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Schluß.

Lessing produziert die richtige philosophische Stimmung – Das enthusiastische Element in Lessings Denken


Lessing hat nur ein Alter von 52 Jahren erreicht. Wird ein solcher Mann so frühe weggerafft, so pflegt man im Tone des Bedauerns zu rühmen, wie viel er bei längerem Leben noch hätte leisten können. Es ist wohl eher in Lessings Sinne, wenn wir unbefangen zugeben, daß er gestorben ist, als er sein Tagewerk vollbracht hatte. Als Dichter hatte er sich wohl nach seinem eigenen Gefühl mit der »Emilia Galotti« erschöpft. Auch in seinem Verständnis der Kunst ist er gewiß bis zu einer Grenze vorgedrungen, die er nicht zu überschreiten vermochte. Nach seinen theologischen Kämpfen sind keine höheren, ernsteren mehr zu denken, die seinem Dasein eine neue, stärkere Spannung hätten geben können. Endlich zeigen auch seine Gespräche mit Jacobi, daß er sein Nachdenken über die höchsten Fragen der Weltanschauung abgeschlossen hatte. Aber diese seine letzten Gedanken waren nicht von der Art, daß es ihn hätte reizen können, sie zusammenhängend darzustellen. Er hätte auf mehr guten Willen des Verständnisses rechnen müssen, als er nach seinen Erfahrungen mit Feind und Freund voraussetzen durfte; und gewiß war mit der zweifelnden Frage auch sein Interesse erloschen. So fragmentarisch alles ist, was er geschaffen, so war er doch fertig.

Und nachdem wir nun die Gedankengänge überschaut, die er als Philosoph durchlaufen, wiederhole ich, daß man sich wohl aus philosophischem Interesse mit Lessing beschäftigen dürfe. Für unser philosophisches Wissen können wir aus ihm allerdings wenig Nutzen ziehen, weniger als aus dem nächsten besten Handbuch; als Philosophen dagegen werden wir aus ihm so viel gewinnen als von irgend einem. Darüber noch ein paar Worte.

Lessing vermag etwas, das nicht jedem Philosophen gelingt; er vermag uns in die rechte philosophische Stimmung hineinzuziehen. Die Philosophie ist nicht bloß ein Wissen, sondern eine Existenzweise, der eine bestimmte Stimmung entspricht. Philosophie ist dämonische Wahrheitsliebe, gegen die alle andern Interessen eitel erscheinen, gegen die namentlich kein parteiisches, kein selbstisches Interesse aufkommen kann. Lessings größte Furcht ist, in einem Vorurteil, einem Wahn befangen zu bleiben. Obgleich er seine Gedanken mit Vorliebe an denen andrer Denker entwickelt, sind ihm diese andern als Personen doch sichtlich gleichgültig. Was ist ihm Aristoteles, Leibniz, Spinoza, Winckelmann? Was ist ihm Reimarus und Goeze, Gottsched und Klotz? Menschen, die ihn und andere im Streben nach der Wahrheit fördern oder hemmen; sonst nichts. Seine Liebe und sein Haß sind gleich objektiv. Und was ist er sich selbst? Das gleichgültige Subjekt zu seinen Gedanken. Er wünscht keinen Satz deshalb durchzusetzen, weil er ihn einmal aufgestellt hat. Er scheut aber auch nicht den Schein der Rechthaberei, wenn er es zufällig ist, der nach seiner Meinung Recht hat. Im Reich der Wahrheit kennt er keine Privilegien, läßt andern keines gelten, macht für sich auf keines Anspruch. Wie nützlich, wie nötig ist es, daß wir je und je unter der Leitung eines solchen Mannes unsre exercitia spiritualia durchmachen! In Fragen der Weltanschauung können sich ja eitle Selbst- und Parteisucht am bequemsten breit machen, da der Gegenstand der Untersuchung eine zwingende Beweisführung unmöglich macht. Und so ruft man: ›hie Jesus!‹ ›hie Buddha!‹ ›hie Kant!‹ ›hie Nietzsche!‹ – wie wenn nicht diese Personen gegen die Gedanken, die sie in Umlauf gebracht haben, eine so gleichgültig wären wie die andre; wie wenn die philosophische und religiöse Frage nicht bloß die wäre, ob ihre Gedanken eine innere Wahrheit haben, die sie, abgesehen von ihrem Urheber, jedem redlichen Wahrheitsforscher immer aufs neue empfiehlt.

Ferner kann uns Lessing des Aberglaubens entwöhnen, als ob das Denken eine Kunst wäre, bei der es auf besondere Griffe und Kniffe ankäme. Solche mögen in den Spezialwissenschaften ihren Wert haben; das Denken, dessen Ziel ist, eine Weltanschauung zu gewinnen, also das philosophische oder religiöse Denken, erfordert nichts als einen aufgeschlossenen Sinn und einen gesunden Verstand. Man sieht doch nachgerade, worin der Hauptwert der besonderen, Schule begründenden Methoden in der Religionsphilosophie liegt. Brücken sind sie, die das Unvereinbare verbinden sollen. Lessing ist vorwiegend Religionsphilosoph und hat doch keine Religionsphilosophie; er wendet nur seinen gesunden Verstand gerne auf religiöse Fragen an, weil sie ihn interessieren. Im übrigen denkt er auf dem Gebiete der Religion nach derselben Methode, die alle natürlichen Menschen immer befolgt haben und immer befolgen werden. Er tritt in eine religiöse Tradition ein; er nimmt wahr, daß er, was sein Gedächtnis aufgenommen hat, deshalb noch nicht versteht; er sucht also die überlieferte religiöse Wahrheit zu verstehen, eignet sich als eigne Überzeugung zu, was er zu verstehen glaubt, läßt vorläufig dahingestellt sein, was ihm dunkel bleibt, lehnt ab, was er als Irrtum zu erkennen glaubt. Eine Methode, die durchaus genügt, wenn man nicht aus Nebengründen eine Meinung als Wahrheit behaupten, die andre als Irrtum verwerfen möchte; wenn man nicht ein Interesse daran hat, das Wort beizubehalten, nachdem man den Sinn aufgegeben hat. Ferner weiß Lessing, daß es ohne Enthusiasmus keine Weltanschauung gibt, und er weiß, daß der Enthusiasmus sich gerne betrügt. Also unterdrückt er enthusiastische Regungen nicht, wenn sie aus ihm selbst entspringen, und hält sich fremdem Enthusiasmus offen, soweit es seine Natur gestattet; läßt sich aber durch keinen Enthusiasmus zum Behaupten hinreißen, sondern schiebt das Behaupten hinaus, bis er, ernüchtert, seine guten Augen wieder gebrauchen kann. Heute benützt man den Enthusiasmus nicht mehr bloß als Wünschelrute, sondern als Beweis: man behauptet im Namen der praktischen Vernunft oder des religiösen Bedürfnisses, was man mit seiner theoretischen Vernunft lieber verneinen möchte. Ich muß gestehen, daß ich eine solche geistige Haushaltung je länger, desto weniger begreifen kann; das Verhältnis zwischen Herz und Kopf, wie Lessing es annimmt, dünkt mir viel natürlicher und ersprießlicher. Und in einem Philosophen sollte weder Herz noch Kopf so eigenwillig sein, daß sich beide nicht auf einen modus vivendi vereinigen könnten. Weiter werden sie's allerdings nicht bringen, als daß sie sich von Fall zu Fall immer wieder verständigen. Die berühmte feste Überzeugung erreicht man auf Lessings Weg nicht. Wer aber nicht aus Nebenmotiven eine gewisse Wahrheit haben sollte, kann sich auch ohne sie behelfen.

Wie Lessing mit der religiösen Überlieferung abgerechnet hat, ist in dieser Schrift so in den Vordergrund getreten, daß ich darüber nichts mehr zu bemerken habe. Dagegen muß ich das enthusiastische, intuitive Element in Lessings Denken noch besonders hervorheben. Es ist nur schwach entwickelt; aber die wenigen Punkte, an denen es deutlicher hervortritt, sind wenigstens mir lehrreich genug.

Seinen Optimismus möchte ich nicht hierher rechnen, und ebensowenig seinen Glauben an eine Re-incarnation. Beide sind für eine richtige Intuition zu abstrakt, zu schematisch, zu farblos. Der Optimismus ist z. T. bloß natürliche Lebensstimmung, z. T. Nachwirkung des Kinderglaubens; auch die Seelenwanderung macht mir mehr den Eindruck einer Hilfskonstruktion für den Optimismus als eines erschauten Gedankens. Dagegen ist wohl nicht anzunehmen, daß Lessing seine Auffassung des Tragischen nur aus dem Optimismus gefolgert hätte, auf den er sie stützt; vielmehr scheint sie mir einer ursprünglichen Intuition zu entspringen. In dem Eindruck des Tragischen verbindet sich das Gefühl des unendlichen Werts der Persönlichkeit mit dem Gefühl, daß sie in dem Weltenhaushalt nichts gilt; und merkwürdigerweise werden wir durch das Tragische nicht niedergedrückt, sondern gehoben, nicht entmutigt, sondern belebt. Wer das erklären könnte, hätte das Rätsel des Menschen gelöst. Lessing hat eine Theorie der Tragödie übernommen, die dem tiefsten Problem des Daseins mit einer banalen Abrechnung über Schuld und Unglück beizukommen glaubte. Aber er hat das Tragische zu tief empfunden, zu klar geschaut, als daß er sich damit hätte zufrieden geben können. Beantwortet hat er freilich die Frage nicht, die es uns stellt; aber er hat uns wenigstens auf einen guten Weg gebracht, sie als Frage zu verstehen. Indirekt leistet er uns dadurch noch einen zweiten, großen Dienst: er illustriert uns die Bedeutung des Ästhetischen für die religiöse oder philosophische Erkenntnis. Die Religion will das Rätsel des Menschen lösen; und ebenso die Philosophie, soweit sie nicht bloße Wissenschaftslehre sein will. Nun ist es aber allein das Leid, das uns das Dasein zum Rätsel macht; ohne Gefühl ist also das Rätsel des Lebens nicht zu erkennen. So lange wir aber wirklich von Lust und Leid hin- und hergeworfen werden, sind wir nicht fähig, das Problem zu fassen, das unser Erleben uns stellt; da sehen wir nur die praktische Frage, wie wir etwa vom Leid zur Lust uns durchkämpfen könnten. Um das Leben als Problem zu verstehen, sollten wir seine höchsten Erregungen erleben, ohne doch unter ihren besinnungraubenden Druck zu kommen. Das geschieht in dem ästhetischen Miterleben des Tragischen. Es ist also keine zufällige Laune, daß Lessings Theorie der Tragödie in einer religiösen Expektoration gipfelt: die ästhetische Empfindung ist sozusagen ein religiöser Sinn.

Einer ursprünglichen Intuition scheint mir auch Lessings höchst einfache Lösung des Freiheitsproblems zu entspringen: »Ich begehre keinen freien Willen.« Damit ist die Sache für ihn erledigt; und anders wird in der Tat niemand mit dem »freien Willen« fertig. Wir müssen Lessing nur richtig verstehen. Er meint natürlich nicht, daß er einen »freien Willen« wollen oder ablehnen könne. Aber der Glauben an den freien Willen fließt aus der jedem angeborenen Wertschätzung seines freien Willens. Wer den Wahn überwunden hat, daß mit der Freiheit seines Willens Wert und Würde seiner Existenz stehe und falle; wer in diesem point d'honneur der Menschheit gleichgültig geworden ist: der verzichtet leicht auf den »freien Willen«, den man sofort gar nicht mehr sieht, wenn man ihn zur Erhaltung seines Selbstgefühls nicht mehr braucht. Daß dies Lessings Fall ist, verrät er durch die unerschütterliche Gleichmütigkeit, mit der er sich von Jacobi die Konsequenzen seines Fatalismus ziehen läßt. Und wenn nicht von ihm, so können wir doch an ihm lernen, wie die Frage der Freiheit auf- und anzufassen sei. Daß der Mensch frei sei oder nicht frei, ist freilich kein metaphysischer Lehrsatz, über den man mit Gründen streiten könnte. Keine Analyse des Willens und Entschlusses läßt Raum für die Freiheit übrig; und wer sich frei sieht, wird durch keine Psychologie des Irrtums überführt. Nimmt er die Unfreiheit in der Theorie an, so folgt er doch in der Praxis seinem unmittelbaren, unwiderleglichen Freiheitsgefühl. Darum können auch sogenannte Deterministen behaupten, daß es für die Praxis ganz gleichgültig sei, ob man den Willen für frei oder für unfrei halte. Aber die Freiheit ist auch nicht, wie Kant meint, eine Grundtatsache, ein Postulat der praktischen Vernunft. Wenigstens werden wir Lessing die praktische Vernunft nicht absprechen wollen, weil er keine Freiheit begehrte. Vielmehr ist es nur eine Frage des geistigen Alters, ob der Mensch sich noch frei sieht oder nicht mehr frei sieht. Lessing hat gewiß auch einmal seinen Willen frei haben wollen; wenn Jacobi das nötige Alter erreicht, wird er seinen Willen nicht mehr frei haben wollen. In den klimakterischen Jahren der Geistesentwicklung tritt eine Unsicherheit der Selbstauffassung ein, so daß die Persönlichkeit sich alternierend oder zugleich frei und unfrei zu sehen glaubt; wie in den Krisen der religiösen Entwicklung auch Kopf und Herz, Glauben und Wissen in Widerstreit geraten. Aber es heißt die Halbheit zum Prinzip machen, wenn man die Spannungen des Übergangs zu einem Gegensatz der theoretischen und praktischen Vernunft, der theoretischen und praktischen Wahrheit fixieren will. Eine Verständigung zwischen Indeterminismus und Determinismus gibt es nicht. Der Indeterminist wird nie begreifen, daß sein unmittelbares Freiheitsbewußtsein ihn sollte betrügen können; der Determinist sieht freilich, daß jener das nicht begreifen kann, – und verzichtet eben deshalb darauf, es ihm begreiflich zu machen.

Wie viel Intuition in Lessings Aussagen über Gott verwertet ist, möchte schwer zu schätzen sein. So früh die Neigung zu einem pantheistischen Gottesbegriff bei ihm zu bemerken ist, so ist sie doch eher aus Reflexion als aus Intuition zu erklären. Ein »persönliches Verhältnis« zu Gott scheint er nie gehabt zu haben; dann trieb ihn aber die logische Konsequenz notwendig darauf hin, in Gott Denken und Wollen zusammenfallen zu lassen, woraus weiterhin ein strenger Pantheismus folgen muß. Auch seine Behandlung des Tragischen läßt noch nicht vermuten, daß ihm das ἕν καὶ πᾶν vor Augen gestanden wäre: da sieht er Gott und die Welt noch nicht ineinander. Anders verhält es sich doch wohl in seinen letzten Jahren. Daß er ausdrücklich einen außerweltlichen Gott ablehnt, ist zwar an sich nicht beweisend: es wäre auch möglich, daß er endlich nur die letzte Konsequenz einer logischen Bewegung vollzogen hätte. Aber der sichere Humor, mit dem er Jacobis Glauben an eine verständige, persönliche Ursache der Welt an sich abgleiten läßt, deutet nun doch daraufhin, daß er seiner Sache durch Intuition gewiß geworden ist. Zu verwundern wäre es nicht, wenn dies erst spät bei ihm eingetreten wäre. Er hatte in seinem Wesen zu wenig ruhige Beschaulichkeit, als daß er das Ewig-Eine in dem Wechsel der Erscheinung leicht hätte entdecken und sicher im Auge behalten können.

Ob nun aber Lessing richtig gesehen hat? Ob das gemeinen Augen so befremdende System, zu dem er sich schließlich bekannte, eine richtige Projektion des Daseins ist? ob nicht vielmehr eine bloße täuschende Phantasie? Darüber möge urteilen, wer eine geistige Höhe erstiegen hat, die den Hügel überragt, von dem Lessing etwas mehr als den vorgeschriebenen Weg des Tages zu übersehen glaubte (13, 415). Nach Lessing selbst ist die materiale Wahrheit, die er etwa entdeckt hatte, für uns gerade das Unwichtigste an seinen Gedanken. Unsere eigene Weltanschauung müssen wir doch der Welt selbst absehen, und mit unsern eigenen Augen.

 


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