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Neuntes Kapitel.
Die Kapellen-Insel

Es war am folgenden Tage. – Gräfin Wallburg hatte eben die Tafel aufgehoben, alles war aufgestanden, nur Bruno saß noch inmitten des Lärms der geschobenen Stühle, um sein letztes gefülltes Glas nicht im Stich zu lassen – die andern Gäste machten sich ihre wechselseitigen meist stummen Verbeugungen, die ein »Gesegnete Mahlzeit« bedeuten sollen, aber wie ein Glückwunsch, daß die harte Arbeit überstanden, aussehen. Diesen Augenblick benutzte Boto, um dem Baron Beltram zuzuraunen:

Gehen Sie allein in die Anlagen – erwarten Sie mich dort – nach dem Wasser hin!

Beltram nickte und es gelang ihm bald, sich seinen beiden Freunden zu entziehen. Er ging in den Garten zum Flusse hinab, und als er sich gewendet und halbwegs zurückgekommen, trat ihm Graf Boto entgegen.

Nun, lieber Sänger der tugendhaften Königin, die nackt durch die Straßen von Canterbury ritt, sagte er, welcher Erfolge können Sie sich rühmen … ich sah, wie Sie bei Tische Fräulein Morell förmlich mit den Augen verschlangen, aber Sie hatten nicht den Muth, auch nur ein einziges mal das Wort an sie zu richten.

Ich fand keine Gelegenheit, versetzte Beltram.

Sagen Sie lieber, Sie fanden den Muth nicht!

Den Muth nicht? Ah bah, gab Beltram spöttisch lachend zur Antwort – an Muth hat es mir bisjetzt bei Mädchen noch nicht gefehlt. Wüßte wahrhaftig nicht warum! Schlimmstenfalls ist's bei ihnen wie bei der Lotterie; man kann viel gewinnen, und wenn man verliert …

Bekommt man höchstens, fiel Boto ein, ein Weib im Zorn zu sehen, das ist immer sehr hübsch und viel amusanter als irgendeine andre Niete. Also Sie wollen das Abenteuer nicht fallen lassen und Ihr Glück verfolgen?

Freilich will ich das, sagte Beltram, bei meiner nackten Königin sei's geschworen; diese Anna Morell ist ein wundervolles Geschöpf; ich bin überzeugt, daß die Jugend von Canterbury, die hinter den Fenstergardinen herschielte, nichts gesehen hat, was auch nur entfernt an die Schulter- und Rückenlinie und die Büste dieser Gouvernante reichte, und dann diese …

Entflammen Sie Ihre Poetenphantasie nicht zu sehr, unterbrach ihn Boto; denken Sie lieber daran, daß Sie mit dem verliebten Anglotzen nichts gewinnen werden. Wenn Sie nicht ein wenig stürmischer zu Werke gehen, kommen Sie nicht weiter, und wer weiß, wie viel Zeit Ihnen bleibt. Prinz Günther sieht mir so aus, als wenn er diesmal von seinem Aufenthalt in Edern nicht so befriedigt wäre wie früher wohl; er kann jeden Augenblick den Einfall bekommen, aufzubrechen …

Pst – das wäre fatal!

Also: vorwärts, tapfer Don Diego, oder Don Juan, wenn Sie das lieber hören; gehen Sie ohne Umschweif und langes Augenverdrehen auf Ihr Ziel los; wenn Sie auf ein wenig Ziererei stoßen, so denken Sie an einen schönen englischen Vers von dem kleinen krummen Pope, den ich Ihnen sagen will:

Men some to business, some to pleasure take,
But every woman is at heart a rake

und machen die Probe, ob der Vers lügt!

Es ist nur so verzweifelt schwer, sie allein zu sehen, ungestört und unbeobachtet.

In der That, das mag Ihnen schwer werden. Aber es ist mir ein Mittel eingefallen …

Sie wissen Rath?

Ja – ich habe nachgedacht, wie ich Ihnen ein ganz ungestörtes tête-à-tête mit Fräulein Morell verschaffen kann, wobei Sie ihr ganz nach Herzenslust den Hof machen können, lieber Beltram, und das wie in einem wahren Turteltaubennest!

Vortrefflich! lachte Beltram auf. Sagen Sie es mir, wie, wann, wo …

Kommen Sie mit mir zum Flusse hinab, wir müssen eine kleine Kahnfahrt machen; ich will Sie auf den Schauplatz des Abenteuers bringen – aber wo ist Bertha? Bitte, gehen Sie zum Ufer und setzen Sie den leichtesten unserer Kähne zu einer Fahrt in Stand; ich komme sogleich nach, wenn ich Bertha gesprochen habe.

Boto eilte zurück, um seine jüngste Schwester aufzusuchen. Nach zehn Minuten kam er zufriedenen Gesichts an den Fluß, wo er Beltram in einem Nachen, auf ein leichtes Ruder gestützt, seiner harrend fand.

Boto stieg zu ihm in den Nachen, und beide ruderten nun den Fluß hinab. Nach einigen Windungen, die der Fluß an Ackerland und Wiesen hin machte, umfing sie der Wald. Erst eine Strecke, auf der rechts und links dichtes Erlen- und Weidengebüsch die Ufer bedeckte; danach kamen hohe Eichen- und Buchenstämme, deren Wipfel ihre Schatten über das Gewässer legten.

Nach einer Weile – sie mochten eine Viertelstunde von Haus Edern entfernt sein – zeigte Boto auf einen Wasserarm, der nach rechts hin sich von dem Flusse abzweigte.

Sehen Sie diesen Arm dort? Er zweigt sich hier ab, um vier- oder fünfhundert Schritte weiter unten in die Hauptströmung zurückzufließen.

Er bildet also eine Insel.

Ganz recht, eine kleine, dunkle, völlig abgeschlossene und dichtbewachsene Insel. Wir werden sie sogleich betreten.

Boto ließ den Nachen eine Strecke weiter gleiten, dann gab er ihm eine Wendung, und das Vordertheil stieß an eine flache Stelle des Ufers der Insel an.

Nehmen Sie die Kette und springen Sie hinaus!

Beltram that, wie ihm befohlen; er befestigte die Rette an einem in der Nähe des Wassers eingerammten Holzpflocke.

Unterdeß war Boto ihm gefolgt und schlug nun einen breiten Fußpfad ein, der sich durch das Gebüsch schlängelte. Der Pfad brachte die beiden Männer zu einem außerordentlich hübschen, malerischen Platze; ein fast runder Raum war von Unterholz frei; nur alte Eichen und ein Paar hoher, schlanker Fichten beschattete den moosigen Rasen, der ihn bedeckte, und am Ende desselben erhob sich eine alte, in Ruinen liegende Kapelle, deren vier Wände noch standen, während das Dach längst halb eingesunken, halb verschwunden war, der eine Flügel der Spitzbogenthür links in den Nesseln und Schirlingpflanzen lag, die am Fuße des alten Bauwerks wuchsen, und die moosbewachsenen Steine der Treppenstufen, schief übereinandergesunken, nur noch mit Mühe den Eingang erreichen ließen. Im Hintergrunde der Kapelle sah man einen alten, seines Schmucks entkleideten Altar. Rechts unter einer der alten Fichten war eine Steinbank angebracht; ihr gegenüber unter einer Eiche ein kleiner Herd aufgebaut.

Das ist ja reizend hier! rief Beltram aus. Einen romantischern Fleck kann man nicht finden!

Gewiß keinen, der besser zu einem Liebesabenteuer eingerichtet wäre. Daß die Ruine eine alte Grabkapelle ist – einer meiner Urgroßväter hatte die Marotte, sich hier begraben zu lassen, macht sie nur noch interessanter, und seitdem diente der Platz den einzelnen Generationen meiner erlauchten Familie zu stillen Rendezvous, kleinen Pickenicks, geheimen Abredungen und zum Ziele bei Wasserfahrten, im Herbste aber ausschließlich meinem theuern Vater zum Anfertigen von Dohnen, wobei er, wenn die Tage kühl sind, auf dem Herde dort Feuer macht. Ich gebe Ihnen diese Details, lieber Beltram, für den Fall, daß Sie Ihr zu erwartendes Abenteuer später besingen wollen; Sie haben dann das nöthige Detail zur geschmackvollen Ausmalung der Scenerie – mit dieser Ausmalung können Sie sich vorläufig auch die Zeit vertreiben, während Sie warten, bis die Ersehnte erscheint; es wird immer noch eine Stunde oder länger dauern.

Soll ich sie hier erwarten?

Das mögen Sie; wählen Sie sich einen Versteck dazu. Sie wird kommen und diese Jet-Kette vom Altar holen – Boto zog, bei diesen Worten eine große Halskette von schweren schwarzen Kugeln mit einem Kreuze daran aus der Tasche hervor – und damit wieder gehen; währenddeß bleiben Sie unsichtbar; dann wird sie noch einmal kommen – das ist der Augenblick für Sie, auf dieser romantischen Scene zu erscheinen!

Sie sagen das alles so spöttisch, Graf Boto!

Spöttisch? Sagen Sie lieber heiter – die Sache hat doch, wie Sie einräumen werden, mehr einen heitern als tragischen Charakter. Oder vermögen Sie, als echter Lyriker, alles nur tragisch zu nehmen?

Ad, gehen Sie mir mit der Lyrik! Ich denke viel an das dumme Versezeug! So etwas macht man an langen Winterabenden, die bodenlose Langeweile zur Rechten und Prinz Schnudi mit seinem Schafsgesichte zur Linken! Zu welchen Verirrungen könnte da das menschliche Gemüth nicht kommen! Jetzt aber bitte ich mir doch eine Erklärung aus, wie Sie Anna Morell hierher senden wollen?

Sie sollen die Erklärung haben.

Graf Boto ging in die Kapelle, um die Halskette auf den Altar zu legen. Als er zurückgekommen, gab er die gewünschte Erklärung und beruhigte Beltram's erwachenden Argwohn dadurch, daß er nochmals auf seine Andeutung zurückkam, weshalb ihm erwünscht sei, wenn Anna gewisse Beziehungen, die ihm lästig geworden, auf Beltram übertrage. Baron Beltram's Vorstellungen vom weiblichen Geschlecht waren eben der Art, daß er nur zu sehr geneigt war, allem, was Boto sagte, Glauben zu schenken, und also völlig beruhigt den jungen Grafen zu dessen Einschiffungsplatze zurückbegleitete.

Dann sah er, wie Boto in den Kahn sprang und zurückschiffte, und zog sich selber nach der Kapellenruine zurück, völlig beruhigt über die Loyalität Boto's bei der Angelegenheit, doch nicht völlig beruhigt über den Ausgang des Abenteuers. Anna Morell hatte ihm heute bei Tische, wo er sie mehr als sonst beobachtet, auch mehr als sonst imponirt; er konnte nicht umhin, sich zu gestehen, daß er sich in eine gewagte Unternehmung eingelassen, indem er willenlos, von Boto's bestimmtem Wesen beherrscht, ihm sofort hierher gefolgt war.

Beltram konnte nicht verkennen, daß es besser und klüger gewesen, wenn er sich erst noch einige Tage Zeit ausbedungen hätte, zu einer Art regelmäßiger Belagerung der Festung, welche er sich jetzt im Sturme erobern sollte. Auf der andern Seite war Beltram ein viel zu thörichter, von seiner Eitelkeit beherrschter und leichtsinniger Mensch, um zu kühler Ueberlegung der Unternehmung zu kommen, in welche man ihn mit so viel freundschaftlicher Förderung gebracht hatte.

 

Boto war unterdeß zurückgeschifft; als er an dem Landungsplatze von Haus Edern wieder angekommen, befestigte er den Kahn am Ufer, blieb aber in demselben sitzen, zog ein Buch aus der Tasche hervor und legte es neben sich auf die Bank im Kahne; dann schaute er mit untergeschlagenen Armen lange, wie harrend, den Weg hinauf, der zum Hause führte.

Er hatte lange zu harren. Zum Zeitvertreib nahm er einigemal das Buch auf und las eine Weile darin und legte es sodann, wie zum Lesen zu bewegt und beunruhigt, wieder an seine Stelle; und dann, nach einer halben Stunde etwa, griff er es hastig wieder auf und nahm die Stellung eines in seine Lektüre völlig vertieften Mannes an.

Es nahten Schritte vom Hause her, leichte, rasche Schritte, welche leise den Kies des durch die Anlagen sich schlängelnden Pfades erknirschen machten; und dann flatterten Frauengewänder, ein helles und ein dunkelgrünes, um die nächste Gebüschpartie – es waren Comtesse Bertha und ihre Gouvernante, welche so raschen Schrittes daherkamen.

Ach, Boto, du bist da! rief Comtesse Bertha wie mit großer Freude aus.

Boto, der anscheinend sehr ruhig seinen Blick von dem Buche erhoben und auf die Herankommenden geworfen hatte, versetzte:

Ich bin da, wie du siehst, liebe Bertha – ich habe eben eine kleine Kahnfahrt gemacht und wollte eine Stelle in diesem Buche zu Ende lesen.

Das ist prächtig, Boto! Du mußt uns gleich zur Inselkapelle rudern!

Zur Inselkapelle? Und weshalb? Wünscht Fräulein Morell sie zu sehen, so …

Nein, nein, fiel Bertha ein, ich habe Fräulein Morell nur gebeten, mich hinzubegleiten. Gestern Nachmittag, während Fräulein Morell spazieren ging, bin ich mit Edwine dagewesen, und da habe ich meine Jet-Kette auf dem Altar in der Kapelle liegen lassen. Ich hatte sie da niedergelegt, weil die Schnur gerissen war, und als wir nach einer Weile heimschifften, habe ich sie vergessen. Vorhin ist es mir eingefallen, und da habe ich Fräulein Morell gebeten, rasch mit mir hinzufahren, bevor die Mama nach der Kette fragt; du weißt, sie wird so unwillig, wenn man etwas vergißt. Aber es ist schön, daß du gerade im Kahne bist, du kannst uns hinrudern – bitte, bitte, lieber Boto, Fräulein Morell versteht es nicht gut – willst du uns hinrudern?

Gewiß, versetzte Boto ein wenig gedehnt, als wenn er über die Zumuthung eben nicht sehr erfreut gewesen.

Er hatte sich erhoben, um den beiden Damen die Hand zum Einsteigen zu geben; Bertha nahm sie und dann auch Anna. Anna war das halbe tête-à-tête mit Boto nicht sehr angenehm; aber sie sah ein, daß sie sich nicht zurückziehen konnte, ohne etwas sehr Auffälliges zu thun. So nahm sie schweigend ihren Platz im Kahne ein, während Comtesse Bertha die im Vordertheile an einem Haken befestigte Kette löste und aufs Ufer warf.

Was thust du? Das ist sehr ungeschickt! sagte Boto, die Ruder einsetzend. Ohne Kette können wir den Kahn an der Insel nicht festlegen!

Das ist ja auch nicht nöthig, versetzte Bertha, wenn du drin bleibst, während wir zur Kapelle gehen …

Boto ruderte schweigend weiter. Auch Anna schwieg, während Bertha, auf dem Vordertheil sitzend, mit der Hand im Wasser plätscherte und kleine Fische zu haschen suchte.

Nachdem man ein paar Windungen des Flusses zurückgelegt, sagte Boto:

Du thätest besser, Bertha, wenn du deinen unnützen Fischfang aufgäbest und hierher ans Ende kämst, um das Steuerruder zu führen, ich hätte dann mit dem Rudern weniger Arbeit!

Bertha sprang auf und ging durch den Kahn. In einem in Bewegung befindlichen Kahne zu gehen, hat immer einige Schwierigkeit; Bertha schwankte auf ihrem Gange, hielt sich an Anna's Schulter fest, als sie an dieser vorüber über die Bank stieg, auf welcher Anna saß, und fiel im nächsten Augenblick mit einem leisen Ausrufe des Schmerzes auf die zweite Bank nieder, auf welcher Boto saß, fast auf Boto's Schos.

Anna wandte sich. Ist dir etwas geschehen, du hast den Fuß verletzt, Bertha?

Bertha rieb ihren linken Knöchel.

Ich habe mir den Knöchel verstaucht! klagte sie. Es thut furchtbar weh!

Wenn es arg ist, wollen wir umkehren und Umschläge von kaltem Wasser machen, rieth Anna.

Warum nicht gar! fiel Boto ein. Der Schmerz wird schon vorübergehen – nimm das Steuerruder, Bertha!

Comtesse Bertha schien ihren Schmerz heroisch zu verbeißen und hinkte mühsam weiter, bis sie neben dem Steuerruder saß.

Anna fragte nach einer Weile, Bertha betheuerte, noch immer großen Schmerz zu haben.

Wir sind gleich angekommen, fiel Boto ein.

Sie waren in der That bereits tief im Walde, und nach einer Weile wandte sich die Spitze des Kahnes der Landestelle an der Insel zu.

Als das kleine Fahrzeug anstieß, sagte Bertha:

Ich würde keinen Schritt machen können mit meinem kranken Fuße; du mußt schon mit Fräulein Morell gehen und ihr die Kapelle zeigen, Boto!

Anna erröthete bei diesen Worten, welche ihr ein vollständiges Alleinsein mit Boto in Aussicht stellten; aber bevor sie ihren Wunsch, daß Boto allein gehen möge, während sie bei Bertha bleiben wolle, ausgesprochen, erwiderte Boto schon:

Ich muß im Kahne bleiben, weil du die Kette fortgeworfen hast; Fräulein Morell muß schon die Güte haben, allein zur Kapelle zu gehen – der Weg ist nicht zu verfehlen, Sie haben nur dem Fußsteige dort zu folgen.

Noch bevor Boto ihr hatte helfen können, verließ Anna beruhigt den Kahn und schlug den Fußsteig durch das Gebüsch ein, welchen man ihr gezeigt. Sie ging rasch voran, kam nach einigen hundert Schritten auf den stillen, romantischen Fleck, von dessen Schönheit sie höchlich überrascht wurde, und nachdem sie einen Augenblick gestanden, das malerische Bild in sich aufzunehmen, eilte sie weiter, über die versunkenen Treppenstufen in das Innere der alten Waldkapelle hinein. Auf dem Altar lag richtig die Jet-Kette Bertha's. Anna nahm sie an sich und kehrte nun damit eben so raschen Ganges, wie sie gekommen, zu dem Landeplatze am Flußufer zurück.

Als sie ankam, sah sie zu ihrer Ueberraschung den Kahn am jenseitigen Flußufer; Boto stand aufrecht darin; während Comtesse Bertha beschäftigt war, an ihren verstauchten Fuß die Chaussure wieder anzulegen, die sie abgezogen haben mußte.

Es ist uns, rief Boto, der sich an einem Erlenzweige festhielt, Anna zu, es ist uns etwas sehr Unangenehmes begegnet! Während Sie fort waren, habe ich Bertha's Fuß mit kaltem Wasser netzen wollen; unterdeß hat Bertha, der ich die Ruder zu halten gegeben, bei einem Anfall verstärkten Schmerzes die beiden Ruder fahren lassen – sie sind davongeschwommen, und damit hat alles Kahnfahren sein Ende erreicht!

Da bin ich ja gefangen auf meiner Insel! sagte Anna. Was wollen Sie thun?

Mich an diesem Ufer des Flusses, dem wir zugetrieben sind, mit Hülfe der Zweige hinaufarbeiten, bis ich eine Stelle gefunden habe, wo ich den Kahn so weit aufs Land zu ziehen vermag, daß er nicht mehr fortgetrieben werden kann! Dann will ich mit Bertha zu Lande nach Hause gehen und mit frischen Rudern zurückkehren, um Sie abzuholen, Fräulein Morell! Werden Sie so lange in Ihrer Gefangenschaft aushalten?

Wenn es unmöglich ist, mich zu erreichen …

Ohne Ruder ist es völlig unmöglich!

Was ist dann anderes zu thun? rief Anna aus. Wie weit haben Sie zu Lande bis Haus Edern?

Eine kleine Viertelstunde – also in eine Gefangenschaft von einer halben Stunde werden Sie sich fügen müssen!

Ich werde mich darein fügen, antwortete Anna sehr ruhig.

Eine halbe Stunde auf der reizenden Waldinsel verträumen zu müssen, war eine Aussicht, welche nichts Erschreckendes für sie hatte.

Boto arbeitete sich an den Zweigen flußaufwärts bis zu einer Stelle, wo er aus dem Fahne sprang und den Vordertheil desselben mit einigen kräftigen Rucken auf das Ufer zog, das hier flach und mit hohem Reithgras bewachsen war. Dann reichte er Bertha die Hand, um ihr aus dem Nachen zu helfen; als sie am Ufer stand, stützte sie sich auf seinen Arm und rief, zu Anna gewandt:

Wir werden eilen, soviel ich nur mit meinem kranken Fuß vermag!

Und darauf verschwanden beide in dem dichten Gebüsch auf der andern Seite des Flußufers.

Mit ihrem kranken Fuß wird sie nicht sehr eilen können, dachte Anna. Es wäre zweckmäßiger gewesen, Bertha wäre in dem Kahne zurückgeblieben und hätte Graf Boto allein nach den Rudern heimgehen lassen. Aber diese Leute sind nicht gewohnt, Rücksichten auf andere zu nehmen. Comtesse Bertha ist seltsam ungeschickt geworden, bald vergißt sie ihre Jet-Kette, bald verstaucht sie sich den Fuß und bald läßt sie die Ruder fahren – hätte ich die Aussicht, noch lange ihre Erziehung zu leiten, so würde ich mir vor allen Dingen vornehmen müssen, sie ein wenig umsichtiger zu machen.

Anna beschloß, die Zeit, welche sie auf der Waldinsel bleiben sollte, in der Nähe der romantischen Kapelle zuzubringen, und deshalb schlenderte sie langsam dahin zurück. Sie setzte sich auf die Steinbank unter der Fichte und bedauerte, während sie die alte Kapelle betrachtete, kein Papier und keinen Bleistift bei sich zu haben, um das kleine Waldbild mit seiner malerischen Staffage zu skizziren. Lässig lehnte sie sich dann an den Stamm der Fichte, die Hände in den Schos gelegt, die Augen halb wie müde geschlossen.

Anna war nicht müde, aber doch kam etwas wie die Träumerei eines Halbschlummers über sie – ein waches Träumen, in welchem sie sich nach Haus Gohr versetzte, das ja in dieser Richtung lag, und den alten Hausgeistlichen in seiner Noth um sein Testament und Dankmar in seinem Aerger über den erhaltenen Korb, beide wie leibhaft vor sich sah. Sie saßen unter der Veranda, und Dankmar trug auf seinen Zügen den ganzen Zornesausdruck eines Mannes, der, um eine verwegene Hoffnung wärmer, sich tödlich in seinem Ehrgeize und seinem Stolze verletzt fühlt.

Sie seufzte und öffnete die Augen wieder und richtete sich auf und machte mit der Spitze ihres Sonnenschirms Figuren in die schwarze Erde zu ihren Füßen, und es war ihr, als bedrücke sie etwas, als liege auf ihrem Gewissen eine kleine Last, gerade so, wie wenn man ahnt, daß man vielleicht doch jemand ein Unrecht zugefügt hat – jemand, der es doch vielleicht ehrlicher meinte und weit mehr aus seinem tiefsten Herzen heraussprach, als man glaubte und annahm damals, als er sprach und als man ihm weh that durch eine harte Antwort oder durch das Verweigern jeder Antwort. Anna malte sich dabei Dankmar's vor ihrer Phantasie stehende Züge aus, wie sie einen großen und wahren Schmerz aussprachen, und sah diese männlich schönen Züge durch diesen Ausdruck in einem wunderbaren Grade veredelt, und …

Sie wurde plötzlich aus diesem Gedankengange aufgeschreckt durch ein Geräusch, durch Schritte, durch eine Erscheinung, welche ihr in hohem Grade unangenehm war in dieser Waldeinsamkeit – durch die Gestalt Baron Beltram's, der hinter der Kapelle herkam und jetzt gerade auf sie zuschritt.

Fräulein Morell, sagte er, sie leichthin grüßend, welch überraschender Anblick für mich – Sie hier?

Woher kommen Sie, Baron Beltram? Wo ist Ihr Kahn? Es würde mir lieb sein, wenn ich ihn benutzen könnte …

Ich habe keinen Kahn, versetzte Beltram, sich neben Anna niederlassend; Herr von Burghaus hat mich hier ausgesetzt – ich soll hier lyrische Studien machen, sagte er, während er weiter hinab nach Haus Gohr geschifft ist, auf der Rückkehr wird er mich abholen. Wenn Sie also ohne Kahn hier sind, Fräulein Anna, so sind wir beide für den Augenblick – möge er recht lange währen! – von der übrigen Welt abgeschlossen und getrennt – allein auf einer Insel – es schadet nichts, daß sie nicht eine wüste Insel im Weltmeer ist, wir sind doch allein!

Diese Eröffnung des jungen Mannes, der sie kurzweg Fräulein Anna nannte und sich neben sie setzte, war ihr nichts weniger als beruhigend. Sie stand auf und sagte:

Ich werde von Graf Boto abgeholt; ich denke, er wird bald kommen, und will mich deshalb zum Landungsplatze begeben unterdeß wünsche ich Ihnen die besten lyrischen Inspirationen!

Mit einem fühlen Kopfnicken wollte sie sich von Beltram verabschieden und sich entfernen, als dieser lächelnd einfiel:

Halt, Fräulein Anna, eilen Sie nicht davon! Graf Boto's Beflissenheit, zu Ihnen zurückzukehren, ist nicht so groß, wie Sie glauben – ich könnte Ihnen Beweise davon geben und da ich Sie höchst unerwartet als Muse für meine lyrischen Entzückungen hier gefunden habe, wäre es sehr hart und unverantwortlich von Ihnen, wenn Sie mich so rasch wieder verließen! Seien Sie mir hold, schöne Anna, und ich werde Sie dafür in den begeistertsten und schwungvollsten Liedern feiern!

Sie werden bessere Gegenstände für Ihre Lieder finden, Baron Beltram, versetzte Anna kühl und stolz und wandte sich, um zu gehen.

Er erfaßte sie am Arme.

Fräulein Anna, rief er aus, glauben Sie, ein Dichter trenne sich so leicht von dem seligen Anblicke seiner Muse – er lasse so rasch die holdeste, beglückendste Erscheinung, welche ihm im Leben werden kann, auf ihren himmlischen Schwingen davoneilen, zurück in ihre ewigen Wohnungen? Nein, nein, wenn er einmal den Saum ihres Gewandes flattern gesehen, so hält er es fest, so will er, daß sie ihm die Stunde der Begeisterung weihe, er will sie ganz sein nennen, er will trunken werden von ihrem Kusse …

Ich bitte, Herr von Beltram, mit diesem blödsinnigen Gerede von Ihrer Muse aufzuhören! fiel Anna, erbleichend und mit einer Kraftanstrengung ihren Arm befreiend, ein. Ich bin Ihre Muse nicht und ich befehle Ihnen, mich gehen zu lassen!

Nicht eher sollen Sie gehen, rief Beltram, ihr in den Weg tretend, aus, als bis Sie mich angehört haben, Sie stolze, spröde, hochmüthige Schönheit! Ich habe es Ihnen gesagt, denken Sie nicht mehr an Boto, er ist Ihrer nicht würdig, er verläßt Sie, und ich, ich glühe von einem namenlosen Feuer für Sie – ich gäbe meine ganze Seele, mein Leben für Sie hin, ich glühe in einem Feuer der Leidenschaft für Sie, das ein Weib gar nicht ermißt! Um Sie zu besitzen, könnte ich kämpfen mit allen Drachen der Fabel und allen Teufeln der Wirklichkeit – o Anna, Anna, erhören Sie mich, oder …

Anna war bei diesen Worten, die Beltram mit einem von seiner Leidenschaft entstellten Gesichte, mit einem Ausdrucke von Glut, von Drohung und von Wildheit ausströmte, im höchsten Grade erschrocken. Das Bewußtsein, mit dem Menschen, der ihr in diesem Augenblicke wie ein Verrückter vorkam, auf der kleinen Waldinsel. allein und völlig abgeschlossen von jeder Hülfe, von jeder Möglichkeit der Flucht zu sein, nahm ihr fast die Geistesgegenwart.

Hören Sie auf, so zu reden, und lassen Sie mir den Weg frei! sagte sie mit zitternder Lippe und einem so gebieterischen Tone, wie sie ihn bei ihrer Athemlosigkeit aus der hochwogenden Brust hervorzubringen vermochte.

Sie lassen? Nimmermehr! Eher mein Leben!

Gehen Sie, oder Sie werden es zu bereuen haben!

Zu bereuen? lachte Beltram auf. Womit könnten Sie mich bedrohen? Zeigen Sie mir einen Scheiterhaufen, den man für mich aufbaut, ich würde nicht anders können, als Sie lieben, Sie besitzen wollen! Aber ich will Frieden mit Ihnen schließen – geben Sie mir das Versprechen, daß Sie mich ruhig anhören wollen …

Während Beltram so sprach, fragte sich Anna entsetzt, ob es denn gar kein Mittel gebe, dem tollen Menschen zu entfliehen. Sie wandte sich, es kam ihr der Gedanke, daß nach der andern Seite, nach der hinter der Kapelle, vielleicht ein Entkommen möglich sei. Sie hatte den Wasserarm, der dort die Insel einschließen sollte, ja gar noch nicht gesehen, vielleicht war er nicht so breit, so tief, daß er sich nicht überspringen ließ. Dem Impulse folgend, eilte sie davon, dem Pfade nach, der gerade vor ihr um die Kapelle herum durchs Gebüsch nach der andern Seite der kleinen Insel führte. Sie lief und hörte hinter sich Beltram, rufend, Worte murmelnd, die wie Verwünschungen klangen, bis sie nach kurzer Frist am Ende dieses Fußsteiges angekommen war, am Rande des Flußarms, der gerade so breit war wie der auf der andern Seite, eine schattig dunkle Flut über einem nach allem Anscheine tiefen Grunde.

Beltram stand im nächsten Augenblicke dicht hinter ihr, sie fühlte seinen Odem in ihrem Nacken, sie fühlte seine Hand auf ihrer Schulter, seinen Arm sich fest um sie schlingend.

Halt, stolzer Schatz, rief er aus, du läufst davon und willst mich nicht hören – aber du sollst, du sollst, ich lass dich nicht! Du sollst mich lieben, schönes, sprödes, wildes Weib, du sollst mir gehören, du sollst gebändigt werden und kostete es mich mein Leben …

Er riß sie gewaltsam an sich, während Anna, um ihre Freiheit mit ihm ringend, laut zu rufen begann:

Hülfe, Hülfe! Wenn Sie mich nicht lassen, springe ich in das Wasser hinab!

Er lachte wild und höhnisch auf – sein Arm preßte sich um ihre Hüfte, seine Hand hatte ihre Schulter umklammert seine Lippen glühten auf ihrer Wange da, im selben Augenblicke blitzte etwas auf – es fiel ein Schuß, nahe, ganz nahe, weithin verhallend unter den hohen Bäumen jenseit des Wassers. Anna fühlte zugleich, wie die Hand Beltram's, welche sich um ihren Oberarm geklammert hatte, nachließ: wie ein Zittern durch seinen Körper flog – er wankte zurück, und die Worte ausstoßend: Gott sei mir gnädig, ich bin getroffen! – tastete er mit den Händen hinter sich und sank auf den Boden.

Anna blickte wild, einer Ohnmacht nahe, um sich. An der andern Seite des Flusses, unter den Eichen, stand Dankmar von Gohr, die Büchse in der Hand, aus deren Mündung ein leichter Dampf emporzog. Sein zornentflammtes Gesicht hatte eine merkwürdige, wilde, erschreckende Schönheit, die Schönheit eines zürnenden, mit dem Blitzstrahle treffenden Gottes.

Um des Himmels willen, was haben Sie gethan? rief Anna athemlos hinüber.

Sie befreit – ich kam im rechten Augenblicke! Ich denke, der Mensch da ist bestraft! Gehen Sie jetzt und überlassen Sie alles mir!

Wie kann ich gehen – soll ich ihn hier allein sterben lassen?

Dankmar war jenseits näher herangekommen, sodaß er jetzt der Stelle, wo Anna sich befand, gerade gegenüber am Wasser stand.

Sie werden drüben einen Kahn haben! rief er aus. Kommen Sie damit dort um das nähere, obere Ende der Insel herum und holen mich hinüber; ich will dann schon für den Menschen sorgen – Sie gehen unterdeß zu Lande heim, Ihr Name soll bei der ganzen Sache nicht genannt werden – Sie könnten an dieser Seite des Flusses heimgehen …

Aber ich habe ja keinen Kahn.

Sie haben keinen?

Nein! versetzte Anna, indem sie neben Beltram niederkniete, der, ächzend und leise Schmerzensschreie ausstoßend, mit der rechten Hand seine linke Seite hielt, während ihm ein Blutstrom durch die Finger quoll. Sie tauchte mit zitternden Händen ihr Tuch in den Fluß und legte es auf die Gegend der Wunde und riß Beltram das Halstuch ab, um es, ebenfalls in Wasser getaucht, daraufzulegen.

Ich sterbe, ich sterbe, um Ihretwillen! knirschte Beltram vor Schmerz und Wuth mit den Zähnen.

O mein Gott, käme doch nur Boto! rief Anna, die Hände ringend und in einem verzweiflungsvollen Gefühle vollständiger Hülfslosigkeit und Ohnmacht aus.

Der kommt fürs erste nicht! ächzte Beltram.

Fräulein Morell, rief jetzt Dankmar wieder herüber, gehen Sie weg von dort! Ich bitte Sie, gehen Sie an den gewöhnlichen Landeplatz, warten Sie dort, bis man Sie holt – ich werde hindurchwaten, schwimmen, wenn's nöthig ist, und sehen, was für den Verwundeten zu thun ist; überlassen Sie das mir, gehen Sie! Anna blickte ihn an, unschlüssig, ob sie seinen gebieterisch gesprochenen Worten gehorchen solle, als sie plötzlich ein Geräusch vernahm.

O, mein Gott, da ist Graf Boto man kommt! rief sie laut und erleichtert aus.

In der That, rasche Schritte kamen auf dem Fußwege daher, die Zweige, welche sich über den Pfad streckten, raschelten und knickten – im nächsten Augenblicke kam Graf Boto mit einem Gesichte, auf welchem sich die höchste Spannung malte, aus dem Gebüsche hervorgeeilt.

Gott steh' uns bei was ist hier vorgefallen? rief er aus. Was ist mit Beltram – es fiel ein Schuß …

Der Schuß fiel aus meiner Büchse, lieber Boto! rief Dankmar herüber. Fragen Sie nicht, wie das kam – eilen Sie, mit Ihrem Nachen herzukommen und den Verwundeten darin nach Edern zu schaffen – das muß ohne Zeitverlust geschehen! Erklärungen will ich Ihnen später geben …

Boto blickte schreckensbleich Dankmar an, dann auf den Verwundeten, der sich mit der linken aufzurichten versuchte und matt zurücksank.

Bringen Sie mich fort, fort, wo ich verbunden werden kann, ich verblute sonst! stammelte er leise. Holen Sie den Kahn, ich kann nicht gehen bis zu ihm!

Es war freilich das Dringlichste. Boto blickte noch einmal auf Dankmar und die todtenblasse Anna und sagte dann, sich zum Forteilen wendend:

Ich will den Kahn holen; halten Sie das Wasser auf der Wunde frisch, Fräulein Anna.

Damit verschwand er wieder.

Anna erneuerte das Wasser auf der Wunde, aus der noch immer das Blut hervorströmte, während Beltram bleicher und bleicher wurde und immer schwerer aufstöhnte.

Dankmar hatte sich drüben an einen Stamm gelehnt und sah mit düstern Blicken auf die Gruppe, der er nicht zur Hülfe kommen konnte.

Schon nach wenigen Augenblicken hörte man das Plätschern von Rudern; noch ein paar Minuten vergingen, und der Kahn wurde sichtbar; mit raschen Schlägen trieb Boto ihn vorwärts – bald war er zur Stelle.

Jetzt holen Sie zuerst mich herüber, rief Dankmar; Sie bedürfen meiner, um den Verwundeten in den Kahn zu schaffen – allein vermögen Sie das nicht.

Sie haben recht, versetzte Boto und gab dem Kahne eine Wendung, daß sein Vordertheil bald nachher an dem Ufer drüben anstieß, wo Dankmar sich befand.

Dieser sprang hinein: ein paar Ruderschläge brachten das leichte Fahrzeug wieder zurück über das Gewässer. Boto warf Anna die Kette zu, und gleich darauf lag der Kahn am Lande.

Die Männer verließen ihn und nahten sich jetzt Beltram. Boto bat Dankmar, den Verwundeten ein wenig aufzurichten; dann riß er Rock und Weste desselben zurück, ließ Anna's Tuch von dieser noch einmal mit Wasser durchtränken und legte es wieder auf die Wunde; darauf schlang er das Halstuch Beltram's um dessen Oberkörper, sodaß etwas wie ein fester Verband hergestellt wurde, und nachdem dies geschehen, sagte er:

Jetzt helfen Sie mir ihn aufheben; fassen Sie ihn unter den Schultern – Fräulein Anna, setzen Sie sich ans hintere Ende des Kahnes – wir müssen seinen Kopf in Ihren Schos legen.

Anna gehorchte willig; die beiden jungen Männer trugen ihre Last so behutsam und sanft, wie sie konnten, in den Nachen, auf dessen Breterboden sie sie niederlegten, sodaß Beltram's Oberkörper an Anna's Knien aufgerichtet blieb.

Und nun die Ruder eingesetzt, sagte Dankmar, eins derselben ergreifend, während Boto die Kette löste und dann kam, das andere zu nehmen.

Der Kahn schoß bald wie ein Pfeil dahin. Boto und Dankmar saßen, Anna den Rüden zuwendend, nebeneinander.

Die Kugel ist durch die Brust, durch den linken Lungenflügel gegangen, flüsterte Boto leise – er wird nicht lange mehr zu leben haben.

Ich fürchte, versetzte Dankmar seufzend und in demselben Ton.

Wie kamen Sie dahin, wie kamen Sie dazu? fuhr Boto fort – sprechen Sie um Gottes willen jetzt!

Ich kam dahin, weil ich ins Holz gegangen war, irgendein Wild zu schießen. Ich fand ein wildes Thier und schoß darauf. Fragen Sie mich nichts mehr, solange Fräulein Morell uns hören kann.

Ich bin zu spät gekommen! murmelte Boto ingrimmig für sich hin.

Der Rest des Wegs wurde schweigend zurückgelegt.

Nur Beltram's schweres Athmen und sein Schmerzgestöhn wurde zuweilen, wenn die Ruder aussetzten, hörbar. Seine Kräfte waren offenbar im raschen Schwinden begriffen. Die beiden jungen Männer konnten sich nicht sagen, daß viel daran liege, ob der Verwundete einige Minuten früher oder später unter Dach und Fach und zu ärztlicher Hülfe komme; und doch ruderten sie mit einer Kraftanstrengung, als ob sein Leben allein davon abhinge.

So kamen sie nach sehr kurzer Zeit an dem Landeplatze in den Anlagen von Haus Edern an. Boto erhob sich, und nachdem er den Kahn am Ufer befestigt, lief er mit den Worten davon:

Ich will jetzt nur eilen, uns zu dem Transport ins Haus Hülfe herbeizuholen und zu sorgen, daß ein Diener zu Pferde zum Arzte sprengt.

Dankmar wandte sich jetzt zu Anna.

Wenn der Verwundete ins Haus geschafft und wohl aufgehoben ist, möchte ich Sie um die Gunst bitten, Fräulein Morell, einige Worte mit Ihnen sprechen zu dürfen.

Ich wollte Sie um dasselbe bitten, versetzte sie, ihn groß und ernst ansehend. Es ist durchaus nöthig, daß wir unsere Aussagen über den Vorfall in Einklang machen. Sobald ich mich umgekleidet haben werde, werde ich in den Pavillon in der Anlage kommen.

Den ersten Fragen gegenüber werden Sie mit mir einverstanden sein, daß die Sache als ein Jagdunglück, eine unverzeihliche Unvorsichtigkeit von mir bezeichnet werde, fuhr Dankmar fort.

Ich bin ganz damit einverstanden, entgegnete Anna, wenn Sie es so darstellen wollen. Ich selbst werde mich aller Antworten auf Fragen fürs erste enthalten – es ist also ganz Ihnen überlassen, was Sie erklären wollen.

Eine stumme Pause folgte, die nur von Beltram's Verlangen nach Wasser unterbrochen wurde. Anna tröpfelte mit der Hand aus dem Flusse Wasser auf seine blauen Lippen. Dann hörte man Schritte mehrere Diener kamen herbei, hinter ihnen Boto, dessen Aufregung in hohem Grade gewachsen schien, seit er Haus Edern erreicht. Er gab laut nach allen Seiten hin Befehle; er war der erste wieder im Kahne und mühte sich mit bald bleichem, bald hochaufflammendem Gesicht bei der Ausschiffung des Verwundeten; er eilte dann den Trägern wieder vorauf, rief nach der Gräfin, nach dem Prinzen; er schien jetzt, nachdem er so lange die kühlste Ruhe behauptet, ganz aus dem Gleichgewichte gekommen.

Die Diener, welche Beltram aufgenommen, schritten langsam mit ihrer Last davon; Anna folgte ihnen – Alles verschwand im Innern des Schlosses – nur Dankmar blieb zurück.

Er wandelte dem Pavillon zu und war froh, ihn ganz verlassen zu finden. Müde ließ er sich nieder, verschränkte die Arme über der Brust und starrte festen, düstern Blicks auf die Gebüsche vor ihm.

Er war in einer schwer zu beschreibenden Gemüthsstimmung. Was hatte er gethan! Er hatte, vom Gefühl eines unseligen Augenblicks beherrscht, einen Menschen getödtet – dieser Beltram war ja bereits so gut wie todt, schien es! War er, Dankmar, nun ein Mörder? War einem Verbrecher so zu Muthe? Er fühlte eine schwere Last auf sich liegen. Er bereute auch seine That – er hätte nicht gleich zum Aeußersten zu greifen brauchen – vielleicht hätte schon ein bloßer Ruf, eine bloße Drohung Anna von dem wahnsinnigen Menschen befreit.

Er hätte sich in den Fluß stürzen und hinüberschwimmen können. Aber der erste Impuls, das Auflodern furchtbaren Zorns, grenzenloser Empörung bei dem Anblick der Scene, deren Zeuge er geworden, war zu mächtig in ihm gewesen, hatte kein Nachdenken, feine Ueberlegung in ihm aufkommen lassen. Es war ein Unglück gewesen, daß er die Büchse mit der verderblichen Ladung, mit dem gespannten Hahn in seiner Hand gehabt. Er konnte sich auch nicht sagen, daß er Beltram blos habe schrecken, blos verwunden wollen – die Noth, in welcher er Anna erblickte, hatte alles andere in ihm unterdrückt als den blitzähnlichen Entschluß, sie augenblicklich zu befreien, zu rächen – er war dabei seiner Sinne nicht mächtig gewesen, nur seiner festen Hand, seines sichern Schützenauges.

Als Mörder aber fühlte er sich nicht; das Bewußtsein eines Verbrechers war nicht in ihm. Ja, wenn er sie auch bereute, die zu rasche That, er gestand sich doch, daß er sie wieder begehen würde, wenn alles sich noch einmal ereignen würde!

Aber was sollte geschehen jetzt? Sollte er sich den Gerichten ausliefern? Hätte er bloß seinem Gefühl folgen dürfen, er hätte es gethan. Es schien ihm das Einfachste, Männlichste, Beste. Aber welche Untersuchung würde gefolgt sein; welch herzbrechender Jammer für den armen Prinzen und welch vernichtende Schmach für sein Institut; welche Scenen für Anna, welche entsetzliche Lage für ein junges Mädchen, das in einer solchen Angelegenheit als Zeugin vor einem Geschworenengerichte, vor einem großen rohen Zuschauerhaufen auftreten sollte!

Das war das Furchtbarste von allem bei der Sache, das, was Dankmar am schwersten betraf, als seine Gedanken bis zu dieser Folge seiner That gelangt waren; das, was ihn allein bei der unglücklichen Lage der Dinge wahrhaft zu Boden drückte.

Dankmar kam über diesen Gedanken nicht hinweg. Dieses Eine lähmte jede Fähigkeit eines raschen Entschlusses in ihm. Er wollte harren, bis Anna käme und ihm ihre Ansicht der Dinge mittheile; er wollte sie anhören und mit ihr erörtern, welche Hoffnung es gäbe, dem Schlimmsten zu entgehen. Es mußte ja in aller Interesse liegen: in dem der Familie Edern, des Prinzen, Beltram's zumeist, eine öffentliche Verhandlung der Sache aus allen Kräften zu vermeiden.

Mochte ihn sein Ehrgefühl, jede Faser von Ritterlichkeit, welche er in sich hatte, drängen, seine That vor aller Welt zu gestehen, zu vertheidigen, allen Folgen derselben kühn die Stirn zu bieten – die Rücksicht auf Anna's Gefühle stand ihm höher – er opferte ihr willig und ohne jeglichen Kampf alle und jede Befriedigung seines eigenen Selbst auf.

Er hatte lange zu harren, bis Anna kam. Gewiß eine halbe Stunde oder noch länger. Endlich erschien sie, raschen Schrittes, mit bewegten Zügen; so ging sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

Es ist vielleicht unrecht – vielleicht sollte ich anders gegen Sie fühlen, sagte sie. Aber mein Gefühl drängt mich, Ihnen die Hand zu reichen. Vielleicht nennt die Welt Sie einen Verbrecher. Aber Sie haben sich in das Entsetzliche gestürzt um meinetwillen. Ich fühle, daß ich kein Recht habe, einen Mörder in Ihnen zu sehen, sondern daß zwischen uns ein Band, eine Verpflichtung, eine Pflicht der Dankbarkeit ist.

Das rührt mich tief, antwortete Dankmar; aber ich habe nicht blos mich, ich habe auch Sie in Entsetzliches gestürzt, setze er leise und mit traurigem Ton hinzu – und das ist für mich weit mehr ein Grund der Verzweiflung, als wenn die Welt mich einen Mörder nennt!

Setzen Sie sich wieder und lassen Sie uns ruhig reden, antwortete Anna, in einem der Gartenstühle Platz nehmend – lassen Sie uns sehen, wie jenes Entsetzliche, auf das Sie deuten, von mir abgewendet werden kann. Zuerst verlange ich von Ihnen, daß Sie ganz und durchaus wahr gegen mich seien – o gewiß, Sie werden es sein, Sie werden in dieser Stunde nicht mich täuschen wollen!

Ich Sie täuschen wollen? Ich schwöre Ihnen, wäre ich von je ein Lügner gewesen, mir wäre Ihnen gegenüber die Wahrheit das Höchste und Heiligste geworden!

Wohl denn so sagen Sie mir offen: wer hat Ihnen, wer hat allen Menschen hier gesagt, ich sei nicht, was ich scheine, ich sei nicht eine verlassene, arme, blos auf ihre Kräfte angewiesene Lehrerin …?

Wer mir das gesagt? fiel Dankmar überrascht ein – niemand hat es gesagt – sind Sie denn nicht, was Sie scheinen?

Dankmar sprach das mit dem vollsten Tone der Aufrichtigkeit. Anna's Auge lag forschend auf ihm; dann senkte sie es, ohne zu antworten.

Sprechen Sie wie kommen Sie zu der Frage?

Sie reichte ihm die Hand und sagte stockend:

Vergeben Sie mir ein Unrecht, das ich Ihnen gethan! Ich glaube, ich vertraue Ihnen jetzt! Wohl denn, fuhr sie fort – niemand hat es Ihnen gesagt, und ich bin, was ich scheine. Trotzdem, daß ich eine arme Lehrerin bin, haben Sie gestern um mich geworben – wir müssen offen sein in dieser Stunde, Herr von Gohr, und ich werde offen auf die Gefahr hin, daß Sie mich unweiblich finden …

Ich habe um Sie geworben, und ich durfte um Sie werben, fiel Dankmar ein – mein Gefühl für Sie ist so aufrichtig, innig und stark, daß es mir das Recht gab, um Sie zu werben – von dem Augenblicke an, wo Sie diese Werbung kalt, oder soll ich sagen zornig? aufnahmen, ist dieses Gefühl zu einer so tiefen und unseligen Leidenschaft geworden – Sie haben gesehen, daß diese Leidenschaft stark genug ist, mich um Ihretwillen …

Sie hören auf, sagte Anna, und ich danke Ihnen dafür, daß Sie aufhören; denn was Sie zu sagen im Begriffe waren, wäre nicht ritterlich gegen mich gewesen, nicht edel!

Sie haben recht, was ich sagen wollte, hätte ausgesehen, als wolle ich Ihnen einen Theil der Schuld aufbürden, die ganz allein die meine ist, als wollte ich Sie verstricken in etwas, an dem Sie keinen Theil haben.

Lassen wir es, lassen wir das alles, fuhr Anna, ihn unterbrechend, rasch fort; wir müssen handeln, und es bleibt wenig Zeit zum Reden. Sie sagen mir von Ihrer Leidenschaft. Ich antworte Ihnen nur darauf, daß ich auf eine so schnellentflammte Leidenschaft, die auf keine nähere und vertrautere Kenntniß der Charaktere gebaut, durch gar nichts erprobt ist und für ihre Dauer und Tiefe nicht die geringste Bürgschaft gibt, niemals hören, mich nie durch sie gewinnen lassen würde. Und um Ihnen alles zu sagen, ich sehe nur eine Beleidigung in einem so raschen, plötzlichen Werben – den beleidigenden Hochmuth und die Eitelkeit eines Mannes, der uns ohne Besonnenheit und Ueberlegung glaubt …

Aber wie ist es möglich, eine Beleidigung darin zu sehen, wenn ein Mann sich von seinem Gefühle dazu hinreißen läßt, nicht zu rechnen, nicht zu überlegen? Ließe die Heftigkeit seines Gefühls, der stürmische Drang seiner Neigung ihn zum Rechnen kommen, so würde er sich freilich sagen: Du bist ein Thor, sie gewinnen zu wollen, ohne ihr bewiesen zu haben, daß du ihrer würdig, ohne ihr Bürgschaften deiner nicht zu erschütternden Treue und Garantien ihres Glücks gegeben zu haben.

O, die Männer wissen so gut zu rechnen! sagte Anna fast traurig. Aber streiten wir nicht darüber – Sie sagen mir von Ihrer Neigung, und ich, ich verlange ein großes, ein furchtbares Opfer von dieser Neigung!

Reden Sie, Fräulein Morell, Sie werden sehen, daß diese Neigung zu jedem Opfer bereit ist!

Nun wohl, das Opfer, welches ich von Ihnen verlange, ist, daß Sie fliehen, daß Sie Ihre Schwester, Ihre Heimat, all Ihre Verhältnisse verlassen und in die Fremde ziehen; daß Sie dem trauten heimatlichen Herde den Rücken wenden und den Schmerz Ihrer Schwester nicht achten, daß Sie fliehen, vielleicht auf lange Zeit, auf Jahre…

Das Opfer ist groß, aber ich werde es Ihnen bringen, Anna …

Hören Sie zuerst meine Gründe an, weshalb ich dieses Opfer verlange.

Reden Sie.

Beltram wird wahrscheinlich sterben. Wer drinnen die Wunde, welche Ihre verhängnißvolle Kugel verursacht hat, sah, ist der Ansicht, daß sie tödlich sei. Einer Untersuchung ist dann nicht auszuweichen. Man wird Sie verhaften und vor ein öffentliches Gericht stellen. Daß ein Jagdunglück, eine Unvorsichtigkeit geschehen, wird das Graf Boto bezeugen können, werde ich es beschwören können? Nein. Man wird Sie verurtheilen zu einer Strafe, die Ihnen auf Jahre hinaus die Freiheit raubt. Es ist kein Zweifel daran. Gestehen Sie deshalb offen die That, indem Sie fliehen. Dann ist keine Verhandlung, keine öffentliche Erörterung der Sache mehr möglich, und ich bin nicht in die Nothwendigkeit versetzt, bei dieser Verhandlung eine der Hauptrollen zu übernehmen, die auf mein ganzes Leben einen dunkeln Schatten werfen würde.

Ich werde fliehen. Mir selbst, wenn Sie nicht wären, würde es nicht in den Sinn kommen, zu fliehen. Mein ganzes Innere würde danach verlangen, meine That auch öffentlich zu vertreten und den Folgen derselben vor aller Welt die Stirn zu bieten. Ich verzichte auf die Befriedigung dieses Gefühls, weil Sie es nicht wünschen können, weil Ihr Gefühl mir über das meine geht. Ja, ich bringe Ihnen das Opfer, das Sie von meiner Neigung heischen, ohne jeden Anstand, ohne Bedenken. Nur Eine Frage muß mir dagegen freistehen?

Und diese Frage ist?

Wird diese Neigung das Opfer, das Sie verlangen, bringen ohne jegliche Hoffnung auf einen Lohn?

Ein Opfer, welches man bringt in der Erwartung, in der Hoffnung eines Lohnes, ist kein Opfer mehr, sondern ein Preis!

Das ist wahr! So sei es gebracht ohne Hoffnung, sagte Dankmar düster und entschlossen, sich erhebend, und setzte dann hinzu:

Ich werde fliehen, noch an diesem Abende.

Es ist gut, sagte Anna; aber wir sind noch nicht zu Ende – ich habe neben dem Opfer, das ich verlangt, noch eine Bitte.

Und die ist?

Ich weiß, daß Sie nicht reich sind, daß Ihnen ein Leben auf flüchtigem Fuße Schwierigkeiten machen wird, daß es Ihrer Schwester Entbehrungen und Sorgen auferlegen muß. Ein Mann, welcher mir verpflichtet ist, ein Schiffsführer, steht im Begriffe, mit einem sehr raschen Fahrzeuge eine Reise an den Küsten des Mittelländischen Meeres zu machen. Sein Fahrzeug liegt im Hafen von Rotterdam vor Anker. Es heißt die Miranda. Nehmen Sie einen Brief von mir an diesen Mann – Sie werden dann aufs beste bei ihm aufgenommen sein und als Gast auf seinem Schiffe Italien, die Levante, Griechenland sehen können. Hier ist der Brief.

Anna zog ein versiegeltes Schreiben aus den Falten ihres Kleides hervor.

Sie erleichtern mir allerdings auf diese Art meine Flucht und eröffnen mir eine Aussicht, versetzte Dankmar, die mich Ihnen sehr verpflichtet machen muß. Aber …

Sie nehmen mein Anerbieten an?

Es lag ein Ton von freudiger Erregung in den Worten, womit Anna dies sprach.

Kann ich es annehmen? Ich will es auf Sie selbst ankommen lassen. Ich frage Sie um Ihre Ansicht als eine Freundin; nehmen wir einen Augenblick an, Sie wären es, Sie wären mir eine Schwester; würden Sie mir alsdann sagen: du darfst dies annehmen, es wird dir keine Verpflichtungen aufladen, die dich drücken müssen, weil du nie im Stande sein wirst, die zu tilgen?

Nichts von alledem! Indem Sie fliehen, laden Sie mir eine Verpflichtung, eine große und schwere Verpflichtung auf. Ich werde es Ihnen hoch, sehr hoch anrechnen, wenn Sie mir verstatten, einen kleinen, unendlich kleinen Theil dieser Verpflichtung durch dieses Empfehlungsschreiben abzutragen. Ich kann es Ihnen als eine Schwester zumuthen, es zu nehmen, und als eine Fremde, welche Sie eben zu so viel Dankbarkeit zwangen, kann ich es von Ihrer Ritterlichkeit verlangen, daß Sie es nicht zurückweisen. Wenn ich Ihnen sage, es liegt für mich eine unendlich große Erleichterung und Beruhigung darin, wenn Sie mir Ihr Wort geben, daß Sie dieses Schreiben benutzen wollen, können Sie es mir dann abschlagen?

Ich gebe Ihnen dieses Wort, Fräulein Morell.

Ich bin damit nicht zufrieden; ich verlange Ihr Wort, daß Sie meines Bekannten Schiff auch nicht eher verlassen, als bis Sie eine bessere, bequemere, Ihren Verhältnissen zusagendere Art der Reise gefunden und eine, welche Ihnen zugleich größere Sicherheit gewährte, falls die Gerechtigkeit Sie verfolgte!

Ich verspreche Ihnen auch das.

Wort und Handschlag darauf!

Dankmar reichte ihr die Hand.

Hie ist meine Rechte! versetzte er bewegt.

Ich danke Ihnen! Es ist nun weiter nichts nöthig, als daß Sie rasch von hier reisen, um das Schiff bald zu erreichen, sagte Anna. Auf seinem Verdeck werden Sie in Sicherheit sein – ich habe dem Kapitän geschrieben, daß Sie wegen eines Duells flüchtig geworden, welches leider einen tödlichen Ausgang genommen.

Ich werde nicht säumen, zu gehen, Fräulein Morell. Und nun, scheiden wir als Fremde, oder wenigstens als Freunde?

Als gute Freunde – brauche ich Ihnen das zu versichern? versetzte Anna, zu Boden blickend – ich hoffe, unsere Lebenspfade werden sich wieder kreuzen – über kurz oder lang – gewiß, ich hoffe das fest!

Werden Sie mir erlauben, Ihnen von meinen Fahrten, meinen weitern Schicksalen zu berichten?

Anna stockte eine Weile, dann antwortete sie entschlossen:

Meines Bleibens wird nicht lange mehr in dieser Gegend sein, gewiß nicht! Wohin wird mein Schicksal mich führen? Wo könnten Mittheilungen von Ihnen mich erreichen?

Es war eine Ausflucht. Dankmar fühlte das und antwortete resignirt:

Sie wünschen es nicht! Es wäre so natürlich, setzte er mit einem erzwungenen Lächeln hinzu, daß ich Ihnen berichtete, ob Ihr Bekannter, der Schiffskapitän, Ihrer Empfehlung Ehre gemacht hat oder nicht.

Zweifeln Sie daran nicht, fiel Anna lebhaft ein, er wird meiner Empfehlung Ehre machen, er wird ganz und völlig zu Ihren Diensten sein; wenn Sie irgend Wünsche haben, wenden Sie sich ja an ihn.

So sehr ist dieser Schiffskapitän Ihnen ergeben, Fräulein Morell? fragte Dankmar mit einer Anwandlung von Eifersucht.

Anna versetzte ruhig lächelnd:

Es sind Gründe da, welche ihn mir ganz und durchaus ergeben machen. Forschen Sie danach nicht. Wir müssen scheiden. Erinnern Sie sich des Wortes, das Sie mir gaben, jenes Asyl annehmen und nicht verlassen zu wollen, bis Sie wirklich ein besseres und bequemeres gefunden. Und nun leben Sie wohl, Herr von Gohr, leben Sie wohl!

Und soll ich denn nicht einmal erfahren, wie Ihr Schicksal sich gewendet, wohin es Sie geführt hat?

Ja, ja, Sie sollen es – durch ihre Schwester – und denken Sie an mich als eine Freundin – ich werde es auch, gewiß, ich werde es als eine Freundin und mit Dank – und oft – und viel an Sie denken!

Sie vermochte eine große Aufregung nicht zu verbergen, in welcher sie noch einmal ihm die Hand reichte und diese Worte sprach; sie blickte zu Boden und setzte rasch hinzu:

Ich hoffe auch zu Gott, daß wir beide glücklicher sind in dem Augenblicke, wo wir uns wiedersehen, als jetzt!

Er wollte ihre Hand an seine Lippen führen; aber sie entzog sie ihm rasch, wandte sich ab und eilte davon, dem Hause zu.

Er blickte ihr lange nach, in seinem Antlitze den Ausdruck eines tiefen Schmerzes. Dann erhellten sich seine Züge, und leise murmelte er:

Eher ließe ich von meinem Leben, als von der Hoffnung und von dir!

Er ging, um zu seiner Schwester heimzueilen und sich zu seiner Flucht zu rüsten. Noch in der Nacht wollte er sie antreten und eine Eisenbahnstation erreichen, von wo aus er eine directe Schienenverbindung mit dem Hafenorte hatte, zu dem Anna's Wunsch ihn führte.

Anna war unterdeß hastig ins Haus geschritten und auf ihr Zimmer geeilt. Als sie es erreicht hatte, schloß sie es ab, warf sich auf die Knie vor ihrem Bette nieder und schickte das Stoßgebet zum Himmel empor:

Großer Gott, ich danke dir, daß du mir Eine, doch Eine Seele zugeführt, die nichts weiter in mir erblickt als mich selbst!

Dann erhob sie sich, schrieb einige Zeilen auf ein Blatt Papier, das sie zu sich steckte, nahm Tuch und Hut zum Ausgehen und ging wieder hinab; unten sah sie Bertha, die ihr im Gange begegnete und in ihren Bewegungen nichts von Nachwehen des Unfalls zeigte, das ihren Fuß betroffen, sondern sehr fest auftrat. Anna ließ durch Bertha die Gräfin Edern um die Erlaubniß bitten, sogleich nach der Eisenbahnstation fahren zu dürfen, um eine Depesche aufgeben zu können. Bertha kam bald zurück mit der Antwort, daß Fräulein Morell den Wagen, der nach dem Arzte im nächsten Städtchen gesandt sei, benutzen könne, sobald er zurückgekommen; nachher, wenn Fräulein Morell ihre Depesche besorgt, lasse die Gräfin sie bitten, sich zu ihr zu verfügen, da sie mit ihr zu reden habe.

Anna versetzte, daß sie selbst um eine solche Gnade habe nachsuchen wollen, und schritt hinaus, um vor dem Schlosse auf- und abzugehen, bis der Wagen mit dem Arzte da sei.

Sie fand draußen Gundobald Burghaus, der eben von einem Ausfluge zurückgekommen schien. In großer Aufregung sagte er:

Ich war in Haus Gohr – vorhin, auf dem Rückwege, begegnete ich Dankmar – mein Gott, welche Geschichten sind das, wovon er mir sagte – er hat Beltram erschossen – ist das denn wirklich wahr – ist er todt, der unglückliche Mensch?

Er ist wenigstens sehr hoffnungslos, antwortete Anna – aber sagen Sie mir, Herr von Burghaus, wie geht es zu, daß Sie zu Fuße zurückkommen – Sie waren doch nach Haus Gohr geschifft, hatten den Baron Beltram an der Insel ausgesetzt und wollten ihn auf der Rückfahrt abholen?

Ich, Beltram an der Insel ausgesetzt? Das ist ein Irrthum, Fräulein Morell; ich bin zu Fuße nach Haus Gohr gegangen, bald nach Tische …

Ein Irrthum?

Wer sagte es Ihnen? fuhr Gundobald fort.

Herr von Beltram selbst!

Wunderbar – dann hat er Sie belogen!

Aber wozu das – wozu mich darin belügen? rief Anna aufgeregt aus.

Gundobald zuckte die Achseln.

Ich glaube, es gibt Menschen, bemerkte er dann, die, wenn die Lüge und die Wahrheit ganz gleichviel kosten, aus einer gewissen angeborenen Zärtlichkeit für jene die Lüge vorziehen.

Anna schüttelte den Kopf. Der Gedanke durchfuhr sie, daß irgendeine Intrigue gegen sie gespielt sein könne. Sie machte sich gleich darauf einen Vorwurf aus einem so bösen Gedanken – und doch, sie konnte die Fragen nicht wieder los werden, die sich auf sie eindrängten:

Waren es nicht Vorwände gewesen, Bertha's verstauchter Fuß – Bertha hatte ja soeben nichts mehr von Schmerz am Fuße bei ihrem Auftreten und Gehen verrathen – und dann die verlorenen Ruder? Hatte Boto das alles so angelegt, um sich an ihr zu rächen, oder um im rechten Augenblicke gar den Erretter bei ihr zu spielen? Er war ja nach der Katastrophe auch schneller wieder dagewesen, als er es hätte sein können, wenn er sich nicht in der Nähe gehalten – Anna mochte ihren schrecklichen, sie grenzenlos empörenden Verdacht von sich weisen so heftig und so oft sie konnte, er kehrte wieder und wieder zurück, sie konnte ihn nicht überwinden.

Und wohin wollen Sie jetzt noch, Fräulein Morell? unterbrach Gundobald sie in ihren Gedanken – Sie sind zum Ausgehen gekleidet – es ist dunkel – wollen Sie, daß ich Sie begleite?

Nein, nein, rief Anna abwehrend – dort kommt der Wagen, der den Arzt bringt – ich werde mit ihm zur Telegraphenstation fahren, wo ich eine Mittheilung abzusenden habe – gehen Sie und sehen Sie selbst, wie's um den Verwundeten steht.

Wie Sie wünschen, versetzte Gundobald und schritt hastig weiter.

Als der Wagen herangerollt war und der Arzt, ein kleiner, gegen die Abendluft sorgfältig eingehüllter Herr, ihn verlassen hatte; bestieg Anna das leichte Gefähr und bat den Kutscher, denselben Weg mit ihr noch einmal zu machen und rasch zu fahren.

In zwanzig Minuten war sie an der Eisenbahnstation, und Anna gab im Telegraphenbureau die nachstehende Depesche ab:

»An den Schiffskapitän Schmieder von der Facht Miranda im Hafen von Antwerpen.

Führen Sie die Miranda sogleich in den Hafen von Rotterdam. Lassen Sie dort die Maschinen geheizt, sodaß Sie augenblicklich nach dem Mittelmeere in See gehen können, sobald ein junger Mann Ihnen einen Brief von mir gebracht hat, der weitere Instructionen enthält.«


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