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Prinz und Professor.

Es war am Spät-Abend desselben Tages. Vor dem Hotel des alten Fürsten Czartorysky in der Rue St. Louis en île fuhren Equipagen und Droschken an, noch größer war die Zahl der Besucher, die zu Fuß kamen, um in das Hotel einzutreten – es war der gewöhnliche Empfangsabend der Fürstin. Was von jener exklusiven Welt, die man in Paris mit dem Ausdruck »die Gesellschaft« nennt, nicht in den Tuilerien war, zeigte sich meist, wenn auch nur für eine kurze Viertelstunde, in den Salons der Fürstin, einer Prinzeß Sapieha.

Die Stellung, die der Fürst als das anerkannte aristokratische Haupt der polnischen Emigration einnahm, die Verbindung der Familienglieder mit der spanischen Königsfamilie Der zweite Sohn des Fürsten Adam, Prinz Ladislas war mit der Prinzeß Marie Amparo, Gräfin von Vista Alegre, einer Tochter der Königin Christine von Spanien und des berüchtigten Herzogs von Rianzares vermählt. und mehreren der vornehmsten Familien in Preußen, Österreich und Rußland einnahm, seine trotz des hohen Alters noch immer rege Teilnahme für alle hervorragenden Erscheinungen auf dem Gebiete der Künste und Wissenschaften machten die Empfangsabende der Fürstin mit zu den besuchtesten von Paris.

Unter den Kavalieren und Damen, die in die Säle eintraten, befanden sich auch der erste Attaché bei der französischen Gesandtschaft in Madrid, Vicomte Digéon und Monsieur le Chevalier Aubertin, wie ihn der Kammerdiener angemeldet.

»Sie sehen, Herr Vicomte,« sagte der Letztere, »es war Zeit, daß wir uns eingefunden, denn wenn Sie sich später noch bei Ihrer Majestät in den Tuilerien zeigen wollen, werden Sie hier genug zu bemerken haben.«

»Aber Oberst de Noël und die Herren du Bois und de la Tour? Wir versprachen doch, sie im Café abzuholen.«

»Zeit hat kein Gebot, das wissen wir Journalisten am besten. Was nützt mir die Einladung zum schönsten Rendezvous, wenn der Drucker des Charivari zur selben Stunde auf einen Artikel wartet. Aber in der Tat, Vicomte, ich habe mich eigentlich gewundert, daß Sie als Diplomat die Einladung des Obersten hierher annahmen?«

»Kommen doch selbst die Prinzen des Hauses Bonaparte zum Fürsten, wie man sich sagt, sogar mit der stillen Genehmigung oder gar auf den Befehl des Kaisers, der mit allen Parteien manövriert. Sehen Sie – dort – ist das nicht der Prinz Peter Napoleon …«

» Peter Bonaparte, wollen Sie sagen,« lachte der Journalist, »das ist ja eben der Groll der brutalen Hoheit, daß der Kaiser einen Unterschied gemacht hat zwischen den Familien Napoleon und Bonaparte. Aber der alte Republikaner hat wenigstens Courage und damit die Ehre der Familie gewahrt.«

»Wie so? Ich komme wie ein neugeborenes Kind hierher, Doktor, drei Jahre nicht in Paris bringen aus aller Bekanntschaft. Ehrlich gestanden, das ist eben der Grund, außer daß ich meine Tante die Gräfin Montalembert sprechen will, die bekanntlich nicht in die kaiserlichen Cercles geht, weswegen ich zuerst zu Ihnen kam, da Ihr loser Mund und Ihre Kenntnis aller Personen mich in der Gesellschaft gleich am besten au fait setzen. Die offiziellen Aufwartungen kommen erst nach dem Chronique, also lieber Aubertin, betrachten Sie mich wie einen Halbwilden, der nicht den dritten Teil von allen den Personen hier kennt, und tun Sie Ihr Portefeuille auf. Wir sind in Madrid jetzt gar zu sehr zurück, und seit der vertrackten Affäre mit dem verunglückten karlistischen Putsch betrachtet man mich sogar mit einigem Mißtrauen.«

»Wie das?«

»O, nichts! Ich erzähle Ihnen später die Details jener Quadrille, von der Sie ja in den Journalen gelesen haben, nur will ich Sie warnen: stößt Ihnen früher oder später einmal hier in Paris ein gewisser spanischer Graf Lerida auf, so hüten Sie sich vor ihm wie vor der Pest. Aber was ist's mit der Kourage dieses Prinzen Peter Bonaparte – hat er wieder einen seiner tollen Streiche gemacht?«

»Er hat heute abend einen Brief an den Herzog von Aumale in den Journalen erscheinen lassen, in dem er an Stelle seines degenscheuen Vetters den Handschuh aufnimmt und den Herzog ganz offen zum Duell fordert.«

»Bah – es kommt nicht viel heraus bei diesen in den Zeitungen kartellierten Zweikämpfen. Sie haben das Beispiel grade an der Forderung des General Bosco.«

»Erinnern Sie sich an Herrn von Girardin und Armand Carrel!«

»Das war nur eine Ausnahme von der Regel – der Vicomte spielte eben va banque!«

»Und ist dafür jetzt eine Autorität und Millionär. Aber wollen wir nicht in den intimen Salon gehn, um uns wenigstens bei Seiner Majestät zu zeigen?«

»Bei Seiner Majestät?«

»Nun, vergessen Sie nicht, daß der alte Fürst sich als König von Polen geriert, und von der aristokratischen Fraktion als solcher fetiert wird. Freilich eine etwas verlebte und abgedankte Majestät. Sie haben keinen Begriff davon, was an diesem kleinen Hofe der Île Saint Louis hier für Intriguen der Parteien gespielt werden, und dabei wollen Sie den russischen Koloß stürzen!«

»War nicht einmal der Fürst ein Intimus des Kaisers Alexander, ich dächte davon gehört zu haben?«

Der Journalist zuckte leicht die Achseln über die Unwissenheit des hochgeborenen jungen Diplomaten.

»Mit dem Großvater des jetzigen Kaisers, Vicomte. Erinnern Sie sich, daß der Fürst Adam 1770 geboren, also jetzt 91 Jahr alt ist. Unter Koscziusko in seiner Jugend schlug er sich wacker, und nach der Teilung Polens, auf der Kaiserin Katharina Befehl mit seinem Bruder Constantin, der im vorigen Jahre starb, als Geisel nach Petersburg geschickt, wurde er solch ein Günstling des Thronerben, des nachherigen Kaisers Alexander, daß dieser ihn als Botschafter nach Turin senden ließ und ihn bald nach seiner Thronbesteigung zum russischen Minister des Auswärtigen machte. Er war es, der 1805 das Bündnis Rußlands mit England unterzeichnete. Obschon er sein Portefeuille niederlegte, war er bei Austerlitz wieder an der Seite Alexanders, bis er sich nach dem Tilsiter Frieden von der Staatskarriere ganz zurückzog. 1812 war er bei dem Kaiser und kam mit ihm 1814 hierher nach Paris. Auf dem Wiener Kongreß soll er die Konstitution von Polen entworfen haben. Dafür machte ihn Alexander zum Palatin von Polen und zum Kurator der Universität Wilna, wo er sich der jungen Verschworenen tapfer annahm, die Nowsilzow so grausam behandelte. Daher rührt eigentlich die Anhänglichkeit des polnischen Adels an ihn. Später lebte er den Wissenschaften auf seinem Stammgut Pulawy, bis er sich 1830 mit an die Spitze der Revolution stellte und zum Präsidenten der provisorischen und der Nationalregierung gewählt wurde. Nach den blutigen Tagen des 15. und 16. August legte er, der alte Aristokrat, die Präsidentschaft nieder und trat, da die Volkspartei nach der Einnahme Warschaus ihn als Verräter anklagte und auf den Straßen sein Leben bedrohte, als gemeiner Soldat in das Korps des Generals Romarino. Nach der gänzlichen Niederwerfung der Revolution, der er sein halbes Vermögen geopfert, lebte er hier in Paris.«

»Ich danke Ihnen für die Lektion, die mir um so willkommener ist, als ich – unter uns gesagt – Aussicht habe, nächstens der Gesandtschaft in Petersburg attachiert zu werden. Wer ist die Dame dort, die von einem Schwarm von Herren umgeben ist?«

»Ei, kennen Sie die neue Bonaparte nicht, die sogenannte Prinzessin Solms? Der Kaiser jagte sie vor zwei Jahren aus Paris wegen ihrer Aufdringlichkeiten und ihrer Nuditäten.«

»Ah – die Wiese?«

» Den Namen will sie nicht. Nehmen Sie sich in Acht, sie ist jetzt aus der Verbannung nach Turin zurückgekehrt, wo sie, wenn nicht den Galantuomo, doch irgend einen seiner Würdenträger in ihr Netz gelockt – Cavour oder Ricasoli – ich weiß es nicht genau, und ist jetzt sehr in Mode. Sie und die George Sand, die die Schande ihrer eigenen Mutter in ihren Memoiren preis gibt, passen zusammen, wie sie jetzt nebeneinander stehen, nur daß die Eine noch jung und pikant, die Andere passée ist!«

»Aber wie kommt sie dazu, sich Solms zu nennen?«

»Ja zu was greift man nicht, um sich zur Prinzeß zu machen. Wie Sie wissen werden, ist Madame die Tochter des früheren Gesandten in Athen, Wyse, und der Madame Lätitia, der ältesten Tochter von Lucian Bonaparte, dem Prinzen von Canino mit Madame Jauberteau – daher schreibt sie sich Prinzessin Bonaparte, und weil ihr der Kaiser dies verboten, nennt sie sich als die Gattin von Herrn Friedrich Solms, dem Sohne eines ehrlichen aber reichen Fleischers dieses Namens, Prinzessin Solms geborene Bonaparte, bloß weil der Adelskalender Fürsten Solms kennt.«

»Es ist auch eine von den Damen, die der Teufel der Eitelkeit plagt, von sich reden zu machen.«

»Und es sollte mich wundern, wenn sie nicht doch noch eine Rolle in der Politik zu spielen suchte, wenn nicht hier, so in Italien, wo die Gelegenheit für Intriguanten und lüderliche Frauenzimmer fast noch günstiger liegt, als hier. Einstweilen spielt sie den Schöngeist und gibt theatralische Soireen in ihrem Hotel in der Mailandstraße, wozu sich alle Welt drängt. Sehen Sie nur die Personen von Ruf, die sich um sie drängen, die Akademiker Viennent und Ponsard, den Schriftsteller Leon Gozlan, Gautier, Jules Lecomte, Villemot – wahrhaftig selbst Thiers bekomplimentiert sie. Der große Historiker will wahrscheinlich die Sand ärgern, weil er für seine Tiraden in der Geschichte des Konsulats und des Kaiserreichs den Kaiserpreis, die 20.000 Francs, erhalten und über die »Lelia« der Sand somit den Sieg davongetragen hat. Er hat ihn Guizot zu verdanken! Sage mir einer, daß die abgedankten Minister nicht doch Kollegenschaft halten. Das Silber des Kaisers nimmt Herr Thiers sehr gern, wenn er ihm auch die bitterste Opposition und nicht eine, sondern zehn Fäuste in der Tasche macht.«

»Das ist alles sehr interessant, liebster Aubertin, aber es informiert mich nicht über die polnischen Intriguen!«

»Warten Sie, bis Sie Gesandter in Petersburg sind, und Sie werden genug davon zu hören bekommen. Vorläufig wollen wir für diesen Fall ausmachen, daß Sie mir Begnadigung erwirken, wenn ich etwa bei der polnischen Revolution erwischt werden und zum Schnellgalgen oder nach Sibirien verurteilt werden sollte, wogegen ich Ihnen verspreche, Sie über die Parteien auf dem Laufenden zu halten.«

»Sie werden doch kein solcher Tor sein, wenn es wirklich in Polen zur Revolution kommen sollte, dahin zu gehen?«

»Warum nicht? Paris fängt an, langweilig zu werden, und der Charivari zahlt schlechte Honorare. Oder meinen Sie, daß Noël, Dubois und de la Tour ins Palais Czartoryski kommen, bloß um der lächerlichen alten Majestät oder ihrem anmaßenden Thronfolger ihre Reverenzen zu machen? Parbleu! Es ist nur der Unterschied, daß Noël und de la Tour der Adelfraktion gehören, während ich in der Legion des Herrn Mieroslawski für die Demokratie fechten werde.«

»Aber wer ist denn der Kandidat des Fürsten?«

»Ein bisher ziemlich unbekannter Offizier, der gegenwärtig an der Militär-Akademie zu Cuneo Unterricht gibt, aber bereits eine Mission nach Polen zur Formierung und Ausbildung von Cadres mit großem Geschick ausgeführt haben soll. Eben, um ihn kennen zu lernen, bin ich heute Abend hierher gekommen, denn wie ich gehört habe, sind beide Nebenbuhler hier.«

»Welche?«

»Nun, Mieroslawski und Marian Langiewicz, so heißt nämlich der andere. Sie mögen einander grade so wenig leiden, wie ein Paar Kampfhähne und es gibt vielleicht eine Szene. Ach – da ist der Oberst!«

Der alte Bonapartist, der Oberst Graf de Noël, der in der zweiten Phase der polnischen Insurrektion eine Rolle spielen sollte, kam mit zwei Herren herbei: »Sie haben uns im Stich gelassen, Monsieur Aubertin,« sagte er scherzend, »ich hoffe, daß dies kein Omen ist. Erlauben Sie mir, Sie mit dem Herrn Grafen Taczanowski bekannt zu machen, der ausdrücklich zum heutigen Abend mit Guttry und Dzialynski von Berlin hergekommen ist. – Haben Sie mit Mieroslawski gesprochen und ihn zum Nachgeben gegen die Wünsche des Fürsten gestimmt?«

»Ich habe leider noch keine Gelegenheit gehabt, Herr Graf,« entschuldigte sich der Journalist, »Herr Seyfried war bei ihm, Sie wissen, er ist der Einzige, der Einfluß auf ihn hat. Darf ich Sie bitten, mich mit Ihrem andern Begleiter bekannt zu machen?«

»Wie? Sie kennen ihn noch nicht? Herr Kapitän Marian Langiewicz, ein Offizier, auf den der König große Hoffnungen setzt.«

Die Herren verbeugten sich und reichten einander die Hand.

»Sie waren, wie mir erzählt wurde, in diesem Frühjahr in Polen, Herr Kapitän? Waren Sie vielleicht bei dem unglücklichen Ende des Grafen Oginski zugegen? Ich hatte die Ehre, ihn zu kennen.«

»Nein; ich war damals bereits in Litthauen, um mit dem Grafen Platen und Oberst Traugut zu verhandeln, aber der letztere ist an dem verhängnisvollen 25. Februar in Warschau gewesen und, wie ich gehört habe, in der heutigen Versammlung des Zentral-Komitees. Ich traf den armen Grafen, dessen Tod wir sehr zu bedauern haben, da er ein ebenso tätiges wie ehrenhaftes Mitglied der Agitation war, an der Posenschen Grenze bei dem Angriff der Russen auf das Gut des Herrn von Solawski, der dadurch gezwungen wurde, mit seiner Familie nach Paris zu emigrieren.«

»Sie werden noch das halbe Polen hierher exilieren,« sagte der Oberst, »und wir werden am Ende nicht eine Revolution, sondern eine Invasion zu machen haben.«

Der preußische Graf lächelte. »Fürchten Sie das nicht, Herr Oberst, wir sind von Frankreich und England daran gewöhnt worden, uns auf unsere eigenen Kräfte zu verlassen und haben dem Himmel sei Dank noch genug Söhne des Landes, die nur auf die günstige Gelegenheit warten, wobei wir freilich auf die Unterstützung unserer tapferen Freunde rechnen wollen.«

»Verlassen Sie sich darauf, sobald Sie losschlagen, Herr Graf, bin ich dort. – Aber wissen die Herren, daß Ludwig Kossuth hier ist?«

»Wie, Kossuth?« fragte erstaunt der Kapitän, »ich habe ihn doch mit Garibaldi und Türr in Genua verlassen!«

»Er ist diesen Nachmittag angekommen, während Sie bereits gestern eintrafen; doch – bitte, sehen Sie sich die beiden Bonapartes dort an!«

Die Gesellschaft wandte sich nach der Tür des Salons, durch welche eben der Prinz Louis Napoleon eintrat, während sein Vetter Peter Bonaparte mit einem Mann von einigen fünfzig Jahren in ungarischer Nationaltracht in eifriger Unterhaltung den Salon verlassen wollte.«

Der Prinz blieb stehen und reichte dem Fremden die Hand.

»Willkommen, Monsieur de Kossuth!« sagte er zuvorkommend. »Ich wußte nicht, daß Sie hier sind! Nun, ich hoffe. Sie werden das Palais Royal bei Ihren Besuchen nicht vergessen.«

»Seine Kaiserliche Hoheit,« sagte der Prinz Peter brüsk, »wünscht einen Teil seiner Ersparnisse in ungarschen Noten anzulegen, nachdem die Oesterreicher von dem Londoner Gerichtshof abgewiesen sind.«

Der Prinz, dessen Geiz bekannt war, wurde puterrot und öffnete den Mund zu einer heftigen Erwiderung, aber das krampfhafte Gähnen, das ihn bei dieser Bewegung überkam, erstickte sie.

Selbst der Exdiktator war von der rücksichtslosen Beleidigung, die natürlich ihn noch mehr traf, als den Prinzen, im ersten Augenblick etwas verdutzt, aber bei der Gewandtheit, die ihm als Redner von Profession zu Gebote stand, hatte er sich bald wieder gefaßt und erwiderte höflich: »Bei dem großen Interesse, daß Seine Kaiserliche Hoheit stets für die Sache der Freiheit gezeigt haben, werden Höchstdieselben gewiß nicht verfehlen, die an der Donau bevorstehende Expedition zur Befreiung Ungarns und Polens von dem verhaßten Joch mit allen Kräften zu unterstützen. Darf ich vielleicht auch zu Euer Hoheit den Bankier des Komitees mit der Subskription schicken?«

»Nein,« sagte der Prinz, der durch seine derbe Aufrichtigkeit berüchtigt und gefürchtet war, »für eine verlorene Sache, wie die ungarische Revolution, werfe ich kein Geld fort; aber schicken Sie mir immer ein Dutzend Ihrer Noten, lieber Diktator, ich besitze ein hübsches Album von allerlei Merkwürdigkeiten. Wie ich Ihnen bereits gesagt, lassen Sie sich raten, Herr Kossuth, unser geehrter Vetter hält gegenwärtig die beiden M's, Metternich und Mürat, sehr in Gunst, und ich habe eben gehört, was in Bezug auf den Mürat Euer Hoheit wohl interessieren wird: daß beide heute im Salon der Kaiserin Eugenie sehr flattiert werden. Werden Euer Kaiserliche Hoheit vielleicht auch noch heute Abend die Tuilerien besuchen?«

»Ich werde darin Ihrem Beispiel folgen, lieber Vetter,« sagte der Prinz bissig, denn es war bekannt, daß dem Prinzen Peter der Hof verboten war.

»Gut getroffen, Vetter,« lachte der Prinz, »ich rate Ihnen, treffen Sie nur Herrn von Aumale ebenso, damit ich meine Stilistik nicht mehr in Unkosten zu setzen brauche. Adieu, Herr Kossuth, und wenn Sie im Ernst einen alten Troupier brauchen können, so wenden Sie sich dereinst an mich, obschon ich Familienvater bin! Au revoir, meine Herren!«

Er setzte den Weg nach dem ersten Salon fort, und der Prinz Napoleon ergriff den Arm des Agitators, um ihn in ein Fenster zu ziehen.

Der berühmte polnische Leiter des ungarischen Aufstandes war trotz seiner neu aufgetauchten Agitation in Oberitalien im Verein mit Mazzini und Garibaldi damals doch bereits sehr auf der niedersteigenden Linie seines Ansehens. Der Triumphzug durch Amerika zur Einsammlung des republikanischen Weihrauchs hatte bei dem praktischen Sinn der Amerikaner und bei den eigenen dort entstandenen Konflikten ziemlich kläglich geendet, und auch in England, wohin er zurückgekehrt, wurde er ziemlich vergessen, da Lord Palmerston, der ihn so viel gegen Österreich benutzt hatte, ihn jetzt zur Seite schob. Erst der Versuch, die berüchtigten Kossuthnoten unter der Hand wieder in Kurs zu setzen und der skandalöse Prozeß, der wegen ihrer Fabrikation und Ausgabe von der österreichischen Regierung in England geführt und eben mit der auf die bekannte Wortklauberei der englischen Gesetze basierten, jeder völkerrechtlichen Billigkeit Hohn sprechenden Abweisung der Klage entschieden worden war, hatte wieder von ihm reden machen. Der Egoismus seines ganzen Treibens, das nur den eigenen Vorteil im Sinne hielt, hatte ihm die große Mehrheit seiner Landsleute der Art entfremdet, daß, namentlich seit Klapka, der bedeutendste Führer der ungarischen Emigration und ein entschiedenes militärisches Talent, sich öffentlich von ihm losgesagt hatte, er trotz der großen Aufregung, die damals gerade wieder gegen Österreich herrschte, nur wenig Anklang für seine neuen Pläne fand.

Der Diplomat und der Journalist kamen eben noch in ihrem Vorwärtsgehen nach dem Hauptsalon zurecht, um zu sehen, wie der Prinz sich von der greisen Fürstin mit einem Handkuß verabschiedete und von den beiden Söhnen und den Neffen des Fürsten zum Ausgang zurückbegleitet wurde. Die Familie des alten Fürsten war in ihren männlichen und weiblichen Vertretern zahlreich versammelt, die zum Teil mit dem fürstlich Radziwillschen Hause verbunden und verschwägert waren. Ein zahlreicher Damenkreis umgab die alte Fürstin Anna aus dem berühmten Jagellonen-Geschlecht der Sapiehas. Doch bestand der Kreis eben aus zu vornehmen Damen, und es herrschte, entgegen dem Cercle der Kaiserin von Frankreich, ein zu zeremoniöser, hocharistokratischer Ton hier, als daß es dem Kapitän Langiewicz sofort gelungen wäre, zu Fräulein Postowojtow durchzudringen, die mit Frau von Wolawska in dem Kreise stand, bis Prinz Ladislaus ihn bemerkte und ihn zu seinem Vater führte.

Der alte Fürst, der trotz seiner hohen Jahre noch mit einer gewissen Würde repräsentierte, empfing ihn mit größter Höflichkeit und reichte ihm die Hand zum Kusse.

»Wir haben so viel Gutes und Tüchtiges von Ihnen gehört, Herr Kapitän,« sagte er, »daß wir Ihnen das größte Vertrauen schenken und Sie bitten, in der Beratung unserer Freunde meinem Sohn zur Seite zu stehen, da Graf Oginski, dem wir früher dieses Vertrauen widmeten, ein Opfer seiner Hingebung für das Vaterland geworden ist. Wenn ich mich recht erinnere: war es nicht eine polnische Dame, die Sie aus großer Gefahr rettete?«

»Das Fräulein,« sagte der Kapitän, »hat die Ehre, sich in diesem Augenblick in der Nähe Eurer Majestät zu befinden.«

»Ja ja, und Sie haben Ihre Gemahlin der Königin vorgestellt?« fragte der alte, schon halb kindesschwache Mann.

Der Prinz Ladislas beugte sich zu seinem Ohr und flüsterte ihm einige Worte zu: »Ja ja, Kind, Du hast Recht – er wird sie heiraten, wenn Polen befreit ist! Nun, Kapitän, nehmen Sie meine Bewilligung! – Ja ja – der Vater ein russischer General – nun, Herr, ich Ihr König – war auch ein russischer General. Haben Sie den Kaiser Alexander gekannt? Ich liebte ihn sehr!«

Die Szene, die anfing peinlich zu werden, wurde durch eine allgemeine Bewegung in dem Kreise unterbrochen; einer der polnischen Herren, die am Eingang des andern Salons standen, kam hastig herbei und sagte dem Prinzen einige Worte, zugleich bildete sich eine breite Öffnung in der Versammlung von der thronartig erhöhten Estrade des alten fürstlichen Paares bis zu dem Eingang des Saales.

»Fühlen Euer Majestät sich stark genug,« fragte der Prinz mit lauter Stimme, »um einen alten hochverdienten Freund der Sache Polens zu empfangen, den Professor Joachim Lelewel

»Lelewel – ich erinnere mich – gewiß! Ist er nicht ein Demokrat?«

»Er ist ein Pole, wie wir Alle, Majestät,« sagte der Prinz mit starker Stimme, »und Polen und die ganze Welt können stolz auf einen Mann von solchem Verdienst sein!«

»Richtig, richtig! Ich erinnere mich! Ja, ich habe viel gelesen – die Dzìeje polski, und …«

Der alte Fürst sank wieder in seinen Sessel zurück, von dem er sich mühsam und zitternd etwas erhoben hatte.

Durch die breite Gasse der vornehmen Gesellschaft, zwischen den Atlasroben und Spitzen, den Sternen und Ordensbändern kam ein alter Mann, ein sehr alter Mann mit weißem Haar, im schlichten, schwarzen, polnischen Rock langsam herbei, geführt von zwei anderen Männern, einem jüngeren und einem alten, der fast so alt war, wie er selbst. Beide trugen Uniform, der Ältere die ungarische Generalsuniform aus der Zeit der großen Revolution, den Attila und Kalpak, der Jüngere eine Art mit Goldstickereien und schweren Epaulettes überladene Phantasie-Uniform. Er war ein schlanker Mann von Mittelgröße und von regelmäßigen Zügen, die von einem Vollbart umschlossen waren, die aber wenig Militärisches, nicht jenen scharfen, entschlossenen Ausdruck zeigten, der berühmten Kriegern etwas Imponierendes gibt, gleichsam den Geburtsstempel des Befehlens. Sie hatten vielmehr etwas Abgelebtes, Zerfahrenes, und auch das dunkle, obwohl feurige und kluge Auge hatten einen unstäten, flüchtig umherschweifenden Blick. Er mochte etwa sieben- oder achtundvierzig Jahre zählen, während der andere offenbar das siebenzigste Jahr erreicht haben mußte, obschon er sich noch in guter militärischer Haltung bewegte.

»Professor Lelewel, Euer Majestät,« wiederholte der Prinz nochmals, als die Drei vor dem Fürsten standen, »der Herr General Dembinski und Herr General Ludwig von Mieroslawski

»Sehr willkommen, sehr willkommen!« sagte der Fürst, nochmals den Versuch machend, sich zu erheben. »Verzeihen die Herren, ich bin ein sehr alter Mann, und das Stehen wird mir schwer.«

»Auch ich bin alt, Durchlaucht Professor Lelewel war am 21. März 1786 zu Warschau geboren, väterlicherseits von deutscher Abstammung, da er von einer erst im 18. Jahrhundert in Polen eingewanderten Familie, den Lölhövel stammte. Es ist eine den polnischen, engherzigen Fanatismus kennzeichnende Gewohnheit geworden, daß so viele Polen ihren echt deutschen und die Herkunft kennzeichnenden Namen mit Gewalt ins Polnische oder Französische verdrehen – noch heutzutage!« sagte der gelehrte Greis, »und weil ich fühle, daß es mit mir zu Ende geht, bin ich gekommen, um Ihnen noch ein Mal diesseits des Grabes, dem wir alle verfallen, Fürst wie Bauer, die Hand zu reichen! Ich denke, Durchlaucht, wir sind beide gute Polen gewesen, und haben unser Vaterland geliebt, wenn wir auch über die Rechte seiner Söhne nicht ganz einig gewesen sind. Ich denke, wenn man wie wir, bereits mit einem Fuß im Grabe steht, dann hat man nur einen Wunsch, der ist, daß unser Leib in freier polnischer Erde ruhen möge!«

»Das wolle Gott geben, mein würdiger Freund und alter Kamerad in dem großen Kampf,« sagte der greise Fürst, indem er sich plötzlich körperlich emporraffte und mit ungeahnter Kraft seinem demokratischen Gegner aus der Nationalregierung von 1830 gegenüberstand. »Wenn der Name Adam Czartoryski längst vergessen ist, dann wird in der Geschichte des polnischen Volkes, in der Geschichte der Welt und der Wissenschaft der Name Joachim Lelewel immer noch als ein leuchtender Stern strahlen und die polnische Jugend zur Tatkraft spornen.«

Kaum drei Monate später starb Lelewel, der große Historiker, am 27. Mai – der »König von Polen« sechs Wochen später, am 15. Juli.

»Durchlaucht,« sagte der Gelehrte, »ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung und scheide von Ihnen mit dem Wunsche, daß in der neuen Bewegung, die sich für unser Vaterland vorbereitet, alle Parteien das einzige festhalten, was Polen frei und stark machen kann: Selbstlosigkeit und Einigkeit! Und darauf, Durchlaucht, rufe ich, der Mann aus dem Volke, hier in Ihrem goldenen Saal:

Sgyl Polska

Eine stürmische Wiederholung des Rufes folgte nach der tiefen Bewegung, welche bei dieser Begegnung die ganze Gesellschaft ergriffen hatte.

Unter dem Rufe: »Es lebe Polen! Es lebe die Nation!« verließ der Professor den Saal des Fürsten, während die Damen dem alten Volksmann mit den Tüchern winkten und die Männer sich um ihn drängten, seine Hand zu berühren.

Eine allgemeine Bewegung zeigte sich nach der Entfernung des gelehrten Greises, und in dieser Neubildung der Gruppen gelang es dem Kapitän Langiewicz, sich seiner Geliebten zu nähern.

»Verzeihen Sie, Henriette,« sagte er herzlich, »daß ich noch nicht zu Ihnen gekommen bin, aber ich habe erst heute hier im Palais erfahren, daß Herr von Solawski in Paris ist und daß Sie bei seiner Familie wohnen. Die angestrengtesten Arbeiten, die mich seit meiner Rückkehr aus Litthauen in Anspruch nahmen, und die Sorge um den Zustand meines Vetters, der vor Gaëta schwer verwundet wurde, nehmen meine ganze Zeit in Anspruch.«

Sie drückte dem Geliebten zärtlich die Hand. »Sie wissen, Marion, daß ich nicht so selbstsüchtig bin, um Sie für mich zu fordern, während das Vaterland Ihre ganze Kraft und alle Ihre Gedanken beansprucht. Fragen Sie nicht nach mir, sorgen Sie nicht um mich, und nur wenn Sie mich brauchen, in der Gefahr an Ihrer Seite zu stehen, die Sorgen und Täuschungen, die nicht ausbleiben werden, Ihnen tragen zu helfen, dann rufen Sie mich. Das ist das Recht der Liebe und mir dies zu gewähren, das versprechen Sie mir.«

»Mein Wort darauf, Henriette, und nun leben Sie wohl und entschuldigen Sie meine nur flüchtige Begrüßung bei Frau von Solawska, – aber es stehen uns noch heute sehr ernste Debatten bevor, bei denen ich alle Ruhe und Überlegung brauche. Es findet in diesem Augenblick bereits eine Sitzung des polnischen Zentralkomitees in einem andern Teil dieses Hotels statt, und ich fürchte, daß es dabei zu harten Kämpfen kommen wird, denn die Parteien sind noch keineswegs einig, und es sind Elemente zugegen, bei denen vernünftiger Rat auf harten Widerstand stoßen wird.«

Sie hielt ihn noch einmal zurück. »Sagen Sie mir, Marion, ehe Sie gehen, ist etwa der unheimliche Mensch auch hier, den wir in der Hütte des Waldhüters trafen, der Mann mit der Brille? Wenn einmal ein Opfer fallen mußte, hätte ich gewünscht, dieser wäre es gewesen, als der schöne und wackere junge Edelmann, der sich in der Gefahr für Ihre Person ausgab. Ich habe ein geheimes Grauen vor diesem Menschen und fürchte Unheil von ihm für Sie und uns alle. Ich bin nicht die einzige, die so denkt – Wanda von Marowska, die Ärmste, eine Freundin aus früherer Zeit, die jetzt in dem großen Krankenhaus eine Stelle bekleidet und eine hochherzige Patriotin ist, scheint dasselbe Gefühl zu haben, – ich habe noch vor wenigen Tagen Briefe von ihr erhalten, in denen sie mir die Vorgänge des 8. schildert und auch den Tod des Grafen erzählt, der, wie mir scheint, ihrem Herzen nahe gestanden hat.«

»Ohne Besorgnis, Henriette! Jener Mann ist nicht in Paris und kann uns nicht schaden, wo er ist. Aber ein wichtigerer und gefährlicherer Kopf, als der seine, ist hier, und an diesem Charakter dürften leicht alle Pläne und Wünsche des Prinzen scheitern, den ich dort auf uns zukommen sehe!«

Der alte Fürst hatte sich nach dem Scheiden des Professors zu seinem Liebling, dem zweiten Sohne gewendet. »Mieroslawski? sagtest Du nicht, Ladislaw, daß der Farceur Mieroslawski mit dem Professor hier war, der Mensch, der alles verdirbt und dem Adel Feind ist? Warum hast Du ihn nicht fortgeschickt?«

»Wir haben Freunde genug, Majestät, um seinen Machinationen zu begegnen! Aber wollen Sie sich nicht zurückziehen, mein Vater? Ein längeres Verweilen könnte Ihrer kostbaren Gesundheit schaden, Dzialynski und ich haben ja ihre Befehle für die Leitung der Verhandlungen erhalten. Es ist Zeit, daß wir uns zu der Versammlung begeben.«

»Ja, ja,« sagte der Fürst, »ich fühle, daß ich der Ruhe bedarf! Der Lelewel hat recht gesagt – unsere Zeit ist gekommen. Aber ich halte an unserm Wahrspruch fest, Ladislaw: Badz co Badz! Der Adel darf seine Rechte nicht aufgeben – ihm gebührt die Herrschaft, nicht dem Pöbel. Das ist alles Unglück der Welt und stürzt die Könige, daß sie sich zu gemein machen mit dem Volk! Sprich mit Jan – er ist ein echter Edelmann!«

Der Sohn hatte seiner Mutter einen Wink gegeben und diese sich erhoben, um sich zurückzuziehen, indem sie den Sessel begleitete, in dem zwei Lakaien den Fürsten forttrugen.

Der Prinz, der bald zurückkehrte, kam auf den Kapitän zu und nahm ihn unter den Arm. »Verzeihen Sie, mein gnädiges Fräulein, daß ich Ihnen diesen Herrn entführen muß, aber seien Sie versichert, daß er seine schöne Retterin vor den Kosaken nicht vermissen soll! Haben Sie den giftigen Blick bemerkt, Kapitän, den dieser General von Volkes Gnaden auf Sie schoß, als er Sie so nahe bei Seiner Majestät fand? – Was sagen Sie zu dem alten Lelewel? Wenn es nach ihm ginge, sollte die Revolution von lauter Philantropen gemacht werden. Kommen Sie, es wird einen harten Kampf geben, aber wir haben die Majorität im Komitee, dafür ist gesorgt. Nur versprechen Sie mir, daß Sie allen persönlichen Streit mit Mieroslawski vermeiden, da er schon in Cuneo sich an Ihnen zu reiben versucht hat.«

»So weit es meine Ehre gestattet, gewiß, Hoheit.«

»Die gehört dem Vaterlande! Ihr Leben gehört Polen, nicht der Kugel eines ehrgeizigen Faiseurs!«


Selbst ein oberflächlicher Beobachter hätte leicht bemerkt, daß alle diese eleganten Herren und Damen, diese Coryphäen und Notabilitäten in Politik, Kunst, Wissen, Börse und Litteratur doch nur ein Teil der zahlreichen Besucher waren, die man dem Hotel an diesem Abend hatte zuströmen sehen.

Aber wo waren sie, diese Männer in oft sehr fadenscheinigen Röcken und Mänteln, die sich wahrhaftig nicht für den Salon von Fürsten und Marquisen eigneten, diese Männer mit den markierten, scharfen, kühnen, oft von Not und Sorgen, ja vom Hunger abgemagerten Gesichtern, Männer in den verschiedensten Altern, oft in der Bluse des Arbeiters oder Handwerkers – andere, denen der Soldat unverkennbar auf der Stirn geschrieben stand, auch wenn die tiefe Narbe das alte Kriegshandwerk nicht bekundet hätte. Und wieder andere, deren Kleidung zwar armselig war und die Dürftigkeit zeigte im großen Kampfe ums Dasein, und die man doch nur mit einem Blick anzuschauen brauchte, um zu wissen, daß sie den vornehmsten Ständen angehört hatten und jetzt um die notwendigsten Bedürfnisse des Lebens kämpfen mußten.

Und doch auf allen diesen Gesichtern ein Ausdruck fester Entschlossenheit, oft fanatischen Willens, wilden Hasses, ungebrochenen Stolzes bei all' der jämmerlichen Not und Sorge.

Diese Männer betraten freilich nur den äußeren Hof des Palais. Ein alter, reich galonierter Diener, der sie mit scharfem Blick musterte und die meisten zu kennen schien, machte nur eine einfache Bewegung mit dem Daumen der linken Hand, und sie schienen diesen Wink zu kennen; denn sie wandten sich nach einigen Schritten gegen das im hellen Gasflambeaux strahlende Portal des Palais links ab, wo es dunkler war, und verschwanden in dem Schatten einer Mauer, die hier das Palais mit dem von der Familie Czartoryski gestifteten polnischen Mädchen-Pensionat verbindet.

Hier an einer kleinen Tür stand ein Mann in einfacher Kleidung, dem jeder der Ankommenden leise seinen Namen nannte, indem er die Worte der französischen Legende der Fürsten-Familie hinzufügte: Le jour viendra! – worauf ihm die Tür geöffnet wurde, und er in einen matt erleuchteten Gang trat, der zu einem Hintergebäude führte.

Diese Männer, die hier eintraten, gehörten der großen polnischen Emigration von 1830 und 46 bis in die neueste Zeit an, und zwar dem beträchtlichen Teil derselben, der sich durch Eid und Unterschrift dem Zentral-Komitee untergeordnet hatte.

Wenn irgend ein Platz in Paris durch die Erinnerungen seiner Umgebungen zu einer Stätte und Schule der Revolution sich eignen kann, so ist es sicher die Insel des heiligen Louis, auf der das Hotel Czartoryski liegt, die durch die Pont St. Louis mit der Cité und durch mehrere andere Brücken mit den Quais des nördlichen und südlichen Seine-Ufers verbunden wird, von dem Justizpalast bis zur Brücke d'Arcole, die nicht etwa von der Heldentat des ersten Napoleon, sondern nach dem jungen Mann den Namen hat, der in den Juli-Tagen von 1830, das Volk gegen die königlichen Garden führend, auf der Mitte der Brücke unter ihren Kugeln fiel. Ist doch das nahe Hotel de Ville seit den 300 Jahren seiner Existenz stets die Zufluchtsstätte aller Pariser Revolutionen gewesen; 1652 erstürmten es die Anhänger Condés und ermordeten die Schöffen; hier war das oft blutige Hauptquartier der Generale in den Kriegen der Fronde; hier ward 1759 nach der Erstürmung der Bastille Bailly von den Pariser Wählern zum Maire ernannt, hier zeigte sich Ludwig XVI. vom Balkon dem tobenden Volke mit der Jakobinermütze und der dreifarbigen Kokarde, die doch sein Haupt nicht retten konnte; in dem Thronsaal hielt während der ersten Schreckenszeit die berüchtigte Kommune, vor der sich selbst der Konvent beugte, bis zum 9. Thermidor ihre Sitzungen, welcher mit dem Sturz Robespierres, der im Nebenzimmer des großen Saales den Selbstmordversuch machte, auch ihre Macht brach; von einem Fenster des Thronsaales aus proklamierte am 28. Juli 1830 Lafayette Louis Philipp als die »beste Republik«; vor einem Tore sprach Lamartine am 26. Februar 1848 gegen die rote Fahne, die im Juni desselben Jahres wiederholt gegen das Stadthaus anstürmte. Und als ob dämonische Erinnerungen nach dem Wort des Dichters stets neue Dämonen gebären müßten, – wer erinnert sich nicht der furchtbaren Tragödie, welche die neue Kommune in diesen Mauern aufführte!

Der große Saal, in dem das Zentral-Komitee der Emigration an diesem Abend seine wichtige Beratung halten sollte, war gedrängt voll, denn, wenn auch die wichtigeren Gegenstände dieser Beratung den 43 Mitgliedern allein überlassen blieben, so hatte zu diesen öffentlichen Sitzungen doch jedes Glied der Emigration, das sich dem Komitee unterworfen hatte, Zutritt und seine Stimme bei den allgemeinen Beschlüssen. Diese mußten immerhin nicht ohne Bedeutung sein, denn es war das Auftreten mehrerer der renommiertesten Führer angezeigt.

Unter diesen Männern, den Soldaten der Revolution, herrschte indessen ziemlich wenig Einigkeit, jener Erbfehler der polnischen Nation, der allen ihren blutigen Opfern immer wieder den Erfolg entzogen hat, und wohl die Hauptursache ist, daß ein selbstständiges Polen zu existieren aufgehört hat und die Nation sich nach dem Fall ihres letzten Königtums nie wieder ihren alten Glanz hat erringen können.

Wir haben bereits in früheren Kapiteln gesehen, wie auch unter dem Revolutionskomitee in Warschau, der bereits etablierten, sogenannten National-Regierung schon vor ihrem öffentlichen Auftreten wieder Hader und Zwiespalt zwischen der aristokratischen und demokratischen Partei ausgebrochen war, die nur mühsam von der Leitung in Paris unterdrückt wurden. Es hatten sich Gruppen gebildet, in denen die brennenden Fragen lebhaft debattiert und namentlich die Nachrichten über die letzten Vorgänge in Warschau besprochen wurden. Der und jener hatte Privatnachrichten erhalten und jede Mitteilung wurde verschlungen.

Es waren in der Tat seit den Szenen der letzten Tage des Februar in Warschau verschiedene wichtige Ereignisse eingetreten, welche die Spannung zwischen der Volksbewegung und der Regierung noch vermehrt hatten.

Das vom 3. März datierte Manifest des Kaisers Alexander, das die Leibeigenschaft im ganzen russischen Reiche aufhob, hatte am 17. von allen Kanzeln des Reichs, also auch von den polnischen verlesen werden müssen. Am 26. folgte die Veröffentlichung eines kaiserlichen Ukas, der den Polen Wiederherstellung des Staatsrats für das Königreich Polen, Errichtung von wählbaren Gubernial-, Kreis- und Munizipalräten und einige andere Veränderungen zusicherte. Der verhaßte Direktor des Innern, Staatsrat Muchanoff, dessen Entfernung die polnischen Deputationen verlangt hatten, war am 23. März entlassen worden und hatte sich nur unter großer Gefahr aus Warschau flüchten können, da seine Abreise auf den von den Mitgliedern der Verschwörung ganz influierten Eisenbahnen voraustelegraphiert wurde. Der Marquis Wielopolski trat an seine Stelle.

Aber alle diese Bewilligungen wurden von der Revolutionspartei nur als Zeichen der Schwäche angesehen, und die Forderungen des städtischen Ausschusses und der Komitees steigerten sich in Anmaßungen und Demonstrationen gegen den Statthalter von Tage zu Tage, bis ein kaiserlicher Befehl von Petersburg am 6. April eintraf, der den polnischen landwirtschaftlichen Verein, als den Hauptsitz der revolutionären Bewegung, aufhob. Schon am 2. April waren auch die Versammlungen in der kaufmännischen Ressource geschlossen worden. Dies hatte große Aufregung in Warschau verursacht. Vom 3. bis 7. April hatte der Statthalter Fürst Gortschakoff die fortwährenden Volksdemonstrationen ungehindert betreiben lassen und dies den Glauben an die Hilflosigkeit und Schwäche der Regierung nur vermehrt. Als aber am 8. eine von den geheimen Führern geleitete Volksmasse an dem Kredit-Institut, wo der polnische landwirtschaftliche Verein seine Sitzungen hielt, den polnischen Adler angebracht und den russischen verhüllt hatte, demonstrierend vor den Palast des Statthalters zog und auf die wiederholte Aufforderung, sich zu zerstreuen nur mit tumultuarischem Hohngeschrei und Steinwürfen antwortete, gaben die russischen Truppen Feuer, wobei zehn Personen getötet wurden.

Jetzt wiederholten sich alle Szenen vom Februar; die Leichen wurden durch die Straßen geschleppt, ganz Warschau legte Trauer an, und verlangte die feierliche Bestattung der »Opfer der Tyrannei!« Ein Klagegeschrei mit den gehörigen Ausschmückungen ging durch die ganze liberale Presse Europas, und Deputationen forderten in Wien, Paris und London Beistand und Schutz für die Revolution.

Leider hatte sich der Statthalter auch diesmal einschüchtern lassen und zur großen Erbitterung der Generale, die sich vollkommen stark erklärten, die Emeute mit Gewalt zu unterdrücken, allen den Forderungen der Deputationen nachgiebig gezeigt. Schon war die Zivilgewalt Null geworden, und die Revolution hatte sich deren bemächtigt. Krank und gebrochen, unfähig, den Anforderungen einer so ernsten Zeit zu genügen, bat der Fürst um die Enthebung von seinem Posten. Das waren die Nachrichten, die mit hundert aufregenden Details und Ausschmückungen in Paris zirkulierten und mit einem gewissen Jubel von den Leitern der Bewegung aufgenommen und zu weiteren Agitationen benutzt wurden.



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