Ludwig Salomon
Die Blüchertrompete
Ludwig Salomon

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Man hat mir bisweilen den Vorwurf gemacht, daß ich eine weit größere Neigung für die Insekten hege, als für meine nächsten Verwandten. Das ist eine Übertreibung, der ich mit Entschiedenheit entgegentreten muß, und dennoch scheint es, als spräche ich die Unwahrheit, wenn ich zugebe, daß ich erst kürzlich wieder muntere, liebe Gesellschaft verließ und hinwegzog – den Insekten nach. In der Tat hätte man da meinen können, es gingen mir die Kerbtiere, präziser gesagt die Insecta hexapoda, über alles, als wäre es mir ganz gleichgiltig gewesen, daß schöne Augen mir tränenumflort und nicht ohne Groll nachschauten.

Wir hatten von Göttingen aus, den prächtigen September, den schönsten Reisemonat für den Harz, benutzend, eine fröhliche Gebirgsreise unternommen, einige Studienfreunde von mir, die eben erst den schweren Feldzug von 1870 bis 1871 überstanden hatten, deren Schwestern, eine meiner Tanten und ich.

Von vornherein hatte ich zur allgemeinen Kenntnis gebracht, daß ich noch zu meiner wissenschaftlichen Arbeit über jene Insektengattung, die mir Gelehrte »Diptera« nennen, einen Streifzug durch die norddeutsche Ebene unternehmen müsse (wollte ich nicht noch länger kümmerlicher Privatdozent bleiben, hatte ich mir im stillen ergänzt). Man hatte das aber nicht so recht ernst genommen, und als ich auf dem Brocken, trotz aller Überredungskünste, bald nach dem Sonnenaufgang Abschied nahm, da mußte ich doch sehen, daß man mir das Festhalten an meinem Wort übel nahm. Aber die, der damals das Weinen am nächsten war, die ist jetzt sehr damit zufrieden, daß ich damals ging, trotzdem ihr – es hilft alles nichts, ich muß es doch sagen – noch heute das rechte Verständnis für eine Wissenschaft fehlt, die schon mit Aristoteles beginnt. –

Ich stolperte nicht ganz so behaglich, wie ich mir wohl den Anschein gab, den alten Hexenberg nordwärts hinab. Bald saß ich im sausenden Eisenbahnwagen; Dörfer und Städte flogen an mir vorüber, und ehe ich es mir versah, war ich in Ülzen angekommen, der kleinen Station, von der aus ich hineindringen wollte in die Lüneburger Heide.

Nach einer Nachtruhe in dem kleinen, stillen Städtchen trat ich am andern Morgen meine Wanderung an. Anfangs führte der Weg durch einen kleinen Kiefernwald, dann lichtete er sich, einige Birken standen noch hie und da am Raine, nach und nach wurde es immer stiller um mich, der Weg verlor sich unter Riedgras und Heidekraut, und hinein schritt ich in die öde Steppe.

Die einförmige Umgebung zog mich nicht an, ich war daher bald wieder mit allen meinen Gedanken in dem eben verlassenen romantischen Harz, in dem Kreise der heiteren Gesellschaft. Große blaue Augen sah ich mir entgegenglänzen, fröhliches Gelächter und leise Schmeichelworte klangen mir im Ohr – und immer weiter wanderte ich in die Heide hinein. Die Sonne stand fast über mir, als ich endlich wieder an meine Insekten dachte.

Langsamer schritt ich noch einen kleinen sandigen Hügel hinan und stand erschöpft still. Verwundert schaute ich mich um. Kein Baum, kein Strauch, kein Dorf, keine Kirchturmspitze war zu erblicken. Bis rings an den Horizont schweifte das Auge ohne Ruhepunkt über eine schier endlos ausgebreitete, von einem leichten blauen Duft überzogene Ebene. Weite Strecken waren mit Erika überdeckt, deren lilafarbene Blüten der Landschaft eine weich-melancholische Stimmung verliehen, die ganz mit der schwermütigen, lautlosen Stille harmonierte, deren unsichtbarer Schleier über die traumumfangene Steppe gebreitet war.

Mir ward es unheimlich zumute in der bedrückenden Leere – da griff ich schnell nach dem mitgenommenen Bande von Burmeisters Entomologie und vertiefte mich in die entsetzliche Klasse der Diptera. Nach kurzer Information drangen dann meine Blicke in das verfilzte Heidekraut, das, jetzt bemerkte ich es erst, mit seinen tausenden von zarten Blütenglöckchen in dieser erstaunlichen Üppigkeit einen entzückenden Anblick gewährte.

Vorsichtig bog ich, so gut es ging, die Zweige des Heidekrautes auseinander und wäre nun vor Erstaunen beinahe zurückgeprallt. Zu meiner höchsten Überraschung schaute ich da unten zwischen den Zweigen und halb offen liegenden Wurzeln ein reiches, buntes Leben und Treiben, wie es mir in dieser Fülle noch nie vorgekommen war. Da trieben sich Käfer aus allen Familien herum; da krochen Coleoptera, Hymenoptera und Neuroptera; da hakten die seltensten Erdspinnen um die braunen Erikazweige; da krabbelte und wimmelte es von prächtigen Exemplaren, daß ich hätte aufjauchzen mögen vor Freude. Schnell hatte ich meine Insektennadeln zur Hand, vorsichtig kniete ich nieder und legte mich auf die Lauer.

Ich brauchte auch nicht lange zu warten, so kam schon ein langbeiniger Gevatter, den ich in der Umgegend von Göttingen seit Jahren vergeblich gesucht hatte, ein Kerl mit so wunderbar gegliederten Kauplatten, mit so charakteristisch entwickelter mandibula, daß jedes Naturalienkabinett damit Staat machen konnte. Er mochte sich sehr wundern, als ich ihn kunstgerecht aufspießte und ihm mit etwas Schwefeläther das Lebenslicht ausblies. Kaum hatte ich Zeit, die erste Eroberung in die Schachtel zu stecken, so marschierte schon ein anderer Gesell daher, ein Prachtexemplar seiner Art, unbesorgt um den spitzen Stahl, der ihm gleich darauf tückisch zwischen den Flügeln in den goldglänzenden Brustkasten drang. Nun zog ein Trupp Ameisen heran, der verscheuchte und verdrängte mir alles. Abscheuliche Gesellschaft, diese Ameisen!

Ich stand auf und ging einige Schritte weiter. Mir war es, als hätte die ganze Öde auf einmal Leben bekommen. Bienen summten geschäftig an mir vorüber und hingen sich in die Blütenkelche des Heidekrautes, schwerfällige schwarze Hummeln brummten hin und her, eine goldgrüne Eidechse schlüpfte mir über den Fuß und eine Feldmaus rasselte erschrocken durch das dürre Ried. Ich befand mich in der Tat in der amüsantesten Gesellschaft.

Ich legte mich wieder nieder und begann meine Jagden aufs neue. Und es drängte sich eine Überraschung auf die andere. Ein Schächtelchen nach dem andern füllte sich mit Beute, so daß ich in der Hitze des Gefechtes und in der hellen Freude, meine Insektensammlung so prächtig bereichern zu können, die Stunden vergaß, die mir pfeilschnell dahin schossen.

Erschöpft von der stetig gebückten Haltung und der drückenden Schwüle richtete ich mich endlich auf und bemerkte nun verwundert, daß die Sonne bereits nahe am Horizonte stand. Ich blickte rings umher, mir war es, als wäre ich von einem Traume erwacht. Meine Augen schweiften über das weite, kahle Land; ich lauschte auf einen Laut – alles war still, totenstill. Die ganze Heide erschien mir nun wieder so öde und verlassen, wie am Morgen – und ich stand mitten in dieser Wüste ganz allein!

Ein Grauen überfiel mich. Ich forschte am Horizonte; von woher war ich doch gekommen! Die Sonne sank tiefer, ein gelbes flimmerndes Licht legte sich weithin um den Horizont, hinter welchem die rote Scheibe zu verschwinden begann. Ein dunstiges fahles Halblicht breitete sich leise über die düstere braune Wüste.

Mir wurde es bang ums Herz. Ich hatte zu lange auf der Erde gelegen; wie sollte ich nun den Rückweg finden. Ich horchte mit erneuter Anstrengung auf – alles still – totenstill – kein Laut in dieser entsetzlichen Einsamkeit.

Eine Todesschwermut beschleicht mich. Das Licht der scheidenden Sonne wird röter und röter – noch immer stehe ich ratlos da. Der Purpur des Abendrots strahlt mir ins Gesicht, die weite leere Fläche hüllt sich leise und mit entsetzlicher Ruhe in das Nachtgewand.

Ich setze einige unsichere Schritte vorwärts, denn ich bin ganz ungewiß, ob ich in dieser Richtung nach Ülzen zurückkomme. Da plötzlich fahre ich zusammen, ich höre ein leises Rauschen. Schreiten Gespenster über die Ebene, oder wollen mich Unholde necken? Wollen Macbeths Hexen auch mir einen Schicksalsspruch zurufen? Und es rauscht lauter, ich schaue mich vergeblich nach der Ursache um – auf einmal krächzt es laut über mir, daß es weit über die Ebene schallt – hoch über meinem Haupte fliegt ein Kranichzug in das verlöschende Abendrot hinein. Er zieht schnell, als flöhe er die traurige Öde, und bald ist er in der Dämmerung verschwunden.

Wieder ist alles still; Himmel und Erde sind am Horizonte ineinander zu grauem Nebel verschwommen, und ich stehe noch immer zaghaft, ohne zu wissen wohin.

Aber das kann mich nicht retten, also vorwärts.

Der Marsch durch das struppige Heidekraut ist sehr beschwerlich; oft bleibt der müde Fuß in den Zweigen hängen. Immer matter und hoffnungsloser werde ich; schon will ich erschöpft niedersinken, da sehe ich ein Gehölz aus dem Dunkel auftauchen. Muß ich einmal im Freien übernachten, so wird es doch am besten im Walde sein, überlege ich und mache eine letzte Kraftanstrengung.

Hoch auf atme ich, als ich aus dem heißen Heidedunst in die frischere Waldluft trete. Schon schaue ich mich mit Galgenhumor lächelnd nach einem bequemen gastfreundlichen Strauche um, als mir ein Schreck durch alle Glieder fährt. Der Stock entfällt mir; zitternd muß ich mich an einem Baume festhalten. Was ist das für ein Spuk? Bin ich denn nicht in der Lüneburger Heide, sitze ich denn an lustiger Kneiptafel im Burgkeller zu Jena, oder in Lichtenhain: ein Waldhorn erschallte plötzlich in der Totenstille! Mit wunderbar sanftem Tone klang das prächtige Lied durch die Nacht:

»Stoßt an, Jena soll leben! Hurrah hoch!
Die Philister sind uns gewogen meist,
Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt;
Frei ist der Bursch!
Frei ist der Bursch!«

Schnell hatte ich mich von meiner Betäubung erholt:

»Frei ist der Bursch!
Frei ist der Bursch!«

sang ich aus voller Kehle. Zugleich schritt ich schnell der Stelle zu, von woher die rätselhafte Musik kam.

Ich trat auf eine kleine Waldlichtung, in der sich mir, so viel ich in der Dunkelheit erkennen konnte, ein Häuschen darbot, vor welchem auf einer Bank ein Mann saß, der, gewiß ebenfalls überrascht von meinem Gesange, das Waldhorn auf die Kniee gesetzt hatte und dem unerwarteten Ankömmlinge entgegenschaute.

Jetzt hatte ich wieder Mut. Ich grüßte freundlich, klagte mein Leid, daß ich mich nicht nach Ülzen zurückfinden könne und bat schließlich, mir den Weg nach dem Städtchen, das wohl nicht mehr weit entfernt sei, zu zeigen. Der Mann hatte ruhig zugehört; dann nahm er eine kurze Pfeife, die neben ihm auf der Bank stand, tat einige starke Züge, daß ich den weißen Qualm in dem matten Sternenlichte sehen konnte – endlich hub er an:

»Da sind Sie allerdings sehr falsch gegangen. Das Nest ist von hier aus kaum in sechs Stunden zu erreichen; ich biete Ihnen darum meine Hütte zum Übernachten an.«

Was war da zu besinnen? Erfreut nahm ich das Anerbieten an.

Der Mann stand auf.

»Seien Sie denn willkommen!« sagte er und reichte mir seine harte Hand.

Dann schritt er in das kleine Häuschen und ich folgte ihm.

In der Stube im Kamin glommen noch einige Holzstücke, er hielt einen Kienspan daran, der gleich knisternd zu brennen begann und das Gesicht meines Retters mit seinem flackernden Lichte erleuchtete.

Verwundert bemerkte ich jetzt, daß der Mann bereits im hohen Greisenalter stand. Sein Haar, selbst der starke Schnurrbart, waren vollständig weiß; trotzdem machten die Gesichtszüge noch den Eindruck des Straffen, Energischen, was sich besonders in den Augenbrauen zeigte, die fest zusammengezogen waren und darum auch auf der Stirn einige Falten hervorbrachten. Überhaupt hatte der ganze Körper dem Alter getrotzt; die ganze Haltung des Mannes zeigte noch eine auf solcher Lebensstufe nicht gewöhnliche Kraftfülle.

»Machen Sie sich's auf meinen Holzstühlen bequem,« begann jetzt der Alte wieder, »non quam late, sed quam laete habites, refert.« Verwundert horchte ich bei diesem alten lateinischen Sprichwort auf; ruhig fuhr jedoch der Greis fort: »Ich werde sehen, was ich Ihnen zu essen beschaffen kann.«

Dabei steckte er den Kienspan in eine Klammer, die an einem Pfahle angebracht war, der mitten im Zimmer sich aus dem Estrichboden ungefähr vier Fuß hoch erhob, und schritt hinaus.

Müdigkeit und Hunger plagten mich allerdings, ich setzte mich daher vorläufig und schaute mich in dem düsteren Stübchen um.

Es war ein kleiner Raum, der schmucklos mit Tannenbrettern ausgeschlagen war, die bereits durch die Länge ihrer Dienstzeit eine tief-dunkelbraune Farbe angenommen hatten. Neben dem Kamin machte sich ein grüner Kachelofen breit, um den eine Bank lief, weiter im Winkel stand ein Bett, das mit dem Tisch, an dem ich saß, und den drei Stühlen das ganze Möblement ausmachte. Als einziger Zierat hing an der Wand zwischen den beiden Fenstern ein Bild des alten Blücher, darüber ein Säbel, wie er vor fünfzig Jahren in der Armee gebraucht wurde, und an einer dicken Schnur eine Trompete, doch in sonderbarem Zustande, in der Mitte eingeknickt und am Rande stark verbogen. In der Ecke neben der Türe, dem Ofen gegenüber, befand sich noch, ungefähr in Manneshöhe, ein Eckbrett eingenagelt, auf dem vorn am Rande ein dickbäuchiger, fast wie eine Gießkanne geformter Topf und neben diesem mehrere kleine Kästchen mit Deckeln aus Drahtgeflecht, wie man sie zum Gefängnis für Bienen-Königinnen verwendet, standen. Dahinter lagen einige Bündelchen Wacholder und Melissenkraut, die Lieblingsflanzen der Bienen, und ganz im Winkel lugten zwei Bücher und eine kleine Handspritze aus den dürren Kräutern hervor.

Ich konnte es, trotz meiner Ermüdung, nicht unterlassen – die Neugier plagte mich – ich mußte nachsehen, was das für Werke wären, die sich in diese Wildnis verlaufen hatten. Überrascht las ich: »Ho meri opera« und »Taciti annales«. Wer mochte diese Heldengedichte des alten Vaters Homer und dieses Geschichtswerk des berühmten römischen Historikers einmal hier liegen gelassen haben?

Es war mir angenehm, daß mich der Alte nicht lange auf eine Erquickung warten ließ. Bald trat er mit einem tiefen Teller Milch, einem Stücke schwarzen Brotes und einer reichlichen Portion Rauchfleisch ein.

»Das ist Alles, was ich bieten kann,« sagte er.

Ich begrüßte jedoch die Speisen mit Freuden und machte mich eilig daran, mich zu stärken.

Unterdessen bemerkte mir mein Wirt, daß ich in jenem Bette übernachten werde. Ein Federbett besitze er nicht, es sei nur eine Schafpelzdecke vorhanden, mit der ich fürlieb nehmen möge.

Nach genossenem Mahle erhob ich mich und merkte nun erst, wie erschöpft und steif ich geworden; ich machte daher sogleich von dem Anerbieten Gebrauch. Der Alte nahm den erleuchtenden Kienspan aus der Gabel und warf ihn in den Kamin, wünschte mir eine gute Nacht und ging mit dem leeren Teller zur Türe hinaus.

Schon nach wenigen Minuten lag ich in tiefem Schlafe.


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