Maximilian Schmidt
Die Schwanjungfrau
Maximilian Schmidt

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XI.

Berchtold, der glückliche Bräutigam Regerls, welche nunmehr in Königssee in seiner nächsten Nachbarschaft weilte, ließ sich in seinem Diensteifer dadurch nicht beirren. Sein Pflichtgefühl machte dem Herzen keine Zugeständnisse. Wegen seiner Braut kürzte er seine Waldgänge nicht ab oder blieb gar zu Hause bei süßem Geplauder, statt in seinem Revier herumzustreifen.

Heute wollte er dieses um so mehr im Auge behalten, als infolge des Almabtriebes manche Ungehörigkeiten vorkommen konnten, vor denen man sich in acht nahm, wenn man den Förster unterwegs wußte.

Er war zur Saletalpe gefahren und stieg nun bei herrlichstem Herbstwetter die steile Kaunerwand hinan, um dann zur Gotzenalm zu gelangen.

Vorsichtig stieg er zu Berg. Aber ebenso vorsichtig stieg zu gleicher Zeit und auf demselben Steige der Grafenpeter zu Thal. Einen prächtigen Rehbock trug er offen mittels des Riemens auf dem Rücken.

Keiner der beiden Männer hatte eine Ahnung, gerade auf einem der gefährlichsten Steige sich zu begegnen; beide prallten erschrocken einen Schritt zurück, als sie sich über 152 einem kleinen Felsenvorsprung plötzlich auf wenige Schritte gegenüberstanden.

Aber dieses Verhoffen währte nur einen Augenblick, im nächsten hatte Peter das Wild abgeworfen und das Gewehr von der Schulter gerissen. Ebenso flink war Perlacher.

»G'wehr ab!« rief dieser, »und laß uns red'n!«

Der Wilderer aber hatte seine Büchse eher an dem Backen und mit den Worten. »Zwischen uns is ausg'red't!« drückte er ab.

Aber Perlacher, flink wie eine Gemse, hatte sich geduckt und war mit einem Sprunge hart an dem Gegner, er schlug ihm die Büchse nach aufwärts – der Schuß dröhnte durch die klare Luft und hallte in vielfachem Echo von den Felsenwänden wieder; aber noch war er nicht verschollen, als sich die beiden Männer schon gegenseitig gepackt hatten. Berchtold hielt dabei seine Flinte fest.

»Ergieb di!« rief der Jäger wieder, »oder i wirf di awi ins Gwänd.«

»Du fallst mit mir!« entgegnete der Wilderer, »iatz is 's oa' Teufl. I hon dir 'n Tod gschworn – und iatz sollst 'n hab'n, sollt aa i mit dir z' Grund geh'!«

Der Jäger wandte all seine Stärke an, seinen Gegner von sich los zu bringen. Peter aber, der sein Gewehr fallen ließ, um freie Hand zu haben, hatte sich fest an ihn geklammert und suchte seinerseits, Berchtold hinabzustürzen. Da fielen beide ab, fast drei Klafter tief auf einen Felsenvorsprung. Sie hatten sich im Fallen nicht losgelassen, wie zusammengewachsen fielen sie auf die bemooste Felsenplatte.

Der Grafenpeter war auf den Boden zu liegen gekommen, Berchtold war obenauf.

153 »Iatz hätt'n wa's erste Wandl!« sagte der Grafenpeter, nachdem er sich vom Falle etwas erholt hatte. »Laß mi aus!«

»Nit ehnda, als du ergiebst di – sunst bist verlorn!«

»Dös is no' d' Frag, wer von uns zwoa verlorn is,« rief Peter. »I hoff, daß i di wieder unter mi bring.«

»Dös g'lingt dir nit! I dadrossel di, wennst di nit giebst.«

Die Antwort war ein abermaliges Ringen, ein Ringen auf Tod und Leben. Wieder waren sie dem Rande der Wand nahe gekommen, wieder verloren sie den Boden unter sich.

Ein Schreckensschrei tönte aus beider Mund. Beide glaubten, es ginge hinab über das schaurige, senkrechte Gewänd, hinab in das schwarze Gewässer des Sees. Berchtold ließ die Büchse fallen, die beiden Kämpfenden hielten sich im Sturze noch krampfhaft umfaßt.

Da fielen sie auf Latschengestrüpp, welches sich auf einer schmalen Felsenbank befand. Beide waren auf einige Augenblicke betäubt, beide bluteten, aber rasch erholten sie sich wieder.

»Iatz hätt' ma's zwoat Wandl!« sagte mit eigentümlichem Humor der Wilderer. »Und i bin obenauf!« setzte er wie triumphierend hinzu.

Er war in der That obenauf, der Jäger unter ihm. Ein paar Falken, welche aus ihrem Horst aufgeschreckt wurden, machten kleine Zirkel um die Abgefallenen.

»Ergieb di!« rief der Jäger wieder. Er fühlte, daß seine Glieder noch ganz, und neuer Mut regte sich in ihm,

Aber der Wilderer fühlte sich ebenfalls wieder.

154 »Na'!« rief er, »iatz is koa' Umkehr mehr, iatz mußt awi ins Gwänd!«

Und er packte wieder fest an und zerrte den Jäger zum Abgrund. Dieser wehrte sich wie ein Löwe. Mit fürchterlicher Kraftanstrengung schleuderte er den Wilderer von sich, dieser wankte und fiel mit einem wütenden Schrei kopfüber ab; aber auch der Jäger verlor das Gleichgewicht, auch er fiel, auch er schwebte über der gähnenden Tiefe, aber instinktartig hatten sie beide im Fallen die Äste einer wagrecht aus der Felsenritze herausgewachsenen Tanne erfaßt, die nun mit der ungewohnten Last schaurig hin und her schwankte, als wollte sie die Hilfesuchenden die senkrecht steile, schauerliche Wand hinabschnellen in die heraufschimmernden Fluten des Königssees.

Doch sie ließen sich nicht abschütteln.

Peter war dem Stamme des Baumes zunächst, während sich Berchtold mehr dem Gipfel zu befand. Die Wurzeln des nicht allzu großen Baumes drohten sich von dem Felsen, den sie umklammerten, loszureißen. Moos und Steine fielen in die Tiefe voraus.

»Iatz is 's aus!« sagte der Grafenpeter. »Mei' Ahndl verhungert; sunst halt mi nix auf der Welt und woant mir neamd nach!«

»Mir woant mei' Bräutl nach, mei' Regerl!« sagte Berchtold. »Sie bleibt mei' letzter Gedanken! Mei' Muatta im Himmel oben wird's trösten, mei' arm's Regerl!«

Peter horchte mit aufgesperrtem Munde.

»Sabina willst sag'n? D' Griller Sabina is do' dei' Hochzeiterin?«

»D' Sabina?« rief Berchtold. »Die hat auf di ghofft, hat 'n Förster z' Bartlmä so lang bitt, bis er ihr 155 versprochen hat, daß er di als Jagdknecht nimmt, sobald d' frei bist. D' Sabina lebt und stirbt für di. Mei' Deandl, mei' Bräutl aber is 's Regerl.«

»Jeß, Maria und Josef!« schrie jetzt Peter, »so hon i di in falschen Verdacht g'habt! Was hon i ang'fangt! Na, du därfst nit sterbn, du bist a braver Mensch, i aber bin a Abschaum, a Fressen für d' Fisch oder d' Geier. I will alloa' z' Grund gehn!«

»Es is koa' Hilf mehr,« sagte Berchtold, »jeden Augenblick reißt d' letzt' Wurzel, wir stürzen mit 'n Baam awi. I mach mei' Reu und Leid; unser Herrgott wird an' braven Jäger gnädi sei'!«

»Woaßt was,« sagte Peter, »i tritt auf d' Wurz und schnell 'n Stamm gen d' Wand zua. Den Schneller benutzt und schaugst, daß d' di an die Latschen durt oben anklammern kannst, weiter oben is wieder oane, die kannst leicht dalanga und dort is glei a Felsenbank, grad wier a Kanzl – i war schon amal durt; aftn kannst die leicht umihandeln bis wo der Wildbach awi laaft und kimmst auf d' Kauneralm und d' Gotzenalm. Fluch mir nit, sei glückli! Grüaß ma d' Sabina und mei' Ahndl, laß 's nit verhungern – bist g'richt? I roas iatz furt. Fang d' Latschen! Iatz! – –«

Peter hatte mit der linken Hand die sich an den Felsen in senkrechter Richtung anklammernde Wurzel erfaßt, während er mit dem rechten Arm unter riesiger Anstrengung den wankenden Stamm nach aufwärts schnellte. Dies hatte zur Folge, daß sich der Tannengipfel der Wand soweit näherte, daß Berchtold sich in der That an einer Latsche festklammern konnte, zugleich aber riß die letzte Wurzel des Baumes vom Felsen, so daß derselbe mit dem 156 heroischen Grafenpeter krachend in die schauerliche Tiefe des Königssees hinabstürzte.

Berchtold kletterte, wie es ihm Peter geraten, zu dem weiter oben herauswachsenden Latschengesträuch und konnte sich von hier aus mit letzter Kraftanstrengung auf eine schmale Felsenbank schwingen. Es war die letzte Anstrengung, denn kaum fühlte er festen, sicheren Boden unter sich, so verließ ihn das Bewußtsein und er fiel ohnmächtig der Länge nach zu Boden.

Wohl über eine Stunde mochte er so dagelegen haben, bis sein Bewußtsein wieder zurückkehrte. Er erhob sich, noch an allen Gliedern zitternd. Er nahm einen Schluck aus seiner Schnapsflasche und fühlte sich bald etwas kräftiger. Angestrengten Blickes forschte er dann nach der abgefallenen Tanne und nach dem Grafenpeter. Jene hing am felsigen Ufer und tauchte in die leise bewegte Flut – dieser aber war nirgends zu erspähen und nichts war gewisser, als daß er im See sein Grab gefunden. Berchtold betete in tiefer Bewegung ein Vaterunser für seine Seele.

Es galt nun, einen Weg zu finden und dies fiel ihm glücklicherweise nicht besonders schwer. Die schmale Felsenbank, bis jetzt wohl nur von Gemsen und den kühnsten Edelweißbrockern begangen, zog sich, wenn auch nur wenige Fuß breit, die ganze Kaunerwand entlang bis hin zu dem Sturzbach.

Mit langsamem, aber sicherm Tritte suchte der Jäger die gefährliche Stelle zu passieren. Endlich, am Sturzbache angelangt, ruhte er aus, trank von dem Wasser und wusch sich das Blut von einer beim zweiten Abfall erhaltenen Kopfwunde. Von hier aus war es nicht mehr schwer, 157 den Weg zur Gotzenalm zu finden, wo er zum Tode ermattet anlangte.

Sang und Tanz verstummten sofort bei Ankunft des blaß aussehenden Oberjägers, dessen Kleider zerrissen und blutbefleckt waren. Alles umringte ihn neugierig und teilnahmsvoll.

Berchtold aber sprach nur von einem unglücklichen Abfall, bat die Leute, sich in ihrer Lustbarkeit nicht stören zu lassen und ersuchte die Sennerin, ihm für eine kurze Weile, bis er sich wieder gekräftigt, ein Lager anzuweisen.

Die Sennerin führte ihn zu ihrem eigenen Kreister, verband ihm seine Wunde, reichte ihm einen guten Almkaffee, und sobald sie den Almgästen sagen konnte, daß sich der Oberjäger ganz gut befinde, nahmen diese die unterbrochene Lust wieder auf, die Klampfen (Guitarre) und Zither kam wieder in Thätigkeit, Sang und Juhschrei hallten über die Berge und im Schuhplattler drehten sich die kräftigen Paare.

Berchtold aber ruhte auf dem Kreister, seine Lippen bewegten sich zu einem stillen Gebete; es galt der Seele seines hochherzigen Feindes. – Er hätte jetzt um ihn weinen mögen, wie um einen geliebten Bruder. – 158


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