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Aufsteigende Weiter.

Es war ein schöner Vormittag im April, das Wetter bereits ziemlich warm, und der Kammerdiener hatte das Fenster geöffnet, das aus dem Arbeitszimmer des französischen Kaisers auf die Terrasse gegen den Tuilerien-Garten führte.

Obschon die Stunde noch früh war, wenigstens für die Zeit der kaiserlichen Audienzen – zehn Uhr – bewegte sich doch in dem Garten bereits eine ansehnliche Zahl von Spaziergängern und Flaneurs und namentlich von Bonnen und Kindermädchen, deren Eldorado die Bänke des Tuilerien-Gartens und die Umgebung des Bassins sind.

Der Kaiser saß in seinem Sessel vor seinem gewöhnlichen Arbeitstisch und rauchte eine jener großen schweren Zigarren, die in der Fabrik der Regie eigens für ihn aus direkt importierten kubanischen Deckblättern gefertigt wurden. Der Tisch war mit Briefen, telegraphischen Depeschen unter verschiedenen Briefbeschwerern bedeckt, alle jedoch so geordnet – und es war dies eine der lobenswertesten Angewohnheiten des Kaisers – daß der Inhalt nach unten gekehrt lag. Ihm gegenüber stand der Maler Biot, ihm verschiedene Skizzen und Entwürfe vorlegend, die der Kaiser sorgfältig prüfte. Es waren Zeichnungen zu dem Bilde, das Napoleon bei dem Schlachtenmaler bestellt hatte, und das, anschließend an das mehr berühmte als wertvolle Buch »Das Leben Cäsars«, die Darstellung der Belagerung einer römischen Stadt als Seitenstück zu dem vielbesprochenen Tirème wiedergeben sollte.

Der Kaiser, der in wenigen Tagen 53 Jahre werden sollte, hatte bereits ein etwas schwerfälliges Embonpoint, ohne dick zu sein, und liebte es nicht, viel zu gehen oder zu stehen, obschon er nie gewohnt war, sich körperlichen Anstrengungen zu entziehen, wenn er solche für geboten hielt. Er nahm daher fast alle Paraden zu Pferde ab, machte aber nur selten bloße Vergnügungsritte. Das sehr dunkelblonde, fast braune Haar fing an sich zu lichten, zeigte auch bereits einzelne graue Fäden, die jedoch nicht durch die Hand seines Kammerdieners entfernt werden durften. Sein Lippen- und Kinnbart, dessen Form die ganze französische Armee adoptiert hat, hatte die frühere dunklere Farbe behalten und ebenso das in Grau bis zum Dunkel wechselnde Auge die Gewohnheit, in gewöhnlicher Unterhaltung halb bedeckt von den Lidern und gleichsam träge verschleiert zu sein. Auch die Züge des Gesichts begannen etwas Weicheres, Bequemeres anzunehmen.

»Ich sehe, lieber Biot,« sagte der Kaiser, dessen Stimme etwas Angenehmes, Wohllautendes hatte, »daß Sie trefflich auf meine Intentionen eingegangen sind und die Beschreibung des Vitruv und die Abhandlungen des Professor Justus Lipsius eingehend studiert haben. Indem wir zu unserer Darstellung nicht eine der berühmten Belagerungen des Altertums, wie etwa die von Sagunt, Massilia, Alexandria oder Jerusalem wählten, sondern die einer kleineren Stadt, können wir die Aufgabe des Künstlers mehr auf die Spezialitäten, als auf den großen historischen Hintergrund konzentrieren. Während Sie hier links Raum behalten, in der Entfernung den Angriff durch die Katapulten und Ballisten genügend zu zeigen, haben Sie geschickt den rechten Vordergrund für die Vorbereitungen zum Sturm, durch den turris, den Wandelturm mit der exostra, jener Fallbrücke benutzt, mittels der die Belagerer den Übergang auf die Mauern gewannen, wenn es dem Gegner nicht gelang, mittels der beweglichen an Ketten hängenden Zangen, die harpagones, die Sturmhaken, und die sambuca, die Sturmbrücke, zu zerstören. Aries und tersebra und die Arbeiten unterm Schutz der vineae werden in der Mitte ihren Platz finden. Mocquard wird Ihnen die Zeichnungen geben, die ich von jenen Schutzdächern, den Schildkröten, testudo oder musculús geheißen, entworfen habe, unter denen die Angreifer Schutz gegen die Steinwürfe und Feuertöpfe bei der Annäherung an die Mauern fanden. Es dürfte nach Vollendung Ihres vielversprechenden Bildes in der Tat interessant sein, eine ähnliche Darstellung der Hilfsmittel einer Belagerung während des Mittelalters, etwa zur Zeit der letzten Kreuzzüge, zu geben; aber wir sprechen wohl später über diesen Gegenstand, denn leider, lieber Biot, bin ich gezwungen, Sie jetzt zu entlassen, da meine Zeit heute sehr beschränkt ist und ich Sie nur nicht mit Ihren schönen Skizzen vergebens hierhergekommen sein lassen wollte. Also auf Wiedersehen! Mocquard wird Sie die Stunde wissen lassen, die ich wieder meiner Erholung widmen darf.«

Der Maler hatte seine Zeichnungen zusammengepackt, machte eine ehrerbietige Verbeugung und entfernte sich, von dem Kaiser mit wohlwollendem Gruße entlassen.

»Und nun,« sagte der Kaiser, »zu anderen Dingen, bei denen wir die Mechanik der Alten freilich nicht mehr brauchen können, da Pulver und Dampf jetzt entscheiden, wenn auch die Taktik Cäsars für die Schlachten dieses Jahrhunderts, wie mein großer Oheim genugsam bewiesen hat, noch immer ihren Wert behalten hat.« Er ließ den Hammer einer kleinen silbernen Glocke zweimal aufschlagen; gleich darauf wurde die schwere, die Tür zum Zimmer seines vertrauten Sekretärs und Kabinets-Chefs Mocquard bedeckende Portiere auseinander geschoben und dieser trat ein.

Herr Mocquard, der langjährige Vertraute des Kaisers, der Dichter jener damals auch auf die deutschen Bühnen übergegangenen Juden-Tragödie, die auf den Wunsch des Kaisers nach dem Zeitungsskandal des Mortara-Falles, der jüdischen Geldherrschaft in Paris gewisse Konzessionen machen sollte, trat ein. Er war etwa fünf Jahre älter als der Kaiser, trug die Haare kurz geschnitten, und das scharf geformte Gesicht hatte den Ausdruck einer gewissen vorsichtigen Gleichgültigkeit und behäbigen Lebensanschauung, die den guten Dingen des Lebens wohl Rechnung trägt, ohne ihnen jedoch allzuviel Wichtigkeit beizumessen. Er war dabei einer der wenigen einflußreichen Männer aus der Umgebung des Kaisers, der sich ganz fern von der seit einigen Jahren auf diesen politischen Einfluß spekulierenden Börsen-Agiotage gehalten hatte, ein Verdienst, das er, gegenüber der bis in die höchsten Kreise gedrungenen Käuflichkeit, nur mit dem Grafen Persigny, dem jetzigen Minister des Innern, teilte, und das ihm bei dem kürzlich ausgebrochenen Prozeß Mirès und all den Enthüllungen über die getriebenen Schwindeleien in der öffentlichen Meinung sehr zu statten kam.

»Biot,« sagte der Kaiser, »indem er eine aufgeschlagene, auf dem Tisch liegende Broschüre in die Hand nahm, »hat mir in der Tat eine ganze halbe Stunde geraubt, die wir jetzt einbringen müssen. Welche bewilligten Audienzen liegen vor und welche werden verlangt?«

»Marschall Graf Ornano,« berichtete der Geheim-Sekretär, »Kapitän Boulbon

»Graf Boulbon,« berichtigte mit leisem Lächeln der Kaiser.

»Der dänische Gesandte, Graf Moltke-Haitfeld, mit dem Konferenzrat Halsteen, sowie der mexikanische Gesandte Senor Don de la Fuente. Euer Majestät wollen Sich erinnern, daß Sie selbst den Herrn Grafen von Morny beschieden, und noch einige unbedeutende Persönlichkeiten. Indes …

»Nun?«

»Der Herr Minister des Auswärtigen, Senator Thouvenel ist in dem Antichambre!«

»Thouvenel? – Aber es ist nicht sein Tag!«

»Der Herr Minister bittet um außerordentlichen Vortrag, er sagt mir, es sei wichtig, Lord Cowley sei gestern im Hotel des Auswärtigen gewesen.«

»Ah – und er sagt, es sei wichtig?«

»Seine Exzellenz versicherte es mich!«

»Dann hat er natürlich den Vorgang. Doch zuvor noch einiges, Mocquard. Rapportieren Sie mir kurz über den Inhalt der Morgen-Zeitungen!«

Der Chef der Privat-Kanzlei des Kaisers warf einen Blick auf einen schmalen Papierstreifen, den er um den Zeigefinger der linken Hand gewickelt hatte.

»Natürlich sind die Blätter noch immer voll von dem Ereignis des Tages, der Broschüre, die Euer Majestät da in der Hand halten!«

»Ah! Lettre sur l'histoire de France! Von Henry d'Orleans? Haben Sie den Bericht der Polizei und des General-Prokurators, wie es gekommen, daß die Konfiskation nicht sofort erfolgte?«

»Die Orleanisten – und sie haben, nachdem die »Debats« ihnen aus der Hand gegangen, noch genug Blätter zu ihrer Disposition – und die etwas unvorsichtig dem Herrn Bonnet konzessionierte France centrale, das neue Organ der Herren Thiers, Guizot, Villemain usw. debütiert mit der Nachricht, – rühmen sich der Dupage ganz offen. Die Broschüre des Herrn Herzogs von Aumale ist, wie Euer Majestät gesehen, in Germain la Haye gedruckt, die gesetzmäßigen Exemplare sind auch in aller vorgeschriebenen Form bei der Präfektur der Seine und Oise deponiert worden, und durch den harmlosen Titel ließ man sich leicht verleiten, die Autorisation des Verkaufs zu erteilen. Darauf scheint man gerechnet zu haben, wenn bei der Intrigue nicht noch Bestechung im Spiel war, kurz, alles war wohl vorbereitet, und noch mit dem Abendzuge erfolgte die Versendung der Exemplare nach allen größeren Städten Frankreichs in Tausenden. Die Beschlagnahme des General-Prokurator kam um 24 Stunden zu spät.«

»Hm!« meinte der Kaiser, einen starken Zug der Zigarre langsam von sich blasend – »Die Lektion könnte im Grunde meinem Herrn Vetter nicht schaden für den unverschämten Artikel der Opinion nationale und des Siecle! Die Organe des Prinzen Napoleon. gegen das Müratsche Manifest und seine Kandidatur in Neapel. Es gehörte nicht viel Verstand dazu, um zu wissen, daß es den Zwecken der Regierung dienen sollte. Ich wette, daß man in Schloß Buzenval Wohnsitz des Prinzen Joachim Mürat. ziemlich erfreut gewesen ist über die Broschüre.«

Der Kabinetschef lächelte: »Ohne Zweifel,« sagte er. »Die belgischen und englischen Blätter erklären nur die Broschüre weniger gegen den Prinzen, als gegen die Regierung Eurer Majestät gerichtet!«

Der Kaiser sah ihn fragend an.

»Als Antwort auf die Artikel der » Patrie« gegen England wegen der Beteiligung der Orleans an dem Begräbnis der Herzogin von Kent!«

Der Kaiser wandte rasch den Kopf nach ihm hin. »Und bezieht sich auf diesen Gegenstand auch die Unterredung Lord Cowleys?«

Der Vertraute zuckte die Achseln. »Ich fürchte, nein!«

»Weiter! Was sagen die Blätter in Betreff der Erlasse des Justizministers an den General-Prokurator gegen den Klerus?«

»Die Presse des Palais Royal triumphiert natürlich darüber. Die Organe des Herrn Prinzen und des Grafen Cavour sehen darin die Einleitung zu der Anerkennung des Königreichs Italien.«

»Ah – Seine kaiserliche Hoheit bedarf einiger Dämpfung. Lassen Sie die Frau Fürstin von Eßlingen dafür sorgen, daß noch heute eine Einladung nach Buzenval zu den Empfangsabenden der Kaiserin, abgeht. Ich werde mit Ihrer Majestät darüber sprechen. Doch – Sie wollten zu dem Gegenstand noch etwas bemerken, wie mir schien.«

»Seine Eminenz, der Herr Erzbischof von Paris, läßt heute in seinem Organ, dem » Ami de la religion«, erklären, daß die Behauptung der Departements-Presse, er habe den Klerus seiner Diözese zu größerer Mäßigung in den Reden aufgefordert, völlig unwahr sei. Der Klerus von Paris erkenne die ganze Ausdehnung seiner Pflichten und erfülle sie mit Gewissenhaftigkeit. Es sei daher unmöglich, daß irgend ein Rundschreiben der Zivilbehörden seine Haltung ändern könnte!«

Der Kaiser biß sich auf die Lippen. »Und das auf die unverschämten Predigten der Dominikaner! Das ist ein Angriff, und ich glaubte bestimmt, auf diesen Morlot rechnen zu können. Er wäre die geeignete Persönlichkeit für die Bildung eines gallikanischen Episkopats gewesen. O, dieses Rom! – Lassen Sie Marschall Randon wissen, daß ich wünsche, der Abgang der Verstärkungen für Rom aus Toulon möge vorläufig noch verzögert werden.«

Der Geheimsekretär verbeugte sich. »Ihre Majestät wünschten auf Briefe von Rom die Beschleunigung …«

Das feine, dem Kaiser eigentümliche, diplomatische Lächeln zog über sein Gesicht; er drehte eifrig die steifen Spitzen seines Schnurrbartes. »Lassen Sie es gut sein, Mocquard, Ihre Majestät versteht von Einschiffungs-Vorbereitungen nichts – sprechen Sie immerhin mit Randon. Wissen Sie vielleicht, ob Seine kaiserliche Hoheit bereits den Obersten Lamorte oder einen anderen Adjutanten nach London abgeschickt hat?«

»Nach London?«

»Nun ja – natürlich um den Herzog von Aumale zu fordern?«

Der Geheimsekretär sah seinen hohen Herrn an ein Lächeln zuckte ganz unverhohlen über sein Gesicht. »Euer Majestät belieben zu scherzen!«

»Zum Henker, gewiß nicht! Meinen Sie nicht auch, Mocquard, daß es das Anständigste wäre? Aber freilich, dazu gehört persönliche Kourage, und mein seliger Onkel Jerome besaß diese gerade nicht in sehr hohem Grade, konnte sie also auch nicht vererben. Ich bin demnach in der Tat neugierig auf den Schachzug, mit dem er sich aus der Affäre zu ziehen gedenkt. A propos! Laden Sie doch Herrn von Dallwigk ein, nächstens Paris zu besuchen, damit ich ihm für seinen schmeichelhaften Toast auf mich bei dem Fest in Baden-Baden zur Eröffnungsfeier der Straßburger Rheinbrücke persönlich danken kann! So, lieber Mocquard, nun bin ich au fait oder wenigstens in der Stimmung, haben Sie die Güte, den Befehl zu geben, Herrn von Thouvenel einzuführen, und bitten Sie die anderen Herren, welche schon erschienen sind, sich etwas zu gedulden!«

Der Kabinetschef entfernte sich; der Kaiser strich sich mit der Hand leicht über das Gesicht. »Bei der Zähigkeit und Anmaßung dieser englischen Nation und ihrer Presse,« sagte er vor sich hin, »war es eine verfehlte Hoffnung, ihnen das Übergewicht Frankreichs und seinen Anspruch auf die Leitung der Weltlage durch unsere Rolle in der Krim und China klar zu machen. Es war ein Fehler, Rußland zu Gunsten dieses England zu schwächen, und ich muß daran denken, ihn wieder gut zu machen. Ich ahne einen neuen Schachzug Palmerstons gegen mich! Sollten nicht dieser entbrennende Kampf zwischen den amerikanischen Nord- und Südstaaten und die Verwickelungen in Mexiko dazu Veranlassung geben? Eine Hineinziehung Englands in diesen Zwist würde in jedem Fall von großem Vorteil fein und Rußland und Frankreich freie Hand im Orient und im Mittelmeer lassen. Nous verrons!«

Der Huissier öffnete die Tür nach dem Antichambre. »Seine Exzellenz, der Herr Minister des Äußeren!«

Senator Thouvenel, der seit dem Januar des vergangenen Jahres (1860) das Ministerium des Auswärtigen leitete, trat ohne das gewöhnliche Portefeuille bei den Vorträgen mit sich zu führen, ein und machte seine Verbeugung. Der Kaiser, der seine Zigarre weggelegt, trat ihm entgegen und reichte ihm die Hand. »Guten Morgen, Herr Senator,« sagte er, »Mocquard hat mir bereits gesagt, daß Sie mir eine dringende Mitteilung zu machen haben, obschon er mir den Gegenstand nicht bezeichnen konnte. Handelt es sich vielleicht um die italienische Frage?«

»Zu Befehl, Sire!«

»Lassen Sie uns zuerst Platz nehmen; bitte!« Er wies nach einem der Sessel, deren mehrere um den Tisch standen. »Doch, bevor wir an Ihre Mitteilung gehen, ist es Ihnen möglich, mir, ohne Ihre Notizen zur Hand zu haben, eine kurze Skizze zu geben, wie wir mit der Regierung des Königs Victor Emanuel in diesem Augenblick stehen? – Welche Anerkennungen sind eigentlich bis jetzt erfolgt?«

»Nur von seiten Englands und der Schweiz am 30. März. Heute Morgen erhielt ich ein Telegramm von Herrn Bourée in Athen, daß auch Griechenland der Anerkennung beigetreten ist.«

»Es wird Herrn Cavour alles nichts nützen, so lange die unsere nicht erfolgt ist. Wie stehen die geheimen Unterhandlungen mit ihm?«

»Sie waren vorgestern so weit gediehen, daß ich Euer Majestät den Vorschlag machen wollte, den Ritter Nigra offiziell damit bekannt zu machen.«

»Also der König willigt in die Abtretung der Insel Sardinien?«

»Als Preis der sofortigen Anerkennung und gegen die bestimmte Verpflichtung, unsere Truppen binnen sechs Monaten aus Rom und Civita vecchia zurückzuziehen. Nur bedang Graf Cavour sich aus, daß die Abtretung von Sardinien erst nach der Inthronisation König Victor Emanuels in Rom und der Unterzeichnung der Alliance gegen Österreich für die Okkupation von Venetien erfolgen soll.«

»Zugestanden! Zugestanden! Wir haben in diesem Augenblick wenig Rücksicht auf Österreich zu nehmen, und wenn wir ihm Triest lassen und den Plänen der Herren Garibaldi und Kossuth aus Dalmatien und Ungarn entgegen treten, wird weder Rußland, noch der liebe Deutsche Bund, oder vielmehr Preußen eine Veranlassung haben, sich Österreichs gegen uns anzunehmen. Aber wie ist das, Herr Minister, – wenn ich recht gehört, sprachen Sie immer im Imparfait – hat sich denn etwas in der Sachlage geändert und zieht man die Offerten zurück? Die Proteste der Herren Mazzini und Garibaldi werden doch weder Herrn Cavour, noch uns viel kümmern!«

»Ich habe bereits Euer Majestät wissen lassen,« sagte der Minister mit einigem Zögern, »daß Lord Cowley, der englische Gesandte, mich gestern Abend besucht hat.«

»Nun – was wollte er?«

»Nachdem Lord Cowley die Differenzen in Syrien erwähnt und sich über die Haltung unserer Presse im allgemeinen beklagt hatte, erwähnte er, daß unsere Rüstungen im englischen Publikum verschiedene Besorgnisse zu erregen begonnen hätten …«

»Sie hätten ihn auf die wohlbekannten Arbeiten im Arsenal von Woolwich verweisen sollen.«

»Euer Majestät werden mir Zutrauen, daß ich dergleichen nicht übersehen haben werde.«

»Also weiter!« Der Kaiser drehte nach seiner Gewohnheit die Spitzen des Bartes und schloß die Augenlider.

»Schließlich erklärte Cowley, – und das war offenbar der Zweck seines Besuches – daß sich in England das Gerücht verbreitet habe, das französische Kabinet unterhandle mit Italien wegen Abtretung eines neuen Besitzes und zwar der Insel Sardinien. Viscount Palmerston, sowie Lord Russell wären zwar von der Grundlosigkeit dieses Gerüchts überzeugt, indes wäre leicht vorauszusehen, daß die öffentliche Meinung gegenüber dem Desaveu, welches im vorigen Jahre den Verhandlungen von Plombières in Betreff der Abtretung von Nizza und Savoyen gegeben worden sei, durch die Erklärung des Kabinets werde beruhigt werden müssen, daß zu einer Besorgnis in Betreff einer vermehrten Machtstellung im Mittelmeer gar keine Veranlassung vorläge; denn weder Frankreich noch Italien würden den Wunsch hegen, daß England zu seiner eigenen Sicherstellung die Insel Sizilien okkupiere, was doch in einem solchen Fall unausbleiblich werde geschehen müssen.«

Der Kaiser schlug die Hände auf einander und öffnete groß die Augen. »Was doch Lord Cowley nicht alles weiß! Ich möchte wohl fragen, mit welchem Recht England in einem Binnenmeer der romanischen Völker Gibraltar, Malta und Corfu besitzt! – Ah Corfu – wir wollen uns das merken!« Er hatte sich erhoben und maß mit schweren Schritten das Gemach. »Und was haben Sie der englischen Anmaßung geantwortet, Herr Minister?«

»Ich glaube, im Sinne Eurer Majestät gehandelt zu haben, indem ich erklärte, daß keine solche Abmachungen vorlägen, das Geschwätz in England – mir seien allerdings noch keine solche Gerüchte in der englischen Presse zu Augen gekommen – möge sich also nur beruhigen. Was aber den Gedanken selbst beträfe, so könnte ich darin durchaus keine Gefahr für Störung des Friedens und unser Einverständnis sehen, da es bekannt sei, daß England den beiden letzten bourbonischen Königen von Neapel durch Lord Minto seiner Zeit sehr dringende Offerten über eine Okkupation Siziliens habe machen lassen; daß es Aden, ohne uns zu fragen, in Besitz genommen habe, und daß Lord Russel zwar das Prinzip der Nationalitäten und der Volksabstimmungen in Italien sehr energisch in Schutz genommen habe, keineswegs aber dasselbe für die jonischen Inseln gelten lassen zu wollen scheine! Was die Insel Sardinien anbeträfe, so gehöre sie eigentlich von Natur zu Korsika, obschon ihr Besitz keineswegs von einem solchen Wert sei, daß er einen Krieg zwischen sonst befreundeten und einander unterstützenden großen Nationen rechtfertigen könne!«

»Bravo, bravo, Herr von Thouvenel!« sagte der Kaiser, den Minister, der bei dem Aufstehen des Kaisers sich gleichfalls erhoben hatte, auf die Schulter klopfend, »Ihre Antwort, ebenso diplomatisch als männlich, hat meinen ganzen Beifall. – Und wie nahm Lord Cowley Ihre Abweisung auf?«

»Lord Cowley, Sire, wäre nicht der alte und gewandte Diplomat, wenn er sich nicht vollkommen mit dieser Erklärung zufrieden gestellt gezeigt hätte, ja, er ließ im weiteren Laufe des Gesprächs sogar durchblicken, daß man in England vielleicht gar nicht so abgeneigt sein würde, sich mit einer solchen Abtretung einverstanden zu erklären, wenn unsererseits einer Arrondierung des afrikanischen Küstengebiets durch die Erwerbung eines Hafens in Egypten kein Hindernis in den Weg gelegt würde.«

Der Kaiser lachte hell auf. »O, über den Fuchs Palmerston! Alter Pam, alter Pam! Schau, nachdem man in dem albernen englischen Dünkel das Projekt des Herrn von Lesseps hochmütig von der Hand gewiesen und jetzt eingesehen hat, welchen Fehler man damit begangen, wäre John Bull die bequeme und billige Erwerbung des Eingangs jenes künftigen Weltkanals ganz genehm! Das ist der Kernpunkt der britischen Politik von jeher gewesen, von ferne zuzuschauen, wenn andere Leute sich mühen, und durch die Erwerbung von Meerengen und See- und Flußmündungen sich die Früchte zu sichern. Hätten wir kein Veto eingelegt, so wären sie jetzt im Besitz der Dardanellen und neuerdings der Peiho-Mündung. Aber ehe Frankreich eine solche Spekulation im Mittelmeer zugeben kann, wird es lieber auf den unbedeutenden Erwerb von Sardinien verzichten!«

»Also auch Italien auf den Erwerb von Venetien?« fragte der Minister mit einem scharfen Aufblick.

»Sie sagen ganz richtig, also auch Italien auf Erwerb von Venetien und Rom, wenigstens durch den Beistand französischer Waffen; wir haben keinerlei Veranlassung unser Verhältnis zu Österreich zu stören. Herr Cavour mag die Strafe für seine Zweizüngigkeit nur immer hinnehmen, denn es ist nicht schwer zu erraten, woher die englische Einmischung kommt. Ich wünschte nur zu wissen, wie weit mein werter Herr Vetter im Palais Royal dazu die Hand geboten hat?«

»Und die Anerkennung des Königreichs Italien?«

»Es ist vorläufig nicht so eilig damit. Empfehlen Sie doch dem Herrn Herzog von Grammont eine freundliche Haltung gegen den König Franz, natürlich ohne ihm irgend Hoffnungen zu erregen, denn das fait accompli läßt sich nicht ändern, und über kurz oder lang muß doch die Anerkennung erfolgen. Wie schloß denn die Unterredung?«

»Als ich natürlich Lord Cowley fragte, ob ich seine Andeutungen als eine offiziöse Eröffnung anzusehen habe, zog er in aller Eile zurück, wollte keinerlei Ermächtigungen von seinem Kabinet dazu haben und bezeichnete seine Mitteilungen bloß als in unserem Gespräch hingeworfene eigene Ideen!«

»Man kennt dergleichen – es soll dem alten Fuchs Palmerston wenig helfen und England dafür zum mindesten seine angemaßte Souveränität über die jonischen Inseln los werden. Wenn ich mich recht erinnere – wer erzählte doch kürzlich von einem alten Führer der jonischen Opposition und eingefleischten Feinde Englands, der auch in dem indischen Aufstand die Hand im Spiele gehabt? – richtig, der junge Boulbon, – das trifft sich ja wie bestellt. – A propos, lieber Herr von Thouvenel, können Sie mir flüchtig die gegenwärtigen Verhältnisse von Mexiko skizzieren? Ich habe da eine ganz eigentümliche Offerte bekommen, die mit dem früheren Argonautenzug des Vaters diesen junges Mannes zusammenhängt.«

»Eure Majestät werden sich erinnern, daß ich die Ehre hatte. Ihnen die Denkschrift des Herrn Bischof von Puebla de Labastida, des mexikanischen Gesandten in Rom, die er durch Vermittelung des Monsignore Corpasini im vorigen Herbst übersandte, vorzulegen über die Schädigungen der katholischen Kirche durch den gegenwärtigen Präsidenten Juarez.«

»Und was will der mexikanische Gesandte da von mir? War er bei Ihnen?«

»Herr von Saligny, unser Gesandter in Mexiko, beklagt sich schon seit längerer Zeit über die Schwierigkeiten, die man unserem Handel in den Weg legt, und daß die französischen Kaufleute in Veracruz, Mexiko und Puebla keinen Schutz bei den Gerichten finden für ihre Forderungen. Das ganze Land scheint weiter nichts mehr zu sein, als ein Lager von Räuberbanden. Herr de la Fuente bittet fortwährend um Nachsicht, und ich habe ihn an Euer Majestät verwiesen.«

»Nun gut, so will ich ihn empfangen! Daß sich der Liberalismus schon in Mexiko rührt und sich mit Rom in den Haaren liegt, ist in der Tat eine beachtenswerte Erscheinung!«

»Euer Majestät sehen dieselbe in noch stärkerer Weise in den südamerikanischen Freistaaten, selbst in Brasilien sich wiederholen – es zeigt sich überall eine große Bewegung gegen die Jesuiten.«

»Gut, gut!« sagte lächelnd der Kaiser. »Das geht mehr Ihre Majestät an, die ist als geborene Spanierin nun einmal eine Protektorin der guten Brüderschaft des Pater José und der werten Schwester Patrocinio. Ich bin in der Tat neugierig, zu sehen, wie lange der Schwindel da drüben jenseits der Pyrenäen noch dauern wird. Ich wünschte, all' das kommunistische und sozialistische Gesindel, das uns England über den Kanal schickt, ginge nach Spanien, statt nach Frankreich. Also Dank, Herr von Thouvenel, und auf Wiedersehen!«

Eine leichte Handbewegung gab das Zeichen der Entlassung und der Senator empfahl sich.

Der Kaiser wandte sich nach der Tür zu seinem Geheimsekretär. »Ich sehe immer mehr ein, welchen Fehler ich gemacht, dieses England gegen Rußland zu unterstützen. Aber es muß einen Weg geben, einzulenken, und die polnische Frage ist eine vortreffliche Gelegenheit dazu, wenn Kaiser Alexander wirklich die gemeinsame Aktion im Orient zurückweist – vor der Hand! Denn auf die Dauer wird Rußland doch nicht darauf verzichten können. Ich will mit Morny ausführlich sprechen und ihn fragen, ob er auf seinen alten Posten nach Petersburg zurückkehren will! – Lieber Mocquard, kommen Sie noch einen Augenblick zu mir!«

Der Kabinetschef trat sogleich ein.

»Sorgen Sie gefälligst dafür,« sagte der Kaiser, »daß die Presse mit ihrem Lärm gegen Österreich wegen der Ausweisung der zwei oder drei französischen Reporter aufhört, die sich von der Enthüllung des Denkmals Manins Der Diktator von Venedig 1849 in Mailand, was doch offenbar nur eine Demonstration der Italianissimi gegen Österreich war, nach Venedig begaben, um dort zu spionieren. Zum Teufel, jede Regierung muß doch wohl das Recht haben. Fremde aus ihrem Gebiet zu weisen, deren Anwesenheit dem Staat gefährlich scheint. Persigny hat das ganz mit Recht betont, als er diesen Vagabonden, den Walachen Ganesco, mit seiner Revue du Dimanche fortjagte.«

»Der Bursche ist in der Tat nur ein Gauner, der mit seinen Skandalartikeln Geld erpressen will,« sagte der Geheimsekretär. »Jetzt schimpft und droht er von Brüssel aus.«

Der Kaiser zuckte die Achseln. »Das zweite, um was ich Sie bitten wollte, ist, sich genau über die staatsrechtlichen Verträge und Verhältnisse zu informieren, unter denen das Protektorat der jonischen Inseln aus den Händen Rußlands an England kam, und über die Klagen, die das jonische Parlament ergebt. Es müssen eine Anzahl Artikel peu à peu in den französischen und auswärtigen Blättern erscheinen, welche die Rechte der jonischen Republik behandeln und vom Standpunkt der Nationalitäten aus ihr Recht zur Einverleibung in Griechenland unterstützen. Ich werde vielleicht in die Lage kommen, einen Agenten dahin zu senden. Grammont, der in Rom Gelegenheit dazu gehabt zu haben scheint, hat das versäumt. Sorgen Sie jetzt gefälligst, daß die Herren Gesandten gemeldet werden, nach ihnen der Marschall und der Kapitän Boulbon.«

Der Kaiser hatte wieder Platz genommen an seinem Tisch. Der erste, der gemeldet wurde, war der Gesandte der mexikanischen Republik, Chevalier Don José de la Fuente.

Senor Fuente war erst im Februar zum Gesandten am französischen Hofe ernannt worden und seine Stellung in der Tat eine äußerst schwierige, da er von der neuen liberalen Regierung in Mexiko ernannt worden war, die sich unter Juarez am 11. Januar in der Hauptstadt selbst etabliert hatte, nachdem der Gegenpräsident der klerikalen – konservativen – Partei: Miramon durch den General Ortega am 22. Dezember (1860) bei S. Miguelito vollständig geschlagen und vertrieben worden war. Präsident Juarez hatte sofort vollständige Religionsfreiheit verkündet, dem päpstlichen Nuntius und dem spanischen Gesandten ihre Pässe zustellen lassen, den Erzbischof und die Mehrzahl der Bischöfe Landes verwiesen. Auch der französische Gesandte de Saligny und der britische Sir Charles Wyke standen, wie oben erwähnt, bereits in Konflikten mit der neuen Regierung.

Der Kaiser trat dem Gesandten einen Schritt entgegen und begnügte sich, die ehrerbietige Begrüßung kurz, wenn auch in der allerstrengsten Form diplomatischer Höflichkeit zu erwiedern. Alles andere war an ihm in diesem Augenblick verschwunden, er war einzig der Souverän eines mächtigen Staates, in dessen Rede jedes Wort von Bedeutung und Gewicht ist. Ohne die Anrede des Gesandten abzuwarten, nahm er selbst sofort das Wort.

»Mein Herr,« sagte er kalt, fast hart, »es ist mir lieb, Sie zu sehen, um Ihnen einiges im Interesse Ihrer Regierung sagen zu können, über das mein Minister des Auswärtigen mir schon wiederholt Vortrag gehalten hat. Ich verkenne keineswegs die Schwierigkeiten in der Lage Ihrer gegenwärtigen Regierung, indessen hat doch das mit Ihnen in Verbindung stehende Ausland auch das Recht, zu fordern, daß die vorhandenen Wirrnisse baldigst geschlichtet und eine gewisse Rechtssicherheit hergestellt werde. Ich verkenne durchaus nicht das Recht des Herrn Präsidenten Juarez, vollständige Freiheit und Berechtigung aller Religionsbekenntnisse in Mexiko zu proklamieren, ja, ich freue mich dieser Humanität, die ja gleichfalls einen Grundsatz meiner Regierung bildet, aber diese Emanzipation – denken wir darüber, wie wir wollen – darf keineswegs zu einer Mißhandlung der katholischen Kirche, deren natürlicher Schirmherr in allen Erdteilen Frankreich ist, und zu brutalen Beraubungen der Kirche und ihrer Diener führen. – Es bestehen ferner geordnete Verträge zwischen Frankreich und Mexiko über die Handelsverhältnisse zwischen beiden Nationen und den Rechtsschutz und die Sicherheit, welche die Angehörigen des einen Staates in dem anderen zu fordern haben. Diese Berechtigungen sind nach der Anzeige meines Gesandten seit längerer Zeit auf das Gröblichste verletzt worden. Ich bitte Sie, Herr Gesandter, Seiner Exzellenz dem Herrn Präsidenten Juarez, dem ich die besten Erfolge wünsche, darüber Vorstellungen machen und ihn darüber nicht in Zweifel lassen zu wollen, daß Frankreich, ohne sich in die inneren Verhältnisse Ihres Landes einmischen zu wollen, doch keineswegs zugeben darf, daß die uns verbindende Kirche mißhandelt werde und französische Untertanen jedes Schutzes ihres Eigentums und ihrer Person ferner entbehren. Ich wünsche, daß Sie mir recht bald die Mitteilung werden machen können, daß Ihre Regierung diesen Übelständen genügend abgeholfen hat, und, indem ich Sie meines persönlichen Wohlwollens versichere, hoffe ich Sie dann wiederzusehen.«

Die Sprache des Kaisers war so ernst und dominierend, daß der verblüffte Diplomat nicht wagte, ein Wort der Entschuldigung zu sagen, und, die Entlassung begreifend, sich mit einer tiefen Verbeugung entfernte.

Der Kaiser setzte sich wieder nieder und drehte nach seiner Gewohnheit den Bart.

»So – das wäre abgemacht! Und sollte es sich wirklich lohnen, auf die abenteuerlichen Mitteilungen des Herrn von Montauban einzugeben, so wäre da eine Gelegenheit angebahnt. So, da ich nun einmal im Zuge bin, wird es am besten sein, auch gleich die andere Sache abzumachen. England verläßt sich darauf, daß ich Hand in Hand mit ihm gehen soll, schließlich in seinem Interesse mit diesem lieben deutschen Bund mich überwerfen und die Kastanien aus dem Feuer holen werde. Eine kleine Enttäuschung als Revanche kann nicht schaden.«

Er schlug einmal an die Glocke – das Zeichen für den Huissier – der sofort erschien.

»Lassen Sie den Herrn Gesandten von Dänemark eintreten!«

Der Huissier öffnete anmeldend die Tür, und der Kammerherr Graf Moltke-Haitfeld trat ein, gefolgt von dem Konferenzrat Halsteen, in außerordentlicher Mission Seiner Majestät des Königs von Dänemark, und dem Legationsrat Johannes Hansen.

Das Aussehen des letzteren hatte sich wenig oder gar nicht verändert seit der Zeit, da er seine Missionsreise an Bord der Aurora angetreten hatte; noch immer das frühere ruhige, kalte Gesicht, der diplomatisch spürende Blick, vielleicht nur noch feiner, besonnener durch die seitdem erlebten Erfolge und Mißerfolge.

Als der Kaiser sich diesmal erhob und dem Gesandten und seinen Begleitern entgegentrat, geschah es in weit zuvorkommenderer, verbindlicherer Weise, als es bei dem mexikanischen Minister der Fall gewesen war. Er reichte dem Kammerherrn Grafen Moltke die Hand, verbeugte sich auf das höflichste gegen die beiden anderen Herren und erkundigte sich bei dem Gesandten nach seiner Gesundheit und seiner Familie.

»Erlauben Euer Majestät mir, die beiden Herren Ihrer Gnade zu empfehlen und sie vorzustellen.« Er tat es, und der Kaiser lud alle drei mit einer Handbewegung zum Sitzen ein. »Sie sehen, Herr Graf, ich entspreche Ihrem Wunsche, Sie nicht in großer Audienz zu empfangen, sondern bei mir selbst, so zu sagen, und habe Herrn von Thouvenel fortgelassen, da Sie mir doch wohl nichts mitzuteilen haben, was vor meinen Ministerrat gehört?«

»Ich bat Euer Majestät um die Erlaubnis, Ihnen Herrn von Halsteen vorstellen zu dürfen, welcher der Überbringer eines Handschreibens meines allergnädigsten Souveräns an Eure Majestät ist.«

Der Konferenzrat erhob sich und überreichte mit ehrerbietiger Verbeugung den Brief König Frederiks.

»Bitte, meine Herren!« Der Kaiser, der bequem in seinem Sessel lehnte, machte eine Bewegung der Hand, wieder Platz zu nehmen. Statt das Kouvert sofort zu öffnen, hielt er es spielend zwischen den Fingern.

»Sie kommen direkt von Kopenhagen, Herr von Halsteen?«

Eine leichte Röte überflog das feine Gesicht des alten Diplomaten – er begriff zur Genüge den Sinn der Frage.

»Euer Majestät halten zu Gnaden, ich komme zunächst von London, wo ich nächst meiner Mission an Ihre Majestät die Königin Viktoria eine wichtige Privat-Angelegenheit, eine Erbschaftssache meines künftigen Schwiegersohnes zu arrangieren hatte, indem ich mir vorbehielt, den angenehmeren Teil meiner Mission mit der Verheiratung meiner Tochter in Paris zu vereinigen.«

»Ah – ich habe davon gehört! – Ihre Dame …«

»Ich bin leider Witwer, Sire,« bemerkte der Konferenzrat.

»Also Ihr Fräulein Tochter, die eine sehr liebenswürdige Dame sein soll, werden Sie doch – da die Königin Viktoria noch in Trauer war, also nicht empfängt – der Kaiserin vorstellen; wir haben dann zwei Brautpaare im heutigen Zerkle.«

»Mit Euer Majestät Erlaubnis wird die Frau Gräfin als Lady Patronesse diese Pflicht erfüllen. Ihr Wagen kam mit dem unseren.«

»Die andere Braut,« – der Kaiser schien absichtlich die Eröffnung des Briefes hinzuhalten – »hat zwar schon das Glück der Ehe genossen – die Witwe eines Ihrer früheren Kollegen, Herr Graf, die Frau Gräfin von Hatzfeld, die auch einen Witwer heiratet, den Herrn Herzog von Valencay-Talleyrand! Wie glücklich ist man doch, wenn man noch jung ist!« Ein leichtes, sardonisches Lächeln lag um seinen Mund, als er die Scheere nahm und das Kouvert öffnete. Er las den Brief langsam zweimal, dann hob er die Lider und richtete einen halb müden Blick auf den Konferenzrat. »Der König ersucht mich um meine Vermittelung gegen die ungerechtfertigten Ansprüche des deutschen Bundes auf Schleswig und Holstein, eventuell um Beistand. Ja – ist es denn schon so weit, daß es sich um einen Krieg handelt?«

»Die neuen Anträge des Großherzogs von Oldenburg am deutschen Bunde auf Exekution in den Herzogtümern und der zustimmende Beschluß des Bundes sind so gut wie Kriegserklärung.«

»Der deutsche Bund!« sagte der Kaiser lächelnd, »ja, lieber Herr von Halsteen, das mit dem deutschen Bunde ist eine sehr alte und bekanntlich etwas langatmige und langweilige Sache. Hat Ihnen denn Herr von Schleinitz oder Graf Rechberg den Krieg erklärt?«

»Das allerdings nicht; indes eine oder die andere der beiden Großmächte wird jedenfalls mit der Bundesexekution betraut werden.«

»Meinen Sie das wirklich? Da kennen Sie Herrn von Beust, oder Graf Platen oder Herrn von Schrenk, oder Herrn von Dalwigk, den ich nächstens erwarte, oder wie die anderen Herren alle heißen, am Ende doch nicht so recht genau! Ich glaube, lieber Herr von Halsteen, Sie haben wirklich vollkommen Zeit, Ihre Rüstungen, die Sie ja, wie ich höre, zu Land und See so eifrig betreiben, bis ins Detail zu Ende zu führen. Wenn ich mich jetzt in diese sehr heikle Angelegenheit mischen wollte, würde sicher alle Welt Zeter gegen mich schreien. Ich sollte meinen, da hätten Rußland oder England ja ein weit näheres Anrecht dazu.«

»Euer Majestät,« sagte zurückhaltend der Legationssekretär, »haben das Recht und die Macht, der Schiedsrichter Europas zu sein!«

»Und vielleicht auch noch der angrenzenden Inseln,« sprach mit heiterem Lachen der Kaiser. »Lieber Herr Legationsrat, Sie würden mir da keineswegs einen sehr angenehmen Posten oktroyren! Nein, nein – ich habe genug mit den Interessen Frankreichs zu tun, das eine sehr unruhige Natur besitzt und mir übergenug zu schaffen macht! Aber sagen Sie mir, warum läßt man denn eigentlich in Kopenhagen, das eine vortreffliche Rhede haben soll, die beiden Herzogtümer, die seit zwölf oder dreizehn Jahren so viel Lärm machen, nicht in der alten Weise fortregieren und vegetieren? Ich halte, offen gestanden, die ganze Geschichte mehr für eine Reklame des sogenannten Nationalvereins in Deutschland, als für eine politische Notwendigkeit.«

»Die Zusammengehörigkeit Schleswigs mit der dänischen Krone muß vor einem Wechsel derselben festgestellt sein!«

»Ei, mein Herr, König Friedrich denkt gewiß noch nicht daran, diese schöne Welt zu verlassen, das sehe ich aus seiner festen Handschrift.«

»Euer Majestät bitte ich um die Erlaubnis,« sagte mit ernstem Ton der Konferenzrat, »im Vertrauen auf Ihre Weisheit und – und …«

»Diskretion!« half ihm der Kaiser aus.

»Da Euer Majestät selbst das Wort gebrauchen, wage ich nicht zu widersprechen, – also im Vertrauen auf Eurer Majestät so oft bekundete Weisheit und politische Voraussicht, einige Vorteile anzudeuten, die Frankreich wohl über kurz oder lang aus einer aktiven Teilnahme für die skandinavischen Staaten, speziell für das kleine Dänemark, erwachsen dürften.«

Der Kaiser lehnte sich zurück in seinen Sessel, legte die Hände nach seiner Gewohnheit zusammen und schloß die Augen. »Sprechen Sie!«

»Die Verhältnisse in Preußen,« fuhr der Konferenzrat fort, »ja in ganz Deutschland, sind der Art, daß die Leitung der Ereignisse nicht mehr in der Hand der Regierungen liegt. Wie leicht können Euer Majestät in die Lage kommen, diesem ehrgeizigen, nach unberechtigter Macht strebenden Preußen ein »Bis hierher und nicht weiter« zurufen zu müssen. Würde dann nicht ein Ihnen dankbares und ergebenes Dänemark und Schweden – denn Sire, die Interessen der beiden skandinavischen Staaten sind dieselben – mit dem Besitz des Sundes und des Hafens von Kiel und Kopenhagen von großer Wichtigkeit für die Operationen der französischen Flotte sein?«

Der Kaiser schwieg einige Augenblicke: »Das ist ja eine förmliche Aliance gegen Deutschland, was Sie mir da bieten, mein Herr!« sagte er endlich.

»Wenn Euer Majestät es als solche ansehen wollen – ich bin dazu ermächtigt, wie Seine Exzellenz hier bestätigen werden.«

»Erlauben Sie mir die Frage, ob Sie dieselbe Offerte auch England gemacht haben?«

»Euer Majestät wissen sehr wohl, daß dort die Verhältnisse ganz andere sind. Eine Alliance mit England hieße Rußland herausfordern, das nur auf die Gelegenheit wartet, an diesem Gegner die Schlappe von Sebastopol zu rächen. Die englischen Interessen, ganz abgesehen von den verwandtschaftlichen Verbindungen, fordern die Stärkung Preußens. Kleine Differenzen, wie die gegenwärtige Mac Donald-Affäre, sind zu unbedeutend, um hier zu influieren. Ich nehme keinen Anstand, Euer Majestät den Gegenstand mitzuteilen, welchen wir bereit sind, für die guten Dienste Englands in der Frage der Herzogtümer zu zahlen: es handelte sich um den Verkauf der Insel Sankt Thomas in Westindien.«

Der Kaiser neigte freundlich den Kopf. »Ich danke Ihnen sehr für Ihre Aufrichtigkeit, Herr Konferenzrat, und bitte Sie, Ihre Mission keineswegs als gescheitert zu betrachten, wenn auch die höheren Interessen Frankreichs fordern, uns vorläufig jeder Einmischung in die deutschen Angelegenheiten zu enthalten, bis vielleicht eine solche Aufforderung aus Deutschland selbst an uns kommt.«

Er bemerkte, daß der Legationsrat, noch nicht ganz so geschult wie sein Schwiegervater, etwas zweifelnd aufblickte. »Sie scheinen an einer solchen Möglichkeit zu zweifeln, mein Herr, aber ich als ein älterer Politiker sage Ihnen, daß Sie in Ihrer diplomatischen Karrière, der ich die besten Erfolge wünsche, leicht noch ganz andere Dinge sehen werden, als Verleugnung des Nationalgefühls um zeitlicher Vorteile willen.« Der Kaiser bemerkte wahrscheinlich den roten Flecken nicht, der auf den Wangen des dänischen Diplomaten erschien. »Warum sollte es nicht solche Spekulanten – ich will mich nicht härter ausdrücken – auch unter den deutschen Fürstlichkeiten und Politikern geben? – Doch wir verirren uns damit von unserer eigentlichen Frage. – Wir werden, da Sie ja doch vorläufig in Paris bleiben, jedenfalls noch Gelegenheit haben, uns weiter über die Frage auszusprechen. Einstweilen bitte ich Sie, Seine Majestät den König Frederik meiner vollen Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, zu versichern, und ihm als meinen aufrichtigen Rat zu sagen, er möge einstweilen temporisieren, bis die Chancen günstiger sind. Ich hoffe Sie öfter in den Tuilerien oder in Saint Cloud zu sehen, wohin wir nächstens übersiedeln, um das Frühjahr zu genießen. Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist,« – der Kaiser hatte sich erhoben, als er den offiziösen Ton fallen ließ – »daß ich ein großer Rosenzüchter bin und die Aussicht habe, in diesem Jahre das Problem der blauen Rose zu lösen. – Darf ich fragen, wann die Hochzeit sein soll?«

»Mit Eurer Majestät Erlaubnis bereits am nächsten Montag. Herr Hansen erwartet nur das Eintreffen seines Bruders, der als Seemann auf Reisen ist.«

Der Kaiser neigte verbindlich das Haupt. »Es hat mich gefreut, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Ich hoffe das Vergnügen zu haben, Sie heute im Cercle der Kaiserin wiederzusehen.«

Die Audienz, die in der gnädigsten Form verlaufen war, war zu Ende. Als die dänischen Herren das Gemach verlassen hatten, betrachtete der Kaiser lächelnd seine Fingerspitzen. »Hm! Der Gedanke des offenen Sundes oder einer Flottenstation in Kiel oder auf den Inseln bei einem Kriege mit Deutschland ist nicht ganz übel. Daß doch alle Welt einen solchen vorauszusetzen scheint! Nun, was kommen muß, kommt, – einstweilen wollen wir uns nicht damit übereilen, und gelingt die Arrondierung Frankreichs, dieses große Problem, was mich noch mehr beschäftigt als die blaue Rose, auf einem anderen Wege – desto besser.« Er gab das Zeichen zum Eintritt.

»Der Herr Marschall Graf d'Ornano

Der Gemeldete trat ein, führte aber den Kapitän Boulbon an der Hand mit sich, der beim Eintritt in das Gemach des Kaisers bescheiden zurücktrat und an der Tür stehen blieb. »Mit Erlaubnis, Sire,« sagte der Marschall, der trotz seiner 78 Jahre in strammer, fester Haltung und tadelloser Adjustierung in der großen Marschallsuniform auftrat und salutierte, »wir kommen mit Ihrer Erlaubnis, da gleich die alte und junge Armee Frankreichs. Außer dem Feldmarschall Wrangel in Berlin – wir sind in einem Jahre zur Welt gekommen, und er ist nur drei Monate älter als ich – möchte es wohl schwerlich in der europäischen Armee einen so alten Soldaten wie mich geben; denn, wie Euer Majestät wissen, diene ich heute gerade 61 Jahre dem erhabenen Hause des Kaisers Napoleon I., den ich das Glück hatte, meinen Landsmann zu nennen, und da konnte ich es mir nicht versagen, Eurer Majestät, seinem erhabenen und glücklichen Nachfolger nochmals den Dank eines alten Soldaten abzustatten für die Auszeichnung, die Sie mir noch am Ende meines Lebens haben zu Teil werden lassen. Da es nun aber Zeit wird, daß wir alten das Feld räumen und ich hörte, daß der junge Herr da zur Audienz befohlen, welcher der Sohn eines wackeren Soldaten und guten Franzosen ist, habe ich ihn gleich mit herein gebracht. So sparen Eure Majestät Ihre kostbare Zeit; denn ich bin zufrieden, Sie gesehen zu haben!«

Der Kaiser war dem alten Soldaten seines Hauses entgegen gegangen und hatte ihn selbst zu dem nächsten Sessel geführt. »Wer wie Sie, Herr Marschall, ein so treuer Begleiter des großen Kaisers von Austerlitz bis Waterloo war, und ihn auch auf seiner letzten Wanderung begleitete, der kann selbst einen Bourbon,« er nickte huldvoll dem jungen Offizier zu, »zur Gesellschaft haben, ohne in den Verdacht zu kommen, den Napoleoniden ungetreu zu werden. Setzen Sie sich, lieber Graf, und widmen Sie mir einige Augenblicke. Der Herr Kapitän hat Zeit und mag von einem solchen Veteranen die Geduld lernen, wie man auf den Marschallsstab wartet, den bekanntlich jeder Soldat meines Oheims im Tornister zu tragen glaubte.«

Der junge Offizier errötete, während der Veteran ihn freundlich betrachtete. »Er scheint mir das Zeug zu haben, Sire,« sagte er. »Darf ich mich erkundigen, wie Ihrer Majestät und dem Prinzen die Feier im Invalidendom bekommen ist? – Ich meine natürlich den jungen Prinzen, Sire,« fügte er mit einem bezeichnenden Blick auf die vor ihm liegende Broschüre hinzu, »nicht den Herrn Prinzen Napoleon. Man hat mir erzählt, daß Ihre Majestät von der Leichenfeier nach der Conciergerie gefahren sei, um in der Kammer der Königin ein Gebet zu verrichten, was ganz dem großen Herzen Ihrer Majestät ähnlich sieht.«

»Oh,« sagte der Kaiser, »sie ist nicht bloß in der » chambre Marie Antoinette« gewesen, sondern auch in der Zelle, in der ich einst die Ehre hatte, von diesen Orleans eingesperrt zu werden, die meinen Herrn Vetter jetzt so drastisch an die Wohltaten erinnern, die er von ihnen genossen hat, und an die Tapferkeit und Aufopferung, die er an jenem Tage bewies, Die damals großes Aufsehen machende Broschüre des Herzogs von Aumale war die Antwort auf die Brandrede, welche Prinz Napoleon im Senat gegen die weltliche Herrschaft des Papstes und die Orleans gehalten hatte.
Die Broschüre erwidert unter anderm auf die Andeutung des Prinzen: man solle jeden Legitimisten erschießen, der es wagen würde, sich mit bewaffneter Hand am empire zu vergreifen: »Wenn es sich ums Erschießen handelt, dann ist das Wort der Bonaparte gut; von allen Versprechungen, die Sie und die Ihrigen jemals gemacht haben oder noch machen werden, ist dies die einzige, auf deren Erfüllung ich rechnen werde! … Sie sprechen heute in prächtigen Phrasen vom Staatsstreich vom 2. Dezember. Und doch traf man Sie an jenem Tage nicht unter den Getreuen, die herbeigeeilt waren, um sich dem Glück des neuen Diktators zu weihen, freilich waren Sie auch nicht unter den Volks-Repräsentanten, die gegen den Umsturz der Landesgesetze protestierten. Wo waren Sie denn? Man erinnert sich, daß einige von den entschlossenen Männern, welche beratschlagten, ob man sich auf den Barrikaden schlagen solle, oder nicht, Sie plötzlich unter sich gesehen haben, jedoch nur, um spurlos bei Ankunft der Polizei zu verschwinden … Aber wenn Sie sich Ihren Pariser Beschäftigungen nicht ein paar Tage entziehen können, um dieselben diesem überseeischen Frankreich zu weihen (Algerien, dessen Gouverneur der Prinz einige Zeit war), so haben Sie doch das unschätzbare Glück gehabt, unsere afrikanischen Legionen in der Krim landen zu sehen; konnten Sie ihnen auch nicht bis ans Ziel ihrer glorreichen Mühen, bis vor Sebastopol folgen, so haben Sie doch von ihren Heldentaten bei Magenta und Solferino erzählen hören können, da Sie nicht weit von ihnen standen, wie Sie selbst erläutert haben, beschäftigt, nach dem Kriegsmaterial der Herzogin von Parma zu suchen …«
an dem es galt, den Namen Bonaparte wieder an die Spitze Frankreichs zu stellen, an jenem Tage, lieber Marschall, den Sie so umsichtig vorbereiten halfen und an dem Sie mir so treu zur Seite standen.«

»Euer Majestät wissen, daß mein Leben stets dem Kaisertum gehört hat!«

Der alte Gouverneur des Invalidendomes, der bei Gelegenheit der am 2. April erfolgten Übersiedelung des Sarges des Kaisers Napoleon I. aus der Krypta des Doms in die zur Aufnahme der Leiche besonders im Dom erbaute Kapelle zum Marschall ernannt worden, war in der Tat einer der treuesten Krieger des Kaisers gewesen. Am 24. Januar 1784 in Ajaccio geboren, trat er schon im Jahre 1800 in den französischen Kriegsdienst, war mit Leclerc in San Domingo, kämpfte bei Austerlitz, Jena, in Spanien und kommandierte 1812 in der Schlacht an der Moskwa als Divisionsgeneral die gesamte Reiterei der italienischen Armee. Schwer verwundet auf dem Rückzug aus Rußland, räumte ihm Napoleon einen Platz in seinem eigenen Wagen ein. Wegen seiner Beteiligung an den hundert Tagen mußte er für drei Jahre nach Belgien flüchten, wo er die Gräfin Walewska, die polnische Geliebte des Kaisers, die Mutter des Ministers Grafen Walewski, heiratete. Unter der Restauration zum Pair und Kommandanten einer Militär-Division ernannt, bildete er 1851 den Mittelpunkt, um den sich die neubonapartistische Partei sammelte und wurde 1852 Großkanzler der Ehrenlegion, 1853 Gouverneur des Invaliden-Hotels.

»Das weiß ich, lieber Graf,« sagte der Kaiser warm, »und ich wünschte, ich hätte in meiner eigenen Familie so zuverlässige und uneigennützige Freunde, wie an Ihnen und Ihrem Sohn. – Und nun zu Ihnen, Herr Kapitän!«

Der Marschall wollte sich entfernen, der Kaiser reichte dem Veteranen jedoch die Hand und nötigte ihn, wieder Platz zu nehmen. »Ich bitte Sie, mein alter Freund, mich noch nicht zu verlassen. Was ich mit dem jungen Herrn da zu verhandeln habe, kann ein so bewährter Freund der Napoleoniden immerhin hören, und ich möchte, daß der Prinz, mein Sohn, der gleich von seinem gewöhnlichen Vormittagsspaziergang kommen wird, Sie begrüße. Also Herr Graf, Sie haben keine Lust, sich von Ihren Lorbeeren in China wieder auszuruhen und bitten um Verwendung? Teufel, ich sollte meinen, in Ihrem Alter gäbe es keinen angenehmeren Aufenthalt als Paris, und obschon ich Ihren Eifer lobend anerkenne, werden Sie sich schon darein schicken müssen, wenigstens bis zur Rückkehr der chinesischen Armee hier zu verweilen. Ich habe Sie als Ordonnanzoffizier meinem persönlichen Stabe zugeteilt.«

»Sire, welches Glück! Wie kann ich Euer Majestät solche Gnade danken …«

»Durch pünktliche Pflichterfüllung, Herr Kapitän. Sie haben an der Frau Marschallin Saint Arnaud eine treue Beschützerin gehabt, wie ich Ihnen sagen kann, und ich erinnere mich Ihres Vaters sehr wohl! Sie wissen also ganz bestimmt, daß derselbe in Mexiko sein Leben bei jener abenteuerlichen Expedition eingebüßt hat? Die Nachrichten darüber waren eigentlich etwas unbestimmt.«

»Sire, ein alter Diener, der auch auf mich übergegangen ist, hat den Zeugen seines Todes gesprochen, und auch ich habe diesen Zeugen durch einen jener Zufälle, welche sich zuweilen im Leben in fast romanhafter Weise ereignen, in China gesehen.«

»Es scheint allerdings etwas Romanhaftes in Ihrer Geschichte, namentlich in Ihren Begegnungen obzuwalten. Sprachen Sie nicht Ihrer Majestät der Kaiserin davon, als Sie die Depeschen des Herrn von Cousin-Montauban überbrachten, und von einem indischen General, einem geborenen Jonier, den Sie in Rom bei dem Grafen von Lerida angetroffen haben? Die Kaiserin interessierte sich für Ihre Begegnung mit dem etwas abenteuerlichen spanischen Granden, der in Biarritz Gelegenheit hatte, uns einen großen Dienst zu erweisen und den wir längst in Paris erwartet haben, und aus diesem Grunde erinnerte ich mich des Joniers – des General oder Kapitän … wie nannten Sie ihn doch …?«

»Kapitän Marcos Grimaldi – er focht als Vezier oder General Maldigri in Diensten der Rani von Ihansi gegen die Engländer und kannte aus Indien den Herrn Grafen von Lerida.«

Der Kaiser nickte zustimmend. »Richtig, Sie wiederholten in dem Abendzirkel der Kaiserin eine interessante Geschichte von ihm. Wenn ich mich nicht sehr täusche, muß ich sogar Ihren Kapitän oder General Grimaldi von früher her Vergl. Nena Sahib, I. Teil: Der zweite Dezember. persönlich kennen. Und wissen Sie, wo er sich gegenwärtig aufhält?«

»Er hat, soviel ich weiß, den Herrn Grafen von Lerida auf einer Reise zum Nil zur Aufsuchung eines Vetters desselben, des Viscount von Heresford, begleitet. Ich erwarte selbst mit Sehnsucht, Sire, eine Nachricht aus Kairo oder Alexandrien über das glückliche Eintreffen des Viscount und seiner Gesellschaft, unter der sich auf der langen Seereise von der Mündung des Peiho bis zum roten Meere mir befreundet gewordene Personen befinden.«

»Sie werden mich verbinden, Herr Graf,« sagte der Kaiser mit einer Handbewegung, welche die Entlassung des jungen Offiziers andeutete, »wenn Sie mir, sobald Sie eine Nachricht von Ihren Freunden erhalten, davon Anzeige machen. Auch sollen Sie mir bei Gelegenheit Ihren alten Diener vorstellen. Ich schätze solche Treue. Die Damen der Kaiserin haben sich übrigens beklagt, daß Sie die Abendgesellschaften Ihrer Majestät vernachlässigen; ich bitte Sie, sich zu erinnern, daß heute der Tag des Abend-Empfanges ist!« – Die wohlwollende, fast liebenswürdige Weise, die der Kaiser in solchen Augenblicken so hinreißend zu entwickeln verstand, wechselte mit dem ernsten dienstlichen Ton. »Sie werden Ihr Brevet bei General Fleury in Empfang nehmen und Ihre näheren Anweisungen über den Dienst von ihm erhalten.«

Der Kaiser nickte. Indem der junge Offizier sich zur Tür zurückzog, wurde diese geöffnet und der kaiserliche Prinz erschien ohne weitere Anmeldung, einen Herrn in bürgerlicher Kleidung, von etwas plumper Gestalt und dem Kaiser Napoleon I. auffallend ähnlicher Gesichtsbildung, an der Hand haltend.

»Hier, Papa Majestät, bringe ich Dir den Onkel Prinzen,« sagte der Knabe, sich von der Hand des Eintretenden befreiend und die seines Vaters küssend. »Ich wäre lieber mit Onkel Morny gekommen, der draußen wartet, aber der Onkel Prinz wollte durchaus mit mir gehen, obschon er mich gar nicht so gut leiden mag und mir nichts mitbringt, wie Onkel Morny tut. Aber ich mag ihn auch nicht leiden, Papa, weil er mich immer so böse ansieht und dazu den Mund aufsperrt, und Du weißt, Papa, Mama mag ihn auch nicht leiden!«

»Louis!«

Der Kaiser war doch einen Augenblick außer Fassung über die Naivetät des Kindes.

»Laß ihn nur, Vetter,« sagte der Prinz Napoleon, denn dieser war der Eingetretene, »ich bediente mich seiner, um rasch zu Dir zu kommen. Du verzeihst um seinetwillen wohl, daß ich mich nicht anmelden ließ. Kinder haben überall Zutritt, und Kinder sagen die Wahrheit.«

»Auch Narren,« bemerkte der Kaiser pikiert, »wenigstens zuweilen, und dazu scheinen unsere guten Freunde, die Orleans, zu gehören.«

Der Prinz hustete verlegen und gähnte dann hinter der Hand, ein Naturfehler, der seine Unterhaltung ziemlich unangenehm machte. »Euer Majestät ahnen wohl, warum ich so dringend wünschte, Euere Majestät zu sprechen?«

»Ich zweifle nicht, daß ganz Paris diesen Eifer so gut wie ich zu schätzen wissen wird. Du hast meine volle Erlaubnis.«

Der Prinz Napoleon wurde trotz seines Phlegmas etwas unruhig. »Wie meinen dies Euer Majestät – wozu?«

»Es trifft sich gut,« sagte der Kaiser, jetzt vollständig wieder kalt und mit seiner gewöhnlichen Ruhe, – »doch erlaube zuvor, daß ich Louis fortschicke. – Geh' mein Kind und amüsiere Dich bei Deinem Spaziergang. Ich werde Ihre Majestät Deine Mutter später sprechen.« Er küßte den Knaben und führte ihn bis zur Tür, wo er ihn dem Kammerdiener persönlich übergab. Dann kehrte er zurück und blieb vor seinem Sessel stehen. »Es trifft sich gut, daß gerade einer jener Soldaten unseres großen Oheims hier ist, der als unzweifelhafte Autorität in allen Dingen gelten darf, welche die Ehre unseres Hauses betreffen.«

»Eben dieserhalb komme ich,« sagte hastig der Prinz. »Ich denke, daß die Ehre des kaiserlichen Hauses von Frankreich nicht durch irgend eine Schmähschrift, ein Pasquill, beleidigt werden kann, Euer Majestät wissen das ebenso gut aus hundert derartigen Erzeugnissen.«

»Die Ehre des Kaiserlichen Hauses gewiß nicht,« sagte der Chef desselben kühl, »man muß dergleichen dem gewöhnlichen Gang der Landesgesetze überlassen, gerade wie etwa den Prozeß Patterson Der Vater des Prinzen Jerôme Bonaparte, der Exkönig von Westfalen, hatte während seines Aufenthalts in Nord-Amerika am 24. Dezember 1803 im Beisein des französischen Konsuls in Baltimore und, wie sich bei dem Prozeß erwies, offenbar mit Genehmigung seiner Mutter Lätitia, die Tochter eines reichen Bankiers von Maryland, Miß Elisabeth Patterson, unter kirchlicher Trauung durch den katholischen Bischof von Maryland geheiratet. Später, als ihn Napoleon I., zum Kaiser gekrönt, zurückrief, versuchte er auf dessen Befehl die Ehe zu trennen, doch weigerte der Papst die Scheidung, und der Kaiser annullierte eigenmächtig die Heirat und verheiratete seinen Bruder anderweitig. Nachdem König Jerôme am 24. Juni 1860 gestorben war, strengte Madame Patterson-Bonaparte mit ihrem in legitimer Ehe geborenen, durch vielfache Briefe der Bonapartes, selbst des Kaisers Louis Napoleon, anerkannten Sohn in Paris eine Klage um die Hinterlassenschaft des Königs Jerôme gegen den Prinzen Napoleon und seine Schwester, die Prinzessin Mathilde, an. – Das Urteil des Appellationshofes vom 1. Juli 1861 wies sie ab, indem es eine gesetzliche Scheidung und Abfindung annahm, indes sehr gegen die öffentliche Meinung.

Der Prinz biß sich auf die Lippen – der Prozeß war eine ihm höchst fatale Sache, da er nach den Plaidoyers des berühmten Advokaten Berryer, der für die Rechtsansprüche der Pattersons eintrat und die klarsten Beweise lieferte, die allgemeine Meinung gegen sich und seinen schmutzigen Geiz hatte. »Es handelt sich hier um die Broschüre des Herrn von Aumale,« sagte er, »die ich dort liegen sehe.«

»Eben deshalb erwartete ich Dich,« sagte der Kaiser, »und ich wiederhole, die Beleidigungen und Schmähungen der Dynastie sind von einem anderen Standpunkte, als persönliche Angriffe zu betrachten. Das Pamphlet ist von dem General-Prokurator mit Beschlag belegt worden.«

»Ich komme deshalb, um Eure Majestät zu bitten, durch Ihre Machtvollkommenheit die Beschlagnahme aufheben lassen zu wollen, damit es nicht aussieht, als ob wir –«

»Du meinst Dich selbst, Vetter!«

Wieder biß sich der Prinz auf die Lippen, – »als ob ich das Pamphlet der Kenntnis des Publikums entziehen wolle, und etwas auf dergleichen Angriffe gäbe!«

»Und – ist dies alles?«

»Ich habe mich nach reiflicher Beratung mit meinen Freunden dafür entschieden, – es ist das einzige Mittel, solchen Angriffen zu begegnen. Friedrich der Große ließ bekanntlich auch die gegen ihn gerichteten Pasquills niedriger hängen, damit alle Welt sie lesen möge.«

Der Kaiser zuckte die Achseln und sah dabei den Grafen d'Ornano an.

»Euer Majestät hat mir einst selbst erzählt, daß der Herr Herzog von Aumale und Prinz Joinville eben im Begriff waren, in derselben Woche eine Erhebung in Paris zu Gunsten der Orleans zu veranstalten, als die Nachrichten von dem Staatsstreich vom 2. Dezember sie unterwegs traf und ihr Vorhaben vereitelte. Ich muß zugeben, daß die Orleans es nie haben an persönlichem Mut fehlen lassen.«

Der Prinz wandte sich barsch gegen ihn: »Zweifeln Sie etwa an dem meinen, Herr Marschall?«

»Ich habe zu oft Euerer Kaiserlichen Hoheit erhabenen Oheim im Kugelregen der Schlacht stehen sehen, als daß ich den Mut eines Bonaparte in meinen alten Jahren noch bezweifeln sollte. – Ich bitte Euer Majestät, mich zu entlassen.«

Der Kaiser reichte dem alten Krieger die Hand. »Gehen Sie mit Gott, Herr Marschall, und bewahren Sie mir ein gleich gutes Andenken, wie Ihrem alten Kriegsherrn.«

Der Marschall salutierte frostig den Prinzen. – Der Kaiser geleitete ihn zwei Schritt weit zur Tür.

»Sei so gut,« sagte er zurückkehrend, »mir Deinen Antrag – den ich vollkommen billige, obschon er bei der großen Verbreitung der Broschüre kaum noch einen Zweck hat, – hier schriftlich niederzulegen, damit ich ihn im Moniteur veröffentlichen lasse, was ja Deine Freunde befriedigen dürfte. – Dann entschuldigst Du mich wohl, da ich dringend mit Morny zu konferieren habe. – Wir sehen uns wohl am Abend.«

Der Prinz hatte sich an dem Schreibtisch des Kaisers niedergelassen und fragte, während er das Gesuch niederschrieb und der Kaiser sich eine neue Zigarre ansteckte: »Was schwatzte d'Ornano da von einem Versuch dieser Orleans im Dezember Zweiundfünfzig?«

Der Kaiser blies eine Rauchwolke vor sich hin. »Wenn Du zweifelst, könnte Dir Palmerston die nötigen Daten und Namen an die Hand geben. – Bist Du fertig?«

Der Prinz überreichte ihm die Schrift.

»Es scheint, Euer Majestät sind nicht ganz zufrieden mit mir und diesem Schritt?«

»Bewahre! – Du bist alt genug, um zu wissen, was Du tust, und ja wohl auf dem Wege, Familienvater zu werden, wenn die Mademoiselle Pearl keinen Einspruch erhebt. – Niemand kann für sein Temperament! – Doch nun entschuldige mich – und schicke jedenfalls heute abend Deine Schwester zu dem Cercle der Kaiserin! – Adieu!«

Der Prinz empfahl sich, nicht gerade sehr erbaut von der Unterredung.

Der Kaiser hatte sich wieder niedergelassen. »Feigling und Intriguant!« murmelte er. »Sein ganzes Interesse ist jetzt das seines Schwiegervaters, nicht das Frankreichs, und ich bin überzeugt, daß bei einer wirklichen Gefahr für das Kaisertum niemals auf ihn zu rechnen wäre, es sei denn, er glaubte, es sich selbst zu fischen. Armer Knabe – es ist die höchste Zeit, dauernde Chancen für seine Zukunft zu schaffen durch feste Alliancen. – Feste? – Was ist in dieser Welt fest – vollends in dem Spiel der Politik! – England? – Österreich – Preußen – Rußland? – Ja – wer in die Zukunft sehen könnte! Versuchen wirs nochmals mit Rußland! – Und was diesen Patterson betrifft – ich muß mich erkundigen, welche Rolle er bei diesen sich vorbereitenden Kämpfen in Nord-Amerika spielt – vielleicht wäre er – zu Unterhandlungen – in Mexiko oder mit den Südstaaten zu brauchen!« – Er gab das Zeichen. »Bitten Sie den Herrn Grafen von Morny einzutreten, und erklären Sie dann für heute den Empfang geschlossen.«

»Seine Exzellenz der Herr Präsident des Corps législatif Graf de Morny!«

Der natürliche Bruder des Kaisers – er war bekanntlich der natürliche Sohn der schönen Königin Hortense mit ihrem Großstallmeister, dem ebenso eleganten als schönen Grafen Flahault de la Billarderie – trat trotz seiner neunundvierzig Jahre mit jener Elastizität und dem stutzerhaften Wesen ein, die er bis zu seinem für das Glück des Kaisers zu früh erfolgten Tode – er starb schon vor dem Kriege 1870 – bewahrte. Der Graf hatte eher das Aussehen eines alten Elegant und reichen Geschäftsmannes, als eines kühnen Offiziers und Parteigängers, der er doch in seiner Jugend gewesen. Er war am 23. Oktober 1812 in Paris geboren, und der kinderlose Graf Morny aus Isle de France wurde gewählt, den kleinen Zeugen des Ehebruchs als Sohn gegen eine Bezahlung von 800 000 Francs zu adoptieren. Talleyrand, derselbe, der die Trennung der Ehe Jerômes von der Patterson verhandelt hatte, prophezeite dem Knaben, der ein Liebling des kaltherzigen Diplomaten war, er werde einmal Minister werden, aber es hatte eher den Anschein, er würde sich als kecker Soldat auszeichnen; denn als der junge Graf nach Austritt aus der Schule des Generalstabes 1832 als Unterleutnant eingetreten und zur französischen Armee nach Afrika gegangen war, machte er sich gleich in seinem ersten Feldzuge bei Mascara durch den Ritt berühmt, den er allein durch das ganze Heer des Feindes Abdel-Kader unternahm, um zu seinem Korps zu stoßen. Dann wurde er bei der Belagerung von Konstantine von vier Kugeln verwundet und erhielt das Kreuz der Ehrenlegion für die Rettung des Generals Trezel aus Lebensgefahr unter den Mauern der belagerten Stadt. Von der Rente von 400 000 Francs, die seine Mutter ihm bei ihrem Tode (1837) hinterlassen, lebte der junge elegante Ulanen-Offizier flott, bis er 1838 seinen Abschied nahm und plötzlich in Clermont als Rübenzucker-Fabrikant debütierte. Vier Jahre später trat er als Abgeordneter von Puy-de-Dôme in die Deputierten-Kammer und stand durch hohes Spiel und industrielle Spekulationen 1849 am Bankerott, als der Prinz-Präsident seinen ihm schon lange treu anhängenden Halbbruder zu einem der Hauptwerkzeuge des Staatsstreiches vom 2. Dezember machte. Er war es, der, zum Minister des Innern designiert, die 200 widersprechenden, in der Mairie des 10. Arrondissements versammelten Deputierten auseinander sprengte und so jeden gesetzlichen Schritt der Opposition verhinderte. Schon 1857 zum Präsidenten des gesetzgebenden Körpers gewählt, ging er nach dem Pariser Frieden als Botschafter zur Krönung des Kaisers Alexander nach Petersburg, wo er die junge und schöne, der Kaiserin etwas zu gefährliche Fürstin Trubetzkoi heiratete, mit deren großem Vermögen er seinen etwas zerrütteten Finanzen wieder aufhalf und bedeutende Besitzungen in der Nähe von Petersburg kaufte. Er galt als der Vorfechter der russischen Alliance und genoß großes Vertrauen des Kaisers.

»Willkommen, Jules!« sagte der Kaiser, »komm, setze Dich, ich habe nach Dir geschickt, um einmal wieder vertraulich mit Dir zu plaudern. Hast Du Lust, nach Petersburg zu gehen?«

»Wollen Euer Majestät denn den Herrn Herzog von Montebello zurückberufen?«

»Ich meinte vorläufig in vertraulicher Mission – auf Deine Güter bei Petersburg. Hast Du von der Audienz gehört, die gestern die Polen bei mir gehabt haben?«

»Ich habe Sie schon früher gewarnt, Sire, sich nicht mit dieser polnischen Angelegenheit einzulassen. Es wäre ein Unglück für Frankreich, und wenn es nach meinem Rat ginge, hätten Sie längst das ganze Gesindel, das nichts ist, als eine Bande von Ruhestörern und Aufwieglern, sich vom Halse geschafft. Mag England sich damit befassen, soviel es will, wir haben an diesen Italienern schon genug zu leiden.«

»Es ist – ich gebe es zu – eine unglückliche Erbschaft meines Onkels, aber so lange sie nicht geradezu gegen mich konspirieren, kann ich ihnen das Asylrecht nicht kündigen, ohne mit allen Traditionen Frankreichs zu brechen. Wir müssen das Übel der Emigration mit Geduld ertragen, und im Grunde, Graf, es gibt doch auch ehrenwerte, unglückliche Männer dabei, die unsere ganze Sympathie verdienen! – Bedenke, die Welt dreht sich wunderbar, wenn einmal die Napoleoniden ins Exil wandern müßten, und niemand wollte sie aufnehmen!«

Der Kaiser hatte, ganz gegen seine Gewohnheit, den Kopf in die Hand gestützt und sah in tiefen Gedanken vor sich hin.

»Welche Ideen, Sire!«

»Bedenke, das Glück ist wandelbar, und die Bourbonen leben auch im Exil. Ich habe in der Tat daran denken müssen bei dieser fatalen Broschüre des Herzogs von Aumale.«

»Ich muß gestehen, der Prinz hat die Züchtigung verdient; er kam eben von Eurer Majestät und sah so hochmütig aus, wie … wie …«

»Geniere Dich nicht!«

»Nun, wie ein bissiger Köter, dem eben der Schwanz abgehackt worden. Euer Majestät verzeihen, aber Sie wissen, daß ich nicht zu seinen Bewunderern gehöre.«

»Dies Schicksal teilst Du mit vielen. Indes – auf seinen Augen beruht das Kaisertum der Bonaparte, wenn Gott mir meinen Knaben nehmen sollte!«

»Davor bewahre uns der Himmel! Der Prinz ist doch nicht krank? Ich sah ihn doch soeben, er ist so munter und kräftig, wie ein Knabe in seinen Jahren nur sein kann.«

»Gott sei Dank. Dr. Conneau ist zufrieden mit seiner Gesundheit. Louis hat zwar eine zarte, nervöse, aber zähe Natur nach seinem Urteil. Weswegen ich Dich bitten ließ – da – lies!«

Der Kaiser nahm einen Brief, der unter einem Briefbeschwerer gelegen und reichte ihn dem Vertrauten.

»Von Kaiser Alexander?«

»Von ihm selbst. Dein Rat, ihm eine Gemeinsamkeit der Operationen im Orient, eine Lösung der orientalischen Frage durch Rußland und Frankreich vertraulich vorzuschlagen, war gut gemeint, aber Du siehst, daß er es ablehnt.«

Graf Morny las das Handschreiben des Kaisers von Rußland nochmals bedächtig durch, dann sagte er: »Es ist wie ich dachte, und woraus mir auch Kisseleff kein Hehl machte – man ist in Petersburg verstimmt über die Tiraden der Pariser Presse – selbst der offiziösen Journale gegen die russischen Maßregeln in Warschau, die doch nichts sind, als das ganz berechtigte Auftreten gegen wohl vorbereitete Ruhestörungen. Diese Mitteilung des »Herald«, daß Herr Mieroslawski, der Revolutionär par excellence et sans succès eine polnische Legion hier in Paris sammle, die schon 500 Köpfe zähle, und die er auf 2000 Mann zu bringen denke, ist denn doch zu stark. Sie sehen, Sire, aus der Wendung des kaiserlichen Handschreibens: daß er jetzt erst daran denken müsse, sich mit Ordnung der Verhältnisse im Innern zu beschäftigen, daß er damit offenbar auf die polnische Frage deutet.«

»Graf Kisseleff hat mir die Mitteilung gemacht, daß die russische Regierung beabsichtigt, den landwirtschaftlichen Verein aufzulösen. Unsere Emigration scheint in Petersburg wie in Warschau vortrefflich informiert zu sein,« – der Kaiser zog ein Schubfach des Tisches auf und nahm daraus ein Papier, – »denn nach diesem Bericht der geheimen Polizei, die natürlich die Verhandlungen im Palais Czartoryski gebührend überwacht, wußte man diesen Beschluß in der Emigration, noch ehe der Befehl in Warschau ankam, ebenso wie die neuen blutigen Zusammenstöße mit den Truppen am 8. in Warschau bereits am Abend desselben Tages. Das einzig gute ist, daß die Emigration hier unter sich selbst vollständig uneinig ist; die blaue Partei der Herren Lelewel und Mieroslawski, die zu einem sofortigen Losschlagen drängt, während die Adelspartei des Fürsten einen Aufschub für zwei Jahre fordert und auch bei dem Revolutionskomitee in Warschau durchgesetzt hat.«

»Und – Verzeihung, Sire, – haben Sie Herrn von Kisseleff nicht einen Wink darüber geben lassen? Man würde Ihnen dafür in Petersburg sehr dankbar sein.«

Der Kaiser lächelte. »Da kennst Du doch Deine neuen Landsleute verteufelt schlecht, Graf,« sagte er, »wenn Du glaubst, wir könnten die Russen etwas im Spionendienst lehren. Herr von Kisseleff hat die bestorganisierte Polizei in Paris und könnte den seligen Herrn Fouché beschämen. Ich möchte wetten, daß er weit genauer wie unser Polizeipräfekt, Herr Boiselle, von der Versammlung der beiden Fraktionen unterrichtet ist, die heute abend zur Entscheidung der Frage stattfinden soll, ja, daß er gewiß nicht ohne Einfluß auf die Entscheidung ist. – Doch, um zu einem Resultat zu kommen, ich werde noch heute Persigny meinen bestimmten Willen kundgeben, diese polnische Agitation auf das Genaueste überwacht und die Presse ernstlich verwarnt zu sehen, sich aller Aufmunterung derselben und aller Angriffe gegen die russische Regierung zu enthalten.«

»Euer Majestät werden gewiß sehr wohl daran tun.«

Der Kaiser drehte die Spitzen seines Bartes mit der Linken, während die Rechte die Zigarre nach einem starken Zug aus den Lippen nahm. »Nachdem somit Deinen russischen Sympathien Genüge geschehen,« sagte er mit leichtem Lächeln, »möchte ich Deinen vertrauten Rat über die allgemeine Lage und die Ziele unserer – ich sage es offen – meiner Hauspolitik hören! –

»Zunächst – wir dürfen uns nicht verhehlen, daß unsere Lage nicht mehr die frühere ist, daß Frankreich, trotz seiner Erfolge im einzelnen, nicht mehr die allein entscheidende Stimme in Europa hat, wie es zur Zeit des Krimkrieges und der Siege in der Lombardei der Fall war.

Ich frage mich selbst, woher kommt dies? Was haben wir versäumt? Wer überholt uns?

Ich finde keine genügende Antwort.

Wir stehen ziemlich schlecht mit England, das in einem großen Kriege ohne die französische Alliance verloren wäre! England hat sich unsere Lorbeeren angeeignet. Es hätte niemals Sebastopol gesehen ohne unseren Beistand. Es wäre in China unterlegen, wenn die französischen Waffen ihm nicht den Sieg erkämpft hätten. Dafür wirft es meiner Politik, all meinen Absichten bei jeder Gelegenheit einen Stein in den Weg.

Wir haben in Cochinchina gesiegt; durch uns allein ist die italienische Einheit Wahrheit geworden.

Jetzt intriguiert es und sucht den Papst an sich zu locken, indem es ihm bereits zum zweiten Mal ein Asyl in Malta bietet.

Was heißt das anderes, als ein neuer Versuch, eine neue Intrigue, Europa in Aufregung zu erhalten, Europa damit beherrschen zu wollen: der Papst, die katholische Kirche im Schutz eines protestantischen Landes.

Während Frankreich die Schlachten von Solferino und Magenta geschlagen hat, feiern die Engländer Herrn Garibaldi, unterstützen Mazzini und schützen den gemeinen Banknotenfälscher Kossuth, als seien sie es, die Italien frei gemacht und Österreichs Wohl und Wehe in der Hand hielten. Sie verweigern uns den Erwerb von Sardinien und drohen mit der Okkupation von Sizilien, in demselben Augenblick, wo sie, wie ich auf das bestimmteste weiß, eine Revolution in Griechenland anzuzetteln suchen, um einen englischen Prinzen auf den Thron zu setzen, statt des einfluß- und ehrgeizlosen Königs Otto.

Sie haben unsere Okkupation von Syrien zum Schutz der Christen gefordert und unterstützen im Stillen den türkischen Fanatismus und verdrängen unseren berechtigten Einfluß in Konstantinopel.

Sie schüren die Revolution in Polen und denunzieren uns an Rußland.

Sie proklamieren die Aufhebung der Sklaverei und unterstützen im Stillen die Sache der Sezessionisten, der amerikanischen Südstaaten.

Sie verdrängen uns am Hofe von Madrid durch die Intriguen des Orleans und laden uns diese neue Auflage des Don Carlos auf.

Sie haben hochmütig versäumt, sich den Weg nach Indien durch den Bau des Suez-Kanals zu sichern und möchten Frankreich jetzt vom roten Meere und aus Egypten verweisen.

Sie reizen Dänemark zum Widerstand gegen die berechtigten Forderungen Deutschlands, und möchten uns dänische Schlachten gegen Preußen und den deutschen Bund schlagen lassen.

Kurz, überall haben sie uns seit neun Jahren in den Vordergrund geschoben und Frankreich zur Waffe gebraucht, und überall machen sie ihm den wohlverdienten Lohn zu Dunst.

Es gibt nur zwei Wege, aus dieser Stellung zu kommen: Einen ehrlichen offenen Krieg gegen England, um seinen nur durch die Tradition, nicht durch wirkliche Macht genährten Einfluß zu brechen, und zu diesem Kriege gehört ein Bündnis mit Rußland, das gleichen Groll zu hegen hat gegen England. Denn England will nicht allein das Abendland beherrschen, es will auch im Morgenland die Suprematie behaupten, und Rußlands Mission liegt im Osten.«

»Sie gestehen mir also zu, Sire, einen Fehler gemacht zu haben durch die Alliance mit England?«

»Ich gestehe es zu – es ist der große Fehler meines Lebens, daß ich von der allein richtigen Tradition des großen Kaisers abgewichen bin. Indem er England bekämpfte, besiegte er Europa. Ich würde niemals Parteiungen in Frankreich gegen mich gehabt haben, wenn ich von vorn herein Frankreich gegen England, seinen Erbfeind beschäftigt hätte. Mit verständigen Alliancen läge es jetzt zu meinen Füßen!«

»Sie schienen noch auf einen zweiten Weg zu deuten, Sire?«

»Es ist der, England zu schwächen, England zu demütigen durch andere – damit Frankreich ohne eigne Opfer den Vorteil davon habe. – Ich habe es versucht durch jenen indischen Aufstand – unser Fehler war eben, daß Rußland damals geschwächt war. Wäre Sebastopol nicht zerstört worden, so ständen die Russen jetzt am Indus. Es wird kommen, aber ich habe keine Zeit mehr, es vorzubereiten. So bleibt mir denn nur Amerika, der Todfeind, der Rival Englands auf dem Meere, wie Rußland sein Rival auf dem asiatischen Boden ist. Wenn es meiner Politik gelingt, England in den Krieg der amerikanischen Nord- und Südstaaten zu verwickeln, ist England seiner Kolonien in Amerika bar und in Indien von zwei Seiten her angegriffen. Seine Niederlage in Amerika bricht seinen Einfluß in Europa. Wo aber den neuen Washington finden?«

»Ich verstehe Sie noch nicht ganz, Sire?«

»Es muß ein Mittel gefunden werden, diese vielgerühmte englische Ehre, seine Herrschaft zur See, mit einer offenen Beteiligung für die Südstaaten zu verflechten, oder seine Eifersucht wachzurufen – zum Beispiel würde eine französische Okkupation von Mexiko es sicher zur Alliance mit den Sezessionisten führen.«

Der Graf schüttelte zweifelnd den Kopf. »Vergessen Sie nicht, Sire, daß der Vorteil die Ehre Englands ist.«

»Das mag sein, aber England ohne Kolonien ist ein Rumpf ohne Arme und Beine, das begreift man in England sehr wohl und deshalb seine fortwährenden Intriguen um auswärtige Stationen.«

»Sie haben noch nicht von Deutschland gesprochen, Sire?«

»Es ist für eine Reihe von Jahren hindurch unschädlich. Es ist die alte Tradition der französischen Politik seit Ludwig XIII., die deutschen Kräfte, die gewiß nicht zu unterschätzen sind, sich untereinander aufreiben zu lassen. Ja, wenn einmal ein Mann an die Spitze käme, der es verstände, diese deutschen Kräfte zu vereinigen, sei es durch den Zauber einer großen Idee, sei es auf dem Wege der Gewalt durch Blut und Eisen, – denn beiden unterwirft sich der deutsche Charakter, er will nur ein Haupt, das für ihn denkt – dann könnte es allerdings für die Weltherrschaft Frankreichs gefährlich werden. So viel ist sicher, auch ein geeinigtes Deutschland würde und könnte seine Alliance nicht in England suchen – vor dieser Gefahr sind wir sicher! Also gilt vor allem die Wiederherstellung eines Einvernehmens mit Rußland, und dazu, lieber Graf, sollen Sie mir Ihren Beistand gewähren.«

»Euer Majestät wissen, daß Sie über mich zu gebieten haben. Nur fürchte ich, daß Euer Majestät vielleicht bald, vielleicht in zehn Jahren noch weit mächtigere Feinde zu bekämpfen haben werden, drei gefährlichere Rivalen um die Weltherrschaft, als England oder Deutschland!«

»Und die wären?«

» Die soziale Revolution, die Jesuiten und die Börse

»Das klingt etwas paradox!«

»Das ist eben das einzige Glück, Sire, daß die drei Gegner der staatlichen Gesellschaft in ihrem jetzigen Bestande eben noch Gegner sind. Wären sie eins, auch nur zwei von ihnen, Sire, so würde ihr Sieg, ihre Herrschaft unzweifelhaft sein. Auch so, vereinzelt, zum Teil sich untereinander bekämpfend, sind sie gefährlicher, als alle Rivalität der Staaten. Sie wissen, Sire, daß ich auch Fabrikant, Landbauer, Deputierter, Spekulant, Kaufmann war. Darum spreche ich nicht als Theoretiker, sondern aus praktischen Anschauungen, wie sie der Theorie nur selten näher treten.«

»Ich bitte, sprechen Sie, Graf, die Warnung ist zu wichtig und entspricht zu sehr meinen eigenen Besorgnissen, als daß sie nicht mit Aufmerksamkeit gehört zu werden verdiente.«

»Unter dem, was ich als die »Jesuiten« bezeichnete, verstehe ich das Papsttum, die Herrschaft der Kirche, die nie zu verwindende Tradition eines Gregor von der Obergewalt des Papstes über alles, Kirche und Staat. Ich bezeichne dies als die Jesuiten, weil faktisch der päpstliche Stuhl in diesem Augenblick bereits ganz unter dem Einfluß dieser schlauen und kühnen Gesellschaft steht. Sie werden das nicht bezweifeln, Sire, wenn Sie in Paris selbst nur einen Blick um sich tun wollen – der Kampf, den Herr Delangle gegen die Ausschreitungen des Klerus begonnen hat, zeugt für diese noch viel zu unklare Besorgnis. So lange das Papsttum in einer gewissen staatlichen Herrschaft einen Ableiter für diese Gouvernierungsgelüste des oberen wie des unteren Klerus fand, fühlte man weniger die Notwendigkeit der Wiederherstellung einer allgemeinen geistigen Beherrschung, eines Staates im Staate. Jetzt, wo die gänzliche Aufhebung der weltlichen Herrschaft des Papsttums vor der Tür steht und nur noch eine Frage der Zeit ist, fühlt die Kirche bereits das Bedürfnis, diese Gewohnheit oder Sucht, auch weltlich zu herrschen, auf anderem Felde wieder zu gewinnen, und der Jesuitenorden ist klug genug, dazu die altbewährten, von den Fortschritten der geistigen Emanzipation der Völker etwas zurückgedrängten Mittel wieder in das Treffen zu führen: Erziehung der Jugend, Erbschleicherei, Bedrängung der Gewissen, namentlich der der Weiber, Wunder und Anmaßung in der Auslegung der Schrift. Sire, sehen Sie zu, ob wir nicht binnen zehn Jahren ein Schock Heilige mehr und einen unfehlbaren Papst haben, der beansprucht, seinen römischen Pantoffel auf den Nacken der Monarchen zu setzen.«

»Du könntest Recht haben, Graf, und dennoch ist die Kirche die beste Stütze der Throne.«

»So machen Sie es, wie der Kaiser von Rußland, der Vladika von Montenegro und der Negus von Abessynien, Sire, und seien Sie nicht bloß der weltliche Kaiser von Gallien, sondern auch der oberste Bischof der gallikanischen Kirche. Vor allem, lassen Sie die Herren Jesuiten, die gar kein gesetzliches Recht haben, noch in Frankreich zu sein, nicht noch mehr Herrschaft gewinnen, als sie schon haben!«

Der Kaiser zuckte die Achseln. »Ja, Freund Jules – die Frauen, die Frauen! Die Kutten finden immer Schutz bei den Unterröcken. Aber, zum Teufel, ich glaube gar, Sie machen theologische Studien oder Sie haben die Kollegia gehört, die jetzt Professor Döllinger an der Universität in München hält und die den päpstlichen Nuntius in die Flucht geschlagen haben! – Aber es ist wahr. Sie verstehen ja gar nicht Deutsch! – Ich habe bisher geglaubt, Sie beschäftigen sich in Ihren Mußestunden nur mit musikalischen Kompositionen, wie man verleumderisch behauptet unter Assistenz dieses Herrn Offenbach, der so genial versteht, alles Ehrwürdige profan zu machen! – Wie lautet doch der Calembour? Richtig: Le comte de Morny passe un grand musicien, parce qu'il jene du cor Cor (Waldhorn), corps législatif gesetzgebender Körper! Graf Morny war ein großer Musikfreund und componierte auch Operetten, die er in seinem Palais aufführen ließ – zur Qual der Gesellschaft. législatif! – Doch ohne Scherz – ich danke Ihnen für die Warnung und bitte Sie weiter zu sprechen.«

»Über die zweite Gefahr, Sire, die soziale Revolution, könnte Ihnen Herr Schneider, mein Kollege im corps législatif, sehr interessante Beiträge aus seinen Werkstätten von Creuzot liefern. Der Kommunismus, wie ihn die Herren Blanqui und Marx in London so geschickt in politischen Lehren treiben, ist ein heraufziehendes Gewitter. Die Herrschaft der Masse schließt die Herrschaft der Könige aus! Die Verbreitung der radikalen Lehren des Kommunismus, der Arbeiterverbrüderungen, wächst mit einer furchtbaren Schnelligkeit. Frankreich hat zwar 1848 mit den Staatswerkstätten der Herren Sue und Flocon Lehrgeld genug gegeben, aber nichts gelernt, und die Theorie des Verdienens ohne viel zu tun, schmeckt gar zu gut. Sire, der Kommunismus kann in diesem so schönen und reichen Paris leicht wieder einmal zu der Furie der Kommune führen. Verbinden Sie sich bei Zeiten mit den Regierungen zur Unterdrückung der sozialistischen Propaganda. Das ist ein Geschenk, das England dem Kontinent zwischen die Beine wirft, sich die Hände reibend, daß es selbst die guten Leute los wird, ein Geschenk, das noch einmal viel Unheil anrichten wird. Die Streiks nehmen bereits überhand, Sire, und sie werden von England zur Hebung der eigenen Industrie bezahlt!«

»Wenn man nur die greifbaren Beweise erreichen könnte!«

»Lassen Sie Ihre Polizei aufpassen und die Justiz unnachsichtliche Strenge üben! Ich komme zum dritten der finstren Gewalten, die um die Weltherrschaft ringen, der Börse, der Herrschaft des Kapitals, mit einem andern Wort: dem Judentum im bürgerlichen Leben! Wir haben vielleicht alle dabei gesündigt aus Eigennutz – beiläufig, Sire, Sie werden schließlich doch noch Herrn Villault sein Portefeuille nehmen müssen, denn das Verschwinden der Akten in dem Prozeß Mirès und die Kompromittierung des jungen Villault machen nachgrade doch zu viel Aufsehen! Also – ich bekenne mich gern selbst schuldig, an diesen Agiotagen nicht ganz rein vorübergegangen zu sein, – Sire, diese Herren Pereire und Mirès und hundert andere mit ihren Banken und Krediten schädigten nicht bloß das Volksvermögen, um es in ihre Tasche zu stecken, in die Tasche der Reichen die Ersparnisse der Armen, sie machen das ganze Volk vom Prinzen bis zum Handwerker zu Hazardspielern, sie untergraben die öffentliche Moral und die Achtung vor den Gesetzen, das Vertrauen auf diejenigen Institutionen, die allein einen Staat zusammenhalten. Bei diesem Judentum – Sire, ich meine damit nicht das Bekenntnis des alten ehrwürdigen Glaubens Moses, sondern das goldene Kalb, das die Israeliten schon damals aufstellten als den Gott, den man anbeten müsse, – den Gott: Gold, das Kapital! – jene Tendenz, daß alles käuflich sei, daß, wer Geld hat, die Macht hat – bricht die bürgerliche Gesellschaft zusammen; denn wenn das Volk erst weiß, daß Adel, Gesetz, Gerechtigkeit, Ehre und Unschuld, vor allem die Moral der Presse vom Geld abhängt, daß der Reiche nicht bloß die Macht, sondern das Recht hat, den Armen zu unterdrücken, dann muß zuletzt die bürgerliche Sündfluth, das Faustrecht kommen. Bedenken Sie das wohl, Sire, und lassen Sie wenigstens von Zeit zu Zeit Ihre Regierung ein Beispiel geben, wie Sie es bereits durch den glücklichen Wechsel im Portefeuille des Innern und Ihres Hauses getan haben, daß eine hohe Stellung nicht zum Deckmantel der Agiotage dienen darf. Sire, der gefährlichste Kandidat für die Weltherrschaft, der sie Frankreich streitig macht, ist das Judentum

Es folgte eine längere Pause, in welcher der Kaiser in tiefem Nachsinnen verloren schien, dann erhob er sich und reichte dem Präsidenten der Deputierten-Kammer die Hand.

»Ich danke Dir, Jules, für die Furchtlosigkeit, mit der Du mir die Gefahr der Weltherrschaft geschildert hast, um so mehr, als, wie Du mit Recht sagtest, Du dabei in Dein eigen Fleisch schneiden mußtest. Aber, wie erklärst Du es bei dieser gewaltigen Macht, die Du dem Judentum vindizierst, daß es gegen das Papsttum nicht einmal in dem einfachen Mortara-Fall etwas auszurichten vermochte, trotzdem es alle Kabinette, selbst die der protestantischen Staaten, aufbot?«

Der Senator antwortete fein mit einer Gegenfrage. »Warum befahlen Euer Majestät, statt Herrn Mocquard » la Tireuse de cartes« schreiben zu lassen Das bereits erwähnte im Auftrage des Kaisers bei dem Mortara-Streit geschriebene und am 22. Dezember 1859 in Paris zuerst aufgeführte Theaterstück, das die Mortara-Geschichte, in das 16. Jahrhundert zurückverlegt, dramatisierte. Der Kaiser gab bei den Hauptstellen selbst das Zeichen zum Beifall., nicht lieber General Goyon, eine Kompagnie vor das Katachumenenhaus in Rom rücken und den Judenjungen einfach herausholen und seinen Eltern wiedergeben zu lassen? – Übrigens, Sire, wird sich vielleicht bald eine ähnliche Gelegenheit finden, – man erzählt in der Gesellschaft, daß es sich zwar nicht um ein Kind, aber um eine hübsche Sängerin handelt, die, eine getaufte Jüdin, wegen Rückkehr zum alten Glauben von den Jesuiten eingesperrt, hierher zu ihren Verwandten geflüchtet sein soll und nun von der Geistlichkeit reklamiert wird.«

»Sie mag sich hüten,« sagte der Kaiser hart, »meine Polizei und meine Justiz sind gegenwärtig nicht sehr in der Laune der Nachgiebigkeit gegen die Friedensstörer und Erbschleicher. Aber da hättest Du ja ein Thema für eine Operette, Jules! Eine gute Cancanmelodie ist gegenwärtig wirksamer, als die beste Tragödie. Wir sprechen wegen Petersburg weiter. Noch eins, Du kennst von Deiner Mission her ja das dortige diplomatische Korps. Man hat von Berlin aus durch Herrn von d'Auvergne vertraulich anfragen lassen, ob bei einem Rücktritt des Grafen Pourtalès der jetzige preußische Gesandte, ein Herr von Bismarck-Schönhausen, früherer Vertreter am deutschen Bund – ich erinnere mich kaum, ihn flüchtig gesehen zu haben, hier eine persona grata wäre? – Was hältst Du von ihm?«

»Sire, Herr von Bismarck ist unter dem Anschein großer Besonnenheit und Offenherzigkeit ein sehr verschlossener und voraussehender Charakter, von jener Zähigkeit, die man dem märkischen Adel zuschreibt. Er ist ein Mann, noch bereit, von der Zeit zu lernen und wird sicher noch einmal eine bedeutende Rolle spielen.«

»Die Frage ist, ob er das Vertrauen des Königs Wilhelm und Einfluß bei Hofe besitzt?«

Das erstere weiß ich nicht, – das zweite bezweifle ich, da er an der Spitze einer Partei – der sogenannten Junker-Partei steht, deren Organ die gazette avec la croix ist, und die gegenwärtig am preußischen Hofe schlecht zu stehen scheint. Doch, Sire, Preußen ist eben nicht reich an wirklichen Staatsmännern!«

»Wohlan – versuchen wir's mit ihm! Adieu, Jules!«

Der Graf empfahl sich, und der Kaiser setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.



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