Maximilian Schmidt
Humor (erste Reihe)
Maximilian Schmidt

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Der Regimentskadett

Ist nichts so schön und nichts so nett,
Als ein Regimentskadett,
Und seine Silhouett' – Silhouett'
Hängt über mein Bettstatt'l weg.
       

Hat das zweierlei Tuch ohnehin schon eine unbestrittene Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht, so waren vor der Armeereorganisation die Regimentskadetten fast überall Hahn im Korbe. Jetzt giebt es keine solchen mehr. Nur die Söhne des Adels, der Offiziere und der im Kollegialratsrange stehenden Beamten genossen das Vorrecht, bei ihrem Zugange zum Militär diese bevorzugte Stellung einzunehmen. Sie mußten von Unteroffizieren und Soldaten mit »Herr« angesprochen werden, waren von den sogenannten »Fatiguen« frei und durften Uniformen aus »feinem Tuche« tragen. So ein schmucker Regimentskadett in flotter Uniform, mit mädchenhafter Taille, natürlich engem Beinkleid und fein lackierter weißer Kuppel um die Schulter, vielleicht auch mit grünseidenen Schützenschnüren geschmückt, an denen ein silbernes Pfeifchen hing, zog schon an und für sich die Augen aller auf sich, und entsprach seinem gefälligen Anzuge und seiner 243 schönen Figur auch noch sein sonstiges Äußeres, so durfte er gewiß sein, daß sich viele schöne Augen wohlgefällig und mit freundlichem Blicke nach ihm wandten.

Das wußte auch der Regimentskadett und Korporal Alfred von Stock, der hochgewachsen, von adeligen Manieren und ein schöner junger Mann mit einem spitzen dunklen Schnurrbärtchen und dunklen Augen war. Wenn er so in den Straßen herumschlenderte, das Haubajonett, welches auf den Schützenstutzen gepflanzt wurde, im linken Arm tragend, mit der schneeweißbelederten Rechten nach rechts und links salutierend, mochte sich mancher Vorübergehende denken: »Ein hübscher Mann! Gerade wie einst sein Vater, der Major!«

Major von Stock lebte in Pension, ein kleines Häuschen mit Garten vor dem Thore der Stadt war sein Eigentum. Er war einst ein fescher Kavallerieoffizier gewesen, hatte die griechische Expedition mitgemacht und sich bei den Kämpfen in der Maina so tapfer geschlagen, daß er mit dem griechischen Erlöserorden dekoriert wurde.

Dieser letztere brachte ihm, nachdem er glücklich in die Heimat zurückgekehrt war, die Beförderung zum Major. Doch mußte er infolge eines Sturzes vom Pferde, der ihm einen steifen Arm eintrug, den Dienst verlassen.

Es war hart für den noch rüstigen Mann, zur Ruhe verdammt zu sein, und um sich einigermaßen die Zeit zu vertreiben, kaufte er sich das Häuschen und verrichtete Taglöhnerdienste in seinem Garten, den er selbst bearbeitete. Dabei trug er stets die Abzeichen des Stabsoffiziers, die Sporen, welche er wohlgefällig klirren hörte, wenn er auf das Grabscheit trat, mit dem er die Gartenbeete umstach.

Seine Familie bestand aus Frau und Sohn, der 244 etwas Latein- und etwas Gewerbeschule besuchte, aber außer einer schönen Handschrift wenig sein eigen nennen konnte. Doch genügte das Wenige, was er wußte; er wurde mit achtzehn Jahren Regimentskadett und hatte damit eine gewisse Stellung in der Welt und in der Armee.

Der biedere Hauptmann Joseph Dirschl war sein Kompagniekommandant, ein gutmütiger alter Herr, der sich zufrieden fühlte, seine »Pfarrei« erreicht zu haben, nämlich den Hauptmann 1. Klasse mit eintausendzweihundert Gulden jährlichem Gehalt. Er hatte ein echtes Hauptmannsbäuchlein, das sich bei der damaligen Frackuniform sehr auffällig bemerkbar machte. Dabei war er von kleiner Statur, die von dem großen, hohen Helm mit dem mächtigen Bärenschweif fast erdrückt wurde.

Dieser Hauptmann Dirschl erfreute sich einer hübschen Frau und eines reizenden Töchterchens mit Namen Laura. Seine Wohnung lag in der Nachbarschaft des Stockschen Hauses, ebenfalls in einem kleinen Familienhause, aus welchem die Kaution seiner Frau bestand. Gleich dem Major hatte er sein Gärtchen am Hause, in welchem er nach pflichtgetreuer Diensterfüllung als Gärtnermeister und Geselle sich bewährte, welche Stellungen er in sich vereinte, wenn er in weißem Sommerrock und großem Strohhute in seinem Garten hantierte. Er konnte über die Gartenplanke zum Major hinübersprechen, wenn er sich auf einen Schemel stellte. Täglich wurde da im Gespräche der Barometerstand verglichen, über die Salat- und Kohlrabipflanzen und dann schließlich um das gegenseitige Wohlbefinden der Familien Nachfrage gehalten.

Es kann nicht Wunder nehmen, daß bei diesen freundnachbarlichen Verhältnissen der Väter auch die Frauen und 245 folgerichtig auch die Kinder sich gegenseitig angezogen fühlten. Diese Anziehung führte bei den Müttern zur Freundschaft, bei den Kindern aber, von denen das eine ein Regimentskadett, das andere ein hübsches, heiteres siebenzehnjähriges Mädchen war, zu einem viel innigeren Verhältnisse.

So über die Bretterwand hinüber oder auch durch eine Spalte derselben zu grüßen und zu lispeln und Briefchen auszutauschen, das machte den jungen Leuten ein unaussprechliches Vergnügen; es bildete ihr süßes Geheimnis. Aber Lauras Papa kam alsbald dahinter und fand es für gut, mit Daumen und Zeigefinger, wie er sich gerne sprichwörtlich ausdrückte, die noch zu bewältigende Flamme auszulöschen. Er machte ein Kreuz bei der Erinnerung an die Jugend des nachbarlichen Majors – denn der Apfel, dachte er, fällt nicht weit vom Stamm.

Er konnte in dienstlicher Beziehung nicht über Alfred von Stock klagen. Dieser hatte seit Jahren keine Strafe, war seit langem zum Offizier vorgeschlagen und mußte beim nächsten Armeebefehl endlich an die Reihe kommen. Alfred war in Gesellschaft sehr beliebt, hatte sich auf seiten des schönen Geschlechts mancher Siege, selbst über Offiziere, zu erfreuen, doch mußte er sich stets wieder zeitig zurückziehen unter dem Vorwande seiner noch bescheidenen Stellung.

Aber von Laura zog er sich nicht mehr zurück – höchstens wenn er die Stimme ihres Vaters hörte. Dann sausten die Liebenden auseinander, als wäre eine Natter zwischen sie gefahren.

Des Hauptmanns Verdacht gewann jedoch trotzdem immer greifbarere Form. Eines Tages visitierte er das 246 Kompagniezimmer, in welchem der eben andernorts beschäftigte Regimentskadett kommandierte. Er durchsuchte dabei die Betten, ließ die Bettpolster aufheben, ob sich unter denselben nichts verräumt fände, da er strenge darauf hielt, daß von der Mannschaft alle Gegenstände nur in dem Koffer unter der Bettlade aufzubewahren seien.

Bei dieser Untersuchung, die er auch auf des Kadetten Bett ausdehnte, fand er ein zierliches Heft, in welchem von Alfreds Hand mehrere Gedichte geschrieben standen. Er setzte seine Brille auf und las mit Entsetzen die Überschrift: »Die Entzückung an Laura!«

Hocherregt blätterte er. Das zweite Gedicht trug die Aufschrift: »An Laura!«

Ewig starr an deinem Mund zu hangen,
Wer enthüllt mir dieses Glutverlangen?
Wer die Wollust, deinen Hauch zu trinken
In dein Wesen, wenn sich Blicke winken,
Sterbend zu versinken? –

Weiter konnte der alte Hauptmann vor Entrüstung nicht mehr lesen.

»Eine solche Impertinenz ist mir noch nie vorgekommen!« rief er, hochrot vor Zorn. »Nun, warte, ich will dem Herrn Kadetten derartige Gedanken vertreiben!«

Ein drittes Gedicht war überschrieben: »Laura am Klavier!« und begann mit den Worten:

Wenn dein Finger durch die Saiten meistert,
Laura, itzt zur Statue entgeistert,
Itzt entkörpert steh' ich da.
Du gebietest über Tod und Leben,
Mächtig, wie von tausend Nervgeweben
Seelen fordert Philadelphia.

»Der Mensch ist verrückt!« sagte der Hauptmann zu 247 sich. »Mir thun die Ohren weh, wenn mein Mädel auf dem alten Flügel herumklimpert, und der Mensch will davon entkörpert werden. Ein solcher Unsinn! Ich werde sorgen, daß er seine freie Zeit zu etwas Besserem benützt. Ich lasse ihn täglich einige Kapitel aus den Dienstvorschriften abschreiben, dann hat er keine Zeit mehr zu solchen Hirngespinsten.«

Er wollte das Heft soeben konfiszieren, als der Regimentskadett in der Stube erschien und dem Hauptmann pflichtschuldigst sein Honneur machte.

Der erzürnte Kapitän suchte ihn mit seinen Blicken zu durchbohren und hielt ihm dabei das verhängnisvolle Heft vor die Augen.

»Kadett von Stock,« herrschte er ihn an, »haben Sie Ihre Zeit zu nichts Besserem zu verwenden, als solches Geflunker zu versifizieren?«

Alfred kam nicht aus der Fassung. Der Zusammenhang war ihm sofort klar.

»Entschuldigen, Herr Hauptmann,« sagte er, »ich suche mich hie und da zur Erholung aus den Klassikern zu bilden. Diese Gedichte sind Abschriften von den gedruckten Exemplaren –«

»Was, gedruckt ist der Unsinn auch noch?« schrie der Hauptmann. »Sie haben die Unverfrorenheit, solchen Blödsinn drucken zu lassen und –« sprach er jetzt leise, »erlauben sich, damit meine Tochter zu kompromittieren?«

»Aber Herr Hauptmann –«

»Ruhig!« donnerte der Hauptmann. »Was haben Sie darauf zu sagen?«

»Aber Herr Hauptmann, Sie verwechseln Schiller –«

»Ruhig! Wenn Sie eine solche Schreibwut haben, so 248 schreiben Sie lieber einige Kapitel aus den Dienstvorschriften ab, da machen Sie einen Vers darauf, das steht Ihnen besser an. Wenn ich das gewußt hätte, würde ich Sie beim Regimentskommando nicht zur Erlaubnis für heute Abend begutachtet haben. Sie wollen natürlich den Maskenball in der Ressource besuchen?«

»Natürlich! Herr Hauptmann mit Familie sind ja auch dort –«

»Das geht Sie nichts an – das kann unter Umständen geändert werden –«

»Der Maskenball?«

»Ihr Hinkommen!« versetzte der Hauptmann scharf. »Sie sind noch nicht dort –«

»Es geht ja erst um acht Uhr an und jetzt ist es erst vier Uhr,« erlaubte sich der Kadett zu bemerken.

Der Hauptmann biß sich auf die Lippen, dann sagte er: »Sie wissen, daß man in Uniform dort nicht erscheinen darf –«

»Ich komme ja als Türke!« fiel Alfred lachend ein.

»Als Türke?« rief der Hauptmann. Jetzt fiel es ihm ein, daß seine Tochter sich auch als Türkin verkleide; es war also abgekartet.

Das mußte vereitelt werden; da mußte er ein Hindernis schaffen.

»Wer hat Kompagniejour?« fragte er den ihn auf den Gang geleitenden Feldwebel.

»Vizekorporal Meindl,« antwortete der Gefragte.

»Also der jüngste Unteroffizier. Nach ihm trifft die Reihe den ältesten Korporal –«

»Zu Befehl – den Kadetten von Stock.«

»War denn Vizekorporal Meindl nicht erst im Lazarett?«

249 »Zu Befehl! Er wurde vor fünf Tagen aus demselben entlassen – er hatte eine Halsentzündung.«

»Gut,« entgegnete der Hauptmann. »Ich will, daß, wenn Sie es für rätlich finden, der Vize für heute noch geschont wird. Ich ließ mir sagen, sein Leiden sei ansteckend. Sie verstehen. Ich möchte nicht, daß der Kompagnie dadurch Schaden erwüchse. Es ist auch die Witterung heute so rauh. Er soll sich unwohl melden! Ich meine es ihm gut. Die Jour übernimmt eben dann, wer an die Tour kommt.«

»Das ist Kadett von Stock. Aber entschuldigen, Herr Hauptmann, der hat heute Freinacht.«

»Nur, wenn es der Dienst erlaubt!« fiel der Hauptmann rasch ein. »Der Dienst geht vor.«

»Würden Herr Hauptmann vielleicht genehmigen, daß ein Tausch –«

»Ich dulde keinen Tausch – prinzipiell nicht! Ich möchte mich keiner Parteilichkeit verdächtig machen, weil Korporal Stock Kadett ist. Ich verlasse mich auf Sie, Feldwebel, ich verlasse mich auf Sie.«

»Zu Befehl!« entgegnete die Kompagniemutter, und der Hauptmann ging siegesbewußt von dannen.

Da lief ihm gerade der Vizekorporal in den Weg.

»Vizekorporal Meindl, wie geht's Ihnen?« fragte ihn der Hauptmann.

»Ich danke, Herr Hauptmann; es geht schon wieder so ziemlich.«

»Ziemlich? Meiner Ansicht nach geht es Ihnen schlecht. Wie sehen Sie aus! Sie sind noch krank. Haben Sie keinen Reiz mehr im Hals?«

»Eigentlich nicht – nur beim Schlucken spüre ich noch –«

250 »Da haben wir's! Sie können also noch nicht schlucken –«

»Das nicht – aber –«

»Ruhig – kein Aber! Ich will nur ganz gesunde Leute im Dienste haben. Fühlen Sie beim Verlesen noch das Geringste, so melden Sie es dem Feldwebel; er wird Ihnen dienstfrei geben. Vierundzwanzig Stunden ruhigen Liegens auf dem Strohsack kurieren wieder. Schonen Sie sich.«

»Zu Befehl, Herr Hauptmann!«

Dieser ging. Er wußte, daß der Feldwebel das Weitere verfügen und daß der Kadett Stock heute nicht auf den Maskenball kommen würde.

Vor dem Eintritt ins Kompagniezimmer faßte denn auch der Feldwebel den Vize ab.

»Wie geht's, Vizekorporal?« fragte auch er.

»So ziemlich,« antwortete jener wieder.

»›Ziemlich‹. Was heißt ziemlich? Der König will keine ›ziemlichen‹ Soldaten. Man sieht's Ihnen an, Sie sind noch Rekonvaleszent. Glauben Sie, der Herr Hauptmann schlägt ziemliche Vize zu wirklichen Korporälen vor? Ich rate Ihnen gut: Melden Sie sich unwohl; ich kommandiere einen andern für Sie. Vierundzwanzig Stunden Rast, und dann will ich von einem ›ziemlich‹ nichts mehr hören.«

Der Vizekorporal wußte diese plötzliche, allseitige Fürsorge gar nicht zu deuten.

»Ich möchte aber nicht,« entgegnete er schüchtern, »daß wegen mir ein anderer Kamerad –«

»Ach was! das mache ich schon in Ordnung. Also melden Sie sich!«

251 »Zu Befehl, Herr Feldwebel! Ich melde gehorsamst, daß ich noch nicht ganz so bin, wie –«

»Sie sein sollen!« ergänzte der Feldwebel energisch. »Es ist gut.« Dann trat er ins Kompagniezimmer mit den Worten: »Herr Kadett von Stock!«

»Zu Befehl, Herr Feldwebel!«

»Sie haben die Jour von Vizekorporal Meindl zu übernehmen. Er ist krank geworden.«

»Wa–a–s« rief der Kadett. »Aber ich habe ja Freinacht.«

»Der Dienst geht vor. Sie haben die Jour,« wurde er kurz beschieden.

»Aber –«

»Ich bitte, kein Aber! Sie wissen –«

»Ich bitte, mich vertauschen zu dürfen.«

»Niemals!« entgegnete der Feldwebel.

»Machen Sie heute eine Ausnahme, Herr Feldwebel!« bat der Kadett.

»Ich habe gesagt: niemals. Gehorchen Sie sofort!«

Bleich vor Wut meldete Kadett von Stock mit zitternder Stimme, daß er die Jour vom Vize übernommen.

Er durchsah die Intrigue; es war des Hauptmanns Werk. Er warf sein schneeweißes Hemd, das er sich schon für den Ball zurechtgerichtet, in seinen Koffer und ärgerte sich.

Aber auch der Hauptmann ärgerte sich, als er nach Hause kam. Fortwährend mußte er an die Gedichte denken, die der Kadett nach seiner Meinung auf seine Tochter gemacht.

»Was er nur mit dem ›Philadelphia‹ wollte,« fragte er sich immer wieder, »und ›sterbend will er versinken‹?« Am Ende gar auf dem Ozean? Sie werden doch nicht durchbrennen wollen nach Amerika!«

Einmal diesen Gedanken erfaßt, konnte er ihn nicht mehr los werden. Beschleunigten Schrittes steuerte er seiner Wohnung zu.

Die Damen waren in Lauras Zimmer mit der Toilette zum Maskenball beschäftigt. Laura ließ sich soeben von der Mutter den Turban festmachen. Er kleidete sie vortrefflich. Sonst war sie noch im Schlafrocke.

Die Mutter dagegen war bereits im Galaanzuge. Nur das Spitzenhäubchen mit den blauen Bändern lag noch auf dem Tische.

Laura saß mit dem Gesichte gegen ihr Bett gewendet, über welchem das Bild des heiligen Joseph hing, angethan mit einem lilafarbigen Gewande aus Seidenstoff. Jedoch entsprachen die Züge des Bildchens ganz und gar nicht denen des hl. Joseph. Ein kleines Schnurrbärtchen zierte die Lippen dieses Heiligen, der dem Regimentskadetten auffallend ähnlich sah.

Die Eltern hatten von dieser Verwandlung keine Ahnung. War Laura allein, so nahm sie das mit einer Stecknadel befestigte Seidenkleid ab, und der hübsche Kadett zeigte sich in seiner schmucken Uniform. Sie blickte gerne nach ihm. Auch jetzt waren ihre Augen auf das Bild des Heiligen gebannt, als der Vater polternd eintrat.

»Eine Schande ist es, daß du ihm nur im mindesten Hoffnung gabst,« rief er ganz unvermittelt statt des üblichen Grußes.

»Was ist geschehen?« fragte die Mutter.

»Meinst du, ich weiß nicht alles?« schrie der Vater die Tochter an.

253 »Aber warum denn, Papachen?« fragte Laura.

»Ihr habt etwas geplant!« examinierte der Vater strenge.

»Wer denn?« fragte die Mutter.

»Wer? Laura und der Alfred von drüben. Er will sie entführen – sie läßt sich entführen – nach Amerika – nach Philadelphia – weiß Gott, wohin!«

Die Mutter lachte jetzt laut auf.

»Ja, lache nur,« fuhr sie der Gatte an. »Lache, wenn man dir dein Kind entführt!«

»Aber was willst du denn, Papachen?« fragte Laura.

»Dir die Faxen aus dem Kopfe treiben, du Regimentskadettin!« schrie sie der Vater an.

»Alfred –« fragte Laura schüchtern.

»Ja, Alfred!« donnerte der Vater. »Ich weiß, er liebt dich.«

»So?« antwortete Laura schelmisch. »Das weiß ich ja schon längst.«

»So, und du hast dich doch mit ihm verabredet?«

»Für heute abend, ja. Die Türkei ist unser Vaterland. Wir gehen beide –«

»In die Türkei?« rief der Hauptmann, die Hände zusammenschlagend. »Was soll ich von dir denken?«

»Als Türken auf den Maskenball,« erklärte Laura. »Was ist da unrechtes dabei!«

»Nur auf den Ball?« fragte der Vater, das Gesicht seiner Tochter prüfend, die lächelnd zu ihm hinsah.

»Natürlich!« beteuerte diese.

»Nun bin ich in einer Beziehung beruhigt. Jetzt aber verlange ich von dir, daß du dir den Alfred ein für allemal aus dem Kopfe schlägst! Es schickt sich nicht für 254 die Tochter eines Offiziers, mit einem Kadetten ein Verhältnis einzugehen – es schickt sich nicht!«

»Aber Alfred wird doch demnächst Offizier –«

»Demnächst? Das kann in zehn Jahren sein.«

»Du sagtest aber selbst, daß er Hoffnung habe, mit nächsten Armeebefehl befördert zu werden.«

»Sagte ich? Man sagt viel und es kommt anders. Ich will jetzt entschieden, daß du keine so dummen Gedichte mehr von ihm annimmst, wie ich sie heute gelesen.«

»An mich?« fragte Laura mit freudiger Neugierde.

»Ja – auf dein Klaviergeklimper – wo vom Versinken auf der Reise nach Philadelphia die Rede ist. Donnerwetter, das muß ein Ende nehmen! Schwöre mir auf der Stelle, daß du keinen Brief mehr von ihm nimmst. Schwöre es mir bei diesem Bilde des heiligen Joseph, meines Namenspatrones, der über deinem Bette hängt – und dem du alle Augenblicke einen neuen Paletot machst, den du also verehrst als deinen Lieblingsheiligen, schwöre wir bei ihm, oder du sollst mich kennen lernen!«

»So wahr das Bild des hl. Josef ober meinem Bette hängt, so gewiß thue ich nach deinem Willen,« versetzte Laura schelmisch.

Der Vater blickte jetzt nach dem angerufenen Heiligen.

»Merkwürdig!« rief er erzürnt, »überall seh' ich nur das Gesicht des Kadetten. Sogar der heilige Joseph scheint mir seine Züge zu tragen.« Er rieb sich die Augen.

Aber schon drehte ihn Laura sanft nach der andern Seite.

»Schau nur die Mutter an,« sagte sie. »Nicht wahr, die Toilette steht ihr gut?«

Sie ging eingehend auf die Einzelheiten ein, und der Vater mußte über das und jenes seine Meinung äußern. 255 So vergaß er allmählich das Bild und schien bald einigermaßen befriedigt zu sein. Er gab noch einige Verhaltungsbefehle und zog sich dann auf sein Zimmer zurück, um selbst die Uniform mit einem Zivilanzug für den Ball zu vertauschen.

Laura aber vertraute der Mutter, welche sich darüber wunderte, mit welcher Leichtigkeit sie den Schwur leistete, das Geheimnis des Bildes.

»Das Sprechen«, meinte Laura, »hat mir Papa ja nicht verboten, und so könnte ich wohl die Annahme seiner schriftlichen poetischen Ergüsse entbehren, von denen ich bis jetzt gar keine Ahnung hatte. Nun, er kommt ja auf den Ball. Einen Tanz mit ihm kann Papa nicht verbieten, und du wirst es gewiß auch nicht, süße Mama, nicht wahr?«

Die Gefragte küßte die Tochter auf die Stirne und schwieg. Sie wollte den Frühlingszauber dieser Liebe nicht zerstören, denn sie achtete Alfred, und es war längst ein stiller Wunsch der beiden Mütter, ihre Kinder einst vereint zu sehen.

Zur festgesetzten Zeit fuhr der Wagen vor und brachte den Hauptmann mit Familie nach der Ressource. Ersterer war ganz beglückt von dem Gehorsam seiner Tochter und über die Leichtigkeit, mit der sie den Schwur geleistet.

»Daran ist nur mein heiliger Namenspatron schuld,« sagte er sich. »Der hat den Sinn des Mädchens so schnell gelenkt und ich bin ihm dafür ganz besonderen Dank schuldig. Ich mache ihm morgen ein goldenes Gewand, ich muß mich gut mit ihm halten.«

Aber auch Laura war vergnügt, denn sie hoffte sicher, den Geliebten auf dem Balle zu treffen, und sie war sich dessen bewußt, daß sie heute schön, sehr schön sei. 256


II.

Der Regimentskadett saß schmollend an seinem Tische. Außer ihm, dem Vize und der Zimmertour war niemand im Kompagniezimmer. Der Vize lag im Bette, die wollene Decke bis an die Nase hinaufgezogen, und sah mit scheuen, furchtsamen Blicken nach dem Kadetten. Körperlich fühlte er sich nicht nur ganz wohl, sondern im höchsten Grade hungrig und durstig. Die Hungerkur der letzten Wochen im Spital hatte seinen Magen leer gemacht, und heute hatte er außer der Menage noch nichts im Leibe. Er wollte sich's heute gütlich thun, sich mit Käse, Bier und Kommißbrot, von welch letzterem er heute erst einen neuen Laib gefaßt, erquicken, als er zu einem Kranksein befohlen wurde! Daß er den Regimentskadetten, der ihn bis jetzt so menschlich behandelte, von dieser Stunde an zum Feinde hatte, das war für ihn selbstverständlich. Und jetzt erschrak er heftig, als der Kadett mächtig von seinem Stuhle aufsprang und dann erregt die Stube auf- und abschritt. So oft er an dem Bette des Vize vorbeikam, stellte sich dieser schlafend.

Der Kadett blieb jetzt vor dem Bette stehen und blickte lange nach der, wenn auch unschuldigen Ursache seines Verhängnisses.

257 Und diese Ursache konnte schlafen, während er vor Ärger geradezu fieberte!

Der Vize fühlte die wütenden Blicke seines Vorgesetzten; er glaubte vor Angst vergehen zu müssen; ein Haar der wollenen Decke war ihm in die Nase gekommen, das sich bei jedem Atemzuge weiter und weiter in seine Nasenröhre hinaufschob und ihn kitzelte, und immer mehr kitzelte, so daß er endlich geradezu seinen Mund angelweit aufsperren und ein »Atsy!« herausschreien mußte, als sollte es ein Signal für das ganze Regiment sein.

»Alle Teufel! Zur Genesung!« rief der Regimentskadett. »Sie niesen ja ganz unreglementmäßig. Was ist Ihnen denn?«

»O je, o je« erwiderte der Vize und suchte sich das Haar aus der Nase zu ziehen – »Atsy! Atsy!« Und jetzt blickte er gefaßt, als wollte er den Todesstreich empfangen, nach dem vor ihm Stehenden.

»Wünschen Sie etwas?« fragte der Kadett. »Haben Sie nach etwas Verlangen?«

»Zu Befehl, Herr Regimentskadett!« mischte sich jetzt der Zimmertour habende Gemeine in das Gespräch. »Der Herr Vizekorporal hat mir Geld zu einer Maß Bier und einem Stück Limburger gegeben, aber da er gachs einen Anfall bekam – so –«

»So hast du die Lieferung sistiert,« vollendete Alfred. »He, Vize, wie meinen Sie, soll das Abendbrot für Sie nach Ihrem Wunsche besorgt werden?«

»Ja, wenn ich mir trauet!« meinte der Vize. »Ach Gott, was verspür' ich für einen Heißhunger – und den Durst – ich glaub', ich trinket den ganzen Starnbergersee aus.«

258 »Wenn er voll Bier wäre,« versetzte der Kadett. »Das müßte ein sehr interessantes Bild abgeben, wenn der Vizekorporal Meindl sich daran machte, den Würmsee auszutrinken. Lassen wir lieber die Kirche beim Dorf – bleiben Sie für heute bei der Maß und speisen Sie immerhin ihren duftigen Limburger. Und damit Sie sich's bequemer machen können, stehen Sie auf. Lassen Sie uns bis zum Zapfenstreich ein Spiel machen! Wir wollen terteln, daß uns die Zeit vergeht.«

Diese freundlichen Worte erfüllten den Vize mit großer Freude. Er hatte nichts Eiligeres zu thun, als sich in seinen Waffenrock zu werfen und sich ganz dem Regimentskadetten zur Verfügung zu stellen.

Die Zimmertour holte das Labsal des Vize, den durchweichten Limburger und die Maß Bier, der Brotlaib wurde dazu gelegt, und Meindl kaute jetzt mit einem Eifer, der eines bessern Soupers würdig gewesen wäre. Nach dessen Beendigung gab ihm der Kadett eine Zigarre, und nun wurde gespielt und getrunken. Der ersten Maß folgte natürlich die zweite, und der Vize wurde immer fideler, so daß er zu singen begann und die prächtigsten Schnadahüpferln zum besten gab, wobei ihn der Kadett mit der Guitarre begleitete.

In dieses Stadium wollte Alfred von Stock den zum Kranksein kommandierten Vize bringen, um dem Feldwebel den unwiderleglichsten Beweis von der vollkommenen Gesundheit des Ärmsten zu geben. Er wußte, daß der Feldwebel, ein großer Musikfreund, sofort zur Stelle sein würde, wenn er im Nachbarzimmer die Guitarre zupfen höre.

Und richtig, da stand er schon mit dem roten Fez auf dem Kopf, in der Joppe eine lange, mit Quasten 259 verzierte Pfeife im Munde, unter der Thüre. Als er aber des singenden Vize ansichtig wurde, der dazu rauchte wie ein Dampfschlot, da rief er entsetzt: »Vizekorporal Meindl, sind Sie des Teufels?«

Der Vize sprang auf und stellte sich in Achtung. Aber Alfred that, als hätte er nichts gehört, spielte einen Akkord, und begann dann das Lied vom »toten Soldaten« zu singen, welches er in der That ganz meisterhaft vorzutragen verstand.

Dieses Lied war das Lieblingslied des Feldwebels; der Kadett wußte, daß es ihn jedesmal zu Thränen rührte und daß dann alles von dem sonst Gestrengen zu erreichen war.

Dieser milderte auch sofort seine strenge Miene, und beim Licht der Unschlittkerze strahlte sein Antlitz bald wie mildes Sonnenlicht. Bei jeder Strophe rückte er weiter vor, und da der Vize immer noch mit Achtung dastand, winkte er ihm mit der Hand zu, bequem zu stehen. Er aber gab sich dem Gesange Alfreds hin, der heute eine Wärme hineinzulegen wußte, die dem Feldwebel durch Mark und Bein ging und verursachte, daß aus seinen Augen dicke Thränen in den großen Schnurrbart rollten.

Der Text des Liedes ist folgender:

Auf fremder ferner Aue,
Da liegt ein toter Soldat,
Ein ungezählter Vergessner,
Wie brav er gekämpft auch hat.

Es reiten viel Generäle
Mit Kreuzchen an ihm vorbei,
Denkt keiner, daß, der da lieget,
Auch wert eines Kreuzleins sei. 260

Es ist um manchen Gefallnen
Viel Frag' und Jammer dort,
Doch für den armen Soldaten,
Da giebt's nicht Thränen, noch Wort.

Und ferne, wo er zu Hause,
Da sitzet im Abendrot
Ein Vater voll banger Ahnung,
Und spricht: »Gewiß ist er tot!«

Da sitzt die weinende Mutter,
Die seufzet laut: »Gott helf'!
Er hat sich angemeldet:
Die Uhr blieb stehn um elf.«

Dort starrt ein blasses Mädchen
Hinaus in das Dämmerlicht:
»Und ist er dahin gestorben,
Meinem Herzen stirbt er nicht!«

Drei Augenpaare schicken,
So heiß das Herz es kann,
Für den geliebten Toten
Die Thränen zum Himmel hinan.

Und der Himmel nimmt die Thränen
Im schimmernden Wölkchen auf,
Und führt es zur fernen Aue
Hinüber in raschem Lauf.

Gießt dann aus der Wolke die Thräne
Aufs Haupt des Toten als Tau,
Daß er unbeweint nicht liege
Auf fremder ferner Au.

»Bravo! Bravo!« rief jetzt der Feldwebel, als der Kadett zu Ende. »Wundervoll! Magnifik! Excellent!«

Alfred that überrascht. »Wie, Herr Feldwebel?«

»Ja, ja, Sie haben mir eine sehr große Freude gemacht mit meinem Leiblied.«

261 »Hab' ich das?« fragte der Regimentskadett.

»Auf Ehre – ja, eine große. Ich wollte, ich könnte mich revanchieren!«

»Das können Sie!« versicherte der Kadett rasch. »Sehen Sie, der Vize ist wieder ganz wohl auf. Gestatten Sie, daß er seinen Dienst wieder übernimmt; es ist ja so bald Zeit zum Zapfenstreich. Lassen Sie mich meine Freinacht ausnützen, die mir vom Regimentskommando zugesagt!«

»Aber der Hauptmann! Und der Vize –«

»O, ich bin kreuz- und kerngesund!« rief dieser. »Herr Feldwebel, ich melde gehorsamst, daß mir rein gar nichts mehr fehlt.«

»Ja, aber wie kam das so schnell?« fragte der Feldwebel.

262 »Das hat der Limburger und die zweite Maß Bier gemacht, Herr Feldwebel, und das schöne Lied vom Herrn Kadetten und –«

»Da hören Sie's ja selbst!« warf der Kadett ein. »Der Herr Hauptmann hat doch nur den kranken Vize im Kopf gehabt. Er wird ihn doch nicht krank befohlen haben?«

»Das schon – vielmehr das nicht – der Herr Hauptmann haben nur gemeint, wenn ich es für rätlich finde –«

»Und Sie haben es für rätlich gefunden, aber doch nur so lange, bis Sie sich überzeugten, daß dieser Vize von Gottesgnaden Kommißbrot und Bier vertilgt für eine ganze Kompagnie – da kann doch von Kranksein nicht mehr die Rede sein. Er will es ja selbst nicht sein, nicht wahr?«

»O, ich war niemals gesunder!« pflichtete der Gefragte bei.

»Ich, ich weiß nicht recht, was ich thun soll? Hm, hm!« machte der Feldwebel.

Der Kadett wußte, daß es jetzt nur noch eines Liedes bedürfe, um den Feldwebel ganz nach seinem Sinne zu lenken. Seine Finger strichen durch die Saiten und er begann:

Der Sänger hält im Feld die Fahnenwacht,
In seinem Arme ruht das Schwert, das scharfe,
Er grüßt mit hellem Lied die stille Nacht
Und spielt dazu mit blut'ger Hand die Harfe:
Die Dame, die ich liebe, nenn' ich nicht,
Doch hab' ich ihre Farben mir erkoren,
Ich streite gern für Freiheit und für Licht,
Getreu der Fahne, der ich zugeschworen.

Jetzt war des wackern Feldwebels Herz zu Butter geschmolzen und er konnte nicht umhin, zu Alfred zu sagen: 263 »Die Dame, die Sie lieben, heißt Laura! Ich befehle Ihnen jetzt, sie auf dem Ball sofort aufzusuchen und mich ihr respektvollst zu empfehlen. Wenn mich ihr Vater schimpft, so mag sie mir ein gutes Wort reden. Vizekorporal Meindl, Sie übernehmen die Jour! Herr Kadett, viel Vergnügen.« – Er ging.

Der Kadett versorgte freudig die Guitarre an einem Nagel neben dem Fenster. Dann befahl er der Zimmertour, die Reste des Limburgers zum Fenster hinauszuwerfen. Das Fenster war aber in diesem Falle der Magen des Soldaten. Bald dufteten Veilchen und Patchouli im Kompagniezimmer, das sich nach und nach mit den heimkehrenden Soldaten füllte, die alle ob des ungewohnten Duftes die Nasenflügel riechend in die Höhe zogen.

Alle waren dem Regimentskadetten sofort zu Diensten. Der eine half ihm die Glanzstiefeletten anziehen, der andere hielt ihm das Handtuch zum Abtrocknen entgegen, ein dritter leuchtete mit dem spärlichen Kerzenlicht an den kleinen Wandspiegel, während Alfred mit Kamm und Bürste hantierte, ein vierter holte die Droschke, mit welcher der Kadett in seine elterliche Wohnung fuhr, um sich in sein Türkenkostüm zu werfen, ein fünfter reichte ihm das Haubajonett hin und der sechste den Mantel. Allgemeine Bewegung herrschte im Zimmer. Und als der Regimentskadett, dasselbe verlassend, siegesstolz wie ein Pascha die Reihe seiner Getreuen durchschritt, da riefen sie ihm alle zu. »Viel Vergnügen, Herr Regimentskadett! Viel Vergnügen, Herr Baron!« 264

III.

Die Droschke brachte Alfred von Stock alsbald in das Haus seiner Eltern. Doch war er nicht wenig überrascht, den Türkenanzug nicht mehr in seinem Zimmer vorzufinden.

»Zum Kuckuck!« herrschte er das Dienstmädchen an, »wo ist denn mein Maskenanzug?«

»Den Anzug hat der Herr Major angezogen, weil Herr Kadett sagen ließen, Sie hätten Dienst und könnten nicht auf den Ball gehen,« berichtete das Mädchen.

»Was, mein Vater?« staunte Alfred. »Wohin ist er denn gegangen?«

»Auf den Ball in die Ressource. Der gnädige Herr sieht als Türke ganz himmlisch aus. Ich hab' gelacht – ha, ha, ha, – so ein flotter Türke, Sie hätten ihn nur sehen sollen, Herr Kadett!« Und sie lachte wieder laut hinaus.

»Aber wo nehme ich jetzt einen Türkenanzug her?« fragte Alfred ärgerlich.

»Ja, gehn denn der Herr Kadett auch auf den Ball?« erwiderte das Mädchen verwundert.

»Wie kommt nur mein Vater auf einen solchen Einfall!« meinte Alfred, mehr zu sich, als zu dem Mädchen sprechend.

265 »Wie mir schien, hat der Herr Major eine freudige Nachricht mit nach Hause gebracht. Und dann hat es ja geheißen, Sie hätten Dienst,« erklärte dasselbe wiederholt. »Da hat der gnädige Herr gemeint, als Türke müßte er sich doch besser ausnehmen, wie in der alten schwarzen Kutte, die in seinem Zimmer liegt.«

»Ein Domino!« rief Alfred. »Wo ist ein Domino?«

»Im Zimmer des Herrn Majors.«

Alfred war sofort entschlossen, sich denselben anzueignen. War es auch nur eine »alte schwarze Kutte«, wie das Mädchen sich verächtlich ausdrückte, so war sie ihm jetzt doch ein hochwillkommenes Gewand, das ihm gestattete, sich unerkannt seiner Geliebten zu nähern. Er vertauschte die Uniform mit einem Zivilanzuge und hüllte sich in den Domino.

Die Droschke brachte ihn alsbald nach der Ressource, wo der Maskenball im besten Zuge war.

Hauptmann Dirschl mit Gattin und Tochter saßen an dem Ehrentische des Vorstandes der Gesellschaft, eines charakterisierten Majors, eines alten, kreuzbraven kleinen Herrn, bei dem der Titel »Herr Major!« immer ein Fersenzittern herbeirief, weil ihm dadurch die süße Musik des Sporenklirrens an sein Ohr drang, die ihm schöner dünkte, als Aeolsharfenklang, wie er sich oft selbstbewußt ausdrückte. Diese Sporen waren aber auch von ungewöhnlichem Umfange, und da der Major wie gesagt, sehr klein war, so hörte man öfters die boshafte Frage: »Wo gehen denn heute die Sporen wieder mit ihrem Major hin?«

An dem Ehrentische hatten noch zwei Personen Platz genommen, nämlich Major von Stock in seiner Türkenkleidung und dessen Gattin. Laura erfuhr erst durch diese 266 beiden, daß Alfred dienstlich am Kommen verhindert sei. Die beiden Mütter lispelten zusammen und reichten sich zum Einverständnis die Hand.

Major von Stock aber fragte den Hauptmann geradezu: »Hätten Sie denn die Sache nicht arrangieren können? Es wäre doch viel hübscher, wenn Alfred als Türke neben der schönen Türkin säße, als ich. Finden Sie das nicht auch, Fräulein Laura?«

Diese drückte dem Major die Hand. »Es ist recht schade!« meinte sie.

Der Hauptmann aber erklärte kategorisch: »Dienst ist Dienst! Das Vergnügen kommt in zweiter Reihe. In erster Reihe steht die Pflicht!«

»Dienstzopf!« raunte Herr von Stock dem Hauptmann ins Ohr. »Was haben Sie damit erreicht? Glauben Sie, der General schlägt Sie deshalb eher vor zum Major?«

»Ich weiß's nicht,« entgegnete der Hauptmann. »Verdient hätt' ich's so gut wie jeder. An der Tour wär' ich auch – aber ich weiß im Voraus, es wird höchstens einmal so etwas Charakterisiertes herauskommen, um die Pension weniger herb zu machen. Doch wie es sei, ich habe das Bewußtsein, meine Pflicht gethan zu haben im Dienste und – in der Familie.« Bei den letzten Worten blickte er vielsagend auf Herrn von Stock und dann auf seine Tochter, die durchaus nicht in heiterster Laune darüber war, den so sehnlich Erwarteten vermissen zu müssen.

»Je nun,« meinte von Stock lachend, »man kann nicht wissen! Mancher legt sich als Hauptmann zu Bett und als Major steht er wieder auf. Wissen Sie denn, daß der Kurier, welcher nach Kairo zum König gereist, heute wieder zurückgekehrt ist?«

267 »Bringt er einen Armeebefehl?« fragte der Hauptmann, über und über errötend.

»Kann sein!« entgegnete der Major, sich den Schnurrbart drehend.

»Sie wissen etwas davon!« sagte der Hauptmann drängend. »Ja, ja, Sie kommen mir schon den ganzen Abend so vor, als wenn Sie etwas im Hintergrund hätten –«

»Nichts weiß ich,« versicherte der Major, »als daß ich jetzt mit Ihrer Tochter die Masurka tanzen werde. Nehmen Sie mit mir vorlieb, Fräulein Laura?«

»Es ist mir eine große Ehre und eine wirkliche Freude,« erwiderte Laura, sofort den Arm des galanten Türken ergreifend, der sich im nächsten Augenblick mit dem Mädchen so zierlich im Saale drehte, daß man hätte denken können, er sei ein flotter Leutnant.

»Wenn jetzt nur Alfred an meiner Stelle wäre!« meinte der Major. »Das wäre Ihnen auch lieber, nicht wahr?«

»Es wäre mir lieber, wenn der Herr Kadett auch Anteil nehmen könnte!« sagte Laura.

»Es wird ihm schwer genug fallen, daß er nicht hier sein kann. Nun, es ist wohl heute das letzte Mal, daß er als Unteroffizier zur Jour kommandiert wurde.«

»Wieso?« fragte Laura, überrascht zu ihm aufblickend.

»Sie sollen es erfahren,« erwiderte der Major, »aber unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit. Niemand darf noch ein Wort davon erfahren! Alfred ist Leutnant geworden.«

»Ah!« rief Laura so laut, daß die Nächsttanzenden 268 stehen blieben und nach dem Türkenpaare sahen. »Und weiß er's schon?« fragte sie dann.

»Niemand weiß es noch. Mir hat es mein intimster Freund, Rat S., der als Kurier fort war, als strengstes Geheimnis mitgeteilt. Der Armeebefehl wird erst morgen veröffentlicht. Also stillgeschwiegen!«

»Und mein Papa?« fragte Laura neugierig. »Wissen Sie –«

»Von gar nichts weiß ich sonst,« unterbrach sie der Major. »Aber um wieder von Alfred zu sprechen – wenn es Ihnen lieb ist –«.

»Nichts lieber, als das!« rief Laura unwillkürlich.

Der Major lächelte.

»Und wenn er Sie nun zur Frau Leutnant machen möchte –«

»Ich erwarte das gar nicht anders von ihm,« entgegnete Laura offenherzig.

»Sie sind also schon einig miteinander?« lachte der Major.

Laura nickte nur errötend mit dem Köpfchen. Aber ihre Augen strahlten von Glück.

Die Masurka war zu Ende. Der Major führte seine Tänzerin an ihren Platz. War sie vor dem Tanze nachdenkend, fast traurig gewesen, so strahlte jetzt ihr Gesicht vor Vergnügen.

»Sonderbar,« sagte der Vorstand zu Hauptmann Dirschl, »der Schwerenöter weiß noch in seinen alten Tagen die jungen Mädchen zu verhexen. Schau nur, wie umgewandelt dein Töchterchen plötzlich ist. Ich glaube, wenn ich die ganze Nacht mit deiner Laura tanzte, ich könnte sie zu keiner solchen Fidelität bringen.«

269 »Das glaub' ich auch!« erwiderte der Hauptmann schmunzelnd. »Die ganze Nacht mit dir tanzen, das hieße ein übersattes Vergnügen.«

»Jetzt tanz' ich extra mit ihr!« entgegnete der Geneckte. »Ich weiß auch, was Galanterie heißt, wenn ich auch nicht bei der Kavallerie bin.«

»Du trägst ja doch Sporen,« lachte der Hauptmann.

»Leider nur zu Fuß –«

»Sei doch froh, daß du sie nicht im Kopfe hast, denn da würden sie nicht klirren.«

Der Major verstand den Hieb.

»Aus dir spricht der Neid!« sagte er. »Aber jetzt sollst du Wunder sehen!«

Er bemühte sich, seine steifen waschledernen Handschuhe anzuziehen, denn die Musik hatte das Zeichen zum Walzer gegeben. Er wollte Laura eben engagieren, als ein Domino herankam und dem Mädchen einige Worte ins Ohr flüsterte.

Laura war sichtlich, aber freudig erschrocken.

»Papa, du erlaubst?« fragte sie den Vater, und ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie davon und mischte sich mit dem Domino in die Reihe der Tanzenden.

Der alte Major nahm die halbangezogenen Handschuhe wieder ab und warf sie verdrießlich auf seinen Stuhl.

»Wer ist der Domino?« fragten die Mütter und die Väter wie aus einem Munde.

»Laura muß ihn kennen,« meinte die Majorin.

Ihres Gatten bemächtigte sich eine Art Eifersucht. Nach den vorhin gemachten Erklärungen des Mädchens 270 wußte er sich diese sichtliche Freude bei Ankunft dieses Dominos nicht recht zu deuten.

»Dem Domino muß ich auf die Spur kommen,« sagte er sich. Er stand auf und ging, die Reihen der zum Tanze Schreitenden zu beobachten.

Alsbald hatte er die schöne Türkin mit ihrem Domino gefunden. Beide waren im lebhaftesten Gespräche begriffen. Sie standen vor einer Säule, hinter welcher sich nun Major von Stock postierte. Er gab sich alle Mühe etwas zu erlauschen, doch wollte es ihm nicht gelingen. Endlich aber hörte er doch, wie Laura sagte: »Dein Papa hat's gesagt.«

Sofort war ihm alles klar. Er trat rasch vor und fragte: »Was hat der Papa gesagt?«

»Ich bin Offizier geworden, ist das wahr?« fragte Alfred dagegen.

»Gottlob, daß es so ist!« antwortete der alte Herr. »Aber schweig – ich bitte dich. Erst morgen wird es expediert. Nimm für heute noch als Kadett bei uns Platz.«

»Ich möchte den guten Feldwebel nicht in Verlegenheit bringen,« sagte Alfred. »Er hat mich auf seine Verantwortung hin fortgelassen. Setze ich mich an euern Tisch, so wird man fragen, wer ich bin, und – man wird mich auch erkennen.«

Der Major dachte einen Augenblick nach.

»Da ist zu helfen,« sagte er dann. »Wir wechseln die Kostüme. Dann setzest du dich als Türke an den Tisch und stellst mich als einen Bekannten vor, der unerkannt bleiben will. Natürlich tragen wir von jetzt an beide die Maske.«

»271 Aber das wird auffallen, wenn du dich plötzlich vermummst,« meinte der Sohn.

»Ich ersinne schon eine passende Ausrede,« lachte der Major. »Man sagt, man habe ein Wimmerl auf der Nase bekommen, oder sonst etwas Poetisches.«

Alle drei lachten vor Vergnügen.

Der Tanz war zu Ende. Der Domino führte seine Tänzerin an ihren Platz und entfernte sich rasch.

Gleich darauf trat Major von Stock an den Tisch. Die Maske vor das Gesicht nehmend, gab er lachend vor, er wolle jetzt auf Abenteuer ausgehen und ein wenig intriguieren. Dann entfernte er sich.

Kaum waren die beiden fort, als Vater und Mutter auf Laura einstürmten, wer der Domino gewesen. Die Tochter aber versicherte mit dem glücklichsten Lächeln, daß sie nur wisse, daß es ein Offizier sei.

»Ein Offizier,« sagte der Hauptmann, erleichtert aufatmend.

»Ich dachte es sogleich,« setzte seine Frau hinzu. »Man sieht es an seiner Haltung. Du leuchtest ja förmlich vor Vergnügen. Du mußt dich sehr amüsiert haben.«

»O gewiß!« versicherte die Tochter.

Eine Française begann. Laura ward zum Tanze geführt, und zwar diesesmal vom Herrn Vorstande selbst, der endlich seine beiden Hände in die Waschledernen gezwängt hatte.

»Gieb acht, daß du dich nicht in die Sporen des Herrn Majors verwickelst,« rief der Hauptmann seiner Tochter nach.

Nach glücklich vollendeter Tour forderte der Hauptmann den Major-Vorstand auf, mit ihm ins Rauchstübchen 272 zu gehen, wo sie sicher auch den Major von Stock treffen würden, um dort ein Glas Bier zu trinken. In der nächsten Minute saßen sie mit mehreren andern alten Herrn im Bierlokal.

Inzwischen hatten Alfred und sein Vater die Kleider getauscht und ersterer kam als Türke zurück. Sie waren sich beide so ähnlich in Gestalt und Haltung, daß die Majorin selbst in ihrem Sohne den Vater vermutete.

»Die beiden Herren sind ins Rauchzimmer, Hermann,« sagte sie. »Sie hofften dich dort zu treffen.«

»Hab' keine Lust!« gab der Türke zur Antwort. Dafür engagierte er jetzt Laura abermals zum Tanze und eilte mit ihr davon.

Frau von Stock wunderte sich nicht wenig über diese Lebhaftigkeit ihres Gemahls. Sie wußte wohl, daß ihn die Zahl seiner Jahre nicht abhielt, noch mit jungen Mädchen zu kokettieren, aber der Turban trieb es doch gar zu toll. Bald war er hier, bald dort, aber immer in Bewegung.

»Ihre Laura hat meinen Mann rein verhext,« sagte sie zu ihrer Nachbarin. »Sehen Sie nur, wie unermüdlich er tanzt.«

»Sie hat ihn wirklich verhext! Er ist in sie verliebt bis über die Ohren.«

Der schwarze Domino hatte diese Worte gesprochen.

»Mein Herr!« sagte die Majorin gereizt, sich nach ihm umwendend. »Woher vermuten Sie das?«

»Das sieht man doch,« meinte der Schwarze.

»Sie erlauben sich da einen derben Spaß,« entgegnete Frau von Stock. »Das heißt die Maskenfreiheit mißbrauchen. Wer sind Sie?«

273 »Ein guter Bekannter,« gab der Major zur Antwort und lüftete die Maske.

»Du?« rief seine Frau.

»Sie sind's?« sekundierte die Freundin.

»Wie Sie sehen.«

»Und wer ist denn der dort, der Türke?«

»Das ist mein Alfred! – Aber nicht verraten! Er darf nicht erkannt werden, sonst kommt er mit seinem Hauptmann in Konflikt.«

Das junge Paar kam heran und die beiden Mütter begrüßten Alfred aufs freudigste. Er berichtete in flüchtigen Umrissen, wie es ihm doch noch gelungen, den Ball besuchen zu können, und als dann der Hauptmann heran kam, mischte er sich eiligst mit Laura wieder unter die Tanzenden.

Der Hauptmann fand es allerdings auffallend, daß der Türke die Larve nicht mehr vom Gesichte nahm, ebenso wunderte er sich über die plötzliche Tanzwut seines Freundes, aber an eine Verwechslung dachte er nicht. Auch hielt er sich fast ausschließlich nur mehr im Rauchstübchen auf, dem Eldorado der Ballväter, wo er mit dem Vorstand und einigen andern Herrn ein Spielchen machte und sich deshalb um die Masken wenig kümmerte.

Als er sich aber anschickte, mit seiner Familie nach Hause zu fahren, da konnte der Domino sich's nicht versagen, ihm auf die Schulter zu klopfen und ihm zuzuflüstern: »Dirschl, die Geschichte mit dem Regimentskadetten hast du sehr gut gemacht!«

Der Hauptmann sah ihn erstaunt und forschend an.

»Wer bist denn du?« fragte er.

»Der Beschützer deiner Tochter,« gab jener 274 geheimnisvoll zur Antwort. »Hast ihr den Tanz mit ihm mißgönnt, der so schöne Gedichte schreibt.«

»Ja – Eseleien!« rief der Hauptmann. »Alle Wetter! Der Vize ist zur rechten Zeit krank geworden!«

»Schlau! Sehr schlau!«

Der Domino lachte und huschte davon.

Der Hauptmann sah ihm etwas verblüfft nach.

»Ich glaube, der will sich über mich lustig machen,« sagte er zu sich. »Gleichviel! Ich habe meinen Zweck erreicht, und meine Tochter scheint ihn nicht einmal vermißt zu haben. Der heilige Joseph bekommt morgen sein goldenes Gewand.«

Alfred eilte, nachdem er sich im Hause seiner Eltern schon vor deren Heimkehr umgekleidet, in die Kaserne zurück, als eben Tagreveille geschlagen wurde. Siegesbewußt, trunken vor Freude, legte er sich auf das Bett, das er so lange benützt und dem er heute adieu sagen mußte. Aus seinem Schlafe weckte ihn der Adjutant mit den Worten: »Herr Kamerad, wachen Sie als Leutnant auf! Der Armeebefehl ist erschienen.« –

Der Hauptmann aber hatte am nächsten Morgen nichts Eiligeres zu thun, als sein Versprechen dem Heiligen gegenüber zu erfüllen. Er schlich sich leise in Lauras Zimmer, nahm vorsichtig, um die noch Schlafende nicht zu wecken, das Bild von der Wand und mit auf sein Zimmer.

Dort schnitt er aus Goldpapier, das er immer vorrätig hatte, (er beschäftigte sich gerne mit Buchbinderarbeiten), einen hübschen Mantel zurecht und machte sich dann daran, den Heiligen seines alten Kleides zu entledigen. Andächtig sprach er dabei: »Lieber heiliger – Regimentskadett!«

Das letzte Wort glich einem Entsetzensschrei. Er hatte das lilafarbige Gewand abgenommen und – der schmucke Kadett zeigte sich seinen Blicken.

Wutentbrannt wollte er mit diesem corpus delicti zu seiner Tochter eilen, da klopfte es und der Feldwebel trat ins Zimmer.

»Guten Morgen, Herr Major!«

»Was, Major!« donnerte ihn Dirschl an und schwang drohend das Bildchen in der Luft.

Der Feldwebel glaubte nicht anders, als sein Vorgesetzter wisse schon von dem Vorfall des gestrigen Abends und er beschloß, ihn als »Hauptmann« nicht mehr zu Wort kommen zu lassen.

276 »Herr Major werden verzeihen! Ich gratuliere, Herr Major! Der Armeebefehl ist erschienen.«

»Waaas?« rief Dirschl. »Ich? Ich bin –«

»Wirklicher Major beim Monturdepot,« berichtete jetzt der Feldwebel.

Frau Dirschl und Laura erschienen jetzt auch. Sie gratulierten und küßten den neuen Major aufs herzlichste.

»Und der Regimentskadett?« fragte dieser, beim Anblick seiner Tochter wieder an ihn erinnert.

»Ist Leutnant geworden, Herr Major!«

»Da ist er schon!« rief Laura.

An der Thüre erschienen Major von Stock und Alfred, letzterer schon in der Uniform eines Leutnants, die sein Vater vorsorglich hatte herrichten lassen.

Die beiden Väter küßten sich.

Der junge Offizier meldete sich vorschriftsmäßig als avanciert.

Dem neugebackenen Major standen die Thränen in den Augen.

»Wenn ich das gewußt hätte,« sagte er zu Alfred, »würde ich Sie gestern auf den Ball –«

»Es ist gut, wenn man nicht alles weiß,« lachte Major von Stock, »sonst hätten Sie auch gewußt, daß der so fleißig tanzende Türke nicht ich, sondern Alfred gewesen.«

»Waaas?« rief der Überlistete.

»Der Vize ist wieder gesund, Herr Major,« meldete der Feldwebel.

»Die Kompagnie geht Sie nichts mehr an, Sie sind jetzt Major beim Monturdepot,« sagte Herr von Stock, den Feldwebel beiseite schiebend. »Aber eine andere Pflicht 277 haben Sie. Die jungen Leute hier lieben sich, lieben sich sehr, und es ist unsere Pflicht, sie glücklich zu machen. Ich bitte Sie in aller Form für meinen Alfred um die Hand Ihrer Tochter.«

»Und wenn ich nein sage?« fragte der Vater scherzend.

»Dann brenn' ich mit Alfred durch nach Philadelphia!« rief Laura lachend.

»So weit lassen wir's nicht kommen. Da – nehmt euch!« sagte Dirschl, unter Thränen lachend. Und zu seiner Frau sich wendend, fuhr er fort: »Laß den besten Wein aus dem Keller holen! Und Sie, Feldwebel, trinken auch ein Glas auf das Wohl des Brautpaares!«

»Zu Befehl, Herr Major!« sagte dieser, die Hand an die Mütze legend. Er war froh, daß die Sache so gut abgelaufen.

Doppelter Jubel war nun im Hause, die Gläser wurden mit Steinwein gefüllt und gaben guten Klang.

Das Bild des Regimentskadetten hing von jetzt an ohne verhüllenden Mantel über Lauras Bett, und sie zitierte auch als glückliche Frau oft das bekannte Lied:

Ist nichts so schön, ist nichts so nett
Als ein Regimentskadett,
Und seine Silhouett', Silhouett'
Hängt über mein' Bettstatt'l weg!

 


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