachricht hinüber. Herr Wohland verlor auch in dieser Sprache keine unnützen Worte. Der weiße Wimpel ging dreimal auf und nieder und sank dann in die Tiefe; nach einer Weile kam ein dumpfer Knall herüber und hallte gleich darauf von dem Kirchenhügel wieder zurück. »Weißt du, was Großpapa eben gesagt hat?« fragte Lana. »Fein, Kinder, das freut mich! Bum!«

Wir gingen dann noch einmal durch den ganzen Park und Garten und stiegen auch wieder in den großen Kirschenbaum, wo die Pirole wie gestern lärmten. »Zum Abschiednehmen!« sagte Lana, »denn wenn ich wieder hier bin, ist die Kirschenzeit vorbei, und dann kommen sie nicht mehr.«

»Die Kunst geht nach Brot,« sagte ich altklug, was mir bei meinem vielen Lesen wohl hin und wieder geschah; sie aber verstand zu meiner Strafe diese alberne Bemerkung gar nicht und sah mit dem sinnenden Blick ihrer Mutter in die Ferne. »Horch! hörst du?« rief sie dann plötzlich. In der Nachbarschaft tönte wieder der wundervolle Schlag des besten aller dieser Sänger, den wir zwar nicht sahen, der aber unverkennbar war. »Adjö, Herr König!« rief sie, »adjö, ihr alle miteinander! Und wenn ihr fortzieht, grüßt das Märchenland!«

Dann stiegen wir wieder hinab und gingen dem Hause zu. Auf der sogenannten Diele war ein Kaffeetisch gedeckt, und dort lernte ich nun auch Herrn Wangelin kennen, einen schönen, schlanken Mann, der ein ausgezeichneter Reiter und tüchtiger Jäger war, die ausgedehnte Landwirtschaft aber hauptsächlich seinem Oberinspektor überließ, der als Landwirt einen großen Ruf hatte. Er sprach freundliche Worte zu mir, und ich mochte ihn wohl leiden. Weniger war das mit Fräulein Kiekebusch der Fall, was wohl auf Gegenseitigkeit beruhte, denn ich hatte die deutliche Empfindung, daß sie mich von Anfang an mißbilligte. Sie war ein Ausbund von Gelehrsamkeit und sprach Französisch und Englisch wie Wasser, ihr Deutsch aber schien mir ein unerträglich geziertes Schulmeisterdeutsch zu sein, was dadurch nicht verbessert wurde, daß sie aus einer Gegend von Hannover stammte, wo nach der allgemeinen Meinung der damaligen Zeit das reinste und dialektfreieste Deutsch gesprochen wurde, mit einem st und sp, so spitz wie Bienenstacheln, wovon beifolgend eine Probe: »Na, nu kucke mäl, da ist mir ein S-tückchen S-tähl an die Nasens-pitze ges-prungen!« – wobei das ä einen unbeschreibbaren Mischlaut zwischen ä und ö bedeutet, der etwas heller klingt als das ä in dem Reuterschen Bräsig, das einen Mischlaut zwischen ö und ä vorstellt. Solche überflüssigen Lautstudien stellte ich allerdings damals noch nicht an, sondern war der Meinung der Allgemeinheit, daß diese s-pitze S-präche etwas beängstigend Feines und Vornehmes an sich habe und wohl geeignet sei, jemanden niederzudrücken, der, wie ich, mehr Platt- als Hochdeutsch in seinem Leben gesprochen hatte. Denn an dieser Stelle will ich's nur gestehen, daß ich mir in dieser Geschichte eine kleine Fälschung habe zuschulden kommen lassen, indem ich meinen Freund Adolf und mich, sowie den edlen Stamm der Comanchen sich untereinander der hochdeutschen Sprache bedienen ließ. In Wirklichkeit war das anders, aber es wäre dann vielleicht etwas zuviel des Dialektes geworden.

Fräulein Kiekebusch hatte die Methode, eine Woche Französisch, eine Englisch und eine Deutsch zu unterrichten, und da nun gerade das Französische daran war, so bediente sie sich Lana gegenüber ausschließlich dieser Sprache, was mich mit dem tiefsten Mitleid erfüllte, denn was hat das menschliche Leben für einen Wert, wenn man nicht einmal beim Essen und Trinken seine Ruh' hat. Ja, sie redete sogar mich in der Sprache des Erbfeindes an. Was sollte ich armer Teufel machen, die Farbe, die angespielt wird, muß man bedienen. Nun hatte ich aber durch den trefflichen Unterricht des Onkels Simonis, der lange Jahre in Frankreich gelebt hatte und diese Sprache vorzüglich beherrschte, auch mit Vorliebe in ihr unterrichtete, eine Anzahl nichtssagender, aber verbindlicher Redensarten und abgestempelter Phrasen angesammelt, an denen dieses Idiom so reich ist, und wenn ich wollte, konnte ich Nasallaute von mir geben, als wenn ich an einem chronischen Stockschnupfen litte. Nun, ich nahm alle Kraft zusammen, die Lust und auch den Schmerz, und bediente Fräulein Kiekebusch zu ihrer sichtlichen Verwunderung auf ihre Fragen mit den elegantesten Schnörkeln, die mir zur Verfügung standen. Da es ihr nun nicht gelungen war, was offenbar in ihrer Absicht gelegen hatte, durch diese Fragen den Abgrund meiner barbarischen Unbildung in seiner ganzen Tiefe aufzudecken, so ging sie in der Fortsetzung ihres Examens plötzlich zum Englischen über, in der Hoffnung, hier um so leichter ihr Ziel zu erreichen. Da kam sie aber gar an den Unrechten, denn diese Sprache, die zum größten Teil aus dem Niederdeutschen entstanden ist, liegt dem Plattdeutschen noch viel besser als das Französische, und besonders in der Aussprache war ich der guten Dame ohne Frage überlegen. Zum ersten Male dankte ich es Onkel Simonis, daß er uns in den neueren Sprachen mit Vorliebe unterrichtet und uns darin, wenigstens was die Konversation betrifft, schon weiter gebracht hatte, als man es auf einem Gymnasium überhaupt zu bringen pflegt. Aber mein Zorn regte sich über diese Anzapfung im Angesicht so vortrefflicher Maulschellen und Papmützen, und ich ward tückisch. Ich erinnerte mich an eine Geschichte, die wir mit besonderer Vorliebe übersetzt hatten, denn es kam ein alter Seemann darin vor, der die Gewohnheit hatte, seine Rede mit überaus kraftvollen Vokabeln zu schmücken, die natürlich Leckerbissen für uns waren und sich rammeltief und fester als alles andere in unser Gedächtnis eingruben. So fing ich denn an, so sachte meine Antworten mit den schönsten Seemannsflüchen und anderen vulgären Ausdrücken auszuzieren, um meine umfassende Kenntnis dieser Sprache gründlich darzulegen. Ich nehme an, daß mich Fräulein Kiekebusch zu Anfang gar nicht verstand, denn sie fragte ruhig weiter; plötzlich aber kam sie dahinter und wurde blaß. » Shocking! Fi donc!« sagte sie.

Zwei fremde Sprachen hatte sie nötig, um ihre Entrüstung zu bewältigen. Von da ab ließ sie mich aber zufrieden.

Als wir am nächsten Tage auf einem leichten, offenen Wagen mit schnellen Pferden über Land fuhren und Leo munter hinter uns her trabte, war Lana noch immer vergnügt über mein schönes, kräftiges Englisch. »Papa und Mama,« sagte sie, »haben es nicht gemerkt, sie verstehen kein Englisch – das hast du fein gemacht, Goddam

Wir fuhren zunächst durch Wald, dann öffnete sich dieser, und weite Felder lagen um uns und weiterhin die Wiesen am See, der in der Vormittagssonne mächtige Blitze sandte. Die Insel aber konnten wir nicht sehen, denn vor ihr lag der eine der zu Borna gehörigen Höfe, der mit den uralten Eschen, die ihn umgaben, den Ausblick verdeckte. Als wir durch das Dörfchen fuhren, sahen wir den Semmelmann über den breiten Wirtschaftshof hinweg auf das Herrenhaus zugehen. Auf das Rollen des Wagens sah er sich um, wir waren aber im nächsten Augenblick schon seinen Blicken entschwunden. Hinter dem Dorfe tat sich der Blick auf Wiese, See und Insel frei auf. Wir waren nun schon so nahe, daß wir deutlich eine menschliche Figur erkannten, die auf der Galerie des Aussichtsturmes stand. Diese verschwand, und nach einer Weite stieg an der Stange die Seeflagge des Landes auf. Kann war das Figürchen wieder da und machte sich in gebückter Stellung etwas zu schaffen. Plötzlich stand da ein rundes, weißes Wölkchen, das sich langsam seitwärts verzog, und ein heftiger Knall hallte nach einigen Sekunden über See und Wiesen hin. Lana jauchzte und wehte mit dem Taschentuch. Bei dem schafflichen Trabe der schnellen Pferde hatten wir bald den See zur Seite und den Wald, der ihn umgab, vor uns. Wir verließen hier unseren Weg, der später in die Chaussee nach Steinhusen einmündet, und bogen in einen Waldweg ein, der uns nach nicht zu langer Zeit zu einem einsamen Fischerhause brachte, das, von trocknenden Netzen umgeben, in einer kleinen Acker- und Garteninsel am See lag, dem Nordende der Insel Uhlenberg gerade gegenüber. Hier lag an dem Stege, der in den See hineingebaut war, Wahmkow mit einem stattlichen Kahne schon zur Überfahrt bereit. Er holte unser Gepäck vom Wagen und verstaute es, dann stiegen wir mit Leo ein. Im letzten Augenblick kam der Fischer mit einem stattlichen, springlebendigen Hechte in einem Beutelnetze, das er an einer Leine über Bord ins Wasser hängte, und die Fahrt konnte beginnen. Es war merkwürdig, zu sehen, welch ein Sonnenschein über die Angesichter dieser ernsthaften Männer ging, wenn sie Lana begrüßten; sie mußte wohl der allgemeine Liebling sein.

Als wir nun auf dem Wasser schwammen und Wahmkow, im Hinterteile des Kahnes stehend, ihn mit ruckendem Ruder gleichmäßig dahintrieb, überkam mich ein wunderbar wohltätiges Heimatgefühl. Da war ich wieder auf dem alten, lieben See, dessen Rauschen durch meine Kindheit ging, dessen Spiegel Tag für Tag in die Fenster meines Vaterhauses geglänzt hatte. Ich roch wieder den kräuterigen Wasserduft seiner Ufer und hörte das Rasseln der Rohrbreiten, die ihn umgaben. In den Buchten schwammen in Scharen die schwarzen Wasserhühner und grüßten mich mit durchdringendem Schrei, und auf den windgekräuselten freien Flächen tanzten die Haubentaucher mit den komischen breiten Köpfen über die Wellen dahin. Waldige Inselhügel, die auf dem Wasser zu schwimmen schienen, dämmernde Buchten, dunkle Schattenflächen, von schimmernden Lichtstreifen durchwebt, und darüber die segelnden silbernen Möwen – das war ja alles ebenso und oft noch viel großartiger auf den bedeutenden Seeflächen meines jetzigen Heimatsortes, und doch wirkte das nicht so auf mich, denn daran hingen keine Erinnerungen.

Auf dem Stege der Insel Uhlenberg war niemand zu sehen. Als Wahmkow bemerkte, daß ich darnach ausschaute, sagte er: »Herr Wohland hett dat jo werre mal so dull mit den Potengram, dei geiht nich giern ut'n Hus – up sinen Turn kladdert hei jo ümmer noch, äwer buten is em dat tau suchtig, dor ward dat Kniepen gliek düller. Na, un Mamsell Kallmorgen, dei maracht inne Käk. Du kennst ehr jo – wenn Besäuk kümmt, denn geiht ehr dat von flessen.« Als der Kahn am Lande lag und wir ausstiegen, sagte er: »Du kannst mi'n Gefallen dauhn, Reinhard. Du büst jo mächtig fix tau Bein – dräg doch mal flinking Mamsell Kallmorgen den Häkt hen, dat geiht rascher, wenn du dat makst. Ick nehm jug Saken un bring lütt Lana an't Hus.« Das tat ich gerne, denn es gab mir Gelegenheit, gleich zu Anfang mit ihr allein zu sprechen und ihr Mudrachs wichtige Aufträge, die ich schon so lange in meinem Gedächtnis bewahrte und mir oft, so erst gestern noch, wiederholt hatte, zu überbringen. Ich lief darum mit dem Hecht im Netze in schafflichem Trabe den Hügel hinan. Mamsell Kallmorgen war in der Küche und hatte eben angefangen, über dem Feuer einen Pudding abzurühren. Das ist ja nun ein geheiligtes Geschäft, das die ganze Aufmerksamkeit erfordert und keine Unterbrechung leidet. Sie rührte denn auch immer rundum, wie die Sonne geht oder die Uhr, und sagte: »Da büst du ja, mein'n lieben Jung, un machst dich auch gleich wieder nützlich. Ja, wo das einmal so einsticht. Daß ich nu aber auch grad bei's Abrührent bün!« Und puterrot im Gesicht arbeitete sie weiter.

»Herr Mudrach ...« sagte ich und unterbrach mich, denn sie hätte beinahe zu rühren aufgehört und rief plötzlich: »Stina, mit die Tauben hat das noch keine Eil, komm mal her. Du hast das ja früher schon mal gemacht, als ich das Reißent in'n Arm hatt, nu kuck dich mal mein'n Duktus an un denn rühr ebenso weiter, 'ne Vittelstund wird's woll noch dauern bei das kleine Feuer. Ich will man fix den Fisch ßurecht machen. Da kann'n doch eher'n Wort bei snacken!« fügte sie zu mir gewendet hinzu und sah mich erwartungsvoll an. Dann fuhr sie leiser fort: »Nams brauchst du nich ßu nennen, un laut brauchst du auch nich ßu snacken.« Dabei sah sie sich nach Stina um, die mit wütigem Eifer rührte, ging an einen entfernten Küchentisch und machte sich mit dem Fisch zu tun. »Nu man ßu!« sagte sie, schlachtete mit wunderbarem Geschick den Hecht durch einen Stich in den Nacken und begann ihn zu schuppen.

»Ein Bewußter läßt Sie vielmals grüßen!« sagte ich. Mamsell Kallmorgen bedankte sich gerührt und mit Wärme. »Und ich habe ihm erzählt, daß Sie sich noch immer nicht an die Einsamkeit gewöhnen könnten, und daß Sie noch immer solche Angst vor Driebenkiel hätten.« »Na, mit die Einsamkeit,« sagte sie, »geht es ja nu all'n bischen besser, seit Wahmkow seine Frau un sein Sohn hier auch wohnen, mit die Leute läßt sich ja 'n Wort snacken, un Wahmkow selbst is auch 'n furchbar ordentlichen Mann, abersten die Angst vor den gräßlichen Driebenkiel, die werd' ich nich los un werd' ich nich los.«

»Und dann habe ich ihm erzählt, daß Sie manchmal dran dächten, in die Stadt zu ziehn, wo Herr Mudrach wohnt, denn dort, meinten Sie, könnte Ihnen niemand was tun. Und da hat er ganz begeistert gesagt, wenn Sie das täten, dann würde es ihm ein Vergnügen sein, Sie zu bewachen Tag und Nacht und zu jeder Jahreszeit, im Frühling, Sommer, Herbst und Winter, immer egal weg.«

»Gott nein, was hat der Mann für ein'n Kurakter!« sagte Mamsell Kallmorgen.

»Herr Mudrach hat ein eignes Haus, und in dem Haus ist eine Wohnung,« sagte ich, »und da könnten Sie einziehen, wenn Sie wollten, dann ginge das Bewachen noch viel feiner. Dann will er es tun voll und ganz und sozusagen mit Leib und Seele. Und Sie brauchten nur zu winken – er wäre immer da und immer bereit und immer derjenige, welcher!«

»Ümmer da un ümmer bereit,« sagte Mamsell Kallmorgen, »un ümmer derjenige, welcher! Gott, was 'n Mann. Mich wird ganz snurrig. Aber mein Fisch, mein Fisch!«

Sie schuppte ihn schnell zu Ende, schnitt ihn auf und nahm ihn aus, alles mit einer Gewandtheit ohnegleichen. Sie befreite die Leber von der Galle und legte sie auf ein Tellerchen und war fertig.

»Das wär ja ganz wie in's Paradies!« sagte sie dann mit tiefer Empfindung, »wo ümmer ein Engel mit'n feurigen Säbel vore Tür steht, daß da keiner nich rein kann, den da nich rein gehört. Un ümmer da un ümmer bereit un ümmer derjenige, welcher!« Sie seufzte tief. In der Stille, die dann entstand, machte sich das heftige Rühren am Herd bemerklich, und Mamsell Kallmorgen fuhr zusammen. »Na, Stina, läßt den Pudding noch ümmer nich los?« »Ja, los laten deiht hei all, Mamsell. Un dei Arm, dei is mi ok all lahm!« »Na, sonne Dirn, denn muß er ja runter!« rief sie und kugelte zum Herde, um nach dem Rechten zu sehen. »Is ja die allerhöchste Zeit! Un denn ›Arm lahm‹, du schämst dir woll gar nich. Sonne Dirn as du, mit sonne Arms, die muß 'ne helle Stund rühren können in einsen weg, un denn muß ihr noch Lust haben zu's Kaffeemahlent. Ihr habt all keine Murr in die Knochen.«

Dann kam sie wieder zu mir und sagte: »Ich hab's nu 'n bischen hild, mein'n lieben Jung. Über das, was der Bewußte all gesagt hat, da will ich noch 'n bischen simmelieren, un ich sag dich das ein ander Mal. Un ich bedank mir auch vielmals.« Damit verließ sie mich.

Herr Wohland war mit Lana in seinem großen Wohnzimmer mit den Sammlungen, wo man den Blick über den See und auf das ferne Borna hatte. Er trug dicke Filzschuhe, saß in einem Lehnstuhl und hatte die Füße auf einen Wiegeschemel gestreckt, und Lana saß auf einem Kinderstuhl ihm zur Seite. Sein Blick weilte mit einem Ausdruck auf ihr, den ich an ihm noch nicht kannte, mit dem des verliebten Sammlers, der seine größte Seltenheit betrachtet, ein Stück, um das ihn alle anderen beneiden, weil es einzig ist. Er war ja selbst ein wenig Sammler und hatte allerlei Kuriositäten zusammengebracht, aber diesen Blick hatte ich damals doch nicht gesehen, als er uns diese zeigte, obwohl er, wie ich glaube, auf manche der Stücke ein wenig stolz war.

Herr Wohland begrüßte mich freundlich in seiner kurzen Weise, und dann verabredeten wir die Unternehmungen der nächsten Zeit. Am Nachmittag sollte Lana mit mir eine Wanderung durch die Insel machen. »Kann nicht mit, Havarie im Pedal, Zipperlein, sticht wie Messer!« sagte er zur Erklärung. Am nächsten Morgen sollte uns dann Wahmkow im Boot zu den Inseln rudern, und ich sollte Lana dort alles zeigen und erklären. Zunächst aber sollte ich mit Lana auf den Turm steigen und diese unsere glückliche Ankunft nach Borna melden. Dann konnten wir uns noch vor Tisch die nähere Umgegend des Hauses und den Garten besehen; die frühen Stachelbeeren waren schon reif, und von den süßen schwarzen Spätkirschen waren auch noch so viele da, wie die Pirole übrig gelassen hatten. Ein Gong würde uns zu Tische rufen.

Wir stiegen dann wohlgemut auf den Turm. Doch es dauerte wohl eine Viertelstunde, bis unser Signal erwidert wurde. An dem daneben aufgezogenen Zeichen erkannte Lana, daß ihre Mutter selbst am Apparat war. Lana sandte die Nachricht hinüber, und dann trieben wir uns in der Nähe des Hauses herum und suchten den großen Obst- und Gemüsegarten auf, den Herr Wohland vor Jahren angelegt, dessen auserwählte Obstbäume er alle selber gepflanzt hatte und dessen köstliche Pfirsich-, Aprikosen- und Weinspaliere er mit kunstverständiger Hand pflegte. Schon auf dem Turme war uns das unablässige Rufen der Pirole aufgefallen, und als wir zu den stattlichen Bäumen der süßen Spätkirschen kamen, da rief Lana: »Das sind unsere Vogel Bülows aus Borna, meine lieben Goldvögel sind mir nachgekommen. Hörst du wohl, da singt der König, ich seh ihn, ich seh ihn, siehst du, da sitzt er.« Es mußte wohl ein ebenso schönes, altes, ausgefärbtes Männchen von gleich herrlichem Gesange sein, oder er war es wirklich selber.

»Sie werden wohl bei euch alle Kirschen aufgegessen haben,« sagte ich ziemlich prosaisch. »Nein, nein, sie sind mir wirklich nachgekommen,« rief Lana, »wir gehören zusammen.« Dann ergriff sie meine Hand und zog mich mit sich. »Nun will ich dir auch die Blumen zeigen,« sagte sie, »die in dem Märchenlande wachsen, wo die Goldvögel hinziehen.« Wir kamen zu einem Treibhause, das an einen Flügel des Wirtschaftsgebäudes angebaut war, und ein warmer, tropischer Dunst schlug uns entgegen, als wir eine kleine, überbaute Treppe hinabgestiegen waren und in den halb in den Boden versenkten Glasraum eintraten. Von den Gewächsen, die dort betäubenden Duft aushauchten oder mit leuchtenden Wunderblumen geziert waren, konnte ich nicht eines nennen, doch besonders neugierig war ich auf die Orchideen, über die sich Onkel Simonis damals mit so glühender Begeisterung geäußert hatte, obwohl auch er sie nur vom Hörensagen kannte. Tropische Orchideen waren zu jener Zeit noch die größten Seltenheiten und kamen außer in England in Privatgärten kaum vor. Die bescheidenen Pflanzen, die mir Lana zeigte, enttäuschten mich. Zwar waren die Blüten zierlich und sonderbar und glichen Schmetterlingen und wunderbaren Fliegen oder anderen Insekten, aber ich hatte mir darunter die unglaubliche Zauberpracht orientalischer Märchen vorgestellt, mit Blättern von Smaragd und Blüten, schimmernd wie Rubin, Topas und Saphir, und was es sonst für kostbare Edelsteine gibt.

Die Insel Uhlenberg war ein lang gestreckter, ebener Hügelrücken, der mit mehr oder weniger steilen Ufern in den See abfiel und dort von einem schmalen Vorlande als Rand begrenzt wurde. Sie war fast überall mit Wald bedeckt, und nur hier am Nordende der Insel war die ganze obere Fläche ausgelichtet und mit den Gebäuden, den Gartenanlagen und ein wenig Feld bedeckt. An den abfallenden Ufern aber, die hier und da von Schluchten durchzogen waren und den allgemeinen Steinreichtum der Gegend durch zahlreiche bemooste Blöcke bezeugten, die aus dem Boden ragten oder herabgestürzt frei auf dem schmalen Strande ruhten, stieg überall der Wald bis über den Hügelrand empor, so daß man von außen, wenn nicht der Turm aus den Wipfeln emporgestiegen wäre, kaum hätte sehen können, daß die Insel bewohnt war. Wir stiegen nun in der einen dieser Schluchten oder Regenrunsen vom Garten aus an den Strand hinab und wanderten dort entlang. Wir kamen bald an einen Ort, wo der Strand reichlicher mit Steinen bestreut war, wo sich eine kleine, unbewaldete Halbinsel in den See erstreckte und sich zur Seite in dem Abhang eine breite Schlucht öffnete, auf deren Grunde ein silbernes Quellchen über Kies und Stein rieselte und sich über die saftig begrünte Halbinsel hinweg sachte in den See verlor. Lana sah sehr geheimnisvoll aus, als sie meine Hand ergriff und mich nach sich zog. In dem vorderen breiten Teil der Schlucht lag, an zwei Seiten an den Abhang angelehnt, ein verwittertes Blockhaus, ganz ursprünglich aus Felsblöcken und rohen Baumstämmen errichtet, mit einem kleinen Vordach und einem Sitz darunter neben der offenen Tür. Hinter diesem Blockhause verengte sich die Schlucht allmählich zu einer schmaleren, tief in den Berg geschnittenen Rinne, aus der das silberne Quellchen seinen Ursprung nahm.

»In solchem Blockhaus haben Großpapa und Großmama und Mama gewohnt,« sagte Lana, »als sie auf der einsamen Insel im Meer waren. Aber dahinter gingen in den Felsen große, tiefe Höhlen hinein, die sind hier natürlich nicht.« Wie wunderbar mußte es sein, auf einer einsamen Insel in solchem urzeitlichen Blockhause und dahinter liegenden Höhlen zu wohnen; es gab doch bevorzugte Menschen in der Welt. Wir gingen hinein; der Raum war leer und zeigte nur einen aus Steinen roh gemauerten Herd, dessen Rauch sich durch ein in das Dach eingelassenes Stück eines hohlen Baumstammes den Weg ins Freie suchen mußte. Die Luft war dumpfig und schlecht, aber draußen auf der Bank vor der Tür war es schön. Dort saßen wir und schauten durch eine Lücke in den über den See hinaushängenden Bäumen auf dieselbe Aussicht, die man oben in Herrn Wohlands Hauptzimmer hatte.

»Wenn Großpapa gut gehen kann,« sagte Lana – sie vermied hier offenbar absichtlich den sie zum Lachen reizenden Ausdruck »Zipperlein«, und doch zuckte es ihr ein wenig um die Mundwinkel – »wenn Großpapa gut gehen kann, dann sitzt er hier gern jeden Tag eine halbe Stunde und raucht seine Pfeife. Auf seiner Insel hatte er von seiner Tür aus auch solche Aussicht. Da war auch ein See, und dahinter waren Berge, aber viel höhere Berge als hier. Und die Bäume waren Apfelsinenbäume und Palmen und all so was. Und solche kleine Quelle lief da auch vorbei und nachher in den See.« So saßen wir dort und sahen über den See und die weite grüne Wiese, die ihn begrenzte, und die ansteigenden Felder, auf die Wipfel, in denen sich Borna versteckte, und auf den Hügelzug dahinter mit der alten Kirche, die aus dem Laubwerk des Hanges emporstieg. Sie lag so hell und klar im Sonnenscheine da, daß man fast die Fugen ihres Feldsteingemäuers und das gotische Maßwerk der Fenster erkennen konnte. Und alles lag eingerahmt wie ein Bild in dem gewölbten Laubwerk der Uferbäume. Durch die Luft dieses Bildes schossen die Schwalben dahin, und zuweilen segelte eine Möwe vorüber; von fern kam der rauhe Schrei eines Wasservogels, die Wipfel rauschten sanft, leise und taktmäßig atmete der See an die flachen Sandufer, und das silberne Quellchen rieselte verstohlen durch Kraut und nickende Grasrispen dahin. Mir kam eine Erinnerung an Paul und Virginie in den Sinn. Alles trug dazu bei, der Anblick des Ortes, wo ich auf dem Kirchhofe zwischen den wehenden Gräsern dieses zarte Idyll zum letzten und wer weiß wievielten Male wieder gelesen hatte, die Einsamkeit der lieblichen Natur, die uns umgab, die ursprüngliche Hütte, vor der wir saßen, und nicht zum wenigsten das schöne, unschuldige Kind an meiner Seite; das mit dem weiten Blick, der ihm eigen war, in die Ferne des sonnigen Tages schaute. Wieder, wie damals bei den Pirolen überkam mich die Empfindung, in einem Märchen zu wandeln, doch mitten in diesen poetischen Traum hinein tönten drei scharfe Gongschläge, die uns zum Essen riefen. Wir stiegen einen Fußsteig hinauf, der hinter dem Blockhaus in einer Runse auf die Höhe führte, und eilten dem Hause zu, um der zwar prosaischen, aber schönen Wirklichkeit, die uns Mamsell Kallmorgen bereitet hatte, alle Ehre anzutun. Bald nach dem Essen begab sich Lana zu ihr, um sie zu begrüßen. Sie hatte dies vorher unterlassen, weil es allgemein bekannt war, daß sich die gute Dame bei den Opfern, die sie am Altare des Gottes der Kochkunst – wie hieß er doch? – darbrachte, ungern stören ließ. Daß ich nicht vorhin kurzerhand mit der Vertröstung auf weniger bewegte Zeiten hinausgesetzt worden war, verdankte ich nur dem Zauberwort Mudrach, das mir gleich zu Anfang den Berg Sesam ihrer Duldsamkeit geöffnet hatte.

Als ich Lana nachher wieder traf, schien sie nicht ganz befriedigt zu sein von ihrem Besuch.

»Sie war heut so schnurrig,« sagte sie. »Stina wusch ab, und ich mußte mit in ihre Stube kommen. Zuerst war sie wie immer, und ich mußte Schürzgebackenes essen und von ihrem berühmten Apfelgelee, und ich war doch schon so furchtbar satt vom Mittag, und sie sagte, was sie immer sagt, daß es gar nicht einsam wäre auf dem Uhlenberg, wenn ich da wäre, und allerhand so was. Und fragte, wie es Mama ginge und wie es Papa ginge, nach Fräulein Kiekebusch hat sie aber nicht gefragt, die mag sie nicht leiden, die war mal mit hier und hat ›Person‹ zu ihr gesagt, denn Fräulein Kiekebusch mag Mamsell Kallmorgen erst recht nicht leiden. Großpapa, der gibt seinen Leuten alle Jahre im Herbst ein kleines Erntefest, und dann kommen alle, die hier mal im Jahr 'ne Zeitlang gearbeitet haben, herüber, und Stina ladet sich ihre Freundschaft ein und Wahmkows auch aus dem Dorf, wo sie her sind. Und haben alle ihren besten Staat an und kommen in einem bekränzten Kahn angefahren und singen, denn das mag Großpapa gern. Nachher bringen sie den Erntekranz und sagen allerhand Gedichte auf. Dann gibt es gekochtes Rindfleisch und Backpflaumen und Milchreis mit Kanel und Zucker, und nachher wird getanzt auf der großen Diele nach 'ner Musik mit'm richtigen Brummbaß. Wenn sie dann die lustigen alten Tänze machen, den ›Schustertanz‹ und ›Gah von mi‹ und ›Kiekebusch‹ und ›Mudder Wittsch‹ und ›Lott is dot‹, das macht Großpapa furchtbaren Spaß, und wir alle kucken zu und tanzen auch wohl 'n paarmal mit 'rum. Denn wir sind dann immer hier, und vorig Mal war Fräulein Kiekebusch auch mitgekommen. Als wir nun alle beim Tanzen zusahen, kam auch der Kiekebusch an die Reihe, wobei sie immer singen:

›Kiekebusch, ick seih di,
Dat du mi sühst, dat freut mi!‹

Und da hat Mamsell Kallmorgen Fräulein Kiekebusch angekuckt und wohl ein bißchen dabei gegrient. Sie hat sich aber gar nichts dabei gedacht, bloß, daß es derselbe Name war. Fräulein Kiekebusch ist aber furchtbar wütend geworden und hat zu Großpapa gesagt, das wäre eine Intrige dieser boshaften Person, das ginge zu weit. Großpapa aber hat sie bloß ausgelacht, und sie hat sich gegrätzt. Der nächste Tanz war aber der, wobei sie singen:

›Gah von mi, gah von mi, ick mag di nich seihn‹,

und da wußte sie nun ganz gewiß, daß das alles bloß Bosheit war und Mamsell Kallmorgen den Leuten das alles angeschünnt hatte, und als sie weiter sangen:

›Kumm tau mi, kumm tau mi, du büst jo so schön!‹

da drehte sie sich schnubbs um und ging weg.

»Als ich nun zu Mamsell Kallmorgen sagte, Papa und Mama ginge es gut, und sie ließen beide grüßen, da hat sie sich furchtbar gefreut, und dann fing sie von dir an, was du für ein wohlerzogener Knabe wärst, mit dem man sich so wunderschön unterhalten könne, und daß du ihr Retter wärest, von Gott gesandt, du und noch ein andrer Mann, mit furchtbar viel Kurakter. Und dann fragte sie mich, ob sie mir nicht immer wunderschönes Essent gekocht hätte, und ob ich wohl ein bißchen traurig sein würde, wenn ich mal wieder käme und eine andere kochte hier das Essent, varleicht ebenso schön, varleicht aber auch nich. Und ich fragte: ›Willst du denn hier weggehen?‹ ›Ach nee, ach nee‹, sagte sie, ›das is man, daß ich davon red. Abersten da könnten doch Verhältnisse kommen, wo ... un was Gräsiges passieren, was ßu un ßu Gräsiges, denn kann ich doch hier nich bleiben, wo ich mir nu schon Tag un Nacht ängsten muß. Ich will man sagen, solang ein Gewisser sitzt, da geht es ja noch, aber ihn kommt doch mal wieder frei. Oder abersten, er bricht aus, un das tut er, das liegt in seine Profeschon. Was 'n Einbrecher is, das is auch 'n Ausbrecher. Na, un denn kann un kann ich hier doch nich bleiben, wenn einer draußen 'rumgeht wie ein'n brüllenden Löwen un will mir verschlingen. Noch daßu, wo ich nu weiß, daß ein prachtvollen Mann mit furchbar viel Kurakter ümmer da is un ümmer bereit un ümmer derjenige, welcher. Un daß ich in ein Haus wohnen kann, wie in's Paradies, wo ümmer ein Engel mit'n feurigen Säbel vore Tür steht un aufpaßt.‹ Und dann fing sie an zu weinen, daß ihr immer die runden Tränen über die Backen und auf ihre Schürze liefen, und fragte mich, ob ich ihr immer gut bleiben wollte, auch wenn es so käme, wie sie wünschte, daß es nicht käme, denn wenn das nicht wäre, hätte sie kein ruhiges Herz auch in dem schönsten Paradiese nicht. Und ich sollte sie dann auch manchmal grüßen lassen, dann wüßte sie Bescheid, und sie würde mich immer in ihr Gemüt tragen. Und küßte mich soviel und weinte dazu, und ich wurde ganz naß. Dann sagte sie zu mir, ich sollte man bloß nicht soviel lernen bei Fräulein Kiekebusch, sonst würd' ich auch überspönig. ›Das viele Lernent macht bloß dwatsch‹, sagte sie, ›wo ich früher mal in Konditschon war, da haben sie die eine Tochter in sonne feine Pangschon gegeben, da sollt sie Benehmige lernen un Kultur der Welt un feine Bildung, un as sie wiederkam, da war sie rein mall un hatte sich wie so'n Zieraffe un snackte lauter hochportahnsches dummes Szeug, was kein Mensch verstehn konnt. Un konnt einen jungen Gutsbesitzer kriegen, der seine hunderttausend Taler wert war, sie nahm ihm aber nich un hat so'n hungrigen Muskanten geheurat, der vor Geld Vigeline spielt. Na, sie sagen ja, daß er damit viel Geld verdient, un daß er 'n Dahler Angtreh nimmt von jeden, den er in so'n großen Saal was vorspielt, un der soll ümmer ganz voll sein. Na, das kann doch man bloß so'n richtigen Muskantenwind sein. Denn ich bün doch auch schon in Swerin in den Großherzog sein Theater gewesen un hab ein feines Stück gesehen, wo eine gräßliche Slange in vorkam – Igittegittegitt – un Löwens un Affens un swarze Mohren un ein putzlistigen Kerl, der hatte Szeug an von lauter Federn und seine Frau auch, un durch Feuer un Wasser sünd da welche gegangen, die sich so furchbar gern leiden mochten, un haben sich auch richtig gekriegt. Un gesungen haben sie alle wie unklug, un daßu haben so'n Stücker dreißig Kerls gefiedelt un getut't, so doll sie man konnten. Na, un was hat es gekost't? Einen halben Dahler auf'n feinen Platz. Da hat'n doch was for sein Geld. Abersten, ein'n ganzen Dahler un denn man eine Vigelin, da liegt doch kein Sinn nich in. Na, un Ärger hab' ich heut auch schon gehabt mit den alten snurrigen Kerl von Semmelmann. Red't ümmer von Ahnungen un daß was inne Luft liegt, aber was inne Luft liegt, das sagt ihn nich. Un fängt an, vergesserig zu werden. Was ich bei ihn bestellt hab un was ich heut noch brauch, hat er gar nich mitgebracht, un sagt, das wär ihn nich bewußt, da hätt ich nichs nich von gesagt. Wo kann so'n alten Kerl von Späukenkieker woll mal bloß so was sagen. Un mit seine dwatsche Späukenkiekerei, das is man all Unsinn. Ich hab noch nie kein'n Späuk nich gesehn, un ein Späuk tut mich auch nichs, ich hab bloß Angst vor die Labendigen. Na, das schad't den alten Kerl ja nu gar nichs, nu muß ihn heut Nammetag noch eins den langen Weg vonne Stadt hierher machen, von wegen seine Vergesserigkeit.‹«

So erzählte Lana, wenn auch nicht mit ganz denselben Worten; ich habe mir erlaubt, diesen Bericht zum Teil in Mamsell Kallmorgens geliebtes Messingsch zurückzuübersetzen.

Dann machten wir uns mit Leo auf den Weg, der um die Insel führte. Er lief auf der Höhe, in der Nähe des Abhanges, mit dem der langgestreckte Hügel ringsum in den See abfiel, und war ordentlich gehalten, aber mit Gras, Erdbeerkraut und Waldblumen bewachsen, und die geringen Wagenspuren auf seinem festen Boden zeigten, wie selten er befahren wurde. Schmale, wenig betretene Steige führten zuweilen in das Innere des stellenweise fast undurchdringlichen Waldes oder liefen hier und da nach dem Ufervorland des Sees hinab, Steige, fast so schmal wie die Wechsel, die sich das Wild tritt oder der einsame Jäger auf seinen Waldgängen im Laufe der Jahre in das welke Laub wandert. Lana hatte, wie sie es gern tat, ihre Hand in meine geschoben, und ich dachte unwillkürlich, was ich schon öfter in solcher Lage gedacht hatte, wie gut es wäre, daß keiner der Comanchen sehen könne, wie ich mit einem so kleinen Mädchen Hand in Hand spazieren ginge, wie ein artiger, wohlerzogener Knabe aus dem Geschlechte der Köhnkes. Denn ihre neun Jahre und meine vierzehn, welch ein himmelweiter Abstand war das doch, und ich hörte deutlich den borstigen Igel: »P!« sagen und sah den zappelnden Wieting die Augen klein machen und den Mund zu einem listigen Pfeifen spitzen. Mir gefiel das aber trotz alledem sehr gut, und die Erinnerung an Paul und Virginie tauchte wieder auf. Zwar wuchsen hier keine Pampelmusen, Bananen, Granatäpfel, Paradiesfeigen und Ananas, und auch der wohlschmeckende Palmkohl gedieh hier nicht, aber einen Wald gab es doch, wie man ihn selten sieht, und eine Insel war es auch, so gut wie Isle de France, was mancherlei laubüberwölbte Ausblicke auf den blitzenden See und seine dämmernden Uferbuchten zur Genüge bewiesen. Ja, dieser Wald war wunderschön, obwohl ihn ein neuzeitlicher Forstmann mit trüben Empfindungen für eine stattliche Sammlung von Forstunkraut erklärt haben würde. Denn der breite Rücken dieses Inselhügels war bedeckt mit uralten, zum Teil schon überständigen Eichen, die aber sehr vereinzelt standen und unter und zwischen sich für ein Unterholz Raum boten von wilden Obstbäumen, die bisweilen bis in die Wipfel mit Heckenrosen überrankt waren wie Dornröschens Schloß. Weißdorn wuchs dort in riesengroßen Stämmen und uralter Holunder. Dort gab es ganze Horste von Haselnußbüschen, die aus dem gemeinsamen knorrigen Wurzelhügel eine Sammlung stattlicher Bäume emporgetrieben hatten, und alles Buschwerk, das sich im Walde als Unterholz wohlfühlt, wie wilder Schneeball, Pfaffenhütchen, Korneelkirsche, Kreuzdorn, Faulbaum und vieles andere, wucherte dort vergnüglich durcheinander, nur zuweilen hoch überragt von dem silbernen Stamm einer vereinzelten Riesenbuche, die den laubigen Wipfel noch über die uralten Eichen hinaustrug, oder dem stattlichen, düsteren Pyramidenbau einer einsamen Fichte. In diesem Walde wuchs eben, was wollte, nicht, was sollte. Zuweilen zeigten sich auch größere und kleinere Lichtungen, wo das Sonnenlicht in Strömen herniederging, wo kleine Himbeerwäldchen emporgeschossen waren und die Rispen des hohen Waldgrases und Glockenblumen nickten, wo an kahleren Stellen gewaltige Königskerzen die niederen Kräuter überragten und in der duftgewürzten Sonnenluft die Waldeinsamkeit unter Blumen schlief, während unzählige Schmetterlinge über sie hinschwankten.

Als wir nun so Hand in Hand dahingingen, sagte ich: »Wir sind nun Paul und Virginie, als sie den weiten Weg durch die wilden Wälder gemacht haben, um die entlaufene Sklavin bei dem bösen Pflanzer von Strafe frei zu bitten. Wir sind nun auf dem Rückweg, und weil wir die Sklavin, die den Weg kannte, nicht mehr bei uns haben, so werden wir uns bald verirren. Wenn du Hunger hast, so werde ich gleich auf indianische Weise ein Feuer entzünden und dir eine Palme fällen, deren Herz, der Palmkohl, köstlich schmeckt, sowohl roh, als in der heißen Asche gebraten.« »Ach, Hunger!« sagte Lana lachend. »Mamsell Kallmorgen!« Aber sie wußte nichts von Paul und Virginie, das hatte sie bei Fräulein Kiekebusch nicht gehabt. Das glaubte ich wohl und mußte ihr nun, so gut ich konnte, das zarte Idyll erzählen von den beiden Kindern zweier verarmter Witwen, die auf der paradiesischen Insel Isle de France miteinander aufwuchsen wie Bruder und Schwester und nur für einander lebten und sich sehr lieb hatten, je älter sie wurden, je mehr. Die kleine Geschichte ist sehr schwer zu erzählen, weil sie so viel Naturschilderung und Darstellung bloßer Zustände enthält und so wenig in ihr geschieht. Darum mußte das Abenteuer mit der entlaufenen Sklavin besonders herhalten und die Schilderung, wie Paul durch die geschickte Anpflanzung der köstlichsten Fruchtbäume und Blütenpflanzen die Umgebung der beiden ärmlichen Hütten in ein Paradies verwandelt, wie er Virginiens Lieblingsplätzchen an der Quelle bei den beiden Kokosbäumen ausschmückt und mit Singvögeln besiedelt, wie sie zusammen tanzten und sangen und biblische Geschichten aufführten und die Armen und Kranken liebreich mit dem Wenigen unterstützten, was ihre eigene Armut geben konnte. Den eigentlichen Erzähler der Geschichte, den guten alten Herrn, der die Eigentümlichkeit hat, alle Lieblingsplätze und bemerkenswerten Orte mit lateinischen Inschriften zu versehen, und die Aufgabe, den weltunerfahrenen Paul mit Worten der Weisheit zu belehren und zu trösten, als die erwachsene Virginie ihn und die Familien verlassen hat und nach Paris zu der reichen und vornehmen Großtante gegangen ist, konnten wir ganz gut entbehren, und ich hielt mich an die wenigen Tatsachen.

Als nun nach Jahren des Heimwehs und der Sehnsucht die unglückliche Virginie von der harten Großtante verstoßen und enterbt wird, weil sie den alten vornehmen Herrn nicht heiraten will, der ihr bestimmt worden ist, und sie gezwungen wird, zur ungünstigsten Jahreszeit nach Isle de France zurückzusegeln, da scheitert das Schiff schon fast im Hafen, im Angesichte aller ihrer Lieben, während Paul die verzweifeltsten Versuche macht, das Schiff zu erreichen und sie zu retten. Dann kommt die berühmte Szene, wo der herkulische Matrose, der seine Kleider schon abgeworfen hat, vor ihr kniet und sie anfleht, sich ebenfalls zu entkleiden, weil er sie nur dann retten könne. Sie aber verweigert es und bleibt als die letzte auf dem Schiff und versinkt, die Hand auf ihre Kleider gelegt und den Blick zum Himmel gerichtet. Paul und die beiden Mütter sterben dann nacheinander aus Gram, und nur der gute alte Herr bleibt übrig, um uns mitzuteilen, daß auch die böse Großtante in Gewissensqualen und geistiger Zerrüttung bald zugrunde gegangen ist.

Lana hörte die Geschichte, die ich viel weitläufiger erzählte, als ich hier wiedergeben kann, mit großer Aufmerksamkeit an, und ihre Augen füllten sich bei dem traurigen Ausgang mit Tränen, aber am Schlusse war sie von einer Empfindung erfüllt, die ich nicht erwartet hatte, sie war entrüstet, und zwar über Virginie, deren Handlungsweise ihrem unschuldigen Gemüt gänzlich unverständlich blieb. »Alle konnten sie glücklich werden«, rief sie, »und Paul konnte Virginie heiraten und die Mütter sich freuen, und nun mußten sie alle sterben um so was. O, es ist ja furchtbar dumm!« Und trocknete sich die Tränen ab und sah sehr entschieden aus und blieb bei ihrer Meinung, die ich auch nicht zu erschüttern versuchte, denn es war im Grunde meine eigene. Wie viele Tränen hatte mir dieser Vorgang schon gekostet, aber auch wie viele Stunden grübelnden Nachdenkens über seine Unnatur. Nur der Umstand, daß er den Höhepunkt einer so schönen und so berühmten Erzählung bildete, bewog mich, meine eigene Meinung zurückzudrängen und anzunehmen, daß mein allzu irdisches Gemüt zu grob sei, um die Empfindungen der Himmlischen zu fassen. Ich empfand damals wohl schon dunkel, daß die Scham, die niemandem angeboren, sondern künstlich anerzogen wird, ein Sprößling der Unnatur ist. Keine Himmelstochter ist sie, sondern ein Kind der Sünde. Als unsere Voreltern im Paradies das erste Unrecht begangen hatten, kam sie auf die Welt. Vor der Majestät des Todes aber ist sie ein Nichts, und wer lieber sterben und alle seine Lieben verderben lassen will, als von dieser Scheintugend zu lassen, der ist eigensüchtig wie ein Selbstmörder.

Das Südende der Insel, das am höchsten hervorragte, fiel ebenso steil zum See ab, wie überall, doch zeigte sich hier ein breiteres, wiesenartiges Vorland, am Wasser von Erlen und Weiden und einem Rohrgürtel begrenzt. Wir stiegen auf Lanas Wunsch dort hinab, denn die Schlangenwiese, sagte sie, müsse ich sehen. »Fürchtest du dich nicht vor Schlangen?« fragte ich. »Böse, die stechen, gibt es hier nicht; es sind solche mit goldenen Kronen«, sagte sie, »die tun keinem Menschen was. Großpapa mag sie gerne leiden und hat sie mir schon gezeigt, als ich ganz klein war. Ich bin nicht bange vor ihnen, aber wenn sie so durch das Gras rascheln, dann gruselt es mir doch ein bißchen den Rücken herunter. Die Leute sagen, sie haben einen König, der hat eine wirkliche Krone auf, mit einem Edelstein, und wer die bekommen kann, der wird der glücklichste Mensch auf Erden. Aber das ist nicht leicht, denn wenn man sie ihm wegnimmt, dann pfeift er alle anderen Schlangen zusammen, und die fallen dann über den Dieb her und stechen ihn tot. Aber das ist nur ein Märchen, und sie können ja auch gar nicht stechen.«

Wir gingen nun auf der halben Höhe des Berghanges entlang, der hier nur mit vereinzelten Büschen bewachsen war und im vollen Sonnenschein dalag. An solchen trockenen Hängen liegen die Ringelnattern gern zu einem Teller zusammengerollt, sich zu sonnen, und alle Augenblicke störten wir eins der Tiere durch unsere Schritte aus seiner beschaulichen Ruhe, so daß es sich, mit Beschleunigung den steilen Abhang hinabgleitend, in einem deckenden Busche verlor oder sich unten durch das Gras der Wiese langsamer davonschlängelte. »Gruselt es dir auch den Rücken herunter?« fragte Lana. Ich mußte das zugeben, denn obwohl ich gern im Gegensätze zu meinem Freunde Adolf, der einen unüberwindlichen, fast abergläubischen Abscheu vor ihnen hatte, den Schlangen nachging und es noch, heute gern tue, so rieselte mir doch immer ein angenehmes Grauen den Rücken herab, wenn sich zuerst das raschelnde Schlängeln der glatten Geschöpfe durch Gras und trockene Blätter wand.

Wir stiegen dann hinab zum See und gingen auf dem schmalen Sandstrand zwischen den Weiden und Erlen und dem Rohrgürtel bis zur Südspitze der Insel. Auf der Wiese störten wir ein Reh auf, das merkwürdigerweise nicht seine Zuflucht zum Walde nahm, sondern in mächtigen Fluchten durch das flache Wasser setzte und hinter den niederen Weidenbüschen eines Inselchens verschwand, das im Rohre lag. Dann kletterten wir zum Uhlenberg hinauf, denn so hieß diese höchste Hervorragung des langgestreckten Hügelrückens und hatte der ganzen Insel den Namen gegeben. Der Uhlenberg war bestanden mit uralten Eichen, die ihre Wipfel ineinanderschränkten und in ihrer dämmernden Halle keinem Unterholze mehr Sonne und Licht gewährten. Auf der höchsten Erhebung des Hügels lag in dem düsteren Gewölbe dieser Eichenhalle ein mächtiges Hünengrab, ein sogenanntes Riesenbett, ein gestrecktes Viereck aus rohen, gewaltigen Felsen, mit ungeheuern Decksteinen darüber, und in einiger Entfernung umgeben von einem Kreise einzelner, halb im Boden versunkener Steinblöcke, alles seit uralter Zeit in seiner ursprünglichen Lage und mit Moos und Flechten bewachsen. Lana sagte: »Hier liegt ein ganz furchtbar alter König aus der Heidenzeit begraben, sagt Großpapa, und dies ist sein Denkmal, aber niemand weiß seinen Namen. Der Späukenkieker aber sagt, hier spukt es ganz doll; er weiß wohl sechs verschiedene Geschichten, und eine ist immer noch graulicher als die andere.« Was gingen uns aber am Ende alte, begrabene Könige aus der Heidenzeit an, die schon ein paar tausend Jahre tot waren, und Späukenkiekergeschichten, an die wir nicht glaubten – wir kletterten vergnügt auf die alten Felsen hinauf, setzten uns auf einen der riesigen Decksteine und sahen aus der feierlich dämmernden Eichenhalle von dem uralten Denkmal des Namenlosen hinaus in die heitere, sonnige Welt.

»Zum ewigen Gedächtnis
Ward dieses Mal gefügt,
Doch niemand weiß zu sagen,
Wer dort begraben liegt!«

Hier, wo wir saßen, auf dem Felsentrümmerbau einer sagenhaften Vergangenheit, war es düster und still, nur in dem gründunklen Blätterdach, das auf schwarzen Riesensäulen stand, rauschte es sanft wie ferne Geisterchöre, und man vernahm das tiefe »Klong, klong« eines Kolkraben, der wohl hoch über den Wipfeln in der blauen Luft seine himmelhohen Kreise zog. Vor uns aber im hellen Sonnenschein, überwölbt von den Zweigen der alten Eichen, lag das Paradies meiner Kindheit. Hatten wir von der alten Blockhütte aus in Lanas Jugendland geschaut, so sahen wir hier in das meine. Voran lag, nur durch einen schmalen Kanal vom Uhlenberg getrennt, die flache, wiesenartige Fischerinsel mit ihrem Kranz von Erlen, Weidengebüsch und Rohr, weiterhin schwamm in der Blänke des Sees das hügelige Waldgebiet des Rosenwerders, unserer Robinsoninsel, und seitwärts von ihr, an der Endbucht, stieg Steinhusen mit dunklen Dächern und weißen Wänden zwischen dem Grün der Obstbäume zu den Linden des Friedhofes und dem alten Feldsteinkirchlein empor. Ich zeigte Lana alle bemerkenswerten Orte, die man von hier aus erkennen konnte, und machte dazu erläuternde historische Mitteilungen. Auch ein Stück vom Dache der alten Fischerhütte, die wir das Hexenhaus nannten, war von hier aus zu sehen; es ragte neben einer alten Weide hervor und war gegen früher etwas verändert. Die Stürme des letzten Herbstes mußten das alte Gerümpel wohl sehr mitgenommen haben, denn am First war es ziemlich zerfetzt, und unterhalb zeigte sich eine Lücke in der Rohreindeckung. Im ersten Augenblick war mir, als schaue daraus ein greuliches Affengesicht hervor, es war aber eine Täuschung, wie ich beim näheren Hinblicken sofort bemerkte. Lana freute sich ungemein auf die Wanderung durch das Gebiet unserer Abenteuer, die wir für morgen vorhatten, mir war aber etwas bänglich dabei zumute, denn sie versprach sich offenbar so viel davon, daß eine kleine Enttäuschung nicht ausbleiben konnte. Wir blieben dort noch eine ganze Weile, denn auf dem düsteren letzten Hause des alten Heidenkönigs saß es sich gut, um in die sonnige Sommerwelt zu schauen. Aus dem Walde hinter uns kam zuweilen ein harter, fremdartiger Schrei, wahrscheinlich von einem der wenigen übrig gebliebenen Papageien, die dort noch hausten, Spechte hämmerten fern und nah, und all die vielfachen rauhen und schrillen Töne der Waldeinsamkeit und einer von einer mannigfachen Vogelwelt belebten Seefläche mischten sich in das leise Sausen der Wipfel. Vor uns aber auf dem mit Buschwerk bestandenen sonnigen Abhang und in den ausgedehnten Rohrbreiten des Sees waren noch andere kleine Gesellen tätig, die nicht wie die Nachtigall und andere mit dem Ende des Frühlings verstummen, sondern oft noch bis tief in den Sommer hinein ihre zarten Lieder spinnen. Aus dem flüsternden Rohre, als sei das harte Rasseln und Rauschen seiner Halme Musik geworden, kam das endlose krause Geschwätz der Teichrohrsänger und das stammelnde Gezwitscher der Rohrammern, während der Schilfrohrsänger dazwischen seinen Flötentriller warf. Am Waldrand sang ein Rotkehlchen seine fragenden Strophen, aus den Erlen am Ufer kam die süß melancholisch abfallende Tonfolge des Fitis und das begnügsame Zilpzalp des Weidenlaubvogels, im Buschwerk des Abhanges flötete ein Schwarzköpfchen seinen jubelnden Überschlag, und noch manch anderes feines Stimmchen mischte sich in das bescheidene Konzert. Ich machte Lana aufmerksam auf all die Stimmen dieser kleinen Lyriker, deren jeder seine eigene besondere Weise hatte; sie hatte aber Mühe, mit ihrem ungeübten Ohre die bescheidenen Gesänge aus dem Chore herauszufinden. Am besten gefiel ihr das Schwarzköpfchen und der Zaunkönig, der plötzlich aus einem dichten Gestrüpp seine schmetternde Strophe dazwischenwarf wie einen Sonnenglanz, der durch eine Waldlücke bricht. »Vogel Bülows sind sie aber alle nicht,« sagte sie dann. Sie blieb ihrem auserwählten Liebling treu.

Nach einer Weile hallte der Donner eines Schusses den See entlang von Bucht zu Bucht und verlor sich mit dumpfem Gemurmel in der Ferne.

»Das ist schon Großpapas Abendschuß,« sagte Lana, »nun müssen wir nach Hause.«

So kehrten wir denn durch schönen Inselwald nach dem grün überrankten Schlößchen des alten Einsiedlers zurück.


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