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Vierundzwanzigstes Kapitel

Was für Edward noch betrübender war als all das Verhallen der Dudelsackklänge, war der Schall der Pauken und Trompeten der englischen Feindestruppen, der ihm von der Straße her entgegendrang. Er erkannte hieraus, daß sich die letzteren zwischen ihn und die hochländische Nachhut gedrängt hatten. Es blieb ihm also nichts andres übrig, als auf Umwegen zu den Freunden zu gelangen. Ein ausgetretner Fußpfad, der von der Heerstraße nach links zu führte, schien ihm hierzu benützbar, aber der Pfad war weich und lehmig, und bei dem nächtlichen Dunkel, das über der Gegend lag, war es sicher nicht ungefährlich, den Weg über die Moorwiese zu wagen. Aber er ließ solche Erwägungen nicht aufkommen, die Furcht, den Engländern in die Hände zu fallen, überwog alle andern Besorgnisse.

Nach einer Stunde Wegs erreichte er endlich ein Dörfchen. In der Dorfschenke herrschte muntrer Lärm. Er lauschte. Da drangen englische Flüche an sein Ohr, und schnell eilte er weiter, an einem kleinen Zaune hin, der ihm einige Deckung bot. Jetzt pries er die Finsternis, die ihn vor den Blicken der Soldaten schützte, die das Dorf besetzt hielten. Der Zaun führte nach einer Weile an einem Bauernhaus vorbei, in welchem, augenscheinlich verdeckt, noch ein trübes Licht brannte. Schon wollte er daran vorüberschleichen, als die Hand, die er vor sich hingestreckt hielt, um sich weiter zu tasten, von einer weichen Frauenhand ergriffen wurde. Gleichzeitig erklang flüsternd eine Stimme: »Edward, bist Dus?«

Da waltet doch ein Irrtum ob, dachte Waverley bei sich und wollte seine Hand aus der fremden befreien.

»Sei kein Narr, Edward, sonst kriegen Dich die Rotröcke auch noch, sie haben ja schon alles mit weggeschleppt, was an der Schenke vorbei gelaufen ist. Alles wird in ihre Transportwagen gesteckt und zur Festung geschafft. Komm herein und warte bei uns den Tag ab!«

Waverley glaubte nun, den Leuten trauen zu dürfen, und folgte dem Mädchen ins das Haus hinein. Aber kaum hatte sie ein Licht angezündet, um über den Flur in die Stube zu leuchten, als ihr vor Schreck, einen fremden Menschen vor sich zu sehen, das Licht aus der Hand fiel und sie angstvoll aufschrie: »Ach, Vater, Vater!«

Ein handfester Pächter, schon bei Jahren, kam auf den Ruf hin aus der Stube gerannt. Sein Anzug, die lederne Hose, die über den bloßen Beinen saß, und das Westmoreländer Staatsgewand, sein härenes Hemd, in dem er sich zeigte, und die nackten Beine ließen vermuten, daß er eben aus dem Bett gefahren war. In der Rechten schwang er ein Schüreisen als Waffe, das er vom Boden aufgerafft hatte.

»Mädel, was ist Dir denn?« fragte er barsch.

»Ach,« rief das arme Ding, vor Angst schier außer sich, »ich hab gedacht, Ned Williams seis, und nun ists einer von den Plaidleuten.«

»So? der Ned seis hast gedacht? Na, was hast denn zu solcher Nachtzeit mitm Ned zu schaffn?« fragte brummig der Pächter.

Auf diese Frage, die wahrscheinlich auch manch andres Persönchen femini generis aus dem Konzept gebracht hätte als solch schlichtes Dorfmädel, erfolgte keine Antwort, bloß Schluchzen wurde vernehmlich.

»Na, und Du, Kerl,« wandte der Pachter sich an Waverley, »Du wirsts wohl spitz gekriegt ham, daß die Rotröck das Dorf in Beschlag ham? he? die spalten Dir doch 'n Schädel wie 'ne Kohlrübe, wenn sie Dich erwischen!«

»Ich weiß, daß mein Leben in schwerer Bedrängnis ist,« erwiderte Waverley, »aber wenn Ihr mir helfen könnt, dann bitt ich drum, ich wills Euch reichlich lohnen. Ich bin kein Schotte, sondern ein Engländer, und durch allerhand unglückliche Umstände in solche Not geraten.«

»Magst du Schotte sein oder keiner,« versetzte der brave Pächter. »Ich gehör nit zu denen, die andre Leut noch mehr in die Patsche bringen. Aber lieber wärs mir schon, du wärst auf der andern Wandseite. Hier sind die Rotröcke jetzt obenauf. Gestern hats noch von Plaidmännern hier gewimmelt. Waren ganz fidele Kameraden, haben sich auch manierlich betragen und alles bezahlt, was sie verzehrt ham im Dorfe. Da war nichts zu tadeln, so wild sie auch aussahn. Aber ein alter, dürrer Kerl, der hat sie stramm in Räson gehalten, das muß man sagen. Eine Freude wars, das mit anzusehn.«

Er hieß die Tochter das Feuer schüren und ein Nachtlager herrichten. Inzwischen schob er den Tisch in einen Winkel, wohin der Feuerschein nicht reichte, dann legte er Brot und Schinken auf den Tisch und forderte Waverley auf, »derb einzuhauen«, indem er meinte, der Magen würde ihm wohl »verteufelt schief hängen nach solcher Affäre.«

Waverley ließ sich nicht nötigen. Er drückte dem wackern Manne warm die Hand. Die Tochter brachte auch einen Krug kräftigen Doppelbiers, das dem halbverdursteten Plaidmann trefflich mundete. Als sich Waverley gestärkt hatte, fragte der Pächter, was er nun anzufangen dächte, wenn die Nacht vorbei sei? »Das Gescheitste wär,« sagte er, »sich ordentlich auszuschlafen und dann zu warten, bis die Rotröcke sich verzogen hätten, was wohl im Lauf des Vormittags der Fall sein dürfte, dann je nach den Nachrichten, die man bekäme, zu versuchen, ob es noch möglich sei, sich zum Hochländertrupp durchzuschlagen.« Dann führte ihn der Mann zu einem zwar groben, aber reinlichen Bett, und Edward schlief ungewiegt ein.

Am Morgen verlautbarte, daß die Hochländer nach Penrith abgezogen seien, daß sie aber schon vor den Cumberlandtruppen nicht hätten stand halten können. Sie stünden noch in Carlisle, aber die ganze Gegend wimmle jetzt von britischen Soldaten, und an ein Durchkommen in dieser Richtung sei nicht mehr zu denken. Hierauf wurde der »rechte Edward« zu Rate gezogen, den das Mädchen am Morgen vor der Hütte getroffen hatte. Er meinte, das beste würde sein, wenn Edward Bauerntracht anlegte und zusammen mit ihm nach Ulswater hinüber marschierte zu seinen Eltern; dort würde er sicher bleiben können, bis es ruhiger im Lande geworden sei. Die zur Verkleidung notwendigen Sachen wurden bald beschafft. Edward gab der Pächterstochter, da der Vater nichts annehmen wollte, eine reichliche Entschädigung für Speise und Trank und für das Nachtquartier. Dann brach er nach herzlichem Abschiede mit Ned auf einem Seitenpfade auf über die Gefilde, die tags vorher der Schauplatz des blutigen Treffens gewesen waren. Ein kurzer Strahl der kalten, hellen Dezembersonne beleuchtete die düstre Heide. Leichen von Menschen und Pferden deckten sie, über denen schon das gewöhnliche Schlachtengefolge, Krähen, Habichte und Raben, sich zu sammeln anfing. Und da gedachte er des ehrgeizigen Freundes mit seinen hochfliegenden Plänen, der, sofern nicht alles trügte, hier ewige Ruhe gefunden hatte, und bei diesem letzten Gedanken traten ihm heiße Tränen in die Augen. »Hier also,« sprach er bei sich, »ist das alte Geschlecht der Vich-Ian-Vohr erloschen, hier auf dieser namenlosen Heide, in einem Nachtkampfe ist der Feuergeist erkaltet, der sich mit dem stolzen Gedanken trug, seinem angestammten Herrn den Weg zum Throne Englands zu bahnen? Hier fanden Ehrgeiz und Tapferkeit das Schicksal alles Sterblichen! Hier gingen alle Tränen zu Grabe, die Dein Herz erfüllten, nicht bloß für Deine, sondern auch für Deiner Schwester Zukunft, der einzigen, der wohl Deine Liebe gehörte, deren Geist, stolz und kühn, wie der Deine, gleichen Zielen zustrebte, der gleich Dir die dem Menschen gezognen Schranken zu eng waren!« Er sagte dem Begleiter, daß er einen kurzen Gang über die Heide machen wolle. Er konnte nicht anders. Es hielt ihn nicht, er mußte wissen, ob Vich-Ian-Vohrs Leiche den Platz deckte. Es drängte ihn unwiderstehlich hinaus. Hätte er, wenn Vich-Ian-Vohr unter den Leichen lag, vom Platze eilen können, ohne ihm die letzte Ehre zu erweisen? ... Sein Begleiter versteckte sich hinter einem Gebüsch und versprach zu warten. Hier unter der Landbevölkerung noch streng patriarchalischen Sinnes gab es keine Hyänen des Schlachtfelds, aber die Nachzügler des englischen Heeres hatten den Toten geraubt, was sie von Wert noch bei sich hatten. Etwa sechzig bis siebenzig Dragoner deckten das Schlachtfeld, verstreut an der Mauer, wo der Kampf am heißesten getobt hatte, verstreut über der moorigen Heide, wo die Kugeln der Hochländer sie erreicht hatten. Und dann kam er an das kleine Häuflein der Tapfern, die in ihren Plaids den Todesstreich erlitten, den letzten Kampf gekämpft hatten.... Aber den er suchte, fand Waverley nicht. Auf einer kleinen Bodenerhöhung sah er neben den Leichen von etwa einem halben Dutzend britischer Dragoner die Leiche Callum-Begs liegen, aber weder von Fergus, dem Häuptling, noch von Evan Mac Dhu, dem Fähnrich, war die geringste Spur! Sein Clan konnte die Leichen der beiden nicht hinweggenommen haben, das war ausgeschlossen, denn es konnten dem Gemetzel nur wenige entronnen sein; und daß es ihm gelungen sei zu fliehen, war ebenso wenig zu glauben, denn Waverley hatte ihn ja zuletzt noch inmitten feindlicher Haufen gesehen; also war er gefangen? gefangen mit seinem Fähnrich, dem getreuen Evan Mac Dhu? ... War die Prophezeiung des Bodach Glas in solcher Weise erfüllt worden? ...

Ein englisches Kommando trat in Sicht, das ein paar Bauern vor sich hertrieb, wahrscheinlich um sie zur Bestattung der Toten zu zwingen. Edward eilte, seinen Führer wieder zu erreichen, der voll Angst und Unruhe hinter seinem Busche lauerte. Der Weg bis zu dem Pachthof von Williams' Eltern in Ulswater war in Zeit von sechs Stunden ohne weitere Zwischenfälle zurückgelegt worden. Edward fand bei den Leuten freundliche Aufnahme. Er wurde für einen Vetter ausgegeben, der sich dem geistlichen Beruf widme, aber sich so lange hier aufhalten wolle, bis der Bürgerkrieg ausgetobt habe. Das war ein plausibler Vorwand, gegen den bei keinem der Leute im Dorfe ein Verdacht aufkam, und das war um so besser, als sich der Aufenthalt Waverleys infolge eines heftigen Schneesturms, der durch das Land fegte, um mehrere Tage länger erstreckte, als zuerst angenommen worden war. Als die Wege wieder gangbar geworden waren, erfuhr man, daß der Chevalier sich wieder nach Schottland ins Gebirge geflüchtet habe, daß der Herzog von Cumberland Carlisle belagere, und daß auf der östlichen Grenze der Marschall Wade mit einem starken Korps im Anmarsch begriffen sei.


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