Ludwig Salomon
Die Blüchertrompete
Ludwig Salomon

 << zurück weiter >> 

Mir war, als hätte mir jemand bei dem Ende des Briefes den Hals zugeschnürt, so voll entsetzlichen Erstaunens war ich. Ich blickte auf den Alten, der wie versteinert dastand.

Mehrere Minuten vergingen, ehe wir den ersten Eindruck überwinden konnten.

Endlich brach es im alten Melchior durch.

»Meine Ahnung, meine Ahnung!« rief er. »Also dieses niederträchtige Gesindel will die Wohlfahrt ganz Deutschlands untergraben, damit sein verlottertes Königreich, seine faule Adelswirtschaft zum Unheil der Welt wieder erstehe.«

Ein hohes Gefühl heiliger Verantwortlichkeit kam über mich.

»Dem Himmel sei Dank, daß uns diese giftigen Blätter in die Hände fielen. Aber nun gilt's auch rasch zu handeln. Sofort will ich zum Staatskanzler von Hardenberg eilen, den ich ja in der Nähe von Gitschin finden muß – unterwegs in Prag werde ich zu erforschen suchen, ob Scharnhorst etwa angekommen – und die sauberen Pläne der Gesellschaft werden wie Seifenblasen zerplatzen!«

Mit glänzenden Augen hatte mir der Alte zugehört, jetzt ergriff er meine Hand und drückte sie, während ihm die Tränen über die runzeligen Wangen liefen.

»Gott schütze Sie,« sagte er mit bewegter Stimme; dann aber fuhr er sich mit der Hand über die feuchten Augen und rief:

»Nun aber fort, fort! In wenigen Augenblicken steht mein alter Schimmel gesattelt vor der Türe, machen Sie sich eiligst fertig, jede Minute ist kostbar!«

Er eilte zur Türe hinaus und ich las schnell mit vor Erregung zitternden Händen die Papiere zusammen, um sie wieder in das Kuvert zu stecken.

Noch hatte ich die Blätter nicht alle wieder gesammelt, als ich leichte Schritte im Hausflur vernahm. Sofort erkannte ich sie – wie ein mächtiger, elektrischer Schlag zuckte es mir durch alle Glieder, das Papier knitterte in meinen erstarrten Fingern, das Herz zog sich krampfhaft zusammen – »Valeska! Valeska!« schrie es in mir.

Die Türe öffnete sich und die schöne schlanke Mädchengestalt trat herein. Sie trug ein Körbchen am Arm, das mit frisch gepflücktem Efeu gefüllt war; ihr zartes Gesicht, in dem sich eine heitere Ruhe wiederspiegelte, war von dem Waldspaziergange rosig angehaucht, eine dichte Efeuranke hatte sie sich leicht und anmutig über der Stirn in das braune Haar geflochten: ein bezauberndes Bild bot sie dar.

»Ein Brief ist wohl an meinen Vater –« fragte sie, noch in der Türe, hielt aber erschrocken inne, als sie meine starren Züge und die Papiere erblickte.

Über ihr sonniges Gesicht flog ein trüber Schatten, in ihren großen braunen Äugen leuchtete es auf, das Rot wich von ihren Wangen, einen entsetzlichen Augenblick sahen wir uns schweigend an. Dann atmete sie auf, wie nach einem Starrkrampf.

»Sind das die Schriften, die an meinen Vater abgegeben werden sollten!« brachte sie hervor, kaum ihrer Stimme mächtig.

Sie tat einen wankenden Schritt näher zum Tisch, fuhr sich mit der linken Hand, als ob sie ihre Erregung dämpfen wolle, über die bleiche Stirn und griff mit der Rechten nach den Papieren.

Jetzt aber durchfuhr auch mich wieder neues Leben, schnell steckte ich die letzten Blatter in das Kuvert.

»Sie sind es,« rief ich, »aber sie werden nie in die Hände Ihres Vaters kommen, denn sie wollen mit dem Gifte der Zwietracht und der Bestechung mein Vaterland verderben; sie wollen alle Hoffnungen des deutschen Volkes vernichten; sie wollen Verrat üben an unseren heiligsten Gütern!«

Mit bebender Stimme hatte ich die letzten Worte ausgerufen; mit flammenden Augen hatte mir das Mädchen zugehört. Ihre Brust wogte, ihr Atem jagte, ihr ganzes Wesen war sichtbar bis in's Innerste durchschüttelt.

»Sie werden Briefgeheimnisse zu bewahren wissen!« brach es jetzt aus ihr hervor.

Sie warf das Körbchen beiseite, daß die Efeuranken weit umher flogen, und trat näher.

»Diese Papiere verlangen nur geraubte Rechte zurück, sie wollen weiter nichts, als die Wahrheit beweisen: daß das gierig zerrissene polnische Volk eine gleiche Berechtigung zu seiner Existenz hat, wie andere Völker. Darum fordere ich diese Schriften von Ihnen zurück!«

Ein stolzer, herber Zug lag um ihren schönen Mund. Sie streckte die Hand nach dem Kuvert aus, aber ich wich einen Schritt zurück.

Ein Fieberschauer überfuhr sie. Mir war, als gerönne das Blut in meinen Adern.

»Erkühnen Sie sich nicht, die Privatbriefe zu rauben!« rief sie laut, indem sie ihr Haupt hoch emporrichtete, »Sie laden sonst den Fluch einer ganzen Nation auf sich!« »Und dennoch ist es meine Pflicht, diese gefährlichen Dokumente in die Hände des Staatskanzlers Hardenberg zu liefern!« versetzte ich fest.

Sie zuckte zusammen, die Efeuranke fiel aus dem braunen Haar, die dunkeln Augen blitzten mich an, die zarten, blassen Lippen zogen sich in bitterem Zorn zusammen.

»Mit meinem Leben bezahle ich das Glück meines Vaterlandes!« schrie sie und stürzte auf mich zu, um mir die Blätter zu entreißen. Doch in demselben Augenblicke durchschüttelte sie ein lähmender Krampf; mit den Händen fuhr sie sich nach dem Herzen – sie wankte, sie taumelte einen Schritt zur Seite und sank mit einem dumpfen Schrei zurück.

In höchster Bestürzung war ich hinzu gesprungen und fing sie noch rechtzeitig in meinen Armen auf. Aber ich zitterte noch von der zu mächtigen Erregung an allen Gliedern; ich vermochte darum auch nicht, die Last des auf mir ruhenden Körpers zu tragen und mußte sie leise auf den Boden gleiten lassen. Dann aber sprang ich zum Lehnstuhl des alten Melchior, holte das Rückenkissen und schob es sanft unter das Haupt der Ohnmächtigen. Nun kniete ich neben ihr nieder, erfaßte die willenlose, schlaffe kleine Hand und schaute angstvoll in das bleiche Gesicht. Da tat sie einen tiefen Atemzug und schlug langsam die Augen auf.

»O, mein Gott,« sagte sie leise, während sie sanft ihre Hand aus der meinen zog und die Tränen ihr unter den Augenlidern hervorzuquellen begannen.

Das Herz fing an, mir wieder lebhafter zu schlagen; es wurde mir wunderlich heiß, wie ich sie so begehrenswert vor mir sah. Der ganze bestrickende Zauber ihres holden Wesens schien sie zu umschweben. Und wiederum so hoch, so hehr, so heilig erschien mir ihr Schmerz um ihr verlorenes Vaterland.

Ich wollte aufstehen; ich wollte fort, aber ich vermochte es nicht; wie mit magischer Gewalt schien ich an sie gefesselt zu sein. Mir war, als jagte eine verzehrende Glut durch meine Adern, als müßten meine heißen Augen erblinden, als schnitte ich mir den Lebensnerv entzwei, wendete ich mich ab von dieser Gestalt, die ich so reizvoll noch nie vor mir gesehen. Meine geheimsten Gedanken und Wünsche, die ich bisher scheu zurückgedrängt hatte, durchbebten mich jetzt mit doppelter Macht – und sie, sollte sie von der Glut meines Herzens ganz unberührt geblieben sein – sollte sie vielleicht –

Ich wagte nicht weiter zu denken.

»Valeska!« rief ich, »lassen Sie die Geschicke der Welt, die kein Mädchenarm aufzuhalten vermag, ihren sicheren Gang gehen. Ist die sich vorbereitende Umwälzung erst vorüber, ist nach den Gesetzen der Gerechtigkeit blutig über den Korsen zu Gericht gesessen, kehrt der Friede wieder ein in die deutschen Gaue: dann werden auch Sie und Ihre Heimat dieser Segnungen teilhaftig werden, und auch Ihr Urteil über meine jetzige Handlungsweise muß dann ein anderes sein. Lassen Sie mich die beglückende Aussicht mit in den bitteren Krieg nehmen, daß ich zurückkehren darf zu Ihnen, wenn – –«

»Nein, nein, beim Himmel, nein!« unterbrach sie mich hier, indem sie aufsprang und mich, den erschreckt Auffahrenden, mit lodernden Augen, grausig schön, wie eine zornsprühende Göttin, ansah. »Mein Vater würde Sie niederschießen und ich – nun denn – leider fühl' ich sehr wohl, was Sie berühren – so mögen Sie es wissen: das wild wuchernde Unkraut wird heute aus meinem Herzen gerissen – und mag es darüber – – aber nein, nein,« brach sie ab und stampfte heftig mit dem Fuße auf die Diele, »das befreite Herz, das blind und töricht genug war, wird nur schlagen für die heilige Sache seines unterdrückten Volkes, und feinen glühendsten Haß wird es stets schleudern – –« Sie stockte, einige Augenblicke sah sie starr und sprachlos vor sich hin, die Farbe wich ihr aus dem Gesicht, ihre Augen umschleierten sich.

»Und doch, und doch!« brachte sie mit bebender Stimme hervor und faltete die zitternden Hände. Eine unendliche Wehmut legte sich über die schönen Züge. »O, mein Gott,« schluchzte sie, »was zertrümmern Sie mit diesem Schritt! Wirkungslos, spurlos geht vielleicht Ihre Tat dort draußen vorüber und hier schlägt sie unheilbare Wunden – wie glücklich lebten wir hier – und was hoffte ich alles!«

Noch immer stand ich regungslos. Mit jedem Blicke, mit jedem Worte ward sie reizvoller und sinnbestrickender. Mit ungestümer Macht trieb mir das Herz das Blut zu Kopfe; wie Blitze schossen mir brennende Gedanken durch das fieberhaft aufgewühlte Hirn. Ich mußte zu Melchiors Lehnstuhl treten und mich festhalten.

Plötzlich fühlte ich meine Hände erfaßt, ihre weichen Finger schlangen sich in die meinen – knieend sank sie vor mir nieder und weinte.

Mir schwindelte – »Ein Griff in deine Brusttasche – und sie läge beseligt und beseligend in Deinen Armen!«

In diesem Augenblicke knallte Melchior ungeduldig auf dem Hofe. Da sauste es mir auf einmal im Kopfe, als wirbelten hundert Trommeln, als brüllten tausend Kanonen – meine Trompete blitzte vor mir auf, als könnte ich sie fassen. »O, Gott im Himmel,« schrie es in mir, als wollten mir alle Nerven zerreißen, »führe mich nicht in Versuchung!«

Mit aller Gewalt, mit Aufgebot aller Kräfte brachte ich mich wieder zur Besinnung. Ich war entschlossen. Sanft legte ich ihre Hände auf die Armlehne von Melchiors Stuhl, trat schnell zurück und ergriff die Klinke der Türe. Noch einmal mußte ich zu ihr hinblicken – wie eine Betende am Altar kniete sie da.

»Behüte Sie Gott!« rief ich und stürzte zum Zimmer hinaus.

Auf dem Hausflur mußte ich erst wieder einen Augenblick überlegen, was ich denn eigentlich wollte, so wirr war mir im Kopfe. Dann aber sprang ich zu meinem Stübchen hinauf, raffte meine wenigen Sachen zusammen, hing meine Trompete und mein Waldhorn über den Rücken, warf einen flüchtigen, wehmütigen Blick in den stillen Schloßgarten hinunter, sagte meinen alten Hussiten Lebewohl und jagte die Treppe hinab. Unten dem bereits unwillig harrenden Melchior ein herzlicher Händedruck – einige kurze Worte über Valeska – und dahin sprengte ich durch die vom Hufschlag erdröhnende hohe Wölbung des Schloßtores, hinaus in die friedliche Landschaft.

In wilder Hast durchjagte ich das Dorf und die bekannten Felder, erst nach einer Stunde angestrengtesten Trabes wagte ich aufzuatmen und das Pferd langsamer gehen zu lassen.

Bald darauf nahm mich ein Wald auf. Während ich nun so dahin ritt durch diese erquickende Waldeinsamkeit, ergriff mich die Macht der eben bekämpften Gefühlsregungen aufs neue, eine schmerzvolle Wehmut überkam mich, ich hätte weinen mögen über das plumpe Spiel des Lebens – endlich holte ich meine geliebte Trompete hervor, ein Vers jenes Tieckschen Liedes, das ich damals in den Schloßgarten hinabgeblasen, zog mir durch die Seele, und so blies ich denn in den stillen Wald hinein:

»Doch als ich die Blätter fallen sah,
Da dacht' ich: Ach, der Herbst ist da!
Der Sommergast, die Schwalbe, zieht,
Vielleicht so Lieb' und Sehnsucht flieht.
Weit, weit!
Rasch mit der Zeit!«

Der Hradschin, das Königsschloß der böhmischen Hauptstadt, glänzte bereits im Abendrote, als ich in Prag einritt.

Zu meiner Freude erfuhr ich, wenn auch erst nach längerem Herumfragen, daß Scharnhorst angekommen sei. Bald gelang es mir auch, seine Wohnung aufzufinden, so daß ich bereits Zutritt erhielt, als der Diener eben erst die Kerzen ins Zimmer trug.

Das Herz klopfte mir stürmisch, als ich dem blassen, schwer leidenden Manne gegenübertrat, dessen großartige neue Organisation des preußischen Volksheeres mich stets mit der größten Bewunderung erfüllt hatte, dessen kühne Tapferkeit bei Groß-Görschen selbst das strömende Blut seiner Wunde nicht erschüttern konnte, dessen bange Sorgen um das Vaterland den »verwünschten Riß am Fuße« nicht hatte beachten lassen, der unerschrocken im Wundfieber die weite Reise nach Wien gewagt – und der jetzt, von heimlich schleichender, nichtswürdiger Arglist und unheilvollem Hofschranzentum zurückgedrängt, den Tod im Herzen, hoffnungslos auf einem Feldbett vor mir lag.

Ich trug ihm vor, was mich zu ihm getrieben, erst beklommen, dann wieder lebendiger, und zuletzt wohl ungestüm. Er ließ seine großen blauen Augen still auf mir ruhen, und als ich, über meine Erregung selbst etwas betroffen, geendet hatte, holte er tief Atem. Ich sah, wie ihn der Schmerz erfaßte, wie ihn der Kummer niederdrückte.

Eine kurze Stille trat ein, dann sagte er mit matter Stimme, während er, den Kopf nach vorn gebeugt, mit halbgeschlossenen Augen zur Erde sah:

»Es tut mir unendlich weh, und doch ist es so, der Feldzug im Mai hat es uns bewiesen: auch durch die heldenmütigste Aufopferung ist Preußen allein nicht imstande, das Joch Napoleons abzuschütteln. Österreichs tätige Mitwirkung ist unbedingt notwendig. Aber in welch' schlimmen Händen ist dieses Land! – Wohl ist nicht anzunehmen, daß die kalte Seele des Kaisers Franz durch die junge Verwandtschaft mit Napoleon besonders beeinflußt wird; noch weniger aber ist zu vermuten, daß die Begeisterung Preußens den selbstsüchtigen und kurzsichtigen, zwischen Ehrlichkeit und Falschheit schwankenden Monarchen erwärmt habe. Halb trotzig, halb schwach, gibt er sich in entscheidenden Fällen in die Hände seiner Diplomaten, denen die ›jakobinische Gärung‹, die ›Revolution in Preußen‹, zu wenig einträglich zu sein scheint, und die es darum mit dem Eroberer nicht verderben wollen. Aber durch Ihr kühnes Auftreten,« fuhr er hierauf lauter fort und blickte zu mir auf, »sind uns nun Beweise in die Hand gegeben, mit denen wir das unsaubere Treiben dieser Herren zu entlarven imstande sind. Die Bestechung Metternichs und seines gewissenlosen Genz durch die Polen, die Feinde deutscher Entwicklung, ist eine niederschlagende Schande für deutsche Männer. Durch Ihre Entdeckung ist es uns aber nun möglich, diese bloßgestellten Diplomaten zu zwingen, sich für eine bestimmte Partei zu entscheiden – und diese Entscheidung muß für eine Allianz mit Preußen sein. – Gott segne Sie für Ihre entschlossene Tat!«

Ein tiefer Ernst und doch auch eine hohe Freudigkeit kam über mich. Einen solchen Erfolg meiner einfachen Tat hätte ich nie geahnt. Die Erregung überwältigte mich, die Tränen rannen mir über die Wangen – auf die Kniee sank ich vor dem Bette nieder. Scharnhorst aber legte seine Hand auf meinen Kopf.

Eine weihevolle Stille trat ein; er sagte nichts, aber ich fühlte, wie seine Hand zitterte – und das war mir beredter als alle Worte. Bei allem, was mir heilig, gelobte ich mir, immerdar fest zur Sache des Vaterlandes zu stehen in guten und bösen Tagen – und ich habe es gehalten mein Leben lang. –

Scharnhorst schrieb nun einen Brief an den Staatskanzler Hardenberg nach Ratiborzitz, wo dieser nebst Stein und Humboldt mit Metternich, Genz und Stadion unterhandelten – und die Verhältnisse änderten sich bald. Am 27. Juni unterzeichneten Stadion, Nesselrode und Hardenberg zu Reichenbach den bekannten Vertrag, in welchem sich Österreich verpflichtete, am Kriege gegen Napoleon teilzunehmen, und eine der ersten Bedingungen desselben war die Auflösung des Herzogtums Warschau. Ich aber erhielt wieder von Stein den Auftrag, diese wichtige und freudige Nachricht an Scharnhorst zu überbringen.

Die Kunde von dieser Errungenschaft, für die er sich in aufopferndem Bemühen den Brand in seiner Wunde zugezogen, war sein letzter Trost; noch an demselben Tage meiner Ankunft in Prag, am 28. Juni 1813, verschied er.

Bittere Tränen habe ich damals geweint und beklagt, daß es ihm nicht vergönnt gewesen, das neue Erstehen des Vaterlandes zu erleben. Und doch lag etwas Beneidenswertes in diesem Tode. Zwar nicht die Frucht, aber die Blüte seines stillen Wirkens hatte er in aller Herrlichkeit noch aufgehen sehen – und die vielen Täuschungen der späteren Jahre haben ihm den Frühling deutschen Erwachens nicht verbittert.

Mich trieb es wieder zur Blücherschen Armee; ich ging nach Schlesien und wurde von meinem alten Regimente mit Freuden aufgenommen. Schon nach wenigen Tagen machte ich die Schlacht an der Katzbach mit. Hei, wie wir da den Herren Franzosen die Köpfe gesalbt haben! Nach diesem herrlichen Siege ging es mit Macht vorwärts, bis wir in der Schlacht bei Möckern und dann bei Leipzig dem verhaßten Volke mitsamt seinem Kaiser den Laufpaß gaben.

Für mich sollte der Tag von Leipzig noch eine besondere Bedeutung erhalten. Als ich am Nachmittage des 19. Oktober über den Marktplatz ritt, um mein Regiment, das ich verloren hatte, aufzusuchen, kam plötzlich Blücher auf mich zugesprengt und rief mir entgegen, daß ich ihm wie gefunden käme, denn Depeschen von Metternich seien durch einen sicheren Mann eiligst nach Prag an Genz zu bringen. Ich möge mich auf dem Rathause melden. Dort erhielt ich denn auch einen dickleibigen Brief, mit dem ich eiligst aufbrechen mußte.

Bald trabte ich aus dem betäubenden Lärme des Krieges in die Herbstlandschaft hinein der böhmischen Grenze zu. Munter ging's fort durch Tag und Nacht. Je näher ich Prag kam, desto wunderlicher wurde mir. Beim Ausreiten aus Leipzig war mir gar nicht eingefallen, daß ich schon einmal in und bei Prag gewesen war. Es war so eilig über Hals und Kopf gegangen, und dann hatte der Krieg, der Sieg in diesen Tagen mein ganzes Denken erfüllt. Aber als ich den Lärm hinter mir hatte, stieg mir die Erinnerung an jene Frühlingstage, die dem großen Sturme gegen den Korsen vorangegangen waren, in meiner Seele auf. Je näher ich der böhmischen Grenze kam, desto lebendiger, desto farbenreicher wurden mir alle diese Bilder der Vergangenheit, und als ich endlich eines Morgens weit hinten am Horizonte die Türme Prags auftauchen sah, da quoll mir das Blut mit aller Gewalt aus dem Herzen und ich mußte das Pferd anhalten und aufatmen.

Alles um mich her kam mir nun bekannter und vertrauter vor, mir war, als müsse der Hauch der Morgenluft, der mir das heiße Gesicht kühlte, auch sie umweht haben, als müsse auch sie diesen Weg dahingewandelt sein, ja als habe sogar der Saum ihres Kleides diese letzten Herbstblumen am Wegesrande gestreift. Und dann mußte ich wieder den Kopf schütteln und mich wundern über solche Gedanken. Lag denn das alte Schloß nicht noch mehrere Meilen seitwärts von Prag – und war es überhaupt nicht sehr fraglich, ob seine damaligen Bewohner jetzt noch dort weilten? – Mit solchen Gedanken ritt ich in Prag ein, aber auch der Lärm der Straßen konnte mich in keine andere Stimmung versetzen.

Meine erste Pflicht war es, mich bei dem Hofrat Genz zu melden.

Ich mußte mit meiner wichtigen Nachricht im Vorzimmer fast eine Viertelstunde warten. Drinnen im Zimmer hörte ich lautes Lachen.

»Das ist ja köstlich, süperbe, süperbe,« rief eine laute Stimme, »also auspfänden wollte man Sie, Baron?«

Endlich trat ein Herr in einem eleganten Mantel heraus und schritt vergnügt auf die Straße.

Ich ward nun vorgelassen.

Zwei Männer saßen behaglich an einem Frühstückstische. Der eine von ihnen, in welchem ich Genz wiedererkannte, stand jetzt auf und nahm die Depesche Metternichs in Empfang. Er erbrach schnell das Kuvert und hielt dann einen Augenblick überrascht inne.

»Ah, das lobe ich mir,« sagte er dann mit einer vornehmen Bewegung zu seinem Gesellschafter, »sehen Sie, mein lieber Baron, da können Sie abermals etwas von dem Grafen Metternich lernen. Er hat noch immer von dem reizenden Orange-Parfüm Eau de Portugal, das ihm die Herzogin von Sagan vor seiner Abreise schenkte.«

»Ah bah,« versetzte der andere unwillig, »Sparsamkeit kann man nicht lernen, die ist angeboren!«

Mir wurde es heiß vor Zorn über solch' albernem Geschwätz bei so ernster Sache.

Genz las nun den Brief, dann faltete er ihn wieder zusammen und legte ihn auf den Tisch.

»Nun ja,« begann er dann zu dem Baron gewendet, »das habe ich meiner kapriziösen Freundin Rahel schon vor vier Wochen geschrieben, Napoleons Stern geht unter. Die Verbündeten haben die französischen Heere bei Leipzig vollständig geschlagen.«

»Vollständig geschlagen!« rief der Baron und sprang freudig erregt auf.

»Ja wohl,« versetzte Genz ruhig. »Sie muß das allerdings sehr interessieren, denn Sie haben nun gegründete Hoffnungen, Ihre hessischen Güter wieder zu bekommen und Ihre Schulden los zu werden. Für mich – nun ja, da hat die ganze Sache nur noch ein dramatisches Interesse. Wissen Sie, über die Verliebtheit, mit der ich früher Politik trieb, bin ich längst hinaus. Dann aber – alles was recht ist – bin ich doch sehr zufrieden, daß der Kriegslärm nun bald ein Ende nehmen wird; es ist doch durch ihn manches angenehme Verhältnis ins Stocken geraten – und man wird von jetzt ab auch wieder ungestört seine Saison in Karlsbad haben.«

Ich weiß nicht mehr, was der Baron entgegnete, mir war es schwarz vor den Augen geworden; ein namenloses Entsetzen über diesen nichtswürdigen Egoismus ein Mannes, dem Deutschlands Wohl und Wehe mit anvertraut worden war, hatte mich ergriffen. Aber ich mußte, da ich im Dienste war, still stehen bleiben und warten, bis ich meinen Auftrag erhielt.

»Metternich will schleunige Antwort haben, will meine Meinung über das Schicksal des Königs von Sachsen und die Verfolgung Napoleons wissen,« fuhr Genz fort – »aber ich habe heute mit dem besten Willen keine Zeit.«

Er ging einige Schritte überlegend im Zimmer auf und ab.

»Heute Mittag diniere ich bei der Herzogin von Sagan,« überlegte er sich. »Sie hat neue eingemachte Früchte aus Italien bekommen, ich sage Ihnen, Baron, etwas ganz Exzellentes. Sie schickte mir heute Morgen ein Glas zur Probe – und dann muß ich notwendigerweise unserer reizenden, schwarzäugigen Komtesse in der Leopoldstadt noch mit einigen Zeilen zu ihrem Geburtstage gratulieren, sonst wird mir das kleine reizende Geschöpf – – doch halt,« unterbrach er sich hier, »diesen Brief kann ich auch jetzt noch schreiben. Sie entschuldigen mich wohl, liebster Baron. – Heute nachmittag um 5 Uhr ist die Depesche an seine Exzellenz, den Herrn Grafen von Metternich abzuholen,« sagte er zu mir in kaltem Befehlstone.

Ich machte kehrt. Gleich darauf stand ich draußen auf der Straße, aber ich zitterte am ganzen Leibe vor grimmiger Aufregung.

»Ist es möglich,« rief es in mir, »kann ein Deutscher so reden? Wäre er nicht wert, mit Schimpf und Schande von seinem Vaterlande ausgestoßen zu werden?«

Ich bestieg nun wieder mein Pferd und ritt langsam in Gedanken dahin. Plötzlich befand ich mich dem Gasthause gegenüber, in welchem ich damals den Schimmel des alten Melchior eingestellt hatte. Dies Wiedersehen erfreute mich. Ich stieg ab, nahm einen Morgenimbiß und erkundigte mich nach dem alten Melchior. Doch man wußte nichts von ihm. Er sei noch nicht wieder hier gewesen, hieß es. Auch nach den polnischen Emigranten forschte ich. »Ach,« meinte man da, »in diesem Herbste ist hier viel anders geworden; eine Masse Fremde sind abgezogen, auch von den Polen merkt man nichts mehr.«

Mir ward recht wehmütig nach diesen vergeblichen Fragen zumute. Ich hatte es mir nur nicht gestehen wollen, jetzt fühlte ich es aber: ich hatte doch gehofft, irgendetwas aus jenen Tagen zu erfahren – und nun war alles spurlos hinweggeweht.

Ich wollte mich auf andere Gedanken bringen und stand daher auf, um mir die alte Stadt wieder etwas anzusehen.


 << zurück weiter >>