Ludwig Salomon
Die Blüchertrompete
Ludwig Salomon

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Mittlerweile kam es, und zwar am 30. März, zur Schlacht bei Paris; wir Blücherschen nahmen den Montmartre – und dann hatten wir unsere erste bittere Enttäuschung zu überwinden. Wir wurden um den Einzug von Paris, auf den wir uns den ganzen Feldzug über gefreut hatten, schnöde betrogen. Wir, die Sieger von Laon, hatten natürlich von den vielen Strapazen nicht mehr die saubersten Monturen. Voll bitteren Grolles mußten wir um die Barrieren der Stadt herummarschieren nach entfernteren Quartieren. »Sehen schlecht aus, schmutzige Leute,« hatte Friedrich Wilhelm III. geäußert. Wir waren eben nicht mehr parademäßig, wie die Garden – wir hätten ja mit unseren zerhauenen und zerschossenen Uniformen das Zartgefühl der Pariser beleidigen können.

In den Tuilerieen ging es nach dem Einzuge an ein Hin- und Herverhandeln, von dem mir anfangs wenig erfuhren, und von dem uns nur später zu Ohren kam, daß ein jämmerlicher Friede für Deutschland zustande gekommen war, denn Elsaß und Lothringen sollten uns nicht zurückgegeben werden, Kriegskosten sollte Frankreich an das ausgesogene Deutschland keinen Pfennig zu bezahlen brauchen, und alle die geraubten Kunstschätze sollte die gute Stadt Paris ruhig behalten dürfen.

Das verstimmte viele Patrioten sehr. Blücher saß ganze Nächte lang in den Kaffee-Stuben des Palais royal, suchte seinen Grimm durch Spielen zu betäuben und fluchte auf die nichtswürdigen »Diplomatiker«, die mit ihren Federn wieder verdarben, was die Schwerter gut gemacht hatten. Und unter Tränen gestand er einmal Gneisenau in diesen Tagen, wie tief es ihn schmerze, in seiner Jugend so wenig gelernt zu haben, daß er jetzt nur den Degen führen könne und nicht auch zwischen das Geschmeiß von Diplomaten zu fahren verstehe.

Männer aber, wie Arndt und Jahn, erhoben warnend ihre Stimme und schauten besorgt nach dem auf Elba verbannten Bonaparte, der bereits wieder über unheilvollen Plänen brütete.

Ich hatte damals noch Sonnenschein im Herzen, mir schwebten die Bilder meiner Rückkehr vor, ich sah im Traume ihre großen Augen mir in heißer Liebesglut entgegenleuchten – ich war voll schöner Hoffnungen. Darum sah ich auch froh in die Zukunft und meinte, wenn man immerhin etwas zu großmütig gegen Frankreich verfahre, so werde das dem Ansehen Deutschlands nicht schaden. Aber daheim solle man nur, wenn man zurückgekehrt, wacker aufräumen, damit Deutschland mächtig neu erstehe.

Dann malte ich mir aus, wie es sich in dem neuen Reiche leben müsse; wie man die Wissenschaften fördern werde; dazu hatte man durch die Gründung der Berliner Universität bereits den Anfang gemacht. Gewiß werde es auch mir dann vergönnt sein, mit arbeiten und fördern zu helfen; es könne mir dann nicht schwer werden, da man junge Kräfte brauche, eine Stelle zu erringen, die mir einen reichen Wirkungskreis böte. Mit dem Amte kam ja auch das Brot, und welche Freude dann, wenn ich vor sie hintreten konnte und sagen: »Den schalen Glanz (so hatte sie ihn ja genannt) biete ich Dir nicht, wohl aber das kernige, gesunde Brot des neuen deutschen Reiches!«

Das waren so Luftschlösser, die zu bauen ich viel Zeit hatte, denn unser Rückzug ging nicht so schnell. Die Monarchen allerdings kehrten heim und gingen dann nach Wien zum Kongreß, und mit ihnen der ganze Troß der europäischen Diplomaten; wir aber mußten noch immer die verschiedenen Departements besetzt halten.

So kam der Sommer, und auch der Herbst fand uns noch in Frankreich.

Ich hätte ihr gern einmal geschrieben, aber das war so umständlich; auch kannte ich ihre genauere Adresse nicht. Besonders zweifelte ich aber, ob sie den Brief empfangen könne, ohne daß unbefugte Augen ihn sähen. Ich unterließ das Schreiben daher.

Der Herbst rückte immer weiter vor; schon wurden wir mißmutig, als endlich der langsame Rückmarsch angetreten ward.

Freudig jauchzten wir, als wir den heimatlichen Boden wieder betraten, und als wir schließlich unsere Entlassung erhielten, da atmeten wir tief auf – eine schwere Zeit lag ja glücklich hinter uns.

Jetzt aber trieb es mich nach Prag; alle anderen Pflichten schob ich zurück – ich mußte sie erst sehen, mußte von ihr den schönsten Preis des Friedens empfangen.

In kürzester Zeit, ich ward nicht müde, legte ich den Weg nach Prag zurück. Hoch hob sich meine Brust, als ich die Türme der alten Stadt wieder in der Ferne auftauchen sah. Den Weg durch die Straßen wußte ich noch ganz genau, alles war noch so, wie im vorigen Jahre, und als ich auf den Wenzelsplatz kam, da sah ich mir schon das große Haus, das sie damals bewohnte, hell entgegenleuchten. Es sah noch ganz so aus wie ehedem. Schnell trat ich ein; als ich mich aber in dem Hausflur befand, da machte doch alle einen fremdartigen Eindruck auf mich. Eben wollte ich die Treppe hinaufsteigen, als mir ein Dienstmädchen mit der Frage entgegenkam, was ich wünsche, und als ich ihr sagte, wen ich suche, antwortete sie mir, daß das Fräulein nicht mehr hier und überhaupt wohl nicht mehr in Prag wohne.

Mir war ein entsetzlicher Schreck durch die Glieder gefahren, als das Mädchen das so gleichgültig sagte.

»Und ist es Ihnen nicht bekannt, wo sie sich jetzt befindet,« brachte ich hervor.

»Das wissen wir nicht,« versetzte sie kurz.

Sie wartete offenbar, daß ich gehen möchte, und ich ging; aber eine beklemmende Angst nahm ich mit. Wie betäubt trat ich auf die Straße. War es denn möglich, konnten denn meine schönsten Hoffnungen so plötzlich in nichts zerfallen?

Ich wollte mir Mut einreden, ich schalt mich einen Hasenfuß, der gleich alle Fassung verliert, wenn er jemanden suchen muß, der ausgezogen ist. Ich eilte in mein Gasthaus, in welchem ich im vorigen Jahre abgestiegen war. Man erkannte mich wieder, vermochte mir aber keine Auskunft zu geben.

»Es ist in diesem Jahre hier sehr bunt zugegangen. Viele Leute sind zu- und noch mehr abgezogen.«

Das war eine trostlose Aussicht.

Ich stand ratlos da und starrte vor mich hin. Alle Spannkraft war aus mir gewichen – was sollte ich nun beginnen. Ich fing an zu grübeln und verbrachte damit den ganzen Nachmittag. Am Abend, als ich eben den Wirt fragen wollte, ob ich auch bei ihm übernachten könne, schlug mich plötzlich jemand auf die Schulter. Verwundert schaute ich mich um und erblickte zu meiner Überraschung den Musikmeister unseres Regimentes. Er war, nachdem er seinen Abschied erhalten, nach Wien gegangen, wo sich mit dem Kongreß ein buntes, lustiges Leben entwickelt hatte. Es war ihm nicht schwer geworden, ein einträgliches Amt zu bekommen, das ihn jetzt nach Prag geführt hatte, um böhmische Musikanten für die Faschingszeit, zu welcher große Festlichkeiten vorbereitet werden sollten, anzuwerben. Er kannte meine Fertigkeit auf der Trompete und dem Waldhorn und bat mich daher, mit ihm für diesen Winter nach Wien zu gehen, wo ich ein gutes Stück Geld verdienen könne.

Ein solches Einschiebsel lag allerdings nicht im Kreise meiner Berechnung, aber einesteils war mir jetzt, da sie mir wieder verloren war, alles, was ich tat, so gleichgültig, andernteils waren meine Taschen so leer – es konnte also nur ein Vorteil sein, wenn ich erst den Verdienst des Winters mitnahm, um dann mit ausreichenden Geldmitteln zu Ostern die Universität zu beziehen. Mit diesen Gedanken verband sich aber auch noch die leise, stille Hoffnung, daß ich sie vielleicht in Wien fände, wo jetzt die ganze feine Welt versammelt war. Es konnte ja irrtümlich in einer der mangelhaften Verlustlisten mein Name mit aufgeführt worden sein und nun beweinte sie vielleicht meinen Tod.

Ich schlug ein und schloß den Kontrakt.

Mit der Abreise ging es aber nicht so schnell: der Musikmeister mußte noch eine größere Anzahl von Musikanten zusammensuchen, war genötigt, noch in kleine benachbarte Städtchen zu reisen, und ich hatte derweilen ruhig in Prag zu warten. Ich besuchte daher alle Straßen, durch die ich im vorigen Jahre gekommen, besonders aber schritt ich täglich auf den Hradschin zum Dome hinauf, zu dem kleinen Seitenaltare, wo ich sie an jenem Morgen wieder erblickt hatte. Dann lehnte ich, während die Akkorde der Orgel weihevoll durch den Dom hallten, an dem Schnitzwerk des kleinen Altars, schloß die Augen und ließ die Bilder der Vergangenheit an mir vorüberziehen. Und dann stand sie wieder vor meinen geistigen Augen, so lebendig und klar, daß ich unmöglich glauben konnte, sie sei mir für immer entschwunden.

Je mehr ich mich diesen Gedanken hingab, je willenloser ich sie mich umgaukeln ließ, desto bestimmter wurde es mir, daß ich sie in Wien treffen müsse – ja es war mir schließlich eine Gewißheit in meine Seele gezogen – ich wußte selbst nicht warum – als könne es gar nicht anders sein, ich sähe sie dort wieder, wohin sie durch irgendwelchen Schicksalsschlag geworfen.

Mit Ungeduld erwartete ich den Tag der Abreise; mit einer ungewöhnlichen Aufregung fuhr ich in die geräuschvolle Kaiserstadt ein.

Ein betäubender Lärm umfing uns, eine Menge prächtiger Staatskarossen rollte in allen Straßen unaufhörlich auf und ab, glänzende Livreediener aus aller Herren Ländern drängten sich geschäftig hin und her, das war ein Jagen und Rennen, ein Ächzen und Eilen, denn es gab unzählige Bälle, Konzerte, Komödien und Ballets, Karussells, militärische Schaustücke und vieles Andere zu bestellen, herzurichten und abzuhalten – nur von dem eigentlichen Zwecke der Zusammenkunft vernahm man nichts. In den Spalten des »Österreichischen Beobachters«, der täglich viele Seiten Schilderungen von der Faulenzerei und dem üppigsten Genußleben brachte, suchte man vergeblich nach einem wirklichen Lebenszeichen des Kongresses.

Mich erfüllte diese unverantwortliche Prasserei mit Unwillen. Der heilige, schwere Krieg war wahrhaftig eines ernsteren Schlusses würdig. Ich wäre am liebsten wieder gegangen, hätte mich nicht die Hoffnung beseelt, sie hier zu finden, und wäre ich nicht durch meinen Kontrakt gebunden gewesen.

Es begannen bei uns Musikanten auch bald die Übungen, die uns sehr in Anspruch nahmen; die wenigen freien Stunden, die mir blieben, verwendete ich zu Nachforschungen; ich hatte mithin keine Zeit, mich auch noch mit politischen Gedanken zu beschäftigen.

So viel ich aber auch herumfragte, mich erkundigte und in jeden vorüberrollenden Wagen spähte – ich fand sie nicht.

Mittlerweile rückte es mit unserem Einstudieren immer weiter, und endlich konnte unsere Verwendung vor sich gehen. In einem großen Saale, der zu einer Art Kunstreiterzirkus umgebaut worden war, sollte ein Karussel zu Ehren des Königs von Preußen geritten werden. Junge Herren aus den Familien der Fürsten wollten es ausführen, und uns war die Musikbegleitung dazu übertragen worden.

Der Sieg der Germania über Frankreich sollte allegorisch dargestellt werden.

Die ganze Elite des Kongresses war geladen und hatte sich eingefunden, die Kaiser von Österreich und Rußland, mit dem Könige von Preußen in der Mitte, dann die Regenten von Bayern, Württemberg, Baden, Hessen, Nassau, das große Heer der Diplomaten und ein reicher Kranz der schönsten Damen harrten des prächtigen Schauspiels.

Es war ein berauschender Anblick, diese glänzende Menge von Zuschauern auf den amphitheatralisch um den Saal laufenden Sitzen. Wir Musikanten standen auf einem Balkone. Auf einen Wink blies ich hell das Signal, und herein in die Reitbahn sprengten reichgeschmückte Reiter.

Das prächtige Schauspiel entwickelte sich in schönster Ordnung. Meine musikalische Beteiligung war eine ziemlich bedeutende, fast immer hatte ich mitzublasen, teils Angriffssignale, teils Siegesfanfaren; nur vor dem letzten großen Triumphmarsch, den ich mit dem »Heil Dir im Siegerkranz« beginnen sollte und dem dann eine pomphafte Schlußgruppe, eine Verherrlichung Preußens und seines Herrscherhauses, folgen mußte, hatte ich einige Minuten Pause.

Ermattet setzte ich die Trompete ab und ließ meine Blicke über die glänzende Menge der Zuschauer schweifen. Rechts von der mit einer Art von Thronhimmel überspannten Loge der Monarchen hatten die hohen Militärs Platz genommen, und links saßen die Diplomaten, heiter mit ihren Damen plaudernd.

Mein Auge glitt suchend die Reihen entlang – Metternich sah ich mit einer üppigen Blondine scherzen, den Fürsten Talleyrand, den ehemaligen Minister Napoleons, sich mit verbindlichem Lächeln zu seiner Nachbarin neigen, den preußischen Staatskanzler Hardenberg seiner Dame mit süßlicher Artigkeit die Fingerspitzen küssen – aber auch der Ernst entging mir nicht, der auf dem Antlitz Humboldts und Steins deutlich zu lesen war. Ich wußte den Kummer zu deuten, der ihnen am Herzen fraß, und auch in mir stieg mit neuer Gewalt der bittere Groll empor, der mich stets überfiel, dachte ich an das, was der Kongreß sollte, und an das, was er trieb. Ja, strafend sogar trat es mir vor die Seele, daß ich selbst mich nicht entblödete, die leichtfertige Gesellschaft in ihrem gewissenlosen Taumel zu unterstützen, und ich hätte meine Fesseln zersprengen mögen – hätte nicht in meinem tiefsten Innern eine Hoffnung gelauert, die mich wie mit Zauberfäden fest hielt.

Als ich mit solchen Gedanken in das bunte Schauspiel vor mir hinstarrte, sah ich zufällig, wie drüben an der anderen Seite der Arena hinter dem Fauteuil Metternichs eine kleine Bewegung entstand. Talleyrand erhob sich, dadurch ward mir der dahinter stehende Armsessel sichtbar – und wie vom Blitze getroffen zuckte ich zusammen.

Sah ich denn recht, durfte ich denn meinen Augen trauen – war sie es denn, war sie es denn wirklich! Es wurde mir schwarz vor den Augen, dann kam es mir vor, als tanze Alles um mich herum – ich raffte alle meine Kräfte zusammen – ja, da saß sie – mir war, als stände ich dicht vor ihr, so klar, so deutlich erblickte ich sie. Sie schlug die glänzenden großen Augen auf, aber nicht zu mir, zu der französischen Schlange. Und sie bewegte die rosigen Lippen, dieselben Lippen, die einst auf den meinigen gebrannt. Dabei erhob sich der Herr zur Linken – ich schauderte zusammen – ich sah in die schlaffen Züge des mir in tiefster Seele verhaßten, frivolen Genz – an seiner Seite fand ich sie also wieder!

Hätte mich ein Keulenschlag niedergeworfen, ich hätte mich nicht so gebrochen gefühlt.

Ein reich betreßter Diener trat mit einer Portion Eis herzu. Mademoiselle mochte gewünscht haben, sich die Hitze zu dämpfen, es war ihr gewiß zu heiß geworden. Es war eine Glut zum Ersticken im Saale, daß mir die Gedanken vergingen.

»Einsetzen, einsetzen!« raunte mir in demselben Augenblicke erschrocken mein Nebenmann in's Ohr.

Da fiel's mir erst wieder ein, wahrhaftig, ich stand ja noch unter den Musikanten und sollte den Spaß für alle die braven, vortrefflichen Leute mit erhöhen helfen – leider hatte ich vergessen, die Takte zu zählen.

Unwillkürlich, an die Dressur gewöhnt, führte ich schnell die Trompete an den Mund, dabei blitzte aber von den Strahlen der Kerzen mein blankes Instrument und wie eine göttliche Warnung sprang mir stechend der Glanz in die Augen.

Eine Wut überkam mich, als wäre mir das ganze Gebäude meines Lebens zertrümmert worden; das Hirn brannte mir, als wollte es mir den Kopf zersprengen – meine Gedanken verwirrten sich – Blüchers Augen blitzten in meiner Seele auf – »Blase sie stets zu Deutschlands Ehre!« gellte es mir in den Ohren – nein, bei Gott, das konnte ich hier nicht, oder ich mußte zum Meineidigen werden!

Alle Besinnung verließ mich, krampfhaft schleuderte ich die Trompete zu Boden, trat mit dem Absatz in das schöne Instrument, ein Stich durchfuhr mich, als griffe der Tod nach meinem Herzen – und ohnmächtig sank ich zu Boden. –

Aber ich fühlte noch, wie man mich schnell vom Boden aufraffte, aus dem Lärm des Festes hinaustrug und dann in einem stillen Nebenzimmer auf Polster niederlegte. Alle meine Glieder waren mir gelähmt, die Brust war mir zum Ersticken zusammengeschnürt, selbst die Augenlider vermochte ich nicht aufzuschlagen. So lag ich regungslos. Dabei hörte ich, wie verschiedene Personen zu mir herantraten und mich wahrscheinlich neugierig besahen.

»Beinah' hätt' ich vor Schreck zwischen der Fürstin Radziwill und dem Fräulein von Kaminski die Torte fallen lassen,« hörte ich jemanden beklommen mit etwas gedämpfter Stimme sagen.

»Ja, um ein gebildeter Hoflakai zu sein, muß man halt mehr verstehen, als bloß eine simple Torte zu servieren – man muß auch immer mit in der Situation sein,« versetzte mit schnarrendem Ton ein anderer.

»Ach, das ist Gered',« entgegnete der erstere unwillig, »das Fräulein von Kaminski war so überrascht von dem Unfall und –«

»Freilich,« wurde hier wieder in überlegener Weise eingeworfen, »meine alte Ansicht. Sie werden's halt nie zum Kammerdiener bringen; Ihnen fehlt halt, was man so sagt, der geniale Blick. Galante Damen sind allemal nervös – vollends wenn sie mit Herrn von Genz die Soupers und dann – – ha, ha – aber das wissen S' wieder nit. Unsereiner muß aber halt alles wissen.«

»Nun, so gebild't bin i am End' denn doch,« verteidigte sich der Angegriffene.

Entsetzt fuhr ich auf. Diese Worte rissen mich gewaltsam aus meiner Lethargie.

Die Lakaien wichen zurück. »Was sagten Sie da von dem Fräulein von Kaminski!« rief ich, fieberhaft erregt.

»Jesus, Maria, Joseph, halten's doch Ruh, im Saal wird ja eben der Triumph der Germania gezeigt,« fuhr mich sogleich der Schnarrende an, und mit einem verächtlichen Blick setzte er hinzu:

»Wohl eine alte Flamme! Hm, das Fräulein hat jetzt rentablere Verhältnisse, als daß sie sich noch mit Trompeterliebschaften abzugeben brauchte! – Meine Herren, zum Dienst,« wandte er sich dann mit einer gewissen gespreizten Vornehmheit an die Umstehenden – und gleich darauf war ich allein.

Ich sank auf das Polster zurück und starrte vor mich hin; ich mußte mich zusammennehmen, daß mir die Gedanken nicht abermals vergingen. Langsam drang mir ein eisiger Frost in die Glieder, Schweiß trat mir auf die kalte Stirne – da tönte plötzlich der gewaltige Schlußhymnus des Schauspiels aus dem Saale zu mir herüber, die Vorstellung war zu Ende.

Ich mochte mich nicht noch einmal den Blicken der Neugierigen aussetzen, ich raffte daher meine Kräfte zusammen, stand auf, ergriff meine zerknitterte Trompete, die neben nur auf einem Tischchen lag, und schritt hinaus auf die Straße. Es war bereits Abend geworden, eine große Menge Equipagen mit blendenden Laternen hielt schon vor dem Portale. Ich eilte schnell vorüber und bog in eine dunkle Gasse. Ich achtete nicht darauf, wo ich mich befand und wohin ich ging; in mich versunken, durchwanderte ich eine Straße nach der andern. Als wäre ich hinausgestoßen aus allem Erdenglück, als wäre ich hinein in eine endlose, dürre Wüste geschleudert – so ohne Zweck und Ziel, so gebrochen und so tief unglücklich fühlte ich mich. Dabei jagte sich in meiner Phantasie eine Unzahl von Bildern bunt durcheinander. Ihr Antlitz flackerte vor mir auf, erst unbestimmt, dann anmutig, entzückend schon, dann häßlich verzerrt. Gleich darauf befand ich mich in der Schlacht, ich hörte das Dröhnen der Geschütze, Blücher sah ich an mir vorübersprengen, und mitten dazwischen vernahm ich Valeskas fröhliches Lachen. Schnell huschte sie vorüber, nur ein Strahl aus ihren glänzenden Augen traf mich. Nun grinste mich das fahle Gesicht des Herrn von Genz höhnisch an, gleich darauf tanzte alles wirr um mich herum, ich schwankte; schnell griff ich nach einem Türpfosten, an dem ich eben vorbeistreifte – wo war ich denn und was hatte ich denn eben gedacht ... »Ist Ihnen nicht wohl, mein Herr?« fragte mich in demselben Augenblicke ein alter Mann, der an mir vorüberkam.

Ich dankte ihm, ich sei ganz frisch und munter, meinte ich, und der Mann ging weiter.

Ich nahm mich jetzt mit aller Gewalt zusammen. Wie schwachherzig und kleinmütig benahm ich mich doch! Auf das Gerede geschwätziger Lakaien hin meinte ich meine ganzen Hoffnungen vernichtet. Wie mannigfach konnten nicht ihre Schicksale gewesen sein, die es so gefügt hatten, daß wir bisher nichts oder nur Falsches voneinander erfahren hatten. Eine ganze Menge solcher Zufälligkeiten stellte mir meine geschäftige Phantasie schnell zusammen. Übereilt hatte ich mich vielleicht, von einem unüberlegten, kindlichen Zorn hatte ich mich hinreißen lassen. Sie, war zum Feste geladen worden, wie die ganze feine Welt, ebenso wie Humboldt und Stein, sie war höflich, artig gegen ihren Nachbar gewesen, wie es sich schickte. – Jubeln sollte ich, daß ich sie nun wiedergefunden! – Vielleicht harrte sie bereits sehnsüchtig meiner und ließ wohl gar nach mir suchen, wie damals in Prag – und ich eifersüchtiger Narr –! Jubeln sollte ich – ich bebte zusammen – ich vermochte nicht fröhlich zu sein, meine schwere Bangigkeit ließ mich nicht los.

Da erinnerte ich mich, daß den Schluß der heutigen Festlichkeiten ein Souper und ein Ball bei Metternich machen solle. Unzweifelhaft war auch sie dazu geladen und ich mußte sie treffen, gelang es mir, Eintritt zu erhalten. Es genügte ja auch nur ein Augenblick in einem Nebensaale oder in einem Vorzimmer, um zu wissen, ob sie dieselbe noch von ehedem geblieben sei.

Ich erkundigte mich nach dem Namen des kleinen Platzes, auf dem ich eben stand, und fragte mich dann zurecht nach dem Metternichschen Palais.


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