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Achtes Kapitel.
Tischreden

Anna Morell hätte schwerlich Veranlassung gefunden, dieses harte Urtheil über die Männer zurückzunehmen, wenn sie sich inmitten eines kleinen Kreises befunden, der sich während alles dessen in den Anlagen von Haus Edern mit wechselseitigem, sinnigem Gedankenaustausche, dem Rauchen von Cigarren und dem Ausführen praktischer Späße die Zeit vertrieb.

Die drei der Führung und Veredlung durch Prinz Günther übergebenen jungen Männer lagen, nachdem sie einige Balgereien und Ringkämpfe gegeneinander ausgefochten, jetzt friedsam im Grase neben dem Ufer des kleinen Flusses und unter den schattigen Aesten eines großen, alten Walnußbaumes. Baron Beltram hatte seinen Rock ausgezogen und machte sich den poetischen Zeitvertreib, Blätter ebendieses Baumes so auf seinen linken Daumenmuskel zu legen, daß ein Schlag mit der Rechten darauf sie knallend zerplatzen ließ. Graf Axel suchte den Cigarrenrauch in blauen Ringen von seinen farblosen Lippen zu stoßen, und Baron Bruno gab sich dem Vergnügen hin, welches für ihn darin zu liegen schien, einen durch das Gras laufenden Käfer mit Tabackswolken zu überqualmen und den Taumel zu beobachten, in welchen das arme Thier dadurch versetzt wurde.

Beltram, lies mir deine neuesten Sonette vor, sagte Axel jetzt, sich ins Gras zurücklegend; ich möchte ein wenig einschlummern, um die Zeit bis zum Diner todtzuschlagen.

Wenn du mir vorher eine recht gründliche Scheußlichkeit aus deinem Vorrath von liederlichen Geschichten erzählst, versetzte Beltram, so will ich dir zehn Stanzen von meiner Godiva hersagen.

Laßt eure Geschichten und eure Stanzen, sagte Bruno; sie sind beide gleich langweilig; ich schlage vor, daß wir in der Litanei auf unsern theuern Prinzen fortfahren; wir sind mehrere Tage säumig in seinem Lobe gewesen.

Ach ja, das Hohelied auf unsern Guten! fiel Beltram lachend ein.

Wo standen wir? fragte Axel.

Ich glaube, bei L und o, versetzte Bruno. Beltram, fang du an!

Nein, nein, wir haben K und o noch nicht erledigt! sagte Beltram.

Also beginne! rief Axel.

Beltram begann mit einer Fistelstimme zu singen:

Prinz Kokettus soll er heißen!

Bruno fiel ein:

Kolibri kann nicht so gleißen!

Axel brummte in tiefem Baß:

Koklico sein Liebesglühn!

Beltram fuhr fort:

Lobesam ist all sein Mühn!

Und Bruno:

Lockenarm sein kahler Scheitel!

Worauf Axel einfiel:

Loch an Loch in seinem Beutel!

Alle drei lachten jetzt laut aus vollem Halse über ihre Späße auf.

Weiter! sagte Beltram dann. Wir stehen bei Mo.

Mondscheinsüchtig muß er sein!

Bruno fuhr fort:

Morsch sein tugendhaft Gebein!

Und Axel schloß:

Morcheln frißt er wie ein Schwein!

Ein abermaliges herzhaftes Gelächter folgte.

Ich finde, wir sind gut im Zuge, sagte Beltram; es ist eigentlich schade, daß wir kein Publikum haben, welches unsere Leistungen bewundert!

Wenn wir den alten Achatius herbeiholten – ich wette darauf, daß er seine Freude daran hätte! fiel Bruno ein.

Oder die Gouvernante – die hat's auch hinter den Ohren! meinte Beltram.

Weshalb? fragte Bruno. Hast du etwa auch hier bereits eine kleine Zettelei angefangen, wie in Ichthausen mit der Zofe? Diesmal nimm dich in Acht – mit der Gräfin Edern ist nicht zu spaßen! Du thust besser, wenn du einmal wieder den Wolf spielen mußt, an diesem Schafstalle vorüberzugehen! Ich möchte mir wenigstens die alte »Norne« nicht auf den Hals ziehen!

Es ist aber ein verflucht reizendes Schäfchen in dem Schafstalle! sagte Beltram. Ich habe lange nicht mehr eine Person von so viel Rasse gesehen wie diese Gouvernante! Habt ihr beobachtet, was für einen Fuß und was für Knöchel sie hat? Ich habe sie gestern die Gartentreppe hinaufgehen sehen, und ich versichere euch …

Baron Beltram wurde in diesem Augenblicke abgehalten, in seinen interessanten Mittheilungen fortzufahren, weil plötzlich Graf Boto sich der Gruppe nahte. Er kam mit gesenktem Haupte, die Hände auf dem Rücken, sehr gedankenvoll auf dem breiten Pfade durch die Anlagen dahergeschritten, und, die jungen Leute gewahrend, wandte er sich zu ihnen.

Die jungen Herren sind heiter erregt, wie es scheint, sagte er, sich zu Beltram auf dem Rasen niederlassend.

Gewiß, Graf Boto, wir erheitern uns eine Stunde der Muße durch ebenso unterhaltende als belehrende Gespräche.

Und um welchen Gegenstand bewegen sich diese Gespräche, an denen ich die Ehre haben möchte, theilzunehmen?

Wir vereinigten uns soeben im Lobe unsers nicht genug zu preisenden Mentors, sagte Graf Axel mit einem trockenen Tone harmlosester Unbefangenheit und der ernstesten Miene von der Welt.

Und Baron Beltram, fiel Bruno ein, der, wie Sie wissen, der leidenschaftliche Bewunderer und Sänger jungfräulicher Naturen ist, erging sich im Preise der Seelenschönheit, welche er aus den Augen der Gouvernante, Fräulein Morell, leuchten gesehen!

Boto blickte mit gerunzelten Brauen Beltram an; darauf sagte er, spöttisch lächelnd:

Fräulein Morell? Dann scheint sein jugendlicher Verehrungsdurst ihn sehr weit hinzureißen! Sie sind noch sehr naiv und jung, Baron Beltram!

Wenn Sie seine Jahre nach seinen dummen Streichen zählen, ist er alt genug! rief Axel.

Und er glaubt noch an jungfräulichen Augenaufschlag und – les minauderies de petite chatte, womit ihn eine Gouvernante bezaubert? fragte Boto.

Ich glaube nicht, Graf Boto, versetzte Beltram, daß man mir vorwerfen kann, ich erhitze mich zu leicht in der Vertheidigung weiblicher Tugend; was aber die Gouvernante Ihrer Schwester angeht, so wette ich, daß es verzweifelt schwer wäre, ihr etwas abzugewinnen!

Und weshalb just der? fragte Boto im selben verächtlichen Tone.

Weil sie mir sehr hochmüthig scheint! Mit Hochmüthigen wird man immer am schwersten fertig!

Boto zuckte die Achseln.

Versuchen Sie's einmal! sagte er lachend. Vielleicht werden Sie finden, daß Hochmuth am ersten zum Falle kommt! Ich gebe Ihnen plein pouvoir!

Sie? – Auf Ihr plein pouvoir wird wenig ankommen!

Das wissen Sie nicht! Vielleicht kommt mehr darauf an, als Sie denken!

Auf Ihr plein pouvoir?

Nun ja, so sagt ich! Vielleicht bin ich in der Lage, es geben zu können – was wissen Sie davon, auf welchem Fuße ich mit ihr stehe?

Baron Beltram blickte den Grafen Boto überrascht von der Seite an; ein häßlicher, faunenhafter Ausdruck trat flüchtig in seine bleichen, aufgedunsenen Züge. Sind Sie ihrer denn schon überdrüssig? fragte er nach einer kurzen Pause.

Ueberdrüssig? Das wäre nicht das rechte Wort. Aber die Sache wird mir aus andern Gründen lästig. Ich möchte, um ehrlich und aufrichtig gegen Sie zu sein, einen Grund, um das Verhältniß mit Ehren abbrechen zu können – ich habe eben gerade jetzt – d'autres chats à fouetter!

Um Beltram's Mund zuckte ein böses Lächeln.

Ich verstehe, sagte er, und ich bin überaus bereit, mein Bestes zu thun, um Ihnen diesen Grund zu liefern. Wollen Sie mir ein wenig beistehen?

Da verlangen Sie zu viel von mir. Sie sind auf Ihre eigene Schlauheit und Liebenswürdigkeit angewiesen.

Nun wohl, so wollen wir beide spielen lassen! sagte Beltram lachend.

Die beiden andern jungen Leute lachten in diesem Augenblicke ebenfalls laut auf.

Als Boto sie fragend ansah, rief Axel aus:

Beltram ist doch der eitelste Bursche auf Gottes Erdboden! Ich wette zehn gegen eins, daß er nichts gewinnt als höchstens eine Ohrfeige von zarten Händen …

Eine mehr! fiel Baron Bruno ein. Aber sein elastischer Muth ist zu achten – wir wollen also eine Liga stiften und ihm beistehen. Blitzt er dann endlich dennoch gründlich ab, so soll er zehn Flaschen Sect an uns verloren haben!

Gut, ich halte die Wette! sagte Beltram, der sich bei seinem Ehrgeize gefaßt fühlte.

So ist's recht! Stolz lieb' ich den Spanier! rief Graf Axel aus.

Nun wohl, bemerkte Graf Boto, da die Sache so großartige Verhältnisse annimmt und ich wenigstens meinen Theil an diesem Sect haben möchte, wenn Beltram's Sieg mir nicht andere Vortheile verschafft, so erkläre ich mich zum Oberhaupte, zum Tilly dieser Liga!

Bravo! riefen die drei andern.

Ich will über den Operationsplan nachdenken, fuhr Boto fort, und heute Nachmittag darüber mit Ihnen reden, Beltram. Jetzt wird es Zeit, daß wir aufbrechen und gehen, uns zum Diner zu kleiden; ich höre eben die Tafelglocke zum ersten mal läuten.

Die hoffnungsvollen jungen Männer erhoben sich, die in Hemdärmeln warfen sich in ihre Röcke, und alle vier schritten dem Hause zu.

 

Das Mahl wurde in einem großen, kühlen Saale eingenommen, der mehr den Eindruck des Alterthümlichen machte als die andern Gemächer auf Haus Edern. In jener Zeit, worin man alles, was alt war, schon deshalb als plump und geschmacklos beseitigt und »altfränkisch« genannt hatte, als ob die alten Franken ihre geschichtliche Sendung vorzugsweise darin erblickt hätten, Schlösser, Klöster und Bürgerhäuser mit unbrauchbarem und häßlichem Geräthe anzufüllen; in dieser kunstsinnigen Zeit hatte man auch auf Haus Edern nach und nach aufgeräumt, und namentlich war in der Periode, in welcher Gräfin Wallburg als junge Frau, darin ihren Einzug gehalten, alles recht hübsch neu hergestellt worden.

Und dann war eine Wendung eingetreten; man hatte plötzlich die entgegenstehende Ueberzeugung bekommen, daß alles, was alt, wurmstichig, plump, ungefüge und altfränkisch, schon deshalb schön, kostbar, verehrungswürdig und allem dem, was neuerer Geschmack geschaffen, unendlich überlegen sei. Der Feudalismus, der sich auf sich selbst besann, machte die Entdeckung, daß er mit dem alten, moderigen, wurmstichigen, schwerfälligen und unbrauchbaren Hausrathe und Gerümpel aufs engste zusammenhänge, und der »Väter Hausrath« war plötzlich ganz unglaublich im Werthe gestiegen.

Auch auf Haus Edern. Aber leider hatte man dessen nicht viel mehr. Nur genug bargen noch die Speicher und Gesindekammern, um den Speisesaal zu decoriren. Und so hatte dieser denn ein höchst ehrwürdiges, patriarchalisches Aussehen. Ueber dem Büffettische waren die Flügelthüren der »Schenke« geöffnet und ließen auf den Borden schwere, ungefüge alte Silberkannen und feine venetianische Flügelgläser, so dünn, daß man sie nicht anzufassen wagte, erblicken.

Ueber dem fast bis zur halben Höhe der Wände reichenden Holzgetäfel hingen dunkle Ahnenbilder ohne Zahl – Graf Achatius wußte sie sammt und sonders, wenn seine Gäste ihn danach fragten, auszulegen und die Thaten zu berichten, welche diese ritterlichen Männer in Harnisch und Armschienen zum Ruhme ihres Hauses, zum Vortheil ihrer Nachkommen, zum Dienste ihrer Fürsten und zum Schaden des Gemeinwesens, des Friedens und der bürgerlichen Freiheit, auf Kosten der misera contribuens plebs verrichtet. Bei einigen stimmten die ihnen nachgerühmten Thaten wilder oder zäher Tapferkeit und unzähmbarer Streitlust wenig zu den dargestellten Physiognomien, deren Charakter mehr eine zahme und milde Beschaulichkeit war.

Es gab mistrauische und übelwollende Gemüther, welche darin einen geheimnißvollen Zusammenhang mit dem Umstande erkennen wollten, daß vor vielen Jahren und gerade zu der Zeit, als sich ein herumvagirender Maler auf Haus Edern befunden, eine Reihe großer, wohlconservirter Heiligenbilder aus einer alten Abtei aus dem Laden eines Althändlers in der nächsten Stadt verschwunden seien und einige Wochen darauf die Ahnengalerie auf Haus Edern sich mit verschiedenen Rittern und Herren vermehrt gezeigt habe, deren kriegerische Rüstung verdächtige Spuren neuer Uebermalung gezeigt – Grund genug, weshalb nun Ritter Hans Kuonrat von Edern, als welcher 1112 im Gelobten Lande gefallen, so weichmüthig und gottergeben dreinschaue, als wenn er ursprünglich der heilige Victor oder Martinus selber gewesen wäre!

Dem sei wie ihm wolle, der Speisesaal auf Haus Edern hatte altväterliche Würde und vertrat aufs beste die große Halle englischer Schlösser, den eigentlichen Brennpunkt des adelichen Bewußtseins; auch war nirgends mehr als hier Gräfin Wallburg Edern in gleichmäßig heiterer und mittheilsamer Stimmung. Sie saß zwischen dem Prinzen Günther und ihrem Gatten und beobachtete von diesem Ehrensitze aus Herrschaft und Dienerschaft, vornehmlich aber die jüngern Leute, die unten am Tische ihr gegenübersaßen, während sie dem Prinzen die Unterhaltung machte.

Prinz Günther hatte heute etwas Befangenes; er raffte sich zuweilen zu einer gewissen Scherzhaftigkeit auf, welche ihm nicht stand und in dem Vorsatze, Heiterkeit hervorzurufen, nicht sehr erfolgreich war. So vertiefte er sich endlich in ein literarisches Gespräch mit Gräfin Wallburg und wies dieser nach, daß die eigentlich großen Dichter, welche unsere deutsche Nation hervorgebracht, im Jesuitenorden zu suchen seien, und daß, was Männer wie Spee, Jakob Balde und der Barde Sined geschaffen, weit über die vielgepriesene Lyrik moderner und heidnisch angefaulter Geister von Goethe bis auf Lenau zu stellen.

Einmal in dieser Thätigkeit distributiver Gerechtigkeit begriffen, ging man dazu über, die falschen Auffassungen der heutigen landläufigen Geschichtsdarstellungen zu geiseln und insbesondere einer tiefen Verachtung das preiszugeben, was man an frommen Männern und milden Glaubensstreitern, wie Simon von Montfort, Herzog Alba und Philipp II., gefrevelt. Graf Achatius' leise und schüchtern dawider aufgeworfenes Bedenken, daß es doch nicht zweckmäßig sei, so viele Leute, wie es unter Philipp II. geschehen, wegen bedauerlicher dogmatischer Confusion in ihrem Topfe zu verbrennen, wurde mit der Bemerkung beseitigt, daß jedes Zeitalter seine Strafformen gehabt, die im natürlichen und wohlmotivirten Zusammenhange mit seinen übrigen Verhältnissen gestanden, und so die in ihren Proceduren einfachere und ursprünglichere Zeit Alba's und Philipp's das Verbrennen, während unsern Tagen mehr das Zuchthaus homogen und entsprechend sei, leider für Fälle boshaften Verharrens in dogmatischer Confusion nicht mehr üblich.

Anna hörte diesen Gesprächen mit einer gewissen erstaunten Aufmerksamkeit zu, bis Gundobald Burghaus, der dies gewahrte, sie flüsternd fragte:

Was denken Sie, Fräulein Morell?

Daß die Frau Gräfin doch sehr viele Kenntnisse besitzt, versetzte Anna in demselben Tone.

Kenntnisse sind wie Bruchsteine, sagte Burghaus; sie müssen nach der rechten Seite bearbeitet und auf die richtige Kante gelegt werden, sonst verwittern sie.

Verwitterte, antwortete Anna, leise lächelnd, scheinen bei Systembauten doch immer noch viel zur Verwendung zu kommen.

Die Systeme fallen aber ein, die man darauf baut, entgegnete Burghaus.

Es ist doch wunderbar und traurig zugleich, daß alle geistige Arbeit so vieler Jahrhunderte den Menschen noch keine einzig unbestrittene und von allen anerkannte Wahrheit gebracht hat! Man verbrennt hier noch immer Ketzer!

Weshalb nicht? versetzte Burghaus – sie verbrennen uns auch.

Das verstehe ich nicht, sagte Anna.

Stehen nicht unsere theuersten Güter, unsere Privilegien, unsere heiligen Vollmachten, die Lämmer zu weiden und die Schafe zu scheren, längst in Flammen – haben uns die Ketzer nicht längst unsere Feudalthürme über dem Kopfe angezündet? Glauben Sie mir, Fräulein Morell, es ist alles nur Nothwehr. Aus Vergnügen verbrennt man niemand. Nicht einmal einen Juden. Mein Großvater behauptete, die ganze Französische Revolution sei nur ein Product des Gallikanismus gewesen und nichts als eine große Ketzerei.

Das lautet paradoxer, als es sein mag.

Wie gewöhnlich das, was der weise alte Baron Nesselbrook behauptet hat.

Ihr Großvater hieß Nesselbrook? rief Anna überrascht aus.

Bitte, nicht so laut! fiel Burghaus ein.

Weshalb nicht – verleugnen Sie den alten Herrn als Großvater?

Nein – aber die Gräfin liebt es nicht, den Namen zu hören – ich weiß nicht weshalb, aber ihre gute Laune pflegt auf vierundzwanzig Stunden Abschied zu nehmen, wenn er genannt wird.

Anna blickte noch immer betroffen Burghaus an. Was Rath Zander ihr verschwiegen, hatte diese Mittheilung Gundobald's vollständig ergänzt. Also Gundobald war der Enkel – der Erbe Nesselbrook's! Sie mußte daran denken, wie hinfällig der Menschen Berechnungen und wie zweckwidrig so oft ihre Weisheit sei. Der gelehrte alte Baron hatte gewollt, daß sein Enkel durch den Kampf mit dem Leben seine blos auf sich angewiesenen Kräfte stählen und seinen Charakter härten solle; und wie viel kräftiger, selbstbewußter, selbstvertrauender und durch Unabhängigkeitsgefühl männlicher wäre dieser junge Mann wahrscheinlich geworden, wenn er im Besitze eines großen Erbes, im Besitze von Macht und Einfluß aufgewachsen!

Bitte, Fräulein Morell, sagte Baron Beltram in diesem Augenblicke, ich habe hier eine doppelte Mandel gefunden, essen Sie ein Vielliebchen mit mir!

Er reichte seine Mandel vor Gundobald her Anna zu. Diese war so in Anspruch genommen von der Aufklärung, welche sie eben erhalten, daß sie zerstreut die Mandel annahm.

Mit: Ich denk' daran! sagte Beltram.

Dann werde ich ohne Zweifel verlieren! versetzte Anna, halb für sich.

Das wäre schade, sagte hier Boto, denn mir sieht Freund Beltram gerade so aus, als ob Er es auf das Verlieren angelegt hätte.

Und womit würden Sie Ihr Vielliebchen einlösen, wenn Sie es verlören? fragte Burghaus Beltram.

Er schenkt Fräulein Anna dann vielleicht sein Herz oder irgendeine andere Kleinigkeit! rief Graf Axel aus.

Ich bin überzeugt, sagte Boto, Beltram hat sein leichtentflammtes Herz an Fräulein Anna längst verloren, und dieses Vielliebchenessen bezweckt nichts anderes als eine gute Gelegenheit, ihr ein wundervolles Gedicht schenken zu können, worin er es mit leidenschaftlichem Pathos gesteht.

Anna war dieses leere Geplauder, zu dessen Gegenstand sie sich plötzlich gemacht sah, im höchsten Grade zuwider, und noch mehr waren es der sentimentale und widerwärtige Ausdruck, mit dem Beltram's Augen auf ihr ruhten.

Habe ich wirklich Ihre Mandel angenommen? fragte sie, wie aus ihrer Zerstreuung auffahrend, den jungen Mann mit den Hechtaugen.

Gewiß haben Sie, Fräulein.

Nun wohl, dann machen Sie sich, im Falle ich verliere, auf keine andere Gabe gefaßt als auf einen Rath, den ich geben werde.

Und der lautet?

Das müssen Sie eben abwarten! versetzte Anna, kühl sich abwendend.

Der Rath wird vielleicht heißen: Iß nie mit großen Herren Kirschen und nie mit großen Damen Mandeln! rief Axel, schadenfroh seinen Freund Beltram anlachend.

Anna wandte sich, um diesem Gespräche zu entgehen, an die neben ihr sitzende Bertha und begann mit ihr zu reden.

Die Frau vom Hause hob nach einer Weile die Tafel auf, und die Gesellschaft zerstreute sich. Boto gab seiner Schwester Bertha einen Wink, und beide schlenderten in die Anlagen hinaus, wo Boto lange mit Comtesse Bertha, die ihm sehr aufmerksam zuhörte, zu flüstern hatte.

Prinz Günther war der Gräfin Edern in das Wohnzimmer gefolgt, wo sie allein waren, denn bei dem schönen Wetter hatte sich alles draußen zerstreut, mit Ausnahme von Graf Achatius, der sich um diese Stunde gutem wie schlechtem Wetter und allem, was ernst oder freudig seine Welt bewegen konnte, durch einen gesunden Schlummer entzog. Gräfin Edern tröstete den Prinzen wegen des erlittenen Kummers, von dem er sagte, daß er ihn freudig, wie alles Misgeschick seines Lebens, dem lieben Gott aufopfere; er schrieb ihn auf jene unermeßlich große Rechnungstafel, auf welcher die leidende Menschheit au ihre kleinen und großen Guthaben dem lieben Gott ankreidet, dem großen Schuldner aller.

Prinz Günther war trotzdem ein wenig niedergedrückt und einsilbig; um ihn zu trösten, unterhielt ihn Gräfin Edern vertrauensvoll von ihren eigenen Herzensbedrängnissen, von ihrem Wunsche, ihre Tochter Edwine mit Burghaus zu verbinden, und von der Schwierigkeit, das Hinderniß aus dem Wege zu schaffen, welches sich dieser Verbindung entgegenstelle. Gundobald war nichts weniger als ein eifriger Protestant; aber er war etwas Schlimmeres, er war so indifferent, und deshalb war es so schwer, ihm beizukommen; er war so leichtsinnig, so kindisch – und auch so eigensinnig wie ein Kind.

Es ist mir eine Genugthuung, liebe Gräfin, bemerkte dazu der Prinz, daß Sie durch die Erfahrung nun auch sehen, wie schwer es doch eigentlich ist, auf junge Leute einzuwirken. Es ist doch, um es geradeaus zu sagen, so viel Roheit in ihnen. Ich verzage oft in der That und alle Hoffnung geht mir aus.

Mir scheint, liebe Durchlaucht, Sie könnten doch mit rechter Befriedigung auf die schönen Ergebnisse Ihres Wirkens zurückblicken, entgegnete die Gräfin. Ihre jetzigen Eleven machen Ihnen so viel Ehre, sie sind so viel gehaltener und geläuterter, als vor kurzer Zeit noch, und dabei hangen sie, wie ich glaube beobachten zu können, mit so warmer Liebe und Verehrung an Ihnen.

Glauben Sie, theuere Freundin? Ihre Worte thun mir außerordentlich wohl, und in der That, ich kann namentlich von Baron Beltram sagen, daß es mir gelungen, ihn unendlich zu fördern in seinem aufrichtig guten Wollen, die Schwäche seiner irdischen Natur, die Tücke des alten Adam in ihm zu besiegen – aber dennoch, dennoch – o, ich fühle es, liebe Gräfin, meine Kräfte werden eines Tages dennoch erlahmen, wenn mir nicht eine hülfreiche Genossin zur Seite tritt – eine Genossin, wie ich sie gefunden zu haben wähnte – und nun doch nicht gefunden habe.

Es hat nicht sein sollen, liebe Durchlaucht, fiel tröstend Gräfin Edern ein. Die hochmüthige Art, wie dieses Mädchen meine Eröffnungen aufnahm und zurückwies, der Mangel an echt christlichem Gefühle, womit sie die Aussicht, welche sich ihr eröffnete, sich einem so hohen Werke der Nächstenliebe zuzugesellen, ohne alle Rührung aufnahm, beweist am besten, daß Sie sich in ihr getäuscht haben, daß Sie sich Glück wünschen können, in diesem Augenblicke nicht gebunden zu sein. Ja, glauben Sie mir, Prinz Günther, sie ist ein Geschöpf, in dem eine Hoffart steckt, die sie ihre Stellung oft in merkwürdiger Weise verkennen läßt; und ich glaube deshalb auch nicht, daß ich sie lange werde behalten können, trotz aller Empfehlungen durch die vortreffliche Chanoinesse, welche sie mir sandte.

In der That? fragte Prinz Günther gedehnt.

Die Trostgründe der Gräfin schienen keinen großen Eindruck auf ihn zu machen; sie änderten leider an der Thatsache, daß Anna außerordentlich schön war und ihr Wesen ihm über alle Beschreibung gut gefiel, so sehr wenig! Es war freilich sehr schlimm, wenn sie hoffärtig war, sehr sündhaft, sehr unchristlich, sehr, sehr tadelnswerth; aber ach, ihre hübschen Züge gefielen ihm deshalb auch nicht um das Allermindeste weniger!

 

Während der Prinz und die Gräfin diese Unterhaltung führten, war der Gegenstand derselben und aller schwermüthigen Gedanken der frommen Durchlaucht in diesem Augenblicke ins Freie hinausgeschritten, um einen kleinen Spaziergang zu machen, und weil sie allein zu bleiben wünschte, so war sie nicht in die Anlagen hinter dem Schlosse, sondern in die Avenue auf der Vorderseite gewandelt. Am Ende derselben, wissen wir, führten zwei Wege auseinander, der eine lief rechts ab, offen und sonnig durch Getreidefelder nach dem nächsten Orte und der Eisenbahnstation, der andere führte links hin durch den Wald nach Haus Gohr.

Es war natürlich, daß Anna den schattigen einschlug und so sich allmählich, wenn sie auch sehr langsam ging, der alten Steinbank näherte, von der ihr Burghaus gesagt, daß sie ungefähr die Hälfte des Wege zwischen Edern und Gohr und beider Grenzen bezeichne. Als Anna bei einer Wendung des Wegs diese Steinbank erblickte, wollte sie rasch sich wenden und umkehren – sie sah Dankmar von Gohr darauf sitzen –, aber es war zu spät; er hatte sie erblickt, sprang hastig auf und trat ihr entgegen.

Haben Wünsche Zauberkraft? sagte er ein wenig verwirrt. Ich wünschte just eben mit allen Kräften meiner Seele, nur ein paar Worte allein mit Ihnen wechseln zu können, Fräulein Morell. Und da erscheinen Sie! Darf ich nicht bitten, daß Sie einen Augenblick auf dieser Steinbank Platz nehmen?

O nein, nein, antwortete Anna, die erröthet war und erschrocken sich weit von dieser Stelle wünschte, ich sehe an eben jener Steinbank, daß ich bereits viel weiter von Haus Edern entfernt bin, als ich gehen wollte, und umkehren muß.

So erlauben Sie mir, Sie wenigstens einige Schritte weit zu begleiten. Dankmar trat an die Steinbank zurück und nahm eine Jagdbüchse, welche er daraufgelegt, auf, um sie sich über die Schulter zu werfen.

Ist denn jetzt Jagdzeit, sagte Anna in ihrem lebhaften Wunsche, sogleich dem Gespräche eine gleichgültige Wendung zu geben, daß Sie so bewaffnet umhergehen?

Das nicht; ich werfe halb mechanisch die Büchse über den Rücken, wenn ich in meine Gehölze hinauswandle; vielleicht begegnet mir irgendein auch jetzt jagdbares Thier, das ich meiner Schwester heimbringen kann, ein verirrtes Damwild vielleicht; oder es sind Reiher am Flusse trüben – wie rasch Sie ausschreiten, Fräulein Morell!

Anna hemmte ein wenig den hastigen Schritt.

Ich sehe, fuhr Dankmar fort, Sie wollen mir nicht lange Zeit zu Erklärungen gewähren; seien diese denn desto kürzer und unumwundener. Was mich so sehr wünschen ließ, Sie zu sehen, war der peinigende Drang, mich vor Ihnen zu rechtfertigen, das schmerzliche Bewußtsein, von Ihnen sicherlich misverstanden worden zu sein. Was ich Ihnen neulich zu sagen wagte, mußte Ihnen den Eindruck der leichtsinnigsten Keckheit eines übermüthigen jungen Mannes machen, der im Bewußtsein leerer Standesvorzüge sich der Achtung überheben zu können glaubt, die – die …

Die er einem armen Mädchen in meinen Verhältnissen schuldig ist! rief Anna plötzlich wie mit einem Aufschrei der Beklemmung, einem Verlangen, sich Luft zu machen, dazwischen, als Dankmar zu stottern begann. Das wollten Sie sagen, Herr von Gohr, und ich antworte Ihnen darauf ganz rundweg: nun wohl, Sie haben mir ein wenig diesen Eindruck gemacht, solange Sie damals redeten, aber ich habe das längst, längst vergessen, was Sie sprachen! Weshalb drum auf ein Gespräch zurückkommen, von dem Sie selbst gestehen, daß es mir nicht angenehm sein konnte? Lassen wir es doch, ich bitte Sie herzlich darum!

Ich kann Ihnen diese Bitte nicht erfüllen, Fräulein Morell, denn ich muß mich rechtfertigen. Ich glaube, es wäre mein Tod, müßte ich schweigen, dürfte ich Ihnen nicht sagen, daß Sie sich irren, daß der allertiefste Ernst aus mir sprach bei dem, was ich so kühn war, Ihnen zu gestehen!

O nein, nein! unterbrach ihn Anna mit derselben eigenthümlichen Heftigkeit, womit sie eben gesprochen. Sagen Sie mir das nicht – ich versichere Ihnen, es ist mein allerhöchster Wunsch, daß Sie mich bei dem Glauben lassen, Sie hätten sich einen gnädigen Scherz mit einer armen Gouvernante erlaubt! Weshalb sollte das ein junger Herr wie Sie nicht? Ich bin nicht zimperlich, nicht lächerlich – reizbar ich war neulich nur ein wenig ernst gestimmt, von andern Gedanken eingenommen, sonst hätte ich gleich mit Ihnen über Ihre poetische Anwandlung bei Gelegenheit von Tannen und Palmen gelacht und Ihnen gezeigt, daß Sie nicht heute darauf zurückzukommen brauchten in Erklärungen, die mir geradeaus sehr unangenehm sind! Ich versichere Ihnen, ich werde am besten von Ihnen denken, wenn Sie mich glauben lassen, Sie hätten gescherzt und seien kein solcher Pedant, einen Scherz nicht vergessen zu können und ihn breit erörtern zu müssen.

Das kann nicht Ihr Ernst sein, Fräulein Morell, Sie müssen von mir besser denken, wenn ich Ihnen sage, ich habe durchaus nicht beabsichtigt, leichtsinnig mit den Gefühlen eines jungen Mädchens zu spielen, mit keiner andern Absicht, als eine Befriedigung der Eitelkeit zu suchen, herzlos und gewissenlos, wie es so oft geschieht – nein, nein, ich habe gesprochen wie ein ruhig seine Worte abwägender ehrlicher Mann, und was ich gesprochen, wiederhole ich: ich habe in Ihnen mein Ideal gefunden, ich werde werben um Sie, um Ihre Liebe, um Ihre Hand mit all der Beharrlichkeit, welche eine tiefe Neigung, von der ich fühle, daß sie über mein ganzes Leben entscheidet, nur eingeben kann! Mögen Sie dieses Geständniß aufnehmen, wie Sie wollen, Sie werden daraus ersehen, daß ich nichts gethan habe, was Ihnen als Leichtsinn, als Uebermuth, als Mangel an Achtung gegen Sie erscheinen müßte!

Anna blickte erbleichend zu Dankmar Hinüber. Er vermied, in seiner peinlichen Aufregung ihren Blicken zu begegnen.

Es wäre mir wirklich lieber gewesen, wenn Sie meine Bitte erfüllt hätten, Herr von Gohr! sagte sie dann. Das, was Sie eben gesprochen, stellt Sie nicht höher in meiner Achtung – haben Sie mich neulich vielleicht verletzt, so hatte ich das vergessen; heute bedrängen Sie mich, während Sie sehen, wie sehr ich dies fürchtete – lassen Sie uns jetzt endlich dieses Gespräch abbrechen …

Abbrechen, bevor ich Ihnen gesagt, wie grenzenlos und leidenschaftlich die Neigung ist, welche Sie mir eingeflößt haben, wie ich seit den wenigen Tagen, wo ich Sie sah, nur noch in dem Gedanken an Sie lebe und athme?

Sagen Sie mir nichts weiter, ich bitte Sie darum – flehentlich! rief Anna fast weinend aus. Beweisen Sie mir diese vorgebliche Neigung dadurch wenigstens, daß Sie meine Bitte erfüllen, mich jetzt zu verlassen.

Dankmar konnte nicht anders, als solchen Worten und dem Tone, worin sie gesprochen wurden, nachgeben. Mit einer eigenthümlichen Mischung von Verwunderung und Niedergeschlagenheit blickte er sie an; aber er blieb stehen.

Mein Gott, Fräulein, wenn es so ist, dann gehorche ich freilich! Aber können Sie denn wirklich von mir gehen, ohne ein einziges versöhnendes Wort …

Adieu, Herr von Gohr! adieu! rief Anna in hülfloser Verwirrung aus und eilte davon.

Dankmar stand wie an den Boden geheftet, während er ihr nachblickte.

In der That, sagte er, das ist räthselhaft, das ist unerklärlich! Leichtsinniges Spiel mit ihr findet sie verzeihlich, ein ehrliches Werben nimmt sie auf, als sei es ein Verbrechen! Seltsames Weib! Aber so viel ist klar, mein Werben ist hoffnungslos – mein Leben einmal wieder um eine Hoffnung ärmer – ärmer um die schönste! Wozu verlohnt es jetzt, überhaupt noch zu leben? … Wäre Hermine nicht, ich glaube, ich …

Dankmar endete nicht; er ging zurück und warf sich auf die Steinbank nieder und seine Büchse vor sich auf den Boden; auf seiner Stirn stand ein Schmerz eingeschrieben, als hätte er eben den Lauf derselben wider diese Stirn richten können.

Und Anna, als sie, halb außer sich, davon auf Haus Edern zueilte, rief für sich aus:

O, wenn nur das nicht, nur das nicht geschehen wäre! Wenn ich nur meinen letzten Glauben hätte bewahren dürfen – denn an ihn, an ihn habe ich geglaubt! Aber nun auch fort von hier, fort, so rasch ich mich loslösen kann!


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