Autorenseite

 << zurück 

Initial Es tagte schon, die ganze Welt hatte sich mit einem bläulichen Mehltau bedeckt, wie eine reife Pflaume, als Anna vor den Borynahof vorgefahren kam, der noch ganz schlafbefangen dalag; auf das scharfe Rollen des Wagens hin kamen die Kinder mit Geschrei herausgestürzt, und Waupa begann freudig zu bellen und die Pferde anzuspringen.

»Und wo ist denn Antek?« rief Fine, die, in der Tür stehend, sich den Beiderwandrock über den Kopf stülpte.

»In drei Tagen lassen sie ihn erst frei, er kommt ganz sicher,« antwortete sie gelassen, die Kinder küssend und die mitgebrachten Brezelchen unter sie verteilend.

Witek kam auch aus dem Stall gelaufen und hinter ihm drein das Füllen, das sich bebend an die Stute drängte. Pjetrek zog die Einkäufe aus dem Korbwagen hervor.

»Mähen sie denn schon?« fragte Anna, gleich an der Haustür niedersitzend, um dem Jüngsten die Brust zu geben.

Fünf Mann haben gestern mittag angefangen: der Philipp, der Raphus und der Kobus sind abarbeiten gekommen; den Adam von Klemb und den Mathias haben wir zugemietet.«

»Mathias Täubich, sieh mal an! ...«

»Jawohl, mir war es auch recht verwunderlich, aber er selbst wollte es so; er hat gesagt, daß er sich keinen Buckel holen will von der ewigen Zimmermeisterarbeit, darum wollte er sich das Rückgrat beim Mähen gerade recken.«

Jagna öffnete die Fenster auf ihrer Seite und sah hinaus.

»Schlafen der Vater noch?«

»Im Obstgarten liegt er, ich hab' ihn nicht hereingeholt für die Nacht, denn in der Stube ist es so heiß.«

»Wie geht es denn der Mutter?«

»Ganz wie vorher, vielleicht selbst ein bißchen besser, Ambrosius kuriert sie; gestern war auch der Schäfer aus Wola da, der hat sie beräuchert, hat ihr eine Salbe gegeben und hat gesagt, daß sie in neun Wochen wieder gesund sein wird, nur soll sie ihre Augen vor dem Tageslicht hüten.«

»Das ist wohl das beste für Verbrühung!« sagte Anna und fing an, das Kind noch an der Brust haltend, eifrig über die Neuigkeiten vom vergangenen Tage auszufragen; das dauerte aber nicht lange, denn es wurde schon vollends Tag, das Morgenrot erglühte am Himmel und begann in allen Farben zu spielen, der Tau tropfte von den Bäumen, die Vögel zwitscherten auf in ihren Nestern, und vom Dorf klang schon hier und da das Blöken der Schafe und das Brüllen der Viehherden, die auf die Weide getrieben wurden; man hörte auch von irgendwo eine Sense dengeln, so daß das leise scharfe Klirren hell durch die Luft klang.

Anna lief, kaum daß sie die Reisekleider abgetan hatte, nach Boryna; er lag mit einem Federbett zugedeckt in seinem Korbwagen unter den Bäumen und schlief.

»Wißt ihr!« flüsterte sie, ihn beim Arm zerrend, »in drei Tagen kommt Antek heim. Sie haben ihn nach dem Gouvernementsgefängnis gebracht. Rochus ist ihm mit Geld nachgefahren, wird dort die Bürgschaft hinterlegen, und sie kommen dann beide hierher.

Der Alte richtete sich plötzlich auf und rieb sich die Augen, es schien, als ob er hinhorchte, bald aber sank er wieder in die Kissen zurück; und nachdem er sein Federbett über den Kopf gezogen hatte, war er allem Anschein nach eingeschlafen.

Man konnte sich nicht mit ihm verständigen. Gerade um diese Zeit traten die Mäher in den Heckenweg.

»Bei den Kohlfeldern haben wir gestern die Wiese abgemäht,« erklärte Philipp.

»Dann geht's heute hinter den Fluß nach der Grenze zu, Fine wird es euch schon zeigen.«

»Ist das die in der Entenkuhle, das ist ein feines Stück.«

»Und das Gras geht einem da bis über den Gurt, dicht wie ein Wald ist es, da kann sich das Gras von gestern nicht bei sehen lassen.«

»War es denn so schlecht?«

»Versteht sich, fast ganz ausgedörrt, es war als hätte man eine Bürste zu mähen.«

»Wenn der Tau abtrocknet, dann könnte man heute das Heu etwas umwenden.«

Sie gingen weiter; und Mathias, der etwas lange seine Zigarette bei der Jaguscha angezündet hatte, folgte als letzter nach und sah sich noch immerzu gierig um, wie ein Kater, den man von der Milchschüssel weggejagt hatte.

Auch aus den anderen Häusern zogen die Mäher zahlreich ins Feld.

Die Sonne war gerade erst heraufgekommen, groß und rot erschien sie am Himmelsrand, und der Tag schickte sich an, heiß zu werden.

Die Mäher gingen im Gänseschritt hinter Fine her, die eine lange Stange trug; einige murmelten noch ihre Morgengebete, die anderen reckten ihre Glieder und rieben sich den Schlaf aus den Augen, und hin und wieder sprach einer ein Wort; sie bogen hinter der Mühle ab. Auf den Wiesen lagen dicht über der Erde dünne Nebelstreifen, Erleninseln waren wie Rauchgebilde darüber ausgestreut, und durch seinen bläulichen Flor blitzte hin und wieder der Fluß auf, die betauten Gräser standen gebeugt da, Kiebitze klagten irgendwo, und vom glühenden Osten kam es wie ein Duft von feuchten Blüten.

Fine brachte sie bis an den Grenzrain, maß die väterliche Wiese ab, und nachdem sie auf der Grenze die Stange aufgesteckt hatte, rannte sie zurück.

Sie warfen ihre Spenzer ab, krempten die Hosen bis an die Knie hoch und stellten sich nebeneinander auf, dann stemmten sie ihre Sensenstöcke gegen den Boden und begannen mit den Wetzsteinen über die Sensen zu streichen.

»Üppiges Gras, der reine Pelz, manch einer wird dabei ordentlich schwitzen müssen,« sagte Mathias, sich als erster in der Reihe aufstellend und die Sense zur Probe schwingend.

»Hoch und dicht, na, die werden hier schön Heu ernten können!« sagte der zweite, sich neben ihm aufpflanzend.

»Wenn sie es nur trocken einkriegen,« sagte der dritte, und sah zum Himmel empor.

»Geht der Bauer seine Wiese mähn, kann jedwedes Weib Regen erflehn!« lachte der vierte.

»Das war so in anderen Jahren, aber nicht in diesem! Los, Mathias!«

Sie bekreuzigten sich. Mathias zog seinen Gurt fester, spreizte die Beine, beugte die Schultern vor, spuckte in die Hände, holte tief Atem und ließ in einem breiten Schwung seine Sense sausen, Schwaden neben Schwaden legend; und hintennach folgten die anderen, etwas in schräger Linie zurückbleibend, um einander nicht die Beine zu verletzen; sie taten dasselbe und fraßen sich jeder für sich in die nebelumflorte Wiese ein, mit einem gleichmäßigen und ebenen Schwung der Sensen das Gras niederstreckend; die kalten Schneiden fuhren aufblitzend durch die Luft, und die Gräser sanken schwer nieder, sie mit Tau wie mit Tränen benetzend.

Ein Lüftlein hatte begonnen, über das Gras hinzustreichen, die Kiebitze schrien immer klagender über ihnen, manchmal flogen Rebhühner unter ihren Füßen auf; sie aber mähten unermüdlich, sich von rechts nach links wiegend, und nahmen von der Wiese Zoll für Zoll Besitz; nur hin und wieder blieb einer stehen, um die Sense zu dengeln oder sein Rückgrat gerade zu recken, und wieder mähte er eifrig drauflos, immer längere Schwaden hinter sich lassend.

Ehe sich die Sonne über das Dorf erhoben hatte, ächzten schon alle Wiesen unter den Sensen, überall mähte man, überall blitzte der bläuliche Stahl, erklang aufknirschendes Dengeln, und von überall stieg ein starker Duft von welkenden Gräsern empor.

Das Wetter war wie abgepaßt für eine Heuernte, denn obgleich eine alte Regel sagt: »Fang' nur an, das Heu zu mähen und gleich wird Regen niedergehen!« war in diesem Jahr alles wie umgewechselt. Anstatt der Regenfälle kam Dürre.

Die Tage standen ganz in Tau gebadet auf und waren doch glühend heiß wie ein Fieberkranker und legten sich glutatmend in den Schoß der Abende, die Bäche und Brunnen fingen schon an auszutrocknen, und das Getreide wurde gelb, die Knollenfrüchte dorrten; Ungeziefer war über die Obstgärten gekommen, die Frucht fiel von den Bäumen, die Kühe verloren die Milch, da sie hungrig von den sonnenverbrannten Weideplätzen heimkehrten; und im Weidewald erlaubte der Gutsherr nur denen zu weiden, die fünf Rubel Weiderecht für jedes Stück Vieh bezahlt hatten.

Natürlich konnten nicht alle so viel bares Geld hinschmeißen.

Aber auch ohnedem wurde die Vorerntezeit eine immer schwerere, besonders für die Kätner und für das andere arme Volk.

Man rechnete darauf, daß zu Johanni Regenfälle kommen würden und daß sich dann in den Feldern alles aufbessern sollte, man hatte selbst daraufhin eine Messe lesen lassen, was jedoch nichts helfen wollte, denn die Dürre dauerte an.

Manch einer hatte nichts mehr, in die Töpfe zu tun; dafür gab es keinen Mangel weder an Zänkereien noch an Unfrieden und Klagen. Vielleicht niemals, so weit auch die Ältesten zurückdenken konnten, gab es in Lipce so viele Gerichtsfälle; man sorgte sich um den Prozeß wegen des Waldes, die verschiedenen Streiche des Schulzen waren der Anlaß zu allerhand Zänkereien, dann hatte man auch den Streit der Dominikbäuerin mit ihrem Sohne, die Deutschen, zuletzt auch noch lauter kleinere Sachen, nachbarliche Streitigkeiten und dergleichen; es gab so viel davon, daß man fast die eigene Not vergaß und in einem ständigen Klatsch und Gezänk lebte wie in einem brodelnden Kessel.

Es war auch kein Wunder, daß die Menschen aufatmeten, als die Heuernte kam; das ärmere Volk hatte sich bald über die Herrenhöfe zerstreut, um Erwerb zu suchen; und die Hofbauern griffen, ohne sich viel um Neuigkeiten zu kümmern, freudig zu den Sensen.

Nur die Deutschen hatte man nicht vergessen, denn alltäglich rannte einer nach der Waldmeierei, um auszukundschaften, was sie dort machten.

Sie saßen noch immer da, hatten aber aufgehört den Brunnen zu graben und Steine für die Fundamente zusammenzufahren; und eines Tags sagte der Schmied, die Deutschen hätten den Gutsherrn wegen des Geldes und Lipce wegen Ruhestörung verklagt.

Man lachte weidlich darüber.

Gerade heute, während des Mittagessens auf den Wiesen erzählte man davon recht ausführlich.

Es war ein heißer Mittag gekommen; die bis zur Weißglut erhitzte Sonne stand gerade über den Häuptern, der in einen weißlichen Dunst gehüllte Himmel wölbte sich tief über der Erde, die Glut strömte wie aus einem gewaltigen Ofen, nicht der leiseste Windzug war zu spüren; die Blüten hingen wie welk herab die Vögel schwiegen, und alle Dinge warfen magere und kurze Schatten, ohne imstande zu sein, gegen die Glut zu schützen; es war drückend schwül, nur von den Schwaden kam der scharfe, frische Duft der verwelkenden Gräser; die Getreidefelder, die Gärten und die Häuser waren von einem grellen Licht umflossen/es war als ob alles in der heißen flimmernden Luft zu schmelzen begonnen hätte, und selbst der Fluß rann träger und stiller dahin. Über den gleißenden Gewässern lag ein feiner Glast, das Wasser war so durchsichtig, daß man jeden Gründling unter der wie faserig gestreiften Oberfläche sehen konnte, daß jeder Kieselstein auf dem sandigen Grund und jeder im durchleuchteten Schatten der Uferbucht wühlende Krebs klar zu sehen war. Stille spann sich über der Erde in einem sonnigen einschläfernden Gespinst dahin, und nur die Fliegen summten noch um die Menschen herum.

Die Mäher saßen dicht am Fluß im Schatten einiger hochgewachsener Erlen und löffelten aus ihren Zweierkrügen das Mittagessen. Dem Mathias hatte Nastuscha seins gebracht, während Anna und Gusche den Tagelöhnern das Essen hergetragen hatten; sie setzten sich zu den Männern ins Gras mitten in den Sonnenschein, zogen die Kopftücher tiefer ins Gesicht und hörten neugierig zu.

»Ich habe es von Anfang an immerzu gesagt, daß die Deutschen, wenn nicht heute, dann morgen abziehen müssen!« sagte Mathias, seinen Topf auskratzend.

»Der Pfarrer meint dasselbe!« pflichtete ihm Anna bei.

»Und es wird zuletzt so kommen, wie es dem Gutsherrn paßt,« knurrte der Kobus bissig und streckte sich unter einem Baum lang aus.

»Wie ist mir bloß, die sind ja vor eurem Geschrei nicht mal davongelaufen/haben sie denn gar keine Angst gekriegt?« warf Gusche auf ihre Art ein, worauf sich einer von den Männern vernehmen ließ:

»Der Schmied hat gestern gesagt, daß der Gutsherr sich mit uns einigen wird.«

»Es nimmt mich nur wunder, daß der Michael jetzt zum Dorf hält.«

»Er riecht da einen guten Braten für sich,« zischte die Alte hervor.

»Auch der Müller soll sich beim Gutsherrn für das Dorf verwendet haben.«

»Alle sind sie jetzt für uns, so'n Wohltäterpack!« sagte Mathias. »Ich will es euch sagen, warum sie zu uns halten: dem Schmied hat der Gutsherr gut was in die Hand versprochen, wenn er das macht, daß Lipce sich mit ihm einigt, und der Müller hat Angst gekriegt, daß die Deutschen auf dem Hügel beim Kreuz eine Windmühle bauen; der Jankel hilft auch dem Volk, weil er fürchtet, daß man ihm die Haut über die Ohren zieht; er weiß gut, daß von den Deutschen kein Jude leben kann.«

»Dann muß auch der Gutsherr vor den Bauern Angst gekriegt haben, wenn er Frieden machen will.«

»Ihr habt's geraten, Mutter, der hat die größte Angst, das will ich euch gleich auseinandersetzen ...« Doch mitten im Reden unterbrach sich Mathias, denn vom Dorf her sah man den Witek rennen.

»Bäuerin, kommt doch schnell!« schrie er schon von weitem.

»Was ist denn geschehen? Brennt es, oder was?« Sie war angstvoll aufgesprungen.

»Das ist ... der Hofbauer schreien so!...«

Sie rannte davon, ohne begriffen zu haben, was geschehen war.

Matheus war schon von frühem Morgen an seltsam gewesen, hatte vor sich hingequäst und in einem fort irgend etwas gemurmelt, wollte sich immerzu auf seinem Lager aufrichten und suchte etwas um sich, so daß Anna, als sie nach den Wiesen ging, der Fine befohlen hatte, auf ihn mehr Obacht zu geben. Diese sah denn auch öfters nach ihm; doch er lag ganz ruhig da. Erst während des Mittagessens hatte er plötzlich angefangen, immerzu zu schreien.

Als Anna angerannt kam, saß er auf dem Rand seines Wagens und rief:

»Wo habt ihr meine Stiefel hingetan! Rasch her damit.«

»Gleich wird man sie aus der Kammer bringen, gleich,« beruhigte sie ihn erschrocken, denn er rollte drohend die Augen und schien ihr ganz bei Bewußtsein.

»Ich hab' die Zeit verschlafen,« er gähnte breit auf. »Es ist schon heller Tag, und ihr schlaft hier noch. Laß Jakob die Eggen bereiten, wir wollen zum Säen ausfahren,« befahl er.

Sie standen um ihn, ohne zu wissen, was sie tun sollten, denn plötzlich beugte er sich vornüber und schien zusammenbrechen zu wollen.

»Hab' keine Angst, Hanusch ... ich bin nur schwach geworden ... Der Antek ist im Feld, was? Im Feld?« wiederholte er, als sie ihn wieder auf dem Federbett zurechtgelegt hatten.

»Jawohl ... vom frühen Morgen an ...« stotterte sie aus Angst, ihm zu widersprechen.

Er sah sich scharf um und redete in einem fort; aber immer wieder entfuhren ihm zwischen einigen klar gesprochenen Worten unvernünftige Reden, er versuchte immer wieder aufzustehen, wollte sich ankleiden und rief abermals nach seinen Stiefeln; dann griff er sich an den Kopf und stöhnte so furchtbar, daß es auf der Dorfstraße zu hören war. Anna, in der Meinung, daß sein Ende nahe sei, ließ ihn ins Haus tragen und schickte gegen Abend nach dem Priester.

Er kam bald mit dem Leib des Herrn; aber nur die letzte Ölung konnte er ihm noch verabfolgen.

»Mehr braucht er nicht, jeden Augenblick muß er wegsterben,« sagte er.

Am Abend kamen viele Menschen hin, denn es war als ob Boryna sterben sollte, Anna steckte ihm selbst eine Totenkerze in die Hand; aber er beruhigte sich allmählich und schlief ein.

Am nächsten Tag war es ebenso, erkannte die Menschen, redete ganz bewußt und lag dann wieder ganze Stunden lang wie ein Toter. Die Schmiedin saß bei ihm, ohne auf einen Augenblick von seinem Lager zu weichen, und Gusche wollte ihn beräuchern.

»Laßt das, ihr werdet noch Feuer machen,« knurrte er sie ganz unerwartet an; und als mittags der Schmied angerannt kam und ihm unter die gesenkten Augenlider zu sehen versuchte, sagte er mit einem eigentümlichen Lächeln:

»Sorg' dich nicht, Michael ... ich geh' euch jetzt schon ein ... ganz gewiß recht bald ...«

Er wandte sich nach der Wand ab und sagte nichts mehr; aber da man sah, daß er immer schwächer wurde und immer mehr zusammenfiel, so bewachte man ihn eifrig, und besonders war es die Jaguscha, mit der jetzt allerhand Seltsames vor sich ging.

Sie hörte plötzlich auf, sich um die Mutter zu kümmern, hatte sie ganz dem Jendschych überlassen und blieb, ohne sich von der Stelle zu rühren, bei ihrem Mann sitzen.

»Ich will selbst auf ihn Obacht geben, das ist mein Recht!« sagte sie zu Anna und der Schmiedin mit solcher Entschiedenheit, daß sie sich nicht mehr widersetzten, um so mehr, da jede genug eigene Arbeit hatte.

Sie ging nicht mehr aus dem Haus, ein dumpfer Schreck hielt sie wie festgebannt; sie wäre nicht fähig gewesen, wie früher, den Alten im Stich zu lassen.

Indessen war das ganze Dorf auf den Wiesen beschäftigt, die Heuernte war im vollen Gange vom ersten Morgengrauen an; sobald das früheste Morgenrot den Himmel färbte, zogen alle hinaus, und Reihen von Männern, die Rock und Weste abgelegt hatten, stellten sich wie Störche in den Wiesen auf, wetzten die Schneiden ihrer Sensen, ließen den Stahl aufblitzen und mähten eifrig ganze Tage lang, sodaß man nichts als den metallischen Klang des Dengelns und die Liedlein der harkenden Mädchen vernahm. Die grünen, duftigen Wiesenflächen wimmelten vor Menschen, waren voll klirrender Laute und heller Stimmen, gestreifte Hosen und rote Beiderwandröcke flimmerten von überallher; lautes Singen stieg auf, die Sensen klangen und frohes Gelächter trillerte durch die Luft, überall schaffte man eifrig und froh. Und jeden Abend, wenn die rote Sonne sich über die Wälder senkte und die Lust voll Vogelstimmen war, wenn die Getreidefelder und die Gräser von Grillengezirp erbebten und die Moore vom Quarren der Frösche widerhallten, wenn ringsum Düfte aufquollen, als wäre die ganze Erde ein Weihrauchbecken, und die schwerbeladenen, hochgetürmten Heuwagen über die Feldwege wankten, kehrten die Mäher mit Gesängen heim. Auf den gelblichen, abgemähten Flächen aber breiteten sich Heuhaufen und Schober in dichten Scharen aus, wie selbstbewußte Gevatterinnen, die sich zueinander zu einem vertraulichen Gespräch zusammengefunden hatten; und dazwischen stapften die Störche, die Kiebitze kreisten klagend darüberhin und weiße Nebel kamen von den Mooren über sie gekrochen.

Durch die offenstehenden Fenster des Borynahofes drangen all die frohen Stimmen des Lebens und der Arbeit herein, die von draußen mit den Weihrauchdüften der Getreidefelder, mit dem Atem der Wiesen und dem warmen Dunst der Sonne kamen. Jaguscha aber war gegen alles taub.

In der Stube herrschte Totenstille, durch die Büsche vor den Fenstern, die einen Schutz gegen die Hitze boten, drang nur eine grünliche, einschläfernde Dämmerung herein, man hörte die Fliegen summen, und Waupa, der bei seinem Herrn Wache hielt, gähnte hin und wieder und stand auf, um an Jaguscha vorüberzustreichen, die ganze Stunden lang ohne Bewegung und ohne einen Gedanken fassen zu können dasaß.

Matheus redete nicht mehr und stöhnte nicht, er lag ganz still und ließ nur seine Blicke durch die Stube schweifen: seine hellen, wie Glaskugeln schimmernden Augen folgten ihr eigensinnig auf Schritt und Tritt und durchdrangen sie wie kalte Dolche.

Vergeblich wandte sie sich weg, vergeblich wollte sie vergessen: sie starrten sie aus jedem Winkel an, schwebten vor ihr in der Luft und funkelten grausig und lockten so unwiderstehlich, daß sie sich ihrem Willen fügen mußte, um in ihren Anblick zu versinken wie in zwei bodenlose Abgründe.

Und manchmal flehte sie kläglich, als wäre sie plötzlich aus einem furchtbaren Traum erwacht:

»Schaut doch nicht so, ihr zieht mir die Seele aus dem Leib, schaut nicht so!«

Er mußte es verstanden haben, denn er erbebte; sein Gesicht verzerrte sich wie in einem stummen Schrei, die Augen starrten noch grausiger, und über die bläulichen Wangen rollten die Tränen in großen Tropfen.

Sie lief dann weg, das Entsetzen jagte sie davon, und sie blickte zwischen den Bäumen hindurch auf die Wiesen, die voll Menschen und froher Stimmen waren.

Weinend wandte sie sich von dannen.

Sie schlug den Weg nach der Mutter ein; aber kaum hatte sie den Kopf in die dunkle Stube gesteckt, kaum hatte sie der Geruch der Arzneien getroffen, als sie sich eiligst wieder zurückzog.

Und dann weinte sie wieder.

Oder sie ging vors Haus und ließ die Augen sehnsuchtsvoll durch die Weite irren, um dann um so kläglicher und schmerzvoller zu schluchzen und trostlos zu sein, wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln, den der Schwarm verlassen hat.

Und so verging Tag auf Tag, ohne jegliche Änderung. Anna hatte wie alle anderen immerzu mit der Heuernte zu tun und war erst am dritten Tag von morgen an zu Hause geblieben.

»Heut ist Sonnabend, da kehrt der Antek sicher heim!« sagte sie freudig, das Haus zum Empfang des Mannes herrichtend.

Es ging schon auf den Nachmittag zu, und er war immer noch nicht da. Anna war bis hinter die Kirche hinausgeeilt und hatte selbst auf dem Pappelweg gespäht, nirgendwo war was zu sehen, überall war es still und leer.

Die Leute beeilten sich mit dem Einfahren, denn ein Witterungswechsel schien bevorzustehen, die Hähne krähten, die Sonne brannte noch ärger, und strichweise zogen schwere Hagelwolken vorüber, ein Wind war aufgekommen und wehte, ohne eine bestimmte Richtung beizubehalten.

Man erwartete ein Gewitter, aber es kam nur ein kurz andauernder Platzregen, den in einem Nu die ausgedörrte Erde eingesaugt hatte; der einzige Vorteil, den man von ihm hatte, war, daß die Luft etwas frischer geworden war.

Ein etwas kühler Abend war daraus gekommen, es duftete nach frischem Heu und nach feuchter Erde; die Wege lagen im dichten Dunkel, denn der Mond war noch nicht aufgegangen, und an dem schwarzen Himmel glimmten vereinzelt wie goldene Nägel ein paar Sterne; die Lichter der Hütten glühten wie Johanniswürmchen durch die Obstgärten und sammelten sich im Weiher. Überall vor den Häusern aß man das Abendbrot, irgendwo spielte einer auf der Schalmei und ein Lachen klang öfters von hier und da hell durch die Dämmerung herüber. Die Nachtigallen fingen an zu singen, die Felder hallten von Grillengezirp wider, und die Wachteln ließen sich aus der Ferne vernehmen.

Bei den Borynas aß man ebenfalls draußen, es ging dort laut und lebhaft zu, denn Anna hatte, da sie mit dem Mähen fertig geworden waren, alle eingeladen und ein reichliches Abendessen zurechtgemacht; es duftete nach Rührei mit Schnittlauch, man hörte das eifrige Klappern der Löffel, und jeden Augenblick ließ sich die schrille Stimme der Gusche vernehmen, immer wieder begleitet von einem lauten Gelächter; Anna legte fleißig aus den großen Kochtöpfen Essen zu, lud ein und bat, man möchte ordentlich zulangen. Mit ganzer Seele horchte sie aber auf jedes Geräusch hin, das von der Straße kam und lief immer wieder in den Heckenweg, um hinauszuspähen.

Doch von Antek war keine Spur zu sehen, sie stieß nur auf Therese, die an einem Zaun lehnte und auf jemand zu warten schien.

Mathias, der mit Jaguscha, die heute besonders brummig und unwillig war, nicht fertig werden konnte, fing an, aus Wut mit Pjetrek zu zanken, als Jendschych angerannt kam, um der Schwester zu sagen, die Mutter verlangte nach ihr.

Bald gingen alle auseinander, nur Mathias zögerte etwas lange und machte sich erst in einem guten Paternoster davon.

Nach einer Weile trat wieder Anna hinaus und spähte vergeblich ins Dunkel; da traf Mathias' zornige Stimme, irgendwo vom Weiher herkommend, ihr Ohr.

»Was rennst du mir nach wie ein Hund ... ich lauf' dir doch nicht weg ... Sie tragen uns doch schon genug auf den Zungen herum ...« Und dann fügte er noch mehr Unangenehmes hinzu, und als Antwort kamen schluchzende Worte und ein heftiges Weinen.

Doch das rührte Anna nicht, sie wartete auf ihren Mann, was konnten sie da fremde Angelegenheiten angehen? Gusche machte die abendlichen Besorgungen, und das Kind fing an zu greinen; Anna nahm es auf die Arme, wiegte es hin und her und ging, bei dem Kranken einzusehen.

»Der Antek muß jeden Augenblick kommen!« rief sie von der Schwelle.

Boryna lag da, in das Lämpchen starrend, das über dem Herd glimmte.

»Heute haben sie ihn freigelassen, der Rochus wartet auf ihn,« wiederholte sie dicht an seinem Ohr, mit freudigen Blicken erwartungsvoll seine Augen prüfend, um zu sehen, ob er was begriffen hatte; doch scheinbar drang auch diese Nachricht nicht mehr bis zu seinem Gehirn durch, denn er rührte sich nicht einmal und sah sie nicht an.

»Vielleicht tritt er schon ins Dorf ... vielleicht schon ...« dachte sie, jeden Augenblick vors Haus laufend, so sicher war sie, daß er kommen müßte, und so durchbebt von der Erwartung, daß sie fast das Bewußtsein dessen verlor, was mit ihr vorging; sie lachte laut bei dem geringsten Anlaß, führte Selbstgespräche und taumelte wie eine Trunkene. Der Dunkelheit vertraute sie ihre Hoffnungen an und sagte es selbst dem Vieh beim Melken / alle sollten es wissen, daß der Hausherr heimkehrte.

Und sie harrte von Stunde zu Stunde, zuletzt schon nur mit dem Rest ihrer Kraft und ihrer Geduld.

Es wurde schon Nacht, das Dorf ging zur Ruhe. Jaguscha, die von ihrer Mutter heimgekehrt war, hatte sich gleich zu Bett gelegt, und bald schlief das ganze Haus; aber Anna lauerte noch bis tief in die Nacht vor dem Haus; bis sie ganz erschöpft und verheult, nachdem sie die Lichter ausgelöscht hatte, ebenfalls zur Ruhe ging.

Die ganze Welt versank in das tiefe Schweigen des Schlummers.

Im Dorf waren die Lichter eins nach dem andern erloschen wie Augen, die der Schlaf verschließt.

Der Mond kam über den dunkelblauen Himmel, der mit Sternengeflimmer besät war, heraufgerollt, stieg immer höher, wie ein Vogel, den durch eine weite dunkle Wüste seine silbrigen Flügel tragen, die Wolken schliefen hier und da, zu duftigen weißen Ballen zusammengerollt.

Auf Erden aber legte sich die ganze müde Kreatur zum stillen, süßen Schlaf nieder; nur ein Vogel ließ noch hier und da seine rieselnde Liederflut quellen, traumbefangen murmelte das Wasser, und die Bäume, die im Mondlicht badeten, erschauerten hin und wieder, als träumten sie vom gewesenen Tage; manchmal knurrte ein Hund auf oder eine vorbeiflatternde Fledermaus klappte mit den Flügeln, und kriechende Dünste fingen allmählich an, die Erde sorgfältig zuzudecken/ihre müde Mutter Erde.

Aus der Nähe der kaum sichtbaren Häuserwände und aus den Obstgärten kamen friedliche Atemzüge, die Leute schliefen unter freiem Himmel, sich arglos der Nacht anvertrauend.

Auch über Borynas Stube lag eine schlafbefangene Stille, das Heimchen zirpte hinterm Herd, und Jaguschas Atemzüge gingen wie die Flügel eines Falters.

Die Hähne fingen zum erstenmal an zu krähen, als sich plötzlich Boryna auf seinem Lager bewegte, wie wenn er wach werden wollte; es war gerade zu der Zeit, daß das Mondlicht die Fensterscheiben streifte und auf sein Gesicht einen silbernen Schimmer legte.

Boryna setzte sich aufrecht im Bett, mit dem Kopf nickend, und seine Gurgel ging mühsam auf und ab; er wollte etwas sagen, aber es gurgelte ihm nur irgendein Ton im Hals.

Er saß so ziemlich lange und sah sich geistesabwesend um, und hin und wieder scharrten seine Finger im Licht, als wollte er diesen flimmernden Bach, der gegen seine Augen anbrandete, zusammenraffen.

»Es tagt ... es ist Zeit ...« murmelte er schließlich und ließ seine Füße zur Erde herabgleiten.

Dann sah er durchs Fenster, als wäre er aus einem tiefen Schlummer erwacht, und es schien ihm, daß es schon heller Tag wäre, daß er sich verschlafen hätte und wichtige Arbeit auf ihn wartete.

»Zeit aufzustehen ...« wiederholte er, sich mehrmals bekreuzigend und ein Gebet beginnend, er sah sich gleichzeitig nach seiner Kleidung um und langte nach den Stiefeln, dahin wo sie für gewöhnlich standen; aber da er nichts gefunden hatte, vergaß er wieder, was er wollte und tastete hilflos mit seinen Händen um sich, sein Gebet zerriß, und nur einzelne Worte lallte er mit klangloser Stimme.

Plötzlich ballten sich in ihm verworrene Erinnerungen an verschiedene Feldarbeiten und an frühere Geschehnisse zusammen, dann wieder kam etwas über ihn wie ein Widerhall dessen, was während seiner Krankheit um ihn herum geschehen war, es kam in winzigen Fetzen, dämmerte in blassen Bildern und halb verwischten Gebärden in ihm auf, roh wie die Schollen eines umgepflügten Stoppelfeldes, und erwachte jetzt plötzlich, ballte sich zu einem dunklen Wollen in seinem Gehirn zusammen und drängte in die Welt hinaus, so daß er jeden Augenblick hinter irgendeinem Gesicht her war; ehe er es jedoch ergreifen konnte, zerfiel es in seiner Erinnerung wie modriges Gewebe; seine Seele taumelte wie eine Flamme ohne Nahrung.

Er wußte nur wohl das, was verdorrende Bäume beim Frühlingserwachen fühlen, daß es Zeit ist, aus der winterlichen Erstarrung zu erwachen, daß es Zeit ist, die angestauten Triebe schießen zu lassen, mit den Winden aufzurauschen im seligen Lebenssang, und die dabei doch nicht wissen, daß ihr Träumen und Beginnen nutzlos und vergeblich ist ...

Wenn er also etwas unternahm, so tat er es wie ein Pferd nach Jahren des Trottens in einer Tretmühle, das selbst in Freiheit aus Gewohnheit sich in einem zu im Kreise bewegt.

Er öffnete das Fenster und sah hinaus, dann guckte er in die Kammer und fing zuletzt nach einer langen Überlegung an, auf dem Herd herumzuscharren; dann ging er, so wie er dastand, barfuß und im Hemd, zur Tür hinaus.

Die Haustür stand offen, das Mondlicht übergoß den ganzen Flur und an der Schwelle schlief Waupa, zu einem Knäuel zusammengerollt; das Geräusch der nahenden Schritte ließ ihn aufwachen, er fing an zu knurren; als er aber den Hofbauer erkannte, folgte er ihm nach.

Matheus blieb vor dem Hause stehen, kratzte sich hinterm Ohr und sann angestrengt nach, welche eilige Arbeit auf ihn wartete.

Der Hund sprang ihn freudig an, so daß er ihn, wie es seine Gewohnheit war, zu streicheln begann, um dann wieder besorgt in die Welt zu blicken.

Es war taghell, der Mond erhob sich schon über das Haus, so daß ein bläulicher Schatten von den weißen Wänden glitt, das Wasser des Weihers gleißte wie ein Spiegel; das Dorf lag im tiefen Schweigen, nur die Vogelstimmen sangen leidenschaftlich aus den Büschen.

Plötzlich kam ihm eine Erinnerung, denn er wandte sich rasch dem Hof zu. Alle Stalltüren standen offen, die Burschen schnarchten an der Scheunenwand, er sah in den Stall hinein, beklopfte die Pferde, so daß sie aufwieherten; dann steckte er den Kopf in den Kuhstall, die Kühe lagen in einer Reihe, man konnte nur die Rücken im Mondlicht sehen; danach wollte er einen Wagen aus dem Schuppen hervorziehen, er griff sogar nach der hervorstechenden Deichsel; als er aber eine Pflugschar an der Wand des Schweinestalls blinken sah, eilte er dahin, er vergaß es unterwegs jedoch wieder.

Mitten auf dem Hof blieb er stehen und sah sich nach allen Seiten um, denn es war ihm, als riefe man ihn von irgendwo.

Der Brunnenschwengel ragte vor ihm hoch in die Luft und warf einen langen Schatten über den Hof.

»Was soll?« fragte er und horchte auf Antwort.

Der Obstgarten, der wie von Lichtstreifen zerschnitten war, versperrte ihm den Weg, die silbrigen Blätter schienen ganz leise etwas zu raunen.

»Wer ruft mich da?« dachte er und tastete sich zwischen den Baumstämmen hindurch.

Waupa, der ihm in einem fort folgte, winselte auf, so daß er stehenblieb, tief aufseufzte und mit zufriedener Stimme sagte:

»Das ist wahr, mein Hündchen, es ist Zeit zu säen.«

Aber sogleich hatte er auch das wieder vergessen; es zerrann ihm alles in der Erinnerung wie trockener Sand zwischen den Fingern; doch immer neue Erinnerungen trieben ihn weiter, er verwickelte sich in diese Täuschungen wie eine Spindel sich mit Garn umwickelt und immerzu geschäftig zu fliehen scheint, aber dennoch auf derselben Stelle bleibt.

»Versteht sich ... es ist Zeit zu säen ...« sagte er abermals und wandte sich rasch gehend am Schuppen entlang durch einen Heckenweg, der aufs Feld führte; er stieß auf den unglückseligen Schober, der im Winter niedergebrannt war und den man jetzt neu errichtet hatte.

Er wollte ihm zunächst ausweichen, aber plötzlich sprang er zurück, für einen Augenblick kam Klarheit über ihn, wie ein Blitz durchzuckte ihn die Erinnerung; er riß einen Pflock aus der Umzäunung und, ihn mit beiden Händen wie eine Mistgabel greifend, stürzte er mit einem drohenden Gesicht auf die Pfähle des Gebäudes los, bereit zu schlagen und zu morden; doch ehe er zum Stoß ausholen konnte, ließ er hilflos seinen Stock aus den Händen gleiten.

Hinter dem Schober am Weg neben dem Kartoffelfeld zog sich ein langer Streifen Ackerland, er blieb davor stehen und maß ihn mit seinen erstaunten Augen.

Der Mond hatte schon die Hälfte des Wegs am Himmel zurückgelegt, das Land badete im nebligen Licht und lag tauig da wie in die Stille hinaushorchend.

Ein undurchdringliches Schweigen kam von den Feldern, die umflorten Weiten verbanden Erde und Himmel, von den Wiesen krochen weiße Nebel auf und breiteten sich wie Gespinste über die Getreidefelder aus, sie wie mit einem warmen Pelz umhüllend.

Die hochaufgeschossene, grünliche Roggenwand beugte sich über den Feldrain unter der Last ihrer rostgelben Ähren, der Weizen stand schlank und trotzig, und seine dunklen Grannen gleißten, der Hafer und die Gerste, die sich kaum erst zu einem dichten Teppich ausgewachsen hatten, grünten wie Wiesen aus den fahlen Hüllen der lichtbeschienenen Nebel.

Zum zweitenmal krähten schon die Hähne, es war noch Nacht. Die vom tiefsten Schlummer umfangenen Felder atmeten leise raunend, wie von einem Widerhall der Tagesmühen und Sorgen durchzuckt/so atmet die Mutter, wenn sie sich inmitten ihrer Kinder niedergelegt hat, die vertrauensvoll an ihrer Brust schlummern.

Boryna kniete plötzlich auf dem Ackerbeet nieder und fing an, in das ausgebreitete Hemd Erde aufzunehmen, als wäre es Saatkorn aus einem bereitgestellten Sack, bis er, nachdem er so viel Erde zusammengescharrt hatte, daß er sie kaum schleppen konnte, sich emporrichtete, das Zeichen des Kreuzes machte, den Schwung des Armes versuchte und zu säen anfing ...

Er beugte sich unter der Last etwas vor und ging langsam Schritt für Schritt, die Erde über die Ackerbeete mit einer segnenden Gebärde im Halbkreis aussäend.

Waupa folgte ihm, und wenn ein aufgescheuchter Vogel ihnen unter den Füßen aufflog, jagte er eine Weile hinterdrein und kehrte dann wieder zurück, seinen Dienst bei seinem Herrn zu verrichten.

Und Boryna ging, in die wundermächtige Welt der Frühlingsnacht hinausstarrend, lautlos über die Ackerbeete dahin wie ein Gespenst, das jede Scholle, jeden Halm segnete/ und säte ... säte unermüdlich immerzu.

Er stolperte über die Schollen, taumelte über die Rinnen, die der Regen in den Acker gerissen hatte; manchmal kam er selbst zu Fall, aber er wußte nichts davon, fühlte nichts außer dem unklaren, unüberwindlichen Drang zu säen.

Er ging bis ans Ende des Feldes; und wenn ihm die Erde fehlte, nahm er sich von neuem einen Vorrat auf und säte weiter; wenn ihm aber die Steinhaufen und Dornenbüsche den Weg versperrten, versuchte er sie zu umgehen.

So war er ziemlich weit hinausgekommen, schon hörte man keine Vogelstimmen mehr, und das ganze Dorf war im nebligen Dämmer untergetaucht; ein fahles, unabsehbares Feldermeer umfing ihn, er versank darin wie ein verirrter Vogel, und wieder kehrte er dann in die Nähe der Häuser zurück, trat in den Bannkreis der Vogelstimmen wieder ein, als trüge ihn die raunende Flut der Halme wieder an den Rand der lebendigen Welt zurück ...

»Jakob, die Eggen los, aber leicht!« rief er hin und wieder wie zu seinem Knecht.

Und so floß die Zeit dahin, und er säte unermüdlich weiter, nur zuweilen blieb er stehen, um auszuruhen und die Glieder zu recken, dann ging er wieder an die vergebliche Arbeit, an die Mühe, die umsonst war, an seine entbehrliche Tätigkeit.

Und dann, als die Nacht sich schon ein bißchen zu trüben begann, die Sterne verblaßten und die Hähne das Morgengrauen auszukrähen anfingen, verlangsamte er sein Tun, blieb häufiger stehen, und schon ganz vergessend, Erde wieder aufzunehmen, säte er aus der leeren Hand als müßte er sich selbst bis zum letzten Rest auf die seit Ahn und Urahn zugehörigen Felder aussäen, als gäbe er alle gelebten Tage, sein ganzes Menschenleben, das er einst erhalten hatte, diesem Land und dem urewigen Gott zurück.

Und um diese letzte Stunde seines Lebens geschah etwas Seltsames: der Himmel wurde grau wie ein Leinentuch, der Mond ging unter, jegliches Licht erlosch, so daß die ganze Welt plötzlich wie erblindete und in graue, verwühlte Untiefen versank; etwas ganz Unbegreifliches war von irgendwo aufgestanden und ging mit schweren Schritten durch die Dämmerungen, so daß die Erde zu wanken schien.

Ein langgezogenes, drohendes Rauschen zog vom Waldrand her.

Die einsamen Feldbäume erbebten, ein Regen vorzeitig verwelkter Blätter rieselte auf die Ähren nieder, und die Gräser und die Kornfelder wogten auf, und von den niedriger gelegenen ruhelosen Feldern erhob sich eine stille ängstliche und klagende Stimme:

»Hofbauer! Hofbauer!«

Die grünen Grannen der Gerste zitterten wie im Weinen und legten sich mit inbrünstigem Kuß zu seinen ermatteten Füßen nieder.

»Hofbauer!« schienen die Roggenfelder zu bitten, die ihm den Weg vertraten und streuten ihren Tränentau vor ihm aus. Klagende Vogelstimmen riefen. Der Wind schluchzte auf über seinem Haupt, die Nebel umspannen ihn in bläuliche Spinnweben und die Stimmen wuchsen, wurden mächtiger, drangen auf ihn von allen Seiten ununterkrochen ein:

»Hofbauer! Hofbauer!«

Endlich hatte er es vernommen, er sah sich um und rief mit leiser Stimme zurück:

»Ich bin ja da, was denn?«

Es wurde plötzlich ganz still in der Runde; als er aber wieder mit der leeren und schon ganz schwer gewordenen Hand zu säen begann, sprach die Erde zu ihm in einem mächtigen Chor:

»Bleibt hier! Bleibt bei uns! Bleibt! ...«

Er hielt erstaunt an, es war ihm, als käme plötzlich alles auf ihn zu: die Gräser krochen, es fluteten die wogenden Getreidefelder heran, die Ackerbeete umzingelten ihn, die ganze Welt erhob sich und kam auf ihn zu, so daß ihn die Angst packte; er wollte schreien, konnte aber seine Stimme nicht aus der zusammengeschnürten Kehle hervorbringen, er hätte fliehen mögen, aber die Kräfte reichten nicht; die Erde griff nach seinen Füßen, die Getreidehalme umspannen ihn, die Ackerfurchen hielten ihn zurück, die harten Schollen faßten ihn, die Bäume stellten sich ihm drohend in den Weg, die Disteln krallten nach ihm, die Steine verwundeten seine Füße, ein böser Wind wollte ihn scheuchen, die Nacht verwirrte ihn und all die Stimmen, die durch die Welt hallten:

»Bleibt! Bleibt!«

Er erstarrte plötzlich ganz in seinem Inneren, alles verstummte und blieb unbeweglich stehen; ein Lichtstrahl öffnete ihm die vom Dämmer des Todes umfangenen Augen, der Himmel tat sich auf über ihm, und dort im blendenden Glanz breitete Gott Vater, auf seinem Thron aus Garben sitzend, nach ihm die Hände aus und sprach voll Güte:

»Komm her, menschliches Seelchen, komm zu mir, mühebeladener Knecht!«

Boryna wankte und breitete die Arme aus, wie zur Zeit der Erhebung des heiligen Sakraments in der Kirche:

»Gott bezahl's!« sprach er und fiel aufs Antlitz vor der allerheiligsten Majestät.

Er stürzte zu Boden und starb in jener Stunde der Gnade.

— — — — —

Es fing an, über ihm zu tagen, und Waupa heulte lange und klagend.

 

Gedruckt bei Oscar Brandstetter in Leipzig


 << zurück