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Bei der Kaiserin.

Zur Zeit Karl II. (1387-1422) befanden sich an der Stelle der Tuilerien noch außerhalb der Ringmauern von Paris, die großen Ziegeleien, die dem späteren Palast den Namen gegeben haben. Der Bau wurde 1564 mit dem großen Mittelpavillon begonnen, Heinrich IV. vergrößerte ihn mit den beiden Pavillons an den Enden der Front nach dem späteren Park zu, dem Pavillon der Flora nach der Seine-Seite und den Pavillon Marsan nach der jetzigen Rue Rivoli zu; er war es auch, der die erste Verbindung mit dem innerhalb der alten Stadt belegenen Louvre herstellte, eine politische Taktik, um, wie er sagte, nach Belieben innerhalb und außerhalb der Mauern von Paris residieren zu können, dessen liebe Bürgerschaft von jeher einen großen Hang gehabt hat, ihre Könige unter dem Daumen zu halten, wenn sie es nicht vorzog, ihnen einen kleinen Dolchstich zu versetzen oder den Kopf abzuschneiden.

Ludwig XIII., sein Sohn, vollendete die Verbindung; Ludwig XIV., der bei allen seinen großen Fehlern doch Großartiges für Kunst und Wissen schuf, ließ durch die Architekten Levau und d'Orbay die sehr zerfahrenen Stilarten des Baues zu einem architektonischen Ganzen vereinigen. Wiederholt haben die Tuilerien als Residenzpalast gedient. Hier wurden an dem blutigen 10. August 1792 die treuen Leibwachen des Königtums, die Schweizergarden, vom eingedrungenen Volk niedergemetzelt; der erste Konsul wählte die Tuilerien zur Residenz, später zum kaiserlichen Palast, in dem nach der Restauration, gleichsam um sein Andenken zu beschimpfen, die Bourbons wieder ihr Hoflager nahmen. Die Revolution von 1830 verjagte aus dem Königsschloß zwar wieder die Bourbons, aber nur um Achtundvierzig die Orleans daraus zu vertreiben. Die provisorische Regierung bestimmte das Gebäude zu einem Invalidenhaus für Arbeiter; während des blutigen Juni-Aufstandes diente es als Hospital für die Verwundeten. Der Kaiser Louis Napoleon erhob es wieder zu seiner Residenz.

Erst als die schöne Spanierin in das Kaiserschloß einzog, wurde es einer neuen gründlichen Ausstattung unterzogen, deren Pracht und Eleganz allerdings das Möglichste leistete.

Die Kaiserin Eugenie machte bekanntlich gern selbst Politik, und so geschah es, daß die Abende ihres Cercles mit Bewilligung des Kaisers nicht bloß dem Vergnügen dienten, sondern fast noch mehr der Politik, ja, der Kaiser selbst bestimmte oft die Einladungen. Außerdem proklamierten und oktroyierten diese Gesellschaften, in denen man je nach Belieben tanzte, sich unterhielt, musizierte, Lableaux stellte und zwanzig andere Unterhaltungen trieb, der Welt ein noch gewaltigeres Herrschertum, als das der Bonaparte – die Mode!

Wer, der damals Paris besuchte, hat nicht die Tuilerien besucht und den Glanz ihrer Einrichtungen bewundert? Aber nur wenigen gelang es, in die Apartements der schönen Kaiserin Zutritt zu erhalten, die sich im Erdgeschoß des südlichen Flügels, dem Pavillon de Flore, befanden, in den Räumen, die einst die unglückliche Marie Antoinette bewohnt hatte.

Nur die großen Bälle und Hoffeste fanden in den Staatsgemächern des ersten Stockwerks statt, in dem Theatersaal, dem Salon de la Chapelle, dem Salle de la paix, dem Salle des Marechaux, dem Salon d'Apollo, dem prächtigen Thronsaal, dem Salon Louis XIV. und der Dianen-Gallerie. Hinter dieser reihten sich die Privat-Gemächer des Kaisers an.

Die Donnerstag-Gesellschaften fanden in den Salons der Kaiserin statt; die Pracht der Ausstattung dieser Räume war in der Tat feenhaft und wechselte bei der großen Liebe der Kaiserin für Luxus und Mode nicht selten.

Die Herrschaft der Krinoline begann eben ihrem Niedergange sich zuzuneigen, und bereits hatte die geheimnisvolle Maschinerie des Zusammenklappens jener Ballons ihren Weg begonnen, ja einzelne Tonangeberinnen und emanzipierte Geister, wie die kecke Fürstin Metternich hatten bereits gewagt, die Mongolfiere ganz fortzulassen und zum einfachen Fall der Robe oder zur Schleppe zurückzukehren. Man tastete noch, der kühne Gedanke, den Umfang der ganzen Robe auf einen luftigen Hinterbau zu konzentrieren, war noch nicht ausgesprochen, und die Toiletten waren etwas romantisch.

Der »kleine Cercle,« das heißt der intimere Kreis, wurde in dem letzten, dem sogenannten grünen Salon der Kaiserin gehalten, an den sich dann ihr Boudoir, das Schlaf- und die beiden Garderobezimmer anschlossen. Im Entree zu den Apartements befanden sich zunächst zwei Huissiers, an der Tür zum ersten Salon zwei Kammerdiener, und in diesem einer der Kammerherren der Kaiserin.

Als die Equipage der Gräfin Moltke an der Tür im Tuilerienhof in der ziemlich langen Reihe der Wagen vorfuhr und die beiden Damen ausgestiegen waren, trafen sie mit der Großhofmeisterin der Kaiserin, der Prinzeß d'Eßlingen, der Schwiegertochter des alten Marschalls Masséna, zusammen, die eben eingetreten war, einer großen stattlichen, ernsten Dame von majestätischer Haltung, der die Gräfin ihr Kompliment machte. »Guten Abend meine beste,« sagte die Dame, »wen bringen Sie uns denn da, um den Flor unserer jungen Damen zu vermehren?«

Die Gesandtin stellte Edda vor.

»Ah, ich habe davon gehört – eine junge Schwedin – nein, Dänin; und Sie sind Braut und wollen Ihr Trousseau in Paris wählen? Da rate ich Ihnen das Brautkleid von Mademoiselle Vignon zu nehmen.«

»Und den Schmuck von Moiana, er hat gegenwärtig den besten Geschmack.«

»Entschuldigen Sie, liebe Fanny,« sagte eine junge frische Stimme, »er hat wohl ganz hübsche Brillanten, aber er kommt Fossin und Lemonier bei Weitem nicht gleich in den Rubinen.«

»Was Sie nicht wissen, beste Baronin,« sagte die vorige Sprecherin, Madame Feray, die Gemahlin des Generals, die Tochter des Marschall Bugeaud, des Siegers von Isly, eine liebe gute Dame, obschon im Äußeren nicht sonderlich begabt, weshalb sie oft das Stichblatt der anderen Palastdamen war.

»Ich berufe mich auf das Urteil von Madame Marnegia, die Autorität ist in allem, was Kolliers betrifft,« beharrte die Baronin Pierres, die allerliebste Tochter des amerikanischen Generals Thore, der in dem ehemaligen Hotel der Madame Adelaide d'Orleans so hübsche Soireen gab. » Monsieur le baron de Pierres behauptet zwar, es ginge jetzt nichts über die Toiletten der kleinen Saint Valérie, aber ich traue diesen Herren vom Jockei-Klub nicht ganz.«

»Ich habe in der Tat auf den Wunsch meines Bräutigams meinen corbeille bei Madame Valérie bestellt,« berichtete die bereits von Damen umdrängte junge Dänin.

»In welcher Kirche werden Sie getraut? Notre-Dame?«

»Verzeihen Sie, Frau Herzogin, ich bin Protestantin.«

»Ah – Schade! Ich hätte mir sonst sicher das Vergnügen gemacht!«

»Aber meine Damen – Sie vergessen, daß wir Ihrer Majestät noch nicht unsere Cour gemacht?«

»Wird heute getanzt werden, Frau Prinzessin?«

»Da müssen Sie Madame Metternich fragen, die entscheidet gegenwärtig!«

»Wenn Oberst Beaumont da ist, sonst nicht!«

Ein leises Kichern lief durch den Kreis, der sich langsam vorwärts schob.

Fräulein Halsteen hielt sich dicht zu ihrer Patronesse, aber obschon sie die Augen fest zur Erde geschlagen hatte, bemerkte sie doch recht wohl, daß die Augengläser der Herren im nächsten Salon sehr dreist auf sie gerichtet waren als auf eine neue Erscheinung, und sie fühlte sich verwirrt und befangen, bis die Hand der Gräfin Moltke die ihre drückte. »Wir sind an der Reihe!« Im nächsten Augenblick sah sie sich vor der Kaiserin und machte dem Beispiel der Gräfin folgend ihre tiefe Verbeugung.

»O, unsere nordische Schönheit,« sagte freundlich die Kaiserin, »ich muß jemanden suchen, Fräulein Halsteen, dem ich Sie als Telemach übergebe, denn hier in dem Kreis von uns alten Frauen, wird sich eine junge Braut schwerlich behaglich fühlen, obgleich Sie vielleicht da manches für den künftigen Ehestand lernen könnten. – Nun, wen wähle ich da gleich, Madame Claire … nein, kommen Sie, Sie schüchterne Rose der Bretagne, die für die Herren nur Dornen hat, kommen Sie, Fräulein von Kervague, und nehmen Sie sich dieser jungen blonden Schwester etwas an.«

Die junge Hofdame näherte sich schüchtern und bot Fräulein Halsteen die Hand. Es ließ sich wirklich nichts Reizenderes denken, als diese beiden jugendlichen Gestalten, beide schüchtern und verlegen, bis die schöne Engländerin, die Marquise de las Marismas, ihnen zu Hilfe kam. »Erlauben Ihre Majestät, daß ich mich ihnen zugeselle, um sie glücklich durch jene Wahldebatte zu bringen, die der Herr Prinz Mürat so eifrig verficht.«

Die Kaiserin lachte. »Zur Strafe, Vetter, sollen Sie Großmeister des Occidents werden, Prince, wenn Sie im Orient durchfallen. Warum wollten Sie auch nicht leiden, daß die Logen von Frankreich ein wenig Politik treiben, wo jetzt alles Politik treibt. Schicken Sie den jungen Paladin, Ihren Sohn mit diesen Damen, er mag die Herren vorstellen.«

Der Prätendent auf den Thron von Neapel, dessen Erscheinen im Cercle der Kaiserin ebenso wie die huldvolle Weise, in der er ausgezeichnet wurde, schon viel Aufsehen erregt hatte, unterbrach sein Gespräch mit dem Kaiser, um seinem Sohn, dem Prinzen Mürat einen Wink zu geben, dann wandte er sich wieder zu seinem hohen Verwandten. »Euer Majestät dürfen versichert sein, daß der Prinz Napoleon sich mit größtem Eifer um die Großmeisterschaft der Logen bemüht, und ich fürchte, wenn er sein Ziel erreicht, wird er den Einfluß der Maçons in einer Weise benutzen, die Euer Majestät manche Verlegenheit bereiten wird.«

»Sie müssen jedenfalls diesen Brief zurücknehmen, die Ausdrücke sind selbst für den Prinzen zu stark. Dieses Duell darf nicht stattfinden.«

»Herr von Persigny hat nicht als Kavalier gehandelt, Euer Majestät davon zu unterrichten, als ich ihn mit Marschall Magnan um den Dienst bat …«

»Herr von Persigny,« unterbrach ihn der Kaiser streng, »ist zunächst mein Minister und Chef der Polizei; also willigen Sie ohne weiteres ein!«

»Aber, Sire! Ohne alle Revanche! Man hat heute wieder in den italienischen Blättern diesen angeblichen Brief Eurer Majestät an mich aufgefrischt.«

»Ich werde ihn morgen im »Konstitutionell« als gefälscht bezeichnen lassen, übrigens sollte ich meinen, mon cousin, daß Ihre Anwesenheit heute Abend genugsam die Gerüchte widerlegt, daß ich Ihnen mein Wohlwollen entzogen hätte.«

Der Sohn des Soldatenkönigs, den die Bourbons im Schlosse von Pizzo erschießen ließen, verbeugte sich. »Was kann ich Eurer Majestät so bestimmt ausgesprochenem Willen gegenüber tun.«

»Sie werden mich dankbar finden. Noch eins! Suchen Sie den Baron Pierre von seiner Opposition gegen Fould im Jockei-Klub abzubringen, ich brauche ihn bei der bevorstehenden Anleihe zu nötig, denn wenn England nicht von diesen Intriguen im Orient zurücksteht –«

»Euer Majestät haben da mit der Erklärung des Paschas einen Meisterzug getan.«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich meine, indem Eure Majestät erklärten, unter allen Umständen an dem Vertrag festzuhalten und beim Ablauf der stipulierten Frist Syrien von den französischen Truppen räumen zu lassen.«

»Frankreich, lieber Vetter, hat bei der syrischen Occupation nur als Mandatar europäischer Großmächte gehandelt, und muß seine Vertragspflicht lösen. – Ah! – der Herr Admiral! Er kommt gerade zur rechten Zeit.«

Der Admiral Barbier de Tynan, derselbe, welcher die französische Flotte von Gaëta geführt und seitdem keineswegs in besonderer Gunst bei der Kaiserin stand, war gekommen, um sich von der hohen Dame zu verabschieden, da er schon am nächsten Morgen nach Toulon gehen sollte. Auf einen Wink des Kaisers näherte er sich der Gruppe, die sich jetzt um den Kaiser gebildet hatte, und zu der auch Fürst Metternich und der britische Gesandte getreten waren. »Es freut mich, Sie noch zu sehen, Herr Admiral,« sagte der Kaiser laut, »um Ihnen nochmals meinen Willen zu wiederholen. Sie werden die französischen Truppen unter allen Umständen am 1. Juli einschiffen, aber Sie werden auf der Rhede von Beyrut verweilen, bis es dem neuen christlichen Kaimakan des Libanon gelungen ist, seine volle Autorität herzustellen, wie die hohe Pforte zu tun sich verpflichtet hat. Und wenn nach der Einschiffung der bisherigen Occupationsarmee von muhamedanischer Seite auch nur noch eine einzige Gewalttat gegen einen der christlichen Bewohner des Libanon verübt wird, so lassen Sie, ohne auf weitere Instruktionen zu warten, sofort zunächst die vier Bataillone Marine-Infanterie mit den sechszehn Geschützen landen und besetzen Beyrut und Damascus; denn dann ist es Frankreich als solches, welches die Occupation zum Schutz der mißhandelten Christen aufnimmt, nicht die Occupation der Traktat-Mächte. Ich wünsche Ihnen glückliche Fahrt!«

Der Admiral verbeugte sich und verließ gleich darauf die Salons; Lord Cowley hatte sich mit dem Fürsten Metternich in den nächsten Salon zurückgezogen und hatte dort eine eifrige Unterredung mit ihm, aus der der weitergehende Seemann nur die Worte des Fürsten hörte:

»Ich sage Ihnen, Mylord, er wird ganz Europa für sich haben, wenn er es tut, und ebenso Österreich, wenn es in Bosnien und die Herzegowina einrückt; denn die Barbarei, die dort verübt wird, erschöpft alle Geduld. Oder wünschen Sie vielleicht, daß Rußland es tut?«

Der Kaiser war auf einen der Neueingetretenen zugegangen und hatte ihn an der Hand genommen, um ihn selbst der Kaiserin vorzustellen. Es war ein Mann von Mittelgröße, rötlichem, offenem Gesicht, kurz geschnittenen grauen Haaren und einem starken Ansatz zum Emponpoint, fast eine Figur wie der Kaiser selbst.

»Erlauben Euer Majestät,« sagte er, »Ihnen Herrn von Lesseps, den Direktor der Aktien-Gesellschaft zur Erbauung des Suez-Kanals vorzustellen, einen Mann von so hohen Verdiensten, daß sie erst die Zukunft, wie dies bei großen Erfindern und Entdeckern ja oft der Fall, gebührend würdigen wird. Es ist eine Ehre für Frankreich, dies schon in der Gegenwart getan zu haben.«

Die Kaiserin unterhielt sich sehr huldreich mit dem großen Spekulanten, den der englische Hochmut so töricht hatte fallen lassen, wie einst der erste Napoleon den Erfinder des Dampfschiffs.

»Sie kommen jetzt aus Ägypten, Herr von Lesseps?«

»Direkt von Kairo und Alexandrien!«

»Es muß interessant sein, im Lande der Pyramiden zu reisen; ich möchte es wohl einmal sehen!«

»Wenn mein großes Werk vollendet ist, und der Suez-Kanal eröffnet wird, was, wie ich hoffe, in sieben oder acht Jahren der Fall ist, werde ich die Ehre haben. Euer Majestät an diese Worte erinnern zu dürfen!«

»Ich verspreche es! Doch, Herr von Lesseps, bis dahin dauert es nach Ihrer eigenen Versicherung noch lange Zeit. Was bringen Sie uns unterdeß für Neuigkeiten vom Nil? Wir haben noch kürzlich einiges aus Kairo gehört, – ein junger Ordonnanzoffizier des Kaisers ist von China her durch Ägypten gekommen.«

»Herr von Boulbon?«

»Ah, Sie kennen ihn?«

»Ich habe nur seinen Namen nennen hören bei Gelegenheit der Erzählungen, die in Kairo von den merkwürdigen Abenteuern zirkulieren, die einigen Reisenden, die mit Herrn von Boulbon von China gekommen waren, in der Lybischen Wüste passiert sind.«

»Ei das ist schön; das wird ja unsere Damen interessieren, die Herrn von Boulbon immer förmlich umlagern, um sich von seiner schönen Russin und ihren Smaragden erzählen zu lassen. Will nicht einer von den Herren so freundlich sein, Herrn von Boulbon – ich sah ihn bereits – hierher zu rufen.«

Einige Augenblicke darauf erschien der neue Ordonnanz-Offizier des Kaisers, der mit dem Fürsten von der Moskwa gekommen war.

»Herr Graf,« sagte die Kaiserin, »hier Herr von Lesseps erzählt uns eben von einer Expedition von Reisenden, die von – wo sagten Sie doch, daß Ihr englischer Begleiter Sie verlassen hatte?«

»In der Bai von Arkiko, Majestät!«

»Und dieser Herr hieß?«

»Viscount von Heresford!«

»Ist es derselbe, Herr von Lesseps?«

»Zu Befehl, Majestät!«

»Und dieser Herr ist mit seinen Begleitern glücklich in Kairo angekommen?«

»Euer Majestät verzeihen, ich habe nicht gesagt glücklich, sondern nur, daß man von Abenteuern erzählt, die ihm in der Wüste passiert sind, und denen er ohne die wunderbare Dazwischenkunft seines Vetters, des Grafen Juan da Lerida noch kurz vor Erreichung des Nils erlegen wäre.«

»Lerida – der Conde Don Juan da Lerida, dem wir von Biarritz her Dank schuldig sind,« sagte die Kaiserin, »und den wir diesen Herbst in Compiegne wiedersehen werden?! Hören Sie, meine Damen, die Sie immer so viel von diesem Herrn sprechen, Claire, Frau von Rochambeau, und selbst unsere schüchterne Angelique!«

Die beiden Damen standen bereits so nahe, als es die Hofsitte erlaubte und horchten mit gespannter Aufmerksamkeit; mit ihnen noch eine andere, Fräulein Halsteen, die zu ihrem Erstaunen hier den Namen hörte, den ihr Madame Santarez so dringend empfohlen.

»Was ist's mit dem Abenteuer und wo sind diese Herren geblieben?«

»Der Viscount von Heresford mit seiner Gesellschaft ist in die Hände der Ismaëliten, oder Assassinen, einer berüchtigten, im ganzen Orient gefürchteten Räuber- und Mörderrotte gefallen und, wie erzählt wurde, nur durch die Treue und Klugheit eines arabischen Knaben gerettet worden. Durch die Wüste bis zum Nil, bis in die Nähe von Assuan verfolgt, haben sie dort noch ein scharfes Gefecht zu bestehen gehabt, wobei ihnen durch einen glücklichen Zufall der Vetter des englischen Herrn zu Hilfe kam. Sie verweilen jetzt in Ghizeh, da einer der Herren, die den Grafen begleiteten, bei jenem Gefecht schwer verwundet wurde und sie ihn nicht verlassen wollen.«

»Welcher? Kennen Sie seinen Namen?« fragte in seiner Teilnahme, die Vorschriften der Etikette verletzend, hastig der Ordonnanz-Offizier.

»Ein Franzose, einer der Freiwilligen von Gaëta, Marquis von Saint Brie, wenn ich mich recht erinnere!«

»Was haben Sie, Madame?« flüsterte Fräulein von Kervague ihrer Begleiterin zu, als sie deren Arm in dem ihren bei der Nennung dieses Namens erzittern fühlte, »kennen Sie diesen Herrn?«

»O nein, es ist nur ein seltsames Zusammentreffen, da eine Freundin von den westindischen Inseln mir heute ihn nannte.«

»O, ich erinnere mich: Herr von Saint Brie, aus einer unserer ersten Familien stammend, hat, glaube ich, einige Zeit bei Verwandten auf den französischen Antillen zugebracht. Wenn es Sie interessiert, kann ich meinem Vetter, dem Marquis de la Houdinière, der dort hinter dem Kaiser steht, den Auftrag geben, sich bei Graf Boulbon oder Herrn von Lesseps näher zu erkundigen.«

Die Kaiserin hatte sich, nachdem sie dem Erbauer des Suez-Kanals noch gedankt, erhoben und ging, auf den Arm der Herzogin von Rochambeau gestützt, durch die Salons.

Die Gesellschaft war jetzt in Bewegung; das Erheben der Kaiserin war stets das Zeichen, daß die kleine Cour vorüber war, und jedermann sich amüsieren konnte, wie er wollte.

Man sah daher rasch sich Gruppen bilden, die sich zum Teil mit den prachtvollen Albums und Kupferwerken beschäftigten, teils anders unterhielten.

»Was haben Sie da, Fürstin?« fragte die Kaiserin, als die Fürstin Metternich mit einem ganzen Stoß weißer Porzellanteller und Untertassen beladen, aus dem Garderobezimmer der Kaiserin kam, gefolgt von einem Diener, der eine einfache brennende Lampe und eine Schachtel mit Streichhölzern trug.

»Eine neue Kunst, Majestät, die ich neulich in München von einem dieser großbärtigen burschikosen Herren Maler im Salon der Fürstin von Schönburg-Hartenstein gelernt, die sich als Beschützerin der Herren Künstler geriert. Eine allerliebste Spielerei, Grau in Grau, die uns viel Unterhaltung gewähren soll. Sie soll aus dem Klub des berüchtigten Hofbräu stammen, und der Erfinder heißt – beinahe wie Fräulein Halsteen dort – Kalstein.«

»Wie nennen Sie die Kunst?« Es war Gesetz in den Abendunterhaltungen der Kaiserin, daß jeder mit irgend etwas neuem oder seinem Talent zu der Unterhaltung beitrug.

Die hübsche Fürstin Metternich, eine geborene Ungarin, des bekannten tollen Sportsman Grafen Sándor Tochter, hatte sich an einen kleinen Tisch gesetzt, auf dem Teller und Lampe standen. Die Kaiserin setzte sich zu ihr. »Nun, Pauline, wie heißt Ihre Kunst?«

»Nebelbilder haben wir bereits, Majestät, wir wollen sie Rauchbilder nennen.«

»Müssen Sie etwa dazu rauchen?« fragte lächelnd die Kaiserin, »das darf ich heute des Beispiels wegen nicht gestatten – ich glaube, der Kaiser wäre der Erste! …«

Es war bekannt, daß die Fürstin Metternich, die bereits die vertraute Freundin der Kaiserin zu werden begann, trotz des besten Kavaliers ihre Zigarre rauchte.

»Euer Majestät erlauben, wir können den Rauch, den wir brauchen, auf andere Weise präparieren. Meine Damen und Herren,« fuhr sie fort, den Ton der Marktschreier am chateau d'eau parodierend, »Sie erblicken hier einen reinen Porzellanteller, wie ihn die Natur, wollt' ich sagen, die Manufaktur von Sêvres erschaffen hat, rein und unschuldig. Nun halte ich diesen Teller über die Lampe, lasse ihn von dem Ölqualm der Lampe belecken, und siehe da, Sie haben eine totale Finsternis auf diesem unschuldigen Tellerboden, so schwarz wie die Erbsünde oder die Rosenfarbe ist, die Seine Majestät noch immer nicht gefunden haben!«

»Sie sind eine Spötterin, Fürstin,« sagte der Kaiser, lächelnd mit dem Finger drohend, »ich hoffe Sie in diesem Frühjahr mit einem Bouquet schwarzer Rosen zu überraschen.«

»Dann werde ich mir erlauben, eine gelbe hinzuzubinden« sagte die Fürstin galant, »und wir werden einen Strauß gebunden haben, den ich für Frankreich und Euer Majestät schon lange wünsche.«

Der Kaiser lachte: »Aber ohne italienische oder preußische Dornen, wenn ich bitten darf. Was aber nun weiter?«

»Ja, meine Damen und Herren,« fuhr die Fürstin fort, »wenn die Schwärze der Erbsünde so rasch zu tilgen wäre, wie dieser Qualm« – sie fuhr mit einem Tuch über die vom Rauch geschwärzten Stellen – »dann brauchten wir armen Frauen nicht unsere Beichtväter zu bemühen – husch, so wäre der Teller wieder rein, und wir können auf ein neues Portrait für die schwarze Sünde denken; denn meine Damen und Herren, dieser Teller ist in diesem Augenblick nichts anderes, als eine präparierte Leinwand auf der Staffelei, und in diesem Schwefelholz,« – sie zog ein solches aus der Dose – »besitze ich einen Pinsel, der sich mit dem des Herrn von Winterhalter in Hexerei und Geschwindigkeit messen kann, wenn er mir auch nicht so viel einbringen wird, daß ich davon ein Landhaus in Bondy kaufen kann!« Und sie begann mit vielem Geschick das seitdem sehr in Mode gekommene Spiel einer Rauchzeichnung, indem sie den Teller über dem Lampenschwaden drehte und wendete, um je nach Bedürfnis mehr Schatten oder Licht aufzusetzen.

Dann, als sie das Bild, das mit so einfachen Mitteln hergestellt war, zeigte, erklang ein allgemeines Bravo! Vortrefflich! Es war der wohlgetroffene Kopf des Kaisers.

»Allerliebst!« sagte die Kaiserin, »nun, meine Damen und Herren, rasch an die Arbeit!« – und sie verteilte Teller und Schwefelhölzer. In einigen Augenblicken war der ganze Kreis beim Zeichnen.

»Nun, Louis,« sagte die Kaiserin vertraulich, »wollen Sie nicht auch Ihr Talent in der ›schwarzen Kunst‹ versuchen?«

» Pardon! Ich beschäftige mich nicht gern mit einem so unsicheren Elemente. Lassen sich die Zeichnungen nicht fixieren, Frau Fürstin?«

»O, ich glaube wohl; mit einem Lack und nochmaligem Brennen des Porzellans; ich habe gesehen, wie es die Damen in Berlin machen mit ihren Farben-Malereien!«

»Gut; dann will ich morgen diesen Teller nach Sêvres schicken und Ihr Kunstwerk zum Andenken fixieren lassen.«

»Dann erlauben Majestät nur noch ein paar Striche,« und sie nahm ihm den Teller aus der Hand und zeichnete mit einigen Strichen über den Kopf eine schwebende Krone.

»Fertig?«

»Fertig, Sire! Bis auf ein paar Edelsteine im Reif.« Und sie hob den Teller, um ihn nochmals über den Qualm zu halten.«

»Nimm Dich in Acht, Pauline; das Sêvres-Porzellan ist feiner und kostbarer, aber es hält nicht so viel aus wie das Berliner!«

»Wahrhaftig – schade!« Es hatte leicht geknackt; als sie den Teller eilig zurückzog und ihn besehen ließ, hatte der Boden leider einen Sprung erhalten, der über dem Kopf des Kaisers durch die nachträglich gezeichnete Krone lief.

»Tut nichts!« meinte lächelnd der Kaiser, »man macht die Kronen nicht aus Porzellan, sondern aus Metall, und ich bin schon zufrieden, daß die Feuerprobe mir den Kopf ganz gelassen! Bitte, schöne Fürstin, geben Sie her, ich muß wenigstens den Kopf fixieren lassen und zum Andenken behalten.«

Der kleine Zufall schien doch die Lust an dem neuen Spielwerk verdorben zu haben, die Kaiserin erhob sich, und die ganze Gesellschaft beeilte sich, das so eifrig begehrte und bemalte Gerät bei Seite zu setzen.

Fürst Richard Metternich, der österreichische Gesandte und der Gemahl der kleinen überaus zierlichen und pikanten, selbst nur allzusehr gemalten Malerin stand wie zufällig neben dem Kaiser.

»Lassen mich Euer Majestät gnädigst versichern, daß eine österreichische Hand sicher niemals an die Krone Frankreichs tasten wird, im Gegenteil, es ist der Wunsch meines Souverains, sie so fest und – so groß als möglich auf dem Haupt Eurer Majestät zu sehen. Eine Regulierung der deutschen Verhältnisse wird dazu am besten die Hand bieten.«

Der Kaiser warf dem Sprecher einen scharfen Blick zu und trat einen Schritt zurück, der ihn aus der Umgebung des bisherigen Kreises um den Tisch brachte, Herr von Metternich war ihm gefolgt.

Sogleich lichtete sich die Umgebung des Kaisers; der Hof zog sich in die Nähe der Kaiserin, die ein bezeichnender Blick ihres Gemahls getroffen hatte.

»Euer Majestät kostbare Zeit,« sagte der Diplomat, »wollte ich nicht erst durch die Bitte um eine Audienz in Anspruch nehmen und bitte daher um Erlaubnis, Euer Majestät im Auftrage meines Souverains den Dank für Euer Majestät Beistand auszudrücken, der Revolution den Weg durch Dalmatien und Bosnien zur Insurgierung Ungarns und der polnischen Landesteile abzuschneiden.«

»Sagen Sie Seiner Majestät dem Kaiser Franz Joseph, daß ich mich stets freuen werde, Hand in Hand mit ihm zu gehen, und diesen ewigen Agitationen, die uns von jenseits des Kanals herüberkommen, endlich den Kopf zu zertreten.«

»Nach meiner unvorgreiflichen Meinung,« bemerkte der Fürst, »kann das nur an zwei Stellen geschehen.«

Der Kaiser blickte nochmals auf.

»Am Rhein und am Bosporus,« sagte auf den fragenden Blick der Diplomat.

Der Kaiser nickte leicht, ohne zu antworten. Dann sagte er: »Ich weiß, Fürst, daß ich Sie zu den Freunden Frankreichs zählen darf. Ihr Lieblingsgedanke einer Alliance zwischen Frankreich, Österreich und England dürfte dann freilich noch einige Zeit hinausgeschoben bleiben.«

»Mein Wunsch, Sire, ist nur, daß dies nicht zu lange dauern möge. Ich mag Euer Majestät nicht verhehlen, daß diese deutschen Verhältnisse in Wien einige Unruhe verursachen; die Entente zwischen den Kabinetten von Berlin und Petersburg ist noch mehr im Steigen, als es schon unter dem verstorbenen König Friedrich Wilhelm IV. der Fall war.«

»Man hat mir gesagt, daß der jetzige preußische Gesandte in Petersburg ein großer Freund der russischen Alliance wäre. Man müßte ihn von dort weg an einen anderen Ort zu bringen suchen, wo er mehr – wie soll ich sagen – unter paralysierender Beaufsichtigung stände.«

»Herr von Bismarck ist ein entschiedener Gegner Österreichs, auch Graf Rehberg ist davon überzeugt.«

»Um so wünschenswerter wäre es. London oder Paris sind freilich! die einzigen Orte, wohin der König ihn hinsenden würde.«

»Herr von Bismarck,« sagte der Diplomat anscheinend wenig erbaut von der Idee, »hat ja noch nicht den Rang eines Botschafters, kann also auch nach einem anderen Ort gesandt werden – er würde in diesem Augenblicke vielleicht in Rom oder Kopenhagen gute Dienste tun, selbst in Konstantinopel oder Turin.«

Ein leichtes Lächeln flog über das Gesicht des Kaisers, doch verbarg es seine Gewohnheit, die Spitzen des Schnurrbarts zu drehen.

»Sie wissen, Fürst, daß ich im Sommer in das Lager von Chalons gehen werde. Ich hoffe, Se. Maj. den Kaiser Franz Joseph oder doch einen der Herren Erzherzöge dort zu sehen; fragen Sie gefälligst bei Gelegenheit unter der Hand an, ob eine Einladung willkommen wäre. Der König von Schweden wird im Lauf des Sommers Paris besuchen.«

»Ich werde nicht verhehlen, von Euer Majestät wohlwollender Gesinnung Bericht zu erstatten. Euer Majestät wissen nur, daß der Kaiser Franz Joseph in dieser Zeit mit den deutschen Verhältnissen …«

»Ah – die Trias-Idee!« schaltete der Kaiser ein, »Herr von Seebach hat mir sehr angelegentlich davon gesprochen, und ich billige sie vollkommen – es ist ja wohl der Gedanke des Herrn von Beust?«

Es ist die einzig berechtigte Lösung dieser unangenehmen Rivalität am Bundestag,« bemerkte der Botschafter, »und es freut mich, daß sie auch den Beifall Eurer Majestät hat. Aber namentlich sind es auch die auftauchenden Wirren in Ungarn und Galizien, welche die Tätigkeit meines Souverains in Anspruch nehmen werden, nachdem wir über die Drohungen gegen Venetien, Istrien und Südtyrol durch die Zusicherungen des Herrn von Thouvenel beruhigt sind.«

»Ich kann es nur billigen,« sagte der Kaiser, das Gespräch beendigend, »wenn Ihre Regierung sehr energische Maßregeln in Ungarn und den Provinzen an der Adria ergreift. Meine Schiffe bleiben einstweilen vor Ankona stationiert.«

Er wandte sich in der leichten und liebenswürdigen Weise, die ihm im Gegensatz zu der schroffen Manier des ersten Napoleon eigen war, und ihn im Gespräch selbst mit ganz untergeordneten oder abschläglich zu bescheidenden Personen auszeichnete, von dem Botschafter und sprach bald darauf den englischen Gesandten und den großen, ihm persönlich befreundeten, damals grade in Paris sich aufhaltenden Manchestermann Richard Cobden an. Er unterhielt sich mit ihnen über den im Senat eben heftig von dem Admiral Romain Dessosses und Kardinal Mathürin angegriffenen Fischerei-Vertrag mit England, den der Admiral für einen Stoß ins Herz der französischen Marine erklärt hatte, für den die Engländer Herrn Cobden ein Denkmal neben Nelson setzen müßten.

Als die Kaiserin den früheren Kreis verlassen, warf sie sich mit der Behaglichkeit, die auch die vornehmsten Damen bei diesem Thema zu empfinden pflegen, in den sogenannten Tagesklatsch, dem es an einer Menge pikanter Gegenstände nicht fehlte. Schwebte doch außer dem Broschüre-Prozeß mit seinem Anhang von Anekdoten und der Patterson-Klage des Prinzen Napoleon die Angelegenheit des Condéschen Erbes von 60 Millionen, welche die geschickten Intriguen der Marquise von Feuchères dem Hause Orleans in der Person des damals freilich noch sehr jungen Herzog von Aumale gesichert hatten, der Prozeß der Mademoiselle Caillard, und zunächst noch der Prozeß Mirés, der den Einblick in die Fäulnis der Pariser Gesellschaft so kraß enthüllen sollte, daß man ihn und seine Enthüllungen als den Vorläufer der späteren Prozesse gegen Stroußberg, die Wiener Minister-Agiotage und das Berliner Gründertum bezeichnen darf.

Der Prozeß Caillard erregte namentlich die Teilnahme der Damenwelt für die wahrhaft skandalösen Details der Debatten.

Ein erst siebenzehnjähriges spekulatives Mädchen, eine Nichte Eugen Sue's, hatte sich, unterstützt von ihrer unsauberen Verwandtschaft, einem etwas simplen jungen Edelmann aus der Provinz, dem Marquis von Grolie-Virville, an den Hals geworfen und ihn zu einer Heirat vermocht, bloß um sich den Titel einer Marquise zu verschaffen. Gleich nach der Trauung hatte die junge Dame, eine Schönheit ersten Ranges, sich dem Gemahl zu entziehen gewußt und ihn von sich gewiesen, während sie mit ihrem Liebhaber, einem Lion des Jockey-Klubs, auf Reisen ging. Endlich hatte der verliebte und düpierte Ehemann auf Scheidung geklagt, die kirchliche Trennung erlangt und wollte nun vor Gericht der spekulativen Dame das Recht streitig machen, seinen Namen und Titel zu führen. Halb Paris war auf der Seite der Spekulantin und ihres Liebhabers, der in größter Angst schwebte, bei einer gerichtlichen Scheidung die saubere Demoiselle heiraten zu müssen, und die berühmtesten Advokaten, wie der greise Chaix d'Est-Ange, plaidierten in dem Prozeß.

Man hatte eben die Nachricht gebracht, daß am Mittag der Gerichtshof der Seine sein Urteil zu Gunsten der »jungfräulichen« Gattin erlassen, und verhandelte die Details. Die Kaiserin bemerkte, das Interesse der Pariser nehme sie nicht Wunder, nachdem die Gesellschaft erst vor drei Abenden das Skandalstück der Madame de Solms » Quand on n'aime plus trop, l'on n'aime plus assez!« in der Mailandstraße applaudiert habe, als sich der erste Kammerherr, der Sohn des Grand-Maitre ihres Hauses, näherte und ihr einige Worte sagte.

»Sagen Sie Seiner Hochwürden, ich würde ihn sogleich empfangen,« befahl sie und erhob sich, »eine kleine Angelegenheit meines Aumoniers, des Abbé Bauer, meine Damen, und Sie wissen, daß die Kirche und die Armen stets dem Vergnügen vorgehen.«

Sie stützte sich leicht auf den Arm ihrer Oberst-Hofmeisterin, als sie ihrem Kabinett zuschritt. »Wer ist der Prälat?« fragte sie leise den Kammerherrn, »den der Herr Erzbischof zu so ungewohnter Zeit einführt.«

»Seine Hochwürden der Herr Bischof von Auch!«

»Ah, dann ist es etwas anderes und Sie haben Recht getan, ihn zu melden.«

Der Kammerherr öffnete ehrerbietig die Tür des Kabinets, die Kaiserin befand sich vor dem ersten geistlichen Würdenträger von Paris, dem Groß-Almosenier-Kardinal und Senator Morlot, der sich bisher den Interessen des Kaisertums sehr günstig erwiesen hatte, und einem zweiten Geistlichen.

Der Kardinal begrüßte die Kaiserin mit seinem Segen. »Seine Eminenz, der Herr Erzbischof von Auch,« stellte er vor, »ist eben von Rom angekommen und hat sich beeilt, den Segen des heiligen Vaters für Ihro Majestät zu überbringen mit einem Briefe Seiner Heiligkeit für Seine Majestät den Kaiser und einem von Seiner Hand geweihten Gebetbuch für Sie.«

Die Kaiserin reichte dem Erzbischof die Hand. »Ich danke Ihnen, Monsignore, daß Sie keinen Augenblick gezögert haben, mir so kostbare Gaben zuzustellen.«

»Eure Majestät,« sagte der Erzbischof, »würden die Gnade, mit der Sie mich zu empfangen geruhen, noch vermehren, wenn Sie geruhen wollten, das Schreiben Seiner Heiligkeit sogleich lesen lassen zu wollen. Der Heilige Vater hat mich beauftragt, diese Bitte besonders Euerer Majestät ans Herz zu legen. Der Inhalt des Briefes könne ein großes Unglück verhüten, das Seine Heiligkeit und die ganze katholische Christenheit tief betrüben würde.«

Obschon die Kaiserin gewohnt war, in jener Zeit fast täglich mit Klagen von Rom in dieser oder jener Form bestürmt zu werden, blieben die Worte des Kirchenfürsten doch nicht ohne Eindruck. Sie gab sofort mit der auf ihrem Arbeitstisch stehenden Glocke ein Zeichen, worauf die stets in dem Entree der zwischen dem Salon und dem Kabinet der Kaiserin liegenden Antichambre sich aufhaltende Kammerfrau sogleich eintrat.

»Sein Sie so gut, liebe Malaret, Herrn von Tascher zu benachrichtigen, daß ich Seine Majestät sogleich zu sprechen wünsche!«

Die Kammerfrau entfernte sich, und die Kaiserin unterhielt sich einige Augenblicke, das Gebetbuch, das Geschenk des Papstes in der Hand haltend, und sich nach dem Gesundheitszustand des Heiligen Vaters und des Kardinal Antonelli erkundigend, bis der Kaiser eintrat.

»Ah, willkommen, Eminenz!« sagte er freundlich. »Warum haben Sie unsere Soirée nicht beehrt; es wird heute nicht getanzt.«

»Euer Majestät wissen,« sagte der Kardinal, »daß ich durchaus nichts dawiderhabe, erlaubten Vergnügungen beizuwohnen. Aber wir wollten Euer Majestät in keiner Weise stören.«

Die Kaiserin reichte den Brief, den der Prälat auf den Schreibtisch vor ihr niedergelegt hatte, ihrem erlauchten Gemahl. »Vom Heiligen Vater!« sagte sie. »Ich bitte Sie, Louis, lesen Sie ihn sogleich.«

Der Kaiser schien dies nicht für so eilig zu halten, er wandte sich vielmehr zu dem Erzbischof: »Sieh da, Monsignore Delamarre, ich hörte davon, daß Sie nach Rom gereist wären.«

»Ich bin heute von dort zurückgekehrt,« sagte der Prälat, den in der Frage versteckten Vorwurf der unterlassenen Anzeige übergehend.

»Ich muß mich darum bekümmern, Herr Erzbischof, da ich ja ganz besonders zu Ihrem Sprengel gehöre.«

»Zu meiner Diözese, Sire? Ich glaubte, das sei die Diözese des Herrn von Morlot.«

»Auch, Auch!« sagte lächelnd der Kaiser mit seiner Kenntnis der deutschen Sprache ein Wortspiel machend. »Wissen Sie nicht, daß seit Ludwig XIV. alle Souveraine Frankreichs von Rechtswegen auch Kanonici der Kathedrale von Auch sind?«

Der Kaiser annektierte sehr gern die legitimistischen Erinnerungen. »Sire, das ist nicht wahr,« sagte der Kardinal Morlot, »aber Sie wollen sich geneigtest auch erinnern, als ältester Sohn der Kirche nicht vergessen zu dürfen, daß die Souveraine Frankreichs auch Kanonici der Kirche von Sankt Johann im Lateran zu Rom sind.«

Der Kaiser machte bei dieser Lektion ein verdrießliches Gesicht, aber er antwortete nicht.

»Sire,« bemerkte die Kaiserin, die entstandene Pause unterbrechend, »dieser Brief ist von dem Paten unseres Sohnes.«

»Das ist wahr, Madame! Sie erinnern mich zu rechter Zeit.« Er wandte sich nach dem Licht, sodaß er dem Groß-Almosenier den Rücken kehrte, und erbrach den Brief.

Das Schreiben des Heiligen Vaters enthielt die Nachricht von dem neuen Komplot, das Felix Pyat in London zu seiner Ermordung anzettelte, eine Mitteilung, welche die später ermittelten Tatsachen vollständig bestätigten.

Ehe er solche Bestätigungen erhalten hatte, war der Kaiser immer etwas ungläubig und gleichgültig in solchen Dingen, da Warnungen und Entdeckungen von angeblichen Verschwörungen ihm in Unzahl zukamen und sich meist als Spekulationen auf Belohnung erwiesen.

»Wieder eine dieser lächerlichen Verschwörungen,« sagte er lächelnd zu dem Kardinal, »mit denen man mir Furcht einzujagen sucht. Ich sollte meinen, ich habe den Herren nun genugsam bewiesen, daß ich nicht so leicht zu schrecken bin; das Leben der Herrscher steht in Gottes Hand. Nur der eigentümliche Weg, auf dem mir diese Nachricht zukommt, macht sie mir wichtiger, und ich bitte Euer Eminenz, in Ihrem nächsten Bericht an Seine Heiligkeit meinen besonderen Dank für diese freundliche Warnung auszusprechen, was ich bei erster Gelegenheit auch noch selbst tun werde.«

»Wenn die Warnung vor einer Bedrohung Ihres Lebens, Sire, von einer solchen Seite kommt, sollten Sie sie wirklich nicht so leicht nehmen! Sie wissen, die heilige Kirche hat Gelegenheit, viele Dinge zu erfahren, die dem Auge und Ohr des Laien ein undurchdringliches Geheimnis bleiben.«

Der Kaiser lächelte. »Sollten Euer Eminenz es wirklich für möglich halten, daß der alte Verschwörer Blanqui – denn um diesen handelt es sich, wie ich Ihnen ohne weiteres sage – von dem Gewissen der Art gerührt sein sollte, daß er sich in seinem 56. Jahr dem Beichtstuhl zuwendet? Doch ich gestehe, die in der freundlichen Warnung des heiligen Vaters angeführten Details sind wirklich der Art, daß sie wohl Beachtung und Prüfung verdienen. Es wäre sehr natürlich, daß der alte Verschwörer, der seine eigenen Freunde an Taschernau In den Papieren des Julikönigs wurde bei der Plünderung der Tuilerieen ein Dokument gefunden, daß die detailliertesten Enthüllungen über die Complicen Blanquis in den früheren Verschwörungen gegen Louis Philipp enthielt, wegen deren Teilnahme Blanqui mehrfach zu Gefängnis, nach der Emeute vom 12. Mai 1839 mit Barbès vom Pairshof sogar zum Tode verurteilt, von Louis Philipp aber zu lebenslänglichem Gefängnis begnadigt worden, war. Man sagte, diese Enthüllungen habe Blanqui selbst als Preis für seine Begnadigung gemacht, und Taschernau, Mitglied der Constituante und der Legislative (nach dem Staatsstreich Administrator der kaiserlichen Bibliothek) ließ diese Geständnisse seines früheren Agitations-Genossen nach der Demonstration vom 17. März (gegen die Constituante) an der Spitze seiner Revue rétrospective unter dem Titel: »Geständnisse … gemacht vor dem Minister des Innern« erscheinen. verriet, seine zehnjährige Haft in Belle-Isle an mir rächen will, obschon ich wahrhaftig nichts dafür kann. Ich werde den Brief noch diesen Abend an Pietri schicken, nur Ihnen zur Beruhigung, Madame.«

Er wandte sich gegen die Kaiserin, als der Erzbischof rasch auf sie zueilte. »Um Gotteswillen, Ihre Majestät sind unwohl! Rufen Sie um Beistand, Eminenz.«

In der Tat war die Kaiserin auf die Rücklehne ihres Sessels gesunken und schien ohnmächtig geworden, doch hatte sie sich rasch erholt, bevor noch der Kardinal die Schelle erreichen oder der Kaiser die Kammerfrau herbeirufen konnte.

Sie hatte, während der Kaiser den Brief las und mit den beiden Prälaten über den Inhalt sprach, aufmerksam darauf hörend, das in Sammet und Gold gebundene kleine Gebetbuch, eine Gabe, die sie alle Jahre vor ihrem Geburtstage empfing, zwischen den Fingern hin und herbewegt und dabei die goldenen Klammern geöffnet; ihr Auge fiel, als sie das Buch aufschlug, auf einen wie ein Merkzeichen zwischen den Blättern liegenden Papierstreifen, auf dem zwei Zeilen in Chiffreschrift geschrieben waren:

 

»Der Kapitän Don Diaz Cavalho, genannt Don Rosario Gusman befindet sich im Vatikan, so lange E. M. der Interessen der Kirche eingedenk bleibt.«

 

»Es ist unnötig, Sire,« sagte die Kaiserin rasch sich erhebend und das Papier in ihrem Busen verbergend, »die Besorgnis um diese neue Gefahr für Sie hat mich schwach gemacht, aber mit Energie und dem Gebet des heiligen Vaters, unterm Schutz der Kirche, der treuesten Stütze Frankreichs, werden Sie auch diesen Feind besiegen. Ich bitte Sie – beunruhigen Sie die Gesellschaft nicht, mein Befinden ist schon besser.«

Die Energie der Kaiserin schien selbst ihr Äußeres zu beherrschen, und nach einer kurzen Ruhe, in welcher der Kaiser sich auf das Zärtlichste für sie besorgt zeigte, konnte sie sich erheben, um zur Gesellschaft zurückzukehren, obschon der Kaiser widerriet.

»Sire – Sie kennen die Zeitungen – warum unsere Freunde beunruhigen? –« Bereits in der Tür wandte sie sich noch einmal zum Erzbischof zurück: »Wer, Monsignore, hat Ihnen dieses kostbare Geschenk Seiner Heiligkeit für mich übergeben?«

»Seine Eminenz, der Herr Kardinal Staatssekretär sandte es mir noch im Augenblick meiner Abreise.«

»Ich danke Ihnen – und nun, Hochwürdiger, Ihren Segen!«

Die Kaiserin neigte sich graziös und empfing den Segen des Kardinals. Bald nachher verkündete das Rollen der Equipagen, daß der »Cercle« beendet war.

Als der Kaiser auf der eisernen Wendeltreppe, die aus den Gemächern der Kaiserin zu den seinen emporführt, nachdem er noch von der Admiralin Bruat den Bericht über das Befinden des »Kindes von Frankreich« entgegen genommen hatte, nach seinem Kabinet gelangt war, blieb er einige Zeit in ernstem Nachsinnen vor seinem Arbeitstisch, während er den lang entbehrten Genuß der selbst bereiteten Papierzigarette nachholte.

Dann schellte er.

»Ist Monsieur Mocquard noch im Kabinet?«

Herr Mocquard schien stets auf seinem Posten zu sein und trat schon nach wenigen Augenblicken ein.

»Eure Majestät befehlen?«

»Schicken Sie eine Abschrift dieses Briefes an Pietri, eine zweite an den Grafen Flahault und sprechen Sie meine Verwunderung aus, daß ich eine solche Nachricht erst von Rom aus erhalten muß. Dann – und das ist das wichtigste – beauftragen Sie den Prinzen La Tour d'Auvergne, durch unsere gewöhnliche Quelle am Hofe sondieren zu lassen, ob der König Wilhelm geneigt ist, einer Einladung in das Lager von Chalons Folge zu geben? In diesem Fall werde ich die französischen Garden dahin senden. Oder ob er eine Einladung zu den Jagden in Compiegne vorziehen würde? Die Anfrage muß mit der größten Diskretion behandelt werden und mit dem nächsten Kurier abgehen. Gute Nacht, lieber Mocquard; ich denke, wir werden Beide der Ruhe bedürfen.«

Der Kabinetschef entfernte sich.

»Ich wünschte,« sagte der Kaiser leise vor sich hin, »dieser König Wilhelm ließe sich für meine Intentionen gewinnen; er ist mir weit sympathischer, als der Kaiser Franz Joseph, in dessen Natur immer etwas Unsicheres, Unentschlossenes liegt. Das Opfer, das der König bringen würde, kann doch nicht in Betracht kommen, gegen diese Vergrößerung Preußens, die ich ihm bieten kann. Die Trias-Idee ist eine Lächerlichkeit, und Österreich wird sie schwer bezahlen. Der Gedanke eines neuen Rheinbundes paßt in diesem Augenblick nicht mehr für Frankreich, dem nur große Alliancen von Nutzen sein können.«

Er gab das Zeichen für den zur Nachttoilette harrenden Kammerdiener. – – – – – – – –


Es war ein Uhr, als der Wagen der Gräfin Moltke den Tuilerienhof verlassen hatte und die Quais entlang fuhr, da die Gräfin am andern Seine-Ufer in der Nähe des Quais Heinrich VI. eine Freundin absetzen wollte, ehe sie Fräulein Halsteen nach dem Hotel brachte.

Am Pont de la Constantine, dort wo die Schwimmschule des Hotel Lambert liegt, in der Cité, hielt eine Ansammlung von Neugierigen sie auf; der Kutscher parierte die Pferde, und der Lakai trat an den Schlag der über den Verzug ungeduldig gewordenen Dame.

»Was gibts da, Jean?«

»Nichts, Gnaden; man hat eben nur einen Ertrunkenen aus der Seine gezogen.«

Die Damen lehnten sich tiefer in den Fonds zurück, denn ein Paar Männer, umgeben von dem Pöbel, der sich stets des Nachts in den engen Straßen und auf den Brücken der Cité umhertreibt, als hätte die Nähe des Justizpalastes und der Conciergerie eine besondere Anziehungskraft für ihn, begleiteten die Leiche heulend und pfeifend.

»Er kann noch nicht lange im Wasser gelegen haben,« sagte eine Stimme, »der Körper ist ja fast noch warm.«

»Bringt ihn ins Hotel Dieu, vielleicht ist er noch ins Leben zu rufen!«

»Wenn er hätte leben wollen, wäre er nicht in die Seine gesprungen. Fort mit ihm nach der Morgue!«

»Schade um die guten Kleider,« sagte ein Anderer, »die schluckt nun wieder der lange Tom Ein bekannter Wächter der nahegelegenen Morgue.. Es muß ein Fremder sein.«

»Bringt ihn zum Baron Kisseleff Der russische Gesandte. sagte eine tiefe Stimme, »der wird ihn sicher kennen!«

Der Wagen hatte Platz gefunden und fuhr über die Brücke. Fräulein Halsteen hüllte sich fröstelnd in ihren Mantel. »Eine so riesige Stadt,« sagte sie, »hat des Nachts in der Tat etwas Schauerliches.«

Die Pariser Dame, um deren Willen man den Umweg gemacht, und die mit der Neugierde der Pariserinnen und ihrer Liebhaberei für das Aufregende aus dem Fenster der Karosse gesehen hatte, meinte naiv:

»In der Nähe der Inseln De la Cité und Saint Louis, der interessanteste Teil des alten Paris mit seinen reichen historischen, zum Teil schrecklichen Erinnerungen. fehlt es niemals an pikanten Szenen. Schade, es war ein hübscher noch junger Mann mit schwarzen Locken, ich konnte das Gesicht deutlich sehen, als sie unter dem Gas vorüberkamen. Ah – da sind wir zur Stelle! Tausend Dank, beste Gräfin, für die Gefälligkeit!«



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