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Erstes Buch
Jugendidyll

Erstes Kapitel

Wie meine Mutter strickte und mein Vater einen wunderlichen Heiligen anrief. – Vom alten Hylas, ferner von einem Reinettenbaum und endlich von einem aus der Klasse gejagten Michel.

»Nun?« fragte meine Mutter, indem sie meinen neben ihr sitzenden Vater von der Seite ansah und ihr Strickzeug mit einer Tatkraft handhabte, daß die Nadeln laut aneinander klangen und das auf den Schoß der Strickerin niederhängende Strumpfende sehr charakteristische Bewegungen machte.

»Was nun?« gegenfragte mein Vater.

Frage und Gegenfrage prallten in recht eigen zugespitztem Tone gegeneinander.

Außerdem gaben sich noch andere verhängnisvolle Symptome kund, welche auf eine gar bedenkliche Sachlage schließen ließen.

Die noch immer mädchenhaft frischen Lippen des kleinen Mundes meiner Mutter waren trotzig aufgeworfen, und zwischen ihren braunen Brauen, unter welchen ein dunkelblaues Augenpaar so sanft, gut und liebevoll hervorblickte, zeigte sich etwas wie der Schatten einer Falte. Auch strickte sie, wie schon gesagt, heftig. In gewöhnlicher Verfassung, wenn die getrennten Gewalten des ehelichen Konstitutionalismus in parlamentarischer Harmonie lebten, pflegte die Gute weder heftig noch überhaupt häufig zu stricken, weil ihr Eheherr einen stark ausgeprägten Widerwillen gegen diese Beschäftigung hegte.

Mein Vater warf mit einem ungeduldigen Ruck die Feder auf das große altfränkische Schreibzeug, stieß das vor ihm liegende Aktenheft zurück und faßte mit der Rechten in seinen buschigen Backenbart, dessen Schwarz reichlich mit Grau gesprenkelt war. Dann nahm er mit der Linken die Pfeife mit dem langen Weichselrohr aus dem Munde, blies die Backen auf und ließ einen unendlichen, dünnen Rauchstrahl mit eigentümlich pfeifendem Ton zwischen seinen Lippen hervorbrechen.

Dies getan, lehnte er sich in den Rohrstuhl zurück und stieß den lauten Seufzer aus:

»O, heiliger Semmelziege!«

Ich verstand den Sinn der Anrufung dieses wunderlichen Heiligen damals noch nicht. Später aber begriff ich, warum bei dieser Anspielung auf die Figur des Hofrats Semmelziege in Tiecks »Däumchen«, welchen Hofrat die Strickmanie seiner Gattin Ida bekanntlich sehr unglücklich machte, meine sittsame Mutter so über und über errötete, wie sie tat.

Sie rückte schmollend ihren Stuhl weiter von dem ihres Eheherrn hinweg und ließ an ihrer Stelle die Stricknadeln antworten, welche bitterböse klirrten.

In dem verlegenen Schweigen, welches herrschte, suchte mein Vater Trost bei seiner Pfeife. Aber sie war ausgegangen.

»Schlechter Tabak!« brummte er.

Meine Mutter schwieg, doch machte sie unwillkürlich eine Bewegung, um nach dem Feuerzeug zu langen, welches gerade vor ihr auf dem grünen Gartentische stand, als wollte sie nach ihrer Gewohnheit den Vater mit Feuer versorgen. Aber sie zog die schon ausgestreckte Hand wieder zurück, warf das Mäulchen auf und strickte, als gälte es ein Wettstricken.

Mein Vater stellte die Pfeife beiseite, verschränkte die Arme, gähnte verdrießlich, schaute in den rötlichen Abendhimmel hinaus, dann aufwärts in die Zweige des alten, prächtigen Apfelbaumes, welcher den Tisch überschattete und bemerkte:

»Die Reinetten gehen schon der Reife entgegen. Es war aber auch ein heißer Sommer.«

Meine Mutter schwieg und strickte.

Mein Vater, indem er leise seufzte, legte seine Hand auf den Kopf seines alten Hühnerhundes, welcher vor ihm saß. Der Hund hob seine Schnauze auf das Knie seines Herrn und blickte ihm mit den großen braunen Augen teilnahmevoll ins Gesicht.

»Alter Hylas, lieber, guter, friedsamer Kerl!« sagte mein Vater, den Hund liebkosend.

Das Wort friedsam war ganz eigen betont, und der alte Hylas verstand unzweifelhaft die Meinung seines Herrn. Aber er warf einen demütig fragenden Blick nach seiner Herrin hinüber, hielt sich ganz stille und ließ seinen buschigen Schweif nur ganz leise auf dem bekiesten Boden hin und her gehen. Es lag aber doch unbeschreiblich viel Sympathie in diesem hündischen Gebärdenspiel.

Der Hylas war nämlich ein Vieh von Geist und Gemüt. Wenigstens behauptete das sein Herr.

Die Stricknadeln klangen unter den Händen meiner Mutter, heftig, demonstrativ, ich möchte fast sagen eifersüchtig.

Meine gute Mutter liebte den Hund, wie überhaupt alle Tiere, nicht weniger als mein Vater. Und doch sah sie jetzt den armen Hylas so böse an, als sie überhaupt etwas anzusehen vermochte.

Dann, als sie bemerkte, daß ihr Eheherr sie nicht beachtete, warf sie einen verstohlenen Blick auf ihn, einen Blick, der eine Welt von Liebe offenbarte.

Da mein Vater sich plötzlich umkehrte, hatte sie nicht mehr Zeit genug, diesen Blick ganz zu verbergen.

Sie schlug die Augen nieder und strickte wieder mit fliegender Eile.

Mein Vater ließ sich aber dadurch nicht irre machen.

»Hör mal, liebes Kind,« sagte er, »morgen hab' ich ohnehin ein Geschäft in der Stadt. Du kannst mitkommen, und da wollen wir mitsammen sehen, was es denn mit dieser Geschichte eigentlich für eine Bewandtnis habe. 's ist am Ende doch nur 'ne Lumperei, wett' ich, ein Bubenschnickschnack. Läßt sich wohl leicht beilegen. Der Rektor, mußt du wissen, ist ein ungeheurer Pedant. Kenne ihn von alters her. Weiß nicht, absolut nicht, was Humor ist, der alte Deklinationenhetzer und Konjugationenbrüster. Unser Michel jedennoch ....«

»Unser Michel,« fiel meine Mutter ein, aber sie strickte jetzt nicht nur nicht mehr, sondern auch war das unglückselige Strickzeug, welches den ästhetischen Sinn meines Vaters so sehr beleidigte, plötzlich ganz verschwunden – »unser Michel ist mit Schimpf und Schande aus der Klasse gejagt worden. Ach Gott, der unglückliche Bub! Wie soll ich das verwinden?«

Und die gute Frau brach in Tränen aus.

Der alte Hylas stand auf, schlich sich unter dem Tische durch, legte seinen Kopf schüchtern auf den Schoß meiner Mutter, blickte sie teilnehmend an und wedelte höchst gefühlvoll mit seinem Federschweif.

Ihres Kummers ungeachtet konnte meine Mutter doch nicht umhin, das treue alte Tier mit ihrer weißen Hand hinter den Ohren zu krauen.

»Nun, nun,« begütigte mein Vater, »verderb dir doch die Augen nicht mit überflüssigem Weinen, Gertrud. Du weißt, ich kann's nicht leiden. Schöne Frauenaugen sind eine edle Gottesgabe; man sollte sie pflegen; weißt du? ... Was aber die verdrießliche Tagesfrage betrifft, so ist es allerdings eine feststehende Tatsache, daß unser Michel – wo nur der Junge den ganzen Abend stecken mag? – in etwas barscher Weise das consilium abeundi erhalten hat. Wenn indessen der Grund kein anderer ist als der von ihm angegebene – und du weißt, der Junge lügt nicht – so hat es in der Welt schon größere Mißgeschicke gegeben, denk ich.«

»Ja,« entgegnete meine Mutter, noch immer weinend – »ich weiß wohl, du würdest so sprechen, auch wenn dir der Himmel über dem Kopfe zusammenfiele.«

»In der Tat, liebe Alte« – dieser Ausdruck meines Vaters hatte meiner Mutter gegenüber immer etwas Komisches, denn er war mindestens zwanzig Jahre älter als sie – »in der Tat, vielleicht würde ich in diesem Fall mit dem alten Horaz sprechen:

Si fractus illabatur orbis
Impavidum ferient ruinae –
Selbst wenn der Erdkreis berstend einstürzt, wird ihn der Sturz unerschrocken treffen.

vorausgesetzt nämlich, daß ich dann überhaupt noch zum Sprechen Zeit hätte und – du mir nicht widersprächest.«

»Ja, spaße nur,« versetzte meine Mutter, den Stich gutmütig hinnehmend. »Das ist so Männerart. Während wir uns härmen, scherzt und lacht ihr euch die Sorgen von der Brust weg. Was aber deinen Michel angeht ...«

» Meinen Michel?« fiel ihr mein Vater lächelnd ins Wort. »Hm, liebes Kind, ich denke, ein gut Teil von dem Jungen gehört dir an. Um so mehr, weißt du? da er, wie auch sein neuestes Heldenstück verrät, verteufelt oppositionell gesinnt ist. Im übrigen kann nicht geleugnet werden, daß der Junge ein Wildfang aus dem ff ist, ja geradezu das, was die Franzosen sehr bezeichnend ein enfant terrible nennen. Indessen ist mir das lieber, als wenn er ein Schleicher und Duckmäuser wäre, weit lieber. Wird sich die Hörner schon ablaufen, unser Michel.«

»Ach«, sagte meine Mutter wehmütig, »ich fürchte, der Junge ist zum Unglück bestimmt.«

»Warum nicht gar! Er ist ein derbknochiger Bursch. Desto besser! Er wird sich schon durch die Welt beißen und hauen. Ihm selber möcht' ich's nicht sagen, aber dir sag' ich's, liebe Alte; ich hab' eine rechte Freude an dem Jungen. Er hat Haare auf den Zähnen und Mark in den Knochen und gesunden Atem in der Lunge. Er fürchtet keinen seines Alters, selbst größere und stärkere nicht; er kriegt sie unter.«

»Ja, der ewigen Rauferei wegen kann man ihm auch nicht Kleider genug anschaffen,« seufzte meine Mutter.

»Tut nichts. Er läuft wie ein junger Hirsch über die Berge, schwimmt wie 'ne Ente, scheut sich nicht, das wildeste Pferd zu besteigen, kein Baum ist ihm zu hoch ...«

Wenn mein Vater wollte, daß sein Sohn Michel dieses nicht grundlose Lob nicht mit anhören sollte, so hätte er bedenken sollen, daß in der Tat dem Jungen kein Baum zu hoch war, namentlich solche nicht, welche ganz oder auch nur halbwege reife Früchte trugen.

Mehrbesagter Michel, mit dem Erzähler dieser seiner denkwürdigen Geschichte eine und dieselbe Person, hatte schon seit einigen Tagen die Wahrnehmung gemacht, daß die reifenden Reinetten auf dem Baume, welcher den Lieblingsgartenplatz seines Vaters überschattete, für seinen Geschmack gerade wenig säuerlich genug wären. Der »Wildfang aus dem ff« pflegte solcherlei Wahrnehmungen eifrigst auszunützen. Heute war er, nachdem ihm vormittags in der nahen Stadt, wohin er seit einigen Jahren täglich gewandert, um das dortige Lyzeum zu besuchen, eine gewisse Fatalität zugestoßen, den ganzen Nachmittag im Garten herumgestrichen, um der Fortsetzung gewisser unangenehmer häuslicher Erörterungen auszuweichen. Hunger und Durst hatten ihn vermocht, sich bei dem Reinettenbaum zu Gaste zu laden; aber kaum hatte er sich in den Ästen des ehrwürdigen Patriarchen festgesetzt, als Vater und Mutter unter demselben Platz nahmen. Und da heute kein Tag war, wo es ratsam gewesen wäre, daß Michel sich vor seinem Vater auf vorzeitiger Zehntung des väterlichen Lieblingsobstes ertappen ließ, so fühlte er sich bewogen, seine Operationen nur mit äußerster Vorsicht zu verfolgen. Zuletzt hatte er dieselben sogar ganz eingestellt, um, hinter den dicken Stamm gedrückt und, sich möglichst klein machend, aus seinem Blätterversteck herab mit begreiflicher, wenn auch nicht verzeihlicher Neugier einer Verhandlung zuzuhören, welche seine eigene werte Person betraf.

Zweites Kapitel

Ringe oder Wolken? – Ein »denkender« Landpfleger. – Große Debatte über den unglückseligen Namen »Michel«. – Von einer Mainacht »unter der Linde«. – Wie heillos ein Friedenskuß gestört werden kann.

Mein Vater hatte seine Pfeife wieder gefüllt und die Mutter den brennenden Zunder auf den schwellenden Varinas gedrückt.

Ihr Stuhl stand jetzt wieder dem ihres Eheherrn dicht zur Seite.

Mein Vater fühlte sich bei diesen offenkundigen Vorzeichen friedfertiger Annäherung sehr behaglich. Hierfür lag ein untrüglicher Beweis vor oder schwebte vielmehr in der milden Abendluft in Gestalt einer unendlichen Reihe meisterhaft geblasener Rauchringe von allen Größen, die unablässig aus dem Munde des Rauchenden hervorquollen.

Wenn die Bauern, Pächter, Förster und Pastoren in Geschäften zu uns aufs Rentamt kamen, machten sie immer zuerst meiner Mutter die Aufwartung, um sich, wie sie sagten, nach der Witterung zu erkundigen.

»Frau Kons'lentin,« fragten sie dann, »hat der Herr Kons'lent beim Morgenkaffee Ringe geblasen oder aber Wolken?«

Gab die Mutter mit einem verhaltenen Seufzer zur Antwort: »Wolken, schwere Wolken!« so gab's ein bedenkliches Kratzen hinter den Ohren, und die Leute schlichen sehr behutsam nach der Amtsstube. Antwortete hingegen meine Mutter mit ihrem herzgewinnenden Lächeln: »Ringe, prächtige Ringe!« so schritten die Leute laut und lachend den Gang nach den Geschäftszimmern hinab, als hätten sie den günstigen Bescheid auf ihre verschiedenen Anliegen schon schriftlich in der Tasche. Manchmal freilich erwies sich nach Art anderer Orakel auch das Ringe- und Wolkenorakel trügerisch, sehr trügerisch.

Meine Mutter konnte das wissen, allein sie wollte sich heute an solche unliebsame Erfahrungen wahrscheinlich nicht erinnern.

Ihre kleine, weiße, weiche Hand auf die große, knochige, gebräunte meines Vaters legend, fragte sie recht herzlich:

»Willst du mir einen Gefallen tun, lieber Fritz?«

»Zwei für einen, Trudchen.«

»Danke, danke! Ich verlange nur einen, aber du mußt mir versprechen, mich nicht auszulachen um deswillen, was du meinen Aberglauben nennen wirst.«

»Dich auslachen, Trudchen? Wegen des Aberglaubens? Fällt mir nicht ein! Ein bißchen Aberglaube steht euch Frauen ganz vortrefflich, weißt du? Und was ist eigentlich Aberglaube? Es möchte sehr schwierig sein, diese Frage bestimmt zu beantworten. Wollte den sehen, der mir ganz genau, auf den Punkt hin sagen könnte: Da hört der Glaube auf und da fängt der Aberglaube an. Müßte ein siebenfach destilliert gescheiter Kerl sein, der das könnte. Denn siehst du, liebe Alte, die Frage: Was ist Wahrheit? ist bis heute von allen unsern Philosophen gerade noch so wenig befriedigend beantwortet, als sie es zur Zeit des Landpflegers Pilatus war. Besagter Pilatus ...«

Meine Mutter verzog ein wenig, nur ein klein wenig, aber doch wahrnehmbar den Mund, und ihr Arm zuckte leise, als wollte sie ihre Hand von der ihres Eheherrn zurückziehen. Und diese Regung der Ungeduld war sehr verzeihlich. Wenn mein Vater mal ins Dozieren hineinkam, so war ihm sehr schwer beizukommen.

»Besagter Pilatus,« fuhr mein Vater fort, »war ohne Zweifel ein denkender Landpfleger ...«

»Bitte, lieber Schatz,« fiel meine Mutter ein, »laß doch den denkenden Landpfleger, der schon so lange ausgedacht hat, in Ruhe und höre lieber, was ich wünsche.«

»Was wünschest du, Trudchen? Du weißt, alle deine Wünsche sind mir Befehle ...«

»Die aber selten vollzogen werden,« wollte offenbar meine Mutter mittels des bittersüßen Lächelns sagen, welches ihre Mundwinkel kräuselte. Indessen begnügte sie sich zu äußern:

»Das wollen wir gleich sehen, lieber Fritz. Du weißt, es hat mich stets geärgert und gekränkt, daß unser Bub' den unglückseligen Namen Michel führt ...«

»Warum nicht gar!«

»O, du weißt es wohl. Du solltest auch noch nicht vergessen haben, wie tödlich ich erschrak, da ich, als ihr den Täufling aus der Kirche zurückbrachtet, erfahren mußte, daß du ihm als ersten Namen Michel gegeben habest und erst als zweiten den Namen Siegfried, wie sein Pate, mein Bruder selig, hieß.«

»Alte Geschichten, Trudchen, alte Geschichten. Im übrigen hab' ich nie begreifen können und begreife auch jetzt noch nicht, wie du gegen den ehrlichen Namen Michel eingenommen sein konntest und kannst.«

Die Hand meiner Mutter lag nicht mehr auf der meines Vaters, als sie erwiderte:

»Gegen den ehrlichen? Gegen den garstigen, gemeinen, pöbelhaften, willst du sagen. Nur Fuhrleute und Holzhacker heißen Michel.«

Der Stuhl meiner Mutter, als wäre er ein fühlendes Wesen und gehorche den Stimmungen der auf ihm Sitzenden, rückte wie von selbst eine Spanne weit von dem meines Vaters weg.

»Daß ihr Frauen doch alle eingefleischte Aristokratinnen seid!« sagte mein Vater gleichmütig und setzte an, um einen recht großen Ring zu blasen. Aber er brachte es nicht zustande, wahrscheinlich aus Schrecken über die zwischen den Brauen meiner Mutter abermals sich entwickelnde Falte. Der Rauch kam ganz wolkig und anarchisch aus seinem Munde.

»Ich bin keine Aristokratin, ich!« versetzte meine Mutter gereizt. »Ich weiß, daß Fuhrleute und Holzhauer ganz gute und achtbare Menschen sein können und oft auch wirklich sind. Aber wer wird es einer armen Mutter verübeln, wenn sie nicht will, daß ihr einziger Sohn so fuhrmännisch oder holzhackerisch heiße? Bitte, lieber Fritz, wir wollen den Knaben künftig nur mit dem Namen Siegfried rufen.«

»Liebes Kind, ich habe ganz und gar nichts dagegen, wenn du den Jungen lieber mit dem Namen Siegfried rufst.«

»Nicht so, Alterle, nicht ich allein. Du und alle, alle sollen ihn künftig so rufen. Er soll sich auch künftig nur noch Siegfried Helmut schreiben, nicht mehr – doch ich will den garstigen Namen gar nicht mehr auf die Zunge nehmen. Er klingt so roh, so flegelhaft ...«

»Aber, Schatz, der Junge ist ja gerade auch in den Flegeljahren.«

Ohne diesen Einwurf zu beachten, fuhr meine Mutter eifrig fort:

»Siegfried dagegen, wie klingt das vornehm, stolz, heldisch! Hast du mir, als du mich im letzten Winter beredetest, das lange, lange Nibelungenlied zu lesen, nicht zu wiederholten Malen gesagt, der Siegfried sei der herrlichste aller Helden unserer alten Sagenwelt gewesen?«

Das hieß meinen Vater an einer seiner schwächsten Seiten anfassen, an der Begeisterung, welche er den Erinnerungen vaterländischer Heldensage weihte.

»Diplomatin du!« gab er lachend zur Antwort.

»Ach nein,« versetzte meine Mutter abwehrend. »Ich weiß und will nichts von der Diplomatie. Ich verlasse mich lediglich auf mein Muttergefühl. Das sagt mir, daß der Name Michel ein Unglück für den Knaben sei, weil voll der übelsten Vorbedeutung. Was kann aus einem Michel werden?«

»Etwas Rechtes, liebes Kind, etwas Rechtes!« erwiderte mein Vater eifrig.

Und indem er die Pfeife fest mit den Zähnen packte und mit dem Zeigefinger der rechten Hand demonstrierend auf die innere Fläche der ausgestreckten tippte, fuhr er fort:

»Ich muß dir sagen, Gertrud, du hegst da in der Tat einen wunderlichen Aberglauben. Der Name Michel sei von übler Vorbedeutung, meinst du? Welcher krasse Irrtum! Als ob ich dem Jungen den Namen nicht mit rechtem und reiflichem Vorbedacht gegeben hätte!«

»Ja, mir zum Ärger.«

»Trudchen, Trudchen, jetzt sieh, das glaubst du selber nicht.«

»Hm,« murmelte meine Mutter, und ihr Stuhl entfernte sich immer weiter von dem ihres Eheherrn.

»Nicht dir zum Ärger, Gertrud, sondern weil ich der Hoffnung lebte, daß zwar nicht ich selber, wohl aber unser Junge eine Zeit erleben werde, wo jeder Deutsche stolz sein würde, ein deutscher Michel zu heißen.«

»Warum nicht gar!«

»Alles Ernstes! Das in unserer Zeit bei der Namengebung ohne allen Sinn und Verstand, ohne alles vaterländische Gefühl verfahren werde, haben verständige und patriotische Männer längst gerügt. Es ist ganz und gar nicht unwichtig, was für einen Namen der Mensch trage.«

»Da hast du leider nur zu recht!«

»Als mir daher meine selige Mutter den großen, kräftigen Jungen, den du mir Glücklichem gegeben, zuerst in die Arme legte und du von deinem Bette her voll Freude flüstertest: ›'s ist ein starker Bub', liebster Fritz!‹ und der Bursch gar nicht weinerlich tat, sondern mich mit seinen dunklen Augen frisch und keck anguckte, und mit seinen Händchen nach meinem Backenbart zu langen versuchte, da beschloß ich bei mir: Der soll Michel heißen!«

»Eine höchst vortreffliche und glückliche Namenwahl ... in der Tat!«

Meine Mutter bemühte sich offenbar nach Kräften, diese Einschaltung spöttisch zu betonen, aber es ging nicht recht; die in den letzten Worten meines Vaters liegende Erinnerung an eine Stunde voll Mutterseligkeit ließ es nicht zu.

»Eine vortreffliche und glückliche Namenwahl allerdings!« bestätigte mein Vater mit Nachdruck.

»Ei ja doch!«

»Freilich, freilich. Sträube dich immerhin, Trudchen; aber sieh, du bist zuletzt doch viel zu verständig, um einer augenscheinlichen Tatsache widersprechen zu wollen.«

»Geh doch!«

»Im Gegenteil, ich komme erst angerückt, liebes Kind, und zwar an der Spitze einer ganzen Armee schwerbewaffneter Gründe.«

»Verschone mich! Ich bin wahrhaftig nicht zum Scherzen aufgelegt.«

»Ich ebensowenig. Zwar hat, wie du weißt, eine gütige Fee ... nein, zum Henker mit den Feen! 's ist keltisch-französisches Lumpenzeug ... also eine Elfin hat mir, wofür den Göttern Lob und Preis sei, den Humor als unzerstörbares Angebinde in die Wiege gelegt, allein dessenungeachtet werde ich wissenschaftliche Gegenstände stets mit dem gebührenden Ernste behandeln.«

»Du lieber Gott, als ob der Name Michel etwas mit der Wissenschaft zu tun hätte.«

»Siehst du, jetzt paßt mal wieder Schillers Satz: Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort – wie angemessen auf dich, liebe Alte ...«

Der Widerspruch in dieser Äußerung wirkte so komisch, daß ich ums Haar in ein lautes Lachen ausgeplatzt wäre. Meine Mutter empfand den prickelnden Reiz ebenfalls und vermochte ihm nicht ganz zu widerstehen.

Ihr Lachen hatte etwas Anmutiges. Ach, alles an ihr war anmutig – sogar ihr Schmollen.

Mein Vater in seiner demonstrativen Laune fuhr dozierend fort:

»Es ist festgestellt und meines Wissens auch gar nirgends bestritten, daß das altdeutsche Wort michel durchaus identisch ist, nämlich dem Sinne nach, mit unserm norddeutschen Wort stark, gewaltig, mächtig, riesenhaft. Bei unseren mittelhochdeutschen Dichtern finden sich die Belegstellen genug dafür. So z. B. sagt Hartmann von der Aue, der Wieland des Mittelalters, in seinem Iwein ›der michel Knabe‹ und in seinem Crek ›der michel Mann‹, wo er nach unserm heutigen Sprachgebrauch in jenem Falle gesagt hätte ›der Riesenknabe‹, in diesem der ›Riese‹. Ausdrücke, wie ›es nimmt mich michel wunder‹ für ›es nimmt mich gewaltig wunder‹ und andere dergleichen, wo sich mit dem Wort michel immer der Begriff des Bedeutenden, Starken, Gewaltigen, Ungewöhnlichen verbindet, sind in unserer mittelhochdeutschen Literatur gang und gäbe. Ich werde dir das bei nächster Gelegenheit an Dutzenden von Beispielen schwarz auf weiß beweisen. Und so wäre denn dargetan, wie ganz irrtümlich deine Meinung war, der Name unseres Jungen sei von mißlicher Bedeutung und übler Vorbedeutung. Im Gegenteil, ganz im Gegenteil, der Name Michel ist von sinniger Bedeutung, voll glücklicher Vorbedeutung, ist ein rechter Kern- und Ehrenname. Die Sache ist dir jetzt klar, völlig klar, nicht wahr?«

»O ja, sie ist mir klar, völlig klar, das heißt, ich weiß jetzt, daß mein armer Junge den abscheulichen Namen nicht loswerden soll.«

Mein Vater zuckte die Achseln, und meine Mutter versank in eine schwermütige Träumerei. Was mich angeht, so wurde es mir in meinem Laubversteck allmählich bedenklich ungemütlich und langweilig zumute. Ich durfte es aber doch nicht wagen, dasselbe zu verlassen, da mein Rückzug kaum unbemerkt bewerkstelligt werden konnte. An einem und demselben Tage als weggejagter Lyzeist und als Horcher zu erscheinen, mochte ich nicht auf mich nehmen. Die Unbehaglichkeit meiner Lage zu erhöhen, hing auf ein paar Armlängen weit ein prachtvoller Apfel lockend vor mir. Einladender konnte der weltberühmte Apfel, womit Frau Eva ihren Gemahl weiland im Paradiese betörte, unmöglich ausgesehen haben. Die Beute zu ergattern, reckte und dehnte ich meine Gelenke, als wären es die einer Katze; aber umsonst, denn zu weit über den Ast hinaus durfte ich mich nicht wagen, weil derselbe gerade über dem Gartentische stand und demnach die Entdeckung des »enfant terrible« durch eines der elterlichen Augen fast unausbleiblich gewesen wäre.

Während ich so die Qualen des armen Tantalus, welche mich in der Objektivität, womit der alte Rektor bei Gelegenheit davon gesprochen, ziemlich ungerührt gelassen hatten, zu meinem großen Mißvergnügen subjektiv durchkostete, hob drunten das Gespräch wieder an.

Mein Vater blätterte in seinen Akten, meine Mutter saß mit gesenktem Haupte und über den Knien gefalteten Händen. Sie mußte sich tief in ihre Gedanken und Erinnerungen versenkt haben, denn sonst hätte sie nicht so lange müßig sitzen können. Mit einem schweren Seufzer sagte sie jetzt:

»Ich bleibe dabei, lieber Fritz; der Knab' war von Anfang an zum Unglück bestimmt, von der Taufe, von der Geburt an, ja schon ....«

Sie stockte errötend und brach ab.

»Erinnerst du dich noch jener Mainacht,« fuhr meine Mutter zögernd und leise fort – »wo uns das furchtbare Gewitter im Park überraschte? Ich war dir entgegengegangen, du kamst spät ....«

Ein heller Schimmer ging über die Stirne meines Vaters. Er blickte mit zärtlichem Lächeln zu der Mutter hinüber, schob den Aktenfaszikel zurück und begann nach einer alten Melodie, die er häufig pfiff und summte, mit seiner sonoren Stimme halblaut zu singen:

»Unter der Linden
An der Heide
Die Blumen auf dem grünen Grund
Sie mögen es künden,
Wo wir beide
Gefeiert unsrer Liebe Bund.
Vor dem Wald im stillen Tal
– Tandaradei –
Sang dazu die Nachtigall.«

»Pst, pst!« machte meine Mutter, ganz Purpur im Gesicht und die Hände abwehrend gegen den Vater ausstreckend. Dann setzte sie, wie um ihre Verlegenheit zu bemeistern, rasch hinzu:

»Es war auch gar keine Linde.«

»Keine Linde, Trudchen? Was denn?«

»Ein Traubenkirschbaum.«

»Welche Idee!«

»Ja, dir und deinem Walter von der Vogelweide zum Trotz, es war ein Traubenkirschbaum.«

»Opposition muß sein! Aber du machst mir nichts weis, liebes Kind. Ich weiß noch alles, als wär's gestern abend gewesen.«

»Still! ich bitte dich.«

»Warum denn? Ich hatte noch spät am Abend nach dem Girlitzer Pachthof hinüber gemußt. Du hattest mir versprochen, mir bis zur kleinen Hinterpforte des Parkes entgegenzukommen, und du hieltest Wort. Du warst damals erst seit acht Tagen, was du noch heute bist, mein Goldtrudchen, mein Herzensweib. Als ich das Pförtchen hinter mir hatte, sah ich dein weißes Kleid unter den tiefgesenkten Ästen der Linde hervorschimmern ...«

»Des Traubenkirschbaums, willst du sagen, lieber Fritz.«

»Es war eine wundervolle Nacht, lau, lind, voll rauschender Düfte. Im Waldgrund drunten schlugen zärtlich die Nachtigallen, silbern lugte dann und wann der Mond durch tauschweres Gewölke; es war, als hörte man die große Lebensmutter Natur wie in glücklichen Träumen leise aufatmen; fernab ein Wetterleuchten, sonst aber alles heilige Ruhe.«

»Aber das schreckliche Gewitter, welches so rasch heranzog ...«

»Was tat es? Mir war es, wie vormals den frommen Griechen, nur ein günstiges Omen mehr, daß Zeus donnerte. Du warst so schön und hold und gut. Duftstreuend rauschte uns zu Häupten die blühende Linde ...«

»Der Traubenkirschbaum! Soll ich denn immer unrecht haben?«

»O, es war eine Linde, ganz gewiß, Kind. Mir fielen ja dabei alle die herzigen Worte ein, welche unsere Minnesänger und unsere alten Volkslieder zum Lob und Preis des deutschen Lieblingsbaumes gesungen und gesagt haben. Denn sieh, Schatz, es ist eine ganz dumme Meinung, wenn man glaubt, die Eiche sei der alte Lieblingsbäum unseres Volkes gewesen. Dieses Vorurteil wurde erst durch die Klopstocksche Bardenschule aufgebracht. Unsere echte alte Dichtung dagegen feiert immer und überall die Linde. Eine Linde beschattete die Burghöfe, unter einer Linde tanzte die Dorfjugend. Die herzförmige Form der Blätter dieses Baumes, seine bergende Schattenfülle, sein süßer Duft machte ihn recht eigentlich zum Baum der Liebenden ...«

»Das ist alles recht gut und schön, lieber Fritz, aber es war doch keine Linde – die Linden blühen gar nicht so frühzeitig – sondern, wie gesagt, ein Traubenkirschbaum.«

»Nun denn, in's Drei...« wollte mein Vater auffahren. Aber er besann sich, lachte laut und sagte: »Wahrlich, Schatz, von dir gilt der lateinische Spruch: »varium et mutabile semper feminarum genus« Veränderlich und wetterwendisch ist allezeit der Frauen Geschlecht. keineswegs; du bleibst beharrlich und charakterfest.«

Und nach einer Weile fügte er mit jenem weichen und zärtlichen Ton, wie nur er denselben in der Brust hatte, hinzu:

»Lindenbaum oder Traubenkirschbaum – einerlei. Er beschattete ein glückliches Paar. War es nicht eine selige Stunde, Gertrud?«

Meiner Mutter Stuhl hatte sich im Verlaufe des Gespräches allmählich so weit von dem meines Vaters entfernt, daß sie auf der entgegengesetzten Seite des Gartentisches saß. Als aber jetzt der Vater ihr über den Tisch hinüber die Hand hinbot, lag in dieser Gebärde doch so viel Magnetismus, daß die Gute nicht umhin konnte, ihre Linke in die dargebotene Rechte des Gatten zu legen, wenn auch mit etwelchem Zögern.

»Denkst du noch der Stunde, Trudchen?« fragte mein Vater. »War sie nicht schön?«

Meiner Mutter Stuhl folgte dem sanften Zwange, welchen die Hand meines Vaters ausübte, und näherte sich diesem. Aber nur noch einen Schritt von demselben entfernt, stand er wieder still.

»Ist es nicht eine schönste Stunde einer schönen Zeit gewesen, Trudchen?« wiederholte mein Vater.

»Doch, doch, Alterle,« gab meine Mutter zur Antwort. »Aber Recht muß trotzdem Recht bleiben: es war ein Traubenkirschbaum, verlaß dich drauf. Ich habe noch lange Zeit nachher seines eigentümlichen Duftes nicht vergessen können.«

»Ja, liebes Kind, Lindenblütenduft ist ebenso süß als stark.«

»Lindenblütenduft? Geh doch mit deiner ewigen Linde!«

»Na, sei es, dir zu Gefallen, Trudchen. Also es war ein Traubenkirschbaum ...«

»Traubenkirschbaum oder Lindenbaum, meinetwegen was du willst. Aber eins weiß ich.«

»Was?«

»Daß es ein Unglücksbaum war.«

»Ein Unglücksbaum? Nun lieber gar!«

»Ja, ein Unglücksbaum.«

»Aber wie kannst du die Erinnerung an jene Stunde des Glückes mit einer solchen Vorstellung verknüpfen?«

»Es war auch eine unglückliche Stunde.«

» Me miserum! Ich Unglücklicher. Vor einem Augenblick sagtest du ja das bare Gegenteil.«

»Was tut man nicht alles einem lieben Manne zu Gefallen, um ihm jeden Schatten von Grund zu entziehen, zu glauben oder gar zu sagen, man sei eine Widerbellerin.«

»O! O!«

Nach einer Pause sagte meine Mutter flüsternd:

»Jener schreckliche Donnerschlag, weißt du noch?«

»Freilich, freilich, und ich wiederhole: Zeus donnerte, es war ein glückliches Omen.«

»Ach nein, lieber Fritz.«

»Warum denn nicht, Trudchen? Wie kann man so unklassisch denken?«

»Siehst du, lieber Mann, ich wurde damals sogleich von trüben Ahnungen erfüllt ... Es hätte auch nicht sein sollen, denn ... nun, ich weiß, was ich weiß, und ... kurzum, es schickte sich nicht.«

»Im Gegenteil, Trudchen,« versetzte mein Vater lachend, »es schickte sich ganz gut, weißt du?«

»Böser Mann,« sagte meine Mutter, ihr glühendes Gesicht an der Schulter meines Vaters verbergend ... »Siehst du, seit unser Knabe zur Welt kam, haben sich alle meine unglücklichen Ahnungen bestätigt. Jene unglückselige Gewitternacht ...«

»Versündige dich nicht, Gertrud. Dein Liebling Jean Paul würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüßte, wie gewaltsam du dich anstrengst, dir eine schöne Erinnerung zu vergällen. Sieh, Kind, das nenne ich eine Sünde. Aber ich weiß, es ist dir damit gar nicht Ernst. Du stellst dich nur so an, weil du heute etwas übriges tun zu müssen glaubtest, um meiner Disputierlust gerecht zu werden. Ich kenne das. Aber komm, es ist Zeit, daß unser trojanischer Krieg für heute ein Ende nehme. Komm, Trudchen, und küsse mich zum Friedensschluß; küsse mich so, wie damals unter der Linde ... nein, unter dem Traubenkirschbaum ... in jener gesegneten Mainacht.«

Meine Mutter wollte abwehrend den Kopf schütteln, aber es ging nicht recht und, wenn auch zögernd, neigte sie ihr schönes Antlitz doch allmählich gewährend dem des Gatten zu.

»Jetzt oder nie!« dachte ich. »Wart', du verdammter Apfel, ich krieg' dich!«

Und mit einer verzweifelten Anstrengung schnellte ich meinen Oberkörper hinter dem Stamm hervor, weit auf den Ast hinaus. Aber meine Hast verdarb alles, mir den Apfelraub und denen drunten noch etwas Besseres.

Der unvorsichtige Stoß meines Armes machte zwar den Apfel fallen, aber leider nicht mir in die Hand, sondern abwärts. Erschrocken hinter den Baumstamm zurückfahrend hörte ich von drunten einen Plumps. Die elterliche Gruppe stob so heftig auseinander, daß die Stühle umgeworfen wurden. Vater und Mutter schrien laut auf, und in diesen Aufschrei mischte sich ein helles Kinderlachen.

Der höllische Apfel war klatschend in das große Tintenfaß auf dem Tisch gefallen und hatte die Gesichter und Kleider meiner Eltern mit schwarzem Naß reichlichst überspritzt.

Ein allerliebstes Mädchen, meine zwölfjährige Schwester Hildegard, kam, den runden Strohhut im Nacken, die dunkeln Locken verworren um die Schultern fliegend, über den Rasenplatz gesprungen, schlug die kleinen Hände zusammen und rief lachend:

»Herr Jesus, Mama, Papa, wie seht ihr aus!«

»Garstig genug, ohne Zweifel,« sagte mein Vater, sich eifrig Stirne und Wangen abwischend und dadurch den Schatten nur noch größer machend. »Wer hätte geglaubt, daß die Reinetten schon so reif wären?«

Dann setzte er hell auflachend hinzu:

»Bei Wodan und Frouwa, Trudchen, du siehst auf und eben einer Schwarzelfin gleich.«

»Aber wenn du erst dich sähest, lieber Alter,« versetzte die Mutter, und beide stimmten sie in das schmetternde Lachen ihres Töchterchens ein.

Unter dem Lärm dieser allgemeinen Fröhlichkeit bewerkstelligte ich unbemerkt meinen Rückzug. Nachdem ich mich an der Hinterseite des Apfelbaumes hatte niedergleiten lassen, machte ich es ohne Umstände wie Seumes Kanadier, der »Europens übertünchte Höflichkeit« nicht kannte und sich »seitwärts in die Büsche« schlug.

Drittes Kapitel

Ein Frühgang. – Das Raben-Orakel. – Eine Landschaft. – Ketzerische Ansicht über das Money-making-Dogma unserer Tage. – »Zieh deine Schuhe aus, denn du trittst auf heiligen Grund!« – Keine Regel ohne Ausnahme. – Die Beichte eines weggejagten Lyzeisten.

»Laß los, Berthold! oder ...«

»Sachte, sachte,« entgegnete eine Stimme, welche nicht die meines Kameraden Berthold war, mit dem ich, wie so oft im Wachen, jetzt im Traume in einem heftigen Faust- und Ringkampf begriffen gewesen.

»Ah, du bist's, Vater?« fragte ich, mir den kriegerischen Traum aus den Augen reibend und mich im Bette aufrichtend.

»Ja, Bursch. Steh auf und zieh dich an, aber mach kein Geräusch, denn die Mutter schläft noch.«

Ich gehorchte rasch, denn der Ernst auf meines zum Ausgehen angekleideten Vaters Stirne machte jedes Zaudern, Zögern und Fragen unratsam.

Wir gingen. Als wir an der Schlafkammer meines Schwesterchens vorbeikamen, hörten wir Hildegard drinnen laut ihr Morgengebet sprechen. Sie mußte trotz unseres sachten Auftretens unsere Schritte vernommen haben, denn sie öffnete ihre Türe halb, streckte ihr rosiges Gesichtchen heraus und rief uns mit gedämpfter Stimme nach:

»Guten Tag! Wohin schon? Darf ich nicht mit, Papa?«

»Nein, Kind,« erwiderte mein Vater leise. »Ich habe mit dem Michel ein Geschäft vor. Mache deine Zöpfe zurecht, Liebchen, und sorge, daß die Mutter beim Erwachen einen frischen Blumenstrauß auf ihrer Bettdecke finde. Das freut sie, weißt du?«

Wir stiegen vorsichtig die gewundene Treppe hinab und traten durch die Hintertür in den Garten hinaus. Während wir den Mittelgang hinabschritten, machte das kleine Mädchen droben neugierig ihr Kammerfenster auf, bog sich heraus und sang uns mit schelmischer Stimme die Anfangsworte einer alten Volksballade nach:

»Es ritten zwei Reiter früh am Tag
Durch Nebel und Morgengrauen.
Gilt's einem Feind mit Stoß und Schlag?
Gilt's einer schönen Frauen?«

»Die kleine neugierige Hexe!« murmelte mein Vater lächelnd. Aber sogleich wurde sein Gesicht wieder ernst, und rasch ausschreitend winkte er mir, ihm zur Seite zu bleiben.

Unser Garten wurde durch den Plankenzaun des freiherrlichen Parkes begrenzt. Der Vater öffnete mit einem Schlüssel, den er bei sich trug, die schmale Bohlentüre, die sich hier befand. Wir schlugen aber nicht den Weg ein, welcher rechtshin nach dem Schlosse führte, dessen stolze Türme in einiger Entfernung aus den Baumgruppen hervorragten, sondern verfolgten in entgegengesetzter Richtung einen schmaleren Pfad. Der Morgennebel strich schwerfällig durch die schon in ihren bunten Herbstfärbungen prangenden Baumwipfel und bedeckte rings den Rasen mit seinem feuchten Geriesel.

Wir kamen an dem sogenannten Krähenhorst vorbei, einer einsamen Stelle des Parkes, wo von alters her auf uralten Bäumen eine Kolonie von Krähen und Raben ungestört ihre Wirtschaft trieb. Die Vögel waren schon auf und schwatzten und krächzten da droben bunt durcheinander. Wahrscheinlich hatten die Tiere meinen Vater gewittert, der ihr großer Gönner war.

»Aha,« sagte er stillstehend, »die schwarzen Herren singen schon ihre Morgenvigilie und, richtig, da ist ja auch Se. Gnaden, der Herr Abt.«

Mein Vater behauptete nämlich, das Gemeinwesen dieser Vögel sei ganz entschieden ein klösterliches, aber das Krähenkloster sei sehr verständigerweise so eingerichtet wie dem Rabelais zufolge Gargantua dem Bruder Jehan ein Kloster errichten ließ. Mein Vater nannte daher den uralten Raben, der hart vor uns auf einem der niedrigsten Äste einer riesenhaften Ulme saß, nicht anders als Bruder Jehan und begrüßte denselben auch jetzt mit diesem Namen.

Der würdige alte Herr, in der Rentei ein oft und gern gesehener Gast, erwiderte den Morgengruß seines Gönners in seiner Manier. Er sträubte seine altersgrauen Halsfedern, reckte den Kopf weit vor, rührte höflich ein wenig die Flügel, blinzelte gescheit, klappte den Schnabel auf und zu und stieß ein recht gemütliches Kwah-Kwah aus.

»Michel,« sagte mein Vater ernsthaft zu mir, »frage den Herrn Abt, ob unser Vorhaben einen günstigen Erfolg haben werde.«

»Was für ein Vorhaben, Vater?«

»Das geht dich einstweilen nichts an, Junge.«

Da ich meines Vaters echter Sohn, das heißt ebenfalls nicht ohne eine Ader von Humor war und überdies triftige Gründe hatte, heute sehr folgsam zu sein, tat ich, wie mir befohlen worden. Ich stellte mich in Positur, zog die Mütze, machte einen Kratzfuß und fragte den alten Kerl von Raben:

»Was meinst du, hochwürdiger Bruder Jehan, wird unser Vorhaben gut ausfallen?«

Der Herr Abt blinzelte uns nur so von der Seite an, ließ ein kurzes, heiseres Gekoller hören, schüttelte verachtungsvoll sein Gefieder und schickte sich an, den Kopf unter seinen rechten Flügel zu stecken, als ob er gar nichts davon wissen wollte. Dann besann er sich eines anderen, lugte meinen Vater wie fragend an und fuhr mit seinem mächtigen Schnabel wetzend auf dem Ast hin und her.

»Ah, Bruder Jehan,« rief mein Vater lachend und in seine Rocktasche greifend, »ich will nicht Helmut heißen, wenn du nicht gerader Linie von Odins Raben Hugin und Munin abstammst: so klug bist du. Du weißt sicherlich, daß noch zu keiner Zeit ein Gott oder ein Priester gratis einen Orakelspruch gespendet hat. Sieh da!«

Der Abt hatte kaum den Käsebrocken erblickt, welchen mein Vater zwischen den Fingern hielt, als er sich mit einer Lebhaftigkeit gebürdete, die der klösterlichen Gravität nicht ganz angemessen war. Mein Vater warf ihm den Brocken zu, welchen er geschickt mit dem Schnabel auffing. Statt aber gierig in die Beute einzuhacken, bewährte jetzt der alte Kerl seine Bildung. Er legte den Käse säuberlich auf den Ast, setzte einen seiner mit Schwielen bedeckten Füße darauf und nickte mir zu, als wäre er bereit, die verlangte Auskunft zu erteilen.

»Wiederhole deine Frage, Michel,« sagte mein Vater.

Ich gehorchte, das Lachen verbeißend.

Bruder Jehan nahm eine höchst tiefsinnige Miene an, wiegte den Kopf bedächtig hin und her, schloß die Augen, riß sie dann weit auf, schlug mit den Flügeln und stieß ein dreimaliges, luftig gellendes Kwah aus, welches man mit etwelcher Anstrengung der Phantasie allerdings für eine bejahende Antwort nehmen konnte.

»Accipe omen, mi fili!« Laß dir das Vorzeichen gefallen, mein Sohn! sagte mein Vater und ging weiter.

Mein Vater hatte ganz eigene Ansichten über den Zusammenhang der Dinge, und so sagte er denn, als er bemerkte, daß mir die Begegnung mit dem alten Raben spaßhaft vorkam:

»Du brauchst gar nicht zu lachen, Junge, und kannst dir bei dieser Gelegenheit merken, daß es töricht ist, zu glauben, die Menschen hätten, wie man zu sagen pflegt, alle Weisheit allein gefressen. Der Bruder Jehan hat hundert Jahre und vielleicht noch länger gelebt, er müßte keine so gescheite Kreatur sein, wie er ist, wenn er sich über das, was er alles gesehen und erlebt, nicht seine Gedanken gemacht hätte. Es ist etwas Dämonisches in manchen Tierarten, etwas, was den Tierkult, wie er von mehreren alten Völkern geübt wurde, wahrscheinlich viel weniger albern und lächerlich erscheinen ließe, wenn wir genauer darüber unterrichtet wären. Unsere germanischen Altvordern bedienten sich des Gewiehers der Rosse zur Orakeleinholung, was einen gar nicht sehr verwundern kann, falls man bedenkt, das noch heutzutage manches Pferd mehr denkt und klüger ist als sein Reiter.«

Da ich die Art meines Vaters kannte, machte ich mich auf eine einläßliche Abhandlung über das Pferdeorakel der alten Germanen gefaßt – ein Thema, welches mich, offen gestanden, um so weniger interessierte, als mich die lebhafte Neugierde plagte, zu erfahren, was denn dieser frühe Morgengang eigentlich zu bedeuten habe.

Mein Vater schien jedoch keineswegs aufgelegt, heute sein bereits halb und halb gesatteltes germanistisches Steckenpferd zu besteigen. Er schritt mir rasch und schweigend voran, abwärts an dem hellen Forellenbach, welcher den kleinen See in der Nähe des Schlosses speist, dann in vielfachen Windungen den Park durchfließt und da, wo er aus demselben heraustritt, einen schönen Wasserfall bildet, um, noch wild von dem Sprunge über die Felsen, etwas weiter unten auf die Räder der Dorfmühle sich zu stürzen. Diese liegt ein Paar Büchsenschüsse von den zerstreuten Häusergruppen unseres stattlichen Dorfes entfernt, in einem engen Tälchen voll malerischer Felspartien. Zwischen diesen und den buchenbekrönten Hügeln windet sich der Bach in eine finstere Schlucht hinein, hinter welcher rechts und links hohe, tannenbewachsene Bergwände steil ansteigen. Von der Höhe derselben sieht man nach Süden und Westen weit in das offene Land hinaus und kann da und dort den Spiegel des großen Stromes blitzen sehen, welchem die vielen Wasser unserer Berge tributbar sind. An hellen Tagen macht sich den dort oben Stehenden am südlichen Saume des Horizonts ein weißer, mannigfach gezackter Streifen bemerkbar, welchen der Unkundige für einen Wolkengürtel nehmen konnte. Es sind aber die Alpen. Noch jetzt erinnere ich mich lebhaft des großen Eindrucks, welchen ich empfing, als mein Knabenauge zum erstenmal von dort herab die Alpenfirnen im Strahl der untergehenden Sonne purpurn erglühen sah. »Ist dort der Himmel?« hatte ich damals meinen Vater gefragt. »Ein Stück zur Erde gefallenen Himmels jedenfalls,« hatte er mir zur Antwort gegeben. – Mein Vater lebte und webte in und mit der Natur, und er versäumte keine Gelegenheit, das eigene rege Naturgefühl auch in seinen Kindern wach zu rufen und zu nähren. Er lehrte uns in dem Wechsel der Jahreszeiten, in der Gestirne Auf- und Niedergang, in dem erhabenen Schweigen der Winterlandschaft wie in der heiligen Stille der Sommermondnacht, im Blütenjubel des Frühlings wie in der wehmütig milden Ruhe sonniger Herbsttage das Walten von Göttlichem erkennen.

Wir überschritten den Steg, welcher unterhalb der Mühle über den tief in seinem felsigen Bett rauschenden Bach führt, und stiegen drüben den Hügel hinan, welcher, an der Westseite des Dorfes weit in das Tal vorspringend, die schöne alte Dorfkirche trägt. Zwei Steinlinden beschatten die Vorhalle, und rings um das Gotteshaus zieht sich der Friedhof mit seinen bescheidenen ländlichen Denkmalen. Er ist mit einer Mauer eingefaßt, und eine feste Lage verschaffte ihm in den französischen Revolutionskriegen zweimal die traurige Ehre, blutigen Gefechten zwischen den Kaiserlichen und den Franzosen zum Schauplatz zu dienen.

Es ist ein stiller, schöner Platz und könnte einen deutschen Gray wohl zu einer Dorfkirchhofs-Elegie anregen. Aber die Zeit der Elegien ist ja überhaupt vorbei. Von rastloser Sorge für die Gegenwart gestachelt, von unruhvollem Bangen vor der Zukunft gequält, haben die Menschen nicht mehr Zeit, Vergangenes zu betrauern und zu beklagen. Sie müssen hastig leben, fieberhaft hastig, um in dem ungeheuren Wirbel, in dem atemlosen Wettlauf der Konkurrenz nicht zurückzubleiben. Wie wäre da ein wehmütig-liebevoller Rückblick auf Gewesenes erlaubt oder auch nur möglich? Laßt die Toten ihre Toten begraben und – schon der Prediger Salomo sagte es – besser ein lebendiger Hund als ein toter Löwe! Man könnte leicht zu dem Glauben kommen, die Hunde hätten sich das seither so gut gemerkt, daß sie gar keinen Löwen mehr aufkommen lassen.

Über die niedrige Einfassungsmauer des Friedhofs hinweg hört man drunten im Talgrund rauschend die Mühle gehen. Drüben linkshin irrt der Blick in einem Labyrinth von waldigen Bergjochen und kühnen Felskuppen, aus deren bizarrem Durcheinander der Geolog ein Stück Urgeschichte der Erde herauslesen mag; sonstige Beschauer werden daran sich erfreuen als an einer malerischen Gebirgspartie. Wenden sie das Auge weiter zur Rechten, so dacht sich dort der Bergzug zu einer Hochebene ab, deren ganzer Raum, von hier aus gesehen, von dem Park eingenommen erscheint, welcher das Schloß des freiherrlichen Geschlechtes von Rothenfluh umgibt. Noch weiter rechtshin fällt das Plateau zu einer weiten Niederung ab, in welcher in einem langgestreckten Halbbogen das Dorf liegt, dessen rotbraune Dächer und weißgraue Giebel zur Sommerzeit in dem Blättergrün seines Obstbaumwaldes fast verschwinden. Gegen Morgen und Mittag zu läuft das Tal in ein fruchtbares Acker- und Wiesengelände aus, und gegen Abend springt, wie schon erwähnt, der Kirchenhügel vor, dessen südliche Wand mit Rebenpflanzungen bedeckt ist. Die ganze Dorfmark trägt den Charakter behaglicher Abgeschlossenheit und idyllischen Friedens, und dieser Charakter dürfte noch lange vor Beeinträchtigung um so mehr geschützt sein, als die etwa eine Wegstunde entfernt südwärts in der Ebene gelegene kleine Stadt zu den stillsten im Lande gehört. Sie war vormals der Sitz eines Domkapitels, einer Deutschherrenballei und ist jetzt noch der eines adeligen Fräuleinstiftes. Von alters her ist ihr das Gepräge geistlicher Beschaulichkeit geblieben, und es hat noch heute gar nicht den Anschein, als würde sie desselben sobald, wenn überhaupt jemals, verlustig gehen. Die Bekenner des Money-making-Dogmas, die Gläubiger der Busineß-Kirche unserer Tage, mögen über solche »Verrottung« mitleidig die Achseln zucken; aber irre ich nicht, so dürften unsere Nachkommen froh sein, in der industriellen Wüste dereinst da und dort noch so eine Oase anzutreffen, wo keine Dampfmaschine keucht, keine Lokomotive poltert, die Kinder nicht skrophulös sind und die Erwachsenen noch rote Backen haben. Ich habe von unserer mit Leib und Seele einem dämonischen Erwerbstrieb verfallenen Zeit industrieller Herrlichkeit genug gesehen, um diese Prophezeiung nicht für eine allzu kühne zu halten.

Die Morgensonne glänzte siegreich über den talwärts gedrückten Nebelschwaden, als wir den Friedhof betreten hatten. Ihre Strahlen spielten auch auf den feuchten Blättern der Astern und anderer Herbstblumen, welche einen sorgfältig gepflegten Grabhügel krönten. Die Zweige einer Trauerweide hingen darüber her, und inmitten der Blumen erhob sich ein einfaches Kreuz von grauem Sandstein. Auf dem Querbalken waren die Worte: »Hinc surrectura« eingemeißelt. Die Stelle war mir wohl bekannt und teuer.

Mein Vater näherte sich diesem Orte nie, ohne daß seine Züge den Ausdruck ehrfurchtsvoller Trauer getragen hätten. Heute jedoch war seine Miene eine besonders feierliche, und als er nun zu mir sagte: »Ziehe deine Schuhe, aus, mein Sohn, denn du trittst auf heiligen Grund!« da klang seine Stimme so eindringlich, daß ich dem seltsamen Befehl ohne Zögern nachkam.

»Lege deine Rechte auf das Grabkreuz,« fuhr mein Vater fort. »Du weißt, hier schläft den langen Schlaf eine, die mich und dich sehr geliebt hat.«

»Deine Mutter, Vater, meine liebe, liebe Großmutter,« versetzte ich, von dem feierlichen Wesen meines Vaters unwillkürlich mit ergriffen.

»Und erinnerst du dich noch, Michel, welche Lehre die Gute dir so oft eingeschärft hat, zuletzt noch auf ihrem Sterbebette?«

»Ehre Vater und Mutter und lüge nie!«

»Gut, mein Knabe. Bei der Erinnerung an alle die Liebe, welche dir die Tote erwiesen, bei der Ehrfurcht, welche du ihrem Andenken schuldest, bei diesem Grab und bei der Sonne da oben beschwör' ich dich und fordere dich auf, mir zu dieser Stunde die Wahrheit und nur die Wahrheit zu sagen!«

»Ich will es, Vater.«

Die feierliche Beschwörung wirkte auf mich wie ein Anhauch von Poesie. Mir war andächtig zumute. Das Bild meiner geliebten Großmutter, der ehrwürdigen Greisin mit den schneeweißen Haaren, stand wie leiblich vor mir. Ich glaubte den Blick ihrer noch im hohen Alter schönen Augen wieder auf mir ruhen zu fühlen, so sanft und zärtlich, wie er in den Tagen der Kindheit mich behütet, beschwichtigt, gesegnet hatte ... Ich habe vielfache Ursache, meinem Geschick mich dankbar zu bezeigen. Schon deshalb, weil es mir eine Jugend gegönnt, deren Glück so ziemlich nur von mir selber getrübt wurde. Versenke ich mich in die Erinnerungen jener Jahre, so muß ich betonen, daß ich unter dem vielen Guten und Schonen, was das elterliche Haus mir gewährte, auch des seltenen Anblicks genoß, daß selbst Schwiegermutter und Schwiegertochter unter einem Dache in bester Harmonie lebten – gewiß eine Ausnahme von einer leidigen Regel. Nur zuweilen konnte es scheinen, als ob sich für Augenblicke etwas wie Eifersucht in der Seele meiner Mutter regte, wenn sie sah, mit welcher unendlichen Verehrung und Zärtlichkeit ihr Gatte seine Mutter behandelte. Mein Vater fühlte das, selbst in jener bittern Stunde, wo seine angebetete Mutter in seinen Armen ihren letzten Atemzug verhaucht hatte. Wie im Innersten gebrochen, saß er lange regungslos neben der Toten, scheinbar teilnahmlos für alles, was um ihn vorging, teilnahmlos auch für meine Mutter, die mit uns Kindern leise weinte. Zufällig aufblickend, mochte mein Vater hinter dem Tränenschleier ihrer Augen etwas wie leisen eifersüchtigen Vorwurf erblicken, und seine Herzensgüte machte ihn die Erstarrung des bittersten Kummers überwinden. Er stand auf, ging um das Bett herum, neigte sich zu meiner Mutter herab, küßte ihre nassen Augen und sagte weich: »Sie ist gegangen, aber sie hat mir dich zurückgelassen, Gertrud – es ist alles gut ...«

»Ich lese in deinen Augen, daß deine Versicherung aufrichtig gemeint ist,« fuhr mein Vater fort, mich fest, aber liebevoll anblickend. »Du kennst den innigsten Herzenswunsch deiner Mutter, Michel?«

»Ja, Vater. Sie wünscht, daß ich ein Geistlicher werde.«

»Und du? Vermagst du es? Du bist jetzt alt genug, um wenigstens einigermaßen zu begreifen, was es heißen will, ein Priester zu werden. Fühlst du Trieb und Kraft genug in dir, die Pflichten dieses Berufes auf dich zu nehmen? Vermagst du es, mein Junge?«

»Ich will es versuchen, Vater.«

»Der Mutter zuliebe?«

»Der Mutter zuliebe.«

»Knabe, bedenke wohl, was du sprichst. Diese Stunde kann für dein ganzes Leben entscheidend sein. Du sollst nicht gezwungen werden.«

»Ich will es freiwillig versuchen, Vater. Als im letzten Herbst des Müllers Gregor in der Kirche dort seine Primiz hielt und nach beendetem Hochamt alles der Müllerin Glück wünschte und sie weinte vor Freude, und dann die Mutter an dieser Stelle zu mir sagte: ›O, wenn du mir einmal diese Freude machtest, Michel!‹ – da hab' ich bei mir beschlossen, daß sie diese Freude haben soll.«

Mein Vater schwieg eine Weile nachdenklich. Ein flüchtiger Schatten ging über sein offnes Gesicht, und während seine Augen mit einem ganz eigen sorglichen Ausdruck auf mir ruhten, war es, als wollte ein Seufzer seine Brust schwellen. Dann, wie um trüber Gedanken sich zu entschlagen, machte er eine hastige Bewegung und sagte lächelnd:

»Und um deine Geneigtheit, deiner Mutter Wunsch zu erfüllen, recht deutlich zu manifestieren, Michel, hast du damit angefangen, dir deinen Laufpaß vom Lyzeum zu erwirken?«

»O,« entgegnete ich ziemlich kleinlaut, »das kam so ganz gegen meinen Willen. Es war eine recht dumme Geschichte, ich seh' es jetzt ein.«

»So? Und wie war es denn eigentlich? Wie ging es dabei her? Aufrichtig, Junge, aufrichtig!«

»Es war so,« begann ich, allein der Vater unterbrach mich mit den Worten: »Nicht hier, Knabe, nicht hier. Das ist ein heiliger Ort, und er soll durch die Beichte eines leichtsinnigen Schülerstreiches nicht entweiht werden. Ziehe deine Schuhe an und komm.«

Ich gehorchte. Im Weggehen stand der Vater noch einmal still und sagte mit tiefem Ernst:

»Mein Sohn, senke die Erinnerung an diese Frühstunde an dem Grabe deiner Großmutter fest in dein Herz. Diese Erinnerung kann dir eine starke Wehr sein in Augenblicken, wo die Versuchungen des Lebens lockend an dich herantreten. Der heutige Morgen sei dir ein geweihter; laß deine Wirkung eine dauernde sein.«

»Ich will es, Vater,« versetzte ich, und ich glaube auch heute noch sagen zu dürfen, daß ich in der Tat jener Weihestunde im Wirbel des Lebens nie ganz vergessen, ihre Nachwirkung oft gefühlt habe.

Wir verließen den Kirchhof auf der entgegengesetzten Seite und stiegen den gewundenen Fußweg am südlichen Abhang des Kirchenhügels hinab. Als wir an dem behaglich in seinem hübschen Baum- und Gemüsegarten liegenden Pfarrhof vorüberkamen, wo der Ortsgeistliche wohnte, ein stattlicher Herr, der zugleich die Würde des Kapiteldekans bekleidete, wurde uns von der rundlichen Jungfer Base desselben, welche in der ganzen Gegend des unbestrittenen Rufes genoß, die weißesten Hauben zu tragen, die edelsten Spargel zu ziehen und die Weichselkirschen am delikatesten »einzumachen«, über die niedrige Gartenmauer ein freundlicher Morgengruß geboten. Zugleich lief die gute Base hurtig zu dem Frühtraubenspalier, welches an der Hauswand mit verlockend dunkelblauen Früchten prangte, und im nächsten Augenblick streckte sie ihre runde Patschhand über die Mauer herab, eine prächtige Traube haltend, welche in meiner Mütze aufzufangen ich keineswegs lässig war.

»Ist der Herr Dekan schon auf?« fragte mein Vater die freundliche Spenderin.

Die Traubenbeere, welche ich in den Mund genommen, blieb mir bei dieser einfachen Frage vor Schrecken in der Kehle stecken; denn mir kam plötzlich der Gedanke, der Vater beabsichtige, mich bei dem Herrn Dekan in die Lehre zu geben. Ich hatte vor Sr. Hochwürden einen heiligen Respekt und wußte, daß er jedenfalls noch weit kürzeren Prozeß mit mir machen würde, als der Rektor des Lyzeums gemacht hatte.

Als daher mein Vater auf die Antwort der Jungfer Base, der hochwürdige Herr sei gestern abend ziemlich spät von der Kapitelskonferenz heimgekommen und ruhe jetzt noch, ohne weitere Bemerkung seinen Weg bergabwärts fortsetzte, wohlete es mir ordentlich. Ich sollte jedoch bald erfahren, daß ich, sozusagen, aus einem bloß befürchteten Regen unter eine wirkliche Traufe kam.

»Was die Trauben schon süß sind!« sagte ich, indem ich mir es im Gehen schmecken ließ.

»Es handelt sich jetzt nicht um süße Trauben, sondern um bittere Früchte alberner Streiche,« entgegnete mein Vater.

»Aber koste doch 'mal,« sagte ich, da ich wohl wußte, was für ein Traubenliebhaber mein Vater war.

Ich bot ihm die halb geleerte Traube über den Weg hinüber. Er nahm eine Beere, dann eine zweite; wir blieben stehen, und während wir gemütlich die Gabe des Bacchus miteinander verzehrten, ging folgender Dialog vor sich.

»Wie war's mit deinem consilio abeundi, Michel?« fragte mein Vater.

»Ja, siehst du,« erwiderte ich, »der langhalsige französische Sprachlehrer ist eigentlich an der ganzen Geschichte schuld.«

»Der? Wieso?«

»Weißt du? ich kann das verhenkerte Genäsel, das Französische nicht ausstehen ...«

»Da hast du recht, ganz recht ... das heißt, ja, siehst du, das heißt, alles Französische taugt keinen Pfifferling ... indessen, hm, indessen ...«

Ich verbiß ein Lachen über die Verlegenheit meines Vaters, so gut ich konnte. Er bemerkte es aber doch und sagte:

»Wart', du kleiner Schurke, du willst mich an meiner antifranzösischen Gesinnung fassen? Was du da von dem langhalsigen Franzosen vorbringen wolltest, ist wohl eitel Fabulei und Firlefanz?«

»Bewahre Gott! Die Sache war sehr ernsthaft. Der Berthold und ich ...«

»Ja, ja, der Berthold! Das ist grade so ein Bursch wie der Michel, Aber, lieber Junge, bedenke, der Berthold ist der einstige Besitzer der schönen Freiherrschaft Rothenfluh, das heißt, er gehört zu den wenigen, welche nicht zu arbeiten und am Ende auch nicht sehr viel zu wissen brauchen; der Michel aber gehört zu den vielen, welche arbeiten müssen und daher auch etwas wissen müssen. Doch weiter im Text!«

»Der Berthold und ich waren neulich für drei Stunden ins Karzer gesteckt worden auf Betreiben des Franzosen ...«

»Der Mann wird seine Gründe dafür gehabt haben, meine ich.«

»Er meint es auch. Nämlich er hatte uns, den Berthold und mich, erwischt, wie wir während seiner Sprachstunde unter dem Subsellio in einem Geschichtenbuch lasen.«

»In was für einem Geschichtenbuch?«

»In Fouqués ›Zauberring‹.«

»Da wollt ich, er hätte euch das dumme Buch recht tüchtig um eure dummen Köpfe geschlagen. Schämt ihr euch nicht, solches Zeug zu lesen, auf oder unter dem Subsellio? Bei Wodan und Frouwa, der Fouqé war von jeher ein Phantast, ein vollständiger Narr. Es hat nie solche Ritter gegeben, wie er sie aus Marzipanteig knetete.«

»Wir konnten das aber nicht wissen, der Berthold und ich. Auch war in dem Buche so gar viel Schönes von den Schlachtrossen der Ritter zu lesen.«

»Dummes Zeug, Junge, purer Unsinn. Ich sag' dir, Fouqués Gäule sind Zuckerbackwerk wie alles andere. Aber weiter!«

»Im Karzer machten wir einen Anschlag, es dem Franzosen einzutränken ....«

»Wirklich? Die Strafe scheint sehr bessernd auf euch gewirkt zu haben, das muß ich sagen.«

»Vorgestern brachte der Berthold Knallbonbons mit in die Schule und verabredete mit mir, wie wir damit dem Franzosen einen Tort antun wollten.«

»Schlingel!« sagte mein Vater und zog die Brauen zusammen, aber ich bemerkte, daß zugleich die humoristischen Linien um seine Mundwinkel leise zu zucken begannen, und fuhr daher ungeschreckt fort:

»Wir hielten die Knallbonbons unter dem Subsellio bereit und stellten uns, als ob wir während der französischen Sprachstunde wieder in einem Buche unter der Bank läsen. Der Franzos glaubte, es geschähe wirklich, kam wie der Blitz herbeigefahren, guckte unter die Bank und steckte, da er etwas kurzsichtig ist, den Kopf recht tief in das Zwischenfach. Nun rissen wir im selbigen Augenblick die Bonbons entzwei und der Knall ging los, hart vor seiner Nase. Er fuhr zurück und torkelte in seinem Schrecken an die große Rechentafel. Diese fiel um mit samt ihrem Gestell, und Tafel und Gestell und Franzos kegelte alles bunt über Eck auf dem Boden hin. Es war ein großer Spektakel.«

»Heillose Buben!« murmelte mein Vater rasch, eine Traubenbeere zwischen seine Lippen schiebend, die sich unwillkürlich zum Lachen geöffnet hatten.

»Der Franzos, als er sich wieder aufgerabbelt hatte, mit verwirrter Frisur und voll Staub, welschte ganz verworrenes Zeug durcheinander von attentat und assassinat und machte sich dann fort, ganz käsebleich.«

»Kein Wunder! Schändliche Attentäter, die ihr seid! Aber dann?«

»Dann hielt der alte Rektor gestern im Beisein sämtlicher Professoren und Präzeptoren und Schüler ein großes Gericht. Der Franzos mußte ihm ganz ungeheuerliche Sachen vorgeschwatzt haben, denn der alte Herr war wie ein Berserker, ganz wie ein Berserker.«

»Berserker – das ist gut. Woher hast du den Ausdruck, Junge?«

»Von dir, Vater. Du hast mir ja 'mal von den altnordischen Wikingern und Berserkern erzählt.«

»Ja, richtig. Also der alte Rektor spielte euch nach Verdienst mit?«

»Er hielt zuerst einen langen Strafsermon, worin er sich, wie er sagte, über die Pflichten eines jungen Menschen im allgemeinen, dann eines jungen Christen im speziellen und endlich eines jungen Menschen, Christen und Lyzeisten im speziellsten verbreitete.«

»Das kommt mir nicht eben berserkerhaft vor.«

»O, Vater, es kam sofort besser, das heißt schlimmer. Der Sermon war bloß langweilig gewesen, hatte sich also noch ertragen lassen. Als nun aber der Alte ....«

»Der Alte? Nimm dich in acht, Junge! Gelbschnäbeln, wie du einer bist, geziemt es, mit Ehrerbietung von einem Manne zu reden, der in Ehren alt geworden ist. Bei Wodan und Frouwa, ich sag': laß mich so einen flegelhaften Ausdruck nie wieder hören!«

»Ich wollte sagen, der alte Rektor sei dazu verschritten, uns zu verhören, und da ....«

»Da versuchtet ihr zu leugnen? Schlechte Kerle!«

»Nein. Der Berthold meinte nur, der Herr Sprachlehrer habe aus einem Floh einen Elefanten gemacht ...«

»Und du?«

»Ich sagte, ich könne die Franzosen im allgemeinen, die französischen Sprachlehrer im speziellen und unsern französischen Sprachlehrer im speziellsten nicht leiden.«

»Halunke, du persifliertest den Rektor, was?«

»Es kam mir nur so gerade auf die Zunge. Der Herr Rektor wurde ganz rot vor Ärger, und als nun der Berthold sich noch dahin verlauten ließ, der Monsieur hätte ja auch gar nicht nötig gehabt, seinen Kopf so tief in das Subsellienfach zu stecken, da ...«

»Da?«

»Da vergaß der Herr Rektor seine und unsere Würde so sehr ...«

»Eure Würde? Wirklich? Bursch, du bist verrückt? Die Würde von ein paar schlingelhaften Lyzeisten? Das ist groß, bei Wodan und Frouwa! Hoffentlich schrieb er euch das Testimonium eurer Würde recht leserlich auf den Rücken.«

»So tat er. Als er es aber gar zu arg machte ... das schadenfrohe Feixen und verhaltene Kichern von allen den kleinen Jungen um uns her war gar zu unausstehlich ... ja, als er es zu arg machte und gar nicht aufhören wollte, da ... ich weiß selber nicht mehr, wie's kam ... der Teufel mußte sein Spiel haben ... kurz, ich bückte mich, erwischte den alten Herrn bei den Beinen und, plumps, lag er rücklings auf dem Boden, mit seinem Rohr wild in der Luft herumfuchtelnd.«

Mein Vater räusperte sich gewaltig, als wäre ihm ein Traubenkern in die Luftröhre geraten.

»Nun gab's halt einen großen Tumult,« beschloß ich meine Beichte. »Alles fuhr ganz wütend auf mich und den Berthold los. Ich hab' da, glaub' ich, tüchtig um mich geschlagen, und wenn mir recht ist, kriegte bei dieser Gelegenheit auch der Franzos einen Rippenstoß ab. So gelangte ich zur Türe und schoß hinaus, der Berthold hinterdrein ... das ist die ganze Geschichte, Vater.«

»Nicht die ganze, mit deiner Erlaubnis, Michel. Der schmähliche Laufpaß, den man euch nachschickte, war das Tüpfelchen auf das i, gleichsam die Moral dieser erbaulichen Historie.«

» Sunt pueri pueri, pueri puerilia, tractant Knaben sind Knaben, und Knaben treiben Knabenhaftes. – weißt du, Vater?«

»Ich weiß, ich weiß, aber du hättest wissen sollen, daß du deiner Mutter durch puerilia der in Rede stehenden Art schweres Herzeleid verursachen würdest.«

»Das tut mir leid, ja gewiß, Vater, aber ...«

»Aber ich hoffe und will – hörst du, Michel? – daß mit diesem Kraftflegeljahrestück deine Flegelperiode ein- für allemal zu Ende sei. Und noch eins hoffe und will ich, daß du vermittelst besseren Betragens deine Mutter diesen Kummer bald vergessen machst. Man hat nur eine Mutter, Junge, nur eine, und auf der ganzen, weiten Welt wird nie ein zweites Herz so selbstsuchtslos zärtlich für dich schlagen wie das deiner Mutter. Damit genug davon .... So, wie die Sachen stehen, tat ich wohl recht, daß ich heute nacht mich entschloß, den Gedanken, dich mit dem so schnöde gekränkten Rektor auszusöhnen, aufzugeben. Du kannst nicht mehr auf das Lyzeum zurückkehren, es täte nicht gut. Du brauchst einen strengen Zucht- und Lehrmeister und sieh, da sind wir ja vor der Behausung des Herrn Benefiziaten.«

Viertes Kapitel

Von Frauenhänden und von Gelehrten. – Schulmeisters Fabian. – Der Herr Benefiziat Zipfel. – »Wie alt ist man?« – Das Examen. – Der Freiherr Bodo von Rothenfluh. – Isolde. – Ein Geschäftsgespräch und ein archäologischer Fund.

Wir standen vor einem kleinen Hause, das am Fuße des Hügels in einem Garten lag, welcher früher bessere Tage gesehen hatte. Da war alles verwildert und verwahrlost, von dem Buchs an, welcher vormals die Wege eingefaßt hatte, bis hinauf zu den Bäumen, welche sich längst ihren Feinden, Efeu, Mistel und Moos auf Gnade und Ungnade ergeben hatten. Auf den Beeten wuchs und welkte alles durcheinander wie – im wörtlichen Sinne – Kraut und Rüben. Diese Vernachlässigung schien aber einem Heer von Spatzen, welches sich da tummelte, höchlich zu gefallen. Die frechen, schreienden Diebe gebärdeten sich, als wäre die Gartenwildnis ihre unbestrittene Domäne.

Mein Vater, zwar ein Humorist, aber auch ein Mann der Ordnung, warf einen ziemlich mißfälligen Blick auf Garten und Haus und brummte:

»Da sieht es verteufelt gelehrt aus, bei Wodan und Frouwa! Dem alten Herrn da drinnen täte es gut, wenn er so 'ne Haushälterin hätte, wie die Jungfer Base droben im Pfarrhofe eine ist. Die weiß den Dekan und sein Haus in Ordnung zu halten. Michel, ich rat' dir, wenn du einmal Pfarrer bist, so mach' es nicht dem Herrn Benefiziaten, sondern dem Herrn Dekan nach, hörst du?«

»Jawohl, Vater.«

»Ein Haus, worin keine Frauenhände walten,« fuhr mein Vater belehrend fort, »wird mit der Zeit notwendig zu einem Stall. Die Frauen haben so ziemlich alle den edlen Ordnungssinn, unter den Männern nur sehr wenige. Ja, weibliche Hände im Hause, die schaffen Ordnung, Zierlichkeit, Anmut. Das süße Gefühl der Heimeligkeit ist unter einem Dache, wo es keine Frau gibt, gar nicht denkbar. Deshalb kam es mir auch jederzeit in Klöstern so unheimlich vor, geradezu unausstehlich, schon der ganz eigenen, fatalen Atmosphäre wegen, und ich habe daher nie begriffen, wie Shakespeare seinen Hamlet zur Ophelia sagen lassen konnte: »Geh in ein Kloster!« Das war doch eine starke Zumutung, nicht wahr? Und Ophelia hatte ganz recht, in ihrem darauf folgenden Monolog zu behaupten, der Geist des Prinzen müßte verwirrt sein.«

Mein Vater war nach seiner Art im Begriffe, vom Hundertsten ins Tausendste zu geraten, und so glaubte ich denn, er sei nur in der Zerstreuung, welche in solchen Fällen ihn anzuwandeln pflegte, durch eine Öffnung in der Gartenhecke geschritten, welche vorzeiten durch eine jetzt halbvermoderte, nur noch in einer Angel hängende Gartentüre verschlossen war.

»Du willst doch nicht zum Magister Zipfel, Vater?« fragte ich.

»Allerdings, Junge,« versetzte er, »und du wirst dich gewöhnen, von jetzt an, wenn du von der genannten Person sprichst, nie anders zu sagen, als der Herr Doktor oder der Herr Benefiziat.«

»Aber er ist doch auch Magister.«

»Wohl, aber er hört jene beiden Titel lieber, und er hat das beste Recht darauf.«

»'s ist ein g'späßiger alter Hairle, Hairle, Herrle, süddeutscher (schwäbischer) Provinzialismus. Der Pfarrer heißt in meiner Heimat und weitum der Herr par excellence, »der Hairle.« Vater.«

»Hab Respekt, sag' ich, hab Respekt! Er ist ein sehr gelehrter und sehr braver Herr. Aber der Ordnungssinn hat ihm gefehlt. Darum hat er es mit all seinem Wissen und seiner Ehrlichkeit nicht weiter gebracht als zu dem armseligen Benefizium da, auf welchem er alt geworden. Freilich, wenn er, wie unsere Bauern sagen, besser zu seiner Sach' gehalten hätte, könnte er so rund und rotbackig sein wie der Herr Dekan, aber er ließ alles gehen, wie es eben gehen mochte, wenn er nur mit den Augen in seinen Büchern wühlen konnte.«

»Ja, des Schulmeisters Fabian sagte mir, der Magister ... will sagen, der Herr Benefiziat vergesse ob dem Studieren oft ganz des Essens und tue sehr verwundert, wenn er, der Fabian, merken lasse, daß sein Magen noch nicht so abgerichtet sei.«

»Siehst du, Michel, so welt- und magenvergeßlich kann ein deutscher Gelehrter werden. Lache nicht, Bursch! Es ist leider in deutschen Landen eine stehende Unsitte, über die Gelehrten sich lustig zu machen. Ich meine nicht die Gelehrten, welche an den Höfen scherwenzeln und für Orden- und Titelkram und Pensionen ihr Wissen und ihre Gesinnung feilbieten, sondern die, welche oft in bescheidenster Stellung, ja häufig sogar unter Hunger und Kummer das heilige Vestafeuer der Wissenschaft unterhalten. Wahrlich, mein Knabe, es wird eine Zeit kommen, wo du begreifst, was es für unser Vaterland zu bedeuten hat, daß dieses Feuer rein und hoch lodere. Es ist unser höchster Stolz und Ruhm .... Doch da sind wir an der Haustüre. Warte hier, bis ich dich hineinrufe.«

»Mich? Was soll ich denn da drinnen?«

»Das wirst du sogleich erfahren,« gab mein Vater zur Antwort und ging hinein.

Ich blieb zurück, nicht sehr angenehmen Mutmaßungen überlassen. Am Ende gibt dir der Vater den Magister zum Lehrmeister, dachte ich, und rekapitulierte in der Geschwindigkeit bei mir alles Bedenkliche, was mein sanfter und stiller Kamerad, des verstorbenen Dorfschulmeisters Fabian, der zum Benefiziaten »aufs Studieren ging«, von den Eigenheiten des alten Hairle zu erzählen wußte.

Die beiden kleinen Fenster der Stube im Erdgeschoß, welche das Studierzimmer des Magisters bildete – diese beiden Fenster, durch deren halberblindete, kleine, runde, in Blei gefaßte Scheiben ich später über Ciceros »De officiis« oder Weckherlins hebräische Chrestomathie hinweg so manchen sehnsüchtigen Blick in den verwilderten Garten hinausschickte – standen offen, und ich hörte von drinnen die knarrende Stimme des Benefiziaten die Begrüßung meines Vaters beantworten. Näher tretend sah ich den alten Hairle in einem sehr defekten Großvaterstuhl an seinem altfränkischen Schreibtische sitzen, der mit einem Chaos von Büchern und Skripturen bedeckt war. Folianten und Quartanten standen in vom Alter gebräunten Gestellen von Tannenholz an allen Wänden bis zur Decke hinauf. Selbst der große Kachelofen war mit solchem gelehrtem Rüstzeug beladen. Außer ein paar Stühlen, deren Beine nach der ländlichen Sitte der Gegend vorzeiten einmal weißgetüncht gewesen, war sonst kein Möbel in der Stube zu erblicken. Doch ja, dort am Fuße eines der Büchergestelle stand noch ein kleiner Tisch, und hinter demselben saß mein Freund Fabian, die Augen auf ein vor ihm liegendes Buch geheftet. Er sah verstohlen auf und grüßte mich mit seinen guten braunen Augen, die sich aber sofort wieder in das Buch senkten. Der arme Bursch kam mir mit seinem bleichen, resignierten Gesicht wie ein in die Höhle eines Zauberers Eingesperrter vor, welcher jede Hoffnung auf Befreiung aufgegeben hat. Und doch war der Fabian eigentlich ein munterer, sogar lustiger Junge, der bei meinen und Bertholds mutwilligen Streichen nicht selten der dritte im Bunde gewesen ist. Aber freilich

Er hatte früh das strenge Wort gelesen,
Dem Leiden war er, war dem Tod vertraut ..

Er hatte seinen Vater sterben sehen und gehörte zu den Kindern, die nie das Haupt erheben können, ohne den Druck der Armut darauf zu fühlen. Seine Mutter lebte kümmerlich von dem Ertrag eines Miniaturgütchens, welches sie einst ihrem seligen Manne zugebracht hatte und das sie jetzt mit eigenen Händen bebaute, wobei ihr Fabian getreulich half. Wenn er abends die Bücher zugemacht hatte, ging er mit der Sichel hinaus, um an den Feldrainen Gras für die beiden Kühlein der Mutter zu holen. Wie oft hab' ich ihm Reisig aus dem Wald oder Heubündel von der Wiese am Mühlbach oder Garben vom Acker auf dem »Bilges« heimtragen helfen, daß er schneller damit fertig würde und noch ein Abendstündchen mit uns spielen könnte! Denn wir alle hatten den Fabian lieb. Er war beim ganzen Dorf in hoher Gunst, und es galt als ausgemacht, daß er 'mal ein Hairle werden würde, der alle anderen ausstechen müßte. Ihren Fabian eines Tages Primiz halten zu sehen, das war nämlich auch das Ideal seiner Mutter, und als der Benefiziat sich erboten hatte, den talentvollen Knaben zu unterrichten, da sah die gute Frau dieses Ideal im Geiste schon verwirklicht. Ihr einziges Kind als Hairle sehen, das hieß doch wohl den Gipfel mütterlicher Wünsche erreichen. In dieser Hoffnung mühte sie sich unverdrossen Tag und Nacht, in dieser Hoffnung war sie heiter und guter Dinge. Ich möchte sagen, die geistliche Zukunft ihres Kindes habe einen alles verklärenden Schein in die oft so trübe Gegenwart dieser trefflichen Frau geworfen. Sie war eine einfache Bäuerin, aber der religiöse Gedanke, welcher sie beseelte, hatte etwas zugleich Kindliches und Erhabenes. Ist ja doch, was unsere Titanen des Materialismus so leichtsinnig übersehen, die Religion überhaupt der Idealismus des Volkes. Ich erinnere mich, daß der Fabian und ich in unseren Kinderjahren in dem niedrigen Stübchen seiner Mutter öfter Pfarrer und Ministrant spielten, wie das in katholischen Gegenden unter den Kindern häufig vorkommt. Fabians frühreifer und überlegener Geist imponierte mir schon damals so sehr, daß ich ihn, seiner Bescheidenheit zum Trotz, stets nötigte, den Priester zu machen, und mich mit der Rolle des Chorknaben begnügte. Bei einer solchen Gelegenheit stimmte mein Spielkamerad das »Gloria in excelsis deo!« so schön, ich möchte sagen so feierlich rührend an, daß seine Mutter ihn unter strömenden Tränen umarmte. Ich habe vielleicht nie wieder einen so reinen Ausdruck verzückter Andacht gesehen, wie damals in dem Gesichte der guten Frau, welche in jenem Augenblicke die Erfüllung ihres Muttertraumes schon vorwegnahm und deshalb glücklicher war als alle Königinnen der Erde. Ist doch mir selbst wohl nie wieder so tiefernst andächtig zumute gewesen wie damals bei jenem Spiele.

Nachdem mein Vater eine Weile mit dem Magister verhandelt hatte, kam er ans Fenster und rief mich hinein. Ich ahnte, daß mein Los entschieden sei und daß ich bald neben dem armen Fabian an dem kleinen Tische sitzen würde. Daher wollt' ich möglichst keck auftreten, aber ich weiß nicht, wie es kam, der Vorsatz der Keckheit verschwand mir, als ich beim Eintreten unter der hohen, tiefgefurchten Stirne des alten Hairle hervor seine klaren blaßblauen Augen über den zwei ungeheuer großen Gläsern seiner in schwarzes Schildpatt gefaßten Brille forschend auf mich gerichtet sah.

Der Herr Benefiziat saß, den Oberkörper in eine sehr fragmentarische Soutane gehüllt, mit gekreuzten Armen in seinem Großvaterstuhl. Sein Untergestell steckte in einem schwarzen, das heißt vorzeiten schwarz gewesenen, jetzt aber mehr ins Rötliche spielenden kurzen Beinkleid, dessen Kniebänder nachlässig offen waren, so daß ihm die groben schwarzen Strümpfe ungeniert auf die niedergetretenen Schuhe herabschlotterten, von denen nur noch der eine etwas, was einer Schnalle gleich sah, aufzuweisen hatte. Seine kleine Gestalt war nicht nur mager, sondern geradezu spindeldürr, und sein Gesicht mit den vergilbten Wangen, dem spitzen Kinn und der dicken Knollennase konnte für, ausgesucht häßlich gelten. Dennoch hatte das verschrumpfte Männchen auf seiner Stirn und in den Augen etwas, was nicht nur einem kecken Knaben, sondern auch anderen Leuten Achtung einflößen konnte und wirklich einflößte.

Es ist, denke ich, eine allgemeine Erfahrung, daß das Antlitz solcher, welche sich unausgesetzt mit Dingen des Geistes befassen, einen Gesamtausdruck oder wenigstens einen Zug gewinnt, welcher selbst dem Rohesten einen gewissen Respekt aufzwingt. Man kann sagen, das Ideal lasse auf den Zügen seiner Priester einen Abglanz zurück, welchen die Menschen der gemeinen Wirklichkeit nicht ohne eine Art scheuer Ehrfurcht zu erblicken vermögen. Auch auf der Stirne des Magisters Zipfel lag mitunter etwas von diesem Abglanz. Man konnte den guten Mann aller seiner Pedanterei ungeachtet und trotzdem, daß ihm schon sein Name den Stempel der Skurrilität aufdrückte, »Zipfel« ist in meiner Heimat gleichbedeutend mit »Latsche«, »Lappe«, »Löhle« der »Tolpatsch«, welcher letztere Ausdruck, als ein bekannter, dem hochdeutschen Leser einigermaßen andeuten kann, was damit gemeint sei. Auch der gleichbedeutende Ausdruck »Heimpel« kommt vor. nicht lächerlich finden, wenigstens nicht immer.

»Da ist er, hochwürdiger Herr,« sagte mein Vater bei meinem Eintreten zum Benefiziaten.

Ich begrüßte mit möglichster Höflichkeit den gelehrten Anachoreten, denn für einen solchen konnte der Benefiziat gelten, da er seine Höhle nie, aber auch gar nie verließ, ausgenommen die paarmal in der Woche, wo er in der Kirche seine Frühmesse lesen mußte. Man sah ihn dann in seinem schlotterigen Anzug mit einer Geschwindigkeit, die etwas Komisches hatte, über die Wiese herüber und den Fußweg durch die Weingärten hinauf huschen, – »do witscht onser Fiziätle hi,« charakterisierten unsere Bauern den Gang des alten Hairle – und der Mesner und die Ministranten hatten, wie ich aus eigener Erfahrung wußte, ihre liebe Not, den alten Herrn mit Alba, Cingulum, Stola und Meßgewand einigermaßen anständig auszustaffieren. Alles war ihm zu weit und zu lang, und die grenzenlose Gleichgültigkeit, womit er sein Äußeres behandelte, sowie seine Zerstreutheit führten oft komische Intermezzi herbei, welche schlecht zu dem Orte stimmten, wo sie stattfanden. Ich hatte in der Zeit von meinem achten bis zwölften Jahre, wo ich Ministrantendienste verrichtete, mehrere solcher Vorkommnisse mit angesehen. Der Benefiziat aber hatte wahrscheinlich meine werte Person damals nie sonderlich beachtet und jetzt jedenfalls schon lange vergessen. Seine Messen waren um ihrer Kürze willen berühmt, und böse Zungen wollten sogar wissen, es sei dem guten Hairle einmal begegnet, daß er das Hauptstück dieses Kultaktes, die Konsekration, total vergessen oder, wie besagte böse Dorfzungen sich ausdrückten, überhupft habe. Möglich ist das immerhin, denn der Mann war ein Sonderling jeder Zoll. Er lebte ganz einsiedlerisch. Nur die Armen kannten den Weg zu dem verwahrlosten Benefiziathaus. Er gab ihnen, solange irgend etwas Gebbares da war; einmal im Winter einem fechtenden Handwerksburschen sein einziges Paar Schuhe von den Füßen weg, was aber der Bursch nicht annahm, weil er, wie er nachher im Dorfe erzählte, es doch nicht habe übers Herz bringen können, den alten g'späßigen Hairle barfüßig zurückzulassen. Die Grundstücke, deren Ertrag das Benefizium des Magisters ausmachten, hatte er an den Müller verpachtet. Von der Mühle herüber brachte ihm ein alter Knecht das Essen, und die Müllerin schickte ihm auch von Zeit zu Zeit einen neuen Anzug und die nötige Wäsche. Sie durfte aber das Benefiziathaus so wenig betreten als irgend eine andere dem weiblichen Geschlecht angehörende Person. Der Magister hegte eine wahre Idiosynkrasie gegen die schönere und bessere Hälfte der Menschheit. Er gebrauchte, wenn er von den Frauen sprechen mußte, statt des in unserer Gegend heimischen ländlichen Ausdrucks »Weibesbilder«, den Ausdruck »Weibesstücker«, und er sprach das Wort nur mit unsäglicher Verachtung aus.

Nachdem mich der Herr Benefiziat, ohne weiter von meiner Begrüßung Notiz zu nehmen, eine gute Weile über seine Brillengläser hinweg fixiert hatte, schob er mit seinen knöchernen Fingern die Brille weiter die Nase hinauf und fragte mich mit seiner Raspelstimme:

»Wie alt ist man?«

»Man ist fünfzehn Jahre alt, Herr Benefiziat,« gab ich zur Antwort.

Mein Vater warf mir einen strengen Blick zu. Die mir unwillkürlich entwischte Parodie der magisterlichen Anredeform »man« gefiel ihm nicht.

Der Magister griff mit Daumen und Zeigefinger seiner Rechten in die kolossale Dose von Birkenrinde, welche geöffnet neben ihm auf dem Tische stand, und beförderte die Prise sehr umständlich in seine geräumige Nase. Dann sagte er:

»Man ist ja recht groß und stark für sein Alter. Aber da man volle fünfzehn Jahre alt ist, dürfte, könnte, sollte man in disciplinis grammaticis recht ordentlich beschlagen sein, und dieweilen man gerade bei der Partikula »man« ist, so kann man mir wohl sagen, welcher Redeformen der Lateiner und welcher der Grieche sich bedient, um besagte particulam teutonicam auszudrücken?«

Diese grammatische Aufgabe zu lösen, war nun eben keine Hexerei, und deshalb war ich so übermütig, meine Antwort möglichst genau in die pedantische Redeweise des Magisters einzukleiden. Allein der übermütige Kitzel ließ bedeutend nach und verschwand zuletzt völlig, als der alte Herr in dem Examen, welchem er mich unterwarf, Schritt für Schritt in immer schwierigere Materien eintrat. Er wußte die examinatorischen Daumschrauben zu handhaben, daß er mir bald das letzte Tröpflein meines philologischen Wissens auspreßte. Solange das Examen auf lateinischem und griechischem Gebiete sich bewegte, ging es noch so ziemlich leidlich; als aber das Hebräische an die Reihe kam, da lief, wenn ich mich eines heimatlichen Ausdrucks bedienen darf, das Fäßlein meines Wissens »kuonig«, das heißt spärlich und trübe, sehr spärlich und sehr trübe.

Ohne eine Miene zu verziehen, überschüttete mich der alte Hairle mit einem langsam, aber stetig fallenden Wolkenbruch von Fragen über Kamez, Pathach und Saegol, über Kamez chatuph, Cholem und Kübbuz. Diese parierte ich noch so so, la la, aber mit der mysteriösen Lehre vom Scheva haperte es schon bedeutend, und was Dagesch forte und Dagesch lene betraf, so stellte es sich heraus, daß meine Vorstellungen von diesen Dingen nur aus einem grauenhaften Wirrwarr bestanden. In den schauerlichen Regionen der Praefixa und Suffixa fuhr ich mit meinen Antworten sozusagen nur noch wie mit der Stange im Nebel herum, und als der erbarmungslose Inquisitor mich vollends in die Polargegenden der Kal, Niphal, Pihhel, Pühhal, Hiphil und Hithpahhel führte, da ergab ich mich auf Gnade und Ungnade; denn es flimmerte mir grün und gelb vor den Augen, und kalter Schweiß stand mir auf der Stirne.

Wenn ich eine verkehrte oder gar keine Antwort gab, und beides war häufig der Fall, so stieß der Magister ein schnarrendes »Proh dolor« O Schmerz! oder »Me hercule!« aus und sah mit einem wunderlichen Kopfruck nach dem Fabian hinüber. Der mußte dann statt meiner die Frage beantworten, und er konnte es jedesmal ganz prächtig. Dabei baten mich die Augen des guten Jungen um Verzeihung, daß er in der unangenehmen Lage sei, mehr zu wissen als ich. Aber offen gestanden, ich hätte ihn zu jener Stunde gern erwürgt und den höllischen Magister dazu. Es zuckte mir ordentlich in den Fäusten. Aber dabei blieb es auch, denn der alte Hairle hatte mir gehörig imponiert.

Als er endlich für gut befunden, mich von der Folterbank loszubinden, legte er das eine Bein über das andere und blickte tiefsinnig auf das Bruchstück nieder, welches eine Schuhschnalle vorstellte. Meiner Verwirrung ungeachtet las ich auf der Stirne des Mannes den (übrigens in Fraktur geschriebenen) Gedanken:

»Was für ein fünfzehnjähriges Ungeheuer von Ignoranz ist das?«

Mein Vater, der sich bislang in Geduld gefaßt, machte jetzt eine Bewegung, welche andeutete, daß er mit der Sache zu Ende zu kommen wünschte. Wahrscheinlich war es dem Guten in der gelehrten Höhle nicht minder unheimlich als mir.

»Hm, Herr Konsulent,« sagte Dominus Zipfelius.

»Sie meinen, Herr Benefiziat, der Bursch da, der Michel, wisse recht vieles, nämlich – nicht?« fragte mein Vater.

»Multa – permulta – plurima!« schnarrte der Benefiziat, jede Pause dieses Klimax mit einer gewaltigen Prise ausfüllend.

»Sie haben recht, hochwürdiger Herr; der Schulsack des Burschen zählt eine Menge von Rissen und Löchern.«

» Recte, rectissime, domine reverendissime. Man könnte sogar behaupten, der fragliche Schulsack sei nur ein Loch.«

»Um so mehr ist es an der Zeit, denselben tüchtig zu flicken, Herr Benefiziat, und Sie sind der rechte Mann dazu.«

»Hm,« machte der Alte, und zu mir gewendet, fragte er:

»Will man mir dabei helfen? Will man sich entschließen, fürohin eine vitam probam ac diligentem Einen sittsamen und fleißigen Lebenswandel. zu führen, he?«

»Ich will's versuchen, Herr.«

» Bene optime! Nicht zu viel versprechen, aber desto mehr halten. So ist's recht, so gefällst du mir.«

»O weh,« dachte ich, »die Sache ist richtig! Er spricht nicht mehr per »man« mit mir, sondern duzt mich; er betrachtet mich also schon als seinen Schüler.«

In der Tat, die Sache wurde durch eine kurze Verhandlung zwischen meinem Vater und dem Benefiziaten vollends in Richtigkeit gebracht. Schon am Nachmittag sollte ich meinen Lernkurs im Benefiziathause antreten.

Als wir uns endlich verabschiedet hatten und durch den Garten heimwärts gingen, atmete ich ordentlich neu auf.

»Das ist ein fürchterlicher Mensch, der Benefiziat,« sagte ich.

»Ah, gelt, der hat dich tüchtig in die Klemme gebracht, Michel?« antwortete mein Vater lachend.

»Was der für Augen machen kann!«

»Er kann noch mehr als Augen machen, lieber Junge. Hast du bemerkt, wie gründlich der Fabian überall Bescheid wußte, wo du als Pfuscher und Stümper dastandest? Der Fabian ist ein trefflicher Bursch. An dem kann man sehen, welcher Sporn die Armut bei edlen Naturen ist. Befreunde dich recht innig mit dem Fabian, bring ihn recht oft zu uns ins Haus und, hörst du, Michel? zeig im Wetteifer mit ihm, daß du auch nicht auf den Kopf gefallen seiest. Per aspera ad astra, Auf rauher Bahn aufwärts! lautet der alte gute Spruch.«

Da der Vater im Dorf ein Geschäft hatte, gingen wir an der Südseite des Kirchenhügels hin und hatten bald die erste Häusergruppe vor uns. Pferdegetrappel machte uns umschauen, und wir sahen die vielfach gewundene schmale Straße, welche nach der Stadt hinabführt, ein Gefährt heraufkommen, in welchem zwei Personen saßen. Beim Näherkommen desselben erkannten wir den offenen Jagdwagen des Freiherrn, welcher die zwei stolzen Rappen eigenhändig lenkte. Er zog die Zügel an und begrüßte meinen Vater, aber nicht in der gewohnten jovialen und kordialen Manier, sondern trocken und mit einer gewissen mürrischen Betonung, welche dem mißmutigen Ausdruck seines Gesichtes entsprach.

In seiner gewöhnlichen Verfassung war dieses Gesicht nichts weniger als mißmutig. Zwar verlieh ihm ein gewaltiger Schnurrbart, dessen stark ergraute Enden bis auf die Brust seines Eigentümers herabfielen, etwas Martialisches, und es stimmte damit die ganze Haltung des Mannes überein, welche deutlich bekundete, daß derselbe »Dienst gesehen«, ja sogar getan habe und nicht nur auf dem Paradeplatz; allein daneben trugen die Züge des Freiherr das Gepräge einer gutmütigen Offenheit und einer gewissen, ich möchte sagen jägermäßig »biderben« Lebenslust, die nicht nur sich selbst, sondern auch anderen das Dasein möglichst leicht und gemütlich zu machen liebte. Seltsamerweise waren aber in diesem wettergebräunten Jägergesicht auch wieder einige Linien, die auf andere Stimmungen und Neigungen hinwiesen. Zwischen den früher rötlichblond gewesenen Brauen seiner dunkeln Augen lag eine Falte, die auf Jähzorn und jache Entschlüsse deuten mochte, und so weit der Mund unter dem überhängenden Schnurrbart sichtbar war, verriet die Schwingung der Lippen etwas wie gelehrten Eigensinn. In der Tat war der Freiherr Bodo von Rothenfluh nicht nur ausgedienter Offizier, großer Jäger und vortrefflicher Landwirt, sondern auch ein heftiger Altertümler. Wenigstens bildete er sich ein, das letztere zu sein, und zwar gebärdete er sich bei jeder Gelegenheit als erklärter Keltomane. In dieser Eigenschaft lebte er in ewiger Fehde mit meinem Vater, zu welchem er sonst nicht als Herr zum Diener, sondern vielmehr als Freund zum Freunde stand, der aber der freiherrlichen Keltomanie eine ebenso hartnäckige Teutomanie entgegenstellte.

Der Freiherr hatte die schöne Herrschaft Rothenfluh von einem kinderlosen Oheim väterlicher Seite geerbt, noch bei dessen Lebzeiten. Dieser Oheim, von welchem später die Rede sein wird, lebte einsam auf einem alten Felsenschloß in den Schweizeralpen, wo die Familie ebenfalls ein Gut besaß. Von dorther stammten eigentlich die Herren von Rothenfluh, welche, zur Reformationszeit dem alten Glauben streng anhänglich geblieben, damals vor dem neuen aus ihrer ursprünglichen Heimat entwichen waren und sich im südwestlichen Deutschland angesiedelt hatten. Von dem alten Freiherrn erzählte man sich wunderliche Dinge und jedenfalls war er ein Sonderling. Vor siebzehn oder achtzehn Jahren hatte er sich plötzlich in die Schweiz zurückgezogen und jeden Verkehr mit seiner Familie abgebrochen. Bevor er ging, trat er die deutsche Herrschaft seinem Neffen Bodo förmlich ab.

Dieser hatte bis dahin bei einem reitenden Jägerregimente gestanden, in welchem er unter den Rheinbundstruppen mehrere der napoleonischen Feldzüge und dann auch die Befreiungskriege gegen Napoleon mitgemacht; letztere wohl nicht sehr begeistert, denn er war ein standhafter Verehrer des Schlachtenmeisters, der ihn zum Ritter der Ehrenlegion ernannt hatte. Neben diesem Orden hatten sich noch andere auf seiner Brust angesammelt, denn seine persönliche Tapferkeit wie seine militärischen Talente waren anerkannt. Er war noch nicht lange zum Oberstwachtmeister vorgerückt, als ihm das noch nicht so bald erwartete Glück zufiel, daß ihn der wunderliche Oheim zum Besitzer des weitaus größeren und einträglicheren Teils der Familiengüter einsetzte. Er quittierte den Dienst. Auf seinem neuen, ihm bis dahin so ziemlich fremd gewesenen Besitztum angelangt, traf er meinen Vater unter dem Titel eines Konsulenten als obersten Verwalter der Herrschaft. Beide Männer waren offene, ehrliche, liberale Naturen, beide hatten sich, jeder in seiner Weise, tüchtig in der Welt getummelt, und da überdies der blühende Zustand der Herrschaft die administrativen Gaben und juristischen Kenntnisse meines Vaters augenscheinlich bezeugte, so entspann sich zwischen dem neuen Besitzer und seinem ersten Beamten bald eine aufrichtige Freundschaft.

Dieses gute Verhältnis wurde noch traulicher und dauernder durch den Umstand, daß die beiden nicht mehr eben jungen Junggesellen zu gleicher Zeit mit zwei jungen Mädchen sich verbanden, welche Herzensfreundinnen waren und blieben.

In einem romantischen Tal unserer Berge lag und liegt noch jetzt das Nonnenkloster Gnadenbrunn. In den Kriegstrubeln hatte das Kloster, wie die ganze Gegend, viel gelitten, und hatten daher die guten Schwestern, ihre Existenzmittel zu vermehren, sich genötigt gesehen, ein Pensionat zu errichten. Dutzende von Töchtern vermöglicherer Familien von nah und fern erhielten in diesem Pensionat ihre Erziehung. Bei Gelegenheit eines großen Kirchenfestes hatten der Freiherr und mein Vater im Sprechzimmer des Klosters die beiden Freundinnen kennen gelernt, die sie bald nachher als ihre Frauen heimführten. Am nämlichen Tage feierten sie ihre Hochzeit. Wie um die zwischen den beiden Familien waltende Harmonie zu bekräftigen, gab dann in einer und derselben Woche die Freifrau ihrem Gatten seinen Sohn Berthold und die Frau Konsulentin dem ihrigen seinen Sohn Michel. Ja, drei Jahre später war der freundliche Zufall noch pünktlicher, denn in einer und derselben gesegneten Mittagsstunde brachte mir der Storch mein Schwesterlein Hildegard und dem Berthold sein Schwesterlein Isolde. Diesen sagenberühmten keltischen Namen hatte nämlich der Freiherr seinem Töchterchen gegeben, im ausdrücklichen Gegensatz zu dem echtgermanischen, welchen mein Vater dem seinigen beilegte.

Aber es muß damals eine recht traurige Zeit auf dem Schlosse gewesen sein, denn die Freifrau starb in ihrem zweiten Wochenbette. Der Freiherr brauchte nicht erst den Wunsch auszusprechen, meine Mutter möchte sich seiner mutterlosen Kinder annehmen; sie hätte das schon von selber getan. Berthold und sein Schwesterlein lebten in unserem Hause, bis jener elf und diese acht Jahre alt war. Dann erhielt Isolde eine Gouvernante, und ihr Bruder kam mit mir aufs Lyzeum, da der Freiherr, welcher sich nicht wieder verheiratet hatte, von einer hofmeisterlichen Erziehung seines Sohnes nichts wissen wollte. Meine Schwester Hildegard nahm an dem Unterrichte teil, welchen Isoldes treffliche Erzieherin dieser erteilte. Die Freundschaft der Eltern pflanzte sich in ihren Kindern fort, und wie Berthold und ich, so waren Isolde und Hildegard ein Herz und eine Seele. Isolde insbesondere hatte sich gewöhnt, meine Mutter auch für die ihrige anzusehen. Sie nannte sie auch so, und ihr Vater pflegte, wenn das Kind etwas von ihm verlangte, zu sagen: »Geh erst deine Mutter, die Frau Konsulentin, fragen.«

Isolde war in ihrer körperlichen Entwickelung weiter vorgeschritten als meine Schwester. Das Kindliche an ihrer Gestalt und in ihrem Wesen begann schon in jene Vorstufe zur Jungfräulichkeit überzugehen, welche man wohl oder übel die Backfischperiode zu nennen pflegt. Aber Isolde war immer lieb und anmutig, auch als Backfischchen. Wie sie an jenem Morgen so neben dem griesgrämelnden Vater im offenen Wagen saß, mußte jeder, welcher etwa das wundersame Gedicht des alten Gottfried von Straßburg kannte – ich selber gehörte freilich damals noch nicht zu den Wissenden von dieser mittelalterlichen Prachtrose unserer Dichtung – jeder, sag' ich, mußte zugeben, daß sie alle Aussicht hatte, so schön und hold zu werden wie Tristans berühmte Geliebte. Ihre Haare waren in Fülle und Farbe schon jetzt ganz isoldisch. Diese dreifach um Scheitel und Stirne des guten Kindes gewundenen Flechten mußten, aufgelöst, fast den Boden berühren. Die Farbe war nicht genau zu bestimmen: sie schimmerte, je nach dem Wechsel des Lichtes, ins Rötliche, Aschblonde oder Bräunliche. Zuweilen lag ein reizender Goldglanz darauf, welcher, verbunden mit dem seelenvollen Blicke ungewöhnlich großer Veilchenaugen und dem zarten Inkarnat des feingeschnittenen Gesichtchens, eine ganz eigentümliche poetische Wirkung tat. So war die Schönheit Isoldes im Keime, und dieser Keim entwickelte sich so herrlich, daß ich zur Stunde noch überzeugt bin, nie, weder in der Kunst noch im Leben, Schöneres gesehen zu haben als Isolde von Rothenfluh.

Natürlich betete ich sie an – wer tat es auch nicht? – soweit nämlich ein wilder Junge in den Flegeljähren überhaupt etwas anzubeten vermag. Gewiß ist, daß Isolde meine Wildheit merkwürdig zu zähmen verstand, durch ein Wort, durch eine Handbewegung, durch einen Blick. Mit ihrer engelhaften Güte und Milde verband sie schon als Kind eine überraschende Klarheit im Beobachten und Denken und eine bedeutende Festigkeit des Charakters. Daher der große Einfluß, den sie auf alle übte, welche ihr nahe traten. Ach, dieser Einfluß sollte sich nur an einem nicht bewähren, den innigste Bande des Blutes mit ihr verbanden.

Wie der Freiherr heute eine ungewöhnliche Miene zeigte, so ließ auch das Gesicht seiner Tochter den gewohnten Ausdruck ruhiger Heiterkeit vermissen. Isolde hielt ihren großen runden Strohhut vor sich auf den Knien und so konnte ich deutlich wahrnehmen, daß sie nachdenklich und traurig aussah. Als sie mich erblickte, war ein leiser Vorwurf in ihren Augen zu lesen, und diese schönen, guten Augen waren trübe vom Weinen.

»Das ist heute ein Tag, welchen die Römer schwarz im Kalender anstreichen würden,« dachte ich.

»Sie kommen schon von der Stadt herauf, gnädiger Herr?« fragte mein Vater, an den Wagen tretend.

Der Freiherr ließ nach seiner Gewohnheit beim Sprechen die Zipfel seines Schnurrbartes durch die Höhlung feiner linken Hand gleiten und warf mir unter dem Schilde seiner Tagmütze aus grauem Filz hervor einen nicht sehr freundlichen Blick zu, obwohl er mich sonst so gern hatte, daß er mir nicht selten einen höchsten Beweis seiner Gunst gab, den, mich für eine Stunde oder zwei sein Lieblingspferd reiten zu lassen, was er nicht einmal dem eigenen Sohn gestattete.

»Ja, komme aus der Stadt,« gab der Freiherr zur Antwort, meinem Vater die Hand bietend. »Habe dort einen auf die Post geliefert«.

»Einen?« fragte mein Vater.

»Einen, sag' ich, Konsulent. Können's den roten Augen des Mädle da ansehen, was für einen ... Hör 'mal auf, Söldchen, hör auf zu flennen, 's ist nicht der Mühe wert. Himmelkreuzsternmillionen –«

Und der edle Freiherr machte seinem Unmut in einer jener populären Redensarten Luft, die man im gewöhnlichen Leben Flüche nennt und die ihm von seiner Soldatenzeit her anhafteten. Er besaß eine große Virtuosität in der Komposition solcher Formeln und brachte es mitunter bis zu achtzehn- und zwanzigsilbigen. Gewöhnlich hielt er auf halbem Wege inne mit Beifügung eines »und so weiter«.

»Sie werden doch nicht Ihren Sohn, den Berthold ...«

»Ja,« fiel der Freiherr meinem Vater ins Wort – »eben den Tunichtgut, den Berthold, Hab' ich auf die Post spediert. Ist jetzt allbereits auf dem Wege nach der Residenz. Ist Zeit, hohe Zeit, daß der Junge 'mal tüchtig geschnitzelt werde.«

(In Parenthese sei bemerkt, daß der Freiherr statt »erziehen« zu sagen Pflegte »schnitzeln«, provinzielle Form für »schnitzen«.)

»Soll als Regimentszögling in das Ulanenregiment treten, welches früher mein leichtes Jägerregiment zu Pferde war, wissen Sie! Hab's meinem alten Kameraden, dem Oberst, will sagen General, geschrieben. Schrieb ihm, der Bursch müsse reglementarisch zusammengenommen werden. Soll erfahren, was militärische Dressur und Disziplin ist. Werden ihm auf dem Drillplatz und in der Manege die Mucken schon vergehen – Bombensplitterdonnerwetter und so weiter. War schnell resolviert, als ich gestern die saubere Depesche vom alten Rektor kriegte. Mantelsack gepackt, aufgesessen, marsch!«

»Jetzt wollt' ich aber halt gleich, daß der Teufel alle Rektoren holte!« dachte ich, als mir diese Auslassung des Freiherrn die Erklärung gab, warum mich die verweinten Augen Isoldes so vorwurfsvoll angeblickt hatten. Sie sah in mir den Mitverursacher der plötzlichen Trennung von dem geliebten Bruder.

Während ich den erwähnten frommen Wunsch im Gemüte wälzte, sagte mein Vater:

»Das war ein schneller Entschluß, gnädiger Herr.«

»'s mußte so sein, Konsulent. Hab' das Plänkeln nie leiden können. Immer drauf und dran! Das bricht ein Loch ins Karree. Wollte mir zwar auch was übers Herz kriechen, als der Junge und das Mädle da mitsammen flennten, aber – dummes Zeug! Der Bursch mußte fort. Sollte ja doch Dienst sehen; also je früher, desto besser. Werden ihn beim Regiment schon gehörig schnitzeln.«

Sprach's, wies mit dem Ende des Peitschenstiels auf mich und fügte hinzu:

»Und was fangen Sie mit Ihrem Schlingel da an, lieber Freund?«

Das Blut schoß mir vor Zorn ins Gesicht, mich so kavalierement als Schlingel behandelt zu sehen, und noch dazu im Angesicht Isoldes.

»Ich habe den Burschen soeben dem Herrn Benefiziaten übergeben,« entgegnete mein Vater.

»Dem Benefiziaten, was? Glauben Sie denn, der alte Taps habe das Zeug, so 'nen hagebuchenen Kerl zu schnitzeln?«

»Allerdings. Fragen Sie nur den Michel selbst.«

Der Freiherr drehte seinen Schnurrbart und warf mir die Frage zu:

»Hat er das Zeug, Junge?«

»Es wird wohl so sein,« brummte ich.

»So, es wird wohl so sein, meinst du? Was der arme Sünder verstockt dreinsieht – Milliardenfixstern und so weiter. Und Sie bleiben also dabei, Konsulent, aus dem da einen Pf... will sagen einen Hairle zu machen? Hat sich sehr geistlich aufgeführt auf dem Lyzeum, das muß ich sagen .... Doch von was anderem zu reden, Konsulent, war das Dingsda, der Spekulant oder Fabrikant, was er ist, wieder bei Ihnen?«

»Ja, gnädiger Herr.«

»Und Sie meinen noch immer, daß wir auf seinen Vorschlag eingehen sollten?«

»Gewiß. Das Kapital liegt einmal da und ist dermalen keine günstige Zeit, es in Grundbesitz anzulegen. Das vorgeschlagene Unternehmen muß gewinnbringend ausfallen, es kann gar nicht fehlen. Der Mann bietet meines Erachtens ausreichende Garantien. Er ist ein geriebener Geschäftsmann.«

»Hm, Konsulent, mir will scheinen, er sei nicht nur gerieben, sondern durchtrieben. Sein Gesicht gefällt mir nicht.«

»Die Physiognomik ist eine trügerische Wissenschaft, gnädiger Herr. Das hat, wie Sie wissen, schon ihr Gründer Lavater zu seinem Schaden und Spott erfahren müssen.«

»Sie sind doch sonst so vorsichtig, lieber Freund; wie kommt es, daß Sie in diesem Falle so schnell Vertrauen faßten?«

»Das kommt daher, daß unser Mann offenbar ein industrielles und kommerzielles Genie ist. Als ich ihn letzten Sommer auf meinem Ausflug in die Schweiz kennen lernte, eröffnete er mir ganz neue Einblicke in die industrielle Bewegung, welche in jenem Lande viel weiter vorgeschritten ist als bei uns und in einem großen Teile von Deutschland überhaupt. Man wird sich, glaube ich, darein finden müssen, auch diesseits des Rheins an diesem Aufschwung der Industrie teilzunehmen, obgleich ich zugebe, daß es noch fraglich, sehr fraglich sein mag, ob eine rein bäuerliche Bevölkerung nicht glücklicher sei als eine industrielle.«

»Darauf will ich alle Eide schwören, Konsulent. Ich hab' voriges Jahr in Belgien mit eigenen Augen das industrielle Heil gesehen, Fabrikpack – puh! Nein, bewahr' uns Gott in Gnaden, daß solcher Greuel jemals über unsere schönen Täler komme.«

»Das ist vorderhand auch gar nicht zu befürchten, gnädiger Herr, und überhaupt handelt es sich im vorliegenden Falle keineswegs darum, hier bei uns industrielle Etablissements einzuführen, sondern nur darum, drüben in der Schweiz ein gerade müßiges Kapital in einem derartigen Unternehmen nutzbringend anzulegen.«

»Sie trauen also diesem Menschen?«

»Ja. Ich hatte Gelegenheit, an Ort und Stelle Erkundigungen über ihn einzuziehen. Man rühmte mir ihn allgemein als einen spekulativen Kopf, als einen in vielen Geschäftszweigen außerordentlich gewandten und dabei rastlos tätigen Mann.«

»Aber auch als einen ehrlichen, was?«

»Auch als einen ehrlichen. Würde ich mich sonst irgendwie mit ihm eingelassen haben? Wie Sie wissen, habe ich ihm aus eigenen Mitteln ein Kapital ins Geschäft gegeben. Die Interessen, welche dasselbe abwirft, sind ungewöhnlich bedeutend.«

»Konsulent, Konsulent, ich glaubte bislang, Sie wären der letzte Mensch, welcher sich vom Geldteufel blenden lassen würde.«

»Das tu' ich auch nicht! Aber wo ist denn der Mann, der einem völlig gerechtfertigten Gewinn aus dem Wege gehen möchte? Überdies wissen Sie, ich bin bedeutend älter als meine Frau und ... kurz, ich wünsche, daß Gertrud auch als Witwe 'mal zu leben imstande sei, wie sie es gewohnt ist.«

»Hm, Konsulent, ich denke, die Frau Konsulentin wird auch als Witwe unter allen Umstanden leben können, wie sie es gewohnt ist, solange ein gewisser Bodo von Rothenfluh oder irgend eine Person dieses Namens da ist.«

»Dank, Dank, mein gnädiger Herr und Freund! Ich weiß, jede Silbe der guten Worte, welche Sie da sprachen, kam aus dem Herzen. Um aber auf das Geschäft zurückzukommen ...«

»Hole der Henker das Geschäft! Ich verstehe keinen Pfifferling davon und, wie gesagt, das Gesicht des Mannes gefällt mir nicht.«

»Das beklage ich und möchte wünschen, er hätte, um diesen Stein des Anstoßes zu beseitigen, seinen Schwager hergeschickt, welcher eines der redlichsten Gesichter besitzt, die man sehen kann«.

»Ist dieser Schwager auch mit im Geschäft?«

»Freilich. Er ist der eigentliche Techniker, wie seiner Frau Bruder der eigentliche Spekulant in dem gemeinschaftlichen Geschäft ist. Dasselbe hat sich seit Jahresfrist wieder bedeutend erweitert, wozu die herrliche Wasserkraft, in deren Besitz die beiden Schwäger sind, sozusagen dringend aufforderte. Neben der Spinnerei ist jetzt auch eine mechanische Weberei in Betrieb gesetzt, und eine Maschinengießerei ist im Bau begriffen. Auch für ein Laboratorium zur Verfertigung chemischer Produkte sind bereits die Pläne entworfen.«

»Das alles muß ja ein Heidengeld kosten.«

»Trägt aber auch ein Heidengeld ein, wenn 'mal alles in Tätigkeit ist.«

»Das glaub' ich, aber ich will's doch noch 'mal beschlafen, bevor ich ein so großes Kapital, wie das geforderte, einem Menschen mit einem Gesicht anvertraue, welches mir, zum drittenmal gesagt, nicht gefällt. Sie sind also dafür, wie?«

»Allerdings, und mit welchem Vertrauen, mag Ihnen der Umstand bezeugen, daß ich so ziemlich entschlossen bin, all mein Erspartes bei den unternehmenden Schwägern anzulegen.«

»Das könnte freilich auf meinen Entschluß bedeutend einwirken. Nun, wir wollen morgen die Sache mitsammen überlegen. Heute bin ich zu solchem nicht aufgelegt. Will in den Wald, will jagen, bin – im Vertrauen gesagt – nach etwas Besserem auf der Spur als einem Fuchs oder Bock.«

Der Freiherr zwinkerte, indem er dieses sagte, listig mit den Augen und machte ein sehr geheimnisvolles Gesicht.

»Ach, gnädiger Herr, Sie meinen doch nicht etwa die problematische Mithrashöhle?«

»Die problematische? Nein. Aber die wirkliche, ja, siebenundsiebzig Schock blitzblaue und so weiter. Ich habe die Höhle entdeckt, ich! Ja, Konsulent, Sie ungläubiger Thomas, der Sie wissen wollten, daß nie eine römische Legion hierherum gestanden, ich sage Ihnen, die Höhle ist da, oder besser die Grotte, denn 's ist 'ne Art Grotte, 'ne richtige Mithrasgrotte, so wahr ich Bodo heiße.«

Ich spitzte die Ohren bei dieser Wendung des Gespräches. Der Freiherr tummelte sein Steckenpferd der Altertümelei und ich wußte gar wohl, auf welchem Terrain das gegenwärtige mit Vorliebe geschah. Es war damals eine gelehrte Mode, den Spuren der durch die Römer vermittelten Verzweigungen altorientalischer Kulte im westlichen Europa eifrig nachzugehen, und der edle Freiherr machte diese Mode redlich mit.

»Sie haben eine Mithrasgrotte entdeckt, gnädiger Herr?« fragte mein Vater. »Wirklich? Hier bei uns?«

»Ja, wirklich hier bei uns.«

»Wo denn?«

»Eigentlich sollt' ich Ihnen das noch nicht sagen, aber Sie mögen's immerhin wissen. Die Grotte befindet sich im Weißachforst.«

»Im Weißachforst? Alle Welt! Wer hätte das gedacht! Und Sie haben auch den Mithrasstein gefunden?«

»Noch nicht. Aber daß einer in der Höhle sein muß, kann gar keinem Zweifel unterliegen. Werde dieser Tage scharf nachgraben lassen. Aber was lacht denn der Junge?«

Ich lachte wirklich, denn als ich sah, wie die beiden Altertümler über die fragliche Mithrasgrotte in Feuer gerieten, kitzelte mich der Einfall, dem Freiherrn einen Possen zu spielen. Ich war nämlich damals noch ein so schlechter Christ, daß ich es entschieden mehr mit der alttestamentlichen Rachepraxis als mit der neutestamentlichen Vergebungstheorie hielt. Der Freiherr hatte mich angesichts seines Töchterleins, welches heute ohnehin gar nichts von mir wissen zu wollen schien, einen Schlingel und armen Sünder genannt – das sollte ihm nicht so hingehen, dem Gott Mithras sei Dank!

Der Freiherr sagte endlich dem Vater Adieu und trieb sein Gespann an. Im Fortrollen desselben konnte sich Isolde in ihrer Herzensgüte doch nicht enthalten, halb zurückgewendeten Kopfes mir einen recht guten und tröstlichen Blick zuzuwerfen. Aber ich war nun auch stolz und tat, als ob ich von dieser Freundlichkeit keine Notiz nähme.

Daheim traf ich ebenfalls rotgeweinte Augen und zwar in dem allerliebsten Gesichtchen meines Schwesterleins. »Denke dir,« sagte das kleine Ding mit gepreßter Brust, »denke dir, der Berthold ist fort und hat nicht einmal Abschied von uns genommen. Ist das nicht traurig?« – »Na,« versetzte ich großartig, »es hat schon mancher dumme Junge fortgemußt, und dumme Mädchen haben hinter ihm drein geflennt, und der Himmel ist deshalb noch nicht eingefallen.«

»Wie du nur heute wieder bist!« sagte die Kleine, mich mit ihren verweinten Augen groß ansehend.

Fünftes Kapitel

Landjugend. – Von meinem Vater. – Ein humoristischer Sprung. – Don Murr. – Die »Strickstunden« meiner Mutter. – Skrupel einer Nonne. – Klassische Entzückungen des alten Hairle. – Ein unfrommer Betrug. – O, du Kinderzeit!

Ich habe die Sentimentalität meiner Weltperiode nie so vollständig vergessen können, daß ich in Städten, besonders in großen, einer Schar von Kindern begegnend, dieselben nicht herzlich beklagt hätte. Auch in Städten, ich gebe es zu, mag die Kinderzeit ihre Poesie haben, aber ich bin standhaft der Ansicht, daß sie sich mit einer auf dem Lande verlebten Kindheit nicht messen könne. Hier, wo man die Natur sozusagen aus erster Hand hat, sind die Beziehungen des Kindes zum Naturleben viel unmittelbarer und inniger, und wo nicht die Schlange der Armut das Paradies der Jugend allzufrühzeitig und allzuzudringlich vergiftet, wird dieses in der Erinnerung eines Landkindes immer Heller leuchtend stehen bleiben als in der eines Stadtkindes. Natürlich! Die werkeltätige Prosa des Lebens muß sich dem Stadtkinde viel früher aufdrängen als dem Landkinde, dessen Sinn viel länger frisch, dessen Vorstellungen viel länger naiv bleiben. Es gibt einen deutschen Dichter, Jean Paul, der diese ländliche Frische und Naivität bis in sein Alter bewahrte. Der große Humorist war trotz seiner etwas wirrsäligen Gelehrsamkeit, die er vielleicht mitunter allzugern zeigte, eigentlich sein Lebenlang ein »ernsthaft spielend Kind«.

Meine Jugend blieb, ungeachtet ich jetzt den weitaus größeren Teil des Tages hindurch unter der strengen Aufsicht eines pedantischen Lehrmeisters stand, noch immer eine ländlich glückliche. Zu der Pedanterie des Benefiziaten, welcher so unerbittlich an meinem Schulsacke stickte oder denselben vielmehr ganz neu zuschnitt, daß ich mich endlich damit sehen lassen konnte, bildete die humoristische Bonhomie meines Vaters einen wohltätigen Gegensatz. Ich vergaß alle grammatikalischen Leiden, alle syntaktische Plackerei, welche ich die Woche über ausgestanden, wenn er, wie er zu tun gewohnt war, in der Frühe eines schönen Sonntagsmorgens mit uns Kindern hinausging in die tauige Frische und uns das ewige Buch der Schönheit lesen lehrte, in welchem unsere Heimatgegend ein so anmutiges Blatt darstellte. Bei solchen Wanderungen brach die Poesie, welche in meinem Vater lebte, ohne daß er Verse schrieb, hervor, wie nach einem schönen Worte Immermanns »die Träne aus der Rebe im Lenz«, und oft noch summt mir die Strophe eines mir unbekannten Dichters im Gedächtnis, welche ich ihn an so einem Sonntagsmorgen, als wir die Sonne glorreich über unsere Berge aufgehen sahen, glänzenden Auges vor sich hin sprechen hörte:

Sonnentragend, hauptverneigend
Trinkt der Hochwald Nebelflut,
Bergesmütter halten säugend
An die Brust die Quellenbrut.
Weltumkreisend, Allbesieger,
Kommt der Tag triumphend her;
Bunte Wolken, seine Tiger,
Taumelnd, lächelnd reitet er.

Mein Vater war Pantheist. Er fühlte in allem und jedem den Atem der großen Weltseele. Wenn er von dem religiösen Fühlen, Vorstellen und Tun der heidnischen Altvordern erzählte, ging etwas wie Rauschen der alten Götterhaine, wie uralter Waldgeruch durch seine Rede. Es wurde dann seinen Zuhörern so andächtig zumute, wie ihm selber war. Sein Gedächtnis war ein unerschöpfliches »Wunderhorn« alter Sagen, Mythen und Lieder. Wenn meine Schwester Hildegard, die unserer Mutter klare, hohe und reine Stimme geerbt, im Verein mit ihrer Freundin Isolde, welche einen prächtigen Alt besaß, dem Vater so ein altes echtes Volkslied sang, ging ihm das Herz auf. Er liebte die Musik leidenschaftlich. Meine Mutter unterrichtete den Fabian und mich im Klavierspiel, während meine Schwester dieses Instrument und das nach meinem Gefühle noch schönere, die Harfe, zugleich mit Isolde auf dem Schlosse spielen lernte. Da haben wir denn dem Vater an manchem Abend mit einem improvisierten Konzert die Stirne geglättet.

Und das war zuweilen nötig, denn wie alle humoristischen Naturen bewegte sich auch die meines Vaters in Gegensätzen. Sein ursprünglich brausendes Temperament war zwar allmählich durch die Jahre sehr gesänftigt worden, aber mitunter schlug seine Sanguinität immer wieder durch die ruhige, ich möchte sagen behagliche Gefaßtheit, welche er sich allmählich angewöhnt hatte. Daraus erklärt sich denn auch der Feuereifer, womit er sich plötzlich für die beginnende industrielle Bewegung der Zeit interessierte. Wenn sonst in seinen Mußestunden Bücher wie Goethes Werke oder die Forschungen unserer großen Germanisten kaum aus seinen Händen gekommen waren, sah man ihn jetzt häufig über nationalökonomischen und technischen Schriften brüten, und er ließ es sich angelegen sein, auch mir einigen Geschmack an solchen Werken beizubringen. Ich erinnere mich, daß ich mich ihm zuliebe einmal durch einen dicken Wälzer über Maschinenkunde mit Ach und Krach durchfocht und dann auf sein Befragen nicht verhehlte, daß ich mich ob dem Ding schrecklich gelangweilt habe. Das alles, meinte ich, sei doch grauenhaft maschinenmäßig. »Ja,« versetzte er und seine munteren Augen wurden dabei ganz traurig, »ja, grauenhaft maschinenmäßig, das ist wahr. Armer Junge, ich fürchte, du wirst ein eisernes Zeitalter erleben, eine Zeit, wo die Maschinen mehr gelten werden als die Menschen.« Und nach einer Pause setzte er schwermütig hinzu: »Es ist seltsam und erschreckend, wie die materiellen Interessen alles zu zerreiben, zu verschlingen drohen. Du verstehst mich jetzt noch nicht, Michel; aber es wird ein Tag kommen, mein Knabe, wo du meine Besorgnis vor dieser alles und alle bestrickenden Macht des materiellen Besitzes begreifen wirst. Du bist jetzt nachgerade alt genug, um einzusehen, daß die alte Zeit nicht so gut und schön und rosenfarben war, wie der Phantast, der Fouqué, und andere Toren seiner Art sie geschildert haben; aber sie verehrte doch noch Götter, sie huldigte Idealen, wenn auch oft in bizarren und grotesken Formen. Schon unsere Gegenwart dagegen setzt eine so altkluge Miene auf, als wäre aller Kultus des Schönen, des Heiligen als eine abgetane Kinderposse nur so in die Rumpelkammer der Weltgeschichte zu werfen, und wenn das so fortgeht, werden die Menschen bald tun, als gäbe es gar keine ideellen Lebensmächte mehr. Dämon Mammon wird ihnen die Götter ersetzen. Neulich sah ich ihn nachts im Traume. Ob der in eine ungeheure qualmende Esse verwandelten Erde lastete er, ein riesiges Scheusal, ein Weltalp, und mit seinen schwarzen Riesenfledermausfittichen streifte er einen schönen Stern nach dem andern vom Himmelsgewölbe. Es war ein böser Traum.«

Solche trübe Stimmungen des Vaters waren aber vorübergehend, und manchmal rettete er sich aus denselben mittels eines plötzlichen humoristischen Sprunges. So auch eines Tages, etwa ein Jahr nach meiner lyzeistischen Katastrophe, als ich, einen Auftrag des Freiherrn zu bestellen, abends den Vater auf seinem Geschäftszimmer aufsuchte. Er war nicht allein, denn an der Türe stand ein junger Bauerbursch, in der linken Hand einen verschlossenen Korb tragend, aus welchem ein halblautes Gescharre und Gepiepe kam, und mit den Fingern seiner Rechten verlegen seine pelzverbrämte Mütze drehend. Mein Vater saß mit aufgestemmten Ellbogen hinter seinem großen Aktentisch und starrte in einen vor ihm liegenden Brief. Seine Brauen waren zusammengezogen, und sein Blick hatte einen so seltsam wilden Ausdruck, wie ich noch nie an ihm wahrgenommen hatte.

»Vater,« begann ich, »der gnädige Herr läßt dich grüßen und ...«

Er sah auf, blickte mich starr an, und ein schwerer Seufzer brach laut über seine Lippen.

»Was soll's?« fragte er rauh.

Ich sagte, was ich zu sagen hatte, aber er nahm offenbar wenig oder gar nicht Notiz davon.

»Ist dir unwohl?« fragte ich, da ich bemerkte, daß sein sonst so gesund rotes Gesicht ganz fahlblaß war.

Er winkte nur abwehrend mit der Hand. Da bemerkte er den unglücklichen Bauerjungen an der Türe, und als bedürfte das Gewitter in seiner Brust einer gewaltsamen Entladung, schrie er ihn mit einer Donnerstimme an:

»Was willst du, Kerl?«

So ein Donnerschlag machte den armen Burschen vollends ganz datterig. Er ließ seine Pelzkappe fallen, stotterte einige unartikulierte Töne hervor, trat dann, wie mit einem verzweifelten Entschluß, dem Tische näher, stellte seinen Korb auf den Boden, öffnete den Deckel, und heraus sprang ein halbes Dutzend junger Hahnen oder Kapaunen, die sich bald mit verstörtem Gekluckse im Zimmer verbreiteten.

»Holla, he, was soll das, du Kaliban?« schrie mein Vater.

»Herr Kons'lent, Herr Kons'lent,« stammelte der Bursch, sich verzweifelnd mit beiden Händen hinter den Ohren kratzend.

»Was denn? So tu doch das Maul auf, du Kreuzschwerenöter!«

»Die Muotter, die Muotter,« stotterte der Unglückliche.

»Was soll's mit deiner Mutter?«

»Die Muotter hat halt g'moint ... von wegen der Streue im Birkachwäldle ... und derweil die Koppen Kapaunen. huir Heuer. so wohl g'raten sind ... und fett sind d' Dinger, 's ist wohr ... und, Tone, hat sie g'sagt, Tone, 's Schmiera und 's Salba hilft nummaeinist allethalba ...«

»Was?« fuhr mein Vater los. »Bestechen will man mich? Mich mit Kapaunenfett schmieren und salben? Wart, ich will dich sogleich auch ein bißle salben. Wo ist mein Meerrohr? Du verdammter ...«

Mitten in dieser drohvollen Diatribe hielt er aber inne, denn die schafsmäßige Miene des großen Jungen, der ganz verdattert Verduzt. dastand, machte ihn plötzlich hell auflachen.

»Michel, fang die Bestien zusammen,« befahl er und ich brachte es unter großem Gekreische und Geflatter der Tiere glücklich zustande, diesen Befehl auszuführen.

Mein Vater war aufgestanden und kam hinter dem Aktentisch hervor.

»Herr Jesus, Herr Jemine!« stammelte der Bursch, einen Blick des Entsetzens in die Ecke werfend, wo das Meerrohr meines Vaters lehnte.

Aber das gefürchtete Instrument wurde nicht in Tätigkeit gesetzt. Mein Vater nahm mir den Korb ab, in welchem ich die Kapaunen wieder verschlossen hatte, und trat damit auf den Jungen zu, welcher seinerseits sich so lange »rückwärts konzentrierte«, bis er an der Zimmerwand anstieß. Er hätte sich gern durch dieselbe gezwängt, wenn es nur möglich gewesen wäre.

Bei meinem Vater hatte der Humor augenscheinlich den Zorn verdrängt. Er trat hart vor den Burschen hin, gab ihm den Korb, um dessen Tragring sich die Finger des Geängstigten mechanisch schlossen, und schnaubte ihn an:

»Verstehst du Latein?«

»La–la–la–latein?« stotterte der Bursch.

»Aber du weißt doch, was eine Grabschrift ist?«

»Sell Selbiges. ist numme eine Geschrift uf 'nem Grabkreuz, moin i.«

»So was ungefähr, ja. Nun paß auf, Bursch, und schreib' dir's hinter deine langen Ohren. War 'mal vorzeiten ein wackerer römischer Legionssoldat. Als der zu sterben kam, verordnete er, daß man ihm auf seinen Grabstein die Worte grabe: ›Ich lebte, wie es einem freien Manne geziemt. Was ich gegessen und getrunken habe, ist mir zugute gekommen, sonst nichts‹ ... Verstehst du mich?«

»Noi.«

»Du ewiger Latsche! Der langen römischen Grabschrift kurzer deutscher Sinn ist: Selber essen macht fett. Das verstehst du doch, Boppel?« Boppel = Latsche.

»Sell verstand i scho.«

»Wohl, so tu danach und sag deiner Mutter, sie soll es auch so machen, das heißt notabene mir gegenüber. Die Streu im Birkachwäldle könnt ihr holen, will's dem Förster sagen ... und jetzt pack dich!«

Am folgenden Morgen nach dieser burlesken Szene verreiste mein Vater für mehrere Wochen. Bei seiner Rückkehr war er ernst, fast düster gestimmt, wennschon er es zu verbergen suchte. Er sagte mir damals, als er eine Weile mit mir im Garten allein war, mit eindringlicher Betonung: »Michel, merk es dir, die Physiognomik ist doch keine ganz eitle Wissenschaft. 's ist etwas dran, ja, bei Wodan und Frouwa! Im übrigen, Junge, traue den Menschen nicht gar zu schnell und gar zu sehr, hörst du? Schaff dir beizeiten eine gehörige Portion Mißtrauen an. Man hat's nötig in dieser Hundewelt, das heißt, die Welt wäre schon recht und schön, aber die Menschen, die Menschen ... na, ich will fürder mißtrauisch sein trotz einem, mißtrauisch wie 'ne Gluckhenne.«

Mit diesem Vorsatz ging es wohl kaum viel anders als mit seinem fast täglich erneuten und doch nie zur Ausführung gebrachten Entschlusse, die Gegenwart des Katers Murr beim Mittagessen nicht mehr zu dulden. Besagter Kater, nach dem berühmten Callot-Hoffmannschen genannt, war ein kolossales schwarz und grau getigertes Exemplar seiner Gattung und nahm in der Tierfreundschaft meines Vaters unmittelbar die Stelle nach dem alten Hylas ein. Er war dem Vater und uns allen über die Maßen anhänglich, seinem Hausgenossen Hylas brüderlich zugetan, gravitätisch wie ein Hidalgo Calderons, aber mit einem unausrottbaren Diebssinn behaftet. Solange bloß die Suppe auf dem Tische stand – Suppen behandelte Don Murr mit souveräner Verachtung – saß das Tier ganz ruhig und manierlich zwischen Hildegard und mir auf der Bank. Sobald aber das Fleisch kam, schlich sich unversehens eine der katerlichen Pfoten am Tischrand herauf und ein bald mehr, bald weniger unverschämtes Gehäkel bedrohte den Inhalt unserer Teller. Beachtete man diese Demonstration nicht, so stieß Don Murr ein Paar mürrische Mau, Mau als indianischen Kriegsruf aus, und wollte man auch das nicht verstehen, so erfolgte ein offener Angriff.

»Was, schon wieder?« rief dann der Vater aus. »Wart, Murissime! Was, ein wissenschaftlich gebildetes Vieh wie du und stehlen! Da nimm dir den alten Hylas zum Muster, der geduldig wartend dasitzt, eine hündische Statue menschlicher, nein, unmenschlicher, übermenschlicher Bescheidenheit. Holla, Hildegard, nimm deinen Teller in acht! Hat man denn gar nie Ruhe vor der verdammten Bestie? Jetzt will ich sie aber beim Essen gewiß nie wieder im Zimmer haben. Fort damit!«

»Aber, lieber Alter,« sagte meine Mutter, »das Essen schmeckt dir ja nicht, wenn dein wissenschaftlich gebildetes Katervieh nicht dabei ist.«

»Warum nicht gar! Was ist das wieder für ein Einfall? Man dichtet mir doch wunderliches Zeug an!«

»Behüte Gott, lieber Fritz. Du kannst recht wohl ohne den ewigen Störenfried sein. Schaff ihn hinaus, Michel.«

»Ja, tu das, Michel, das heißt, da er nun doch einmal da ist, so gebt ihm 'was unter den Tisch. Tiere wollen auch leben, Gertrud, weißt du? Aber von heut' an soll er während des Mittagessens ins Exil geschickt werden.«

Dazu lächelte dann meine Mutter, und wenn sie sich am folgenden Tage den Spaß machte, Don Murr vor dem Essen aus dem Zimmer zu entfernen, so traf regelmäßig ein, was wir alle erwartet hatten. Der Vater setzte sich, legte die Serviette über die Schenkel und tätschelte mit der linken den Kopf des würdigen Hylas, der unwankbar seinen Posten neben dem Stuhle seines Herrn einnahm. Dann griff der Vater zum Löffel, aß aber nicht, sondern gab allerlei Zeichen von Unbehaglichkeit, bis er endlich fragte: »Aber wo ist denn Sennor Murr?« Auf dieses Stichwort hin eilte meine Schwester oder ich, die Türe zu öffnen, und herein schoß das wissenschaftlich gebildete Vieh, den mächtigen Schweif bolzgerade in die Höhe gestellt und ein langgezogenes Miau des Triumphes ausstoßend.

Die Tierliebhaberei meines Vaters war nur ein Ausfluß seiner Herzensgüte. Er aber behauptete umgekehrt, Liebe zu den Tieren mache den Menschen mild und gütig. Natürlich konnte es nicht fehlen, daß wir Kinder seine Liebhaberei teilten, und so hatten denn die Mutter und unsere zwei alten Mägde ihre liebe Not mit der bunten Menagerie, die sich in unserem Hause ansammelte. Nur die kriechenden Bestien waren ausgeschlossen, denn mein Vater tonnte sie so wenig leiden wie die kriechenden Menschen. Und doch verabreichte er mir eines Tages eine unvergeßliche Ohrfeige, da ich als kleiner Bube eine harmlose Blindschleiche mutwillig zertrat. Er lehrte uns auch seine mannigfaltigen Tierzähmungskünste, allein ich profitierte von diesem Unterricht lange nicht soviel wie mein Freund Fabian, welcher, wie der geneigte Leser seines Ortes sehen wird, später Tierliebhaberei und Tierzähmung ins Große trieb.

Aber nicht allein gegen Tiere war mein Vater gütig und liebevoll, und es half ihm auch gar nichts, daß er, namentlich in späteren Jahren, zuweilen sich einbildete, ein Menschenfeind zu sein, und demnach das Rauhe herauszukehren suchte: die Leute wußten doch, daß der Herr Kons'lent niemals, soweit es überhaupt in seinen Kräften stand, eine gegründete Klage ungestillt lasse. Er war der allgemeine Vertrauensmann der ganzen Gegend, und mit Stolz und Rührung denke ich daran, daß mir später seitens alter Leute in meiner Heimat oft der Ausdruck dankbarer Rückerinnerung begegnete: »O, Herr Helmut, Euer Vater selig, der Herr Kons'lent, das war ein Männle! Der hatte ein Herz für die armen Leute! So einer tut nicht mehr leben. Und Eure Mutter selig, die Frau Gertrud, bei der hatte man eine Zuflucht in allen Nöten. O, Herr Jeremle, wie war die gut und fromm!«

Ja, das war sie. Nie hat sie sich Ruhe gegönnt, solange sie in ihrer Nähe ein Leid wußte, welches sie zu lindern hoffen konnte. Die kleinen Schwächen, die ihr in Stunden anhafteten, welche mein Vater ihre Strickstunden zu nennen pflegte, traten vor ihren edlen und guten Eigenschaften weit zurück. In ihren Strickstunden konnte sie, wie wir sahen, eine energische Disputierlust entwickeln, welche der Vater gewöhnlich dadurch zu parieren suchte, daß er dieselbe mit irgend einer humoristischen Wendung für eine nur seiner eigenen Neigung zu Kontroversen zu Gefallen entfaltete ausgab. Er ließ auch merken, daß er diese Schwäche oder Stärke der Mutter für eine Folge der klösterlichen Erziehung halte; aber gerade hierin widersprach ihm die Mutter am hartnäckigsten. Was, einen solchen Schatten auf die Klöster im allgemeinen und vollends auf das Kloster Gnadenbrunn im besonderen fallen lassen? Nimmermehr!

Der Vater mochte aber nicht so unrecht haben, denn die Nachwirkung der klösterlichen Erziehung auf meine Mutter war jedenfalls eine höchst bedeutende. Hierin hatte auch ihr brennender Wunsch, mich dereinst in Chorhemd und Meßgewand zu sehen, seine Wurzel. Obgleich ihre Frömmigkeit durch Bildung hinlänglich geklärt war, um keine dumpfe zu sein, hatte sie doch eine schwärmerische Vorstellung von der Würde des geistlichen Standes. Die großen Kirchenfeste waren für sie Herzensfeste. Da machte sie sich, zur Winters- wie zur Sommerszeit, vor Tagesanbruch mit Hildegard und mir nach Gnadenbrunn auf, wo sie von den älteren Schwestern mit einer Zärtlichkeit empfangen wurde, deren Fülle zu groß war, um aus eine Person gehäuft werden zu können. Daher bekamen auch Hildegard und ich unseren guten Anteil davon. Wir wurden da immer mit Küssen überhäuft und mit Leckerbissen vollgestopft, namentlich von der jüngsten Freundin meiner Mutter, der Schwester Berta, deren sanftes Madonnengesicht aus dem schneeweißen, wundervoll gefälteten Weihel so rosig hervorblühte. Einmal, am Fronleichnamsfest, als ich aus einem kleinen Jungen allmählich ein größerer geworden war und demnach den Willkommkuß der guten Schwester recht herzhaft erwiderte, zog sie sich hocherrötend zurück und flüsterte meiner Mutter zu: »Ich weiß nicht, Gertrud, dein Bub', der Michel ... er ist seit einem Jahre so gewachsen ...« – »O,« versetzte meine Mutter lächelnd, »mache dir keine Skrupel. Er ist ein Kind, ein pures Kind ...« – »Hm,« dachte ich und streckte mich gewaltig, »hat sich was mit dem puren Kind!« Und Schwester Berta dürfte ebenfalls meiner Ansicht gewesen sein, denn sie hat mich von da an nie wieder geküßt.

Und du, Domine Zipfelius, antediluvianischer Magister und fossiler Philologe, wie oft hast du mich und wie selten hab' ich dich ergötzt! Den letzteren Umstand könnte ich jetzt fast bereuen, denn ich schulde dir Dank, aufrichtigen Dank, armer alter Hairle – aber was hättest du von all meiner Reue? Du bist längst hingegangen, wo die rätselhafte Textausgabe des Menschenlebens ihren befriedigenden Kommentar erhält – oder auch nicht. Aber mag es sich damit so oder so verhalten, dir sei die Erde leicht! Und sie muß es dir sein, denn bei allen Schrullen, die dir eigen waren, ist ein harmloserer Bücherwurm als du niemals durch die Griechen und Römer und Hebräer gekrochen.

Aber ich tue dir noch im Grabe unrecht, guter Domine, indem ich das häßliche Wort kriechen auf dich anwende. Denn, o, du konntest fliegen, konntest dich aufschwingen in die höchsten Regionen klassischer Entzückungen. Hättet ihr ihn nur gesehen, den alten »verhutzelten« Benefiziaten, wenn ihm der ewig edle Wein antiker Poesie zu Kopfe stieg. Da war er gar nicht mehr der grämliche Alte, der menschenscheue Sonderling, da glaubte er an die schönen Götter und an die großen Menschen des Altertums, und wenn er diesen Glauben so recht manifestierte, vergaßen der Fabian und ich sogar seiner Brille und seiner furchtbaren Blicke, die er dahinter hervor oder vielmehr darüber hinweg auf uns zu schießen pflegte, wenn wir uns gegen die Feinheit einer Ciceroschen Periode gleichgültig verhielten oder eine ionische Form mit einer attischen verwechselten.

Sehr oft hatten wir freilich ungeheure Mühe, unsere rebellischen Lachmuskeln zu bändigen, denn der gute Benefiziat hatte das Unglück, gerade in seinen höchsten Aufschwüngen sehr komisch zu erscheinen. Ich muß noch jetzt laut auflachen, wenn ich mir vergegenwärtige, wie der alte Hairle, des Aristophanes »Wolken« mit uns »traktierend«, bei dem Vers:

In Lüften schweb' ich, forschend der Sonne Lauf –

leibhaftig in die Position des Sokrates sich hineinversetzte, und während er mit weit auf die Nasenspitze vorgeschobener Brille in das Buch hineinbohrte, zugleich auf seinem alten Lederstuhl hin und her rutschte und mit den mageren Armen wedelte, als schwebte er wirklich in Lüften. Oder wenn ich daran denke, wie er die Horazsche Ode: »Nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus« Jetzt laßt uns trinken, jetzo mit freiem Fuß den Boden stampfen! heftig deklamierte und in wortgetreuer Befolgung der Aufforderung des Dichters wütend den Boden stampfte, daß dicker Staub aufwirbelte, und dabei, er, der geschworene Wassertrinker, in ein weitläufiges Lob des Feuers und der Blume von altem Falerner und Käkuber ausbrach und zuletzt, wahrscheinlich bemerkend, daß uns das Wasser im Munde zusammenlief, uns plötzlich anschnarrte: »Übrigens, puerculi, wißt ihr, daß der göttliche Pindar gesagt hat: das Beste sei Wasser.« – Spaßhaft war es auch, wenn er bei der schönen Ode: »O, matre pulchra filia pulchrior« O, der schönen Mutter schönre Tochter du! die Gegenwart, sich selbst und uns vergessend, lange vor sich hinbrütete, um dann mit weinerlich elegischer Stimme zu rezitieren:

....... »Mich auch entflammte
Die Glut der Brust in süßer Jugend«

und schließlich, wahrnehmend, mit wie großen Augen wir ihn anguckten, heftig den Kopf schüttelte, eine furchtbare Prise in seine Nase schob und murrend sagte: »Das ist dummes Zeug, Bursche, purer, blanker Unsinn – proh dolor! Hütet euch vor Allotriis! Die Weibsstücker – in die Gehenna mit ihnen, mit allen!« – Der arme Benefiziat – die »Glut«, welche ihm »in süßer Jugend« die Brust entflammt hatte wie dem unsterblichen Dichter der Philosophie des »Nil admirari!« Nichts bestaunen! mußte zweifelsohne in sehr unsanfter Weise gelöscht worden sein – der arme Benefiziat ließ keine Gelegenheit vorübergehen, gegen das schöne Geschlecht loszuziehen, wobei ihm aber doch in seiner Zerstreutheit manchmal eine entgegengesetzte Äußerung entwischte. Als wir eines Tages in der Ilias an die schöne Stelle kamen, wo erzählt wird, wie Priamos und die anderen greisen Häuptlinge der Troer auf der Turmzinne am skäischen Tore saßen und Helena dahergewandelt kam und die alten Herren bei ihrem Anblick entzückt in die Worte ausbrachen:

»Niemand tadle die Troer und hellumschienten Achaier,
Daß um ein solches Weib sie so lang ausharren im Elend.
Einer unsterblichen Göttin fürwahr ja gleicht sie von Ansehen!«

da wiegte unser Präzeptor sinnend das groteske Haupt und sagte nachdenklich: »Sie muß in der Tat sehr schön gewesen sein, diese Helena, sehr schön – was meint ihr?« ... Aber er ließ uns keine Zeit zum Antworten, sondern sagte, wieder ganz Zipfel, in seinem polterndsten Tone: »Die jämmerlichen alten Narren! Na, das höllische Weibsstück hat ihnen 'ne hübsche Suppe eingebrockt ... Perge im Text, Fabian!«

Als wir nach beendigter Stunde zum Mittagessen heimgingen, sagte ich unterwegs zu meinem Mitschüler, der alte Hairle möge pfuchzen, Pfuchzen, pfauchen, fauchen = zornig tun. wie er wolle, die Helena müsse doch ein verflixt schönes Weibsbild gewesen sein. So schöne gebe es wohl gar nicht mehr.

»Das glaub' ich doch nicht,« meinte der Fabian.

»Ah, du glaubst, es gäbe noch solche?«

»Ja.«

»Dann meinst du Isolde.«

»Nein, nicht Isolde.«

»Wen denn?«

»Hildegard.«

»Dummes Zeug! Wo hast du deine Augen? Aber das ist lustig – ich will's dem kleinen Nickel sagen, daß du sie für eine Helena ansiehst.«

»Tu das nicht, Michel,« bat Fabian ängstlich, »tu das nicht! Es könnte Hildegard verdrießen, denn weißt du, die Helena war im Grunde doch ein schlimmes Weibsbild.«

Mein Vater gab dem einseitig klassischen Unterricht des Benefiziaten von zwei Seiten her ein wohltätiges Gegengewicht. Er leistete nämlich meiner erwachenden Neigung, mich mit unseren vaterländischen Altertümern bekannt zu machen, eifrigen Vorschub und regte mich zur Erlernung der modernen Sprachen an, das heißt der englischen und italischen, denn die französische haßte er und ließ es daher mit geheimer Befriedigung geschehen, daß ich sie vernachlässigte. Isoldes Erzieherin erteilte einen ganz leidlich guten Unterricht in den neueren Sprachen, in welchen die Tochter des Freiherrn und meine Schwester schon recht ordentlich Bescheid wußten. Da war es denn erbaulich anzusehen, wie die beiden Mädchen an dem Michel herumkultivierten und sprachmeisterten. Der Michel hatte es wirklich nötig und ließ es sich auch mit ziemlich guter Manier gefallen, besonders von seiten Isoldes. Weniger geduldig nahm ich es hin, wenn auch den Freiherrn zuweilen die Laune anwandelte, mich ein »bißle zu schnitzeln«, wie er sagte. Zwar, solange dieses Schnitzeln sich auf die Disziplinen des Reitens, Fechtens, Jagens und Schießens bezog, war ich sein geduldiger und auch ziemlich gelehriger Schüler; sowie aber der gute Herr darauf ausging, mich zum Adepten seiner keltomanischen Mysterien zu machen, ging mir die Geduld aus, um so mehr, da ich in Nachahmung meines Vaters ein heftiger Germane war. Der Freiherr mochte sich noch so sehr abmühen, mir Interesse an seinen keltischen Kromlechs, Wagsteinen, Dolminen und Kist-ven beizubringen, es ging nicht. Auch die Druiden und sogar die Druidinnen ließen mich kalt, und selbst von dem Waschbecken der Göttin Ceridwen und von dem mythischen Wonneeiland Avalon wollte ich nicht viel wissen. Dagegen entzückten mich die Götter- und Heldensagen der Edda und der Heimskringla, welche mir der Vater dolmetschte, und ich gab natürlich diesem im stillen immer recht, wenn er in hitzigem Disput mit dem Freiherrn die keltischen Hypothesen desselben bekämpfte und schon dem »Steinalter«, dem »Bronzealter« und dem »Eisenalter« unerbittlich den germanischen Charakter vindizierte.

Der Vater und ich hatten auch dem Freiherrn gegenüber ein kleines Geheimnis mitsammen. In der freiherrlichen Sammlung von Altertümern befand sich nämlich als ein hochgeschätztes Prachtstück der Mithrasstein, welchen der Freiherr in der von ihm gefundenen oder erfundenen Mithrashöhle im Weißachforst richtig ausgegraben hatte. In der Tat zeigte dieser Stein, wenn auch nur in roh eingekritzelten Umrissen, die reliefartige Darstellung des Mithrasmythus: den Jüngling Mithras mit der phrygischen Mühe auf einem Stier kniend, welchem er ein Messer in den Hals stößt – bekanntlich die Befruchtung der Erde durch die Sonne symbolisierend. Der Freiherr hatte an diesem Fund eine wahrhaft kindliche Freude, und mein Vater war nicht so grausam, sie zu stören. Aber er konnte nie an dieser Zierde des freiheitlichen Museums vorübergehen, ohne still vor sich hin zu lächeln, und er wußte wohl warum. War er doch, als der Freiherr nicht lange nach jener Morgenbegegnung seinen Fund triumphierend vorwies und ich dabei ein boshaftes Feixen nicht ganz verbergen konnte, so lange in mich gedrungen, bis ich nicht mehr leugnete, welche unsägliche List, Geduld und Mühe ich mir es hatte kosten lassen, um, nachdem ich in der väterlichen Bibliothek ein Mithrasbild aufgestöbert, dasselbe mit äußerster Anspannung meines kleinen Talents zum Zeichnen auf einem gehörig verwittert aussehenden Stein nachzukritzeln, dann die fragliche Mithrashöhle auszukundschaften und in einer Ecke derselben den gloriosen Stein zu vergraben. Ich hatte freilich bei Ablegung dieses Geständnisses die bittere Erfahrung machen müssen, daß ein Betrug mitunter zum Glück des Betrogenen und zu sehr fühlbarem Unglück des Betrügers ausschlagen könne.

Aber auch diese Wolke am heiteren Himmel meiner Knabenzeit ging vorüber. Allerdings war ich schon nicht mehr in dem Alter, wo man die Last der großen Sorge, genannt Menschenleben, noch gar nicht auf den Schultern fühlt; aber wenn sie sich dann und wann ankündigte, so übte sie doch nur einen Flaumdruck aus. Wie waren wir vier Kinder, Isolde, Hildegard, Fabian und ich, so glücklich in unserer Freundschaft, unserer harmlosen Fröhlichkeit, in unseren Spielen, sogar in den Mühen des Lernens. Wir hielten zusammen, als müßte es für das ganze Leben so sein, als könnte es gar nie anders werden. Noch nötigte uns nichts, mit unseren Gedanken in der Zukunft zu leben, noch war für uns alles frischlebendige Gegenwart. Das Herz wird mir weit und weich, indem ich dieses schreibe und mich in die Erinnerung an Szenen meines Jugendidylls versenke. Ich sehe mich wieder mit meinen Gefährten durch Feld und Wald streifen, über die Felsen klettern und am Bache hinschlendern, Blumen pflückend, Pickelflöten aus Weidenrinde fertigend, singend, lachend, Geschichten erzählend, tausend Possen treibend. Ich sehe uns auf der Gondel über den Parkweiher hingleiten und sehe uns bei der Mutter Fabians um den weißtannenen Tisch sitzen, mit Kinderappetit die »Sträuble« vertilgend, welche uns die gute Frau zum Namenstag ihres Knaben gebacken. Ich höre noch, wie Isolde fröhlich in die Hände klatschte und ihr Vater ein beifälliges Sternmillionenkreuzdonnerwetter losließ, als es mir zum erstenmal tadellos gelang, auf dem feurigen Schweißfuchs über die Barriere zu setzen, und ich glaube noch in diesem Augenblick zu fühlen, wie laut und stolz mir das Herz an die Rippen pochte, als ich drüben im Jungholz an der Breunighalde an der Seite meines freiheitlichen Gönners meinen ersten Bock schoß, meinen ersten Rehbock, wohlverstanden.

Trotz dieser nicht unglücklichen Versuche in den noblen Passionen und trotzdem, daß mich die gute Schwester Berta droben in Gnadenbrunn nicht mehr küssen wollte, war ich eigentlich noch so ziemlich ein vollkommener Kindskopf. Die reine Atmosphäre, in welcher ich aufgewachsen, hatte meine Seele vor jeder vorzeitigen Trübung bewahrt. Deshalb, lieber Leser, kann ich so heiter und darf ich zugleich so sehnsüchtig mit Rückert sagen:

Aus der Kinderzeit, aus der Kinderzeit
Klingt ein Lied mir immerdar;
Ach, wie liegt so weit, ach, wie liegt so weit,
Was mein einst war!

Sechstes Kapitel,

worin der Satz bewiesen wird, mit welchem es anfängt.

Aber aus Kindern werden, wie bekannt, mit der Zeit Leute.

Es war im »Öhmdet«, das heißt der zweite Grasschnitt lag zum Trocknen auf den Wiesen und die Bergwälder machten schon da und dort Miene, ihr buntes Herbstkleid anzuziehen, als wir fünfe eines schönen Nachmittags am Wasserfall hinabstiegen, den Steg bei der Mühle überschritten und dann rechtshin das Tal hinabgingen.

Ich sagte: wir »fünfe«, denn Berthold war auch mit dabei und ging mit Hildegard voran. Hoch aufgeschossen, bewegte er sich dennoch mit einer Turnüre, welcher man ansah, daß der Tanzmeister seine Schuldigkeit an ihm getan, und trug die kleidsame Ulanenuniform mit viel Bewußtsein. Die Sporen klirrten ihm romantisch an den zierlichen Stiefeln, und von Zeit zu Zeit gab seine blanke Säbelscheide einen gar ritterlichen Klang. Er hatte auch Grund, den Kopf hoch zu tragen, denn die Goldborte, welche den roten Kragen seiner blauen Uniform säumte, sagte deutlich genug, daß der Herr Regimentszögling auf der letzten Vorstufe zur Leutnantschaft glücklich angelangt sei. Endlich war es auch motiviert, daß der junge Herr mit Zeigefinger und Daumen häufig die Gebärde des Schnurrbartdrehens machte, denn seine Oberlippe wies in der Tat die flüchtige Andeutung eines Bartes der Zukunft auf.

Wenn du der Meinung sein solltest, lieber Leser, diese Worte haben einen neidgelben Anstrich, so kann ich dir nicht ganz unrecht geben. Ja, ich beneidete den Berthold recht ordentlich um sein glänzendes Auftreten, und dieses Unbehagen wurde noch erhöht durch ein unklares Gefühl der Besorgnis, welches mich ergriff, wenn ich sah, mit was für bewundernden Blicken mein Schwesterlein den angehenden Kriegsmann betrachtete. Die arme Hildegard hatte in der Naivität ihrer fünfzehn Jahre noch nicht gelernt, ihre Augen zu beherrschen, und jetzt hatte sie, ich sah es wohl, ihre Freude daran, daß Berthold es immer zu machen wußte, der Schmalheit des Fußpfades zum Trotz ihr zur Seite zu bleiben.

Es waren drei Jahre verflossen, seit Berthold zum Regiment gekommen und ich dem Benefiziaten zum »Geschnitzeltwerden« übergeben worden. Vor zwei Jahren, als Berthold seine erste Urlaubszeit zu Hause zugebracht hatte, war er noch so ziemlich der alte wilde, aber gute Bursch gewesen. Diesmal war es anders. Berthold kam als angehender oder gar schon als angegangener Dandy, der ziemlich deutlich merken ließ, daß er sich als künftigen Offizier und Freiherrn fühlte. Das mochte noch hingehen; aber daß in dem Gebaren des Jugendkameraden mitunter ein gewisses Etwas vortrat, welches andeutete, daß derselbe von Blasiertheit wenigstens schon habe läuten hören, das berührte mich höchst widerwärtig. Ich konnte mir freilich über diesen Widerwillen um so weniger Rechenschaft geben, als mir der junge Herr anfangs durch sein herrenmäßiges Benehmen fast nicht weniger imponierte als dem schüchternen Fabian; aber ich wurde in meinem Gefühle dadurch bestärkt, daß ich den Vater in einem unbewachten Augenblicke zur Mutter sagen hörte: »Was für ein verhenkerter Zieraff ist der Berthold geworden!«

Von Hildegard und dem jungen Kavalier richteten sich meine Blicke auf Isolde, die ebenso schweigend vor mir herging, wie Fabian hinter mir. Ich weiß noch ganz gut, daß das junge Mädchen ein leichtes Sommerkleid von heller Farbe trug, welches die knospenden Formen ihrer Schönheit hervortreten ließ. Sie hielt ihren Strohhut lässig in der linken Hand, und so glänzte ihr wunderbar schönes Haar hell in der Sonne. Mit ihrer zarten, weißen Hand streifte sie im Gehen gedankenvoll die Blätter von dem Erlengesträuch am Wege.

Meine Blicke hingen an der schlanken, anmutvollen Gestalt und – diese Blicke waren nicht mehr so ganz die eines Knaben.

Nun, ich war denn auch kein Knabe mehr. Hatten wir nicht, der Fabian und ich, vor vierzehn Tagen in der Hauptstadt das Maturitätsexamen siegreich bestanden? Hatte ich mir nicht bei dieser Gelegenheit eine burschikos aussehende Mütze gekauft, um mich damit als angehenden Studenten zu manifestieren, der binnen wenigen Wochen die Universität beziehen sollte? Hatten wir nicht, der Fabian und ich, drüben in Guhlhausen auf dem freiherrlichen Sommerbierkeller im geheimen die furchtbaren Proben des Tabakrauchens und des Vor- und Nachtrinkens so bestanden, daß uns nachher Fabians Mutter mittels schwarzen Kaffees von den Folgen dieser studentischen Experimente kurieren mußte? Nein, ich war kein Kind mehr.

Und doch wieder noch Kind genug, daß mir Isoldes Benehmen in letzter Zeit höchst wunderlich vorkam? Warum war sie bei aller Freundlichkeit doch so einsilbig gegen mich?

Überhaupt hatte es mir oft scheinen wollen, als ob zwischen uns vier, Isolde, Hildegard, Fabian und mich, etwas Störendes getreten sei. Schon vor Bertholds Ankunft. Äußerlich zwar hatte sich nichts geändert, denn offenbar hatte weder der Freiherr, noch hatten meine Eltern einen Grund, trennende Schranken zwischen uns Kindern aufzuführen. Sie waren wohl nicht der Ansicht der modernen und modernsten Erziehung, welche es liebt, junge Leute wie wilde Tiere voneinander abzusperren. Kommen dann die beiden so peinlich voneinander getrennten Geschlechter mit Zeit und Gelegenheit dennoch plötzlich zusammen, so verwundern sie sich gegenseitig höchlich, daß sie gar nicht wild, sondern ganz zahm seien, daß sie einander keineswegs etwas zuleide, sondern im Gegenteil alles zuliebe tun möchten, und aus dieser Überraschung entspringen oft seltsame Geschichten.

Vor solcher Verwunderung und Überraschung waren wir gesichert: wir hatten die Kinderschuhe mitsammen ausgetreten, aber wir hatten sie ausgetreten. Ja, wir alle waren keine Kinder mehr.

Es ist, denke ich, unbestritten und unbestreitbar, daß der Schmetterlingsflügelstaub der Unschuld an Mädchenseelen viel länger und inniger haftet als an Knabenseelen. Aber wenn mich nicht alles täuscht, dürfte die Behauptung, daß der Unterschied des Geschlechtes dem Mädchen trotzdem viel früher als dem Knaben zum Bewußtsein komme, wenn auch nur dunkel und unschuldsvoll, keine ungerechtfertigte sein. Der Instinkt, welcher, geistig potenziert, zugleich die höchste Tugend des Weibes ausmacht, die Schamhaftigkeit, läßt die feinen Nervenfühlfäden eines jungen Mädchens vor einem männlichen Jugendgenossen auf einmal scheu zurückbeben, während des letzeren gröberes Nervengeflecht noch in harmloser Ruhe verharrt.

In diesem Falle hatte ich mich befunden, als ich bemerkte, daß Isolde immer zurückhaltender gegen mich wurde. Ich schalt es brummig eine dumme Laune, wenn sie sich mit meiner Schwester von mir und Fabian absonderte. Dieser jedoch, eine feiner organisierte Natur als ich, hatte wohl ein tieferes und richtigeres Gefühl für die Sache. Wo ich über das, was ich alberne Mädchengrillen nannte, nur lachte, wurde er traurig, und seine Traurigkeit wuchs nach der Ankunft Seiner sporenklirrenden freiherrlichen Gnaden, des Herrn Ulanenleutnants in spe. Was mich betrifft, ich meinte, nachdem ich erst einmal gefunden, es sei dumm, vor den Sporen, dem Säbel und dem roten Kaskett des Junkers Respekt zu haben, ja, ich meinte, Berthold spiele mit seiner affektiert militärisch-lakonischen Sprache und mit seiner Lorgnette, die er – notabene, wenn es sein Vater nicht sah – mit so ungeheuerlichen Grimassen in den rechten Augenwinkel kniff, eigentlich mehr eine skurrile als heroische Rolle. Isolde verriet zwar nicht durch Worte, zeigte aber durch ihr Benehmen, daß sie meiner Meinung sei. Der Ernst ihres Wesens, in letzter Zeit ohnehin selten und immer seltener durch die Anflüge der ihr sonst eigenen anmutigen Schalkhaftigkeit unterbrochen, schien sich dem Hasenfuß von Bruder gegenüber zu verdoppeln. Eines Abends, als wir in unserm Garten in alter guter Weise mitsammen Musik machten und unsere guten alten Lieder sangen und Berthold nicht mitsang und schließlich mit vornehmer Herablassung meinte, es sei doch »affrös«, daß man auf dem Lande so gar nichts von den »pompösen« – pompös und affrös waren Lieblingsausdrücke des jungen Kriegers – neuesten Opern wisse, und dabei so »sparrefantelig«, wie unsere Bauern sagen, seinen zukünftigen Schnurrbart drehte und mit der Lorgnette manövrierte, hörte ich seine Schwester leise zu meiner Mutter sagen: »Aber Mütterle, wird man denn in den großen Städten – so unausstehlich?« – »Was fällt dir ein, Kind?« entgegnete meine Mutter. »Berthold lebt in der Residenz, da muß er eben tun, wie es dort Mode ist.« – Die Mutter hatte eine Schwäche für ihren Pflegesohn und, die Wahrheit zu sagen, er seinerseits benahm sich gegen sie so, wie es der ursprünglich gesunden und guten Anlage seines Wesens entsprach.

Meine gute Mutter mochte die unvorteilhafte Veränderung, welche mit Berthold vorgegangen, mit dem Hang zur Renommisterei entschuldigen, welcher Jünglingen anklebt; in den Augen von meiner Mutter Tochter dagegen bedurfte Bertholds Benehmen gar keiner Entschuldigung, und alles zusammengenommen, war es denn doch eben kein Wunder, daß ein fünfzehnjähriges Mädchen den wiederkehrenden Jugendgespielen, der trotz seiner Lorgnette und trotz alledem und alledem in seiner blanken Uniform ein verteufelt hübscher Bursch war und seine frühere Gespielin noch immer so augenscheinlich bevorzugte wie vordem, nicht mit bösen Augen ansah.

Wir strichen lange zwecklos durch Wiesen und Wälder. Da ich für meine Person des Aristoteles Definition vom Menschen als einem »Politikon Zoon« Geselligen Tier. durchaus rechtfertige, so ist brütende Schweigsamkeit nie sehr meine Sache gewesen. Ich versuchte also ein Gespräch mit Isolde anzuknüpfen, aber das junge Mädchen war heute so ungewöhnlich ernst und gab mir so einsilbige Antworten, daß ich den Versuch nicht weiter trieb und ein paar Schritte zurückblieb, um auf Fabian zu warten.

»Du,« sagte ich unwirsch zu ihm, »unser Domine Zipfelius hat am Ende doch recht, was die Weibsstücker anlangt. Was, zum Henker, ist denn in die beiden Mädle gefahren? Sie tun ja nur so, als ob wir beide gar nicht mehr auf der Welt wären!«

»O, du kannst dich nicht beklagen,« versetzte der Fabian, »aber ...«

Er brach ab und seufzte, der gute Junge, und lugte mit trüben Blicken nach vorne, wo Berthold und Hildegard noch immer schäkernd und lachend nebeneinander hergingen.

»Mira!« Meinetwegen! Mir einerlei! sagte ich, den Kopf aufwerfend, und so recht mit dem kindischen Trotz meines Alters zog ich meine bis dahin vor jedermann, den Fabian ausgenommen, verheimlichte Pfeife hervor und erfüllte, recht breit vor Isolde einhertölpend, die klare, milde Luft mit den renommistischen Wolken einer Tabakssorte, die gerade nicht zu den feinsten gehörte.

»Armer Michel!« hörte ich Isolde leise hinter mir sagen.

Ich wollte nicht, aber ich mußte mich doch umkehren. Das gute schalkhafte Lächeln von ehedem umspielte den reizenden Mund des jungen Mädchens.

»Warum armer Michel?« fragte ich so majestätisch, als ich nur immer vermochte, und blies eine neue Wolke in die Luft.

»Weil Fabians Mutter jetzt mit ihrem schwarzen Kaffee nicht bei der Hand ist.«

»Verdammt!« dachte ich. »Wie hat die Dundershexe jene schwarze Kaffeegeschichte erfahren?«

Sprach's bei mir, kehrte mich um, stapfte wütend an Berthold und Hildegard vorbei und rauchte, als müßte ich heute noch allen Tabak auf der weiten Welt aufrauchen. Aber, seltsam zu sagen, schon nach einigen Minuten überfiel mich eine Art Angst, ich möchte mit meinem Gerauche in den Augen Isoldes doch recht lächerlich erscheinen, und – die Pfeife verschwand wieder in meiner Tasche.

Da wir lange und weit gegangen, ruhten wir, auf dem Rückweg begriffen, an der einsamen Breunighalde aus. Auf der waldumsäumten Wiese lag das halb gedörrte Öhmd in »Schochen« aufgehäuft. Wir nahmen uns solche Schochen zu Ruhepolstern und hörten dem Berthold zu, welcher von den Herrlichkeiten des Residenzlebens erzählte. Er war so recht im Zuge, und ich war einfältig genug, mich darüber zu ärgern. Zuletzt machte ich meinem Witzmut in einem unhöflichen Gähnen Luft, stand auf und ging in den Wald, wo ich mich grämelnd auf das Moos niederwarf. Aber eine wunderliche Unzufriedenheit mit mir selbst, mit meinen Freunden, mit der ganzen Welt ließ mir keine Ruhe und trieb mich wieder auf die Wiese hinaus, wo ich mich abseits von den andern auf einen Öhmdhaufen warf. Isoldes Spott ging mir im Kopfe herum. »Jetzt verhöhnt sie dich vollends,« dachte ich, »das fehlte noch! Aber was kümmert's mich?« – Und doch kümmerte es mich gewaltig. Zuletzt duselte ich ein, von Hitze, Müdigkeit und Verdruß erschöpft.

Ich mochte ziemlich lange geschlummert haben, denn als ich die Augen wieder auftat, lag der rote Schein der Abendsonne auf der einsamen Waldwiese. Fabian, Berthold und Hildegard befanden sich nicht in meinem Gesichtskreis, aber ich mochte auch gar nicht nach ihnen ausschauen, denn unfern von mir erblickte ich Isolde.

Gesenkten Blickes kam sie mit zögernden Schritten auf mich zu.

Ich rührte mich nicht, aber das Herz hämmerte mir in der Brust, als wollte es mit Gewalt heraus.

O, wie war das junge Mädchen schön! Mir schien, die Abendsonne wöbe eine leuchtende Gloriole um das liebliche Gesicht. Aber es war Isoldes Goldhaar, welches in den roten Sonnenstrahlen glänzte, die durch das Buchenlaub zitterten.

Leser, ich bin leider kein Poet und kann es daher nicht versuchen, den seligen Wirrwar der Gefühle, welcher mich in jenem Augenblick überflutete, dir zu beschreiben.

Genug – auch in deiner Brust hat ja wohl einmal der himmelan jauchzende Lerchenschlag geklungen, welchen die Menschen erste Liebe nennen. Er tirilierte jetzt in meiner Seele – hell, laut, wunderbar!

War es heilige Scheu, fromme Befangenheit, war es instinktartige List – was weiß ich? – ich blieb unbeweglich und stellte mich schlafend, während doch mein ganzes Wesen so wach war, daß ich durch die geschlossenen Augendeckel zu sehen glaubte.

Isolde kam näher, immer näher, ich hörte ihren leisen Tritt auf den duftenden Öhmdschwaden.

Jetzt stand sie wieder stille, zögerte, hob wieder das zierliche Füßchen, setzte es unschlüssig nieder, dann leise, leise vorwärts, bis sie mir zur Seite stand.

Was wollte nur das Mädchen?

Ich fühlte den Blick ihrer süßen Veilchenaugen auf meinem Antlitz.

Jetzt machte sie eine Bewegung – ich blinzelte vorsichtig – Isolde hatte sich gebückt und machte sich mit beiden Händen auf dem Boden zu schaffen – ich riskierte es, für einen Moment die Augen weiter aufzumachen – sie sammelte Grashüpfer, die wir in unserer Gegend Heuschrickel oder Heustöffel nennen – erhob sich dann, ließ dann ihre Blicke rasch auf der Halde umhergehen – der Michel schlief wieder, aber im nächsten Augenblick hatte er große Mühe, zu schlafen, denn, von Isoldes Hand auf ihn niedergestreut, krabbelten und kribbelten die behenden Tierchen in seinem Kraushaar.

Also auf einen Kinderscherz war es abgesehen? – Ich meinte zu sterben vor Schmerz und Zorn.

Aber ich hielt stille und schlief.

Isolde beugte sich zu mir herab und mußte sich auf ein Knie gesenkt haben, denn ihr Atem streifte meine Wange.

Durch das Pochen meines Herzens hindurch meinte ich das ihrige schlagen zu hören.

Ihre weiche Hand legte sich, sachte auf meine heiße Stirne und glitt dann linde an meiner Wange herab.

Mit gewaltsamer Selbstüberwindung hielt ich die Augen geschlossen.

Ein banger Atemzug des Mädchens, ein leiser Seufzerhauch – und rasch, wie der Gedanke, süß und keusch wie Blumenodem streifte ein Kuß über meine Lippen hin.

Da, wie hätte es anders sein können? – da schlossen sich meine Arme um den Nacken Isoldes und hielten die teure Beute an meine Brust gepreßt.

Sie stieß einen Schrei jungfräulichen Schreckens aus.

»Du bist mir gut, Isolde?« flüsterte ich, trunken von Glück.

»O!«

Sie sagte nur dieses, nur die eine Silbe, und fuhr bebend und verwirrt empor. Ihre Wangen erblaßten, ihr Blick war der eines verwundeten Rehs, und wie ein solches lief sie die Halde hinab, sich im Dickicht zu bergen.

Indem ich ihr folgte, ging ich wie in Lüften, wie in Sternen, kurz so, wie du, mein Leser, wohl auch einmal gegangen bist, und wenn nicht, so laß mich dich herzlich beklagen.

Ich holte Isolde in dem Waldstreifen, der talwärts die Halde säumt, nicht mehr ein. Schon eilte sie jenseits des Baches den Hain hinauf, und dort gingen auch Berthold und Hildegard Hand in Hand. Aber am Waldsaum stieß ich auf Fabian, welcher bleich und verstörten Auges an dem Stamm einer Tanne lehnte, unfern drüben den Rain hinangehenden Freunden nachstarrend.

»Was hast du denn?« fragte ich ihn.

»Er hat sie geküßt!« stammelte er.

»Wirklich?«

»Und sie hat ihn wieder geküßt!«

Er preßte es mühsam hervor, der arme Junge. Dann warf er sich zu Boden, verbarg sein Gesicht im Moose und weinte bitterlich.


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