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Ein politischer Mord.

Die Straßen des einst so gemütlich heitern, fröhlichen Wien waren am 5. Oktober der Schauplatz wilden Gedränges und wüster Aufregung. Die am Tage vorher erlassenen kaiserlichen Reskripte aus Schönbrunn Die Ernennung des Feldzeugmeisters Adam Freiherrn von Recsey zum ungarischen Minister-Präsidenten mit dem Auftrag der Bildung eines neuen Ministeriums und die Auflösung des ungarischen Reichstags, Ungültigkeits-Erklärung seiner Beschlüsse, Übertragung des Oberbefehls an den Ban von Kroatien und Verhängung der Kriegsgesetze über ganz Ungarn. waren von den jugendlichen Vagabunden, die sich dem sogenannten fliegenden Buchhandel gewidmet, in Tausenden von Exemplaren an allen Straßenecken, in den zahllosen Schenken und Kneipen der Stadt und der Vorstädte verkauft; die Nachricht, daß vom Ministerium der Befehl ergangen, das Grenadier-Bataillon Richter solle am andern Morgen nach Ungarn abmarschieren, um sich dort mit den kaiserlichen Truppen zu vereinigen, ging wie ein Lauffeuer durch die Stadt und wurde in hundert Gruppen von den Ecksteinen herab, auf den Bierbänken und in den Weinhäusern besprochen. Die in Mahlers »Freimütigem« erschienene kolossale Lüge von der vierundzwanzigstündigen Schlacht in der Pesther Ebene zwischen Ungarn und Kroaten und der vollständigen Aufreibung der Armee des Banus, das schändliche Gedicht im Studenten-Courier, das in offenem Wort für den Adel, die Minister, die Fürsten und die Geistlichkeit den »Tod an der Laterne« verlangte, kursierten in aller Händen, in aller Mund. Nationalgarden, Arbeiter, Studenten und liederliche Frauenzimmer, Lehrlinge, Gesellen und Dienstmädchen, eine zahllose Menge von Neugierigen und Skandalmachern wogte durcheinander, wiederholte die fabelhaftesten Gerüchte und ließ die Besinnung und Einigung der Bessern und Verständigeren nicht aufkommen. Der Ruf »Schwarzgelber Verräter« begrüßte jeden, der zur Ordnung sprach, und die polnischen, magyarischen und italienischen Agenten schürten durch ihre Erzählungen und Reden das Proletariat.

Ein ungewisses ahnungsreiches Gefühl machte sich in der ganzen Bevölkerung geltend, daß die Stadt am Rande furchtbarer Ereignisse stehe. Wenige unter diesen Tausenden wußten wohl, was sie wollten, wozu alle diese Aufregung und Bewegung, aber der Hang der Wiener zum öffentlichen Leben, zum Schwatzen, zum Schauen erhöhte den Taumel und förderte die Zwecke der Unruhestifter. Die seit Monaten mit der unbeschränktesten Freiheit wühlende republikanische Presse hatte den gesunden Sinn der geborenen Wiener bethört; die Masse der fremden, das Aufgehen in Deutschland predigenden Emissäre, die Hetzereien der revolutionären Agenten hatten alle patriotischen Gefühle und Anschauungen verkehrt, und was anfangs bloß ein Auflehnen, eine Bewegung gegen den engherzigen büreaukratischen Druck des Regierungssystems Metternich, ein Verlangen nach konstitutionellen Staatsformen war, zu einem verheerenden Strom gemacht, der den Thron und die Monarchie umzustürzen, den Staat auseinander zu reißen, und jedes Band der Zucht und Ordnung zu Gunsten der Pöbelherrschaft aufzulösen drohte.

Der anfangs gute Geist der Nationalgarden war verändert und die politische Unmündigkeit der einzelnen für die Parteizwecke ausgebeutet; der Gehorsam gegen die einst bei Trinkgelagen gewählten Offiziere auf Null heruntergesunken.

Die akademische Legion, zu der anfangs treffliche Elemente gehörten, war gänzlich demoralisiert und mit Ausnahme weniger Abteilungen zu einem Sammelplatz der zügellosesten Arroganz und Frechheit, des Bombastes und der Prahlerei geworden. Die Vorliebe des schönen Geschlechts für die paradierenden Akademiker hatte aus jedem Straßenschwätzer einen Helden gemacht und die liederlichsten Elemente in die Familien eingeschmuggelt, was unsägliches Unglück zur Folge hatte. Barbiergesellen, hausierende Schacherer, Hufschmiede, Wändeanstreicher – alles gehörte bereits zur Legion und trug den Calabreser. Die Aula war das Organ geworden, durch welches von den Leitern der Revolution alles durchzusetzen war.

Die Nationalgarden der Vorstädte, meist aus Fabrik- und Handarbeitern bestehend, standen bereits feindlich und mißtrauend den Bürgergarden der Stadt gegenüber. Die emphatische Floskel: »Heilig ist das Eigentum!« war seit dem Sieg der demokratischen Fraktion am 26. Mai stark kompromittiert; das Wort des Kaisers Joseph: »Baut über ganz Wien ein Dach u. s. w.« längst zur Wahrheit geworden, denn es wurde beim Barrikaden- und Nachtdienst unter freiem Himmel so viel Unzucht getrieben, daß die Syphilis bedeutende Lücken in die Reihen der Legion riß. Trotz der sich täglich mehrenden Not dachten nur wenige an Arbeit. Zum Plündern war zwar noch kein Grund vorhanden, da die Bürger aus freien Stücken hergaben, was man wollte, um die Leute nur bei gutem Humor zu erhalten. An dem Barrikadentage des 26. Mai trugen die »lieben Brüder und Schwestern« z. B. Pflastersteine in die Stockwerke und ließen sich das Stück mit einem Zwanziger bezahlen. Die Sammlungen an den Barrikaden brachten den Arbeitern Massen Geldes ein, und das mit Kurzweil aller Art verbundene Barrikadenbauen erwies sich als sehr fidel und lukrativ. Dadurch wurden auch die Arbeiter die besten Freunde der Aula.

Ungeachtet aller dieser Ausartung bewahrte doch das sich zurückhaltende Bürgertum noch einen trefflichen politischen Kern, und selbst im demokratischen Verein befanden sich viele Männer von Bildung und redlicher Tendenz, obschon die Mehrzahl, wie eine Geschichte jener Tage sagt, »aus Stegreifpolitikern, Leuten, die mit der Kriminaljustiz Bekanntschaft gemacht, arbeitsscheuen Handlungsdienern, bankerottierten Kaufleuten, Winkeladvokaten, abgesetzten Beamten und Militärs und Versemachern ohne Talent« bestand. So viel steht fest, daß in keiner andern Stadt Deutschlands bei den Erhebungen des Jahres 1848 und 49 die Demokratie durch so viele fremde und nichtswürdige Elemente geschändet wurde, als gerade in Wien.


Trotz der abendlichen Herbstluft standen Fenster und Thüren der Schenke »Zum Hirschen« – oder wie sie jetzt hieß, »Zur deutschen Herrlichkeit« – offen, und Bänke und Tische waren auf die Straße gezogen. Die Wirtschaft lag in der Gumpendorfer Vorstadt, unweit der Kasernen, und war ein Lieblingsaufenthalt der Soldaten, sonst wohl von den Fabrikarbeitern, welche in großer Zahl Gumpendorf und das anstoßende Mariahilf bewohnen, weniger besucht; jetzt aber fraternisierten die Arbeiter, die Nationalgarden der Vorstadt und die Sendlinge der Aula und des demokratischen Klubs in Jubel und Lärm mit den Soldaten des Grenadier-Bataillons Richter und einigen anderen darunter gemischten Militärs.

Das genannte Grenadier-Bataillon war aus Grenadieren der Infanterie-Regimenter Heß, Hrabowsky und Großherzog von Baden zusammengesetzt, in letzter Zeit aber noch durch verschiedene Rekruteneinstellungen mit anderen nationalen Elementen vermischt worden. Vielleicht war es gerade diese Zusammensetzung, die es so leicht den Einflüsterungen der revolutionären Agitation zugänglich gemacht hatte; denn schon seit einiger Zeit zeigte sich ein gewisser Geist der Insubordination unter dem Bataillon, das seit vielen Jahren in Wien garnisonierte und durch die gemeinschaftlichen Wachen mit der akademischen Legion und der Nationalgarde demoralisiert wurde. Dies war der Grund, weshalb das Ministerium beschlossen hatte, gerade dieses Bataillon schleunigst von Wien zu entfernen, und es war, wie erwähnt, am 5. die Ordre ergangen, daß es am nächsten Morgen nach der ungarischen Grenze abmarschieren sollte.

Die zechenden Soldaten hatten fast sämtlich ihre Liebsten bei sich, Fabrik- und Nähtermädchen, Töchter von Arbeiterfamilien, Dienstmädchen, die aus Besorgnis um ihren Schatz der Herrschaft fortgelaufen waren, und Spießbürger und Arbeiter saßen zwischen den Gruppen, traktierten die Soldaten und redeten ihnen zu, das schöne Wien und sein gutes Leben nicht zu verlassen, um gegen die braven Magyaren zu ziehen.

»Holter der Deuxel soll mi holen, wenn i's thu'!« schwor ein Grenadier an dem langen Tisch der Schenkstube, indem er mit dem Krügel, das vor ihm stand, auf den Tisch schlug. »Die Ungarn haben's Recht, wenn's nit mehr die Kopfsteuer zahlen wollen, wie mein Alter z' Haus! Küß' mich, Franzl, ich bleib' halt bei Dir, wenn D' mir auch nix mehr einschenken läßt!«

»Na, Ignaz, was plauscht Du da?« lachte die vollbusige Dirne mit den schwarzen Augen, indem sie an dem langen Oberösterreicher, dem sie halb auf dem Schoß saß, in die Höhe sah. »Mach' nit so 'ne jämmerliche Fratz'! wenn i auch kein Geld mehr hab', schau, der Herr da wird für en braven Soldaten sicher en Zwanziger in der Tasch' haben!«

Sie blitzte keck und schlau hinüber zu einem jüngern Mann in der bekannten Uniform der akademischen Legion, der unfern des Tisches eifrig mit zwei Männern sprach, die ihrer Kleidung und Bewaffnung nach zwar zu den Nationalgarden der Vorstadt und den untersten Ständen gehörten, durch die Form ihrer Schnurrbärte, die kecke Haltung und den Schnitt des braunen Gesichts aber ihre magyarische Nationalität kundgaben.

»Einen Kuß, schönes Kind, und Du sollst blanke Gulden genug haben für Deinen Schatz und seine Kameraden,« lachte der Student, indem er mit dem Gelde in der Tasche klimperte.

Die Gratzerin, so dreist und schamlos sie sich bisher ihrem Liebhaber gegenüber benommen, wurde rot. Sie preßte den Mund mit den üppigen Lippen zusammen. »Über der Grenz', bei uns z'Haus an der Raab, reden's immer von'n Vampyr,« flüsterte sie, »grad' so schaut der Herr dort aus, aber's thut nix, Dir zu Lieb' geb' i ihm schon a Schmatzerl!« Mit einem raschen Entschluß sprang sie von dem Schoß des Soldaten auf und warf sich dem Legionär in die Arme.

Dieser war eine schlanke Figur von mittlerer Größe und eigentümlicher Gesichtsbildung, welche die Mitte zwischen Raubvogel und Schafbock hielt. Dem tierischen lüsternen Element gehörte das volle, kräftige Kinn, die Bildung des Kiefers, der negerhaft aufgeworfene Mund, die lange, leicht gebogene Nase mit den weit geöffneten Nüstern; dem Geistigen die hochgewölbte, kräftige Stirn, die volle, breite Bildung des Oberkopfes mit schmalen, tiefen Schläfen, zunächst aber das große runde, hellgraue Auge, das mit einer gewissen eisigen Härte zu blicken pflegte, bei jeder Aufregung aber einen Glanz annahm, wie der bannende Blick der Klapperschlange. Ein scharfer Zug von Indolenz und Suffisance lag über diesem apathisch abgespannten Gesicht, dessen Teint eine fast leichenhafte, unreine Blässe war, durch welche fahle Sommerflecken schimmerten. Der Haarwuchs glich dem eines Negers oder tierischen Wollträgers, so kraus, wirr und hoch bauschte er hellbraun durcheinander. Trotz dieser eigentümlichen Zusammenstellung war der jüdische Ursprung nicht zu verkennen, aber mit einer gewissen harten, kalten Vornehmheit vermischt, die sonst den Juden nicht eigen ist und offenbar gemacht, erzwungen erschien, dennoch aber eines gewissen Eindrucks nicht verfehlte.

Der Legionär trug die in ganz Wien damals wohlbekannte und gefeierte Kleidung der Aula mit dem Calabreser, über dem Arm aber einen grauen Überziehrock. Als er das Mädchen umarmte, schien all die Gier in ihm zu erwachen, die der untere Teil des Gesichts ausdrückte, er bohrte die großen Augen auf die vollen, runden Formen des Mädchens und küßte wiederholt in unanständiger Weise den vollschwellenden Mund, bis sie mit Gewalt das Gesicht zurückbog.

»Freiheit und Gleichheit, Franzl,« sagte er lachend; »unter Kameraden und Brüdern muß alles gemeinsam sein, und d'rum nimm und traktiere die wackeren Grenadiere, damit sie sehen, daß das Volk alles mit ihnen teilt und also verlangen kann, daß sie wie Brüder an ihm handeln, nicht wie blutgierige Tyrannenknechte!« Er hatte eine Rolle aus der Tasche genommen und brach sie auf, lauter blanke Silberzwanziger, die er in das Mieder und die Schürze des Mädchens schüttete, freigebig einen großen Teil daneben, nach dem Dirnen, Arbeiter und Soldaten haschten. »Führ' Deinen Schatz hinaus in den Garten,« flüsterte er der Gratzerin zu, »ich habe einige Worte mit ihm zu reden, und er soll eine zweite Rolle haben für sich und Dich! Hollah, Hirschenwirt! Wein und Bier her, daß die tapferen Grenadiere noch einmal wissen, wie sich's lebt in Wien, ehe sie auf unsere Brüder, die Ungarn, schießen und sich von Kroatendirnen dafür küssen lassen!«

Der rechte Ton war angeschlagen – Geld und Getränk da! – »Sie dürfen nicht fort! Ein schlechter Kerl, der fortzieht und auf die Ungarn schießt! Vivat die Wiener Madl!« Der Ignaz schlug mit der Faust auf den Tisch. »Der Deuxel soll mi holen, wenn i's thu! Aan schlechter Österreicher, wer unsere Wiener Brüder im Stich läßt! I marschier' nit!« »I aach nit!« klang es von zehn Seiten. Die Soldaten steckten die Köpfe zusammen; die Nationalgarden und Arbeiter berieten sich, wie der Abmarsch zu hindern sei; die Weiber und Mädchen umdrängten den Legionär, der sie so freigebig traktierte. »Vivat! der Herr Student soll leben!« Sie saßen ihm auf dem Schoß, sie umhalsten ihn und bedeckten ihn unter Lachen und Jubel mit Küssen; die Thränen, die sie um ihre Schatzerl geweint, hatten der ausgelassensten Stimmung Platz gemacht. Der Student schien sich in der beginnenden Orgie in seinem Element zu befinden, seine Scherze waren stets noch frecher und unzüchtiger, als die der Frechsten, seine Worte voll Gift und Bosheit; dabei ermunterte er zum Trinken, verabredete hier ein Rendezvous, gab dort den Rat, Barrikaden zu bauen, oder unterhielt sich mit den beiden fremden Gardisten in ungarischer Sprache; seine Augen waren überall, er schien etwas zu suchen, zu erwarten.

Plötzlich erschien unter der Thür eine hohe Soldatengestalt, ein Mann mit den Abzeichen des Feldwebels, und warf auf die Scene einen scharfen, finstern Blick. Es war ein äußerst kräftig gebauter Mann, kaum sechs- bis siebenundzwanzig Jahre alt, mit hübschem, männlichem und ernstem Gesicht. Aber in den tief und hohl liegenden, von schwarzen Ringen umgebenen Augen glühte unheimlich irres Feuer, das fast einer Geistesstörung glich. Hinter ihm drein trug ein Grenadier von mürrischem, verschlossenem Ausdruck die schwarze Tasche mit den Dienstordres.

»Ruhe da!« sagte der Feldwebel mit lauter Stimme, und die Worte klangen hart und gebieterisch trotz des weichen Tiroler Dialekts. »Paßt sich der Spektakel für Grenadiere, die morgen gegen des Kaisers Feind marschieren? Die Kasernenstunde wird gleich schlagen, daß mir keiner ausbleibt – i warn' Euch!« Er warf sich auf einen Schemel und stützte den Kopf in die Hand. »Aan Seidel, Wirt! hab' noch einen Gang in die Stadt!« Wieder versank er in finsteres Brüten, ohne zu bemerken, wie die Blicke seines Begleiters und des Legionärs sich verständigten, und jener auf die Tasche in seiner Hand deutete.

Die Grenadiere mit ihren Mädchen verzogen sich nach und nach auf die Bänke und in die Gruppen vor der Schenke, oder setzten sich weniger lärmend zusammen. Trotz ihrem Entschluß, den militärischen Gehorsam am andern Morgen verweigern zu wollen, wagten die meisten es nicht, dem durch seine Kraft und Strenge gefürchteten Tiroler zu widersprechen.

Eine Hand, die sich auf seine Schulter legte, störte ihn aus dem Sinnen, während dessen er unberührt das Seidel Erlauer auf dem Tisch hatte stehen lassen. Er fuhr auf: »Was schaffen's? o, Sie sind's Euer Gnaden! Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, die sich dunkelrot färbte.

»Wohin, Feldwebel? Wir haben uns lange nicht gesehen!«

»Es sind zwei Wochen –«

»Ich weiß es – war abwesend! Aber Ihr war't dreimal seitdem bei der Gräfin; sie sagte mir's.«

Der kräftige Soldat errötete wie ein betroffenes Mädchen. »Sie sagte es Ihnen?«

»Freilich, sie selbst! es ist doch kein Vergehen, daß Ihr den Hausmeister, Euren Vetter, besucht und da einmal hinaufsteigt zur Gräfin. Ich bin nicht eifersüchtig, Feldwebel, verlaßt Euch drauf!«

Ein wilder Blick aus den Augen des Tirolers traf ihn, erlosch aber an dem spöttischen, ruhigen Ausdruck des Gesichts seines Gegners.

Der Legionär beugte sich zu ihm nieder. »Die Gräfin Martha erwartet Euch, Franz, sie hat dringend mit Euch zu sprechen; Ihr müßt sogleich zu ihr gehen!«

Wieder überflog eine dunkle Glut das kräftig-schöne Gesicht des stattlichen Soldaten. »I bin im Dienst, Herr; nur der Zufall oder jener Teufel, der mit Euch im Bunde ist,« – er deutete nach der Ordonnanz – »führte mich h'rein und i muß zur Stell' fort …«

»Nach dem Hof, Ein bekannter Platz in Wien, an dem Kriegsgebäude (dem Kriegs-Ministerium), in der Nähe des Grabens. Franz! nach dem Hof! Wollt Ihr eine Dame warten lassen, die nach Euch verlangt? Die Gräfin spricht nie mehr ein Wort mit Euch, wenn Ihr nur eine Minute zögert, und Euer erster Gang nicht zu ihr ist; die Kriegskanzlei muß warten!«

Der Tiroler hatte sich erhoben und den Arm des Legionärs gefaßt, den er schüttelte. »Heilige Barbara, daß es dahin mit mir kommen müßt'! O Herr, i bin ein elender Mensch, und war doch ein braver Soldat, und Fried' in meinem Herzen, bis Sie mich zu ihr führten! – in einem halben Jahr wär' meine Kapitulation ausg'wesen, und i hätt' die Nannerl g'heirat und des Großvaters Hof übernommen, und nun …«

»Und warum sollt Ihr's nicht eben noch thun, Franz? Aber bis dahin genießt Euer heimliches Liebesglück, Mann! Denkt an das rote Boudoir, Mensch, und die weichen Arme der schönen Magnatin, die Euch erwarten –«

Der Tiroler lachte grell auf, ein wildes, verzehrendes Feuer glühte aus seinen Augen. »I weiß, was sie will, und Ihr auch!« sagte er drohend, »aber die heil'ge Jungfrau helf' mir in meiner Sterbestund', daß i aan Verräter an meinem Kaiser g'worden bin; i kann nit anders. Doch wenn i henken soll oder die Kugel kriegen, soll's für sie sein, für keinen andern nit! Nehmen Sich's d'rum in acht, Herr – i sag's Ihnen frei, dem ersten Offizier, dem i begegne, zeig' ich's an, daß Sie die Soldaten hier aufwieg'ln. I hab's g'hört, Doktor, draußen vor der Thür, als mich der Slowak h'reingelockt!«

»Bah! seid kein Narr, Feldwebel,« lachte der Legionär, »niemand wird's Euch danken! die Macht der Soldateska ist zu Ende! Aber fort mich Euch – die Gräfin wartet; soll ich ihr sagen, daß Franz Stockhammer sein Glück verschmäht, und daß diese Nacht einem andern gehören muß, als dem Tropf, der sie verachtet?«

Der Feldwebel machte eine Bewegung, als wolle er auf ihn los, das Blut stieg ihm zu Kopf und schwellte seine Adern vor Zorn und Eifersucht. Dann, ohne ein Wort zu sagen, stürzte er aus der Thür. Der slowakische Rekrut wechselte einen Blick und ein böses Lächeln mit dem Legionär und folgte jenem. Ein Zug kalten Hohns flog über das Gesicht des andern. »Wenn sie morgen nicht rebellieren, wird er erschossen,« sagte er ruhig; »aber die Gräfin wird die Papiere haben für die Schäferstunde mit dem Tölpel. Schau, Franzerl! wo hast Du den Ignaz? ich muß mit ihm reden!«

Der Grenadier kam hinter dem Mädchen drein, nach der Entfernung des Feldwebels füllte sich die Schenkstube allmählich wieder mit den rebellischen Soldaten.

Der Legionär oder Doktor, wie ihn der Tiroler bezeichnet, hatte den Soldaten in einen Winkel gezogen und redete dort eifrig mit ihm. Der Mann schien erst zu zögern, ließ sich aber nach und nach bestimmen, und wer scharf beobachtet, hätte gesehen, wie er eine zweite Geldrolle empfing; – dann wurden mehrere Soldaten herbeigerufen, ihre Mädchen folgten; zu anderen redeten eifrig die beiden ungarischen Gardisten; der Legionär sprang auf einen Tisch.

»Seid Ihre freie Männer, oder Sklaven der Mörder von Prag und Mailand? Frei will die deutsche Nation sein, drum Schande über sie, wenn sie ein braves Brudervolk an der Erwerbung der eigenen Freiheit hindert! Kehrt Eure Gewehre gegen die, welche Euch zwingen wollen! Noch regiert heimlich die Camarilla in Wien, und die Minister sind ihre Knechte, vor allem der Soldatenschinder Latour, der ein Herz und eine Seele ist mit Jellacic und Windischgrätz. Dem Schlächter von Prag und den Kroaten soll das freie Wien überliefert werden; dann geht die Massacre an über alle, die als Männer am 13. März und im Mai den Kopf erhoben haben. Darum soll das Militär, das zu den Bürgern hält, aus der Stadt entfernt werden! 's ist eine in Schönbrunn abgekartete Sache. Das Volk soll seine Rechte verlieren, jeder, der muckst, wird gehenkt! Wenn sie Euch erst draußen unter den Böhmen und Preußen haben, Bürger Grenadiere, wird Standrecht gehalten, weil sie wissen, daß Ihr zu uns gehalten, und der fünfte Mann wird erschossen!«

Die Weiber kreischten laut auf, die Arbeiter schrieen, man dürfe das Bataillon nicht ziehen lassen, man werde es mit Gewalt zurückhalten.

»Baut Barrikaden in Euren Straßen, Männer von Gumpendorf und Mariahilf,« rief der Redner. »Nur auf Euch selbst könnt Ihr Euch verlassen, die Stadtgarden sind falsch und schwarzgelb gesinnt! Es muß morgen zur Entscheidung kommen, ob sie Verräter des Vaterlandes sind oder zu uns halten. Ihr seid die Stützen der Freiheit, Männer der Vorstädte, und die Legion wird auf den ersten Ruf zu Euch stehen. Warum verweigert man uns die Herausgabe der Kanonen aus dem Zeughaus? Bloß, damit man uns bedrohen und knechten kann! Sind sie nicht von unserem Gelde angeschafft und unser Eigentum? Brüder, Nationalgarden, wir wollen Männer aus unserer Mitte ins Ministerium! wir wollen vollständige Volksbewaffnung und die Besetzung der Thore durch die Demokratie! Unsere Brüder, die Grenadiere, werden uns helfen dabei, und deshalb – nichts von ihrem Abmarsch! Gewalt gegen Gewalt! Wir werden sie mit Barrikaden daran hindern! Noch diese Nacht müssen sie gebaut werden; ich selbst …«

Den lauten, zustimmenden Lärm unterbrach eine kräftige Stimme. »Du selbst, aufwieglerischer Schuft, sollst die Nacht im Arrest zubringen und morgen dem Kriegsgericht übergeben werden! In die Kaserne, Grenadiere!« donnerte der Offizier, denn ein solcher war es, der Ober-Leutnant Goldhan von der Großherzog-Baden-Division, der unter der Thür stand und den Schluß der Rede mit angehört hatte. »In die Kaserne auf der Stelle! Wollt Ihr Soldaten des Kaisers sein und duldet solche Worte? Es ist ein Kossuthscher Emissär. Faßt den Menschen, und fort mit ihm in die Kasernenwache!«

Obschon die Soldaten noch wenige Augenblicke vorher getobt und gelärmt und den Abmarsch verschworen hatten, wagte doch keiner jetzt, ungehorsam zu sein. Der Mann, der das Geld von dem Legionär erhalten, war der einzige, der es wagte, eine widerspenstige Haltung anzunehmen, aber ein strenger Blick des Offiziers trieb ihn zurück. Selbst der Haufe der Nationalgarden begnügte sich mit Murren und Schimpfen, solchen Einfluß übte das entschlossene Auftreten des Ober-Leutnants; dagegen thaten die Grenadiere auch nichts zur Verhaftung des Legionärs und suchten sich unbemerkt aus der Schenkstube zu drücken.

Der Mann der Aula beobachtete mit kalter Entschlossenheit die Stimmung umher. »Geben Sie sich keine Mühe, Leutnant,« sagte er endlich höhnisch, »das Soldaten-Regiment existiert nicht mehr, und Sie können sich selbst überzeugen, daß Ihre Grenadiere keine Maschinen militärischer Willkür mehr sein wollen und an einen Feind der Tyrannei, ihren wahren Freund, nicht Hand legen werden!«

»Dann, bei Gott,« rief der Offizier, »will ich's selbst thun!« Er sprang vorwärts und faßte den Legionär am Kragen. »Im Namen des Kaisers verhafte ich Dich! – Hierher, Grenadiere Lockinger und Georg Pfeiler, ich befehle Euch, den Mann mit mir nach der Kaserne zu führen!«

So bei ihren Namen aufgerufen, wagten die Soldaten nicht, ungehorsam zu sein, und näherten sich, wiewohl mürrisch und widerwillig, ihren Offizier bei dem Transport zu unterstützen. Dieser hielt den Gefangenen mit der Linken fest, während er mit der Rechten den Säbel zog. »Platz da – im Namen des Kaisers! Wer es wagt, sich zu widersetzen, trage die Folgen! Vorwärts, Grenadiere!«

Der Legionär hatte bei der entschlossenen That des Offiziers im ersten Augenblick Widerstand leisten wollen und mit der Hand nach der Brusttasche gegriffen. Dann, überlegend, daß seine Verhaftung desto mehr Lärm und Erbitterung erregen mußte, wenn sie wirklich ausgeführt, und er mit Gewalt über die Straße geschleppt würde, entschloß er sich, im passiven Widerstand die Gelegenheit zu einem Ausbruch der Volksmenge zu benutzen.

Er sah die beiden verkleideten Ungarn in seiner Nähe, bereit, ihm beizustehen und sich auf den Offizier zu stürzen.

»An der zweiten Straßenecke!« rief er ihnen in magyarischer Sprache zu. Dann, während der Offizier ihn fortzog, wandte er sich zu der mit Zischen, Pfeifen und Geschrei die Gruppe umgebenden und mit jedem Schritt wachsenden Menge.

»Seid Ihr freie Bürger von Wien, ein durch eigene Kraft freigewordenes Volk und duldet es, daß ein Mann in den Kerker geschleppt wird, weil er für Euer Recht gesprochen? Pfui, über die Schmach! pfui über Eure Feigheit!«

Das Lärmen und Schreien wurde zum Brüllen, von Sekunde zu Sekunde wuchs die Erbitterung der Volksmasse, die den Weg zu sperren begann; man schrie: der Student soll freigegeben werden! er habe nichts verbrochen! er sei ein Freund des Volkes, man wolle sich nicht tyrannisieren lassen! Die Weiber drängten sich dicht heran und versuchten den Legionär fortzuziehen, der mit höhnenden Worten die Aufregung immer mehr stachelte.

Durch die Menge drängte sich der Bezirks-Chef Braun in Begleitung zweier Offiziere der Nationalgarde von Gumpendorf, ein wackerer Mann, der wiederholt vergebens versucht hatte, den Leuten das Unsinnige der Forderung klar zu machen, daß das Grenadier-Bataillon den Abmarsch und somit den militärischen Gehorsam verweigern solle. Er rief dem Offizier zu, den Arrestanten ins Gemeindehaus zu führen, weil vor dem Kasernenthor eine zu große Menschenmenge versammelt sei. Aber der Rat kam zu spät, schon flutete von dort her auf das Gerücht hin die Masse wie ein wogender Strom heran; die nachfolgende Menge der Arbeiter, Weiber und Gardisten drängte sich zugleich zwischen den Offizier und die Grenadiere, unter den Vordersten die beiden Ungarn, ein wildbewegter Menschenknäuel ballte sich zusammen. Der Offizier hielt energisch seinen Gefangenen fest. »Canaillen! wenn Ihr es denn nicht anders wollt! Macht von Euren Säbeln Gebrauch, Grenadiere!« Er selbst hob den seinen zum scharfen Kreuzhieb, der ihm Luft schaffen sollte, aber er brach mit einem Schrei zusammen, aus seiner Seite zuckte die Faust des Legionärs zurück mit der blutigen Dolchklinge; dann warf dieser sich in die Menge und wurde von den beiden Ungarn im Dunkel fortgerissen, während einige Mitleidige den schwer verwundeten Offizier schützten, und die beiden Grenadiere mit dem Bezirks-Chef ihn nach der nahen Kaserne trugen.

Hinter der nächsten Straßenecke wischte hämisch lachend der Legionär das Blut von der Mailänder dreischneidigen Klinge. »Um Mitternacht bin ich wieder hier mit der nötigen Auskunft und dem Plan der Barrikaden. Haltet die Menge bis dahin in Bewegung und schmuggelt so viel Getränk als möglich in die Kasernen!« Er eilte davon.


Auf dem Platz am Hof war während des Abends gleichfalls reges Leben und Treiben, und namentlich um das Kriegsgebäude her viel Gedräng, da dort fortwährend Ordonnanzen und Offiziere des Militärs und der Bürgergarden ab- und zugingen.

Die militärische Garnison Wiens war in dem Augenblick außergewöhnlich gering, da man vermeiden wollte, das Mißtrauen der Bevölkerung zu erregen. Es standen damals in Wien und seiner Umgebung nur drei Infanterie-Regimenter, ein Jäger-Bataillon, vier Kompagnieen Pioniere, das Regiment Mengen-Kürassiere und das Regiment Chevauxlegers Wrbna nebst drei Batterieen. Hiervon waren vierzehn Kompagnieen und sechs Eskadrons zum Schutz des kaiserlichen Hofes in Schönbrunn und fünfzehn Kompagnieen an verschiedenen Stellen der Stadt zur Sicherung der Munitionsvorräte kommandiert, so daß zur mobilen Verteidigung der Stadt nur noch nicht fünf Bataillone Infanterie und sechs Eskadrons disponibel blieben.

Die Fenster des ersten Stockwerks eines der stattlichsten Eckhäuser am Platz waren nur matt erleuchtet und noch durch die herabgelassenen Gardinen verhüllt. Wer jedoch an der Loge des Hausmeisters vorüber in den Hof getreten wäre, hätte leicht bemerkt, daß in den hell erleuchteten, nach dem Innern laufenden Zimmern eine zahlreiche Gesellschaft verkehren mußte, obschon auch hier die Rouleaux jeden Einblick versperrten.

Der Hausmeister, ein alter runder Mann, saß auf der Steinbank am Eingang und beobachtete das Treiben draußen auf der Straße mehr als die Personen, die ab und zu ins Innere des Hauses gingen. Es waren häufig Männer, in leichte Mäntel gehüllt, den Kragen emporgeschlagen, wie um nicht von jedem erkannt zu werden, Legionäre der Aula, in pomphaftem Aufzug sich brüstend und mit den Waffen rasselnd, und einige Nationalgarden, Männer mit entschlossenen, verwegenen Gesichtern, aus den verschiedenen Quartieren der Hauptstadt. Auch zwei oder drei Personen in der ungarischen Nationaltracht, die Federmütze auf dem Kopf, schritten an ihm vorbei und wandten sich der Treppe zum ersten Stock zu.

Der Alte schien des Treibens gewohnt und kümmerte sich nicht um die Eintretenden, die offenbar in dem Hause Bescheid wußten. Auch lehnte nicht fern von ihm an dem Aufgang ein anderer Wächter, scheinbar absichtslos und dennoch im hellen Schein der Gaslaterne jeden Ankommenden musternd, einige Worte mit den ihm Unbekannten wechselnd.

Es war ein sehr junger Mann von schlanker großer Gestalt in einfacher Tracht der Legionäre. Sein Gesicht war von merkwürdig schönem und regelmäßigem Ausdruck und der bräunlichen Färbung, wie es die südlichen, slavischen Rassen zeigen; aber tiefe, drückende Melancholie lag auf diesen Zügen und in den großen, mandelförmigen, braunen Augen.

»'s geht heut wieder lustig droben, Müsje Matthis,« sagte der Alte, die kurze Pfeife aus dem Mund nehmend und schlau nach oben deutend, »muß wieder was los sein. Hab' i recht oder nit?«

Der Student nickte schweigend mit dem Kopf, ohne eine weitere Antwort zu geben.

»Ist aan kurioses Treiben jetzt!« fuhr der Hausmeister fort; »hab' mei Lebtag nit g'glaubt, so was zu erleben in Wien. Die Herrschaften vom Adel sind immer mit ihres Gleichen g'gangen, und der Bürger mit dem Bürger. Die droben aber dreht's um und stellt's af'n Kopp, 's gefällt mer nit, und Gut's kann sicher nit 'raus kommen. Hätt' auch den Dienst noch auf meinen alten Tag gekündigt und wär' zu meinem Schwager gezogen 'naus nach'm Tirol, wenn i nit in dem Haus hier geboren wär', und meine Alte mit ihren zwei Kindern nit draußen läg' auf dem Joseph-Kirchhof, 's thut nit gut, Herr Matthis, 's thut nicht gut!«

»Wie lange sind Sie im Haus hier, Döllinger?« fragte der junge Mann, indem er bei dem Alten stehen blieb.

»Nu schaun's, i bin im Jahre Dreiundachtzig geboren,« antwortete der Hausmeister, »der liebe Gott läßt's jetzt grad' fünfundsechzig Jahre sein. I hab' den Franzosenkrieg mitgemacht und war mit dem jungen Herrn, der a schon unter der Erd' liegt, drunten im Tirol, als wir die Bayrischen klopften. Da lernt' ich die Kathi kennen und kriegt den Schuß ins Bein, weswegen sie mich ins Gnadenbrot hierher setzten, wo mein Vater selig so lang' hantiert hat. War noch a kräftiger Kerl bis af's Bein da, als Könige und Kaiser hier z'sammen kamen, den Napoljon abzusetzen, und weiß Gott, 's war so lebendig da auf den Straßen, wie jetzt alle Tag'; aber 's war ein ander Leben, lauter Lust und Herrlichkeit, schöne Damen und stattliche Kavaliere. Herr Gott im Himmel, war des 'ne Pracht, als unser Franz'l seinen Einzug hielt mit dem russ'schen Kaiser, und jetzt wagt der Herr sich nit mal mehr in sei alten Wien, und die Lumpenband' regiert halt af den Straß'n!«

»Still, Alter! Wißt Ihr nicht, daß es gefährlich ist, so zu reden?«

»Ach was! schaun's, es muß manchmal heraus aus dem alten Goschen, und i weiß, Sie verraten mich nit. Sie haben an Herz, wie an geborner Kavalier, obschon Sie an Schweinhirt oder an Kesselflicker aus Ungarn g'wesen sein sollen, wie die Dienstleut' sagen, während der Jud', der Galgenstrick, gern ausschau'n möcht' wie an Kavalier, und wird doch sein Lebtag an Jud' bleiben.«

In diesem Augenblick traten zwei Personen in das Haus; der Feldwebel von dem Grenadier-Bataillon Richter und sein Ordonnanzsoldat.

»Grüß' Gott, Ohm Hans,« sagte finster der Tiroler, »hab' Euch lange nit g'schaut!«

»Scheint's nit eben not zu haben, Franzerl,« sagte der Hausmeister, indem er sein gutmütig Gesicht in ernste Falten zog und that, als bemerke er nicht, daß der Feldwebel ihm die Hand zum Gruß entgegen gestreckt. »Bist die zwei letzten Mal, daß D' hier g'west, an der Losch' vorbeigegangen, ohne 'nein z' schauen, grab' als hätt'st kan gut G'wissen!«

»Unsinn, Ohm – i hatte Eile!«

»Zur ungar'schen Gräfin, rnerk's schon, und des eben ist's halt, was mir nit g'fallen will. Seit der braune Schuft dort mit den Glühaugen wie des Erzfeinds höllisches Feuer Dich nach oben gebracht, wohin D' nit g'hörst, ist's aus mit Deiner Ruh'!«

Der Feldwebel seufzte stöhnend auf. »Ihr irrt Euch, Ohm; i hab' manchmal an G'schäft oder ane Botschaft aasz'richten an die Herrschaft – sonst nix!«

»Lug' nit, Franzl,« sagte darauf kopfschüttelnd der ehrliche Alte, »es steht Dir nit zu G'sicht, und wenn's Deine Tante wüßt', würd' sie sich im Grab umdreh'n. I wünscht', i hätt' in meiner Jugend besser 's Schreiben g'lernt, und hätt's Deinem alten Großvater eher g'meld't, daß Du nit mehr an die Nannerl denkst und auf schlechten Wegen wandelst.«

»Wer sagt das?« fuhr der Soldat auf, »'s ist an Lug! Doch i hab keine Zeit, mich zu streiten; i muß den Doktor sprechen!«

Er wandte sich nach der Treppe, wo der Soldat heimlich und eifrig mit dem Studenten sprach, dabei seinen Vorgesetzten nicht aus den Augen lassend, dem er vertraulich zuwinkte, zu eilen.

»Der Doktor mit dem Käs'gesicht ist verreist; Du hast da oben nix zu schaffen!«

»Was wißt Ihr davon! Laßt mich los; ich wiederhol' Euch, i hab' Eil'!« Er riß sich los und ging auf die Treppe zu.

»Die Gräfin erwartet Sie,« sagte finster der Student, »ich soll's ihr melden lassen, sobald Sie gekommen. Begleiten Sie mich!«

Er führte den jungen Soldaten die Treppe hinauf, während der Hausmeister, der an der Gesellschaft des unheimlichen zurückgebliebenen Gesellen wenig Gefallen fand, sich wieder auf die Steinbank unter'm Thor setzte, in übler Laune vor sich hin murmelnd und starke Wolken aus der Pfeife dampfend.

Der Student kam bald aus dem obern Stockwerk zurück. »Du sollst auch hinauf kommen, Szabó,« sagte er ernst, »die Gräfin will Dich nachher sprechen. Ich bitt' Dich, Bruder, was geht vor, mir ist's beklommen ums Herz, wie's nie gewesen, und Deine Augen leuchten wie Blitze!«

»Wenn Du ein Mann wärst, Matthias, würd' ich Dir's sagen,« antwortete scharf der Slowak, »so sprech' ich nur zu Dir: der Tag der Rache ist da; das Blut Deiner Schwester wird den armen Szabó Pólka nicht länger anklagen und in Strömen andern Bluts erstickt werden. Hussah! es soll keiner mehr das Geschenk Szabós mit Verachtung von sich stoßen. Hätte der Mann dort drüben Mitleid mit der Bitte des Armen und seiner Gabe gehabt, die Hanka säß in meiner Hütte als mein Weib und der Szabó hält' sich eher von den wilden Rossen der Pußta zerreißen lassen, ehe er zugegeben, daß seinem Retter ein Leid geschähe! Jetzt muß er sterben; sterben wie alle, die an jenem Tage kein Herz gezeigt für den Armen!«

»Du bist wahnsinnig!«

»Meinst Du, Bruderherz? Manchmal will mir's auch bedünken; und ich seh' alles rot, Ströme von Blut vor den Augen und zerrissene Glieder und zuckende Herzen, wie die arme Hanka vor mir lag auf dem roten Brautlager, ehe sie mich fortschleppten aus unserm Dorf. Der alte Husar sagte mir, es geschah' um mein Leben zu retten, daß sie mich unter die Soldaten steckten, und ich glaub', er meinte es ehrlich, er und der Sándor allein, denn der Slowak hat scharfe Augen selbst in seinem Unglück, und ich sah die Thräne in seinen grauen Wimpern. Aber dann wieder denk' ich, ich bin nicht wahnwitzig, sondern schlau geworden, wie der Marder, der über die Dächer schleicht. Der Stock vom Korporal hat nicht die alten Gedanken aus dem Rücken des Szabó heraus geklopft, aber er hat andere Gedanken hinein gebracht. Er, der allen diente als der niederste, verachtete Knecht, er wird sie alle seiner Rache dienstbar machen an den Wölfen!«

»An den Wölfen? Du redest Thorheit, armer Freund!«

»An den Wölfen, sag' ich, Bruder der Hanka,« flüsterte der Rekrut, indem er den Studenten weiter hinauf zog am Treppengeländer, und seine Augen grimmig funkelten, »erst an den Wölfen in Menschengestalt, die kein Mitleid hatten für mein Flehen, und dann an den Bestien der Wildnis, die der Herrgott im Himmel doch nichts anderes gelehrt, als die blutige Beute zu suchen!«

»Szabó, ich beschwöre Dich, was willst Du thun?«

»Hier sitzt es!« sagte der Slowak dumpf, indem er mit der Hand über die Stirn fuhr, »so rot, so rot seit der schrecklichen Nacht, und der Hanka zerrissene Gestalt erscheint mir jede Nacht im Traum, und ich weiß, daß sie keine Ruh' im Grab haben wird, als bis es durch Ströme von Blut getränkt ist. Du weißt, Matthias,« fuhr er flüsternd fort, »daß die Bräute, die vor der Hochzeit eines gewaltsamen Todes sterben, aus ihren Gräbern kommen und sich zum Liebsten legen. Hu, Matthias, ich sage Dir, jede Nacht liegt Deine Schwester neben dem Szabó, und ihr Totenleib ist so kalt wie Eis!«

Der Unglückliche schauerte zusammen. Obschon der Aberglaube seiner Jugend die Wirkung nicht verfehlte auf den jungen Mann, kämpfte doch das bessere Wissen und die gewonnene Bildung ihn nieder. »Du mußt nicht so tolles Zeug glauben und träumen, armer Bruder,« sagte er tröstend zu dem ehemaligen Schweinehirten. »Die arme Schwester liegt ruhig in ihrem Grab, und solcher Aberglaube ist gegen unsere heilige Religion und die Vernunft. Folge Deiner Pflicht und sei ein Mann, Szabó, ich bitte Dich!«

Der Grenadier lächelte seltsam. »Szabó,« sprach er langsam, »ist kein Thor, und obschon ein junger Rekrut, doch ein guter Soldat, hat sich Hauptmann selbst es gesagt und mich gemacht zur Ordonnanz. Aber 's ist alles nur Schein! der Szabó hat warten gelernt auf seine Zeit, und seine Rache schläft nicht. Der arme Kanász hat nur zwei Freunde in der Welt, der eine bist Du, Hankas Bruder, obschon Du bei den Vornehmen wohnst, der andere ist Rózfa, der Betyár. Vor fünf Wochen ließ er mir sagen durch den Janos, den Kesselflicker, daß er den Verwalter des Grafen, der die Hanka dem Jurisch gegeben, durch die Brust geschossen, als er ihm in der Pußta begegnet. Der Rózsa wird jetzt ein großer Mann im Ungarland, ein Hauptmann über Fünfhundert, und ich geh' zu ihm, das Werk zu vollenden, wenn ich fertig bin!«

»Mensch! sprich, was sollen die Reden bedeuten – was hast Du vor?«

»Hast noch nix gemerkt, Bruderherz?« lachte der Slowak. »Morgen geht's los; da oben brauen sie's zusammen, wie den Slibowitza, und der Szabó hat wacker sein Teil geholfen. Dafür, daß er den Verräter an dem Kaiser hierher gebracht, hat schöne Gräfin, die auch Augen hat wie der Vampyr und das Blut aus Deinen Adern saugt, Bruderherz, dem Szabó versprochen, daß er der erste sein sollt' auf den bösen Mann, der seine Bitten verhöhnt und die Hanka und den Wolf dem Jurisch gegeben. Dann hui! wenn's hier blut'gen Tanz gegeben, geht's hinaus ins Ungarland. Der alte Graf, unser Herr, ist tot; Herrgott im Himmel hat ihn gestraft, weil er zugelassen auf seinem Land, daß armen, ehrlichen Slowak genommen werd' sein Mädchen zur Lust für den roten Pandur. Aber der junge Graf, der die Herrin freit, er war auch dabei, und er soll sterben, wenn sie auch sagen, daß er einer von den Freimachern ist. Sind die stolzen Magnaten auch nit besser wie die Wölfe, und will ich mit Lust schauen, wie sie sich zerreißen unter einander. Haben alle nicht gehört auf des Szabó Fleh'n und zugeseh'n, wie sein Lieb ward von seiner Brust gerissen. Nur die eine soll sein geschont, weil sie hatt' ein Herz in der Magnatenbrust, und ihrem Auge gefiel die Hanka. Ich stand hinter der Reihe, als sie mein Mädchen zu ihrem Dienst wählte, aber teremtete! die alte Magnatenfrau, die auf den Slowak herabschaut, als sei er schlechter, als sich die Erd' unter ihrem Stiefel ist, wollt's nix leiden. Hätt' sie's gethan, wär' die Hanka am Leben, und der Szabó ein ehrlicher Kanász! Der Teufel möge in ihrer Seele sitzen, bis ich vergolten an ihrem Leib!«

Er schwieg einige Augenblicke, dann strich er trotzig mit der Hand über die Stirn und sagte: »Geh' mit mir, Matthias, wenn ich nach Ungarland kehr', und werd' ein Mann! Wirst kein Weißbrot und Braten essen und keinen Rock feinigten tragen, wie hier, aber ein freier Mann sein und nicht zu erröten brauchen, daß Du der Schandbub bist einer Magnatenfrau!«

»Schweig, oder …«

Der Grenadier schaute ihn finster an. »Was wahr ist, ist wahr, und weil Du der Hanka Bruder bist, sag' ich Dir's ins Gesicht. Wenn draußen in der Pußta die Hirten zusammensitzen, erzählen sie von dem Magyarenschloß, wo die grausame Fürstin sich gewaschen jede Nacht in frischem Mädchenblut. 's ist nix anders, was sie thut mit Dir, und wird doch nicht wieder jung in Deinem Blut wie damals, als sie von französischem Offizier, ihrem Liebsten, Mann den ihrigen ließ schießen ins Bein. Geh' mit mir, Matthias, Bruderherz! es ist besser in der Pußta zu sterben in ehrlichem Kampf, als zu leben in Schand'!«

Der unglückliche Jüngling schlug die Hände vor das Gesicht; dicke, heiße Thränen quollen durch seine Finger und ein tiefes Schluchzen erschütterte seine ganze Gestalt, als er den Kopf auf des Soldaten Schulter legte. »Herr, mein Gott,« stöhnte er, »Du allein weißt es, wie gern ich wieder den Hammer und die Zang' nähm' und hinaus wanderte, ins weite Reich, die zerrissene Bunda um die Schulter, ein armer Kesselflickerknab', statt hier in Wohlleben und Üppigkeit zu schwelgen! O Szabó, Du weißt nicht, was ich leide!«

»So sei ein Mann, wie Du an Jahren wirst, und reiß' Dich los!«

»Dazu, Bruder, muß Gott mir einen Engel senden, nicht eine Hand, rauh und blutig, wie die Deinige! Der arme Slowaken-Knabe, den sie vor acht Jahren von der tiefsten Stufe des menschlichen Elends nahm und ihn des Lebens und des Geistes Schätze lehren ließ, er hat kein Recht, undankbar zu sein an ihr, auch wenn sie Leib und Seele wieder verdirbt, denn dieser Leib und diese Seele gehören ihr!«

»Schmach über sie! sie kaufte Dich, wie der Türk' die Sklavin für seine Lüste! Du warst ein unmündiger Bub', wie der Handel gemacht ward von schlechtem Kerl, Oheim Deinigtem!«

»Sie ist die Herrin,« wiederholte finster der arme junge Mann, »sie nährte und kleidete diesen Leib und bildete meinen Geist, und daß sie dies that, ist eben mein großes Elend! Du hast Recht, Szabó, sie ist ein Vampyr, der das Blut aus meinen Adern saugt und die Röte der Scham aus meinem Gesicht; aber nur Gott kann mich befreien, indem er ihr Herz lenkt, selbst diese Ketten zu brechen, die mich an ihren Willen schmieden.«

»Wo ist der Graf, ihr Mann, daß er duldet das zuchtlose Leben ihrigte?«

»Fern im Ausland, im Dienst des Kaisers, dem er treu ergeben. Er hat keine Macht über sie und fürchte sie. Seit mehr als acht Jahren, lebt sie getrennt von ihm und haßt ihn auf den Tod! Aber auch mir trauen sie nicht mehr, obschon ich ihr bloßes Geschöpf bin; seit der Doktor mit dem bleichen Gesicht im Hause ist, mit dem Du immer verkehrst, sind alle bösen Leidenschaften ihres Herzens auf das Wildeste erregt und dunkle Werke bereiten sie vor, sie droht mir und schlägt in blinder Wut nach mir, wenn ich manchmal zögere, zu thun, was sie mir auftragen!«

Der rohe Slowak betrachtete mit mitleidigem Spott den Klagenden, der, an Gestalt ein Mann, mit hundertfach größerem Wissen als er ausgerüstet, mit dem Leben bekannt, doch ein schwacher Knabe geblieben, ein willenloses Rohr in den Händen eines geilen, bösen Weibes, das ihn mißbrauchte, nicht kräftig genug, eine vergoldete Kette zu brechen, die seine Seele und seinen Leib verdarb.

Noch einmal wollte er ihn ermutigen, einen Entschluß zu fassen, mit ihm zurückzukehren nach dem Ungarland und als Mann zu erstarken in dem wilden, blutigen Kampf, der sich dort bereitete; aber sie würden gestört, indem eine Dienerin die Treppe herunter kam und dem Grenadier sagte, er möge hinauf kommen, die Gräfin wolle ihn sprechen.

Matthias, der Student, blieb an der Lehne der Treppe zurück; die Gäste seiner Herrin schienen jetzt alle versammelt, denn es erschien niemand mehr, das Losungswort zu geben.

Schwere, bittere Thränen tiefgefühlter Scham und Schwäche rannen über sein blasses Gesicht.

Da weckte ihn plötzlich ein heiteres, frisches, herziges Lachen, das wie Engelston durch den rüden Lärm draußen auf den Straßen klang.

»Nönl,« sagte eine Helle, liebliche Stimme im weichen, herzigen Dialekt der Tiroler Alpenthäler, »i will nit an ehrlich Tiroler Madl sein, wenn da nit der Jörgi sitzt, der Großohm, wie er vor zehn Jahren 's letzt' mal im Schnalsthal war. Grüß' Di Gott, Großohm, kennst mi wohl nit mehr? Bin die kleine Nanderl vom Jäggelihof. Deines leiblichen Schwagers Tochter-Kind!« Ein schallender Schmatz, der herzlich derbe Kuß eines Naturkindes, schallte durch den Flur, und gleich darauf das Lachen des alten Hausmeisters, und die Stimme eines alten Mannes.

Ein hohnneckendes »Bravo, Tirolerin!« folgte unter dem Gelächter eines Menschenhaufens, der sich vor der Thür versammelte. »Zwei Gulden für 'nen solchen Schmatz! Bist 'n Narr, daß Du ihn an den alten Kerl verschwendest, kannst genug junge finden. Wenn Du mich küssen willst, ich steh' zu Diensten!«

»Ich auch! Und ich!« scholl es unter Gelächter.

Ein zweiter schallender Ton wurde gehört, aber diesmal war es eine derb klatschende Ohrfeige, und in das Fluchen des getroffenen Vorwitzigen mischte sich das schadenfrohe Gelächter seiner Kameraden, das Schmähen des Hausmeisters, und die kräftige Stimme der Fremden.

»Pfui über die Stadtleut'!« sagte das Mädchen unwillig; »was haben's da zu lachen, wenn ein ehrbar' Dirnl seinem Großohm a Schmatzerl giebt? Was steh'ns hier und gafft alleweil, als wenn Ihr nix bess'res z' Haus zu thun hättet? Habt Ihr Stadtherr'n noch kein Tiroler Madl g'schaut?«

»Keine so hübsche wie Dich,« sagte lachend ein Legionär, der, von anderen des sich mit jedem Augenblick vergrößernden Haufens unterstützt, den Thorflügel zurückhielt, den der Hausmeister schimpfend und ärgerlich schließen wollte. »Mußt uns jedem mindestens einen Kuß geben, daß wir Dir und dem alten Brummbart den Weg gezeigt!«

»Zurück, Du Ruech! Ruhr' die Dirn' nit an!«

Dem mit noch kräftiger, fester Stimme gesprochenen Drohwort des alten Mannes, der schützend zwischen das Mädchen und die zudringliche Rotte getreten war, antwortete ein jugendlicher Beistand. Der junge Slavonier, der Schützling der Gräfin, war von dem ersten Klang der Stimme des Mädchens unwillkürlich angezogen worden und von dem Treppenabsatz her der Gruppe am Hausthor näher getreten.

Zwei Personen in Tiroler Landestracht, ein alter, mindestens siebzigjähriger Mann von ehrwürdigem Aussehen in weißem Bart und Haupthaar und mit dem runzelvollen, sturm- und wettergebräunten Gesicht, auf einen schweren Alpenstock gestützt, den Gebirgssack auf dem sich krümmenden Rücken, stand neben einem jungen, frischen Mädchen von etwa sechzehn Jahren. Die hübsche behäbige Tiroler Landestracht mit dem straffen Mieder, dem kurzen Rock, den bunten Strümpfen und dem geblümten Brusttuch hob die jugendlichen, kräftigen und doch schlanken und zierlich gebildeten Formen überaus vorteilhaft hervor. Braunes Haar in zwei langen Zöpfen zur Seite der glatten, runden Stirn, mit weiblicher Naturkoketterie gescheitelt, hing unter dem spitzen, runden Tirolerhut mit der Goldschnur lang herab auf den Rücken.

Der junge, sonst so schüchterne Student war bei der Beleidigung, die den unerwarteten Gästen des Hausmeisters widerfuhr, sofort vor die Schwelle der Thür getreten und stieß den nächsten kräftig zurück.

»Schändlich ist es, das fremde Mädchen und ihren alten Vater zu turbieren!« sagte er streng und laut, »dies Haus ist Privateigentum, und niemand hat das Recht, einzutreten, wenn es nicht gestattet wird. Hinaus mit Ihnen! Schließen Sie das Thor, Herr Döllinger, und Sie, der Sie die Uniform der Aula tragen, sollten sich vor allen schämen, hilflose Personen zu verhöhnen, die Sie nicht beleidigt haben!«

Der Legionär – wahrscheinlich irgend ein verlaufener Barbiergesell – schien sich einem wirklichen Mitgliede der Aula gegenüber nicht recht sicher zu fühlen, machte einen frechen Spaß und verlor sich in der Menge, die nach einigen Scherzen und Gegenreden, von einer andern Bewegung auf dem Platz angezogen, sich trennte, während der Hausmeister die Thür auf kurze Zeit schloß.

In dem hellen Gaslicht trat, während die beiden Alten sich jetzt herzlich und vertraulich begrüßten, das Tiroler-Mädchen auf den jungen Studenten zu und reichte ihm mit der herzigen Zutraulichkeit ihres Volksstammes die Hand. »Bist a braver schmucker Herr,« lachte sie freundlich, »daß Du uns fremden Leut' so beig'standen. 's wär' a Schand' für die Wiener, wenn sie nit mehr solche wack're Bursch' hätten, wie Du, und wenn Du willst, sollst Du das Gchmatzerl ha'n, um das der rohe Mensch mich zwingen wollt'!«

Sie bot ihm die Hand und die frische Wange. Über das abgespannte, blasse Gesicht des jungen Studenten flog eine dunkle Röte, das Schamgefühl der eigenen Entwürdigung dieser gesunden, unverdorbenen Natur gegenüber, und er wagte kaum seine Fingerspitzen in ihre Hand zu legen, die kräftig die seine ergriff und schüttelte. »Na nix für ungut, Stadtherr, der Nönl Großvater. und der Ohm sind dabei, da kann an Dirnl schon in allen Ehren a Busserl bieten. Bedank' mi noch mal vor den Schutz, und der Franz, mei Künft'ger, soll's a thun, wenn wer'n erst g'funden ha'n!«

Es war dem jungen Mann wie ein Stich durchs Herz, die Worte, er wußte selbst nicht, warum, und er trat schüchtern und scheu zurück.

Unterdes hatte der Hausmeister seine Loge geöffnet und den alten Tiroler mit dem Mädchen hineingeführt. Die Thür blieb offen, so daß der Student selbst wider Willen das Gespräch hören mußte.

Der alte Tiroler war nach den ersten Begrüßungen ziemlich schweigsam; er schien überhaupt ein Mann von wenig Worten. Desto munterer plauschte die Großnichte, und bald war der unfreiwillige Horcher mit dem Zweck ihrer Reise und allen Familienverhältnissen bekannt.

Nazi Haspinger, ein Verwandter des berühmten Kapuziner-Paters gleichen Namens, war einer der tapferen Gefährten des Sandwirts gewesen, schon als er die Tiroler Schützen im Jahre Sechsundneunzig am Gardasee gegen die Franzosen führte. Am Sterzinger Moos, mit Eisenstecker und Speckbacher dreimal am Berge Isel hatte er die Franzosen und Bayern schlagen helfen und eine Zeitlang selbst das Versteck seines hochherzigen Führers im Passeyr geteilt, bis er auf einer Streiferei in die Thäler in die Hände der Franzosen fiel. Aber ihm, der eher zehnfach das Leben gegeben, als seinen General verraten hätte, gelang es, auf dem Transport nach Mantua der Eskorte zu entfliehen, und während der Tiroler Freiheitsheld gegen den Spruch des Kriegsgerichts nach dem Befehl des Korsen, der sich eben mit Österreichs Tochter vermählen wollte, auf den Wällen der Lombardenfeste den Märtyrertod litt, setzte Haspinger mit vielen seiner zersprengten und verfolgten Gefährten zwischen dem ewigen Eis der Alpen den Guerillakrieg gegen die Feinde seines Kaisers und seines Landes noch lange auf eigene Hand fort.

Döllinger, der jetzige Hausmeister, war als junger Bursch mit General Buol 1809 als Reitknecht nach Tirol gekommen, hatte einen Teil des Feldzuges mitgemacht und verwundet in dem elterlichen Hause Haspingers Aufnahme und treue Pflege gefunden, namentlich von der jüngsten Schwester des tapferen Tirolers. Als der Krieg zu Ende war, und Georg für seine Wunde und treuen Dienste einen solchen im Haushalt der gräflichen Familie erhielt, hatte er die Kathi heimgeholt nach Wien. Die Ehe war eine lange und glückliche gewesen, aber der Tod hatte die beiden einzigen Sprößlinge derselben noch vor der Mutter ins Grab gelegt; deshalb hing der jetzt selbst alte Mann treu und fest an der Sippe im Tirolerland, und wenn es auch zehn Jahre her war, daß er zuletzt sie besucht, empfing und sandte er doch hin und wieder Botschaft und wandte seine Liede und Sorge um so mehr dem stattlichen Großneffen zu, der erst bei den Tiroler Schützen gedient, und den die Gunst des Erzherzogs Johann selber befördert und wegen seiner stattlichen Gestalt und seines soldatischen Geistes zu den Grenadieren gebracht hatte.

Franz Stockhammer war der Sohn der einzigen Tochter des alten Freiheitskämpfers Haspinger, dem ein jüngerer Bruder ein unversorgtes Enkelkind, die hübsche Tirolerin, die ihn jetzt nach Wien begleitet, hinterlassen hatte. Die Mutter des jungen Feldwebels ruhte auch längst unter dem Rasen der kleinen Bergkirche von St. Katharin, und es gehörte zu den Lieblingsideen des alten Gemsjägers, den Enkelsohn, wenn er ausgedient, mit seiner Großnichte zu verheiraten und ihnen den schmucken Erbhof gemeinsam zu hinterlassen.

In dem Lande der Aufrichtigkeit und Herzlichkeit ehren die Kinder noch den Willen ihrer Eltern; der große, stattliche Soldat, der Franz Stockhammer, wenn er auf Urlaub nach den heimischen Bergen kam, hatte die Nand'l stets sein Bräutli genannt, die Kleine hatte ihn von Jugend auf als ihren künftigen Mann und Herrn angesehen.

So war das Jahr Achtundvierzig gekommen und die Flucht der Kaiserfamilie nach Innsbruck. Die Gerüchte drangen mit den Zeitungsblättern bis in die fernsten Thäler der Eisberge, und der alte Haspinger schüttelte täglich unwilliger und sorgenvoller das Haupt, wenn er auf der Bierbank des kleinen Wirtshauses saß und allerlei reden und vorlesen hörte, denn er selbst konnte weder Geschreibsel noch Gedrucktes lesen. Wenn auch manches anders geworden war seit den Tagen seiner Jugend, so konnte er doch nimmer glauben, daß das brave österreichische Volk gegen den angeborenen, von Gott ihm gegebenen Herrscher, gegen seinen Kaiser aufstehen könnte, und die Briefe, die zuweilen von dem Feldwebel aus Wien kamen, und die ihm das Nand'l wieder und wieder vorlesen mußte, bestärkten ihn in der Meinung, daß es sich nur um fremdes Volk und rueches Gesindel handeln könne, das der Kaiser im Nu zu Paaren treiben werde, wenn er nur wolle; denn nicht anders betrachtete es der soldatische Geist und treue Sinn des jungen Tirolers.

Dann kam eine Zeit, wo die Briefe ganz ausblieben und, obschon der Kaiser nach Wien zurückgekehrt war, die Zeitungsberichte immer schlimmere Dinge meldeten. Vergeblich schrieb das Nand'l zwei, dreimal nach Wien, zuerst an den Verlobten; jede Antwort blieb aus. Dann an den Großohm, den Hausmeister, ob denn der Franz tot oder fortmarschiert von Wien oder sonst ihm ein Unglück begegnet sei. Zuletzt kam ein Brief mit den großen Hahnenfüßen des Hausmeisters, der ihm gewiß Müh' und Kopfzerbrechen genug verursacht, und da drin stand: Es sei nicht alles richtig mit dem Franz! Er könnte es nicht ändern; der liebe Gott würde es hoffentlich nicht zugeben, daß der Franz Stockhammer der Familie Schande mache.

Das war dem alten Veteranen in die Krone gefahren, und drum hatte er sich selbst aufgemacht aus den Tiroler Bergen mit seinem Liebling, der Versprochenen seines Großsohns, und jetzt stand er da und legte die Hand auf des Hausmeisters Schulter, der verlegen und unwirsch hin und her rückte, und sah ihm mit den großen braunen Augen fest ins Gesicht und fragte:

»Wo ist der Franzel? was ist's mit dem Bub'?«

Der Hausmeister schüttelte sich wie ein begossener Pudel und ließ die Ohren hängen. Jetzt, da es galt, den Verwandten, auf den er selbst bisher stolz gewesen, anzuklagen, ließ er sich nötigen und wollte nicht mit der Sprache heraus, während die Augen des alten Mannes und des jungen Mädchens unverwandt und mit bangem Harren an ihm hingen.

»Nun – was ist's? was hal'st zuruck mit Dei Red'! Gott im Himmel! ist der Franz hingeworden?«

Das Mädchen kreischte laut auf.

»Nein, nein – des nit,« rief der Hausmeister, »aber« – er winkte mit den Augen nach der Nichte – »muß i alles sagen, was i denk'?«

»Was Du weißt und was Du gedenkst, Mann, aber die Wahrheit! I und das Dirndl da können's tragen!«

»Der Franz ist seit ein'ger Zeit in schlechte Gesellschaft kommen,« sagte der Wiener traurig, die Augen senkend, »er hält mit schlechte Menschen, die des Kaisers Feind sind, und i fürcht', der Franz ist a Verräter an seinem Kaiser!«

»Der Franzl a Verräter am Kaiser?« Der alte Kämpe vom Berge Isel taumelte, wie vom Donner getroffen, zurück. »Des Haspingers Großsohn a Verräter? Das ist a Lug'! das kann nit sein! Herr Gott im Himmel, laß mi hören, daß der Franz tot ist, aber nit, daß er seine Ehr' vergessen!«

»Noch kann i's nit beweisen,« sagte jetzt fester und entschlossener der Hausmeister, denn er fühlte, daß er hier volle Wahrheit geben mußte, »aber i fürcht', daß wenn's nit schon g'scheh'n ist, es jede Stund g'scheh'n kann. Dadrum hab' i g'schrieben und 's ist gut, daß Ihr da seid, denn auf mich hört er nit mehr und geht mir aus dem Weg!«

Der alte Tiroler hatte sich auf die ledergepolsterte Ruhebank niedergesetzt und stützte das graue Haupt in die Hand. Neben ihm kniete weinend das Mädchen.

»Erzähle, Schwager Jörgi!«

»Es sind zwei Monat her,« berichtete der Hausmeister, »daß der Franz, der fleißig zu mir kam und auf die Rebelljon schimpfierte, durch 'nen schlechten Kerl von Slowaken, 'nen Rekruten von seinem Regiment, der a Verwandten oder Freund bei der ungarischen Gräfin hat, mit ihr bekannt wurd'. Seit die Herrschaft fort ist, wohnt sie hier im Haus. I bin nit gewohnt, den Vornehmen Böses nachzuplauschen, aber mit der da oben hat's seine eig'ne Bewandtnis, und ka' ehrlicher Mensch ist mit ihr umg'gangen, so lang' die Schand' und der Spektakel noch nit in Wien war. Aber seitdem spielt sie a große Roll' und 's ist a sackermentsch Weib, a Paar Augen hat sie im Kopf, wie a Maikater, wenn er auf'n Dächern schnurrt. Seit der Zeit ist der Franz a ganz andrer Mensch g'worden und wie umgetauscht, und hat nur Sinn und G'danken für die Ungargräfin!«

»Aber der Verrat, Jörgi, der Verrat?«

»Die Gräfin hält's mit den Rebellen in Ungarn und mit den Schlimmsten in Wien! Er hat Papiere zu ihr gebracht, i sah's mit eig'nen Augen, Papiere, die der Franzel geholt drüben im Kriegsgebäud' oder hinbracht nachher.«

Der alte Kaiserkämpe hatte sich wieder erhoben und stand aufrecht, die athletische Gestalt, die der Enkel von ihm geerbt, gestreckt, als habe sie alle Last des Alters von sich geworfen.

»Wo ist der Franz, wo treff' i den Franz? i will ihn aufsuchen zur Stell'!«

»Vor einer halben Stund' schlich er hinauf zur Ungargräfin; ich sprach ihn vergeblich an, er und der Slowak!«

»So laß uns geh'n!«

Der alte Mann schritt nach der Thür.

Doch der Hausmeister hielt ihn zurück. »Schwager Nazi, des geht nit!« sagte er mit all jenem Respekt, den er von Jugend auf für Hohe und Vornehme gelernt, und der, selbst dem verdorbenen, ausgestoßenen Zweig dieser Aristokratie gegenüber, ihn nicht verlassen wollte. »Man geht holter hier nit so zu den Herrschaften, wie bei Dir z'Haus zum Nachbarn. Ihr' Gnaden lassen's niemand vor, der nit ang'meld't ist, und Du kannst den Franz nit seh'n, wenn er bei ihr ist, bis er wieder 'runter kommt!«

»Wart' nit, Nönl, thu's zur Stell'!« bat glühend das Mädchen.

»I will doch schau'n, wer den Großvater hindert, mit seinem Enkel zu reden! Will selber seh'n, was der Franz dort treibt!«

»Du wirst niemand finden, der Dich meld't und 'nein läßt, die Lakaien lassen halt niemand 'rein!«

In der Thür stand der junge Student, bleich, noch farbloser wie gewöhnlich, aber den gefaßten Entschluß im leuchtenden Auge. »Kommen Sie, Herr, ich werde Sie dorthin führen, wo Sie Ihren Enkelsohn finden.«

»Aber, Herr Matthias, bedenken Sie –«

»Durch den Szabó, meinen Landsmann und Blutsfreund, ist der Feldwebel hinaufgekommen,« sagte der Jüngling fest, mit einem traurigen Blick auf das Tirolermädchen, »an mir ist es, so viel gut zu machen, als noch geschehen kann!«

Er führte den alten Tiroler mit sich fort, der mit einem Wink der Hand die Großnichte bedeutete, zurückzubleiben bei dem Verwandten, der sich jetzt bemühte, ihr vorzusetzen, was sein kleiner Hausstand bot. Dann öffnete er wieder das Thor und setzte sich an seine alte Stelle; seine Pflicht gestattete ihm nicht, es lange so ungewöhnlich verschlossen zu halten.

Aber das Mädchen im Stübchen rührte weder Brot noch Trank an; ihre Gedanken begleiteten den Alten und quälten sich, was wohl ihr Verlobter da oben schaffte, und seltsamer Weise dachte sie dabei fast mehr an den jungen Studenten, der sich ihrer so eifrig angenommen, als an den Franz.


In den Gemächern der Gräfin Törkyeny ging es lebhaft her; die versammelte Gesellschaft schied sich in drei Gruppen, von denen die zahlreichste in dem vordern Salon versammelt war, Offiziere und Mitglieder der Nationalgarden, namentlich aus den Vorstadtbezirken, der Arbeiter-Vereine, des demokratischen Klubs und der Aula, auch ältere und jüngere Männer in ungarischer Tracht, und mehrere Mitglieder der Linken des Reichstags. Selbst Frauen – jener entarteten Emanzipation angehörig, die damals in allen Klassen der Wiener Gesellschaft von der Edelfrau bis zur Gassenkehrerin sich breit zu machen begann – waren darunter, rauchten ihre Cigarren, tranken den auf mehreren Tischen servierten Ungarwein und überflügelten die Männer im wildesten Radikalismus.

Eine minutenlange ruhige Beobachtung dieser Gespräche hätte davon überzeugt, daß der nächste Tag in Wien ein blutiger sein mußte, und daß der Ausbruch einer republikanischen Schilderhebung beschlossen war.

Ab und zu kamen aus dem zweiten Salon die Führer und Eingeweihten, sprachen mit einzelnen Männern und erteilten ihnen Aufträge und Instruktionen, zu deren Ausführung sich diese alsbald entfernten, oder nahmen die Berichte der Sektionen der Vorstädte in Empfang. Kein Diener, mit Ausnahme eines alten schnurrbärtigen Ungarn, betrat die Gemächer; sie waren sämtlich entfernt oder bewachten die Eingänge.

Im zweiten Salon, auf einer Causeuse von dunkelblauem Damast, der das ganze Gemach tapezierte, saß oder lag in üppig bequemer Stellung die Wirtin des Hauses.

Die Gräfin Törkyeny war eine Frau von etwa vierzig Jahren, in jenem gefährlichsten Alter also, wo alle bösen Leidenschaften der Frauen, Wollust und Herrschsucht, den schlimmsten Kampf erheben. Sie war eher klein, von überaus zierlicher Gestalt und breiter Hüftenbildung; das Gesicht mit der fein geschnittenen Nase und dem vollen Mund, dessen Oberlippe ein dunkler Flaum umgab, hatte einen auffallend zarten Ausdruck, der durch das halb verschleierte, mir langsam sich hebende Auge noch mehr den Charakter des Lässigen, Trägen gewann. Die Farbe war durchgängig eine gleichförmige, durchsichtige aber nicht krankhafte Blässe, durch die man die blauen Adern der Schläfe, des feinen und langen, aber schön geformten Halses und der überaus kleinen schmalen Hände durchschimmern sah.

Ihre näheren Freunde wußten, daß diese matten, gefühllosen Augen sich in leidenschaftlicher Gier entflammen konnten, daß die gleichsam wie ein elektrischer Strom ausströmende Wollust alles verzehrte, und daß ihr Zorn gefährlicher war, als der Dolch des Banditen. Seltsame Dinge erzählte das Gerücht von dieser Frau, die seit vielen Jahren getrennt lebte von dem altern, durch Naturgebrechen und stolzen, anmaßenden Charakter widerwärtigen Gatten, dem der Zwang der Eltern sie in frühester Jugend vermählt. Sie war eine Stiefschwester der Gräfin Appony, der Familie aber längst durch ihr jeder Regel der stolzen und exklusiven Aristokratie Hohn sprechendes Leben entfremdet und erst in letzter Zeit durch die gemeinsame Agitation für die ungarische Erhebung manchen Gliedern, auch der edlen und hochstrebenden Nichte, wieder näher getreten.

Die Gräfin hatte oft ihren Aufenthalt gewechselt; sie war bekannt durch ihre Extravaganzen und ihre Verleugnung jeder weiblichen Scham in ganz Europa; man erzählte die skandalösesten, aber auch die gefährlichsten Abenteuer von ihr, und ihr Gatte hegte eine solche Furcht vor seiner Frau, daß er ihr nur unter der Bedingung, daß sie sich nie an dem Ort seiner Ambassade blicken ließe und überhaupt jede Begegnung mit ihm vermiede, einen gewissen Teil seiner reichen Einkünfte zuwandte und sie nach Belieben treiben und schalten ließ.

Seit dem Winter lebte die Gräfin wieder in Wien und obschon ihr Leben bei der öffentlichen und geheimen Wiener Polizei den größten Anstoß erregen mußte, schien doch ein geheimer Schutz ernstere Unannehmlichkeiten und Folgen für sie zu verhindern.

Das Gerücht flüsterte, daß einst, in ihrer Jugend, als ihre Leidenschaften noch nicht zur Entartung geworden, einer der Erzherzöge in den Fesseln dieser Frau gelegen und sie aufrichtig und leidenschaftlich geliebt habe!

Schon vor dem Ausbruch der Erhebung im März hatten sich die Elemente der revolutionären Bewegung um sie gesammelt, und bald bildete sich hier neben der Aula und dem demokratischen Klub der geheime Herd der republikanischen Kontre-Revolten. Es war klar, daß die Gräfin mit den Häuptern der Bewegung in Ungarn in genauer Verbindung stand, ihnen Nachrichten lieferte und von ihnen Instruktionen erhielt. Der Legionär, Doktor Lazare, wie er sich nannte, einer jener Satelliten, welche diese Frau um sich versammelte und stets aus jüngeren Männern wählte, derselbe, der an dem Abend in Gumpendorf die Vorstadt-Garden und Arbeiter zum Widerstand gehetzt, war als einer ihrer Hauptagenten thätig oder beherrschte sie vielmehr selbst durch die Macht des kalten, teuflisch berechnenden Verstandes, den er besaß.

In dieser Zeit war der Haß der Demokratie hauptsächlich außer auf die energischeren Mitglieder des Ministeriums, gegen die Czechen, die böhmischen Abgeordneten, gewendet, in deren Treue und nationalem Widerstand die ungarische Agitation schwerere Hindernisse fand, als in dem deutschen Charakter.

Der Ermordung Lambergs in Pesth, der offenen Schilderhebung gegen die kaiserliche Autorität mußte das Gleiche in Wien folgen.

So lautete die Instruktion!

Auf dem Tisch vor der Gräfin lagen mehrere Papiere, Briefe und Zeitungsblätter.

Ein Legionär war eben aus dem vorderen Salon, noch erhitzt von dem raschen Weg, eingetreten.

»Welche Nachrichten aus den Vorstädten?«

»Die Gumpendorfer Arbeiter sind entschlossen, sie werden sich der Gewalt widersetzen. Die Garden von Mariahilf werden bei Zeiten zu ihrem Beistand rücken.«

»Kennt man die Stunde des Ausmarsches?«

»Niemand weiß sie, als die Stabsoffiziere, und die Canaillen sind schwarzgelb!«

»Haben Sie Lazare gesehen?«

»Einen Augenblick. Er ging nach einem der Wirtshäuser und trug mir auf, Ihnen zu sagen, daß er die bewußte Person aufsuchen wolle!«

Die Gräfin wippte ungeduldig mit dem kleinen Fuß, auf dessen bloßer Spitze ein feiner Pantoffel hing.

Sie trug einen weiten Hausrock von dunklem Brokat mit offen fallenden Ärmeln, aus dem der schöne Arm, fast bis zur Schulter entblößt, heraussah, wenn die Hand eine Bewegung machte nach den Schriften und Blättern auf dem Tisch, oder die Cigarre zwischen den rosigen Fingern aus den vollen Lippen entfernte.

Diese Hand und dieser Fuß waren so sorgsam gepflegt, so schön und fein, daß sie einem jungen Mädchen von siebzehn Jahren anzugehören schienen.

Das Kleid oder der Schlafrock wurde durch einen Gürtel von Gold zusammengehalten. In diesem Gürtel steckte, in die Augen fallend, ein kleiner Damendolch mit ciselierter Scheide und Griff, beide reich mit kostbaren Steinen besetzt.

Die Gräfin wußte ihn zu gebrauchen; man erzählte, daß sie einst einen vornehmen Kavalier, der sie verlassen und ein skandalöses Abenteuer von ihr mit einem Schauspieler als Grund verbreitet hatte, angefallen und ihm zwei Dolchstiche beigebracht hatte, die ihm beinahe das Leben gekostet hätten.

Über dem Gürtel war das Kleid offen, mit Goldschnüren gleich einem Dolman verziert und zeigte nur das zierlich gefaltete Hemd von feinem Linnen, das eng an die hochgewölbte Brust sich anschloß.

Sie trug auf dem dunklen, phantastisch in Locken und Zöpfen geordneten Haar eine kleine ungarische Mütze, rot, mit einem kurzen Stutz kostbarer Reiherfedern.

»So lassen Sie uns einstweilen unsere Kräfte für morgen überschlagen,« sagte die Gräfin, »das heißt die, auf welche wir rechnen können. Zunächst also die Aula. Zanchi bürgt für das mobile Universitätskorps!«

Ein Mann in der Uniform der Legionäre nickte. »Wir wollen den Nordbahnhof besetzen und die Brücken.«

»Es ist nötig, Doktor, daß Sie morgen früh eine Nummer des Studenten-Courier erscheinen lassen. Sie muß noch aufregender sein, als die letzte; die Geschichte mit dem Grenadier Kühbeck, der die Rechte seiner Kameraden verteidigt, und den man eingesperrt hat, muß gehörig ausgeschmückt werden. Machen Sie eine Füsilade daraus, liebster Buchheim.«

Der gefällige Redakteur, der vor wenigen Tagen erst das mit den Pamphleten Marats konkurrierende Gedicht: »An die Laterne!« veröffentlicht hatte, machte seine Notizen.

»Welche sind die zuverlässigsten und entschlossensten von den Garden?«

»Unzweifelhaft die von den Wieden,« antwortete eine scharfe Stimme.

Der Mann, der gesprochen, war klein, etwas gebückt und von lächelnder Physiognomie. Er trug eine mit dem deutschen Bande verbrämte Studenten-Sammetkappe, hielt das Auge beim Sprechen abgewendet und rieb sich fortwährend die Hände.

»O, Herr von Messenhauser, ich hatte nicht gesehen, daß Sie eingetreten waren. So bürgen Sie für die Wiedener Garden?«

»Doktor Schilling ist in dem Salon nebenan; ich sprach ihn soeben, und er versichert, daß die Garden nur auf den Alarmruf warten.«

»Und der demokratische Klub?«

»Ich komme aus seiner Versammlung, um uns über seinen Anteil an den Ereignissen für morgen zu verständigen. Er ist bereit, jedem unkonstitutionellen Schritt des Ministeriums mit den Waffen entgegenzutreten und den Beschlüssen des Reichstages Geltung zu verschaffen!«

Um den Mund der Gräfin zuckte ein kurzes, spöttisches Lächeln. »Pannasch und Streffleur werden das Ober-Kommando niederlegen; man rechnet aus Sie, Herr von Messenhauser

Der ehemalige Offizier vom Regiment Deutschmeister fuhr betroffen zurück; es war wahrscheinlich das erste Mal, daß ihm der Gedanke an die ehrgeizige, kurze und unglückliche Rolle vor die Seele trat, die er in dem letzten Teil der Wiener Revolution zu spielen bestimmt war. »O, gnädige Frau, ich mache keinen Anspruch auf solche Ehre, doch sollte man mich –«

»Man wird Sie dazu wählen,« sagte schroff der Abgeordnete Löhner, der neben der Gräfin saß, ein Mitglied der radikalen Linken. »Man wird Sie dem Reichstag vorschlagen, und wenn die Wahl auch das erste Mal bei dem Verwaltungsrat durchfällt – zum Henker, wofür haben Sie die Presse und den demokratischen Klub?«

»Ich stelle Ihnen die ›Konstitution‹ zur Verfügung,« rief Niederhuber, »aber zuvor müssen die Stadtgarden von allen reaktionären Elementen gesäubert sein! Der Ungar Töltenyi verhieß mit seinen Artikeln im ›Radikalen‹ und ›Freimütigen‹ die Arbeiterbevölkerung aufzurufen. Der künftige Ober-Kommandant der Nationalgarde wiegt sich bereits in eitlen Träumen und sprach mit seiner Umgebung von neuen Organisationsplänen.«

Die Gräfin legte ihre kleine weiße Hand auf die eines noch ziemlich jungen Mannes von militärischer Haltung, in der Uniform der Legionäre, der hinter ihrer Causeuse stand und die schmalen Lippen fest zusammenpreßte.

»Was haben Sie, Philipp?«

»Wenn Sie Schwachköpfen und eitlen Narren die wichtigsten Posten anvertrauen wollen,« sagte er barsch, »weshalb haben Sie mich hierher gerufen?«

»Thor, der Sie sind! Sehen Sie denn nicht ein, daß wir den Bürgern gegenüber einen ehrlichen Phantasten brauchen werden? Sie werden das Kommando neben ihm oder vielmehr allein führen, und er wird der Mann sein, der jedes Mißlingen, jeden Vorwurf tragen muß, ein willenloses Werkzeug in kräftiger Hand! – Geben Sie Jellinek einen Wink, daß er ihn in den ersten Salon zu seinesgleichen führt; wir haben Wichtigeres zu thun!«

Fenner von Fenneberg, denn dieser war der Legionär, der ein altes Freiherrngeschlecht mit dem wütendsten Republikanismus befleckte, that, wie die Gräfin befahl. Um den Tisch sammelten sich jetzt die einzelnen Gruppen, denn die Gräfin hatte die Cigarre fortgeworfen und aus ihrer bequemen Stellung sich aufgerichtet.

»Also lassen Sie uns das Programm der Forderungen noch einmal feststellen. Zunächst also – Änderung des Ministeriums und Bündnis auf Schutz und Trutz mit der provisorischen Regierung in Pesth.«

»Wessenberg und Latour mindestens müssen abdanken,« sagte eine Stimme aus dem Kreise; »Kraus und Bach mögen bleiben!«

»Man wird sie dazu zwingen, wenn sie sich weigern!«

Die Gräfin, ohne auf die Reden zu achten und ein verächtliches Lächeln zu unterdrücken, fuhr fort:

»Das Bataillon Richter darf Wien nicht verlassen, jede Dislokation der Truppen unterliegt der Genehmigung der Reichsversammlung.«

»Einverstanden!«

»Die Militärposten werden eingezogen, die Zeughäuser geöffnet und der Bewachung der Vorstadtgarden übergeben, ebenso der Stephansturm!«

»Es ist Zeit, daß die Schwarzgelben uns nicht länger die Waffen und die Artillerie vorenthalten!«

»Der Kaiser widerruft die Verordnung vom 3. Oktober, und der Van erhält den Befehl, sich zurückzuziehen; jede Überschreitung der ungarischen Grenze durch die kroatische Armee entbindet die Bürger Wiens von allem Gehorsam und giebt ihnen das Recht zur Verteidigung ihrer Freiheit und Einsetzung einer neuen Regierung!«

»Nieder mit den Schwarzgelben! Es lebe die Freiheit!«

»Der Reichstag,« schloß die Gräfin, »wird sich in Permanenz erklären und einen Sicherheits-Ausschuß ernennen. Wer wird morgen den Antrag auf eine außerordentliche Sitzung der Versammlung stellen?«

Der Abgeordnete Löhner schlug auf den Tisch: »Beim Teufel, ich!«

»Und wenn der Präsident sich weigert?«

»Smolka ist der unsre. Für die Einberufung ist gesorgt!« Der Abgeordnete von Österreich-Schlesien, der Bauernbefreier Kudlich, warf ein Paket auf den Tisch; es waren die im voraus gedruckten Berufungen der Reichstagsmitglieder zu einer außerordentlichen Sitzung.

»Lazare bringt sichere Nachrichten. Sobald er kommt, wird er Ihnen den Rat und die Anweisungen unserer jetzt noch im stillen thätigen Freunde vorlegen. Hier ist einstweilen das Geld zur Verteilung an die Arbeiter in den Vorstädten. Ziehen die Stadtgarden und das Militär willig ab, so genügt dies; wenn nicht, wird jeder Posten mit Gewalt entwaffnet und von den Unseren besetzt. Um Mittag müssen wir Herren der Stadt sein!«

Während die Männer eifrig den Angriffs- und Besetzungsplan besprachen, berührte eine Hand den Arm der Gräfin.

Es war ihr alter ungarischer Diener.

»Is sich der Mann da, Gnädigste!«

»Wer?«

»Tiroler Mensch, hat sich auch mitgebracht Hundekerl den Slowak.«

Die Augen der vornehmen Phryne blitzten. »Ist der Feldwebel, wie ich befahl, in dem roten Boudoir?«

Der Diener nickte mit bezeichnender Miene. »Maschka hat ihn geführt hinein!«

»Und die Fremden?«

» Teremtéte! Ist sich ein echtes Ungarnherz, der edle Herr, hat mir gegeben blanken Dukaten einen. Alle drei sitzen zusammen in Hinterzimmer, schwatzen von Vaterland!«

»Die drei Männer mit den roten Karten? sind sie in Deinem Zimmer und eingeschlossen?«

»Hei! denken nicht d'ran, fortzugeh'n, so lang' sie haben guten Punsch. Ist sich schlecht Volk, Junker Matthias wollt' sie nicht lassen herauf, wenn ich nicht wär' gekommen zu.«

»Der Bursche fängt an lästig zu werden und selbst zu denken. Bringe Wein hierher, aber nicht mehr in den vordern Saal. Sobald der Doktor kommt, soll die Amme mich rufen.«

Sie trat wieder zur Gesellschaft und wendete sich zu den Vertrautesten. »Sorgen Sie dafür, daß unsere Freunde da drinnen ihre Instruktionen erhalten und sich entfernen, um das Programm der Forderungen zu verbreiten. Sie selbst bleiben hier, in höchstens einer halben Stunde werde ich alle Nachrichten haben, die uns nötig; dann können wir unsere letzten Maßregeln treffen!«

Sie warf kokett noch einen Blick in den Spiegel, der ihr die seine und doch so üppige Gestalt zeigte, ordnete mit einer leichten Handbewegung das Haar und trat durch die nächste Thür nach dem Korridor. Am Ende desselben, hinter einem Vorzimmer, nach dem Platz hinaus, lag das rote Boudoir.

Einen Augenblick blieb sie vor der Thür stehen, an der ein altes Weib mit tiefen, scharfen Zügen, in ungarischer Tracht saß.

»Gieb acht, Amme, daß uns niemand stört. Wenn ich etwas bedarf, werd' ich schellen!«

»Gut, Goldkind, Du weißt, daß Du Dich auf die Maschka verlassen kannst. Wirst Glück haben, Herzchen, blanker Bursch ist ganz wild. Dich zu sehen, hat zehnmal gefragt, wo schöne Gräfin ist!«

Eine leichte Röte begann jetzt gleichförmig das Gesicht der Dame zu überziehen; sie nickte der Alten zu, dann öffnete sie rasch und schlug die Portière von schwerem, rotem Sammet zurück.

Ein gleicher Schimmer, gedämpft durch das milde Licht einer Ampel von weißem Milchglase, die von der Decke hing, legte sich zuerst auf die Augen.

Das ganze Zimmer war mit dunklem Rot ausgeschlagen.

Vorhänge und Portièren, das Boudoir hatte anscheinend nur noch einen zweiten Ausgang zum Bade- und Schlafzimmer der Gräfin, trugen dieselbe, Farbe, die Möbel waren von Ebenholz mit dunklem, feinem Maroquin überzogen und bestanden in einigen Fauteuils und niederen Sesseln, einem Tisch und einem breiten und bequemen Divan an jeder Wand.

Ein etwas zu starker und deshalb betäubender Geruch von Vanillewasser erfüllte die Atmosphäre.

In zwei der freien Ecken des mit schweren Goldleisten abgesetzten Gemaches erhoben sich auf Säulen von schwarzem Stein weiße Marmorstatuetten von halber Lebensgröße, die mediceische Venus und ein Bachus; fünf Bilder: Leda mit dem Schwan, Jupiter und Jo, ein großes Bild mit nackten Figuren in der derben Fleischzeichnung und Färbung des Rubens, und ein neueres Kunstwerk: badende Männer und Frauen, hingen an den Wänden. Das mittlere Bild auf der großen Wand war eine meisterhafte Kopie des berühmten und berüchtigten Bildes im Museo Bourbonico zu Neapel: Der Stier und die Frau.

An der Seite jedes der Divans stand ein kleiner Konsoltisch mit dunkler Marmorplatte, auf der sich eine silberne Glocke und mehrere Albums, die berüchtigsten Kunstwerke aus der Zeit der Regentschaft, französische Lästerwerke der Schule Voltaires und die Kupferstiche Giulio Romanos, befanden. Die dritte Ecke enthielt ein Lavoir von dunklem, goldgeadertem spanischen Marmor mit einer prächtigen silbernen Toilette, die vierte den Kamin von gleichem Material, über dem eine Sammlung von Cigarrenkästen und Pfeifen stand und hing, der Schibuk und Nargileh des Türken, der dicke Meerschaumkopf des deutschen Studenten, die einfache Gipspfeife des Holländers, die kleine Kabardiner-Pfeife bis zum Rohr, durch das der Malaye den betäubenden Rauch des Opiums einschluckt.

Auf dem Konsol an einem der Divans lag ein Paar mit Silber ausgelegte Salonpistolen, die kleine Scheibe von weichem Holz an der Marmorbrüstung des Kamins zeigte die tägliche Übung. Ein prächtiger ungarischer Säbel hing an der Seite des großen Trümeau, der den ganzen Zwischenpfeiler der jetzt verhangenen Fenster einnahm und die Dekoration des Gemaches noch einmal wiederholte. Zwischen zwei silbernen Leuchtern war die dunkle Marmorplatte des Tisches mit einem kleinen ungebleichten Damasttuch bedeckt, auf dem in silbernen Schalen scharfe, orientalische Confitüren standen und zwei Karaffen mit schwerem rotem und weißem Ungarwein.

Als die Gräfin eintrat, fand sie den jungen Tiroler, den Rücken ihr zugekehrt, in befangener Stellung auf der Kante eines Lehnsessels sitzen. Er hatte eines der üppigen Albums aufgeschlagen, aber seine Augen irrten unstät über die Blätter hinaus; man sah, daß er in Gedanken, in wilde Bilder der Phantasie oder der Erinnerung versunken war, so daß er selbst den Eintritt der Gräfin nicht bemerkt hatte.

Sie schlich sich hinter ihn, legte die beiden fein gerundeten Arme um seinen Hals, drückte den Kopf des schönen Mannes zurück und preßte einen langen glühenden Kuß auf seinen Mund.

»Willkommen, Franz! wie lange warst Du nicht bei mir! Schäme Dich, Mann, daß ich erst nach Dir schicken muß, wenn ich Dich Wiedersehen will!«

Der Tiroler stotterte verlegen eine lahme Entschuldigung, er hielt die Augen beklommen, scheu auf den Boden geheftet, aber flammende Röte lagerte auf seiner Stirn und seinen Wangen. Seine breite, hohe Brust begann sichtlich aus und nieder zu wogen, seine Hände zitterten.

»Warum so scheu, Franz? was ist Dir – zürnst Du mir?«

Der Feldwebel hob rasch die Augen; es war Erschrecken, demütige Bitte, verzehrende Sehnsucht, was in ihrem Ausdruck lag, als er sie auf die schöne Sirene richtete.

»Was platzedert Ihr da? Glaubt's nit, gnäd'ge Frau! wie hätt' der arme Franz a Recht, auf die gnäd'ge Frau bös zu sein?«

Die Gräfin lachte neckisch, indem sie ihm das braune Haar von der Stirn strich und diese küßte. » Armer Franzel! Närrchen, brauchst Du nicht bloß Deinen Mund aufzuthun, um so viel Geld zu haben, als Du verbrauchen magst?«

»Ich will es nit; ich will ka Gold nit! Das ist a schlechter Kerl, der von« – er wollte sagen: sein Lieb, verbesserte sich aber – »von einer Dam' Geld nimmt!«

»Du meinst, Franz, Du willst besseres als Gold. Aber komm hierher auf den Divan, es plaudert sich bequemer, wenn Du bei mir sitzest.«

Sie zog ihn halb mit Gewalt, der er nur allzu willig folgte, nach dem großen, breiten Divan und ließ ihn dicht neben sich niedersetzen. Dann schenkte sie von dem feurigen Ungar in die großen, schalenartigen Gläser und reichte ihm das eine, nachdem sie es mit den Lippen berührt.

Der Soldat, in jener Galanterie, welche die Natur lehrt, setzte den Mund an dieselbe Stelle, und die Augen flammend auf die schöne Frau gerichtet, leerte er das Glas mit raschem Zug.

»So ist's recht, Franz, so gefällst Du mir! Hübsch gehorsam Deiner Dame, und Du sollst belohnt werden.« Sie schenkte ihm wieder ein und legte die Hand auf die seine. »Es war schlimm, daß Du nicht selbst kamst, um so mehr, als wie ich höre, die Grenadiere Richter morgen gegen mein Vaterland marschieren sollen. Ist es wahr?«

»Ja!«

»Um welche Stunde erfolgt der Ausmarsch?«

Der Feldwebel zuckte zusammen. »Es weiß es halt niemand nit!«

Mit einer wie zufälligen Bewegung löste die Gräfin den Gürtel ihres Gewandes, daß der kleine Dolch zu Boden fiel. Indem sie sich bückte, öffnete sich vorn der Rock und das Chemiset und die Augen des Tirolers tauchten in den weißen, gewölbten Busen des Weibes.

»Du lügst, Franz! wann marschieren die Grenadiere?«

»Um sechs Uhr!« Der große, starke Soldat zitterte wie ein Kind.

»Und der Weg, den sie nehmen?«

»An den Linien entlang nach der Taborbrücke. Sie sollen nit durch die Wieden!«

»Siehst Du wohl, daß Du es wußtest! Trink', Franz!« Sie kredenzte ihm.

»Aber es ist halt streng Geheimnis!«

»Darfst Du Geheimnisse vor mir haben, vor Deiner Freundin? Du gehst doch nicht mit?«

»Nein – noch nit!«

»Abscheulicher Mensch! und eine solche Nachricht zögertest Du mir zu bringen! Du verdienst, daß ich Dich gar nicht mehr liebe, Franz!« Aber sie strafte ihn nicht, sondern legte die fiebernde Hand des jungen Mannes auf den entblößten Busen. »Fühle, Franz wie es hier für Dich klopft! Wie kommt es, daß Du hier bleiben darfst, Franz?

»I bin kommandiert zum Graf Auersperg, wenn er ausrücken wird.«

»Ausrücken? Der General steht ja in Wien – wo soll er hin?« Die Augen der Ungarin funkelten, während sie dicht zu dem jungen Manne rückte und ihren Fuß über den seinen kreuzte.

Noch einmal machte der Soldat eine Anstrengung, sich der Verlockung zu entziehen, die bereits seine Sinne aufregte und all sein Bewußtsein, seine ganze Manneskraft ihm zu rauben begann. »I darf nit; o bitt' schön, fragen's mi nit!«

»Pfui, Franz! warum umarmst Du mich nicht. Küsse mich, Franz, küsse mich!« Sie bedeckte ihm mit heißen, glühenden Küssen das Gesicht, die er zu erwidern begann. Sie zog seinen Arm selbst um ihre Hüfte, und als er die weichen, üppigen Formen fühlte, drückte er sie fest an sich. Die Augen der Gräfin begannen in wildem Feuer zu funkeln, indem sie tief in die seinen drangen – ihr eigenes Blut begann aufzuwallen, ihre Nüstern schienen sich zu erweitern, als wollten sie die berauschende Wärme der Wollust einsaugen – und dennoch verlor sie keinen Augenblick die Herrschaft über sich selbst.

»Was will Graf Auersperg? was soll geschehen?«

»Man traut halt den Wienern nit; es ist so a sackersch Volk jetzt. Wenn's nit parieren wollen, soll das ganze Militär die Stadt verlassen und a Biwak beziehen.«

»Wo?«

»Im Belveder und am Schwarzenbergschen Gartel, bis die Kroaten kommen und – –«

»Was und?« Sie saß auf seinem Schoß, ihr glühender Atem brannte sein Gesicht.

»Der Fürst von Prag – der Windischgrätz,« stöhnte der Soldat.

Sie schnellte wie eine Feder empor. »Also ein Komplott der Camarilla und der Verräter im Ministerium! Man will die Stadt einschließen. Woher weißt Du das, Franz? Mensch, rede, Du weißt, was Du zu erwarten hast.«

»I red' mich um meinen Kopf!«

»Sieh her!« Sie stand vor ihm aufgerichtet, wie der Panther zum Sprung, bereit, sich auf ihn zu stürzen bei der geringsten Weigerung, die Megäre der Wollust.

»I kopier' die Depeschen, die Berichte nach Schönbrunn; i bring' sie all Abend nach der Wach' am Schottenthor –«

»Die Papiere von heute – wo hast Du sie?«

Der Tiroler zögerte –

Mit einem Sprung war sie wieder auf seinen Schoß und riß das Kleid von ihren Schultern, daß es über die Hüften zurückfiel. »Da – nimm – nimm! – die Depeschen, wo hast Du sie?«

Seine Hände lagen auf dem weißen Nacken, den runden Schultern; sein Mund grub sich in die glühendes Feuer atmenden Brüste der Verführerin.

»In der Diensttasch'! Szabó, die Ordonnanz, hat sie!«

Sie wußte, daß sie ihn nicht aus den Armen, nicht zur Besinnung kommen lassen durfte. Mit der einen Hand ihn umschlingend und fest an den wogenden Busen drückend, streckte sie die andere nach der Klingel und schellte.

Sogleich, aber geräuschlos wie ein Schatten, hob die Amme die Vorhänge der Portière. Ihr faltiges Gesicht grinste vergnügt, als sie die Stellung sah, in der die Gräfin sich befand, und welche diese nicht die geringste Anstalt machte, zu verlassen.

»Was befiehlst Du, Goldkind?«

»Führ' den slavonischen Soldaten herauf,« befahl sie hastig in ungarischer Sprache, »bring' ihn zu den drei Männern hinten in des Marosch' Zimmer; er mag Bekanntschaft mit ihnen machen, und bring' die Tasche hierher, die er trägt. Rasch!«

Die Alte verschwand; der glühende Kuß des Weibes verwirrte jetzt vollends die Sinne des jungen Soldaten, die Scham und Schüchternheit des Natursohnes wich immer mehr; fester und wilder umschlang er die Magyarenfrau, die sich um ihn wand wie die Schlange, wie der Lasso des Indianers um den Körper des Opfers, es ins Verderben reißend. »Gleich, gleich, Franz – sei gehorsam, mein Herz!«

Die runzelige Hand der Alten legte die Ordrestasche vor sie auf den Tisch; die Alte verschwand, die Gestalt der Gräfin verdeckte den Augen des Feldwebels noch die verhängnisvolle, seinem Eide und seiner Ehre anvertraute Tasche.

»Du glühst, Franz! Fort doch mit diesem Rock! das sind die Farben der Tyrannei, die mein Vaterland zerfleischen. Dir will ich mich geben. Dir selbst, Franz – nicht dem Soldaten eines Despoten! O, wie Du glühst, süßes Leben, wie Dein Herz schlägt!« Dann sprang sie wieder empor. »Da sind die Papiere – gieb –«

Er versuchte sich aufzurichten, die Mappe zu fassen. Ein Ringen entstand. »Lassen Sie! i darf nit! es darf nit g'scheh'n

Mit einer wilden Bewegung schleuderte sie die Hülle des Kleides von sich. »Mich für diese hier! wagst Du zu zaudern?« Seine Hand ließ die Tasche los, sie fiel zu Boden; das Weib stürzte sich auf ihn – sie riß ihn nieder auf den Diwan, sie umschlang ihn – –


Wie berauscht, entnervt, und doch jede Fiber gespannt zum wilden Genuß, lag die kräftige Gestalt des Tirolers lang auf dem Diwan, die Arme um das Weib geschlungen, halb neben, halb über ihm. Sie hatte die Tasche jetzt auf ihrem Schoß und öffnete sie mit dem Schlüssel, den sie dem Eidbrüchigen abgenommen. Dann schüttete sie die Papiere auf den Tisch und wühlte mit fanatischem Eifer darin, sie bald hierhin, bald dahin werfend.

In dem aufgelösten Haar der politischen Messaline wühlte die Hand des Soldaten. »I ertrag's nit mehr, wenn i Sie mit dem Doktor schau oder dem Bleichg'sicht, dem Student. I schlag sie noch beid' tot, wenn i fuchtig werd'!«

»Pfui, Franz, eifersüchtig, Du? ist nicht eine Gräfin die Deine? hast Du nicht alles, was Du begehrst? Ordres vom Ober-Kommando – wo kommst Du her, Franz?«

»Vom General, Herrin! i bracht' den Rapport und holt' halt die letzten Ordres!«

»Franz, Du bist ein Engel – tausend Dank! – diese Ordre darf auf keinen Fall in die Hände des Majors –

»Aber, gnädige Frau, Sie wollen doch nit, daß i vors Kriegsgericht komm'?«

»Närrchen, Du stehst unter meinem Schutz! morgen ist alles anders; im schlimmsten Fall haben Dich die Legionäre angehalten und Dir die Papiere abgenommen! Ich kaufe Dir die Ordre ab mit einer ganzen Nacht, wenn Du willst, Franz; denk', eine ganze Nacht in meinen Armen!« Sie hatte das Schreiben bereits geöffnet: »Der Befehl, eine Stunde später auszumarschieren und die Ankunft des Regiments Nassau-Infanterie und Mengens Kürassiere abzuwarten! Die veränderte Marschroute durch die Straßen – köstlich! Franz, ich küsse Dich!«

Ihre rasenden Liebkosungen erstickten jeden Widerspruch, jede Stimme der Ehre in seiner Brust; seine Augen glühten; nur den seinen Küssen, seinen Händen, seiner rasenden Gier willig preisgegebenen Frauenleib sah er, fühlte er, nicht die Schande, den Verrat. Die rohe Naturkraft in ihm tobte in wahnsinniger Erregung.

»Und hier!« Unter seinen wütenden, stürmischen Liebkosungen riß sie den Umschlag von einem Briefpaket. »Triumph! Briefe an den Banus! Also dahin die Grenadiere! Von Auersperg – von dem Minister! Ha, Verräter! Du sollst als Feind Ungarns sterben wie ein Hund! – die Ordre, den Marsch zu beschleunigen, die Patrioten anzugreifen – Unterhandlungen mit Preußen – Windischgrätz von Prag! – Du hattest Recht, Franz, Fluch über die czechischen Verräter! – die Ernennung General Bechtolds zum Kommandanten der Nationalgarde –«

Sie stieß ihn zurück und griff nach dem verhüllenden Gewand.

»Du gehst, Du verläßt mich, bleib' – bleib' –«

»Eine Stunde, Mann, zum Handeln, dann sei diese Nacht Dein für das Geschenk, und ich will Dich sterben lassen von Wonnen!« Sie raffte sich auf und die Briefe zusammen; plötzlich fuhr sie mit einem Schrei zurück die Papiere entfielen ihrer Hand – – sie starrte nach dem Eingang des Gemaches.

»Unerhörte Frechheit! Wer wagt es –«

In der Aufregung über die Entdeckung, die sie an den Papieren gemacht, und selbst betäubt von dem schändlichen Spiel mit dem letzten Bewußtsein des Soldaten, hatte sie den kurzen Streit vor der Thür des Gemaches und den Widerstand der alten Amme nicht gehört.

Unter der zurückgeschlagenen Portière stand hoch aufgerichtet der Greis, der Tiroler, der hergekommen von seinen Eisbergen, den Enkelsohn zu retten; hinter ihm blaß und zitternd Matthias, der Slowak, ihr Geschöpf.

»Wer sind Sie? was wollen Sie? – Fort!«

»Sind das des Kaisers Briefe – bist Du a Verräter g'worden an Deinem Eid?«

»Nit ohne den da!« Der Finger des Greises wies auf den Feldwebel, der totenbleich von dem Diwan emporgetaumelt war und auf die unerwartete Erscheinung wie auf ein Gespenst hinstierte.

Der Greis trat zwei Schritte vor bis an den Tisch. Wie er so da stand, gerad' emporgerichtet trotz des weißen Haars auf seinem Scheitel, das faltenreiche Gesicht von der Röte der Scham und des Zornes gefärbt, war es unmöglich, die Ähnlichkeit zwischen ihm und seinem Enkel zu verkennen, der bleich, mit zitternden Gliedern, wie ein ertappter Verbrecher vor ihm stand.

»Daß Gott erbarm' – i schau wie's mit Dir steht, Franz,« sagte der Greis. »Das Dirnd'l, die Nand'l, ist unten und herkommen mit mir altem Mann, aber Du hast die Treu g'brochen und bist nit mehr wert a ehrliches Dirnd'l!«

Der Feldwebel, der große, starke Mann zitterte, aber er gab keine Antwort, seine Glieder flogen wie im Fieber.

Des Alten Auge fiel auf die Briefschaften, und obschon er nicht lesen konnte, überzeugten ihn doch die großen Dienstsiegel, der doppelköpfige Adler auf der Tasche, daß der Jörgi, sein Schwager, Recht gehabt.

Die Adern seiner Stirn schwollen.

»Franz – Du bist a Verräter g'worden! Das is des Kaisers Eigentum, dem Du geschworen!«

Der Soldat erbebte; seine Augen rollten wild umher, dicke Tropfen kalten Schweißes rannen von seiner Stirn.

»Franz, mei Sohn, lug nit, bei Deiner Mutter selig!«

Der Unglückliche schlug die Hände vor das Gesicht.

»Meinen Fluch über Dich und Dein Gedächtnis! Du hast mei Namen g'schändet und entehrt! Du sollst hinwerden wie a räudiger Hund, der Du bist!« Er griff nach den Briefen; die Gräfin, die ihr Gewand übergeworfen, stürzte sich auf sie.

»Die Papiere bleiben hier! Was wollt Ihr, alter Narr?«

»Dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, wie ich dem Teufel gab, was des Teufels ist!« Er wies drohend auf den Gebrochenen. »Zurück, Edelfrau! schämst di nit, daß Du dem Dalk da Seel' und Leib verdorben, und dem armen Mensch drunten das Elend g'than – willst Du auch noch den Haspinger an seine Pflicht hindern?«

»Wahnsinniger! Du giebst Deinem Enkel selbst den Tod, wenn Du ihn verrätst!«

»Besser tot, als ohne Ehr' und a falscher Ruech Bube – schlechter Kerl. an Gott und dem Kaiser! Laß mich 'raus!«

Sie sperrte ihm den Weg und rief um Hilfe, indem sie mit ihm um die Papiere rang. Ihre Augen suchten nach einer Waffe und fielen auf den Dolch, den sie drohend gegen den alten Mann zückte, der ihr ruhig die Brust bot. »Stoß' zu, wann Du den Mut hast. Da Du mir's Herz aus der Brust genommen, kannst Du a 's Leben nehmen!«

Sie wagte es nicht. »Haltet ihn auf! er darf nicht fort! er kann alles verderben!« In die Thür stürzten drei Männer: der Legionär, den sie den Doktor nannten, der ungarische Kammerdiener und ein Fremder; aus dem Gang nach dem Hintergebäude lugten einige Galgengesichter, dazwischen halb versteckt das des Slowaken.

Der alte Mann schritt ruhig und fest auf die Männergruppe los, die unentschlossen stand, nicht wissend, um wen es sich handele. »Sackra! macht Platz, Ihr Stadtherren! wer mich hält, thut's halt af sein G'fahr!« Der ehrwürdigen, drohenden Gestalt, dem festen, ernsten Auge wichen unwillkürlich die Männer.

Die Gräfin, das eine Papier in der Hand, das sie dem Greise zu entreißen vermocht, eilte auf den Doktor zu und faßte ihn heftig beim Arm. »Ihm nach, Ferdinand! entreißt ihm die Papiere; er darf das Haus nicht verlassen!«

»Was ist's? was giebt's, Gräfin?«

»Briefe an Jellacic! geschwind, ehe es zu spät ist – sie sind unbezahlbar!«

Der Legionär wandte sich rasch und winkte den Männern im Gang. »Geschwind mit mir!« Aber schneller als er war der Soldat, der Verlorene, Verfluchte. Der Anblick des verhaßten Rivalen hatte ihm die Kraft, die Bewegung wiedergegeben. Wie ein Gespenst anzuschauen, hohlwangig, leichenhaft, mit irrsinnig blitzenden Augen, stand er bereits außerhalb der Thür, ehe man auf ihn geachtet, den vorhin abgelegten Säbel in der Hand.

»Wer's wagt, den Nön'l anzuruhren, ist a Kind des Todes! Bin i verflucht, so hat der Nön'l Recht g'than, und keiner soll ihm a Haar krümmen!« So schritt er, die blanke Waffe in der Faust, den Soldatenrock noch über dem Arm, drohend gegen jeden, der einen Versuch machen würde, diesen aufzuhalten, hinter dem Greise her, der, seiner nicht achtend, den Gang entlang, die Treppe hinabging. Im Hausflur klopfte er an die Loge des Schwagers. »Komm heraus, Nand'l, schleuntig!«

Das Mädchen stand bereits an seiner Seite. »Was ist's, Nön'l? wo ist der Franz?«

»Verloren für Dich! für uns! Gott sei ihm gnädig – komm!« Er zog sie mit sich fort.

»Wohin, Schwager? was willst draußen in der Nacht?« Der dicke Hausmeister wollte ihn halten.

»Wirst's erfahren, Jörgi, morgen! kann nit bleiben, um ganz Tirol nit!« Er war schon draußen, als sich der andere noch über das Plötzliche des Aufbruchs besann. Es beschäftigte ihn so sehr, daß er auch nicht die geisterhafte Gestalt mit den stieren Augen erkennen und festhalten konnte, die hinter jenem drein an ihm vorüber glitt.

Der Doktor hatte, als er von den Papieren hörte, nach der Brusttasche gegriffen und das Terzerol halb hervorgezogen, das er dort trug, aber die Gräfin hatte bereits ihre Ruhe wiedergewonnen und zog ihn zurück, sich erschöpft auf einen der Sessel werfend.

»Laßt ihn gehen! Ich weiß genug und habe hier einen Teil! es würde nur unnützen Lärm machen. Einen Augenblick, mich zu erholen, dann bin ich bei Ihnen, Herr! – Treibe die Leute in Deine Stube zurück, Marosch; wie kamen sie heraus? Und Sie, Ferdinand, gehen Sie einstweilen zu unseren Freunden in den Salon, damit diese nicht unruhig werden; wenn wir Sie brauchen, rufe ich Sie. Einstweilen hab' ich mit dem da zu sprechen!«

Ihr kalter, harter Blick faßte den jungen Studenten, der noch immer blaß, bebend, aber unverrückt auf seinem Platz am Eingang stand.

Der Doktor sah mit einem verächtlichen, zwinkernden Blick auf ihn, zuckte die Achseln und ging an ihm vorüber nach den Zimmern, in denen die Gesellschaft der sammelt war.

»Komm hierher! und Du, Amme,« sagte die Gräfin streng, »schließ' die Thür!«

Der Jüngling stand vor ihr, die Augen zu Boden geschlagen, die Farbe wechselte fliegend in seinem Gesicht.

»Wie konntest Du den Fremden in das Boudoir lassen, Amme? Du solltest Wache halten!«

»Ich that's, Goldkind! that ich's nicht? Fene egyemek! – hätt' ich mir eher die Hand abhackt meinigte, als Gräfin zu stören! War dieser hier – stieß mich mit Gewalt fort, wie ich weigerte Eingang, öffnete Thür diese!«

Die Gräfin heftete das funkelnde Auge auf den jungen Mann.

»Thatest Du das?«

Ein leises Ja kam über seine Lippen.

»Wer ist der alte Mann?«

»Der Großvater des Feldwebels Stockhammer.«

»Woher kennst Du ihn?«

»Er kam vorhin an bei seinem Schwager, dem Hausmeister, direkt von Tirol, mit einem jungen Mädchen, der Braut des Feldwebels. Er hatte schlimmes gehört von seinem Enkelsohn.«

Sein sich erhebender Blick begegnete dem spöttischen Lächeln der Gräfin und wurde an ihm fest und stark.

»Wie kam der alte Narr hier herauf – Du mußtest das Verbot wissen?«

»Er wollte den Feldwebel sprechen; der Hausmeister hatte ihm gesagt, daß er oben bei Ihnen sei, Frau Gräfin!«

»Und Du?«

»Ich führte ihn hierher!«

»Nimm Dich in acht, Matthias – Du bist ein Narr und wirst störrig! Das darf nicht sein! Du bist das Geschöpf meiner Laune und hast kein Recht, eifersüchtig zu sein!«

»Eifersüchtig? – ich bin nicht eifersüchtig!«

Die Gräfin machte große Augen. »Wie?! – Das hätte ich Dir vergeben können! Weshalb also führtest Du den Mann hierher? Antwort!«

»Es ist genug, wenn einer mit Leib und Seele verloren gegangen; vielleicht konnte er ihn noch retten!«

»Wurm! elender, erbärmlicher Wurm, den ich zertrete, wenn mir's beliebt!« Sie sprang empor und stand wie eine Furie vor dem Jüngling. »Wagst Du es, mir zu trotzen? Weißt Du nicht, daß Du mein Spielzeug bist, ein Sklave, gekauft, um ihn zu benutzen, nicht besser als das Kissen in meinem Bett, das niedrigste Gefäß? Daß meine Laune längst an Dir gesättigt ist und nur mein Mitleid Dich erhält?«

»Fluch diesem Zustand! ich ertrag' ihn nicht länger!«

»Hinaus mit Dir! Geh' jenem alten Thoren nach und sieh, wo er bleibt und was er treibt! Morgen red' ich weiter mit Dir!«

Der Jüngling rührte sich nicht von der Stelle.

»Nun?«

»Ich will kein Spion sein!«

»Ha! steht es so? – Undankbarer! hinaus mit Dir – noch in dieser Stunde, in diesem Augenblick verläßt Du mein Haus – diese Wohnung! Ich werf' Dich auf die Gasse, als den Bettler, der Du bist! Du sollst umkommen im Schmutz Deiner Geburt, im Elend Deiner Erbärmlichkeit! Hinaus mit Dir, schmutzige Slowaken-Natter, und wag' es nie wieder, diese Schwelle zu überschreiten!«

Der junge Mann faltete die Hände. »Gott möge mir vergeben und Ihnen, Herrin, was Sie an mir gethan. Ich wollt', ich könnte die Schmach zurücklassen, die mich zu Boden drückt, wie alles, was Sie mir gegeben! Aber ich will Ihnen nicht fluchen um des Bessern willen, das ich gelernt!«

Er wandte sich um und ging, ohne den Blick wieder auf die erzürnte Frau zu richten. Sie eilte ihm bis zur Schwelle des Boudoirs nach und schüttelte die Hand verächtlich hinter ihm. »Slowaken-Canaille! Sohn eines Hundes und einer Hündin! Fort mit Dir, und mögest Du verfaulen am Wege!«

Ihre Stimme war heiser geworden von der Wut, die sie fast erstickte. Sie faßte den Dolch und stieß ihn, diese Wut gleichsam an einem Gegenstand zu kühlen, zwei, dreimal in die weichen Polster.

Es schien ihr förmlich gut zu thun und das Herz zu erleichtern, dies Werk der Vernichtung; ein tiefes, heiseres Stöhnen, das fast wie ein Lachen klang, kam aus ihrer Brust. Dann heftete sie ihren Blick auf die Amme, die, jeden Zug ihres Charakters kennend, bei ihr geblieben war und sich bemühte, ihr Haar in Ordnung zu bringen.

»Du bist mir treu, Du allein, Maschka, ich weiß es!« sagte sie. »Überwache alle! wehe Dir, wenn auch Du mich täuschen würdest!«

»Goldkind, das Herz aus dem Leib meinigten ließ ich mir reißen. Du sollst ein ander junges Blut haben zu Deiner Lust, schöner als der Franz, den Du fortgejagt; bei den Heiligen!«

»Gut, gut! ich denke jetzt an andere Dinge. Warte hier, bis ich zurückkehre; ich habe noch Aufträge für Dich, und laß es den Männern in dem Zimmer nicht an Wein fehlen.«

Sie erhob sich, raffte die Papiere zusammen und warf einen flüchtigen Blick in den Wandspiegel. Ihre leichte und leichtfertige Toilette war vollendet, sie näherte sich der Seitenwand und drückte an einer verborgenen Feder; ein kleines dunkles Kabinett, nicht viel größer als ein Schrank öffnete sich; hinter der Rückwand her hörte man Stimmen im Gespräch – die Gräfin schloß die Tapetenthür und trat durch die gegenüber liegende in das anstoßende Gemach.

In dem roten Boudoir blieb die Amme allein zurück und setzte sich mit der Naschhaftigkeit des Alters zu den Erfrischungen, die von der Scene des Verrats und der Wollust auf dem Tisch zurückgeblieben waren.


Der Doktor war in die Gesellschaftszimmer getreten und wurde hier lebhaft von den Freunden und Vertrauten begrüßt; man sah leicht, daß er auf die Gemüter großen Einfluß hatte und die meisten derselben beherrschte.

Wie ein Wiesel gewandt, mit der Schlauheit der jüdischen Rasse, schlüpfte er durch die Gruppen und hatte für alle eine passende, die Aufregung noch mehr steigernde Bemerkung. Vor allem waren es die Männer aus den Vorstädten und die Mitglieder der Arbeiter-Vereine und demokratischen Klubs, denen er von der steigenden Aufregung in der Stadt, den Brutalitäten des Militärs und der Schwarzgelben und den Contre-Plänen der czechischen Partei erzählte.

In dem zweiten Zimmer begrüßte er Messenhauser, Fenneberg und die Mitglieder der Linken des Reichstags, die hier versammelt waren, auf das Vertrauteste. Der Tisch der Gräfin, an dem er Platz genommen, um sich an einem Glase Wein, den er mit Kennermiene prüfte, zu erfrischen, war bald von den Verbündeten umringt. Mit spöttischem Lachen erzählte er von seiner Verhaftung in der Gumpendorfer Schenke und der Art und Weise, wie er sich freigemacht. »Das Volk,« sagte er, »ist des besten Eifers voll, die Straßen sind überflutet, der Bau der Barrikaden ist angeordnet, die Grenadiere sind vorbereitet und werden bei der ersten Gelegenheit sich mit dem Volke vereinigen. Jede Minute kann der Kampf beginnen, sobald die Parolen verteilt sind und wir die nötigen Nachrichten haben. Die Gräfin ist eben daran, sie einzuziehen, und so lange müssen wir zusammen bleiben.«

»Sie sprachen bereits Ihro Gnaden?«

»Die Bürgerin Törkyeny? Ja, am Bahnhof, wo sie mich erwartete, um mich von dem Geschehenen zu unterrichten und die Nachrichten aus Pesth in Empfang zu nehmen!«

»Und wie lauten diese? wird man uns auch nicht im Stich lassen?«

»Ich bringe volle Bürgschaften. Die ganze Nation ist in Waffen, ein herrlicher Anblick! Die besten Männer stehen an der Spitze und werden auch hier nicht fehlen, sobald Wien nur gezeigt hat, daß es sich aus den Fesseln der Reaktion befreit. Der Verräter Jellacic ist in allen Gefechten geschlagen, man erwartet in den nächsten Tagen eine Hauptschlacht, deren Ausgang nicht zweifelhaft sein kann.«

»Und Recsey?«

»Er möge es nicht wagen, sich in Pesth blicken zu lassen, oder es wird ihm gehen wie Lamberg!«

»Ein Eljen für Kossuth und die wackeren Ungarn!« rief Fenneberg. »Wissen Sie Ausführliches, Doktor, über den Tod des Verräters, damit wir in Wien erfahren, wie wir's zu machen haben? Die Gerüchte lauten so verschieden.«

Ein grausames Lächeln zuckte um die Lippen des Legionärs. »Ich weiß es aus dem Munde der Beteiligten und sah es zum Teil mit eigenen Augen.«

»Erzähle, Bürger Lazare, erzähle!« Die Männer drängten sich um ihn.

»Sie kennen den Beschluß des Repräsentantenhauses, in der Nacht des 27. September gefaßt, den königlichen Kommissar, Grafen Lamberg, als ungesetzlich und ungültig anzusehen und jeden als Hochverräter zu hängen, der ferner den Befehlen des Kaisers Folge leisten würde. Am Morgen des 28. war der Beschluß an allen Ecken Pesths angeschlagen, versteht sich, in magyarischer Sprache!«

»In dieser allein?« fragte eine Stimme – »ich denke, es leben in Ofen-Pesth 70 000 Deutsche?«

Der Legionär lachte hell auf. »Dann mögen sie Ungarisch lernen, wenn sie in Ungarn leben! Die Aufregung war größer, als in den Märztagen, niemand dachte an Arbeit oder Geschäft, die Straßen wogten von Menschen. Die Magyaren schrieen, der Kommissär müsse gehängt werden, sobald er einträfe, und bearbeiteten das Volk. Parbleu! ich habe immer gehört, daß die ungarische Sprache reich an Verwünschungen und Schimpfworten ist, aber ich bekam Achtung vor dem Reichtum, als ich hörte, wie sie ihren sogenannten König damit haranguierten. Das gescheiteste, was sie schrieen, war: sie brauchten keinen, und wenn sie einen haben wollten, würden sie Kossuth dazu wählen! Eljen Kossuth, meine Herren!«

Die Verbündeten leerten die Gläser.

»Aber die Behörden – was thaten diese?«

»Bah! liebster Messenhauser, Sie können sich immer noch nicht genug von dem Zopf emanzipieren. Wer fragt in solchem Augenblick nach Behörden, zumal wo diese sogenannten Behörden selbst nichts Besseres wünschen, als dem Volk seinen Spaß nicht zu verderben! Die Freiheit war in vollem Gange, dazu goß die Nachricht, die eine Stafette gebracht, Öl ins Feuer, daß die Schlacht bei Stuhlweißenburg gegen die Kroaten seit drei Uhr morgens dauere, und um sieben Uhr schon der linke Flügel des Banus gänzlich vernichtet gewesen sei. Das Volk war wie außer sich auf den Straßen, ich habe nie eine solche Erregung der Massen gesehen, selbst in den Februar-Tagen in der Faubourg St. Antoine nicht. Hui! es ist eine prächtige Nation, diese Magyaren! glühende Frauen, glühender Wein, glühende Köpfe! Ich trinke auf sie im eigenen Gewächs!«

Er leerte das Glas; der schwere Wein veränderte seine Leichenblässe nicht im geringsten.

»Um ein Uhr,« fuhr der Legionär fort, »wollte ich nach dem Blocksberg gehen, man behauptete, daß man von dort den Donner der Kanonen hören könne. Als ich an die Wache der Donaubrücke kam, stürzten atemlos zwei wackere Magyaren herbei und verlangten einen Tambour zum Alarmschlagen; Lamberg sei in Ofen, riefen sie, man müsse ihn fangen und aufknüpfen. Es hieß, er sei im Generalkommando-Gebäude bei dem Feldmarschall-Leutnant Hrabowsky. Ich nahm dem Tambour der Brückenwache die Trommel ab und gab sie einem rußigen Burschen aus einer Schmiedewerkstätte. Er schlug darauf, als hätte er den Amboß vor sich, daß das Kalbfell zersprang; so zogen wir vor das Gebäude. Ein Wachtposten der Nationalgarde sagte aus, vor einer halben Stunde sei der königliche Kommissar angekommen und bei Hrabowsky abgestiegen. Jetzt wußten wir, daß wir ihn hatten; das freie Volk brüllte vor Vergnügen!«

Die gläsernen Augen des Erzählers nahmen ein seltsam unheimliches Leuchten an, während er fortfuhr. Keiner der Umstehenden unterbrach ihn mehr; er schenkte zweimal sein Glas voll und trank es leer.

»Eine Scene, wild wie der Teufel, begann. Mit lautem Geheul stürzte die Menge in das Gebäude; alle Thüren wurden erbrochen. Voran ein Sappeur der akademischen Legion, man sagte, es wäre ein Betyár aus den Theißsümpfen, dessen gewichtige Axt jedesmal auf den dritten oder vierten Hieb die festesten Thüren sprengte. Alle Räume wurden durchsucht, Fenster, Kisten, Schränke zertrümmert, noch fehlte das Wild.

»Dem Haufen, der nach dem ersten Stock drang, trat Hrabowsky entgegen, der Thor versuchte die Menge zu beruhigen. Ein Wiener Legionär rief ihm zu: ›Halt's Maul, Schwarzgelber, wir kennen Dich!‹ Man faßte ihn, sperrte ihn in ein Zimmer und stellte eine Wache davor. Die Schonung dankte er seinem Namen. ›Hussah, Lamberg!‹ gellte es durch das Gebäude, aber der Vogel war ausgeflogen, fort, entwischt durch eine Hinterthür, und er eilte nach Pesth, um sich unter den Schutz des Repräsentantenhauses zu stellen.

»Während die Scene auf der Festung spielte, rasselte die Alarmtrommel in beiden Städten, die Gewölbe wurden gesperrt, die Nationalgarde rückte aus, die Straßen wogten vom Volk, den Freiwilligen und den Bauern. Es war eine köstliche Jagd, die ganze Meute auf den einen Fuchs! Bald hieß es: die Festung sei von Lamberg abgesperrt, man wolle Pesth von Ofen aus bombardieren, oder der Banus sei vor den Schanzen und die Raizen in Ofen erschlügen die Schanzarbeiter. Kein wahres Wort daran! Der Dummkopf, der in blindem Glauben auf die Unverletzlichkeit eines königlichen Kommissars ohne Begleitung und Bedeckung nach Ofen gekommen war, hatte unterdes einen Fiaker gefunden und fuhr über die Schiffbrücke nach Pesth, den Schutz des österreichischen Gesetzes zu erreichen.

»Der Thor! Auf der Mitte der Brücke stand ein Haufe Nationalgarden und Sensenmänner, teuflisch wildes Volk darunter, auch einige von unseren Leuten. Ich sah den Fiaker kommen und witterte den Inhalt; ein paar Worte an die Menge genügten, man hielt den Fiaker an und einer schwang sich auf den Tritt. ›Wer sind Sie?‹ – Soll mir Gott helfen! der alte Bursche hatte Mut. ›Der königliche Kommissar Graf Lamberg!‹ lautete die mit fester Stimme gegebene Antwort. ›Dann fahre zur Hölle!‹ und ein Hieb spaltete seinen Schädel.«

Es war Totenstille im Gemach, als der Legionär die furchtbare That erzählte, und manches Gesicht der zum äußersten entschlossenen Männer wurde bleich dabei.

Der Doktor drehte sich eine Papier-Cigarre und rauchte sie an. Der Ausdruck seines Gesichts hatte etwas teuflisch Eisiges, Gleichgültiges.

»Wer war es, der den verhängnisvollen Schlag that?«

Der Erzähler betrachtete den Frager durch das Lorgnon. »Ah, Sie möchten es gern wissen, Herr von Borrosch? Nun, wenn ich recht berichtet bin, es war ein Legionär, ein Mann im grauen Paletot. Wenn Sie morgen einen grauen Rock sehen, gehen Sie hübsch beiseite, sollten Ihre Nerven zu schwach sein. Ich rate es Ihnen als Freund!«

Der kalte Spott des Juden schien allen die Last von der Brust zu nehmen. »Sei er, wer er wolle,« rief Fenneberg, »er war ein entschlossener Mann, und er zertrat der Natter den Kopf. Wie ging es weiter? war der Scherg der Tyrannei zur Stelle tot?«

»Bah! nicht doch! diese Aristokraten haben ein zähes Leben, und die Menge wollte auch ihren Anteil haben an dem Fest. Ich weiß nicht, ob Sie den Grafen Lamberg gekannt haben? Es war ein stattlicher Mann und Soldat, an die Sechzig, die Brust mit Orden bedeckt; er hatte einst wacker gegen die Franzosen gefochten, vielleicht an der Spitze derselben Ungarn, die jetzt wie die Wölfe über ihn herfielen. Das Geschrei und Toben war fürchterlich, mir gellen noch die Ohren, wenn ich daran denke. Blut überströmte sein Gesicht und sein grau werdendes Haar; man riß den Halbtoten aus dem Wagen und schleifte ihn über die Brücke, die Blutspur triefte bis in die Stadt hinein und lag breit auf den Steinen. Man durchstach ihn mit den Bajonetten, schnitt ihm Glieder mit den Sensen ab und schlitzte ihm den Leib auf, daß die Eingeweide herausquollen.«

Es schien sich bei der abscheulichen Beschreibung der Blutgeruch durch das Zimmer zu verbreiten und jene berauschende, betäubende Macht zu üben, welche die großen Menschenschlächtereien der Revolutionen und der Verbrechen zur Schmach alles Lebenden immer so seltsam zeigen. Der Legionär selbst schien mit einer gewissen Wollust in diesen Rausch von Blut und Entsetzen sich zu vertiefen, und sein fahles Gesicht zeigte leicht gerötete Flecken, die glanzlosen Augen funkelten.

»In der großen Bankgasse,« fuhr er heiser fort, »wurde der Leichnam des verhaßten Werkzeugs der Despotie von dem Volk in Empfang genommen. Man zerrte und riß ihn hin und her, seine ganze Kleidung wurde in Fetzen gerissen, man zerstampfte ihn mit den Füßen, spießte ihn auf die Bajonette und zeigte ihn dem Volk, das ihn zu sehen verlangte. Es war ein großartiger Anblick, diese Rache einer Nation!«

»Endlich kam man am Invalidenpalais an, dem Feinde die letzte Ehre anzuthun. Von Menschengestalt keine Spur mehr, die braven Bursche wußten kaum, wo sie den Strick anbringen sollten, ihn an dem nächsten Laternenpfahl aufzuhängen. Da kamen die empfindsamen Thoren von der Nationalgarde und nahmen dem Volk den Toten und brachten ihn ins Invalidenpalais. Während der Nacht ließ ihn Kossuth nach dem Rochus-Spital schaffen.«

Die Männer schwiegen und sahen sich bedeutsam an. Keiner wagte, dem innern Gedanken Raum zu geben, den doch ein jeder hatte.

Dann unterbrach eine helle, durchdringende Stimme die Stille.

»Möge jeder Verräter der Freiheit also enden! Ein Eljen der glorreichen Strafe!«

Es war die Gräfin, die mit in wilder Befriedigung funkelnden Augen, mit wogendem Busen unter der Thür stand und die Erzählung mit gierigem Ohr verschlungen hatte.

»Mit dem Blut Lambergs,« fuhr sie fort, »hat das freie Ungarn auf immer mit der Despotie der Habsburger gebrochen. Möge Wien das Beispiel nachahmen und durch eine kühne That die schwachen Geister zwingen!«

Viele Blicke begegneten sich, sie hatten einander verstanden.

»Wenige Augenblicke noch, meine Herren,« fuhr die Gräfin fort, »ich bitte, bleiben Sie zusammen, wir werden Ihnen alsbald wichtige Mitteilungen zu machen haben.«

Sie grüßte die Anwesenden mit bedeutungsvollem Lächeln und führte den Legionär mit sich fort über den Gang in das Zimmer, das an ihr Boudoir stieß.

Drei Männer saßen hier an dem großen runden Tisch. Ein Plan von Wien, eine Karte von Ungarn, Briefschaften und Listen lagen ausgebreitet auf dem Tisch, während auf einer Nebentafel die Reste einer Mahlzeit standen.

Um den großen Tisch saßen drei Personen, zunächst der Fremde, der sich vorhin mit dem Doktor Lazare auf den Hilferuf der Gräfin gezeigt hatte. Es war ein ernster Mann von etwa vierunddreißig bis fünfunddreißig Jahren, ein leichter polnischer Typus in seiner Physiognomie nicht zu verkennen, das Auge voll Gedanken und scharfer Beobachtung. Er trug die ungarische Nationaltracht, die ein auf dem Stuhl liegender Mantel auf seinem Wege vollkommen verhüllt haben konnte. Er sprach wenig, aber was er sagte, war von Gewicht, bestimmt und überdacht.

Es war der schon vor Beginn der ungarischen Erhebung als eine ihrer Hauptstützen bekannte Verfasser des Werks: »Aus dem Tagebuche eines in Großbritannien reisenden Ungarn,« der Unterstaats-Sekretär im Ministerium Batthyányi und Kossuths vertrauter Freund, jetzt der Vertreter und Leiter der ungarischen Interessen in Wien, Franz Pulszky.

Der Mann ihm gegenüber hatte ein unansehnliches und schwächliches Äußere, sein Gesicht war rötlich fahl, sein Gang, als er sich erhob und den Eintretenden entgegen ging, hatte etwas Trippelndes. Er war älter, als sein Gefährte, dreiundfünfzig Jahre, sah aber älter aus, als er war. Dennoch blitzte aus diesen lebhaften, rastlosen Augen ein überaus lebendiger und kühner Geist, lag in diesem schwächlichen Körper eine Thätigkeit und Energie, die selbst seinen Feinden Bewunderung abgezwungen. Er trug einen polnischen Schnürrock, dessen linke Brust das in der tapfern Verteidigung von Danzig erworbene Kreuz der alten Ehrenlegion schmückte.

Der dritte war der bekannte Agent und commis voyageur der Revolution, Dr. Carl Schütte, ein Westfale von Geburt, überall zu finden, wo es Lärm gab, und den Lärm durch seine Beweglichkeit und Geschwätzigkeit noch erhöhend, ein Störenfried mehr aus Passion als aus Courage, aber mit allen Häuptern der Propaganda in England, Frankreich und Deutschland vertraut und durch seine Rastlosigkeit ein unentbehrliches Möbel der Revolution. Seinem Wesen und seinem Charakter entsprach sein Äußeres, gut, gewandt, aber würdelos und ohne geistige Bedeutung, alles überwältigend durch eine überaus gewandte Suade und Dreistigkeit.

»Endlich, lieber Doktor,« sagte er, indem er dem Legionär die Hand schüttelte, »die Zeit rückt vor, und die Frau Gräfin hat eben so wichtige Mitteilungen gebracht, daß wir vor Begierde brennen, die letzten Maßregeln festzustellen. Was bringen Sie für Nachrichten aus Ungarn?«

»Die besten. Diese Depesche für Sie, Herr von Pulszkyi; die Gräfin hat am Bahnhof bereits das Kästchen mit dem Gold in Empfang genommen.«

»Es ist hier!« Der Ungar wies auf eine geöffnete Schatulle auf einem Stuhl neben ihm, die mit Goldrollen gefüllt war. »Die Wiener Revolution kostet uns ein schönes Stück Geld, ich brachte fünfmalhunderttausend Gulden mit, und hier befinden sich weitere zweimalhunderttausend.«

»Sie retten damit Ungarn; dafür ist die Summe wahrlich gering genug. Der Pöbel der Vorstädte und des demokratischen Klubs kann nur durch Geld in Bewegung gehalten werden. Da ich noch nicht weiß, welche Nachrichten Sie haben, liebe Martha, so bitte ich, mich davon zu unterrichten.«

Er nahm einen Stuhl, die Gräfin blieb am Tisch stehen, die Hand darauf gestützt.

»Der Verräter Latour hat Ordre erteilt, daß die Grenadiere eine Stunde später ausrücken sollen, um Auersperg Zeit zu geben, die Linie und den Bahnhof mit Truppen zu besetzen.«

»Das wäre fatal! Die Vorstadtgarden sind noch nicht an den Kampf gewöhnt und würden vor dem regulären Feuer sich davon machen! Der Fürst hat auf das Bestimmteste die Zurücknahme des Befehls zum Ausmarsche verweigert und erklärt, daß man ihn erzwingen werde. Die Aufregung in den Vorstädten ist groß, der Wille gut, aber dennoch fürchte ich …«

»Es wird darauf ankommen, wie die Grenadiere selbst sich verhalten,« sagte der Magyar.

»Wir sind ihrer sicher; ich habe Branntwein in die Kaserne schmuggeln lassen, da sie nicht mehr heraus dürfen. Unsere Agenten parlamentieren ganz offen an den Thoren und Fenstern mit den Soldaten. Sie haben sich verpflichtet, auf keinen Fall die Waffen gegen das Volk zu brauchen, und werden, sobald sie ernstlichen Widerstand finden, Halt machen und umkehren.«

»Die Schurken,« sagte der Pole, »wäre ich Auersperg, ich ließe sie morgen sämtlich füsilieren!«

Der Legionär lachte. »Desto besser, General, daß ein Mann von Ihrer Energie auf unserer Seite steht und nicht auf der unserer Gegner!«

»Aber die anderen Truppen?«

»Der Henker hole sie! sie sind fast durchgängig schwarzgelb bis in die Fußsohlen, und es ist nichts mit ihnen zu machen!«

»Dann, meine Herren, ist die Sache gefährlich. Mit sechs entschlossenen Regimentern und im Besitz der Artillerie jage ich ganz Wien fort.«

Die Worte des Helden von Ostrozka und der Praga-Brücke machten einen unverkennbaren Eindruck.

Nur die Gräfin blieb ruhig und fest und lächelte spöttisch über die Besorgnis der Männer.

»Wir werden es darauf ankommen lassen,« sagte sie ernst und bestimmt. »Wir müssen schlagen auf jeden Fall!«

»Und warum?«

»Weil sich nie eine solche Gelegenheit wiederfinden wird, und die Gefahr vor der Thür steht. Von den Truppen werden morgen nur fünf Bataillone verfügbar sein, die anderen haben die Gesellschaft in Schönbrunn zu bewachen. Die Grenadiere Richter sind für uns und warten nur auf den Vorwand, zum Volke überzugehen. Hier ist der Beweis, daß die zur Deckung des Ausmarsches bestimmten Truppen erst eine Stunde später auf dem Platz sein können.« Sie warf das Papier, das sie den Händen des Tirolers entrissen, und das die Richtung des Marsches enthielt, auf den Tisch. »Eine Stunde zu spät und es wird für alles zu spät sein. Die Arbeiter und die Garden der Vorstadt brennen vor Begier, die Reaktionäre von Wien zu vernichten. Die akademische Legion und das Volk genügen, um mit dem Militär am Bahnhof fertig zu werden. Dort in jenen Zimmern harren zwanzig Männer unsers Bescheids, um sofort den Kampf durch ganz Wien zu tragen. Unserer sind Hunderttausend gegen die wenigen Tyrannenknechte, und wer noch zögert, ist ein Verräter an der Sache der Freiheit, denn hier, Bürger Schütte bringt die Zustimmung von Frankfurt, und wenn Sie es denn wollen! – Auersperg hat die Ordre, morgen Nacht das Militär aus der Stadt zu ziehen und den Fürsten Windischgrätz zu erwarten, der binnen acht Tagen an unseren Linien stehen wird!«

»Windischgrätz? wie? der Henker von Prag, der Feind Ungarns?«

»Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, daß er den Befehl hat, von Norden her Wien zu zernieren, wie Jellacic von Süden und Osten.«

»Der Beweis! der Beweis!«

»Vor kaum einer Viertelstunde waren die Briefe Auerspergs und Latours in meinen Händen. Diese Ordre allein vermochte ich zurückzuhalten.«

»Verflucht! Jener Mann – der Greis in der Tirolertracht?«

»Er hat sie mir mit Gewalt abgenommen; es hätte eines Mordes bedurft!«

»Unsinn,« sagte der Ungar energisch. »Was heißt ein Menschenleben, wenn es galt, solche Beweise in Händen zu haben!«

»Ich sagte es,« grollte der Legionär. »Warum hielten Sie mich zurück?«

»Es mußte sein,« sagte die Gräfin kurz und entschieden. »Die That konnte nur unnützen Lärm erregen und zu wer weiß was führen. Wir haben, was wir bedürfen. Sind Sie jetzt damit einverstanden, meine Herren, daß der Kampf morgen beginne?«

General Bem, denn der kühne polnische Artillerie-General war es, der heimlich hier in Wien erschienen, reichte den Plan herüber, den er nach den Angaben der entwendeten Ordre gezeichnet. »An diesen Punkten sind die Barrikaden gegen den Ausmarsch der Grenadiere zu errichten; die roten Striche bezeichnen die Punkte, wo morgen die Stadtgarden anzugreifen, und die Militärposten zu isolieren sind!«

»Und Sie, General – nun?«

Er hatte sich vom Sessel erhoben und trippelte in seiner unschönen Manier nach dem Fenster, dessen Rouleaux er zur Seite schob. »Ich denke, ich werde hier in diesem Zimmer Gastfreundschaft genießen und am besten den Kampf dirigieren!«

»Dann fort zu Fenneberg und Messenhauser, damit die Befehle ausgegeben werden. Duwalski und Prato mögen sie überbringen.«

»Lassen Sie sehen! Wie stark ist die Legion?«

»Zehn Kompagnieen, also 1500 Mann.«

»Und die Garden der Vorstädte, auf die wir verlassen können?«

»Die sämtlichen Vorstadtgarden zählen 114 Kompagnieen, also über 11 000 Mann, Wieden und Mariahilf allein viertausend.«

»Die innere Stadt?«

»Mit dem Bürger-Regiment und den Schützen nicht mehr als viertausend, die Hälfte davon ist unzuverlässig.«

»Drei Garden auf einen Soldaten – ich denke, es wird gehen. »Lassen Sie die zuverlässigsten Garden nach dem Bahnhof und der Taborbrücke beordern,« diktierte der General, noch über den Plan gebeugt. »Einen Teil der Legion für den Notfall zur Unterstützung; es sind die Einzigen, auf die man sich verlassen kann. In der Stadt demnach zunächst das Rote Turm-Thor und der Dom. Wer bewacht den Dom und die Sturmglocken?«

Schütte überblickte die Rapporte. »Die Garden des Kärnthner Viertels.«

»Haben Sie ein zuverlässiges Bataillon unter den Wiedenern?«

»Das Mosersche.«

»Dann lassen Sie dies gegen den Stephansplatz marschieren. Aus einem Hause in der Nachbarschaft mag ein Schuß auf die Wiedener geschehen, das wird die Veranlassung zum Kampf geben. Die Kirche und der Turm müssen um jeden Preis genommen und von den Unseren besetzt werden, es ist so wichtig wie die Zeughäuser. Die ersten Kanonen, die Sie nehmen, müssen nach dem Roten Turm und dem Stephansplatz. Das Kriegsgebäude muß auf allen Seiten abgesperrt werden. Am Schottenthor muß um acht Uhr ein Bataillon der Vorstadtgarden die städtischen ablösen; wenn sie nicht weichen wollen, mit Gewalt. Sagen Sie es den Herren da drüben, damit sie ihre Anordnungen treffen. Die Rapporte hierher von allem, was vorfällt, erfolgen durch Ihre vertrauten Legionäre, sie sind zuverlässig und verschwiegen.«

»Aber warum wollen Sie nicht selbst mit den Herren verkehren, General?« fragte der Legionär, »man wird mit Begeisterung Ihr Oberkommando anerkennen!«

»Ich habe meine Gründe, weshalb ich erst auftreten will, wenn Wien sich selbst geholfen hat, und sein Widerstand organisiert ist. Kossuth selbst ist damit einverstanden, daß vorerst das Geheimnis meiner Anwesenheit bewahrt bleibt.«

»Der Gedanke eine unsichtbaren, im geheimen thätigen Oberleitung,« sagte der Unterstaats-Sekretär, »hat seine Vorteile und übt eine große Macht. Wir haben die Aula, die demokratischen Vereine, die Arbeiter, die Vorstadtgarden und den Reichsrat, hinter den sich die Furchtsamen verstecken mögen; der Ausgang kann nicht zweifelhaft sein.«

»Hier ist das Schreiben von Frankfurt, das ich heute erhielt,« berichtete der Agent der Nationalversammlung. »Sobald der Reichstag sich in Permanenz und gegen die Krone erklärt hat, wird die Linke zwei ihrer Mitglieder als Reichskommissarien absenden, um dadurch dem Akt den Stempel ihrer Zustimmung zu geben. Robert Blum und Fröbel sind bereits bestimmt dazu.«

Der Pole und der Magyar lächelten ziemlich verächtlich; die Versammlung in Frankfurt war ihnen eine große Nebensache.

»Es ist gut und notwendig,« fiel der Legionär ein, der die Meinung der beiden Häupter verstand. »Die Anwesenheit der Kommissäre der Nationalversammlung wird dem Volk eine gewisse Bürgschaft der Sicherheit geben und die Schwankenden fortreißen. Schaden kann ihre Anwesenheit nichts; ich kenne überdies die Personen, sie stehen zu uns.«

»Hier sind die zweitausend Dukaten zur Verteilung,« sagte der Magyar, die vier Rollen auf den Tisch legend, »und hier« – seine Brauen zogen sich finster zusammen – »ist die Liste der czechischen Partei und der Männer, deren Beseitigung die Freiheit Ungarns fordert.

»Löhner, Hubicki und die Linke sind bereits damit einverstanden,« sagte der Legionär, das Verzeichnis flüchtig überlaufend. »Sie hassen die Czechen wie die Pest. Sie versammeln sich gewöhnlich im Igels, wir werden die Häuser gegenüber dem Musikverein mit Schützen besetzen und jeden, der sich blicken läßt, niederschießen. Hawelka – Rieger – Klaudy – fort mit den czechischen Verrätern! Ha – die Minister! Wessenberg – was soll mit ihm? Wird seine Abdankung genügen?«

Der Ungar nickte.

»Ich denke ebenso Bach – er wird sich bei Zeiten zu salvieren wissen. Aber Latour?«

Die Augen der Gräfin und des Legionärs begegneten sich.

»Er ist unser bitterster Feind, der gefährlichste, aller Haß konzentriert sich auf ihn.«

»Er ist ein braver Soldat,« sagte der General, »und hat dem Tode oft ins Auge gesehen. Ich denke, wenn er abdankt –«

»Niemals! Er muß sterben, wie der andere Verräter in Pesth!« rief die Gräfin leidenschaftlich. »Überlassen Sie ihn dem Volk; es will, es muß sein Opfer haben. Sein Tod ist der Bruch mit dem Kaiser, Wien kann dann nicht mehr zurück!«

»Ich glaube, Sie hassen den Grafen persönlich, schöne Frau,« sagte der General mit scharfem Blick.

»Ich habe ein Recht dazu; warum sollte ich es verschweigen? Er, der von dem gerechten Zorn meines Volkes in Stücken durch die Straßen von Pesth geschleift wurde, er hat es gewagt, einer Ungarin aus dem edelsten Blut des Landes tödlichen Schimpf anzuthun. Bei dem Ball, den die Herzogin von Grammont in Paris gab, wagte er es, als ich ihn anredete, vor dem ganzen Adel Europas mir den Rücken zu kehren und eine laute, nichtswürdige Bemerkung über mich zu machen!«

»Ich habe davon gehört,« sagte der Unterstaats-Sekretär boshaft, »aber die Worte sind mir entfallen. Wie waren sie doch gleich?«

Die Gräfin warf ihm einen bitterbösen Blick zu, dann antwortete sie frech: »Der Schändliche sagte, er liebe es nicht, mit Weibern zu reden, die ihren Männern entlaufen, um Straßendirnen zu werden!«

»Das war allerdings stark,« meinte der General, »aber Sie können vergeben, das Geschick hat Sie furchtbar an dem Unglücklichen gerächt.«

»Ich bin gerächt!« sagte die Ungarin, einen hämischen Blick mit dem Legionär tauschend.

»Doch Latour – was hat der alte Mann gegen Sie verbrochen?«

Ihre Augen sprühten Feuer, ihre Hand preßte sich krampfhaft gegen die Brust. »Er ist schuld, daß ich bin, was ich bin, er ist der Busenfreund meines Gatten und meines Schwagers, er war es, der meine Jugend an das Jammerbild von Mann schmiedete, den schmutzigen Geizhals, dessen Namen ich trage. Er war es, der, als das junge Blut sein Recht verlangte, ihm Mut machte, sich von mir loszureißen und mich mit dem Jahrgeld einer Bettlerin abzufinden. Seinen Intriguen, seinem Einfluß an diesem Hofe danke ich es, daß man es wagte, mir mit Verachtung zu begegnen, daß meinen gerechten Ansprüchen an das Vermögen tausend Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Ich hasse ihn, hasse ihn ebenso, noch mehr wie den andern!« Ihr Anblick hatte etwas Furienhaftes, sodaß sich die beiden älteren Männer unwillkürlich abwandten.

»Wir haben nichts mit Ihren Privatangelegenheiten zu schaffen,« sagte der General barsch, »wir sind Kämpfer für die Freiheit eines Volkes, nicht Meuchelmörder!«

»Nehmen Sie sich in acht, Herr,« rief die Gräfin zornig, »wenn Beleidigungen der Dank sein sollen für alles, was ich gethan – – –«

Der Unterstaats-Sekretär winkte dem General und beruhigte sie mit dem Legionär.

»Bah, meine Herren! Einer mehr oder weniger,« sagte der deutsche Agent. »Herr von Latour mag zusehen, wie er seine Haut rettet. Warum über ihn streiten? Am besten, man macht es mit ihm, wie mit Auerswald und Lichnowski in Frankfurt und überläßt ihn der Volksjustiz!«

Der General warf ihm einen finstern, verächtlichen Blick zu, der den Schwätzer verstummen machte. Dann erhob er sich. »Ich denke, wir sind zu Ende. Jedes unnütz vergossene Blut mag der verantworten, der es vergießt. Der morgende Tag wird voll Anstrengung sein, und ich möchte noch einige Stunden ruhen.«

Auch Pulszky hatte den Mantel genommen und das geschlossene Kästchen mit dem Golde darunter verborgen, während der Doktor Lazare sich nach dem Salon begab, um die Dispositionen und Ratschläge der geheimen Leiter den einzelnen Führern der Bewegung mitzuteilen und die Vollziehung zu sichern.

»Auf Wiedersehen denn, meine Herren – als Sieger auf den Barrikaden von Wien, oder auf dem Weg nach dem Kufstein! Ruhen Sie, wenn Sie können; ich vermag es nicht, bis die Entscheidung gefallen ist.« Das trotzige, leidenschaftliche Weib verließ das Gemach und verschloß hinter sich die Thüren des Boudoirs, in dem die Amme eingeschlafen auf einem der Fauteuils ihrer wartete.

»Die Thoren! Vergeben! einen blutigen Schimpf! Sie sollen meinen Zwecken dienen, nicht ich den ihren,« murmelte sie. »Ich werde dafür sorgen, daß ihnen die Wahl erspart wird. Sollte je der Tag kommen wo sie es wagen, meine Absichten zu durchkreuzen – dann wehe ihnen!«

Sie steckte Geld zu sich und weckte die Amme. »Begleite mich,« befahl sie ihr. Beide stahlen sich über den Korridor, den die sich entfernenden Verschworenen füllten, und gingen nach dem Gang, der zum Seitengebäude führte, wo die Stube des ungarischen Dieners der Gräfin lag.

Rohes Gelächter, lose Reden, frecher, übermütiger Gesang schollen ihnen durch die Thür entgegen. Die Gräfin überzeugte sich, ob der Schlüssel auch von außen stecke, dann hieß sie die Amme an der Thür bleiben, um jede Störung zu hindern, und öffnete. Das Gemach war von Tabaksqualm und dem Dunst einer heißen Punschbowle erfüllt. Szabó, der Rekrut von dem Grenadier-Bataillon Richter, und drei Männer saßen trinkend und lärmend um den Tisch, erhoben sich aber beim Eintritt der Dame. Die drei waren verwegene, freche Gesichter aus der Hefe des Volks, den Mut des Verbrechers auf der Stirn, Tücke und Bosheit in den Augen.

Sie grüßten linkisch und verlegen und nahmen die qualmenden Pfeifen aus dem Mund.

»Bleibt auf Euren Plätzen, Freunde, und geniert Euch nicht,« sagte die Gräfin, und zog sich selbst einen Stuhl zum Tisch, »Lassen Sie mich das Gebräu probieren, und reichen Sie mir den Tabak dort.« Sie rollte sich eine Cigarre. »Mit wackeren Männern wie Ihr braucht man keine Umstände zu machen; Ihr seid aufrichtige Freunde der Freiheit, und zum Henker mit dem, der sich nicht eine Ehre daraus macht, mit solchen ein Glas zu trinken!«

»Desch isch wahr, die gnäd'ge Frau habensch Recht,« sagte der eine Kerl im böhmischen Dialekt; »i hab'sch immer gesagt, die Vornehmen müschen sich gemein machen mit unsch, dan isch erst die wahre Freiheit im Land.«

»Wie heißen Sie, Freund?«

»Franz Wengler, von Igß in Böhmen, Euer Gnaden,« berichtete der Kerl, »ä Schneider von Profeschion.«

»Die Profession würde besser gehen, wenn man nicht alle Militär-Arbeit dem Handwerk entzogen hätte. Für was haben wir die Freiheit? Aber Latour hat's dem Reichstag abgeschlagen.«

»Na, wenn i an ihn komm! Der Himmelhund soll an uns Schneider denken, denn i bin auch a Schneider!«

»Ihr Name?«

»Thomas Jurkowich, a Kroat, aus Peruchich.«

»Dann sind wir halbe Landsleute; die Kroaten halten zu den Ungarn. Der Banus und Latour haben sie nur verführt. Um so mehr müssen alle Kroaten, die in Wien leben, zeigen, daß sie wahre Patrioten und keine Verräter sind!«

»Das isch wahr!« stimmte der Kroat bei, indem er wüst auf den Tisch schlug; »hätt' i den Himmelhund, den Jellacic, hier, i wollt' ihn totschlagen, wie en räudigen Hund.«

»Ist's der eine nicht, ist's der andere; sie sind beide der Freiheit und der Nation gleich gefährlich, Kamerad. Und wie heißen Sie?«

Der dritte war ein noch junger Mensch, kaum zweiundzwanzig Jahre alt, aber mit den Spuren der Liederlichkeit auf dem Gesicht und wildem Fanatismus im Auge.

»I bin an Zimmermaler, Carl Brambosch aus Wien!«

»Also ein Künstler; Sie sind doch Mitglied des Künstlerkorps?«

Flammende Röte bedeckte das Gesicht des Mannes. »Nee, Euer Gnaden, es is noch z' viel Aristokratie dadrinn, sie wollten mich halt nit aufnehmen.«

»Das ist reaktionär! das darf nicht sein! ich werde dafür sorgen, daß Sie ausgenommen werden; Sie müssen nur durch eine wackere That Ihren Wert und Ihren Patriotismus beweisen!«

»Soll mich der Deuxerl holen, i will die Burg anstecken an allen Ecken, wenn's Euer Gnaden befehlen!«

»Die Gläser gefüllt, meine Wackeren, auf daß Wien morgen seine Freiheit gewinne, und alle, die es verdienen, den Tod eines Verräters sterben, der Spitzbube Latour, der uns an die Preußen verraten will, voran!«

Die Gläser klirrten. »Wir hängen ihn auf an die Latern', den Spitzbub'!« schrie der Böhme. »I renn' ihm den Sabel in den Ranzen!« stimmte der Kroat bei. Der Zimmermaler ballte die Faust und der Fanatismus eines blutigen Entschlusses blitzte aus seinen Augen.

Die Gräfin warf eine volle Goldbörse auf den Tisch. »Teilen Sie sich; Männer und Vaterlandsfreunde, wie Sie, dürfen nicht darben, wenn auch verräterische Minister dem Volke sein letztes Blut absaugen. In Ihrer Hand wird es morgen liegen, die wackeren Grenadiere von Richter, unsere Brüder, vor dem Verderben zu retten, dem sie entgegen geschickt werden. Wer mir die Nachricht von dem Tode Latours, des ärgsten Feindes der Freiheit, bringt, erhält diese Börse doppelt gefüllt!«

Die gierigen Augen des Kroaten und des böhmischen Schneiders funkelten; sie vermaßen sich in wüsten Schwüren, den Verräter zu erschlagen, wenn sie ihn nur erst kennen würden.

Die Gräfin wies auf den Slowaken, der mit untergeschlagenen Armen und spöttischem Lächeln der widrigen Scene beiwohnte und es verschmähte, mit zu teilen.

»Der da kennt ihn,« sagte sie mit erhobener Stimme, »und hat das Leben und die Ehre seiner Braut an ihm zu rächen. Er wird bei Euch sein, und ich werd' Euch den Führer senden, der Euch unterstützen wird. Achtet aus den grauen Rock und folgt seinen Befehlen. Ihr bleibt meine Gäste diese Nacht, und jetzt zur Ruhe, meine Braven, damit Ihr morgen kräftig und munter seid zur Verteidigung der Freiheit!«

Wieder klangen die Gläser und die wüsten Flüche, Verwünschungen und Beteuerungen. In ihrem Toben hörten sie nicht, wie die Ungarfrau die Thür hinter sich zuschloß und den Schlüssel mit sich nahm.

Nur zum Weg des feigen Mordes durfte sie sich ihnen wieder öffnen! –

Die Straßen wurden nicht leer in den vorgerückten Stunden der Nacht. Der Ruf: »Lichter an die Fenster!« die gellenden Zotenlieder der umherziehenden Rotten, das Rasseln der Waffen auf dem Steinpflaster schreckte die geängsteten Bürger aus den Betten und ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Neben dem wüsten Toben und Lärmen der Volkshaufen schien ein geheimes, wohl organisiertes Leben im Schutz der Nacht durch die große Stadt zu gehen. Legionäre, Gardisten und Klubmänner zogen frei oder in Mäntel gehüllt durch die Straßen, hielten Reden in den Gruppen, die sich um sie sammelten, oder verständigten einander mit kurzen Zeichen und Worten, teilten sich Nachrichten mit und eilten weiter.

Auf dem Stephansplatz und um das Kriegsgebäude und die beiden Zeughäuser waren diese Erscheinungen besonders bemerkbar, ein Wach- und Kontrollsystem schien hier organisiert; was hier nicht umherlungerte oder geschäftig war, drängte hinaus nach den westlichen Vorstädten, Lerchenfeld, Wieden, Mariahilf und Gumpendorf; das Schotten-Thor, das Burg-Thor und Kärnthner Thor blieben die ganze Nacht hindurch geöffnet.

Dort hinaus schritt, schon nach Mitternacht, auch der alte Tiroler mit seiner Enkeltochter.

Im nächsten Durchgang, der frei von Menschen und durch das Licht einer Laterne erhellt wurde, war der Greis nach seiner Flucht oder seinem Weggang aus dem Haus der Sünde und des Verrats stehen geblieben. Bis hierhin hatte er kein Wort mit dem Mädchen gesprochen, das ihn angsterfüllt mit Fragen bestürmt hatte. –

Er reichte ihr die Papiere, die er den Händen der Gräfin entrissen. »Lies, Nand'l, schau, was in den Schriften da enthalten ist, aber schnell, i hab' Eil'!« sagte der alte Mann.

»Um der Heiligen willen, Nön'l,« flehte das Mädchen, »sagt's mir zuvor, was mit dem Franz passiert ist. 's Herz in der Brust will mir halt z'rspringen vor lauter Besorgnis!«

»Häng's Herz an 'nen andern, Kind,« sagte der Alte finster, »'s ist halt nix mit dem Franz mehr, bist zu fein für den schlechten Tschoggl. Wirst's später erfahren zur Genüg', jetzt aber les' mir das Papier.«

Das Mädchen suchte kräftig die Thränen zu unterdrücken, die über die frischen Wangen rollten. »Ach Gott, ach Gott! i wollt', i könnt' mei Leben dervor setzen, daß der Franz nix Böses g'than.«

»Schweig'! nenn' den Namen nit mehr! mei Fluch über ihn, den Verräter! Kein Wort mehr, Nand'l, es gilt halt, gut zu machen, was der Bub' gethan hat, und i muß mich schleunen. Lies, Nand'l, lies!«

Die ersten Papiere, die er ihr reichte, waren die beiden von der Gräfin geöffneten Schreiben des Kriegsministers und des Grafen Auersperg an den Bonus. Der alte mit den politischen Intriguen und Vorgängen fast gänzlich unbekannte Mann verstand zwar das nicht, was ihm die Enkeltochter daraus verlas, aber er begriff doch, daß die Briefe von der höchsten Wichtigkeit für Schreiber und Empfänger sein mußten, und weder in seine noch der Gräfin Hände gehörten. Er verbarg sie sorgfältig in seinen Ledergürtel und gab dem Mädchen das andere Papier, es war der Befehl, den Abmarsch der Grenadiere um eine Stunde aufzuschieben. Das begriff der alte Mann; die Wichtigkeit solcher Befehle verstand er aus der Zeit noch, als er selbst gegen die Bayern und die Franzosen gefochten, und er sah ein, daß wenn die Ordre nicht rechtzeitig an ihre Bestimmung kam, viel Unheil geschehen konnte, denn rechts und links hatte er von nichts reden gehört als Richter-Grenadieren und ihrem Abmarsch nach Ungarn.

Der alte Mann kämpfte nur einen kurzen Kampf in seinem Innern; die treue Pflichterfüllung, der Kaiser gingen ihm über alles, selbst über das Leben des Enkels, dessen Verrat ihn für immer aus seinem Herzen gerissen. Kurz und finster hieß er das Mädchen, sich fest zu ihm zu halten, kehrte in das Gedräng der Straßen zurück und wandte sich nach dem Platz am Hof. Dort, in dem großen, mächtigen Gebäude mit den Schildwachen davor, wohnte der Herr und Meister aller Soldaten, der Kriegsminister, das wußte er noch aus einem frühern Besuch in Wien; der Franz selbst, den er jetzt anzuklagen ging, hatte es ihm vor acht Jahren gesagt, als er eingetreten war in des Kaisers Armee.

Aber die Eingänge des Kriegsgebäudes waren teils gänzlich geschlossen, teils mit verdoppelten Wachen besetzt, die niemandem den Eingang gestatteten, als der das Paßwort hatte oder die Uniform trug. Vergeblich versuchte der Tiroler mit Bitten und Drängen, sich den Eingang zu verschaffen, da er es doch nicht wagte, frei heraus zu sagen, um was es sich handele; denn oben aus der Ordre hatte das Wort »Geheim« gestanden und der alte Mann empfand, daß er den Schildwachen und den Menschengruppen, die sich um das Thor drängten, ein militärisches Geheimnis nicht preisgeben durfte. Aber wie er auch drängte und bat, die gekreuzten Bajonette der Strast'l Grenadiere verweigerten ihm den Eintritt, und die übermütige Menge drängte ihn hohnlachend und Unfug treibend zurück. Vergebens wartete er lange, ob er nicht einen höhern Offizier das Thor passieren sehe, dem er sich anvertrauen könnte, die Zeit verstrich und es war lange nach Mitternacht, als er einsah, daß sein Harren hier vergebens war. Von dem Mädchen hatte er erfahren, daß auf der Adresse der Ordre der Name des Majors Richter, des Kommandeurs der Grenadiere, stand, und er beschloß jetzt nach der Kaserne hinaus zu wandern und in des Majors eigene Hände die Briefe und die Ordres niederzulegen.

Er schlug dem Mädchen vor, sie irgendwo unterzubringen oder sie zu dem Oheim zurückzuführen, denn er selbst hatte sich gelobt, das Haus des Verrats nicht wieder zu betreten; aber das brave Dirnd'l weigerte sich standhaft, den alten Mann zu verlassen, und so zogen beide weiter mit der Menge, die hinaus nach den Vorstädten drängte. Tiroler Tracht war nichts Auffallendes in Wien, und wenn auch häufig einer oder der andere der wüsten Gesellschaft seine Späße mit dem Mädchen versuchte, sie achteten es nicht, und das finstere, drohende Aussehen des alten Mannes, dessen Kraft noch immer genügend schien, jeden mit einem Schlage zu Boden zu schmettern, scheuchte auch die Frechsten zurück.

Zu fragen brauchten sie nicht viel, der alte Mann scheute ohnehin, nur ein Wort zu sprechen, und blieb finster und in sich gekehrt, denn das Grenadier-Bataillon Richter war in aller Mund umher und nach der Gumpendorfer Vorstadt ging lärmend der Menschenstrom. So kamen sie, von ihm getragen, dahin.

Dort sah es wüst und wild genug aus. Lichter an allen Fenstern, der Pöbel hätte jedes sofort mit Steinen eingeworfen, das dunkel geblieben wäre. Beim Licht flammender Pechsackeln waren Männer in Blousen und Arbeitskitteln beschäftigt, das Pflaster aufzureißen und die Steine quer über den Weg zu häufen. Balken, Wagenräder, ganze ländliche Wagen sogar, alles, was nur zu haben und fortzuschleppen war, mußte helfen, Barrikaden zu bauen; es war förmlich wundersam, wie rasch sie an den Straßenecken in die Höhe wuchsen und wie fest und sicher sie schon waren. Dazu war es sichtlich, daß nach Ordnung und System gebaut wurde; Männer in der Aulatracht oder in ungarischer Kleidung gingen umher und erteilten Anweisungen über Ort und Art des Baues, gaben Geld und ließen Branntwein herbeischaffen.

Ein sachkundiges Auge konnte mit einem raschen Überblick sehen, daß es galt, etwa heranrückende Kavallerie und Artillerie aufzuhalten.

An diesen Stellen feierten der Fanatismus und die Gemeinheit ihre scheußlichsten Orgien. Der starre, trübe Blick des alten Mannes, nur beschäftigt mit der schrecklichen Pflicht, die er selbst sich auferlegt, sah wenig oder nichts von allem, was um ihn her vorging; aber das Auge des jungen unschuldigen Mädchens mußte sich mehr als einmal schamvoll von den zuchtlosen, bis zur viehischen Gemeinheit herabsinkenden Scenen abwenden, und ihr Ohr Worte und freche Scherze aufnehmen, wie sie trotz des derben, freien Naturlebens der heimatlichen Berge noch nie ihre Wange gefärbt hatten. Dennoch wich und wankte sie nicht von dem alten Mann, und ihre kräftigen Arme halfen ihm das Gedräng teilen und die Zudringlichen in Respekt halten. So gelang es ihnen wirklich nach langem Kampf, bis zur Kaserne der Grenadiere vorzudringen, aber hier war jede Mühe umsonst.

Eine dichte Menschenmauer umgab den Eingang. Die Gitter waren geschlossen, die Schildwachen in den innern Hof zurückgezogen, und die Offiziere hatten mit Gewalt die Soldaten vom Hofe weg nach ihren Stuben getrieben. Aber sie konnten selbst mit den strengsten Befehlen nicht verhindern, daß von den Fenstern herab ein unaufhörlicher Verkehr mit der umherwogenden Volksmenge stattfand. Man rief einander zu, man ermunterte die Soldaten zum Widerstand, versprach Hilfe und schaffte an Schnüren und Stricken Lebensmittel und Getränke hinauf.

Trotz seines eisernen Sinnes mußte der Tiroler doch bald erkennen, daß er jetzt hier ebenso wenig auszurichten vermochte, als am Kriegsgebäude, kein Offizier ließ sich blicken und die einzige Aussicht war, wenn am Morgen zur bestimmten Stunde die Kasernenthore zum Ausmarsch des Bataillons geöffnet würden, hineinzudringen und den Major zu erfragen.

Er beschloß deshalb, die paar Stunden bis zum Anbruch des Tages in der Nähe zuzubringen. Den alten Gemsjäger und Landschützen focht trotz des weißen Haares die Nacht im Freien wenig an, und das Mädchen war in ihren rauhen Bergen an Strapazen aller Art genug gewöhnt, um sie leicht zu ertragen.

Schweigend zog der Alte sie aus dem Gedräng fort und suchte einen Ort, der einsamer und stiller war, und wo die Kleine wenigstens einige Ruhe finden könne; er selbst dachte nicht daran, denn das alte Herz war ihm schwer, schwerer fast wie damals, als sein Weib und die einzige Tochter ihm gestorben waren. In einer Seitenstraße fanden sie eine der bereits am Abend vom Volke aufgebauten Barrikaden, die später von den Führern als für ihre Zwecke nutzlos erkannt und deshalb verlassen worden war. Eine einzige Laterne schwankte an einem Pfahl über dem halb wieder zerstörten Trümmer- und Balkenhaufen und warf ein spärliches, mattes Streiflicht darüber hin.

Hier, im dunkelsten Winkel, zwischen Steinen und Balken, lagerten sich der Alte und seine Enkelin. Sie sahen es nicht, wie ein in irrem Glanz leuchtendes Augenpaar an der nächsten Ecke ihnen folgte und fest und unverwandt auf ihnen haften blieb, wie eine hohe dunkle Gestalt sich an die Mauer drückte und regungslos stand, als wolle sie Wache halten über die beiden Fremdlinge.

Der alte Mann saß, den Arm auf das Knie, das sorgenschwere Haupt aus die Hand gestützt, auf einem Stein, und seine wirren Blicke starrten bewußtlos hinüber nach dem hellen Fackel- und Lichterschein auf der Hauptstraße, wie er durch die Seitenöffnung der Straße herüber drang. An seiner Seite ruhte das junge Mädchen, in ihres warmes Regentuch gehüllt, einen Stein zum Pfühl. Aber der Schlaf der Jugend ist süß und tief; die Ermüdung der Reise und der wirren Eindrücke hatte ihr Recht geltend gemacht – nur wenige Minuten waren vergangen, als ihr Haupt schon schwer auf das harte Kissen sank und der regelmäßige Atemzug gesunden Schlummers von den halb geöffneten frischen Lippen quoll.

Zwei Stunden mochte sie höchstens geschlafen haben, als sie von dem Klang redender Stimmen ganz in ihrer Nähe erwachte und sich emporrichten wollte.

Die Hand des alten Mannes legte sich schwer auf ihren Mund und drückte sie nieder, die andere zog das Regentuch dichter um ihr Gesicht.

»Still,« flüsterte seine Stimme, »schließ' die Augen, Dirnd'l und die Ohren, daß Du nicht hörst die Schand'!«

Helles, freches Gelächter klang von der andern Seite der Barrikade herüber: »Ein hartes Klosett, aber man behilft sich, wie es geht! Ebbadta! sträube Dich nicht, Mädchen, um meinetwillen, ich bin ein Weib wie Du und hol' mir meinen Liebhaber nach! Zum Teufel, die Liebe en gros an jeder Straßenecke hat mich selber warm gemacht, Ferdinand! und Sie müssen ein Übriges thun oder den ersten besten rufen!«

»Lassen Sie uns um der Narrheiten willen den Zweck nicht verlieren, Martha,« sagte eine Männerstimme mit leichtem orientalischen Accent in französischer Sprache, »die Dirne muß uns gehören mit Leib und Seele und außerdem ist sie hübsch genug! Franz'l heißt Du ja wohl, Herzchen,« fuhr er in deutscher Sprache fort, »wenn ich nicht falsch gehört.«

»E konträr! Eu'r Gnaden haben's recht g'hört – aber jetzt lassen's mi aus – i hab' a Furcht!«

»Vor was denn, Kind? Ich mein's gut mit Dir und Deinem Liebsten, dem Ignaz. Du dienst im Kriegsgebäude, wie er mir sagt?«

»Hat er geplauscht, der Dalk? Nu mein'twegen – i bin aber fortg'laufen am Mittag, wie's hieß, daß die Grenadiere marschieren sollten.«

»Du kennst den Kriegsminister, den Grafen Latour, von Person?«

»Schaun's, warum sollt' i nit? sehen's ja alle Tag'. Aber lassen's die Hand da weg, 's gefallt mir nit!«

»Närrchen, was schadet's Deinem Schatz! Hör' mir zu, Kind, Du wirst doch nicht die Spröde spielen wollen nach dem, was ich geseh'n! Du mußt heute Morgen noch ins Kriegsgebäude zurückkehren, denn hier könnte es leicht Kugeln geben, und da drinnen bist Du nützlicher am Platz!«

Die andere – am dämmernden Morgenschein zeichnete sich eine schlanke kleine Gestalt, als Mann gekleidet, im ungarischen Rock ab – gähnte ungeduldig. »Machen Sie ein Ende, Ferdinand, der Widerstand wird langweilig!«

»Der Latour ist es,« sagte der Legionär zwischen seinen frechen Verführungskünsten, »der Deinen Ignaz hinausschickt in den sicheren Tod! Wir werden's nicht leiden, ich hab' Dir's und ihm versprochen, aber Du mußt dazu helfen!«

Die Dirne stöhnte. »Lassen's mi geh'n, i bitt Sie schön! Wie soll a arm Mad'l wie ich helfen können!«

»Du mußt sogleich zurück ins Kriegsgebäude, Du gehörst dahin, die Wachen werden Dich ein- und auslassen während des ganzen Tags. Halt' Dich in den Gängen auf, hab' ein Augenmerk auf die Generale, und was sie thun, namentlich auf den Latour, und wo er bleibt; er darf nicht entwischen, wenn das Volk herbeikommt. Zum Teufel, Dirne, sei still! Wenn Du was Verdächtiges bemerkst, so bringst Du gleich nach dem Hause gegenüber Botschaft, das ich Dir bezeichnet hab', und fragst nach der Gräfin Törkyeny; dann bürg' ich Dir fürs Leben des Ignaz und Euer beider Glück! Still, sag' ich Dir, oder ich stopfe Dir den Mund!«

Das zitternde, schamdurchglühte Tirolermädchen hörte ein leichtes Ringen, das freche Gelächter der verkleideten Magyarenfrau, von der Straße kam es daher, ein tobender, lärmender Trupp, Männer und Weiber, der niederste Pöbel, Legionäre dazwischen, Männer im Kalpak, die Schnaps- und Weinflasche schwingend zwischen den blanken Waffen, Zotenlieder brüllend. »Hurra! laßt uns lagern! frühstücken wollen wir, ehe der Tanz losgeht!«

»Hierher, Kameraden! Es ist Platz genug für alle!«

Die Magyarenfrau schien sich ordentlich wohl zu fühlen in dem Strom von Gemeinheit, der sie auf den Ruf im Nu umgab. Arbeiter, Vorstadt-Garden von Wieden, Studenten und Barbiergesellen, alles bunt durcheinander, mit ihren Dirnen lagerte sich um sie her, jeder ein Lied singend nach Belieben, die Flasche schwingend. Einer bot sie der Gräfin, und sie setzte sie an die Lippen, und die feine, vornehme Dame sog das giftige, brennende Zeug. Die Weiber kreischten unter den unzüchtigen, handgreiflichen Scherzen und lachten, ein Chorus stimmte das »Laternenlied« an, zu dem man bereits eine Melodie gemacht, selbst der Jude wandte sich mit eklem Hohn von dieser Gemeinheit, er, der doch gewohnt war und Lust daran hatte, den Menschen bis in die tiefsten Höhlen seiner Erbärmlichkeit zu verfolgen und sich zu freuen an der Selbstentwürdigung dieses »Ebenbildes Gottes!« Er verließ mit dem weinenden Mädchen, seinem Opfer, am Arm, den Platz und ging nach der Hauptstraße zu.

Auf einer hohen Stelle der Barrikade, oben auf dem umgestülpten Wagen, zeichnete sich die Gestalt eines wüsten Kerls im Studentenrock vom Morgenhimmel ab. »Hurra für die Freiheit! Schaut's den Fratzen! Da lagert auch noch einer mit seinem Schatzerl. Heraus aus Deiner Eck', alter Schwed', und trink' mit uns aan's!«

Der alte Tiroler, als er sich so überrascht sah, erhob sich rasch, das zitternde, schamerfüllte Mädchen am Arm, und verließ den Schatten, um sie rasch mit sich vorwärts zu ziehen, die Gasse entlang; aber der vielfache Ruf: »A Tiroler! a Tiroler Sängerin! Sing' uns a Jodler, an Schnaderhupferl!« und das Herbeispringen mehrerer, die ihm lustig den Weg verrannten, hinderten ihn. Der Ruf hatte auch die Gräfin aufmerksam gemacht. Sie sprang zwischen den zwei Dirnen auf, mit denen sie in ihrer Manneskleidung geschäkert, und erkannte den alten Mann. »Er ist es! Ferdinand, wo zum Teufel steckt der Schurke? Haltet ihn fest, Leute, laßt ihn nicht fort, er ist ein schwarzgelber Spion!«

Der Ruf sammelte die Meute: »An Spion? a Schwarzgelber? Wo ist er? Der alte Dalk?« Das Volk lachte, die Hyänennatur in ihm war noch nicht geweckt.

»Soll mir Gott strafen,« lachte der Kerl, der sie entdeckt, »die Dirn' ist hübsch – die nehm' i schon!«

»'s ist dieselb', Sepperl, die Dir gestern Abend a Watschen gegeben hat!« lachte ein anderer.

»Schau's, jetzt soll sie's gut machen, die Schnupferin – i will halter mei Techtelmechtl mit ihr haben!«

Die Hand des alten Mannes schlug den Unverschämten, der das Mädchen umarmen wollte, zu Boden. Wie ein Sturmwind kam es durch den Haufen gebrochen, eine fremde Gestalt in der wohlbekannten Uniform von Richters Grenadieren, das Haar wirr, die Augen überwacht, gerötet, unheimlich funkelnd. Mit dem Säbelgriff schmetterte sie den zweiten zu Boden.

»Fort mit Enk! i halt' sie zurück!«

»Er hat mir Briefe gestohlen, nehmt sie ihm ab, Kameraden!« keuchte die Gräfin. »Ist denn kein Mann da, der sich an den Verrückten wagt? Baszom! der alte Schurke entkommt noch einmal!«

»Nicht dieser Kugel!« sagte kalt die Stimme Lazares, der in Begleitung eines andern Mannes eben hinzukam. Seine Hand hob fest das Terzerol und zielte bedächtig, aber der scharfe Hieb einer Reitpeitsche schmetterte sie zur Seite, und die Kugel verfehlte ihr Ziel und verwundete die Hand des Feldwebels, der drohend und breit hingepflanzt den Weg des alten Tirolers deckte.

»Schämen Sie sich, Herr, aus dem Hinterhalt auf einen alten Mann und ein Mädchen zu schießen, die niemand schaden können!« sagte eine scharfe Stimme.

Die Gräfin wandte sich nach dem Fremden, einem jungen hohen Mann von stolzem Ansehen, im Ungarrock. » Ebbadta! Cousin Stephan – wie kommen Sie hierher?«

Der junge Graf Batthiányi – denn dieser war es in der That – verneigte sich frostig. »Mein Oheim sandte mich mit einem Auftrag zu Pulszky. Ich kam gestern Abend an, und dieser Herr, den ich zufällig dort drüben traf, benachrichtigte mich, daß ich Sie hier finden könne, wie ich sehe, in einer Kleidung und Umgebung, die wenig zu Ihrem Namen und Ihrem Geschlecht paßt!«

»Spielen Sie nicht den Sittenrichter, Stephan,« sagte die Gräfin heftig, »Sie wissen gut genug, daß, was ich thue, für unser Vaterland geschieht. Haben Sie Aufträge an mich?«

»Nur einen Brief von Komteß Helene, meiner Braut! Wenn die Gräfin Törkyeny mir erlauben will, sie von hier fortzuführen, werde ich ihr denselben an einem schicklicheren Ort übergeben.«

Das Gesicht der Dame färbte sich dunkel. »Nicht jetzt – nicht jetzt – hören Sie nicht? man bläst drüben in der Kaserne die Reveille!«

»Wenn Sie es denn vorziehen, hier zu verweilen, hoffe ich Gelegenheit zu finden, im Laufe des Tages Ihnen meine Aufwartung in Ihrer Wohnung zu machen.«

Er verbeugte sich nochmals und wollte sich entfernen, aber der Doktor Lazare trat auf ihn zu und zeigte die Hand, deren weiße, sorgfältig gepflegte Haut durch eine dicke Schwiele entstellt war.

»Sie werden es nicht verschmähen, Herr Graf, sich bei mir wegen Ihrer Unvorsichtigkeit zu entschuldigen, die ich gern dem Zufall und Ihrem Eifer zuschreibe!«

Graf Stephan maß ihn kalt vom Scheitel bis zur Sohle.

»Sie irren, mein Herr!«

»Wie so?«

»Der Schlag wurde mit aller Absicht geführt!«

»Aber Sie werden sich entschuldigen – ein Wort –«

Der Graf sah ihn verächtlich an. »Ich entschuldige mich nie bei Meuchelmördern!«

»Herr Graf – –«

»Was beliebt?«

»Dann werden Sie mir Satisfaktion geben – –«

»Ich entschuldige mich nicht bei Meuchelmördern, aber ich schlage mich auch nie mit Kebsmännern!«

Der Legionär wurde fahl, die Pupillen seiner gläsernen Augen dehnten sich aus und funkelten so, daß selbst das herzlose, vor nichts zurückbebende Weib sich eines kalten Schauders nicht erwehren konnte.

Graf Stephan erwiderte diesen Blick tödlichen Hasses fest und geringschätzig, drehte sich kurz um und ging nach der Kaserne zu, wohin, durch die Signale gerufen, der Menschenstrom wogte und alles mit sich fortriß.

Der Jude stieß ein kurzes, heiseres Lachen aus, dann sank der gespannte Ausdruck seines Gesichts wieder zu der vorigen Schlaffheit herab. Er zog ein kleines Notizbuch aus seiner Brusttasche, öffnete es und schrieb einen Namen auf ein leeres Blatt nebst einem Datum. Die Gräfin sah ihm schweigend zu, sie begriff, was es bedeutete, und schüttelte leise den Kopf. Der Legionär schloß die Brieftasche und steckte sie wieder zu sich.

»Sie haben sehr hochmütige Verwandte, liebe Martha,« sagte er ruhig, »ich finde es jetzt selbst. Lassen Sie uns nun gehen, damit wir sehen, was beim Ausmarsch passiert, und es dem General berichten können!«

Er folgte mit ihr dem Grafen in der Richtung der Kaserne. Die militärischen Signale von dort hatten dem wüsten Haufen im Augenblick andere Gedanken, eine andere Richtung gegeben; kein Mensch dachte mehr daran, sich mit dem alten Tiroler und seiner Enkelin zu beschäftigen, die der Alte ruhig mit sich fortzog.

»Nön'l, Nön'l,« flehte das Mädchen, »hast's g'seh'n – war das nit der Franz? – so wahr die Mutter Gottes uns beisteh'n mag, er war's, obschon er so ruech ausschaut, wie a Dörcher!«

Der alte Mann schüttelte unwillig den Kopf. »Hast recht, war der Franz! Wird mir jetzt doppelt schwer, was ich thun muß, aber was muß sein, muß!«

Er befahl dem Mädchen, sich fest zu ihm zu halten, und wandte sich nach dem Gedräng, das zur Kaserne zog.

Schon gegen vier Uhr morgens hatten sich bewaffnete Nationalgarden, und zwar zwei Kompagnieen von Hundsturm und Wieden, auf dem Gumpendorfer Pfarrplatz versammelt, wo die Menschenmasse, fast durchgängig aus dem revolutionären Bezirk Wieden, fortwährend anwuchs. Unter Toben und Schreien verlangte man von dem Bezirkschef Braun, er solle auch Gumpendorf und Mariahilf alarmieren, um mit ihnen gemeinschaftlich den Abmarsch zu hindern. Der Bezirkschef Braun war ein ehrlicher Mann und guter Patriot, er weigerte sich, den Befehl zu geben, weil ein solches Eingreifen in die militärischen Befehle ganz wider Gesetz und Ordnung sei. Man beschimpfte ihn, schalt ihn einen Verräter an dem Volk, einen schwarzgelben Hund, den man niederstoßen sollte. Trotzdem sandte er zweimal den Befehl auf die Mariahilfer Hauptwache, durchaus nicht Alarm zu schlagen; aber auf das Geheiß der ungarischen Agenten und der Legionäre zogen die Tambours der Wiedener durch die Straßen und schlugen Alarm. Die Nationalgarde des Bezirks sammelte sich, vergebens versuchte Braun, ihnen das Schändliche, Ungesetzliche, klar zu machen, daß keine Regierung der Welt die Ordres ihres Militärs von dem Willen jedes Volkshaufens abhängig machen könnte, daß den Grenadieren helfen, sie in Meuterei unterstützen heiße: das Geschrei der Hetzer übertönte die Worte und Bitten des verständigen Mannes, von der Wieden, von Gumpendorf, Mariahilf, ja sogar vom Neubau kamen die Nationalen einzeln und rottenweise herangezogen und sperrten mit den Volksmassen die Gassen nächst der Gumpendorfer Kaserne ab.

Dem Befehl zum Abmarsch innerhalb der Kaserne hatte ein Teil der Grenadiere bereits offene Weigerung entgegengesetzt, sie zertrümmerten Geschirr und Möbel und rührten die Trommel zur Aufforderung für ihre Freunde draußen.

Dennoch verloren die Offiziere weder die Besonnenheit, noch die unter solchen Umständen so notwendige Energie, und es gelang ihnen, die Grenadiere zur Aufstellung zu bringen. Man öffnete die Kasernengitter und die Grenadiere von Heß-Infanterie voran, die als die zuverlässigsten und willigsten sich zeigten, marschierte das Bataillon, von dem Geschrei der Menge begrüßt, hinaus.

Dreimal durchbrach die Spitze der Kolonne die Haufen der Garden und des Pöbels, dreimal wurde sie wieder zurückgedrängt, wobei einige leichte Verwundungen vorkamen. Als die erste Abteilung des am Abend vorher zur Unterstützung beorderten Militärs, eine Schwadron Kürassiere des Regiments Mengen und Wrbna Chevauxlegers, auf den Platz rückten, war das Bataillon bereits eingekeilt in die Menge, und zwischen ihm und der Kaserne drängten sich die Garden und Volkshaufen.

Der Major ersuchte die Kavallerie-Offiziere, die aufständischen Kompagnieen der Grenadiere und den Train zwischen die Reiter zu nehmen und zu eskortieren. Die erste Sektion mit gefälltem Bajonett, drang man aufs neue vor, durchbrach die Menge und gelangte bis zur Mariahilfer Hauptstraße.

Hier sammelten sich die verschiedenen Bezirksgarden, die bisher in Haufen ohne eigentliches Kommando durcheinander gelaufen waren, und drängten sich zwischen die Kürassiere und die Grenadiere.

Jetzt erst gelang es dem alten Haspinger, sich bis zur Reihe der Soldaten vorzudrängen und in dieselbe einzutreten, denn mitten zwischen ihnen und Arm in Arm mit ihnen gingen Frauenzimmer, Arbeiter und Garden.

Der alte Haspinger drängte sich, immer seine Enkelin an der Hand, bis zu dem Offizier zu Pferde, der mit seinem Adjutanten hinter der Kompagnie der Heß-Grenadiere ritt, und legte die Hand an den Zügel.

»Halten's zu Gnaden, Herr, sein Sie der Kommandeur?«

»Ich bin der Major Richter,« sagte unwillig der Offizier, der eine neue Belästigung fürchtete, wie er sie schon zu Dutzenden hatte zurückweisen müssen. »Was wollt Ihr, Alter? ich habe keine Zeit, wie Ihr seh'n müßt! Vorwärts die Kompagnie, Kapitän!«

Der Tiroler schritt neben dem Pferde her. »Weiß das, Herr, war selbst Soldat – von den Landesschützen am Berge Isel!«

Der Offizier wandte sich etwas freundlicher zu ihm. »Dann seht Ihr selbst ein, mein Alter, daß hier weder Zeit noch Ort ist, Euch Rede zu stehen!«

»I will nix von Ihnen, Herr, wollt' nur bitten für den Franz, daß Sie's gnädig machen, so viel es geht! Wär' gern eher g'kommen, aber 's war ane pure Unmöglichkeit!« Er reichte ein Paket Papiere hinauf.

Der Major wollte sie erst zurückweisen, aber er erkannte das Dienstsiegel. »Was zum Teufel ist das? Heiliger Gott! eine Ordre von gestern Abend! Mann, wie kommt Ihr dazu? Ist die Ordonnanz ermordet, die sie zu überbringen hatte?«

»Schlimmer als das, Herr,« stammelte der alte Mann. »Der Franz ist halt a Verräter g'worden an seinem Kaiser – das Weibsbild hat's ihm rein angethan!«

Der Major hatte mit Erstaunen und Schrecken die Adressen und Unterschriften der erbrochenen Briefe gesehen. »Um Gotteswillen, was ist geschehen? sprecht ohne Rätsel – von wem redet Ihr?«

»Von meinem Enkelsohn, dem Franz Stockhammer, er ist Feldwebel im Bataillon – –«

»Ich kenne ihn wohl, er brachte gestern die Rapporte zum kommandierenden General und ins Kriegsgebäude. Er wird noch dort sein – was hat er mit diesen Ordres zu thun?«

»I glaub', sie waren ihm selber anvertraut …«

»Dann ist der Unglückliche tot, denn er war ein braver Soldat und kennt seine Pflicht, wenn er auch seit einiger Zeit ein seltsames Wesen hat.«

»Der Franz lebt –«

»So liegt er verwundet?« drängte der Major.

»Er ist halt nit verwundet,« keuchte der Alte, »er hat freiwillig die Briefe an die Ungarfrau g'geben; i hab' sie wieder g'nommen, daß der Kaiser nit zu Schaden kommen soll durch einen von des Haspingers Blut!«

»Schändlich! schändlich! Diesen Befehl zwei Stunden eher, und es wäre vielleicht Blut erspart worden. Die Sache muß untersucht werden, und wehe dem Verräter, wenn ihn Schuld trifft!« Er zeigte die Ordre seinem Adjutanten; die kurze Unterredung war gleichsam stoßweise während des Marsches geführt worden. »Es ist zu spät, umzukehren, aber die Truppen können mit uns zugleich am Bahnhof sein!« Er sah nach der Uhr. »Korporal Waldmann, nehmen Sie den Mann hier in Aufsicht, Sie bürgen für ihn. Vorwärts dort! fällt das Bajonett, wenn das Gesindel nicht Raum giebt!«

Der tausendstimmige Ruf: »Zum Bahnhof! zum Bahnhof! reißt die Schienen auf, daß sie nicht fort können!« erscholl in der Menge, und ein Teil derselben eilte auf Seitenwegen voran; so gelang es dem marschierenden und eskortierten Bataillon, das Glacis der innern Stadt zu erreichen, wo sie freiere Bewegung hatten.

Ein Stabsoffizier galoppierte auf schäumendem Pferde herbei. »Wo ist der Major Richter?«

»Hier, General!«

Der hohe Offizier parierte sein Pferd. »Wie können Sie gegen die Ordre es wagen, mit dem meuterischen Bataillon vor der bestimmten Zeit auszurücken, ehe die Truppen die Linie und den Bahnhof zu Ihrer Unterstützung besetzt?«

Der Major wies auf den Tiroler und die erbrochene Ordre. »Hier ist meine Rechtfertigung; vor fünf Minuten erhielt ich sie durch diesen Mann; es scheint eine bübische Verräterei mit den Depeschen des Ministers vorgegangen.«

»Das ist ein Unglück!« sagte der General Bredy, denn dieser war der angekommene Offizier, »was ist da zu thun. Aufenthalt oder Rückmarsch sind gleich gefährlich.«

»Vorwärts! vorwärts, mein General!« drängte der Major. »Wenn Sie das Kommando über die zum Beistand kommandierten Truppen haben, werde ich mich an die Spitze der Grenadiere stellen, und ich bürge dafür, daß die Division von Heß marschiert!«

Es wurden rasch einige militärische Anordnungen getroffen, während der Marsch vorwärts ging. Das Triumphgeschrei des Gesindels verkündete die eingetroffene Nachricht, daß der Bahnhof bereits von den Aufrührern besetzt sei. Von allen Seiten strömten Nationalgarden ohne Führer und ohne Kommando herbei und reihten sich in die Züge ein, um das Militär im Marschieren aufzuhalten oder wenigstens ihm den Marsch zu erschweren, bis die Garden stark genug wären, sich geradezu zu widersetzen. So ging es langsam fort bis zur Ferdinandsbrücke, wo ein neuer erfolgloser Versuch gemacht wurde, den Marsch zu verhindern.

In der Stadt und der Leopold-Vorstadt wurde unterdes Alarm geschlagen, um die dortige Nationalgarde zu den Waffen zu rufen. Studenten, Arbeiter, Gesindel und eidbrüchige Soldaten hatten unterdes mehrere Joche der Eisenbahnbrücke abgedeckt, die Balken zu einer Barrikade verwendet, das Liniengitter geschlossen. Die herbeieilenden Arbeiter der naheliegenden Fabriken und der Eisenbahn selbst waren besonders thätig dabei, der General befahl den Marsch nach der links ab liegenden Taborbrücke, um die Grenadiere von Florisdorf aus mit der Eisenbahn weiter zu befördern.

Das Bataillon gelangte zur ersten Taborbrücke, und Major Richter mit der Fahne und der Division von Heß überstieg die Barrikade und marschierte der zweiten Brücke zu. Die anderen vier Kompagnieen blieben auf der ersten Taborbrücke zurück, obschon es ihnen, wenn sie gewollt, ein leichtes gewesen wäre, der voranmarschierenden Abteilung zu folgen. Während das Volk die Unentschlossenheit des Generals Bredy benutzte, ihn zu umringen und durch stürmische Reden den Befehl zum Rückmarsch zu ertrotzen, kamen bereits einzelne Grenadiere von der Abteilung, die schon die Brücke passiert hatte, von dem jenseitigen Ufer über die Balken zurück und mengten sich unter das Volk und die Garden, die sie mit Jubel begrüßten und ihnen zutranken.

Hätte, was durch den Verlust der Ordre leider verhindert wurde, das Bataillon bei seiner Ankunft bereits den Bahnhof oder die Brücken mit genügenden militärischen Kräften besetzt gefunden, so würde es zweifelsohne weiter marschiert sein; selbst jetzt noch hätte eine entschlossene Haltung der Menge imponieren und den Abmarsch durchsetzen können. Statt sofort von dem jetzt zum Beistand anrückenden Militär, einem Bataillon von Nassau-Infanterie mit einigen Eskadrons Mengen-Kürassiere und Wrbna-Chevauxlegers nebst drei Kanonen, die Zugänge der Brücken besetzen zu lassen, begnügte sich der General, das von dem Volk verschlossene Gitter der Taborlinie sprengen und die Hindernisse forträumen zu lassen, die fortwährend mit umgestürzten Lastwagen, Balken und Planken dem Marsch in den Weg gelegt wurden. Während man zwei Kanonen vor der ersten Taborbrücke zurückließ und die dritte mit einer Militär-Abteilung auf der andern Seite aufstellte, ließ man es ruhig geschehen, daß die Arbeiter, Garden und Legionäre die Balken der zweiten Taborbrücke abtrugen, ja, während drei Legionäre, darunter der Vertraute der Gräfin, von der Tribüne eines umgestürzten Wagens herab mit wütenden, aufstachelnden Reden ungehindert die Menge haranguierten, ließ sich der General herbei, selbst an das Volk eine Rede zu halten und ihm begreiflich zu machen, daß es vergeblich sei, das Bataillon vom Marsch abhalten zu wollen, und daß es unbedingt den Befehlen seiner Oberen gehorchen müsse. Man wollte den General vom Pferde reißen und ihn mißhandeln, und statt energisch einzuschreiten, versprach er, sich noch einmal zum Kriegsministerium verfügen zu wollen, um dort neue Befehle einzuholen.

Während seiner Abwesenheit wurde die Haranguierung des Militärs fortgesetzt, die Festbleibenden verhöhnt, der Soldat erzitterte unter den Waffen in den Beleidigungen, die er geduldig ertragen mußte. Die Pioniere wollten die vollends abgetragenen Joche wiederherstellen, aber Nationalgarden, Bürger, Studenten, Arbeiter mit Spießen hinderten sie daran. Jenseits der Donau hörte man Sturm läuten.

Zwischen einem Haufen der Wildesten und Lautesten – Arbeitern aus den Fabriken – stand der Doktor Lazare; er trug über der Legionär-Uniform einen grauen Rock, einen Stutzen in der Hand. Sein scharfes Auge überflog den Weg zur Stadt, während sein Mund die Menge fortwährend mit giftigen Reden anreizte.

»Halt! dort kommt er, der Tyrannenknecht! seht Ihr den General? Glaubt Ihr wirklich, daß der schwarz-gelbe Verräter drinnen im Kriegsgebäude Euren rechtmäßigen Willen erfüllt hat? Nur mit Gewalt könnt Ihr Euer Recht behaupten. Der General dort gehört auch zu den Aristokraten, er war ein Anhänger Metternichs – ich selbst hab' ihn häufig nach der Villa gehen sehen!«

Unter Pfeifen und Gebrüll kam der General heran, wie jeder Offizier voraus gewußt, mit dem strengen Befehl des Kriegsministers, das Bataillon müsse marschieren. Um den jenseitigen Truppen die Ordre selbst zu bringen, stieg er vom Pferde und schritt über die Balken der Brücke; als er zurückkehrte, stürzte sich ein Rasender auf ihn und wollte ihn in die Donau werfen, ein zuspringender Rittmeister vom Kürassier-Regiment Mengen und der Platz-Offizier Neißer retteten ihn.

Lazare drückte dem zurückkehrenden Arbeiter, der von einem flachen Schlage des Pallasch taumelte, die Hand. »Du bist ein Braver, mein Lieber, und wolltest ein glänzendes Beispiel geben. Ich will Dir Gelegenheit zur Revanche verschaffen. Verstehst Du zu schießen?«

»I treff' das Schwarz in der Scheib'n, bin a g'lernter Büchsenmacher, s' haben's mich durch Kabale fortg'jagt aus der G'wehrfabrik!«

»Hier nimm den Stutzen, es wird gleich losgehen – nimm den General aufs Korn beim ersten Feuern. Ich bin etwas kurzsichtig, sonst thät' ich's selbst!«

Ein Mann, der vorüber eilte, hörte die Worte und warf ihm einen spöttischen Blick zu. Es war der junge Graf Batthiányi, gefolgt von zwei Landsleuten. Einer seiner Begleiter schwang einen Brief in der Hand. »Depeschen aus Ungarn, Männer von Wien! die Kroaten sind geschlagen, der Jellacic gefangen! Laßt die armen Grenadiere nicht gegen die Ungarn marschieren, oder sie sind verloren!«

Das Volk schrie, daß die zur zweiten Taborbrücke vorausmarschierte Abteilung zurückgeholt werden müsse, die Kompagnieen am rechten Ufer weigerten sich jetzt bestimmt, weiter zu marschieren; aber von einem letzten Funken militärischer Ehre beseelt, wollten sie auch nicht zurückkehren ohne ihre Fahne, die sich bei der andern Abteilung mit dem Major befand. Er weigerte lange die Rückkehr, selbst als der General ihn dazu auffordern ließ.

Die Legionäre, etwa zweihundert Mann stark, und die Vorstadt-Garden hatten jetzt den Eisenbahndamm besetzt und sperrten auch den Weg zum Bahnhof. Die Zahl der Garden und Legionäre betrug mindestens dreitausend, die des Militärs zweitausend Mann, einschließlich der meuterischen Grenadiere. Es war unmöglich, über die zerstörten Brücken zu marschieren, und die Generale Bredy und Frank beschlossen endlich, es war bereits zehn Uhr, zurückzukehren. Die Kunde des Befehls weckte ein lautes Triumphgeschrei der Menge, das aber bald wieder zu gellendem Hohn und zu Schmähungen wurde, als die Magyaren und demokratischen Agenten ihr vorhielten, daß dies nur ein Fallstrick sei, um das Bataillon zu einem andern Thor hinauszuführen, daß das Militär mit den schwarzgelben Stadtgarden einverstanden sei, und daß es die inneren Thore sperren und von den Wällen herab die Vorstädte beschießen würde. Der Tumult schwoll mit jedem Moment und brandete in wütendem Andrang gegen die Mauer der Soldaten an, die, Gewehr am Fuß, mit knirschenden Zähnen sich widerstandslos alle Beschimpfungen gefallen lassen mußten.

In diesem Augenblick schwenkte Graf Stephan sein Tuch und mehrere der ungarischen Agenten und Legionäre und eine Pöbelrotte stürzten auf die Kanonen und Pulverkarren und schleppten einen der letzteren fort. Als sie bereits die Kanone gefaßt und sie im Triumph fortziehen wollten, hob der General Bredy den Degen und kommandierte: »Feuer!« Es war selbst sein letztes Wort. Die Nassau-Infanterie gab eine Decharge, und Tote und Verwundete bedeckten den Platz; unter der Gegen-Decharge der Legionäre fiel der General vom Pferde, eine Kugel hatte ihn von rückwärts durch den Kopf getroffen, eine andere in die Seite. Alles floh mit Geschrei, und ein wildes Plänklerfeuer eröffnete sich auf der ganzen Reihe, hinter dem Damm, und von demselben geschützt unterhielt die akademische Legion ein wütendes Feuer auf das Militär; das Volk hatte sich der beiden Kanonen bemächtigt, ein ehemaliger, entlassener Offizier richtete sie und feuerte die eine mittels eines Zündfidibus gegen die Reihen seiner früheren Kameraden.

Vergeblich versuchte die Infanterie, den Damm zu stürmen; vom linken Donau-Ufer her über die beiden Brücken stürmten die Vorstadtgarden und die meuterischen Grenadiere dem diensttreuen Militär in den Rücken. Der Oberst-Leutnant Klein, der nach dem gefallenen General das Kommando übernommen, hatte das gleiche Schicksal wie dieser und fiel, von Kugeln durchbohrt; auf der ganzen Dammstrecke plänkelte das Feuer, und der Platz war mit Leichen und Verwundeten bedeckt; die dritte Kanone wurde von den Arbeitern in die Donau gestürzt, über eine halbe Stunde dauerte das Feuer, das Militär wich Schritt vor Schritt der Übermacht!

Er hatte sich bei Zeiten in Sicherheit gebracht, der Legionär in dem hellgrauen Rock! Jetzt fuhr er im Carriere im Fiaker durch die Jägerzeile und Bischofsgasse, mit der Hand eine Kanonenkugel herauszeigend, unter dem Ruf: »Volk von Wien! die Söldner der Tyrannei schießen Deine Brüder mit Kanonen nieder! Akademische Legion, zu den Waffen!«

Wrbna-Chevauxlegers trabten über den Karmeliterplatz vom Tabor her der Stadt zu, Oberst-Leutnant Abel voran, die am Platz aufgestellten Garden weigerten ihnen den Durchgang.

Rechts ab schwenkte das Detachement wieder dem Tabor zu, sich durchzuhauen zur Schwadron, da knallten die verräterischen Schüsse und der Offizier stürzte vom Pferde, sechs Mann außer ihm, an der Bären-Apotheke schossen sie auf den fliehenden Rest. –

Mit hastigen Schritten maß die Gräfin das große Zimmer, das hinaus nach dem Platz sah. Die Spuren der durchwachten Nacht, der zügellosen Aufregung lagen in den dunklen Augenringen. Sie trug wieder die Kleidung ihres Geschlechts, aber in der Schärpe, die den dolmanartigen Überwurf mit ihren drei Ungarfarben umschloß, steckten Pistolen – dort am geöffneten Fenster lehnte das Doppelgewehr.

»Noch immer keine Nachricht, General, und sie müssen doch aneinander sein! Ebbadta – wie können Sie nur so ruhig bleiben? Horch! war das nicht Kanonendonner? dieser verdammte Lärm auf den Straßen läßt einen das eigene Wort nicht hören!«

Der Pole auf dem Diwan wandte kaum den Kopf nach der Ungeduldigen und las ruhig das Journal weiter, das er in der Hand hielt. »Sie taugen nicht zum Befehlshaber, meine Gnädige – auch der Krieger muß geduldig die Zeit erwarten. Sierakowski brachte uns ja eben erst die Nachricht, daß Latour festgeblieben und Bredy befohlen hat, ein Ende zu machen!«

»O, über diese Männer! Nichts kann sie zur Thatkraft anspornen. Bedenken Sie, daß die Verräter am Schottenthor den Pionieren den Einlaß in die Stadt gewährt haben und diese jetzt im Kriegsgebäude sind!«

Der General lächelte spöttisch. »Latour ist doch ein Narr; ich hätte ihn für klüger gehalten! Nicht drei Kompagnieen, sondern alles disponible Militär! Was ist's?«

Ein Legionär, staub- und blutbedeckt, hatte die Thür aufgerissen und war ohne weiteres eingetreten. »Die Gräfin Törkyeny?«

Der General war ihm selbst entgegen getreten. »Reden Sie, Herr, ich gehöre hierher!«

»Doktor Lazare sendet mich, das Militär hat den Kampf begonnen, und das Volk die Kanonen genommen, Bredy ist gefallen. Man schlägt sich von der Taborbrücke bis zum Bahnhof.«

Der alte Soldat atmete hoch auf; seine Brust schien sich zu weiten, seine kleine Gestalt größer zu werden bei der Nachricht von dem begonnenen Kampf.

»So ist's recht! Wo ist der Doktor?«

»Er folgt mir sogleich!«

Von dem Platz herauf hörte man die Alarmtrommel der Nationalgarde – an den Ecken bliesen die Hörner.

»Jetzt ist es Zeit, die Kanonen zu erzwingen. Wissen Sie, wo Ihr Kommandant Aigner sich befindet?«

»In der Aula!«

»Wahrscheinlich. Eilen Sie rasch zu ihm und sagen Sie ihm, er solle die Herausgabe der Kanonen aus dem bürgerlichen Zeughause erzwingen und sie nach der Bastei und dem Roten Turmthor dirigieren.«

Der Legionär sah fragend auf die Gräfin.

»Gehen Sie, gehen Sie; es ist alles in Ordnung!« Sie schob ihn zur Thür hinaus.

»Es ist Zeit, daß ich mich zurückziehe,« sagte der General. »Jene Portière wird mich genügend verdecken; empfangen Sie die Rapporte in ihrer Nähe – antworten werde ich selbst.«

Er ließ den Vorhang niederfallen, der das Klosett abschloß, in das er sich zurückzog. Fenneberg und der Abgeordnete Löhner stürzten in das Gemach. »Hurra! sie sind aneinander, der Tanz hat begonnen!«

Die Gräfin preßte die Hände wiederholt ineinander, ihre Augen funkelten. »Haben Sie zuverlässige Leute auf dem Turm?«

»Seit fünf Stunden! Diese Bürgerwachen müssen geschlafen haben oder blinde Maulwürfe sein. Hören Sie!«

In langen, dröhnenden Schwingungen kam der Klang der Riesenglocke von dem St. Stephan herunter – der Eindruck des mächtigen Sturmgeläutes war selbst auf die Verschworenen erschütternd, wie viel mehr auf die Bevölkerung, die sich auf den Platz drängte.

»Sturm! Sturm!« heulte der eherne Mund, »Sturm! Sturm!« heulte die Menge, wie von Furien gejagt, durch die Straßen.

Im rasenden Galopp flog ein Fiaker daher und hielt vor dem Hause, das keuchende Pferd stürzte zusammen, aus dem Schlage sprang der Doktor und ließ weithin auf das Pflaster die Kugel unter die Menge rollen, die ihm bereits geholfen, die Straßen zu alarmieren. »Hier habt Ihr das Brot, das die Camarilla in Schönbrunn dem hungernden Volke sendet!« Er flog die Treppe hinauf in den Salon. »Es geht alles vortrefflich, Martha; Ihr Cousin Stephan – Gott verdamme den stolzen Hund! – schlägt sich wie ein Löwe!«

Über den Platz daher rasselte der regelmäßige Tritt einer Abteilung, alle eilten an die von den Rouleaux verhüllten Fenster und lauschten hinaus, es war eine Kompagnie der Nationalgarden des Kärnthner Viertels, die zum Sammelplatz am Stephan marschierte.

Streffleur, der den Roten längst verhaßte stellvertretende Ober-Kommandant der Nationalgarden, hatte schon seit längerer Zeit die Anordnung getroffen, daß bei einer allgemeinen Alarmierung der Stadt die Stadtgarden sofort gewisse wichtige Punkte, worunter das bürgerliche Zeughaus und der Stephansturm, besetzen sollten, um das Sturmläuten zu verhüten. Obschon dies sofort geschehen war, kam die Bewachung, wie wir gesehen, doch zu spät, der Verrat übte bereits oben sein Werk, und die Läuter der Glocken verteidigten mit dem Bajonett oben den Aufgang, während die Kompagnie Kärnthner Garden unten den Turm und die Kirche besetzte, und der Pöbel heulend und pfeifend sie umgab.

Lazare und Fenneberg wechselten einen Blick.

»Ist Moser bereit?«

»Er wartet mit seinem Bataillon!«

»Dann fort! es ist keine Zeit zu verlieren. Der Mann ist an seinem Posten, ich bürge für ihn!«

Fenneberg erteilte einem der fünf oder sechs Legionäre, die im Vorzimmer saßen, einen Befehl; man sah gleich darauf den jungen Mann über den Platz eilen in der Richtung des Holzmarktes.

»Und nun – wie ist's mit den Zeughäusern?«

»Sobald der Kampf hier im Gange ist, werde ich auf meinem Posten sein! sagte Fenneberg.

Vom Schottenthor her kam die Nachricht, daß die Nationalgarden der Vorstädte, sechs Kompagnieen stark, die Bastei besetzt und die Stadtgarden des Schottenviertels von dem Posten am Thor vertrieben hätten, weil diese die Pioniere in die Stadt gelassen.

Die Proklamation, die unterdes der im Kriegsgebäude versammelte Ministerrat infolge des Zusammenstoßes an der Taborbrücke erlassen, hatte nicht die geringste Beachtung gefunden. Die Nationalgarden, die Arbeiter und Legionäre, die sich dort geschlagen, marschierten jubelnd in die Stadt, in ihrer Mitte viele von den eidbrüchigen Grenadieren und die zwei eroberten Kanonen, auf denen verwundete Studenten lagen. Einer der Grenadiere trug den Generalshut Bredys auf der Spitze seines Bajonetts. Ein ungeheurer Volksjubel begrüßte die Einziehenden, die alsbald die Stadtmauer besetzten und die Thore schlossen. Dem rückkehrenden Bataillon Nassau wurde der Eintritt in die Stadt geweigert.

In den Straßen wogten dichte Volksmassen. Die vierte Kompagnie der Kärnthner Garden aus der bessern Bürgerschaft, verhaßt dem Pöbel und den Wühlern, die hier keine Elemente fanden, hatte Posto am Stephansturm, als das zweite Bataillon der Wiedener Garden unter seinem Kommandeur Moser anrückte, begleitet von dem jubilierenden Pöbel, der stürmisch den Abzug der Stadtgarden verlangte.

Die Wiedener machten etwa fünfzig Schritt von dem Dom Halt, und ihr Bataillonschef trat vor und forderte von dem Oberst-Leutnant Ackermann, daß die Kärnthner den Posten räumen sollten. Seine Blicke suchten an den Fenstern der umliegenden Häuser, als erwarte er von dort Beistand. Und dieser Beistand kam – die Rollen waren wohl verteilt. Der brave Kärnthner weigerte sich, aber er hatte noch nicht ausgesprochen, als aus einem Parterrefenster seiner Häuserseite ein Schuß knallte und einer der Nationalgarden zusammenstürzte. Ein gellendes Mordio ging über den Platz, der Ruf: »Verrat! die Schwarzgelben schießen auf das Volk und die Vorstädter!« Die Wiedener lösten sich in Plänklergruppen auf, es war, als ob die Hilfe, die Anweisung ihnen aus der Erde zu wachsen schien, denn im Nu sah man Fremde in Garden- oder Legionär-Uniform unter ihnen, und das Gewehrfeuer knatterte gegen die ehrlichen Wächter des Turmes, während von droben immer lauter die Sturmglocke heulte.

Pulverdampf füllte den Platz, an den Fenstern ringsum wurde es lebendig, und brach das Feuer gegen die unglücklichen Stadtgarden los, die, anfangs bestürzt und unthätig, sich jetzt zu wehren begannen.

Trotz ihres Widerstandes wurden die ohnehin in der Minderheit anwesenden Kärnthner zurückgedrängt und flüchteten in die Kirche, aber die Kirchenthür wurde von den Wiedenern und dem Pöbel eingeschlagen, in den breiten Gängen des Doms, vor den Altären, im Chor, auf den Stufen des Hauptaltars schlug man sich und mordete die Bürger. Die Schildwache, die am Eingang des Turmes in ihrem Schilderhaus stand, war gleich zu Anfang des Kampfes von Bajonettstichen durchbohrt worden; der zusammenstürzende Leichnam deckte glücklich den Mann, der hinter ihm sich verborgen hatte.

Thaten kannibalischer Wut wurden in dem Hause, das dem Gott der Milde und Barmherzigkeit geweiht war, verübt. Der Oberst-Leutnant Ackermann fiel schwer verwundet, der zweite Offizier, Leutnant Dr. Drechler, stürzte zu Boden; auf dem Steinpflaster, auf den Bänken floß das Blut in Strömen, lagen die Verwundeten und Leichen. In den Kapellen schlug sich der Rest der Kärnthner mit dem Mut der Verzweiflung.

Einer der Rasenden aus der Pöbelrotte rühmte sich selbst der Heldenthat, wie er den »schwarzgelben Schuft,« den Hauptmann der Kärnthner Garden, unter dem Hochaltar erspäht, wie er ihn mit der linken Hand bei den Haaren hervorgezogen, sofort an geweihter Stätte ihm mit dem Kolben den Kopf eingeschlagen und sodann dem noch Lebenden die Schädelhaut bis zum Kinn heruntergezogen hatte. »Da zappelte er, und das war eine Wollust für mich!«

Aus dem Kampf am Stephansplatz und am Dom wurden allein in das Spital der barmherzigen Brüder in der Leopoldstadt fünfzehn Tote und fünfundneunzig meist tödlich Verwundete gebracht!

Unterdes hatte sich auch an anderen Stellen der Kampf entspannen – aus dem Haus am Hof flogen die Adjutanten der Revolution nach allen Seiten.

Die drei Kompagnieen Pioniere, die das Schottenthor kurz vorher glücklich passiert, hatten zunächst den Platz am Hof, dann den Graben und den Stock-im-Eisenplatz besetzt, jenes alte Wahrzeichen Wiens.

Von einer andern Seite rückten Eisenbahnarbeiter mit langen eisernen Spießen heran, das Militär begann zu tiraillieren, denn die Pioniere am Stock wurden vom Volk und den Garden, durch die Agenten der Umsturzpartei angespornt, auf das Schändlichste insultiert. Das Signal des Kampfes wurde gegeben, und von Fenstern und Dächern, aus den Seitenstraßen und zu den Kellerlöchern heraus begann das Feuer gegen die unglücklichen Soldaten, die, da sie den strengen und thörichten Befehl hatten, ihre wütenden Gegner zu schonen – nach dem Hof zurückgedrängt wurden. Die am Graben aufgefahrenen Geschütze wurden ununterbrochen abgefeuert; aber in jener unglücklichen Halbheit, die Blut schonen will, um ein Blutbad daraus zu machen, wurde mit den Kartätschen hoch geschossen. Dennoch fegten die Kugeln den Platz, aber sie drangen zu Hunderten mit furchtbarer Gewalt durch die eisenbeschlagenen Kaufläden, in die Mauern und die Fenster, und töteten und verwundeten Unschuldige. Viele aus den Garden und dem Volke fielen, aber unaufhaltsam stürzten die Massen vorwärts, Knaben, junge Männer, Arbeiter voran, angefeuert von Männern in Legionstracht; ein donnernder Jubelruf – Hurra! die Geschütze genommen! das Volk Sieger auf dem Platz – die Grenadiere und Pioniere nach der Freiung zurückgedrängt!

Vergebens, daß Latour den Obersten Stockau nach dem Platz geschickt, dem Feuer Einhalt zu thun – zu spät! das Volk Sieger! seine Wut aufs Höchste gestiegen! – wie eine wütige Brandung heulten und stürmten seine Wogen heran gegen das Kriegsgebäude!

Zitternd, und dennoch von den starken, blutigen Entschlüssen ihrer männlichen Seele festgehalten, hatte die Gräfin ihren Platz im Gemach bewahrt, als das Kartätschenfeuer losbrach, und das Kreuz des einen Fensters, zerschmettert von den Kugeln, hereinfiel. Nicht ohne Bewunderung sah der polnische General auf dies Weib, das er sonst aus dem Grunde seiner Soldatenseele verachten mußte, und mit Hohn auf den Legionär, der, ihr nur in der giftigen Bosheit ähnlich, jetzt bebend und totenbleich sich hinter den Breiten Pfeilern der Mauer zu schützen suchte. Als das Volk auf die Kanonen stürzte und sie unter Jubelgeschrei nahm, da vermochte sie nicht länger sich zu halten, mit einem Ruf des Triumphes eilte sie nach dem zerschmetterten Fenster, sie gebärdete sich wie närrisch vor Entzücken und ergriff das Gewehr, um selbst auf die weichenden Soldaten zu feuern.

Der General sprang hinzu. »Wahnsinnige! wollen Sie nutzlos die Aufmerksamkeit hierher lenken?« Er entriß ihr das Gewehr. »Seien Sie ein Mann, Herr, wer den Revolutionär spielen will, darf sich vor dem Eisen nicht fürchten, sei es als Kugel oder als blanker Stahl!«

An der Thür erschien Marosch, ihr ungarischer Kammerdiener. »Is sich der Teufel in den Kerlen, wollen sich nicht länger halten lassen bei dem Kanonenfeuer!«

»Herein mit ihnen! ihre Zeit ist gekommen!«

Ein Mann stürzte in das Haus, das der alte Jörgi gezwungen worden war, geöffnet zu halten, er brachte Botschaft aus der Burg, vom Reichsrat. Der Jude Goldmark schrieb flüchtige Worte, die Linke hatte ihren Zweck erreicht, trotz des Widerspruchs des Präsidenten Strobach hatten ihre Führer: Smolka, Scherzer, Hubicki, Kudlich, Goldmark und andere, durch das falsche Plakat ihren Zweck erreicht und die Einberufung einer außerordentlichen Sitzung erzwungen, nachdem der Präsident im Ministerrat vergeblich Beistand gesucht. Hubicki hatte mit Gewalt den Saal öffnen lassen. Bewaffnete drängten sich in drohender Haltung auf die Galerieen und Journalisten-Bänke, Scherzer hatte offen die slawischen Abgeordneten bedroht und erklärt, bevor nicht drei von ihnen aufgehängt wären, sei keine Ruhe – sechzig Mitglieder der Linken hatten sich als Reichstag konstituiert und Pillersdorf zum Präsidenten, Goldmark zum Schriftführer gewählt, die Konstituante war fertig, der Sicherheitsausschuß bereits beantragt; auf dem Wildbretmarkt und der Tuchlaubengasse hielten Studenten und Vorstädter förmlich Jagd auf die Stadtgarden, an den Fenstern gegenüber dem Musikvereinslokal harrten die Mörder auf die böhmischen Abgeordneten.

Botschaft auf Botschaft kam jetzt, in den Tuchlauben, am Kohlmarkt und an anderen Stellen, wie die geheimen Führer am Abend sie bezeichnet, wuchsen die Barrikaden aus der Erde, Redner proklamierten offen den Mord der Czechen und die Liste der Häupter, die fallen müßten: Latour, Wessenberg, Bach, Strobach, Streffleur, Stadion, Rieger, Trojan und andere.

In der Aula hatte sich der Studenten-Ausschuß konstituiert und handelte in Gemeinschaft mit dem Central-Ausschuß der demokratischen Vereine. Habrofski, Silberstein, Tausenau waren die Führer. Aus dem Hause am Hof war hierher der Befehl ergangen, den Angriff auf das Zeughaus mit aller Kraft zu unterstützen.

Dort schlug man sich unter der Anführung der Ungarn und Studenten bereits mit Erbitterung; es galt, die großen Waffen-Vorräte zu zerstreuen und dem Pöbel zu überliefern. Die Besatzung der kaiserlichen Zeughäuser bestand aus der Wachtmannschaft von Kaiser-Infanterie-Grenadieren, einer halben Kompagnie von Erzherzog-Ludwig-Grenadieren unter Kommando des Hauptmanns von Möse, und einer halben Kompagnie Deutschmeister unter Oberst-Leutnant Paar nebst dem Zeughaus-Personal – bei der Weitläufigkeit der Höfe und Gebäude und gegenüber der zahllosen Volksmasse ein ungenügendes Häuflein, aber treu ihrem Eid und entschlossen, sich bis zum letzten Mann zu wehren. Die leichten Thore wurden verrammelt, Kanonen im Innern postiert, die Fenster mit Schützen besetzt.

Bald waren die Fenster des Palais des Fürsten Windischgrätz und aller anderen Häuser umher mit Garden und Legionären besetzt, und hinüber und herüber blitzten die Gewehre.

Aus den umliegenden Ortschaften kamen Botschaften, die Studenten hatten den Landsturm ausgeboten, überall heulten die Sturmglocken, gefälschte Befehle des Ober-Kommandos der Nationalgarde vermehrten die Verwirrung.

Am Nachmittag um vier Uhr versuchte die Menge, die Thore des Arsenals zu sprengen; ein Zug von Deutschmeister-Grenadieren machte einen Ausfall und vertrieb und tötete die Feinde.

Im Kriegsgebäude, rückwärts im zweiten Stock, war seit dem Morgen der ganze Ministerrat versammelt, von zehn zu zehn Minuten kamen Rapporte, zuerst über die Vorgänge am Tabor, dann auf dem Stephansplatz. Seit zwölf Uhr waren drei Kompagnieen Pioniere, Gewehr bei Fuß, mit dem Rücken gegen die Kirche, zum Schutz des Ministeriums aufgestellt.

Botschaft auf Botschaft kam an den Kriegsminister, den schwer bedrängten Stadtgarden an der Stephanskirche militärische Hilfe zu senden – Latour verweigerte es; erst als der Ordonnanz-Offizier Pizzighelli mit der Nachricht von dem Gemetzel in der Kirche selbst zurückkehrte, entschloß sich der Minister auf das allgemeine Verlangen, das Militär einschreiten zu lassen, und erteilte dem Obersten Schön von Monte-Cerro den Befehl, mit zwei Kompagnieen Pionieren und zwei Geschützen den Stephansplatz zu räumen.

Das war jene Abteilung, die mit den Garden und dem Volk am Stock-im-Eisen gezwungen in Kampf geriet und nach dem Kriegsgebäude zurückgedrängt wurde. – Fast alle Revolten sind einzig und allein durch die schwachen und halben Maßregeln der Befehlshaber geglückt, die den Thron und die Ordnung zu verteidigen hatten!

Napoleon I. allein hatte es verstanden, mit den Revolutionen umzugehen. Er war der Ansicht, daß mit hundert Opfern man Tausenden das Leben rette, mit tausend – Zehntausenden!

Die vor dem Kriegsgebäude aufgestellte Hauptwache wurde jetzt in den Hofraum gezogen, in dem zwei mit Kartätschen geladene Kanonen standen, und die Thore geschlossen. Links im Hof neben der großen Hauptstiege wurde die Hauptwache postiert, rechts gegenüber stand eine Kompagnie Deutschmeister-Grenadiere unter Kommando des Hauptmanns Brandmayer; die Kavallerie-Ordonnanzen hielten in der Mitte des Hofes.

Das Landwehr-Bataillon von Nassau-Infanterie war durch das Franzenthor in die Stadt gezogen, aber die Bognergasse war versperrt. Dieselben Menschen, die noch kurz vorher den Minister gedrängt hatten, den Stadtgarden Hilfe zu senden, verlangten jetzt die Einstellung des Feuers.

Näher und näher kam der Geschützdonner, flüchtende Soldaten rannten durch die Bognergasse daher; der Ruf: »Das Militär flieht!« verbreitete sich überall.

Die Minister hielten Rat; nach wenigen Minuten erschien der Kriegsminister mit zehn bis zwölf Blättern Papier, darauf die Worte: »Das Feuer ist überall einzustellen!« mit der Unterschrift Latours und Wessenbergs. Die Ordonnanz-Offiziere eilten damit davon –

Zu spät!

Am Hof hatte das Militär die letzte Decharge gegeben – die Kanonen waren genommen –

Über die Freiung hinaus ging die Woge des Kampfes, die Schottengasse verbarrikadiert, das Militär bahnte sich den Weg durch die Herrengasse, die Abteilung, die im Hofe des General-Kommandos aufgestellt war, wurde von der Übermacht umzingelt und entwaffnet, durch das Spalier der höhnenden, brüllenden Menge mußten sie waffenlos, unter hundert Beschimpfungen abziehen.

Aber sie kamen wieder!

Um das Kriegsgebäude flutete die Menge; General Frank, Leutnant Gitulewics und ein junger Legionär, der sich dort eingedrängt, wollten vom Balkon herab der Menge die Ordre zur Einstellung des Feuers verkünden – der Schlüssel zum Balkon war verschwunden!

Der Student riß das Fenster auf und schwang sich hinaus, um das Papier vorzulesen –

Vergebene Mühe – in dem tobenden Sturm verhallte das Wort.

Gegen die Thore donnerten die Äxte, die Beile, die Brechstangen – schon wich der Flügel! »Einlaß! Einlaß!«

Der Minister gab den Befehl, die Geschütze und Wachen zurückzuziehen! Er unterschrieb sein Todesurteil!

»Latour! Latour! Tod dem Verräter!«

Der Doktor Lazare drückte den Arm seiner Freundin und Beschützerin, die weit aus dem zerschmetterten Fenster sich beugte.

»Wir sind nicht allein, Martha, wir werden Gehilfen haben in Ihrer Rache. Sehen Sie den Mann dort im Mantel, fünf Männer um ihn her, die Metzgerknechte in Menschenfleisch, verdammt verwegene Gestalten!«

Sie preßte das Lorgnon ans Auge. »Die Figur ist mir bekannt – ist das nicht – –«

»Pulszky! er arbeitet auf eigene Rechnung oder auf die des Diktators, nachdem er gestern den Großmütigen gespielt!«

»Ha! je mehr, desto besser! Lassen Sie unsere Saufänger los, fort mit Ihnen; sehen Sie, man öffnet richtig das Thor!«

Der Legionär wechselte einen letzten Blick mit ihr.

»Halten Sie jenen Laternenpfahl im Auge! ich wünschte, ich könnte die Gruppe sehen, doch muß ich die Fäden aus der Entfernung dirigieren!«

Sie nahm ein Album von einem in der Nähe stehenden Tisch. »Sie sollen nichts verlieren davon, ich werde Ihnen das Konterfei liefern. So behalten wir ein Andenken!« Es ist eine abscheuliche Thatsache, daß ein Weib aus einem Fenster am Platz die furchtbare Scene zeichnete.

Der Legionär war bereits an der Thür, dort standen unter des Marosch und des Slowaken Bewachung die drei Männer, mit denen die Gräfin am Abend getrunken. Der Szabó hatte die Uniform von sich geworfen und stand mit weit aufgestreiften Hemdärmeln, eine starke Schnur lose über die Brust geknotet, einen kurzen Eisenspieß in der Faust.

»Seid Ihr genügend bewaffnet?«

Sie grinsten, und zeigten Hammer, Beil und Bajonett.

»Jetzt, Männer, zeigt, daß Eure Worte und Schwüre nicht leere Prahlereien waren! Die Zeit der That ist da! Vorwärts, Slowak!«

Sie verließen das Haus, auf dem Platz, den sie überschritten, um den Strom der Menge ins Kriegsgebäude zu folgen, kamen sie an der Leiche eines Pioniers vorüber. Der Graue bückte sich und hob den Säbel auf, welcher der erstarrten Hand entfallen war.

Sie kamen an das Thor, als der zweite Flügel geöffnet wurde und die ins Innere gezogene Hauptwache wieder auf ihren Posten vor das Gebäude marschiert war. Angeführt von dem Mann in dem lichtgrauen Rock, drang der Pöbel mit Stangen, Spießen und Beilen in den Hof, untermischt mit Garden und Legionären. Anfangs nur einzelne, scheu, dann Gruppen, langsam noch, lauernd und suchend, dann größere Massen schon, in fanatischem Ungestüm die hintere Stiege hinauf, in die langen Gänge des Gebäudes. Der Ruf: »Wo ist Latour? er muß sterben!« die wildesten Schmähungen und Flüche Überboten den allgemeinen Lärm.

Der Graue hatte sich im Hofe postiert, unweit des Thores, an einer bestimmten Stelle. Seine Augen irrten suchend an den Fenstern und Eingängen des Gebäudes umher, einstweilen wies er auf die Kanonen, er zog es vor, sie bei der nachfolgenden Tragödie in den Händen des Volkes zu wissen!

Ein Teil der umherlungernden Menge warf sich auf die Geschütze und führte sie unter wüstem Geschrei aus dem Kriegsgebäude heraus, während ein anderer Teil in die Gebäude stürmte.


In dieser Verwirrung und diesem Toben entkamen die Minister und andere Personen, mit Ausnahme Latours, der die feige Flucht verweigerte, unbemerkt im Gedränge.

In der Reichstagsversammlung hatte die Linke inzwischen den Präsidenten zur Eröffnung gezwungen und die Versammlung als ordentliche Sitzung proklamiert. Ein böhmischer Deputierter, Woznicky, hatte den Mut, den Antrag zu stellen, man möge sechs Mitglieder der Versammlung mit weißen Fahnen absenden, um dem Blutvergießen Einhalt zu thun, da man dadurch, wenn auch nur das Leben eines einzigen Bürgers gerettet werde, dem Vaterlande einen großen Dienst erweise!

Violand, Schuselka und noch zwei andere Mitglieder der Linken, ein Bürger Wiens und der Antragsteller wurden dazu gewählt, man riß die Fenstervorhänge im Sitzungssaal herab und verfertigte daraus Fahnen!

Gegen vier Uhr erschien der Minister des Handels, Hornbostel, gab die Versicherung, daß der Befehl zum Einstellen des Feuers bereits unterschrieben werde, und erklärte, daß das Leben der Minister bedroht sei.

Der Buchhändler Vorrosch aus Prag, ein eifriges Mitglied der Linken und Hetzer gegen die Czechen, beantragte, eine Kommission zu ihrem Schutz hinzusenden, weil er nicht wolle, daß der Sieg des Volkes entweiht werde.

Borrosch, der Vizepräsident Smolka, ein galizischer Advokat, und der jüdische Arzt Dr. Goldmark aus Wien-Schottfeld, übernahmen diese heilige Pflicht.

Wir werden sogleich sehen, wie sie sich ihres Auftrages entledigten.

Beide Kommissionen trafen auf dem Wege am Hof zusammen. Borrosch bestieg ein Pferd und hielt eine Rede ans Volk, in der er auf die Czechen schimpfte und die Menge aufforderte, zu geloben, daß sie das Leben Latours schonen werde, der in Anklagezustand versetzt werden solle.

Die Menge jubilierte ihm zu: »Hoch Borrosch! Es lebe die Linke!« und leistete durch Hände erheben das Gelöbnis! Elende Komödie! statt seiner Pflicht zu genügen, zog der eitle Deputierte zu Pferde durch die Gassen der Kaiserstadt, Reden haltend und sich vom Pöbel mit Lebehochs haranguieren lassend.

Smolka und Sierakowski, der Pole hat wenigstens stets ehrlichen Mut und ehrliche Feindschaft bewiesen, blieben am Hof zurück zum Schutz Latours.

In die Vorhalle des Reichstags kam eilig der Adjutant des Kriegsministers, Hauptmann Niewiadomski, um Schutz für den bedrohten Minister zu bitten.

Neue Massen Volkes drangen ins Kriegsgebäude, man übte sich einstweilen auf das Geschäft, indem man einen Techniker Rauch, der für Latour sprach, im Hofe an seiner eigenen Schärpe aufhängte. Ein Gardist schnitt ihn ab.

Die um den Minister Versammelten drangen in ihn, seine Uniform abzulegen und sich vor dem Volke zu verbergen, denn die Gefahr wuchs mit jeder Minute, und die weiten Gänge des ehemaligen Jesuiten-Klosters hallten wieder von den Verwünschungen und Drohungen des Pöbels.

Der General gab endlich nach, ließ sich von seinem Kammerdiener in Civil umkleiden und begab sich aus seiner Wohnung im zweiten Stock in das Dachgeschoß in eine verborgene Kammer, die zur Aufbewahrung von Gerätschaften bestimmt war. Gleich darauf drang die Menge in seine Wohnung, die Legionäre und ungarischen Agenten nahmen die Schriften – der Pöbel plünderte.

Ungeduldig harrend stand der Legionär auf seinem Posten im Hof des Kriegsgebäudes, die Meute um ihn.

Die Stiege herunter kam der Mann im Mantel gerade auf ihn zu.

» Baszom a lelkedet! Der Hund hat sich verborgen, er ist nicht zu finden! Ich lasse eher das ganze Haus in Brand stecken, ehe er entwischen darf!«

»Hinaus ist er noch nicht; ich kenne ihn und prüfe jedes Gesicht! Die verfluchte Dirne, uns im Stich zu lassen! Beim Teufel, da kommt sie, sieh das Mädchen dort, Szabó; führe sie hierher, mit Gewalt, wenn sie nicht folgen will!«

Die Geliebte des meuterischen Grenadiers kam in der That die Seitenstiege, ängstlich sich umschauend, unentschlossen herab, der Falkenblick des Juden hatte sie zwischen der ein- und ausdrängenden Menge erspäht, die Hand des Slowaken erfaßte sie und riß sie fast gegen ihren Willen zu der Gruppe der Harrenden.

»Du läßt lange auf Dich warten, Franzel,« sagte der Doktor. »In solchen Dingen hat es Eile, und unsere Freunde müssen auf dem Platz sein. Dein Ignaz ist glücklich wieder in der Stadt, aber – wo ist der Minister?«

Das Gewissen schien dem Mädchen doch zu schlagen, als sie die Mörderrotte umher sah. »I weiß es nit – sie haben ihn halt versteckt!«

»Wer?«

»Die Herren Offiziere, die drin sind.«

»Lüge nicht. Du weißt es. Ich hatte es Dir befohlen! wo steckt der Graf?«

»I weiß es bei Gott nit! bei der heiligen Franziska, meiner Schutzpatronin, nit! Der Fischer, sei Kammerdiener, hat ihm halt die Uniform ausg'zogen und ihm a Frackl angethan und a Hut afgesetzt, dann haben sie ihn nach Oben g'führt!«

»Wohin?«

»I will a Schnupfern sein, wenn i's weiß. Sie sein wieder 'runterg'kommen ohne ihn.«

Der Legionär sann einige Augenblicke nach. Er fühlte, daß das Mädchen die Wahrheit sprach, und wußte, daß es bei der großen Weitläufigkeit des Gebäudes und den vielen kleinen und versteckten Räumlichkeiten sehr schwer, wo nicht unmöglich sein würde, den Versteckten zu finden. Wie leicht konnte auch der Sinn der Menge umschlagen. Es galt also, den Grafen durch irgend ein Mittel herauszulocken und ihm dann den Rückweg abzuschneiden.

Dazu waren die Mitglieder der Deputation die Geeignetsten.

Einige Worte der Verständigung mit Pulszky genügten; dieser näherte sich einer Gruppe, in deren Mitte Smolka, der Vizepräsident des Reichstags, mit einigen Mitgliedern desselben und Führern des demokratischen Klubs sich besprach. Unter den Versammelten befand sich, den Arm in der Binde, der junge Legions-Offizier, der sich so auffallend in die Beratung der Generale gedrängt und für den Befehl zur Einstellung des Feuers agitiert hatte.

Der Staatssekretär stieß ihn im Vorbeidrängen an, seine Augen befahlen ihm, zu folgen.

Der junge Mann gehorchte.

»Sie wissen auch nicht, wo sich der Minister versteckt hält?«

»Nein! nur muß es im vierten Stock oder unter dem Dach sein. Drei bis vier Offiziere allein wissen es.«

»Raten Sie Smolka, sogleich zu diesen zu gehen und zu erklären, daß er und die anderen Reichstagsmitglieder den Grafen unter ihren Schutz nehmen und für seine Sicherheit bürgen wollten, wenn er binnen einer Viertelstunde seine Abdankung unterzeichne. Man wird ihn davon in Kenntnis setzen, und er wird sein Versteck verlassen müssen. Sobald dies geschehen, öffnen Sie irgend ein Fenster des Stockwerks, indem Sie glauben, daß die Unterzeichnung geschieht, nach dieser Front hier, und sehen heraus.«

Der Offizier machte ein Zeichen des Gehorsams.

»Was auch geschieht, Sie bleiben an Smolkas Seite, sobald er die Abdankung hat, und verlassen ihn keinen Augenblick. Er muß vergessen, von dem Papier Gebrauch zu machen; sobald er die geringste Miene macht, es dem Volke zu zeigen, töten Sie ihn eher, als daß Sie es zugeben. Der Graf muß als Minister an die Laterne!«

Der Legionär wollte sich entfernen.

»Noch eins. Wo befindet sich Graf Stephan?«

»Er führt die Stürmenden gegen das Zeughaus.«

»Gut! nun gehen Sie! ihm den Rückzug abzuschneiden; jedes neue Versteck zu ermitteln, wird unsere Sache sein!«

Der Legionär entfernte sich; eben kam mit mehreren Abgeordneten der Adjutant des Ministers, Hauptmann Niewiadomski, vom Reichstag her wieder in den Hof, er hatte dort auf das Eindringlichste den Schutz des Ministers verlangt.

Der Staatssekretär kehrte zu Lazare zurück, sie besprachen sich eifrig, dann sandte der Doktor das Mädchen zurück ins Gebäude.

Seine Augen fixierten sie scharf und drohend. »Keine Weigerung, Dirne! Wir werden auf den Gängen sein. Wenn Du nicht aufmerksam bist, so erfährt Dein Ignaz, was gestern Abend auf der Barrikade vorgegangen ist!«

»O Jesus! haben's mich nit g'zwungen dazu für mein Leben?!«

»Unsinn – das ist gleich! Du weißt, Du bist in meiner Hand, drum fort und gehorche!«

Das Mädchen eilte zitternd davon, um ihrer Seligkeit willen hätte sie es nicht gewagt, dem dämonischen Einfluß des Juden zu trotzen.

Der Präsident des Reichsrats – hoffentlich selbst überzeugt, daß er auf diese Weise das Leben des Bedrohten retten könne – hatte unterdes dem Adjutanten des Kriegsministers und durch diesen den Offizieren, die seinen Aufenthalt kannten, den verräterischen Vorschlag der Abdankung gemacht.

Die Offiziere setzten den Minister davon in Kenntnis; Graf Latour war unvorsichtig und vertrauensselig genug, sein sicheres Versteck unter dem Dach zu verlassen und sich in ein Zimmer des vierten Stockwerks zu begeben, wo er mit dem Präsidenten zusammenkam.

Sofort öffnete sich ein Fenster des vierten Stockwerks, und das Gesicht eines jungen Mannes erschien darin.

»Jetzt ist es Zeit,« sagte der Staatssekretär. »Führen Sie Ihre Leute nach dem vierten Stock und auf die Treppen, ich postiere die meinen weiter unten.«

Die beiden Banditenhaufen nahmen ihren Weg.

In dem Zimmer des vierten Stockwerks, in das man den Minister geführt, schrieb er eigenhändig folgende Worte nieder:

»Mit Genehmigung seiner Majestät bin ich bereit, meine Stelle als Kriegsminister niederzulegen.

Wien, am 6. Oktober 1858.

Latour, m. p.
F.Z.M«

Der Präsident nahm das Blatt an sich und ging damit hinab, das Volk zu beruhigen; der Legionär wich ihm nicht von der Seite; aber er überzeugte sich bald, daß es Smolka gar nicht einfiel, von dem Papier dem tobenden Pöbel gegenüber Gebrauch zu machen – ob aus Furcht oder schlimmerer Absicht? nur Gott sieht in die Herzen der Menschen! – dem Reichstag gegenüber entschuldigte er sich mehrere Tage darauf mit der Erklärung: er habe es vergessen!

Der Graf hielt sich nach Ausstellung dieser Urkunde für völlig sicher und weigerte sich lange, den Bitten des Majors Boxberg und anderer Offiziere nachzugeben und in sein früheres Versteck zurückzukehren. Als er sich endlich dazu entschloß, war es zu spät; die auf den Korridor hinaustretenden Offiziere fanden ihn von mehreren Menschen, den Gehilfen Lazares, besetzt und zogen sich eilig zurück.

Der Minister bat sie, zurückzubleiben, und durch mehrere Zimmer gehend, trat er durch einen kleinen finstern Gang in ein geheimes Gemach.

Auf dem Wege dahin begegnete ihm niemand, als ein Dienstmädchen!

Es war kaum eine Viertelstunde vergangen, als Smolka und der Pole Sierakowski mit dem jungen Legions-Offizier, einem Offizier der Nationalgarde und einem bewaffneten Arbeiter, einem der Männer Lazares, zu den Offizieren kamen, und Smolka erklärte, das Volk wolle sich nicht mehr mit der Abdankung des Ministers beruhigen, sie seien gekommen, ihn unter ihren Schutz zu nehmen und ihn ins bürgerliche Zeughaus in Sicherheit zu bringen.

Der Major Boxberg erklärte, nicht zu wissen, wo der Minister sich befände. Auf den Wink eines Mannes im grauen Rock, der kurz vorher mit einem Dienstmädchen einige Worte gewechselt, trat diese Schutzkommission in den Korridor, und Smolka wiederholte laut sein Anerbieten.

Plötzlich sagte eine ernste Stimme neben ihm:

»Auf die Gefahr Ihrer Ehre, Herr! ich nehme Ihr Anerbieten an und stelle mich unter Ihren Schutz!«

Es war der Graf, der aus dem dunkeln Gang hervortrat.

Trotz allem, was vorhergegangen, trotz ihrer Absichten erbebten die Umstehenden; von diesem Augenblick an lag die Verantwortung auf ihnen allein.

»Nach der kleinen Stiege!« sagte der Legions-Offizier, »es ist die nächste!«

Der Mann in dem grauen Rock entfernte sich eilig nach der großen Treppe, der Arbeiter blieb und band ein Schnupftuch um den langen Hammer, den er trug.

»Vorwärts, meine Herren,« sagte der Graf; »wenn Sie mich retten wollen, dürfen wir nicht zögern!«

Man ging nach der kleinen Stiege, die rechts im Kriegsgebäude durch vier Stockwerke hinunter zum Erdgeschoß führt und am Brunnen im Hofe ausmündet.

Sie ist sehr schmal und bei jedem Stockwerk mit einer Doppelthür versehen. Sierakowski ging voran, Smolka neben dem General, der Legionär und der Nationalgardist folgten, zuletzt der Arbeiter.

Auf jedem Absatz der Stockwerke schwenkte er den Hammer mit dem Tuch, auf jedem Absatz vermehrte sich die Begleitung durch die in den Gängen cirkulierende Menge. Die enge Stiege war bereits gesperrt; nur mit Mühe vermochte Sierakowski sich durchzudrängen, und die Begleitung des Generals vorwärts zu kommen.

Zwar war es bis jetzt gelungen, den Minister vor jeder körperlichen Mißhandlung zu schützen, aber es konnte bereits niemand mehr im Zweifel sein, was folgen mußte. Drohende Fäuste ballten sich empor, Verwünschungen, wilde Flüche in deutscher und ungarischer Sprache ringsum, fanatischer Haß, Blutgier auf allen Gesichtern!

Noch war nichts zu sehen von den Führern der Mörder, aber sie sollten nicht fehlen!

Man betrat die letzte Stiege, schon lag durch die Thür der Hofraum offen, gefüllt mit Menschen, Kopf an Kopf.

An dem Brunnen stand der Mann im Mantel, ein Tuch in der Hand, nahe der Thür der Legionär im grauen Oberrock, mit dem Pioniersäbel in der Rechten, den er auf dem Platze aus der Hand des toten Soldaten genommen. Neben ihm Szabó, der Slowak, und der böhmische Schneider.

Die beiden anderen Genossen, den Kroaten und den liederlichen Maler, hätte ein gutes Auge jetzt in dem Haufen erkannt, der dem General dicht auf den Fersen folgte.

Mehr getragen als gehend kam der alte Soldat die Stiege herab; er ahnte ohne Zweifel, was ihm bevorstand.

Sie hatten etwa noch fünf oder sechs Stufen, als der Legions-Offizier zurücktrat, und der Kerl mit dem Hammer und mehrere ihm ähnliche Gestalten sich sofort in den Zwischenraum schoben.

Der erstere legte dem General roh die Faust auf die Schulter und schaute ihm frech ins Gesicht.

»Haben Furcht jetzt, alter Verräter, vor Lohn für alle böse That an Ungarland? Baszom! Du zitterst vor Leben Deinigtes!«

»Du irrst!« sagte der General fest, »ich habe vor Kugeln gestanden, ich fürchte auch den Dolch nicht, ich habe ein gutes Gewissen und bin in Gottes Hand!«

Er trat in den Hof, sein Auge fiel auf den Brunnen und die dort, hervorragend aus der Menge, sich zeigende Gestalt des Mannes im Mantel, der jetzt zurückgeschlagen wurde.

Bei diesem Anblick bebte der alte Soldat zum erstenmale zurück; er hatte das Gesicht erkannt. Er streckte den Arm aus und wollte einen Namen rufen, als der Mann im Mantel das Tuch hob. Ein wildes Gedränge entstand, Smolka, Sierakowski und der Nationalgarde-Offizier suchten den General zu schützen, der unterhalb eines Gitterfensters stand, aber sie wurden von der Sturmflut des Gedränges hinweggerissen. Der kroatische Schneider schlug dem Minister den Hut vom Kopf, andere griffen ihn bei den Haaren, er suchte sich mit den Händen zu wehren und griff in die erhobenen Waffen; der Hauptmann Graf Gondrecourt war der letzte, dem es gelungen war, dem Sturm zu widerstehen und in seiner Nähe zu bleiben. Er deckte ihn mit seinem Körper und wehrte mit blutenden Händen die Heranstürmenden ab.

Da fiel ein Schlag, hinter ihm, knirschend, krachend, wie von zermalmenden Knochen –

»Eljen Kossuth! fürs Ungarland!«

Ein als Arbeiter verkleideter Magyar hatte dem Böhmen den Hammer entrissen und dem Minister von rückwärts einen tödlichen Schlag auf den Kopf versetzt.

Der Mann im grauen Rock war jetzt vor ihm. »Die Gräfin Törkyeny sendet Dir's!« Der Pioniersäbel schlug eine breite Wunde über sein Gesicht.

Das Auge des Sinkenden fiel auf eine hohe, kräftige Greisengestalt, die sich mit Gewalt Bahn machte zu ihm; das brechende Auge schien mit der wunderbaren Intellektualität des Todes die verwitterten Züge plötzlich zu erkennen: »Haspinger! zu Hilfe dem Retter Deines Kindes!«

Der greise Tiroler stand einen Augenblick. »Der Offizier vom Stubbhayer! heilige Mutter der Schmerzen! – gebt Raum, Ihr ruechen Mörder – er ist a Braver!«

Der Ruf verhallte in dem tobenden Lärm – der alte Haspinger, von der Volkswoge bei dem Kampf in den Straßen zum Hof geführt, wo die Enkelin in die Wohnung des Hausmeisters flüchtete, warf vergebens die breite Brust der Rotte entgegen, unter seinem Arm durch stieß der Rekrut der Richter-Grenadiere dem Sinkenden den Spieß durch die Brust! »Der Wolf muß Blut trinken! Nimm's vom Wolfe!« Zehn, zwanzig Hiebe und Stiche bohrten sich von allen Seiten in den Körper des Generals, der mit den Worten: »Ich sterbe unschuldig!« zu Boden sank und den Geist aufgab.

Ein gräßlicher, gellender Jubelruf begleitete seinen Fall und verkündete der Gräfin am Fenster ihrer Wohnung und dem polnischen General die furchtbare That.

Jedes menschlichen Gefühles bar, fiel die durch den Mord zur Raserei entflammte Menge über den Körper her. Der liederliche Maler schlang eine Schnur um die Eisenstäbe des Fenstergitters, daran hängte man den Leichnam auf. Dann begann eine Scene, so entsetzlich, wie sie nur der politische Fanatismus bietet! Man schoß auf den Leichnam, man stach und schnitt nach ihm, man riß ihm die Kleider vom Leibe und wühlte mit Messern und Händen in dem toten Fleisch – man riß die Glieder auseinander, bestialische, vertierte Weiber schnitten ihm die Finger und Geschlechtsteile ab und hielten sie triumphierend empor, oder trieben die Männer zu dem bestialischen Werk. Die Schnur am Gitterfenster riß; an den Haaren, an den Füßen schleifte man den verstümmelten Leichnam über den Hof, dreimal blieb er liegen, da der Pöbel bei dem Ruf: »Das Militär!« entfloh, dreimal kehrten die nicht gesättigten Mörder wieder und schleiften ihn weiter, hinaus auf den Platz, an der Hauptwache vorüber, wo die Grenadiere, Gewehr bei Fuß, gefesselt durch den letzten Befehl des Toten, sich nicht von ihrem Posten zu rühren wagten. An dem Gaskandelaber vor der Hauptwache hoben die Mörder einen jungen Burschen in weißer Jacke mit aufgestreiften Hemdsärmeln in die Höhe; er schlang die beiden Militär-Mäntelriemen, die der wie ein Toller umherspringende Slowak ihm reichte, um den Eisenarm und hängte zum zweitenmal den Leichnam auf.

An dem Fenster des Hauses am Hof lehnte eine Frau, das Album in der Hand, das Opernglas neben sich, und zeichnete eifrig die Scene am Kandelaber. Der Bleistift glitt flüchtig und geschickt über das Papier, das Gesicht der Frau hatte etwas dämonisch Vergnügtes, Befriedigtes bei diesem schändlichen Geschäft.

Es war die Gräfin Martha, die dem Doktor ihr Versprechen hielt!

Wiederum fiel die fanatische Meute über den Leichnam her, der zuerst in Frack und Blouse, dann in Hemd, Unterkleidern und Socken, endlich ganz nackend bis in die späte Nacht da hing. Sie schnitten ihm die Waden und den Hinterleib auf, durchstießen ihn mit Spießen und hielten im Fackelschein ein Scheibenschießen nach ihm; jeder Kannibalismus, den die menschliche Bestialität erdenken kann, wurde an dem toten Körper verübt!

Männer, Weiber und Kinder tauchten Tücher und Lappen in sein Blut und hielten sie gleich Siegestrophäen empor – in den benachbarten Spelunken wurden während der Nacht die Fetzen seiner Kleidung verkauft.

Gleich nach der Ermordung Latours hatten die Führer die Menge zum zweitenmal nach dem Kriegsgebäude geschickt, um dem General Frank das gleiche Schicksal zu bereiten. Der entschlossenen Haltung einiger Männer, die vor der vom Pöbel begangenen That zurückschauderten, gelang es, das zweite Verbrechen zu verhindern und den General in das bürgerliche Zeughaus zu bringen. Zweimal versuchte man ihn diesem Schub zu entreißen; das erste Mal forderte eine Pöbelhorde seine Auslieferung und mußte mit dem Bajonett zurückgetrieben werden, das zweite Mal verlangten sie Legionäre mit einem schriftlichen Befehl des Studenten-Komitees – beide Male blieb die geringe Bürgerbesatzung fest, und am Abend vermochte der General sich in Begleitung zweier Garden zu entfernen. Am Morgen gelangte er aus der Stadt und in das Hauptquartier des kommandierenden Generals, Grafen Auersperg, der mit den Truppen im Schwarzenbergschen Garten und auf dem Belvedere biwakierte, und wurde mit Jubel empfangen. Die Soldaten trugen ihn auf den Schultern durch das Lager, denn die Erbitterung des Militärs über den Angriff und den Mord wuchs mit jeder neuen Nachricht.

In der Stadt selbst dauerte der Kampf fort, schlug die Rebellion ihre wildesten Wogen. Der Reichstag hatte sich permanent erklärt und nach dem Pariser Muster einen Sicherheits-Ausschuß ernannt; die Nachricht von der Ermordung Latours wurde von vielen Mitgliedern mit offenem Jubel begrüßt, die erklärten, sie würden auch mit Wonne zusehen, wenn der Minister Bach aufgehängt würde, da er stets die Souveränität des Volkes gehöhnt habe.

In dem Restaurationslokal fand zur Feier des Sieges ein Champagnergelag statt, die bewaffneten Mörder auf den Galerieen wurden von dem Abgeordneten Zimmer die Befreier des Volkes genannt, die Mitglieder der Rechten, namentlich die Böhmen, ganz offen bedroht und nach dem Stuhl des Präsidenten geschossen.

Im Sitzungssaal hauste zwischen den Abgeordneten der Pöbel. Erst als ein Kerl mit einer langen Brechstange in der Hand, in Jacke und Schürze, in der abscheulichsten Weise mit seiner Teilnahme an dem Morde des Ministers prahlte und die Details erzählte, hielt der Vizepräsident Smolka es für schicklich, den Saal räumen zu lassen.

Auf den Rat mehrerer Gemäßigten entfloh der erste Präsident des Reichstags, Strobach, mit den Böhmen und den meisten Mitgliedern der Rechten noch in derselben Nacht, da Löhner offen den Antrag stellte, sie in Anklagestand zu versetzen. Die bedrohten Minister Bach und Wessenberg waren in Verkleidung entkommen. Der Ober-Kommandant der Nationalgarde, Streffleur, der sich gleichfalls unter den Bezeichneten befand, legte im Reichstagssaal sein Amt nieder, und der Reichstag ernannte den Abgeordneten Scherzer zum Ober-Kommandanten. Man hatte eine Deputation nach Schönbrunn gesandt mit der Forderung eines Ministeriums Smolka und der Linken, die Absetzung Jellacics und der allgemeinen Amnestie für Bürger und Militär. Eine andere wurde zu Auersperg gesandt, jeden Angriff auf die Stadt zu verbieten, im Reichstag forderte Violand die Verbannung der Erzherzogin Sophie und der Erzherzöge Ludwig und Franz Carl!

Vom Zeughaus her gingen fortwährend Nachrichten über den Kampf ein; die tapfere Besatzung schlug sich im Arsenal mit Mut und Erbitterung und jagte die anstürmenden Haufen mit einem wohlgezielten Feuer zurück.

In den engen Straßen rings umher lagen die Leichen, noch war es der Menge nicht gelungen, einen Vorteil zu erringen und das Thor zu sprengen, denn zweimal wurden von den Ausfallenden die herbeigeschleppten Geschütze genommen und gegen die Empörer selbst gerichtet.

Die Nacht war bereits gekommen, noch immer aber währte der Kampf, und Leichen häuften sich auf Leichen.

Am Eingang der Renngasse sammelte sich ein neuer Trupp von Volk und Legionären um eine Kanone, mit der man das Thor des Ober-Arsenals durch wiederholte Schüsse demoliert hatte. Das trefflich gerichtete Feuer der Besatzung machte es jedoch unmöglich, in den Hof das Arsenals selbst zu dringen, und die Legionäre und Arbeiter berieten unter einander, als von der Burg her ein Offizier der Nationalgarde mit einer weißen Fahne und einem Tambour erschien und im Namen des Reichsrats das Einstellen des Feuers verlangte, da er den Auftrag hätte, als Parlamentär mit der Besatzung zu verhandeln. Der Graf Stephan, der hier den Angriff geleitet, erteilte die nötigen Befehle.

Drei Männer, in weiße Mäntel tief verhüllt, kamen von der andern Seite.

»Es ist Zeit, General,« sagte der Mittlere von den dreien, »daß Sie selbst den Befehl übernehmen – dem Grafen mangelt es an der nötigen militärischen Erfahrung. Wenn die Kugeln nicht helfen, nehmen Sie das Feuer zur Hand! Morgen wird es bereits Leute genug geben, die sich zu Verfechtern der sogenannten Ordnung aufwerfen, und wir haben nur diese Stunden für uns. Die Waffen und Vorräte müssen in die Hände des Volkes kommen, nicht in die der Bürger.«

Die Worte waren in französischer Sprache gesprochen. Der zweite nickte zustimmend. »Ich fürchte nur, da die Narren im Reichsrat die Sache in die Hand genommen, die Parlamentäre dort werden sie beenden, und man wird das Arsenal durch die Garden besetzen lassen, auf die wir nur wenig Einfluß haben.«

»Das muß unter allen Umständen verhindert werden. Geben Sie Ihre Befehle, ich werde die meinen erteilen.«

»Wo treffen wir uns wieder?«

Der andere sann einige Augenblicke nach. »In zwei Stunden auf dem Platz am Hof. Ich mag Ihre Wohnung nicht betreten, denn ich will nicht, daß irgend jemand außer Ihnen und Pulszky von meiner Anwesenheit erfährt.«

Der Pole reichte ihm die Hand.

»Auf Wiedersehen also! – ich werde die Geschütze nach der Schottenbastei beordern und die Schmiede in Brand stecken lassen; dem Angriff von zwei Seiten können sie bei aller Tapferkeit nicht widerstehen.« Er verlor sich in den Volkshaufen.

Der Fremde sprach einige Minuten mit Pulszky, dann zog er sich unter den dunkeln Thorweg eines nahen Hauses zurück, während der Staatssekretär in der Nähe einen der ungarischen Agenten suchte und durch diesen den jungen Grafen Batthiányi rufen ließ.

Graf Stephan kam eilig herbei; er war an der Wange durch einen Streifschuß verwundet, ein Beweis, wie mutig er sich selbst dem Feuer ausgesetzt hatte.

»Ich hoffe, in wenig Minuten Ihnen die Unterwerfung des Arsenals anzeigen zu können,« sagte der Graf; »ich habe dem kommandierenden Offizier Abzug mit den Waffen und mit allen Ehren anbieten lassen.«

»Lassen Sie das Feuer gegen das Arsenal sofort wieder beginnen.«

»Aber der Parlamentär befindet sich noch am Thor. Ich hoffe, er kehrt mit der Annahme der Vorschläge zurück!«

»Er darf nicht zurückkehren!«

»Wie meinen Sie das?«

»Geben Sie einem der besten Schützen Befehl, ihn aufs Korn zu nehmen!«

»Aber das wäre schändlich und gegen jeden Kriegsgebrauch!«

»Es muß sein!«

»Nimmermehr!«

Der Fremde im Mantel trat unter dem Hausbogen hervor.

»Im Namen des Vaterlandes! Gehorchen Sie dem Befehl!«

Er ließ einen Augenblick lang, aber nur einen solchen, den Kragen des Mantels fallen und den Schein der Fackeln seine Züge treffen. Der Graf trat erstaunt zurück.

»Wie? – Sie hier –?«

»Still! ich befehle Ihnen im Namen Ihres Oheims!« Er winkte dem Staatssekretär. »Geben Sie Ihre Ordres, Sie sehen, der Graf ist bereit, zu gehorchen!«

»Ich erwarte ihn, sobald der Befehl vollzogen ist.«

Graf Stephan, die Brauen zusammengezogen, verließ die beiden und ging zu der Barrikade, welche die Legionäre und Garden vor dem nächsten Arsenal aufgeführt. Man sah ihn mit einem Mann in ungarischer Tracht sprechen, der eben seine Büchse lud. Gleich darauf war sie im Anschlag. Der unglückliche Offizier der Nationalgarde, der mit der weißen Fahne so eben von dem Thor des Arsenals zurückkehrte, stürzte, von der Kugel getroffen, zu Boden.

»Es ist geschehen!« rapportierte der Graf finster.

Der Unterstaatssekretär hatte seine Uhr gezogen. »Es ist jetzt halb elf. Lassen Sie das Feuer noch drei Stunden fortsetzen. Auf jeden Parlamentär, den die Reichsversammlung oder wer irgend sonst, ebenso die Besatzung schickt, wird geschossen. Das Parlamentieren muß, bis der Kampf weit genug gediehen ist, unter allen Umständen verhindert werden. Sind die drei Schützen, die ich Ihnen sandte, nach meiner Ordre postiert, und die fünf Männer mit den roten Schärpen an der Barrikade?«

»Drei von den Männern sind erschossen, die Kugeln haben sie merkwürdiger Weise von hinten getroffen.«

Ein besonderer Zug, wie Hohn, flog über das Gesicht des Staatssekretärs, als er weiter fragte:

»Sie haben die Sache nicht untersucht?«

»Auf der Stelle! es standen in den Häusern hinter ihnen nur die drei Schützen – aber es war von dort nicht einmal ein Schuß gefallen.«

Der Fragende nickte. »Bekümmern Sie sich nicht weiter darum. Die Sicherheit Ungarns und unsere eigene fordert den Tod dieser Männer.«

»Und darf ich fragen, wer sie sind?«

»Die Nachrichter Latours! Die Schießbaumwolle muß bei ihnen die Dienste verrichten, welche die Kugeln des Militärs versäumen.« Er wandte sich zu dem Mann im Mantel: »Lazare wird hoffentlich so klug gewesen sein, das Gleiche zu thun. Haben Sie noch einen Befehl zu geben?«

»Nein!«

»So leben Sie wohl, Graf, und halten Sie die Besatzung in Atem. Wird das Arsenal genommen, so setzen Sie der Plünderung des Pöbels nicht das Geringste entgegen; aber lassen Sie in dem zweiten Hof links das Laboratorium von den Unseren besetzen und die Arbeiten zur Anfertigung der Zündnadelbüchsen sorgfältig in Beschlag nehmen. Ich weiß von Paris aus, daß man auch hier solche Versuche gemacht hat, und vielleicht glückt es uns hier besser, als in Berlin. Ihrem Onkel,« er deutete auf die blutende Wange, »werde ich von Ihrer Tapferkeit berichten.«

Graf Stephan verbeugte sich kalt. »Ich werde meine Pflicht auf dem mir anvertrauten Posten thun, doch wünsche ich sehr, daß diese sich auf einen ehrlichen Kampf beschränken möge.«

Der Staatssekretär lachte, indem er sich mit dem Verhüllten entfernte. »Sie werden davon noch zur Genüge erhalten – beruhigen Sie sich!« Die beiden verschwanden in der nächsten Querstraße.

Infolge des Falls des Parlamentärs, der von dem Militär gleichfalls mit Entrüstung bemerkt worden, begann alsbald der Kampf aufs neue und wurde mit kurzen Pausen in steigender Erbitterung fortgesetzt. Noch zweimal trafen Boten des Reichsrats zur Unterhandlung mit der Besatzung ein; die besonneneren Köpfe der Versammlung begannen einzusehen, wie notwendig die Erhaltung der Waffenschätze für die Stadt selbst werden dürfte; aber die ganze Bewegung der Nacht war bereits in den Händen der Ungarn und italienischen Emissäre, und nur die heldenmütige Tapferkeit des Häufleins der Verteidiger rettete wenigstens einen Teil der Vorräte des Arsenals. Beidemale fanden die Parlamentäre ihren Tod durch meuchlerische Schüsse aus den Fenstern und von den Barrikaden; niemand wagte mehr, das gefährliche Amt zu übernehmen.

Die Stellung war jetzt äußerst gefährdet geworden, denn der Brand der Schmiede beleuchtete dieselbe, und das Geschütz, das General Bem auf der Schottenbastei hatte auffahren lassen, beherrschte die Höfe. Bald begannen die Hintergebäude des Armatur-Zeughauses zu brennen, und die kleine Garnison hatte auch mit dem Element und den fortwährenden Versuchen zu neuen Brandstiftungen zu kämpfen. Von dem Garten der Schottener aus versuchte man die Mauern zu minieren.

Nur ein Zufall vereitelte nach Mitternacht das Erliegen der tapfern Garnison.

Von der hohen Brücke her zog mit Geschrei ein Menschenhaufe, auf das Verschiedenste bewaffnet, aber viele Personen mit weißen Fahnen und Binden, gegen das vom Feuer und den Kugeln halb geöffnete Thor des Ober-Arsenals herab, hinter dem ein doppelt geladenes Geschütz aufgestellt war und den Feind abhielt.

Schon von ferne schrie der Haufe Worte des Friedens und der Versöhnung, verlangte die Einstellung des Feuers und erklärte, mit den Soldaten gemeinschaftlich die Verteidigung des Arsenals übernehmen zu wollen.

Die Soldaten zeigten sich geneigt, und kamen hinter ihren Kanonen hervor; das Thor war dicht gedrängt voll von Grenadieren, die mit dem Volk parlamentierten. Die Hauptleute Kastell und Möser und der Ober-Leutnant Paar leiteten die Verhandlungen.

In diesem Augenblick bemerkte der Hauptmann Kastell ein Blitzen auf dem Rohr seines rückwärts stehenden Geschützes.

Entsetzt zurückspringend sah er einen jungen Menschen aus dem Volkshaufen, der sich hinter die Kanone geschlichen hatte und nun mit einem Stück angezündeten Schwamms die ausgesetzte Zündröhre suchte, um das Geschütz im Rücken auf die Besatzung und seine eigenen Brüder abzufeuern. Ein Schrei des Offiziers richtete die Aufmerksamkeit des Kanoniers Braun auf den Mann, unter dem Streich des Setzkolbens stürzte dieser zu Boden, und die erbitterten Grenadiere warfen sich auf den verräterischen Feind, dessen Leben unter ihren Hieben verblutete, während die trügerische Menge draußen plötzlich mit Flintenschüssen angriff. Da krachten die Kanonen, zwei Kartätschenschüsse dicht hintereinander in den gedrängten Haufen, und Totenstille lagerte plötzlich über dem dunklen Platz. Dann hörte man das Ächzen und Stöhnen der Verwundeten! Noch einmal war das Arsenal gerettet!

Bis zum Morgen verteidigte die tapfere Besatzung den ihr anvertrauten Posten, obschon sie es nicht verhindern konnte, daß das Volk in die brennenden Hintergebäude einbrach.

Die Ungarn waren wütend darüber, daß ihre Absicht, wenigstens zum großen Teil, vereitelt worden.

Einem der Offiziere der Besatzung war es gelungen, unentdeckt durch die Belagerer zu kommen und das Feldlager des kommandierenden Generals im Schwarzenbergschen Garten zu erreichen. Graf Auersperg belobte den Mut der tapferen Männer, aber er mußte ihnen selbst raten, die Arsenale beim Tageslicht den Nationalgarden zu übergeben, da sie den Posten nicht länger halten könnten, und er zu schwach sei, ihnen Beistand zu leisten. Mit einer Deputation des Reichstags wurde die Übergabe verabredet, der General erteilte seine Genehmigung dazu, und diese überbrachte unter hundert Gefahren glücklich der Bote.

Gegen acht Uhr erfolgte die Übergabe der Zeughäuser, das Militär zog mit seinen Waffen ab, und das Volk ehrte die Tapferen, indem es dieselben mit Hurras und Vivats auf dem Wege nach dem Schwarzenbergschen Garten begrüßte; dann stürzte es über die rauchenden Brandstätten in die Waffenkammer und Werkstätten, und eine Scene roher und brutaler Plünderung und Beraubung begann, die freilich noch ärger gewesen wäre, wenn es gelungen, den Mantel der Nacht darüber zu decken, die aber noch immer groß genug war, um wenigstens viele Schätze von historischer Merkwürdigkeit zu zerstören. Die rebellierende Stadt war jetzt im Besitz der Waffen und eines hinreichenden Kriegsmaterials, um sich gegen jeden Angriff von außen zu verteidigen.


Am Gaskandelaber auf dem Platz am Hof hing der zerfetzte, verstümmelte Leichnam des unglücklichen Ministers und der Pöbel feierte seine wüsten, bluttriefenden Orgien um das schreckliche Denkzeichen seines Sieges.

Stunde auf Stunde verrann, und auch die Mordlust und der Fanatismus erschlafften an dem Odem der Nacht; leerer und leerer wurde der Platz, selbst der freiwillige Wächter des Hasses, Szabó, der Slowak, der seit der greulichen That sein Opfer nicht verlassen hatte, saß in sich zusammengekauert auf einer nahen Steinstufe und schien von der Ermüdung des Tages erdrückt.

Der Mörder, der Slowak, war nicht der einzige Wächter der Leiche.

Ihm gegenüber, auf der Schwelle des Eckhauses nach dem Kriegsgebäude, saß der alte Tiroler, das greise Haupt in die Hand gestützt, das ernste, sinnende Auge auf den leblosen, verstümmelten Körper gerichtet.

Die Tage der Jugend und Kraft gingen an ihm vorüber; der Mann da, kaum noch der menschlichen Gestalt ähnlich, hatte einst sein Liebstes und Bestes gerettet, und jetzt war es der eigene Enkel, der Sohn derer, der die Entschlossenheit jenes Unglücklichen das Leben erhalten, dessen Verrat und Treubruch geholfen hatte zu dem Mordwerk.

Achtunddreißig lange Jahre schwanden wie ein Traum vor seinem Blick – die Vergangenheit stand so lebendig vor ihm, so lebendig, als hätte die schreckliche Scene sich gestern ereignet.


Es war in dem Jahre, das dem großen Kampf der Tiroler gegen die Fremdherrschaft folgte, im Jahre 1810.

Seit einem halben Jahrtausend hatte das Land Tirol dem Hause Österreich gehört, und die Herzen seiner Kinder waren mit diesem verwachsen. Man reißt ein Volk nicht durch ein Stück Papier und einen flüchtigen Friedensschluß von seiner Geschichte und seinen angestammten Fürsten, ohne daß die Büchsen knallen und die blutenden Leiber die heimatliche Erbe decken. Auch die Alpenhörner Tirols warfen lange das Echo der treuen Stutzen zurück, die sonst nur nach dem flüchtigen Wild des Hochgebirges, der Gemse und dem Adler knallten. Diesmal suchten die Kugeln ihr Ziel in französischen und bayrischen Herzen – ein traurig Zeichen deutscher Zerrissenheit und Knechtschaft!

Im Preßburger Frieden von 1805 hatte der neue Diktator Europas das Land Tirol an Bayern verschenkt, aber der Machtspruch konnte die wackeren Bewohner nicht bayrisch machen. Als die Fahnen des Kaiserhauses im Jahre Acht aufs neue gegen den Frankenkaiser wehten, da flogen die Alarmfeuer von Berg zu Berg, und innerhalb dreier Tage, vom 11. bis zum 13. April, war das ganze Land durch die eigenen Söhne wieder gewonnen, und 800 Mann französische und bayrische Truppen bei Innsbruck, Hall und dem Sterzinger Moos geschlagen und gefangen genommen.

Aber die Glücksgöttin der Schlachten folgt nur selten den Fahnen des Rechts. Der freche Korse zog nach den Siegen von Eckmühl und Regensburg gegen Wien; aufs neue brachen die bayrischen Kolonnen, die deutsch redenden Brüder und Nachbarn ins Land Tirol, und General Chasteler, von der Übermacht bei Wörgl geworfen, mußte über den Brenner hin das Land räumen. Da zeigte sich dieses in seiner eigenen Kraft. Andreas Hofer, der am Sterzinger Moos gesiegt, erschien mit seinen Schützen unter den Entmutigten und zog vom Brenner her mit Eisenstecker und Speckbacher und dem löwenkühnen Mönch, der jetzt in der Domwand zu Innsbruck an seiner Seite ruht. Joachim J. S. Haspinger, geb. 1776, gest. 1858 zu Salzburg, trat 1802 in den Kapuzinerorden, wurde erst Feldgeistlicher, dann einer der Führer des Landvolkes im Tiroler Befreiungskampf. D. H.

Beim Berge Isel oberhalb Innsbruck am 25. und 29. Mai schlug der tapfere Bauern-General die Bayern und jagte sie aus dem Lande. Schon flog die Freiheitskunde durch das ganze Land, da rollten die Donner von Wagram, und der Waffenstillstand von Znaim stempelte den Heldenkampf eines tapfern Volkes zur Empörung gegen seinen Kaiser. Aber es giebt ein Recht, das in die Herzen geschrieben ist, nicht auf Papier und Pergament. Die Fürsten können zur Untreue gezwungen werden gegen die Völker, ein Volk nicht zur Untreue gegen seinen Fürsten.

Das von seinem Kaiser verlassene Volk war ratlos, der französische Marschall Lefèbvre zog mit 40 000 Mann ins Land, und Hofer hatte sich in die Eishöhlen des Passeyerthals zurückgezogen. Als aber Speckbacher und der tapfere Kapuziner-Pater erklärten, auch dem gezwungenermaßen sie aufgebenden Kaiser die deutsche Treue halten zu wollen und mutig den Franzosen entgegentraten, da stand auch er wieder an der Spitze der Seinen als oberster Anführer für den alten Herrn und das alte Recht, und wieder beim Berge Isel, am 13. August, jagte er den Frankenmarschall hinaus aus den geliebten Bergen.

Aber der von jedem Sohn der Berge hochgeliebte und gefeierte Erzherzog Johann mußte nach dem Wiener Frieden vom 14. Oktober die eigenen Streiter ermahnen, die Waffen niederzulegen, und der kühne Tiroler-Führer unterwarf sich. Die falsche Nachricht von den Siegen und dem Einmarsch des Erzherzogs ließ ihn aber nur wenige Tage rasten, die verhängnisvolle Unterwerfung war kaum in den Händen des Vicekönigs, als auch der Tiroler Held schon wieder die Büchse schwang und den Krieg erklärte; doch die Tage seines Glücks waren vorüber. Die Macht des Frankenkaisers beherrschte die Berge, und vergeblich kämpfte und rang die tapfere Schar in zahlreichen Gefechten; von Thal zu Thal, von Berg zu Berg drängte sie die Übermacht, bis die Treuesten gefallen, oder zerstreut umherirrten und sich bergen mußten in den unzugänglichen Schluchten und Klammen der heimatlichen Berge.

Der tapfere Tiroler-Führer war verschwunden, als hätte die Erde ihn verschlungen; vergeblich ließ der französische General Baraguay d'Hilliers ihn suchen und hielt des Sandwirts Haus am Passeyer besetzt, die Familie gefangen, die selbst nicht wußte, wo der Vater und Gatte verborgen war. Das allein wußte man, daß er die Tiroler Berge nicht verlassen und sich geweigert hatte, nach Österreich zu entfliehen. Ein hoher Preis war auf seinen Kopf gesetzt, aber noch war kein Verräter gewesen im Land Tirol!

Es war am 19. Januar, der Tag war heiter, aber rauh gewesen, die Sonne begann sich nach Westen zu senken und vergoldete die riesigen Massen des Grindl-Berges mit ihrem Strahl.

Vom Passeyer her in schwindelnder Höhe auf rauhem Felspfad, der oft kaum ellenbreit an dem zackigen Gestein sich niederzog, oft über die breiten Eisflächen der Stubbhayer Ferner lief, keinem Auge erkennbar, als dem des kühnen Gemsjägers, stiegen drei Männer nieder zum Thal.

Alle drei führten den langen Alpenstock, diese unentbehrliche Stütze der Bergsteiger; zwei von ihnen, die beiden jüngeren, die Stutzen über der Schulter, der dritte ältere trug einen Kraxen, wie die Tiroler die Kiepen oder Holzgestelle nennen, in denen sie auf dem Rücken die Lasten über die Berge schaffen.

Der Kraxenträger war ein Bauersmann in den vierziger Jahren, sein Gesicht ehrlich und gutmütig, doch ohne Bedeutung und Energie. Anders der zweite; obschon er kaum in den ersten Jahren der Dreißiger stehen konnte, zeigte dies kräftige Antlitz doch zahlreiche Spuren eines langen und gewaltigen Kampfes mit den Gefahren der Bergnatur, vielleicht auch mit den Menschen. Der Mann war offenbar ein Gemsjäger. Er trug den Stutzen handgerecht über der Schulter, den Alpenstock in der Hand und schritt der kleinen Gesellschaft voran, die scharfen grauen Augen aufmerksam auf jedem Felsblock, auf jedem Laatschenbusch; Spalten und Krümmung sorgfältig untersuchend und oft, stehen bleibend, auf das zufällige Geräusch lauschend, das in der reinen Bergluft der Schall weit hertrug, wenn vielleicht ein Vogel den Schnee im Aufflug gelöst, oder eine vom Hunger aus ihrem dichten Versteck getriebene Gemse bei der Annäherung der Wanderer eilig flüchtete. Wo ein Spalt zu überspringen, eine Schneewand hinunter zu klimmen war, machte er den ihm folgenden Gefährten in gedämpftem Ton darauf aufmerksam, als fürchte er sich selbst, in dieser einsamen Höhe die Stimme zu erheben, und leistete ihm Beistand.

Dieser Gefährte, der dritte der Bergwanderer, war ein rüstiger, schlank und hoch gebauter Mann von höchstens dreißig Jahren. Auch er trug handgerecht den Stutzen und die Kleidung eines Gemsjägers, den Lederjanker, die Kniehosen und die Eissporen an den starken rindsledernen Schuhen, doch hätte leicht jeder Eingeborene schon an dem Schritt des Mannes erkannt, daß er kein Tiroler, kein wirklicher Gamsschütz war. Die ungewohnte Anstrengung ermüdete ihn schwer, während seine beiden Gefährten trotz des langen Marsches in dem gleichförmigen raschen und doch vorsichtigen Schritt, der diesen Leuten eigen, keine Spur von Ermattung zeigten. Vielmehr lag in seiner ganzen Haltung, seiner Art, das Gewehr zu tragen, und seinem Wesen etwas unverkennbar Militärisches, und die beiden anderen bezeigten ihm in ihren Reden einen gewissen Respekt.

Auf der Höhe eines Joches blieb der Führer stehen und wandte sich um.

»Hier, Herr,« sagte er, »ist der Scheideweg für den Franz, er steigt dort hinunter über das Goggljoch ins Thal, wo er bleibt. Wohnt. Wenn Oes halt noch was aufzurümen Bestellen. habt, 's ist a Zeit!«

Der Angeredete wandte sich zu dem Kraxenmann, der sich bereits anschickte, die beiden zu verlassen und einen Seitenweg durch den wildesten Teil des Gebirges einzuschlagen.

»Wann steigt Ihr wieder hinauf nach der Keller-Alm, dem Sandwirt die Lebensmittel zu bringen?«

»'s kan a Tag a fünf oder sechs dauern, Cap'tain,« sagte der Träger, »die Franschen lugn überall im Thal und auf jedem Steig, wo sie 'naufkommen können. Ma muß a'f den Zipfelzehen geh'n und sich gar z'sehr in acht nehmen. Vom Passeyer her ist halt gar ka Durchkommen, und d'rum muß i halt die lange Wand'rung über den Grindl machen.«

»Sagt ihm, wenn Ihr wieder hinauf kommt, ich ließe ihn nochmals bitten, seinen Entschluß zu überlegen. Der Winter, wenn er noch lang und hart andauert, muß ihn endlich aus seinem Versteck treiben. Es ist unmöglich, daß ein Mensch da oben aushalten kann, selbst wenn er eine Riesennatur hat, wie der Andreas. Der Erzherzog ist voll Sorge um ihn und hat ihm ein sicheres Versteck in Ungarn bereitet, wo er ruhig die bessere Zeit abwarten kann. Der alte Gott da droben wird doch nicht immer seine Augen von den deutschen Landen abwenden und diese Frankenherrschaft auf den Bergen und Fluren dulden, die er uns gegeben. Dann, wenn die Zeit gekommen, wo der Kaiser sein Volk ruft, soll auch Andreas wieder auf diesen Bergen stehen und seine wackeren Schützen aufrufen zu einer lustigen Jagd, wie wir sie am Isel hatten. Bis dahin muß er sich ruhig halten, denn er hat dem Kaiser schon Verlegenheiten genug bereitet.«

Der Gemsjäger schüttelte den Kopf. »I glaub' halt nit, daß der Hofer die Berg' verläßt. Der Tiroler taugt halt nit für a ander Land; 's macht ihm die Brust zu eng, und die alten Handvesten hab'ns wohl bestimmt, daß der Tiroler nur, so weit die Kreidenfeuer glüh'n, dem Kaiser dienen darf.«

»Seid verständig, Freund,« sagte der Kapitän, wie sie ihn genannt, »beredet den Pater, Euren Vetter, auf ihn zu wirken. Der Sandwirt möge bedenken, daß er Weib und Kind hat.«

Der Gemsjäger schüttelte den Kopf. »Der Tiroler Sinn, Herr, ist hart wie ihre Berge.«

»Wird er wenigstens dort sicher sein, kann sein Geheimnis nicht verraten werden?«

Der Schütze lächelte. »Tiroler verplantschen einander nit, Herr! Außer Enk wissen's nur zwei Männer um den Afenthalt des Generals.«

»Und wer sind diese?«

»Der ein' ist der Nazi Haspinger, das bin i selber, Herr, und der andre ist der Franz Raffel, und der steht neben Enk.«

Der verkleidete Offizier ließ einen langen Blick auf dem ehrlichen, aber stumpfen Gesicht des Mannes ruhen. »Ist er unter allen Umständen zuverlässig?« flüsterte er. »Er scheint mir etwas simpel.«

»'s ist wohl a Patscher, Herr, aber an treues Blut. Zehn Wegstund' wandert er von seinem Hof alle Woch', um dem Sandwirt sein Bedürfnis zu bringen. Wir haben ihn gewählt, weil kei Verdacht auf ihm liegen kann, und er alle Steg' des Gebirgs kennt am besten auf zehn Meilen in der Rund'. Überdies haben wir geschworen in die Hand des Priesters.«

»Eurem Vetter, dem Kapuziner?«

»Nein, Herr, dem Leutpriester, dem Donay.«

Der Name schien dem Offizier aufzufallen. »So weiß dieser gleichfalls um das Geheimnis?«

»Nein, Herr, er hat nur unseren Eid, weil er der Pfarrherr ist, aber er selber wa's nix nit von der Kellerlahr. Die Sennhütte auf dem Passeyer, in der Andreas Hofer sich verborgen hielt. Er ist a Freund vom General und war mit am Sterzinger Moos.«

Der Kraxenmann schien ungeduldig zu werden. »B'hüt' Di Gott, Herr,« sagte er, »mei Weg ist weit und verhutzelt, i muß heim sein, eh' die Sonn' sinkt.«

Der Kapitän öffnete seine Börse und reichte ihm mehrere Goldstücke. »Nehmt, Freund, es ist nicht, um Eure Treue zu belohnen, aber Ihr könnt leicht des Geldes bedürfen für das Ehrenwerk, das Ihr übernommen. Grüßt mir den Sandwirt und haltet Treue!«

Er reichte ihm die Hand, auch der Gemsjäger befahl nochmals dem Kraxenträger an, auf das Vorsichtigste zu handeln und auf jedes Wort zu achten, damit er sich nicht platzedere; dann trennten sie sich, und Raffel, ein ehemaliger Knecht auf dem Sandhof, nahm seinen Weg zur Seite ab, mitten zwischen die Eisfelder hinein und war bald hinter den Abhängen und Wänden verschwunden.

Der Offizier und sein Führer setzten unterdes den ihren nach den Thälern fort, beide ziemlich schweigsam, denn der erstere dachte an seine, durch den Eigensinn oder den Patriotismus des berühmten Tirolers vereitelte Mission, ihn zur Flucht nach Österreich zu bewegen und ihn dahin zu begleiten, wo zur Zeit die mit dem Schwert des Siegers unternommene Werbung Napoleons um die deutsche Kaisertochter das französische Regiment ziemlich nachsichtig machte; der andere, indem er, je näher sie den von Menschen bewohnten oder wenigstens ihnen zugänglicheren Regionen kamen, desto mehr Vorsicht und Aufmerksamkeit beobachtete.

Plötzlich blieb er lauschend stehen und hielt die Hand ans Ohr.

»Was giebt's, Nazi?«

»Ein Schuß, Herr, wenn mi mei Ohr nit täuscht.«

»Ich höre nichts.«

Das Ohr des Bergbewohners war schärfer. »Des ist halt wieder aner! Der Schall kommt vom Goggljoch her, wo der Franz hinüber g'gangen.«

Diesmal hatte auch der Kapitän einen leichten Ton vernommen, aber so undeutlich und fern, daß alle seine Übung von den Schlachtfeldern her dazu gehörte, ihn für den Wiederhall eines Schusses zu erkennen.

»Vielleicht ein Jäger, der einen Gemsbock erlauert!«

Haspinger schüttelte den Kopf, 's ist kane Zeit auf die Gamsen, und a Tiroler Jäger schießt nur ane Kugel.«

»So ist unserm Gefährten vielleicht ein Unglück passiert. Laßt uns zurück, ihm Beistand zu leisten.«

»Nix da! wenn's gescheh'n, können wir ihm nit helfen und würden uns nur selbst ins Unglück bringen. Der Franz Raffel is a Botengänger, und wenn ihn a Partouil' ach, im Gebirg' antreffen sollt', können's ihm nix anhaben. Zur Not hat er gar nix bei sich und kennt a alle Stäg', daß er sich so leicht nit derwuschen läßt. Er wird schon glücklich zu Haus kommen, wir aber, Herr, müssen uns eilen, deß Oes zum Hof kommt, bevor es dunkel, denn so weit darf ich mi nit hinabwagen.«

»Und wie werd' ich von dort weiter kommen?«

»Oes werdet zu der Kathi, meinem Weib, die Wort' sogen: ›Der Mann vom Grieskogel schickt mi,‹ und sie wird Euch aufnehmen a'fs best'! Sie is verschwiegen und ratscht nit a Silb'. Dort könnt Oes ausruh'n, Herr! Sagt ihr, sie soll's Wägerle rüsten und am Morgen mit aner Haarfuhr Haar – Flachs, der in Tirol viel gebaut wird. Enk nach Spruck Innsbruck. schicken als Knecht, so kommt Oes sonder Gefähr dorthin, wo Oes Freunde habt.«

»Ihr habt Recht, Nazi, in Innsbruck hat es keine Gefahr mehr, obschon die Stadt voll Bayern und Franzosen liegt. Es handelt sich nur darum, den Rückweg über Bozen und den Brenner zu vermeiden, denn sie haben feine Nasen! Aber wie werd' ich Euer Haus finden?«

»Ane Viertelstund' noch, Herr, und i zeig's Enk von der Felswand dort herunter, wo Oes den Weg nit mehr fehlen könnt.«

Sie schritten noch eine kurze Strecke weiter, dann nahm der jetzt selbst als Wild gejagte und gehetzte Gemsjäger das Perspektiv oder Bergspektiv, wie die Tiroler sagen, aus der Tasche und richtete es nach dem Thal.

Es war noch hell im Grund, obschon die Sonne sich hinter die Riesenwände des Ötzthales zu senken begann, und die Dämmerung im Grunde bald eintreten mußte.

Plötzlich sah der Offizier den starken unerschrockenen Mann wanken und unter der braunen, gesundheitstrotzenden Farbe der Bergluft erbleichen. Die Hand mit dem Glas sank kraftlos nieder.

»Um Gotteswillen, Haspinger, was ist Euch – was ist geschehen?«

Der Mann hatte schon wieder das Glas am Auge und schaute hinunter, weit vorgebeugt über die Felswand, als wolle er sich darüber hinunter werfen, nur fest sich haltend an dem zähen Laatschengebüsch.

»Sprecht, Mann, redet! was seht Ihr?«

Der Tiroler trat zurück und ließ das Glas fallen – er schlug beide Hände vor das Gesicht und sank in die Knie.

»Mei Weib! mei Kind! Heil'ge Mutter der Schmerzen, was hat das Ruechenvolk mit ihnen gethan? und der Nazi konnt' nit bei ihnen sein!« Er gebärdete sich wie ein Wahnsinniger.

Der Kapitän faßte ihn an. »Faßt Euch, seid ein Mann, Haspinger! Sprecht, was ist geschehen – was bewegt Euch so plötzlich?«

»Die Franzosen haben den Hof angezund't, wo mei Weib und die Nahndel Großmutter. wohnte! Am Platz, wo mei ganz Glück af der Welt, is nix als a Trümmerhauf' mit rauchendem Gebälk!«

Der Offizier nahm das Glas, er ließ sich von dem Unglücklichen die Richtung zeigen und erkannte in der That in einem der Bergwinkel des Thals auf der Halde eine noch rauchende Brandstätte. Die Feuersbrunst mußte im Laufe des Tages stattgefunden haben. Die Brandstätte war einsam, keine helfenden Menschen zu bemerken, nur zwei oder drei Gestalten, in dieser Entfernung zu winzig, um sie zu erkennen; aber das Blitzen der Bajonette überzeugte den Kundigen, daß es Schildwachen sein mußten.

»Das ist traurig,« sagte der Offizier teilnehmend, »aber Ihr müßt ein Mann sein, Freund, und durch das Unglück Euch nicht niederdrücken lassen. Ein Haus ist leicht wieder aufgezimmert, wenn die Zeit wieder eine bessere geworden. Euer Dach ist nicht das einzige, das die Fremdlinge und die deutsche Uneinigkeit in Flammen unnützer Grausamkeit aufgehen ließen; die Felder und Berge umher kann Menschenmacht Euch nicht nehmen, und was Ihr verloren, kann der Kaiser Eurer Treue ersetzen!«

»Was schiert mi Haus und Hof, Herr,« sagte fast unwillig der Bauer, »des ist Kriegsschicksal! Aber mei Weib! mei Kind! das alte Weibsbild, die Nahndel –«

»Sie werden sie vom Hof vertrieben und vielleicht aller Habe beraubt haben,« tröstete der Kapitän, »aber weiter geschehen kann ihnen nichts sein, und es giebt keine Hütte in Tirol, die nicht den Bedrängten ihre Thür öffnen würde.«

Der Gemsjäger schüttelte den Kopf. »Oes kennt das fransche Ruechenvolk schlecht, Herr,« sagte er finster. »Auf alle Fälle is mei Entschluß gefaßt, i muß 'nunter ins Thal um selber zuzuschau'n, wo die Meinen geblieben sind.«

»Aber, Mann, das könnte Euch ins Verderben stürzen. Es kann kein Zweifel sein, daß das ganze Stubbhayer Thal von feindlichen Truppen besetzt ist. Laßt mich gehen und gebt mir nur die nötigen Anweisungen, ich bin jung und kräftig, und mich kennt niemand. Überdies wird mich sicher keiner der Bewohner verraten!«

Der Gemsjäger weigerte sich entschieden. »Meint Oes wirklich, daß i hier aushalten könnt' zwischen dem Eis und dem Felsgestein hoch droben in Sicherheit, während Weib und Kind, mei herzig klein Dirndl da unten vielleicht in Tod'snot nach dem Vater schrei'n? I muß hinunter, und wenn der Franzosenkaiser sei ganz Armee vor den Stubbhayer gestellt hätt'. Aber Oes, Herr, dürft' nit 'nunter; das Soldatenvolk würd' gleich a Witterung haben, und der Zufall könnt' sei leidig Spiel machen. Wo i Tritt und Schritt kenn' und dem Feind a Schnipperl schlag', würd' Oes ihm in die Händ' laufen. I hab' mei Tirolerwort dem Hofer gegeben, Enk sicher übers G'birg zu führen, und werd's halten. Oes mußt hier oben warten, bis i wiederkomm' oder Botschaft send' noch in der Nacht. Dort hinter dem Felsgang und der Laatschenwand tief im G'spalt is a alte Jägerhütt'; ka Mensch kennt sie, als die Gamsjäger und die Sennhirten. Sie wird Enk vor der Kält' schützen mit dem Kratzen Zottige Wolldecke. da, und Oes dürfte sie nit verlassen, bis Oes dreimal den Adlerschrei g'hört.«

Er machte ihm das Zeichen vor, so natürlich, daß der Offizier fast unwillkürlich sich umschaute, den König der Lüfte auf irgend einer der hohen Felskuppen oder schwebend in den blauen Wolken über dem Thalgrund zu schauen. Und wunderbar, gleich als hätte das Signal des Jägers das Echo wachgerufen, ihm antwortete von unten und oben ein gleicher Schrei, unter einer entfernten überhangenden Felswand hervor schoß ein mächtiger Adler und segelte auf ausgebreiteten Schwingen über den Abgrund hin, während hoch oben kaum sichtbar ein dunkler Punkt in regelmäßigen weiten Kreisen zog.

Unwillkürlich faßte der Tiroler nach seinem Stutzen und schien einen Augenblick lang das Unglück in der erwachenden Lust des Jägers vergessen zu haben, das ihn betroffen. »Schaut, Herr, des ist a Glückstag! seit acht Tagen such' ich's Genest von dem Gewürm vergebens, und jetzt muß sich's schicken, daß ich's durch Zufall entdeck'!« Dann aber fiel ihm gleich wieder seine traurige Lage ein. »Aber 's ist nix mit 'nem guten Schuß, am wenigsten heut, wo i andre Ding' zu sorgen hab'. Kommt, Herr, und laßt Enk das schlimme Getier nit stören.«

Er klomm mit seinem Gefährten die fast unzugängliche Felsspalte hinan, wo hinter einem Vorsprung von dichtem Laatschengebüsch und einer Schneewand verborgen die halbverfallene Jägerhütte lag. Nachdem er ihm nochmals in aller Hast anempfohlen, sich nicht zu entfernen und die zerfallenen Wände mit Schnee festzustampfen, um am Abend besser die Kälte abzuhalten, entfernte er sich eilig und stieg zu dem vorhin verlassenen Pfade wieder hinab.

Hastig, doch mit der Gewohnheit, die ihm das Jägerleben zur zweiten Natur gemacht, Auge und Ohr vorsichtig vorausspähend, setzte er den rauhen, zum Thal führenden Weg fort, bald über gähnende Spalten sich schwingend, bald an den Schneewänden niedergleitend, um ihn hier und da abzukürzen.

Plötzlich erbebte er und blieb lauschend stehen; ihm war, als hätte er einen scharfen Ton gehört, gleich dem Knacken eines Flintenhahns.

Er lauschte aufmerksam umher, seine Augen schienen jeden Spalt der geklüfteten Felsmasse, die schneebedeckten Büsche und Wände zu durchdringen; nichts ließ sich sehen, kein verdächtiger Ton war zu hören. Schon hob er den Fuß, überzeugt, daß er sich geirrt, um weiter zu schreiten, als sein Auge plötzlich auf den Boden fiel.

Der Platz, auf dem er stand, war der obere Rand jener Felswand, von der er vorhin das Adlerweibchen hatte auffliegen sehen. Der Weg lief hier etwa zwei oder drei Schritt breit eine kurze Strecke an der schroff aufsteigenden Bergwand zur Rechten hin, während links ihn der Abgrund begrenzte, bis er im scharfen Winkel um die Felsenmauer bog und sich dann, wie er wußte, zu einem wohl zwanzig Schritt breiten Vorsprung erweiterte, der über der fast senkrechten Wand niederhing.

Der scharfe Nordwind hatte den schmalen Felsengrat, auf dem er dahinschritt, von allem Schnee fast rein gefegt, und das nackte Steingeröll rutschte unter seinen Füßen. Aber in einer kleinen Vertiefung war eine dünne Schicht von Schnee zurückgeblieben.

Auf diesem Schnee war unverkennbar die Spur eines Fußes abgedrückt, nicht eines Bergschuhes, sondern eines gewöhnlichen Stiefels.

Diese Spur war gegen ihn gerichtet, der Mann war also den Weg heraufgekommen – der Schnee überdies frisch.

Der scharfe Geist des Jägers hatte ihn alle diese Beobachtungen im Nu, schneller, als das Wort sie aneinander zu fügen vermag, machen lassen.

In demselben Augenblick war auch der Stutzen von der Schulter gerissen, und er sprang zurück, um wieder umzukehren.

Aber es war zu spät.

» Halte-là!«

Zwei Gewehrmündungen blitzten ihm aus dem dunkeln Laatschengebüsch entgegen und versperrten ihm den Rückweg.

Er wandte sich entschlossen vorwärts; vier, fünf Soldaten in den grauen französischen Capots lagen an der Biegung des Weges im Anschlag, hinter ihnen stand ein Offizier, Gewehre blitzten hinter dem Vorsprung der Felswand.

» Rendez-vous! – Vous êtes prisonnier!«

»Nit lebendig, Weibermörder und Mordbrenner!« Seine Adern schwollen, der Stutzen lag im Nu an seiner Wange, die totbringende Mündung gegen den Offizier gekehrt, der Finger zuckte nach dem Drücker – –

»Nazi! um der Heiligen willen! Nazi, ruhr' Di nit, oder sie töten mich und das Dirndl!«

Beim ersten Laut der Stimme sank der Arm kraftlos nieder – allmächtiger Gott, das war die Kathi, sein Weib – unter Tausenden hätte er diesen Ton erkannt, obschon er sie noch nicht zu sehen vermochte.

»Jesu Christ! Kathi, wo bist Du, wo kommst her?«

Durch die Soldaten, den Offizier zur Seite stoßend, brach eine junge Frau sich Bahn, bleich, das Auge von Thränen gerötet, die Spuren roher Behandlung und Gewaltthat in ihrem ganzen Äußern. Sie stürzte zu dem Gemsjäger, sie umschlang ihn. »Er is unschuldig, Herr, er giebt sich, nur tötet en nit!«

»Kathi, wo ist das Dirndl? das Kind?«

»Dorst! dorst! Dort. Sie halten's gefangen, wie mich, aber wahr und wahrhaftig nit, wir haben's nit geplauscht, des Du kömmst!«

Er wollte das treue Weib vertrauend ans Herz drücken, aber schon erfaßten von allen Seiten rauhe Hände ihn, die Bajonette auf Kopf und Brust gesetzt, jede Bewegung mit augenblicklichem Tod bedrohend.

»Bindet ihn!«

Im Nu waren seine Arme auf den Rücken geschnürt; der Gemsjäger machte keine Bewegung des Widerstandes, er wußte, daß er vergeblich war und wahrscheinlich nur sein und der Seinen Schicksal verschlimmern mußte. Finster fügte er sich in alle Befehle.

»Was is mit dem Hof? wo is die Nahndl?«

»Sie haben den Hof anschürt, In Brand gesetzt. all unser Hab' und Gut is verloren,« jammerte das Weib. »Niemand durft' uns zu Hilf' kommen. Die Nahndl liegt im Sterben vor Schreck und Angst beim Scheiben-Lex, mich und das Kind haben's mit Gewalt hergefuhrt; i weiß nit, warum!«

Der Gemsjäger warf einen wilden, drohenden Blick auf den langen Offizier und die bärtigen Soldatengesichter umher. »Was soll des sein? Warum bind't ma mi und zundet mei Haus? I bin a freier Tiroler und hab' nix g'than, was i nit vor Gott und dem Kaiser verantworten könnt'.«

»Bringt den Burschen hierher,« befahl der Offizier, ohne auf die Protestation zu achten, indem er um den Vorsprung des Felsens zurückkehrte nach dem größern, oben erwähnten Plateau.

Man schleppte und stieß den Jäger dahin, während sein Weib weinend folgte.

Auf dem Felsvorsprung befanden sich wohl noch acht bis zehn französische Soldaten, ein Posten am Ausgang des Weges, der weiter hinab zum Thal führte, die anderen eine Gruppe umgebend, die auf einem Felsstück saß.

Es waren zwei Männer und ein etwa vierjähriges Kind, ein hübsches kleines Mädchen, das beim Erscheinen der Gefangenen dem Vater und der Mutter die Hände entgegenstreckte und weinend zu ihnen wollte, erschreckt von den fremden bärtigen Soldatengestalten umher.

Aber der Mann, der sie auf seinem Schoß hielt, und der in einen weiten französischen Soldatenmantel gekleidet war, den Kragen hoch aufgeschlagen und eine Pelzmütze über die Ohren gezogen, so daß man zu Anfang sein Gesicht nicht zu erkennen vermochte, hielt sie fest.

Neben ihm saß in seinem Mantel ein französischer Offizier, obschon jung, – kaum zweiundzwanzig Jahre alt – bereits mit den Abzeichen des Kapitänsranges. Er hatte ein schön markiertes, aber wildes und herrisches Gesicht, das in diesem Augenblick von dem unverhohlenen Vergnügen über den Fang gerötet war.

Der Kapitän sprach gebrochen deutsch; auf seinen Wink wurde der Gefangene bis auf vier oder fünf Schritte vor ihn geführt, wo ihn die Soldaten festhielten. Sein Weib hing noch immer an ihm, zagend und greinend.

»Wie heißest Du?«

»Nazi Haspinger!«

»Dein Gewerbe?«

»A Gamsschütz, Herr!«

»Wir kennen Dich besser, Bursche. Du bist der Genosse des Spitzbubenführers Hofer, der sich Gouverneur von Tirol zu nennen wagt, und einer der gefährlichsten Insurgenten.«

Der Gefangene faltete trotzig die Stirn. »Wir sind kei Spitzbuben, Herr, sondern ehrliche Männer, die des Kaisers Land verteidigen.«

»Schweig, fripon! ich werde mich nicht herablassen, mit Dir zu streiten. Wo kommst Du her?«

»Vom Hochgebirg', Herr, wo die Männer Tirols wie die flücht'ge Kiß Geiß – Gemse. sich verbergen müssen. I wollt' sehen, welcher Teufel mei Haus ang'schürt und a schuldlos Weib und Kind ins Elend g'bracht!«

»Wahre Deine Worte, Bursche, oder Du kannst noch ganz andere Dinge zu sehen bekommen. Wo ist Dein Gefährte?«

Der Tiroler stutzte, faßte sich aber rasch wieder. »I waß von kanem G'fährten nit!«

»Lügner!«

Der Gemsjäger schwieg.

»Willst Du gestehen?«

»Na, Herr, i kann nit plauschen, was i nit waß!«

»Thor! das Leugnen nützt Dir nichts! unsere Ferngläser haben uns gezeigt, daß Ihr zu zweien war't. – Wie heißt der andere? ich kann diese verdammten deutschen Namen nicht auf der Zunge behalten!«

Er wandte sich mit der Frage an den im Mantel verhüllten Mann, der das Kind hielt.

»Franz Raffel, Monsieur!«

Der Gemsjäger erbebte bei dem Ton dieser Stimme, die ihm nicht unbekannt war; er versuchte mit seinem Blick die Verhüllung zu durchdringen, aber der Unbekannte vereitelte es, indem er das Gesicht abwandte.

Auf der anderen Seite wälzte sich eine Last von der Brust Haspingers. Man ahnte also nichts von der Anwesenheit des Kapitäns, man hatte diesen für den Bauer gehalten, und er konnte noch gerettet werden, wenn das Geheimnis bewahrt blieb.

Einige Augenblicke der Überlegung genügten ihm, seinen Entschluß zu fassen; er sah ein, daß unbedingtes Leugnen den Verdacht nur vermehren und eine strengere Nachforschung veranlassen würde, und zweifelte überdies keinen Augenblick, daß es dem, jedes Schlupfwinkels und Wildpfades in den Gebirgen kundigen Raffel mit leichter Mühe gelingen werde, einer Verfolgung zu entgehen. Er dachte nicht anders, als daß der Hinterhalt ihm selbst gelten mußte, da er als einer der flüchtigen Teilnehmer des Aufstandes bekannt war, und irgend ein Zufall oder Feind verraten haben konnte, daß er sich in der Nähe seiner Familie aufhielt. Denn daß die Streiferei der Soldaten durch das Gebirge nicht bloßer Zufall war, bewies ihm die Anwesenheit seines Weibes und Kindes, deren nähere Ursach' er noch nicht begreifen konnte.

Aber er sollte sogleich schwer enttäuscht werden.

Der Kapitän erhob sich und trat vor ihn hin.

»Du wirst uns zu dem Versteck Hofers führen, bei Deinem Leben!«

»I, Herr?«

»Du selbst. Leugnest Du, daß Du das Versteck des Rebellenführers kennst?«

»I waß nit, wo der General sich afhalten mag. Er is längst über die Grenz'!«

»Lügner! Wir wissen auf das Bestimmteste, daß er sich noch in diesen Gebirgen verborgen hält. Du und Dein Begleiter von vorhin, Ihr seid seine Vertrauten und wißt, wo er sich aufhält. Ich sichere Dir Leben und Freiheit und eine Belohnung überdies, wenn Du uns zu ihm führst.«

»I waß nit, von was Oes plauscht, Herr!«

»Bursche, ermüde meine Geduld nicht. Bedenk', es handelt sich um Dein Leben.«

Der Gemsjäger zuckte die Achseln. »Was i nit waß, Herr, kann i nit sagen.«

»Stellt den Schurken an die Felswand dort. Drei Mann fertig zum Feuern, Leutnant Lafère.«

Der Offizier, viele Jahre älter als sein Vorgesetzter und eines jener wüsten, rauhen Gesichter aus den Kriegen der Republik, ergriff den Tiroler und stieß ihn rauh an die Felswand. Die Frau warf sich schreiend vor ihn, aber auf einen Wink des Kapitäns wurde sie von ihm getrennt und von zwei Soldaten festgehalten.

»Bekenne!«

Der Gefangene schwieg und zuckte verächtlich die Achseln.

Der Kapitän machte seinem Untergebenen, der kein Deutsch verstand, ein Zeichen mit dem Kopf.

»Drei Mann hierher!« befahl dieser. »Fertig zum Feuern!«

Die Hähne knackten – die Mündungen der Musketen befanden sich nur wenige Fuß von der Brust des Bedrohten.

In dieser Not riß sich die Frau los von ihren beiden Wächtern und stürzte dem Kapitän zu Füßen, seine Knie umfassend.

»Barmherzigkeit, Herr! ermordet den Nazi nit! Bei der Mutter Gottes, gebt Gnad'!«

»Weißt Du, wo Hofer sich versteckt hält, Weib?«

»Bei mei Seligkeit, Herr, so wahr i Gnad' hoffe auf mei Totenbett, i waß es nit!«

»Aber er?«

Das junge Weib, selbst in ihrer Angst und in ihren Thränen nicht ohne Schönheit, verhüllte schluchzend ihr Gesicht. Die rohen Blicke des Leutnants ruhten mit einem gewissen lüsternen Wohlgefallen auf ihr.

Der Kapitän deutete auf die Frau.

»Du bist Soldat gewesen; rede wie ein Mann. Kennt sie das Geheimnis?«

»Nein!«

»Aber Du! Du hast Dich selbst verraten!«

Der Tiroler schwieg.

»Frau, liebst Du Deinen Mann von Herzen?«

»O Herr, Gott im Himmel waß, wie sehr!«

»Und er – liebt er Dich wieder?«

Sie blickte auf: der Blick unsäglicher Liebe, den sie auf ihren Gatten warf, die Hand, die sie nach ihm streckte, antworteten besser, als Worte es gekonnt.

Der junge Offizier glaubte ein Mittel gefunden zu haben, den Widerstand des Gefangenen zu brechen. Er erhitzte an diesem seinen eigenen Eifer mehr und mehr bis zur Erstickung aller anderen Gefühle.

»Bindet die Frau!«

»Herr, was wollt Oes thun?«

»Willst Du reden?«

Der Tiroler schwieg.

»Bindet sie!«

Die Soldaten waren bereits an der Ärmsten, die, zum Tode erschrocken, keinen Widerstand leistete. Das Kind schrie kläglich nach seiner Mutter.

»An den Felsen dort gegenüber mit ihr!«

Die Frau wurde dahin gestoßen; selbst der wilde Subaltern-Offizier blickte fragend, zweifelnd auf seinen Vorgesetzten.

»Drei Mann vor!«

Drei andere Henker stellten sich vor die Frau.

»Ich habe geschworen, Mann, den Aufenthalt des Rebellenführers zu entdecken, so wahr ich Fourichon de Massaignac heiße! Bei diesem Kreuz, das mir der Kaiser bei Eßlingen gab! Bedenk' also, Mensch, daß ich nicht scherze, und Du, Weib, flehe zu Deinem Mann, wenn er Dich lieb hat, zu reden, denn es gilt Dein Leben!«

»Gnade, Herr! Gnade für mei unschuldig Weib!«

»Willst Du bekennen?«

Der Gemsjäger antwortete nicht.

»Fertig zum Feuern! – Schlagt an!«

Der Tiroler rang wie ein Rasender in seinen Banden gegen vier der Soldaten, die ihn festhielten.

»Mörder! elende Feiglinge!«

»Willst Du reden?«

»Kathi – Kathi – i darf nit!«

»Sei a Mann, Nazi! hab' i g'standen im Kugelregen mit Dir am Sterzinger Moos, kann i a sterben hier den Tod fürs Tirolerland! Die heil'ge Jungfrau wird's segnen an unserm Kind!«

»Eins – zwei –«

Die arme Frau fiel in der Todesangst auf die Knie.

»Heil'ge Mutter Gottes, sei mir gnädig! Leb' wohl, Nazi, und b'hüt das Stas'l!« Anastasia.

»Willst Du reden?«

»Fluch Enk und allen franschen Henkersknechten! Mögen die Tiroler Berg' Euer Grab werden!«

»Dann – Cap de Bioux! So habe, was Du willst!«

Der Kapitän hob die Hand, aber eine andere faßte sie und drückte sie nieder.

Es war der Mann im Mantel, der noch das Kind im Arm hielt. »Das ist ein schlechtes Mittel, Kapitän,« sagte der Fremde französisch, »auf diese Weise werdet Ihr's nie erfahren. Droht mit dem Kinde, das ist's, was beiden am meisten am Herzen liegt. Für das Leben des Kindes wird das Weib bitten, nicht für das eigene!«

Der junge Offizier murmelte einen wilden Fluch. »Der Teufel mag bei einem Priester in die Schule geh'n! Ihr habt recht – ich war blind! – Gewehr in Ruh'! setzt ab!«

Die Musketen rasselten zur Erde, die geängstete Frau warf ihre Augen, von Thränen überströmend, dankend zum Himmel und dann in freudiger Hoffnung auf Gatten und Kind, denn sie glaubte, das Mitleid habe gesiegt in dem Herzen des Offiziers.

Aber der finstere Blick desselben machte sie erbeben.

Der Kapitän hatte den Arm des Kindes gefaßt und war mit diesem dicht an den Rand des Plateaus getreten, wo der Fels überhing über die jähe furchtbare Tiefe, zu der unzugänglich, schroff und steil die Schnee- und Felsenwand niederstieg. In seiner Brust schien ein Kampf vorzugehen, das bessere Gefühl, die Menschlichkeit, rang mit dem Teufel des Stolzes und Zornes.

Nur zwei Schritte von ihm stand der Verhüllte.

»Vielleicht ist Kapitän Bourdillon glücklicher und bringt den anderen zum reden!«

Die in leichtem Ton, aber mit tiefer Bedeutung gesprochenen Worte schienen den jungen Offizier zum trotzigen Entschluß zu treiben.

»Kapitän Bourdillon soll mir nicht den Vorrang ablaufen, der Auftrag des Generals soll erfüllt werden – ich habe es geschworen, bei meiner Ehre!«

Er wandte sich barsch zu dem Mann im Mantel. »Es ist keine Zeit, Versteckens zu spielen, reden Sie zu den Leuten und sagen Sie ihnen, was auf dem Spiele steht – das Leben ihres Kindes!«

Der Mann erfüllte sichtlich ungern den Befehl, aber es blieb ihm unter dem strengen Blick des Offiziers nichts übrig. »Nazi Haspinger,« sagte er gleißnerisch, »Du hast Deine Pflicht als ehrlicher Mann gegen Dein Vaterland erfüllt; Du hast aber Pflichten auch gegen Weib und Kind. Im Namen Gottes und seiner Heiligen entbinde ich Dich von Deinem Eid – Du kannst ohne Besorgnis reden, wo der Hofer sich versteckt hält!«

Der Mantel war zurückgefallen; man sah unter seinen Falten das schwarze Gewand eines Geistlichen.

Haspinger starrte ihn an, als wollten die Augen aus seinem Kopf dringen, erst erstaunt, verwundert – dann flog die Röte des Zorns über sein männliches Gesicht.

»Priester Donay! – Oes – wo kommt Oes hierher?«

»Er is a Verräter, Nazi,« schrie die junge Frau herüber. »Deß Gott erbarm'! er hat dem Franzos' den Weg hier herauf gezeigt, denn er wußt', daß Du kommen würd'st!«

»Priester! Mann Gottes! was habt Oes gethan? Wollt Oes Euer Land verraten an den Feind – Euren eigenen Freund, den Landeshauptmann?«

»Schweig!« herrschte der Pfaffe ihm ungeduldig zu. »Was versteht ein Mann wie Du von der Politik. Der Napoleon ist Herr im Land durch kaiserlichen Friedensschluß, und der Hofer nichts mehr als ein gefährlicher Rebell. Ich sprech' Dich los, Dich und den Peter Raffel von dem Eid, den Ihr geleistet in der Ranalter Kapell' – weiter brauchst nichts – ich hab' die Macht, zu binden und zu lösen!«

»Nit die Ehr'! nit die Treu' anes Tiroler Mann's!« sagte der Gemsjäger stolz und fest. »Falschzüngiger Priester, schwarzes Herz! Möge Dir Gott vergeben, deß die ehrlichen Tiroler Gebirg' an Verräter schau'n im Mann Gottes, der uns armen Lüt' den Weg zeigen soll ins himmlische Reich!«

»Thor! Du wirst es bereuen! Der Kapitän ist nicht der Mann, mit sich scherzen zu lassen!«

»Und wär' er der Deuxel aus der Höll' – er wird nit Leids thun dem unschuldigen Kind! Gott der Herr ist über ihm, wie über mir, hier ist mei Brust: mögen die Franzosenkugeln sie zerreißen! Du aber bist a meineidiger Verräter an Deinem Herrgott und Deinem Land, und i spei' Dir ins Ang'sicht, falscher Bub'!«

Die That folgte dem Wort; der Priester stürzte mit geballten Fäusten drohend auf ihn zu, dann aber ermannte er sich und kehrte ihm den Rücken.

»Er ist ein trotziger Bub', Herr,« sagte er tückisch zu dem Offizier, »der Eurer und des Kaisers Ansehen spottet. Ihr müßt ihm das schlimmste thun, wenn Ihr seinen Starrsinn brechen wollt. Droht dem Rebellen-Bankert, Kapitän,« fuhr er flüsternd fort, »es ist das einzige Mittel, oder das Geheimnis entgeht uns!«

Roter Jähzorn, steigende Leidenschaft lag auf der Stirn des Kapitäns. »Wage es nicht, länger mit mir zu spielen, Mann! Du kennst mich nicht und weißt nicht, wessen ich fähig bin! Nieder auf die Knie und bekenne, wenn Du das Leben dieses Kindes retten willst.«

Seine rauhe Faust faßte das unschuldige Wesen und drängte es dicht zum Abgrund.

»Barmherzigkeit, Herr, wenn Oes ein Mensch seid. Tötet mich, aber laßt das Dirndl!«

»Bekenne! weißt Du des Sandwirts Versteck?«

»I waß es, Herr – aber i hab' geschworen –«

»Wo ist es? Sprich …«

»Niemals, Herr, i kann nit …«

Der Kapitän hob das Kind wie eine Feder in seinen Armen empor und hielt es über den Abgrund. »Rede – oder ich zerschmettere es an den Felsen!«

Die unglückliche Mutter sank bei dem Anblick in die Knie. »Heil'ge Mutter Gottes, mei Kind! mei Kind! Mann, was thust Du – rette das Dirndl!«

»I kann nit, Weib – i –«

»Unser einziges! unser alles! Nazi, rede –«

»Weib, mach' mi nit rasend! – i darf nit – i kann nit!«

»So habe, was Du willst –«

Der Offizier schwang drohend das Kind empor, als wolle er es in den Abgrund schleudern – der Gemsjäger rang wie ein Verzweifelter in den Armen der rauhen Soldaten, die selbst nicht ohne Teilnahme und Widerwillen auf das grausige Schauspiel zu blicken begannen.

»Bekenne!«

»Niemals!«

Ein Schluchzen – mit der Kraft einer Löwin riß sich die Mutter aus den Händen ihrer Wächter und stürzte auf den Offizier zu. Er wollte ausweichen – eine Bewegung – ein gellender gewaltiger Schrei, wie aus zerreißender Brust – die Hand des Kapitäns war leer – er selbst taumelte am Abgrund, und nur der Arm des verräterischen Priesters riß ihn vom Sturz zurück, der ihn dem unschuldigen Opfer nachzuziehen drohte.

Die Frau lag ohnmächtig auf dem Schnee!

»Rettet das Kind! rettet das Kind! Bei Gott im Himmel, es war nicht meine Absicht!«

»Bösewicht! doppelter Mörder!«

Der unglückliche Vater, den die Soldaten, selbst entsetzt von der That, losgelassen hatten, donnerte es ihm ins Ohr, indem er neben seinem bewußtlosen Weibe kniete und sie wenigstens mit seinen Worten ins Leben zu rufen suchte, da ihm die Hände noch immer gebunden waren.

Unterdes waren alle, die nicht gezwungen mit der Bewachung der beiden Gefangenen beschäftigt blieben, an den äußersten Rand des Felsens geeilt, über den weit hinaus gebeugt, totenblaß der Kapitän seinem Opfer in die Tiefe nachschaute.

Wir haben bereits erwähnt, daß die Felsenspalte über den Abgrund vorstand und die Wand dann, zum Teil mit Schnee bedeckt, sich in überaus steilem, fast senkrechten Winkel zur unermeßlichen Tiefe streckte.

Ein Schrei des Erstaunens, der Freude! einer der Soldaten, der zur Seite getreten, wo der Steg sich um den Felsen zur Seite kehrte, an der der Gemsjäger verhaftet worden, deutete nach der Wand.

Ein starker, astiger Laatschenbusch hatte hier, etwa vierzig Fuß unterhalb des Plateaus, in den Sprüngen des Gesteins Wurzel geschlagen und sich ausgebreitet. Er war dick mit Schnee bedeckt und bildete eine Art von Vorsprung.

Aus diesem Gewirr von Laub, Zweigen und Schnee tauchte jetzt der rosige Kinderkopf in die Höhe, das kleine unschuldige Gesicht hin und wieder unter der warmen Pelzhaube ein wenig geritzt von den stacheligen Laubnadeln, aber sonst ganz frisch und munter. Das beschneite Laatschendickicht hatte den Fall gebrochen und das Kind wie in weichen Mutterarmen festgehalten. Das Gewirr der Zweige und Äste war in der Tiefe so dicht und undurchdringbar, daß es der kleinen Last vollkommen Widerstand geleistet. Müssen doch oft diese zähen Zweige die Last eines erwachsenen Mannes über dem Abgrund tragen, daß zwischen ihm und der Ewigkeit nichts ist, als der schwanke, dünne Halt, und dennoch, so lange der kühne Gemsjäger und Bergsteiger ihn noch in der sehnigen Faust hält, verzweifelt er nie an seiner Rettung.

Der Tiroler, der bei dem Ruf emporgesprungen, und der Pfaff' sahen sogleich, mit den Wundern dieser Bergnatur bekannt, daß das Kind gerettet werden konnte, wenn es sich ruhig verhielt und die geeigneten Mittel herbeigeschafft wurden. Der Ruf: »Es lebt! es lebt!« drang selbst durch die Ohnmacht der Mutter und rief sie zum Leben zurück. Mit dem Geschrei: »Mei Dirndl! wo is mei Kind?« fuhr sie empor und kniete an dem Rande des Abgrunds, vergeblich versuchend, die gebundenen Hände nach ihm auszustrecken.

Das Herz des Offiziers schien erweicht durch das furchtbare Unglück und den erbarmenswerten Anblick; er befahl, die Bande der Frau zu lösen und nach kurzem Bedenken auch die des Tirolers, indem er dem Leutnant einen Wink gab, ihn scharf bewachen zu lassen. Der Gemsjäger drückte sein Weib an die Brust, dann wandte er wieder sein Auge auf das Kind, alle Chancen der Rettung mit dem an Schwierigkeiten gewöhnten Blick ermessend.

Aber die Gefahr wuchs zum Entsetzlichen durch das Kind selbst.

Das kleine Mädchen schien durch den Fall wenig erschreckt und keine Ahnung zu haben von der furchtbaren Lage, in der es sich befand, vielmehr ganz zufrieden, als es sich aus dem Laatschengebüsch emporgearbeitet hatte und, über den Rand des Felsens gebeugt, die Gesichter seiner Eltern erkannte. Es rief sie an und begann dann auf Händen und Füßen an der Schneewand emporzuklettern.

Dieser Anblick war entsetzlich, er schnürte den Zuschauern die Brust zusammen – sie wagten kaum zu atmen, viel weniger zu rufen.

Der Gemsjäger wollte rufen, wollte dem Kinde befehlen, auf dem Laatschenbusch, der allein es von der Ewigkeit trennte, sich nicht zu rühren, bis ihm auf irgend eine Weise Hilfe gebracht würde, aber es war bereits zu spät, der Ruf erstickte ihm in der Kehle, er würgte vergeblich nach einem Wort – nur die starren Blicke hielt er auf das unschuldige Wesen gerichtet, während sein Weib, das Gesicht in die Hände verhüllt, stöhnend an seiner Seite kniete.

Eine der Heerscharen Gottes hat ihre besondere Mission, sie trägt auf ihren Händen und auf ihren Flügeln die Kinder. Die Engel sind mit den Unschuldigen! Würde je sonst ein Kind zur Jungfrau, zum Mann emporwachsen?

Niemals, und hätt' es den höchsten Preis der Jagd gegolten, würde der unerschrockene Gemsenjäger es gewagt haben, diese Felsenwand ohne künstliche Hilfe hinab oder hinauf zu klettern, der kühnste Bergsteiger in ganz Tirol würde den Versuch als wahnwitzig und als gewissen Tod angesehen haben.

Das Kind aber kletterte empor, Zoll um Zoll, bald mit den Händchen und Füßen in eine Spalte geklemmt, bald einen Laatschenzweig fassend, oder mit dem Schnee spielend und ihn in die unermeßliche Tiefe rollen lassend. Dabei streckte es immer das von der Winterluft frisch gerötete Gesichtchen vergnügt nach oben und lächelte den Eltern zu.

»Mütterli! 's Stas'l kommt zu Dir, rehr Rehren – weinen. nit, Mütterli!«

»Was sollen wir thun?« flüsterte der Gemsjäger.

Die junge Frau hob schweigend das Auge und die Hand gen Himmel, dann lehnte sie sich so weit über den Felsrand, daß sie hinab gestürzt wäre, wenn die starke Hand ihres Gatten sie nicht gehalten hätte.

Plötzlich stieß sie einen tiefen Seufzer aus – die Fessel der Zunge schien gelöst. »Stas'l, herzliebes Stas'l – wo bist Du? i seh' Di nit mehr. Um Christi willen, des Kind is 'nunter g'fallen!«

»Mütterli,« klang die helle Kinderstimme herauf, »i schau' Di nit mehr!«

»Wo bist Du, Dirndl? wo bist Du?«

»'s is hübsch hier, Mütterli, so fein und warm. Und a Dachl is über'm Kopf und Gamshörndl zum Spielen!«

»Halt' Di fest, Kind! ruck Di nit von der Stell', bis der Vadder kommt!« Die Frau streckte flehend die Arme nach dem Offizier aus.

»Ist es möglich, hinab zu kommen?« fragte er den Tiroler.

»O Herr, was wär' einem Vater nicht möglich! Mit dem Strick, den i bei mir führ' …«

Er faßte nach dem Ranzen und schrak zusammen; er hatte die Tasche, die zugleich einige Nahrungsmittel enthielt, in der Jägerhütte bei dem Kapitän gelassen.

Der Priester Donay hatte ihn scharf beobachtet, seine Bewegung und das plötzliche Erschrecken waren ihm nicht entgangen.

»Fragen Sie ihn, wo er seinen Ranzen gelassen hat,« flüsterte er dem Offizier in französischer Sprache zu, »kein Gemsschütz in Tirol geht ohne denselben.«

»Wo ist Deine Jagdtasche?« fragte der Kapitän mit neu wachsendem Mißtrauen.

Der Gemsjäger war verwirrt, er stotterte eine Ausrede her, daß er sie verloren, aber er verwickelte sich in Widersprüche; zuletzt schwieg er finster.

Der Pfaffe winkte den Offizier zur Seite, dessen Unwillen das Benehmen des Gefangenen bereits aufs neue gereizt.

»Sie sehen, Kapitän, wie er Ihnen trotzt, die Befehle des Generals Baraguay d'Hilliers lauten auf das Bestimmteste und verpflichten Sie nötigenfalls, meinen Anweisungen zu gehorchen. Ich habe nicht Lust, meine Rache zu opfern und mein Wort zu brechen. Der Hofer hat mich tödlich beleidigt in seinem Hochmut, und ich hab' es geschworen, ihm zu vergelten. Ich verlange daher, daß Sie den Mann und die Frau, wenn Sie zu weichherzig sind, sie selbst zum Geständnis zu zwingen, sofort zum General bringen.«

Die Stirn des jungen Offiziers zeigte den Unmut über die trotzige Mahnung. »Aber das Kind?« sagte er finster.

»Lassen Sie den Balg, wo er ist,« entgegnete der Pfaffe, »ohne Stricke und Seile ist er doch nicht zu retten, und wir können aus dem Thal Leute herauf schicken, wenn er bis dahin nicht erfroren oder herunter gefallen ist. Durch die Angst um den Bankert gelingt es uns vielleicht auf dem Weg, den Verstockten zum Reden zu bringen.«

Der Kapitän wandte sich finster von dem schurkischen Priester; die Leidenschaft von vorhin war verflogen, er bereute sogar, was er gethan; aber der Dienst war gebieterisch, der Befehl des kommandierenden Generals, bei dem er Adjutantendienste versah, auf das Bestimmteste, er selbst hatte sich zu dem Zug erboten und seine Ehre verpfändet, den Zweck, die Entdeckung des Verstecks Hofers zu erreichen, während dem Kapitän Bourdillon, dem andern Adjutanten des Generals, der Auftrag geworden, den zweiten, von dem Verräter Donay als Mitwisser des Geheimnisses bezeichneten Mann auf dem Wege nach seinem heimatlichen Thal aufzuheben.

»Leutnant Lafère!«

»Kapitän!«

»Zwei Mann den Tiroler zwischen sich, zwei andere die Frau! Wagt er den geringsten Widerstand zu leisten, wird er geknebelt. Wir haben keine Zeit zu verlieren, um das Nachtquartier zu erreichen. Dort findet sich das weitere.«

Der Offizier gab die Befehle, die Soldaten rissen den Jäger und das Weib rauh von der Stelle und drängten sie zu dem gefährlichen Pfad, den der Priester vorangehend ihnen als Führer zeigte.

Der Jammer, die Verzweiflung des Mutterherzens waren grenzenlos, sprachen sich aber nur in unterdrücktem Schluchzen und flehenden Gebärden aus, denn die Unglückliche wagte es nicht, in lautes Geschrei auszubrechen, um das Kind nicht zu erschrecken auf der todesgefährlichen ihrem Auge nicht einmal sichtbaren Stelle, an der es hing.

»Um der Wunden Jesu willen, Herr, laßt mi mei Dirndl nit verlassen in seiner Todesnot!« Der starke Mann flehte mit gebrochener Stimme unter den Kolbenstößen der Soldaten, die ihn vorwärts trieben.

»Wo hält sich der Sandwirt verborgen?«

Der Tiroler wandte sich finster ab.

»Bedenk', Du rettest das Leben des Kindes!«

»Nazi, Nazi,« jammerte das Weib, »erbarm' Di des lieb' Dirndl! Wir haben g'than, was a ehrlicher Mensch thun kann; i wollt' sterben gern, aber des Kind – des Kind darf nit sterben – Mann, thu' den Mund af – red' …«

Der Tiroler rang sichtlich einen gewaltigen Kampf; als jedoch sein verzweifelnd umherrollendes Auge auf das tückische triumphierende Lächeln des Priesters fiel, wurde er fest entschlossen. »Es geht nimmer, Kathi,« sagte er. »Tiroler Treu' soll fest wie Gottes Berge sein – der da is ka ehrlicher Tiroler nit, sonst hätt' er uns nit verraten gekonnt. A Kind kann der Nazi Haspinger wieder machen, aber nit dem Tirolerland seinen besten Mann wiedergeben!«

»Fort mit ihm!«

Die Kolben und Fäuste der Soldaten stießen ihn vorwärts; der Gemsjäger schlug ein Kreuz wie segnend nach der Stelle hin, wo sein einziges, geliebtes Kind, einem schrecklichen Tode verfallen, zurückblieb, seine Lippen murmelten Gebete – –

Mehr getragen als geführt von den Soldaten, wurde die unglückliche Mutter fortgeschleppt.

Der Zug mochte kaum eine Viertelstunde bergab geklommen sein und war eben über eine breite Klamm Berg- oder Felsspalte. auf den schwankenden Bohlen geschritten, die den einzigen Übergang der tief hinab ins Thal und hoch hinauf zu den Eismassen und Felswänden sich windenden Kluft bildeten, als der Pfad durch seine Biegung das Felsplateau vor die Augen brachte, auf dem die schreckliche Scene sich ereignet hatte und das zur Seite über ihnen etwa zwei Flintenschüsse entfernt hing.

Unwillkürlich blieb der Zug stehen und aller Augen wandten sich nach der Stelle zurück, die bisher von den Windungen des Weges ihnen verdeckt geblieben war.

Die Gebirgsluft war so rein, das Licht der scheidenden Sonne in dieser Höhe noch so stark, während tiefe Schatten sich bereits auf die Thäler lagerten, daß man selbst mit dem bloßen Auge in dieser Entfernung deutlich alle Gegenstände zu erkennen vermochte.

Jeder sah sogleich, durch welchen Umstand das Kind vorhin den Augen entzogen und wahrscheinlich vor dem Sturz in die Tiefe bewahrt worden war.

Etwa zehn bis fünfzehn Fuß oberhalb des Laatschenbusches in der steilen Felswand befand sich ein dunkler Fleck, offenbar eine Vertiefung oder ein großes Loch, über dem das Plateau hinaushing.

In diese Höhlung, deren Tiefe oder Umfang natürlich nicht zu bestimmen war, mußte das Kind gekrochen sein. Ob es sich noch dort befand, ob es bereits von der Kälte erstarrt oder in die grausige Tiefe gestürzt war, die sich mit der eben überschrittenen Klamm vereinigte, das war zuerst unmöglich zu entscheiden.

Doch das Auge der Mutterliebe ist scharf.

Vielleicht, daß das Mutterauge nur einen Schimmer des dunkeln Röckchens, eine leichte Bewegung der kleinen Hand erspähte – die freudige Gewißheit, daß ihr Kind noch lebe, war lebendig in dem Herzen der jungen Frau und sie breitete inbrünstig die Arme dahin aus. »O Herr, das Dirndl lebt! mei Kind! mei Kind!«

Das bessere Gefühl kämpfte offenbar in der Seele des jungen Offiziers mit dem grausamen Beschluß, den er gefaßt und bisher festgehalten hatte – der Befehl zur Rückkehr schwebte auf seiner Lippe.

Plötzlich faßte das scharfe Ohr des Gemsjägers einen Laut auf, und er stürzte, angsterfüllt mit der Hand nach einem dunkeln Punkt deutend, vor.

Jener Laut wiederholte sich, näher, deutlicher – er glich einem kurzen, scharf abgestoßenen Krächzen!

»Mutter Gottes im Himmel! die Adler! die Adler!«

An der im roten Alpenglühen leuchtenden Felsenwand schwebte hin und her ein dunkler Punkt, ein anderer wiegte sich in dem Azur des Himmels.

»Die Adler? welche Adler?«

»O Herr des Himmels! seht Oes die Adler nit? – Sie kehren zu Nest und jetzt is mir alles klar – das Dirndl is in dem Nest!«

Die unglückliche Mutter schrie laut auf – der Offizier, erschüttert, wandte sich zu dem Vater. »Wir wollen umkehren, Mann, es ist keine Gefahr, die Vögel werden sich nicht an einen Menschen wagen!«

»O Herr – Oes kennt die Adler nit vom Hochgebirg', und diese da sind von den größten, i kenn' sie wohl. Sie tragen a jung Kiß fort in den Bratzen und des Dirndl is verloren, wenn Gott ka Wunder nit thut!«

Das eigentümliche Schauspiel fesselte aller Augen und sie hielten an auf der Stelle, von der die volle Aussicht vor ihnen lag. Man konnte jetzt deutlich die riesigen Vögel erkennen, denn der Strahl der Abendsonne spiegelte sich, wie auf den schneebedeckten Felsen, auf ihrem braungoldenen Gefieder. Die Vögel schienen etwas Ungewohntes in ihrem Lager zu wittern, denn ihr Geschrei tönte jetzt laut und zornig, das Männchen hatte sich auf einen Felszacken in der Nähe der Höhlung gesetzt und schlug mit den Flügeln, und das größere Weibchen, das nach der Schätzung des Jägerauges wohl drei Meter von einer Flügelspitze zur andern messen konnte, schoß von Zeit zu Zeit gegen die Höhlung und wandte sich dann in kurzem Winkel wieder zurück.

Aber man erkannte, daß jeder dieser Angriffe näher kam und jene Scheu verlor, welche die Raubtiere der Luft wie der Erde immer vor der menschlichen Gestalt zu überwinden haben.

Ein neuer Schrei der Mutter durchzuckte die Herzen, dort, über den Rand der Vertiefung oder des Nestes, wie jetzt jedermann wußte, bewegte und erhob sich eine kleine Gestalt, das Kind; es wehte mit seinem Tüchlein gegen die Vögel, als spiele es mit ihnen. Es schien die neue entsetzliche Gefahr nicht zu ahnen.

Das Adlermännchen breitete seine Schwingen aus und erhob sich schreiend in die Luft. Die beiden gewaltigen Vögel kreisten, wie um sich zu verständigen, einige Augenblicke um einander her, dann schossen sie von zwei Seiten in gerader Linie gegen ihr Nest.

Das Kind war verloren!

In diesem Augenblick sah man von der Stelle, an der vor einer Stunde der Gemsjäger von den französischen Posten überrascht und gefangen worden war, eine bläuliche Wolke sich emporkräuseln.

Das Adlerweibchen unterbrach seinen horizontalen Flug, es schlug ohnmächtig mit seinen gewaltigen Schwingen durch die Luft und stürzte flatternd in die Tiefe. Der Adler schoß erschreckt an dem Neste vorüber und erhob sich hoch in den Äther.

Zugleich trug die Luft den Knall eines Büchsenschusses herüber und das Echo der Berge wiederholte ihn in langen Rollen.

»Gerettet! heil'ge Jungfrau, hab' Dank, daß Du mei Kind beschützt!«

»Das ist der Raffel, Kapitän! der Kamerad des Rebellen! Zurück, daß wir ihm den Weg abschneiden!«

Die Mahnung des verräterischen Pfaffen war kaum nötig gewesen; die Soldaten, von den Offizieren getrieben, klommen bereits den Felsensteig empor.

Aber ihnen voran mit der Gewandtheit des Gebirgsjägers flog der Gefangene.

»Steh', Bursche! Schießt ihn nieder, wenn er noch einen Schritt thut!«

Der Haspinger blieb stehen und bückte sich – eine Kugel, die ein voreiliger Voltigeur nach ihm abgeschossen, flog über ihn hin; er war an der Klamm, die sie soeben überschritten, sein Fuß wurzelte gleichsam in dem Boden, so fest stemmte er ihn gegen das Gestein, während er mit Riesenkraft die beiden Bohlen erfaßte, die den Übergang über die tiefe Kluft bildeten.

»Halt, Schurke, was thust Du?«

Ein Ruck – an dem Gestein knirschten die Enden des Holzes – mit Gekrach stürzte es in die Tiefe, eines hinter dem andern –

Ein Säbelhieb des erbitterten Kapitäns über den Kopf lohnte die kühne That und hätte ihm den Schädel gespalten, wenn der zähe Filz des Tirolerhutes nicht die Schärfe der Klinge gebrochen und abgewandt hätte, so daß sie ihn nur leicht am Hals verletzte. Dennoch warf ihn die Wucht des Hiebes in die Knie, aber die Brust atmete ihm frei und freudig: der Mann, dessen Sicherheit ihm der geliebte Führer selbst anvertraut, der sein Kind vor den Adlern gerettet – er war durch ihn gerettet vor den Feinden und Gott allein anvertraut.

Die Offiziere und Soldaten tobten am Rande der Kluft und ließen ihren Zorn durch Faustschläge und Kolbenstöße an dem Gefangenen aus, der jetzt ohne Widerstand alles geduldig ertrug. Vergebens fragte der Kapitän den Priester nach einem andern Weg, um hinüber zu gelangen und die Verfolgung fortzusetzen. Donay erklärte, daß, um die Klamm zu umgehen, auch der geübteste Bergsteiger mindestens drei Stunden nötig habe, und daß es noch längere Zeit dauern würde, um neue Mittel herbeizuschaffen, den einzigen Übergang nach dem jenseitigen Bergrücken wieder herzustellen. Zugleich erinnerte er, daß man ja den Gefangenen habe und eilen müsse, mit ihm zum Zweck zu kommen, ehe der Sandwirt, Entdeckung fürchtend, vielleicht sein Versteck verändere.

»Du hast selbst das Schicksal Deines Kindes besiegelt,« sagte Kapitän Massaignac drohend zu dem Tiroler, während die Soldaten ihn fortschleppten, »es muß elendiglich umkommen, auch wenn es nicht den Raubvögeln zur Beute wird, während ich es retten wollte.«

»Die Heiligen werden das Dirndl schützen, wie sie es vor den Adlern bewahrt!«

Als wolle der Himmel dem gläubigen Vertrauen antworten, drang ihm ein freudiger Ruf der jungen Frau ins Herz. Die Mutter war nicht von der Stelle gewichen, wo sie ihr Kind in seiner Todesgefahr sehen konnte. Sie kniete auf dem Wege und hielt ihre Augen fest auf die Felswand gerichtet.

»Gott der Herr schickt an Engel, Nazi, er wird das Dirndl retten!«

Oben auf dem Plateau der Felswand, das über dem Adlernest und der Zufluchtsstätte des Kindes hing, zeigte sich jetzt der Schütze ganz offen, mit einem Werk beschäftigt, über das die Zuschauenden nicht im Zweifel sein konnten. Er hatte den Stutzen von sich gelegt und war bemüht, die Stricke an einander zu knüpfen und an einem vorspringenden Stein sicher zu befestigen, die er in dem zurückgelassenen Ranzen des Jägers gefunden hatte.

Dieser erkannte sofort, was er bereits geahnt, in dem so unverhofft erschienenen, wie von Gott gesandten Helfer den österreichischen Offizier, den er über das Gebirge geleitet, während die anderen, selbst den verräterischen Priester nicht ausgenommen, von der Tracht irre geführt, und da der Entfernte ihnen bei seiner Beschäftigung meist den Rücken zuwandte, glaubten, es sei ein Tiroler und der Mann, nach dem die zweite Streifpartie im Hochgebirge, als auf den Vertrauten des Sandwirts, fahndete.

»Schießt den Spitzbuben herunter,« befahl der französische Kapitän, »fünf Napoleons, wer ihn trifft!«

Die Musketen der Soldaten knallten eine nach der andern, doch es erwies sich bald, daß die Kommißgewehre bei weitem nicht genug trugen.

Der Mann auf dem Felsen hatte jetzt die Stricke befestigt und durch das Einbinden von Knoten und Laatschenzweigen, die er abgeschnitten, eine Art von Leiter hergestellt. Dennoch erkannte selbst das mit den Gefahren eines solchen Herabklimmens an dem scharfen überhängenden Gestein nicht vertraute Auge der französischen Soldaten, daß es sich um ein Wagstück der kühnsten Art handele, bei dem der kleinste Fehltritt, der geringste Zufall den Unternehmenden hinausschleudern mußte in die Ewigkeit.

Das Herz erbebte dem wackern Gebirgsjäger, als er mit starrem Auge den Bewegungen des kühnen Mannes folgte, der sein Leben preisgab, das fremde Kind zu retten. Sein Gebet vereinigte sich, ohne daß die Lippen es sprachen, mit dem lauten seines Weibes.

Der französische Kapitän setzte das kurze Fernglas, mit dem er bisher jede Bewegung des Feindes beobachtet, ab, als sei ihm ein glücklicher Gedanke gekommen. »Den Stutzen, Laporte, ich hatte ihn ganz vergessen, er wird genügen!«

Haspinger erzitterte; er hatte an die gefährliche Büchse nicht gedacht, die man ihm bei seiner Verhaftung abgenommen.

Der Sergeant reichte dem Offizier das Gewehr, dessen Ladung dieser sorgfältig prüfte, ehe er es zum Anschlag hob.

Die Schatten der Dämmerung begannen sich an der glühenden Felswand langsam emporzuziehen, bis auf wenige Ellen hatten sie schon die Höhlung erreicht.

Plötzlich sah man den Fremden an dem schwanken Strick über das Plateau gleiten und sich hinaus in die freie Luft über den Abgrund schwingen.

Ein Schrei entrang sich der Mutterangst, das Krachen des Büchsenschusses antwortete ihm – hatte er getroffen? Niemand wußte es anfangs, der Mann schwankte an dem Strick hin und her – dann sah man ihn in dieser gefährlichen Lage eine Hand loslassen und triumphierend herüberschwenken.

Eine neue Salve der Soldaten antwortete der trotzigen Herausforderung, ohne einen weitern Erfolg zu haben.

»Schießen Sie noch einmal, Kapitän,« sagte der Leutnant, der unterdes das Glas genommen, »die Büchse trägt so weit; ich konnte es deutlich erkennen, wie die Kugel an die Felswand schlug, kaum eine Hand breit über dem Kopf des Schurken.«

Aber auch der Gemsjäger kannte die Eigenschaften seines Gewehrs und wußte, wie gefährlich jede Wiederholung des Schusses werden mußte.

Als der französische Offizier sich umwandte, das Gewehr zu laden, sah er zu seinem Ärger, wie der Gefangene den ganzen Vorrat des Pulverhorns in den Schnee geschüttet hatte, und seine Hand die wenigen Kugeln, die er zu sich gesteckt, in den Abgrund springen ließ.

Ein Faustschlag ins Gesicht lohnte die Vorsicht; aber bis aus den Patronen der Soldaten eine neue Ladung zusammengebracht war, vergingen mehrere Minuten, und die Kugel der Kommißgewehre paßte nicht in die kleinen Züge der Büchse.

Mit einem Fluch wandte der Offizier den Blick wieder der Felswand zu, welche die Augen der meisten seiner Begleiter nicht verlassen hatten.

Der Mann hatte auf der abschüssigen Wand mit Hilfe des Strickes Fuß gefaßt und sich bis zu der Höhlung emporgearbeitet, die jetzt bereits der steigende Schatten deckte. Dann sah man auf dem dämmernden Grund eine dunkle Gestalt erscheinen und darauf in der Luft hin und her schwingen, der Fremde begann das schwierige Werk des Emporsteigens. Daß er es nicht ohne das Kind that, ob lebend oder tot, ließ sich annehmen, obschon man nicht wissen konnte, wie er es fortbrachte.

Bei der allgemeinen Aufmerksamkeit, welche die Scene fesselte, war es dem Tiroler gelungen, unbeachtet neben seine Frau zu gelangen, neben der er niederkniete, als wolle er sein Gebet mit dem ihren vereinigen.

»Hör' mi an, Kathi,« flüsterte er.

»I horch'!«

»'s is nit der Raffel, der das Dirndl rettet,« murmelte er weiter, »'s is der fremde Herr, den Du nach Spruck schaffen sollst. Er is unbekannt im Gebirg' und muß umkommen mit samt dem Stas'l, wenn i ihm nit zu Hilf' komm'. Fürchst Di nit, allein zu bleiben mit dem Ruechvolk?«

»I fürcht' mi nit, aber Du, Nazi – es kann Dei Tod sein, wenn Du entwuscht!«

»Sie derschießen mich auch, wenn i bleib' – die Heil'gen werden mi nit verlassen. Morgen in der Nacht komm' i zum Hof! Paß a'f am Saumschlag, wo's Kreuz steht, und bet' a Nuster Paternoster. für mich.« Er sprang empor, und schlug die Arme in die Luft, den gellenden Jodlerruf der Tiroler ausstoßend, daß er weit hinein in die Berge schallte. »Juchhei! ioh! 's Dirndl is gerettet!«

Die letzten Reflexe der Abendsonne glühten auf dem Felsplateau wie geschmolzenes Gold; hoch ab durch die Strahlenbrechung hob sich die Gestalt eines Mannes von dem Gestein, in seinen Armen hielt er das Kind – durch die Stille der Abendluft schien ein fernes Hurra! triumphierend den Schrei des Tirolers zu antworten.

Die französischen Offiziere und Soldaten waren außer sich vor Wut, nur der verräterische Priester bewahrte seine Ruhe.

»Lassen Sie den Bankert, Kapitän; mit der Last wird der Bursche desto eher den Patrouillen in die Hände sollen. Wir haben den Mann; aber lassen Sie uns eilen, ehe die Nacht vollends heraufkommt, oder Sie sind in Gefahr, alle den Hals zu brechen.«

Der Kapitän erkannte, daß er schon zu lange gesäumt, und gab Befehl zum eiligen Weitermarsch. Dem Gefangenen wurden aufs neue die Hände gebunden, und die genaueste Bewachung desselben den Soldaten eingeschärft. Die Frau ließ man ungefesselt und nur der lüsterne Leutnant, dem ihre Schönheit in die Augen gestochen, kümmerte sich um sie.

Das Plateau drüben an der Bergwand war leer – das Kind und sein Retter waren verschwunden.

Bergab ging der steile Pfad, der Marsch war oft mit den größten Gefahren und Schwierigkeiten verbunden, denn an vielen Stellen konnte nur Mann vor Mann den schmalen Weg betreten. Man hatte die größte Aufmerksamkeit für den Gefangenen und die gespannten Gewehre der hinter ihm Gehenden drohten ihm augenblicklichen Tod, wenn er einen Versuch zur Flucht machen sollte. Aber er schien nicht einmal daran zu denken, seit er sein Kind gerettet wußte, und klomm ruhig und gehorsam den Weg hinab.

Je tiefer man kam, desto gangbarer wurde derselbe, und desto geringer die Gefahr des Entweichens – die Aufmerksamkeit der Wächter begann daher nachzulassen.

Es war völlig Nacht geworden, aber über die Berge herauf stieg die Mondscheibe empor, die Schatten noch fester und dunkler hervortreten lassend.

Das Thal war von französischen Truppen besetzt, daher lebe Besorgnis unnötig. Bereits sah man die Lichter des Weilers Ranalt blinken.

Der Marsch der kleinen Truppe ging jetzt einen Saumschlag Gepflasterte schmale Bergstraßen für die Saumtiere (Maulesel), Pferde und Esel auf deren Rücken die Frachten durch die Berge transportiert werden. entlang, der am Berge hinführte. Zur Seite fiel der Abhang, mit Schnee bedeckt, steil hinunter bis zu dem Bett eines kleinen, unter der Eisdecke rauschenden Gebirgsbaches, der sich, von hohen Schneewehen überragt, unter einer natürlichen Brücke des Felsgesteins verlor. Ein steinernes Kreuz, wie solche in Tirol die Stätte eines jeden der zahlreich vorkommenden Unglücksfälle bezeichnen, erhob sich über diese Brücke.

Der Saumpfad war so breit, daß drei Personen neben einander gehen konnten. Zwei Voltigeure gingen zur Rechten und Linken des Gefangenen, ein dritter hinter ihm, dann folgte die Frau mit dem Leutnant und mehrere Soldaten, während der Kapitän mit dem Priester die Führung des Zuges bildete.

Der Gemsjäger warf, ohne nur den Kopf zu wenden, einen raschen Blick um sich; er war an der Stelle angekommen, die er sich gewählt. Fünfzig Schritte weiter war jede Flucht unmöglich.

Er hustete leicht.

»Jesus Maria – was passiert!« Die Frau kreischte laut auf und deutete nach dem Berg in die Höhe, sie that, als sänke sie vor Schrecken in die Knie – der Leutnant fing sie auf, die Soldaten wandten, einen Überfall glaubend, sich rasch nach der Bergseite.

Diesen Augenblick, das Thun seines Weibes wohl verstehend, benutzte der Gemsjäger, und indem er mit einem Stoß den achtlosen Soldaten an seiner linken Seite über den Rand des Saumpfades in die Schlucht warf, stürzte er sich ihm nach, gleichgültig, wie er hinunter gelangen möge, rollend, fallend, zerschunden und von dem Gestein beschädigt.

Der Lärm des Sturzes und der Ruf des Pfaffen hatten im Nu die Soldaten auf das kühne Manöver aufmerksam gemacht, und fünf, sechs Gewehre richteten sich auf die zur Eisdecke des Baches nieder rollende Masse, aber niemand wagte im ersten Augenblick zu feuern, um nicht den eigenen Kameraden zu treffen. Im nächsten Moment schon, als das Mondlicht zeigte, wie eine der beiden dunkeln Gestalten sich von der andern trennte, emporsprang und nach der Wölbung der Felsbrücke huschte, verhinderte ein anderer Vorgang das Schießen, denn gleich einer Löwin war die junge Frau emporgesprungen und hatte sich, mit weit ausgebreiteten Armen die Gewehre zurückdrängend, vor die Soldaten geworfen.

»Um Christi willen – schießt nit! tötet ihn nit!«

»Verfluchte Metze! nieder mit ihr, wenn sie nicht weicht!«

Der Kapitän selbst, den Säbel in der Faust, sprang den Abhang hinunter.

Ein gellender, herzzerreißender Schrei schlug noch in die Ohren des Flüchtlings und fesselte seinen Fuß – aber Musketenkugeln pfiffen bereits um ihn, das Geschrei der Verfolger, die in den Grund hinabklommen, erscholl – er stürzte sich in die Schneewehen, die den Eingang des unterirdischen Durchgangs schlossen, und verschwand, wie von der Erde verschlungen, den Augen der Tobenden.


Es war in der nächstfolgenden Nacht – vom 20. zum 21. Januar – als zwei Wanderer von Abend und den Lisenzer Fernern her in das Stubbhayer Thal vorsichtig niederstiegen. Es waren die beiden, die vor zwei Tagen von Süden das Hochgebirge herabgekommen waren und am Grindlberg sich von ihrem Begleiter getrennt hatten, um dann so Schreckliches zu bestehen, der Gemsjäger und der österreichische Offizier. Der erstere trug statt der verlorenen Büchse in seinen Armen, wohl eingehüllt gegen die Kälte, ein schlafendes Kind.

Sie schritten vorsichtig den Thalgrund nieder, der Offizier, den Hahn seines Gewehrs gespannt, achtsam auf jedes Zeichen einer Gefahr.

»In fünf Minuten, Herr, sind wir am Hof,« flüsterte der Gemsjäger, »nehmt das Kind und laßt mi vorausgeh'n, um zu schau'n, ob noch die franschen Schildwachen dort steh'n!«

Der Tausch geschah; jetzt das Gewehr in der Hand, kroch der Tiroler in den Schatten der Bergwand nieder.

Aber kein Laut regte sich, keine Spur einer Schildwache – einsam und still standen die Trümmer des niedergebrannten Hofes.

Der Tiroler ahmte dreimal leise das kollernde Balzen des Spielhahns nach, dann lauter und lauter – es war das Zeichen, dessen er sich oft bedient, als er noch zu seinem Weibe in die Freite ging, zur alten Sitte des Fensterlns, um sie von seiner Anwesenheit zu benachrichtigen.

Alles blieb still, nur ein leises Winseln antwortete ihm.

Der Tiroler schien jeden Laut, der ihm hier begegnete, zu kennen. »Tyras!« rief er leise.

Aus den Brandmauern hervor kam langsam ein dunkler Gegenstand gekrochen – das Winseln wurde zu einem freudigen heisern Gebell, ein Haushund mit rauhem zottigem Fell richtete sich mühsam auf drei Beinen an dem Jäger empor und leckte ihm Hand und Brust.

»Armes Pummerl,« sagte der Tiroler, mit der Hand über das Tier hinfahrend und unter dem Zucken und kläglichen Winseln desselben fühlend, daß der eine Hinterfuß ihm abgeschlagen oder gebrannt war, »haben sie Di so zugericht't, die Malefiz-Franschen!«

Der Hund, als verstände er dies Wort, stieß ein grimmiges Knurren aus.

»Du hast Menschen-Verstand, Tyras, i kann Dir trauen. Is des Franschen-Volk noch in der Näh'?«

Der Hund kläffte laut und wild.

»Also nit? – Aber wo is denn die Kathi, die Hoffrau, Tyras? Des Ruechenvolk wird sie doch nit mitg'nommen haben?«

Der Hund stieß ein so klägliches Geheul aus, daß der rauhe Bergbewohner davon erbebte.

Zum erstenmale überkam den Gemsjäger ein schrecklicher Gedanke, sein Haar sträubte sich, sein ruhiger, vorsichtiger Blick wurde wild, unstät umherfahrend.

Er kehrte sich um, raschen Schrittes zu dem Gefährten zurückzukehren und diesem zu sagen, daß er nach dem Dorf gehen wolle auf jede Gefahr hin, aber er fand den Offizier mit dem Kinde im Arm bereits an seiner Seite.

»Die Kleine ist erwacht,« sagte der Kapitän, »und erkannte den Hund an seinem Gebell. Sie will zu dem alten Spielgefährten, und da ich Euch sprechen hörte, wußte ich, daß nichts zu fürchten war.«

Der Hund winselte freudig in der Nähe des Kindes, das er mit all jenen Liebkosungen begrüßte, welche die Natur ihn gelehrt. Dann humpelte er zu seinem Herrn zurück, faßte den Riemen des Stutzens, den er in der Hand hielt, begann sein Geheul aufs neue und zog ihn vorwärts.

»Es is was vorgefallen, Herr, was Schlimmes, i schwör' darauf,« sagte zitternd der Jäger. »Schaun's wie das malade Tier mich an den Füßen drängt und schiebt, deß i mit ihm kommen soll. I muß ins Dorf, und wenn's mei Leben kosten sollt'!«

»Aber die Franzosen können dort sein?«

»Ka Fremder mehr – des Tier hat mir's g'sagt. I muß mi schleunen und dechter is mir's doch, als hätt' i Blei in den Füßen!«

»Ich geh' mit Euch, Nazi, auf jede Gefahr hin. Vorwärts denn! Gott ist über uns überall!«

Der Gemsjäger schritt eilig voran, vor ihm, gleichsam den Weg zeigend, humpelte winselnd der Hund.

So stiegen sie die Halde nieder bis ins Thal, aus dem ihnen bei der Wendung des Weges ein einzelnes Licht entgegenblinkte.

Im Gebirge gehen die Menschen zeitig zur Ruhe, es konnte demnach den mit ihren Gewohnheiten Vertrauten nicht auffallen, daß in keinem Hause Licht war, und mußte ihnen vielmehr als Beweis dienen, daß die Soldaten nicht mehr hier waren.

Das einsame Licht kannte der Nazi wohl – es war das ewige Lämpchen, das in der steinernen Kapelle brannte, die nach alter Sitte mitten im Weiler an der Brücke, wo sie über den Gießbach führt, stand.

Dennoch kam ihm das Licht jetzt ungewöhnlich, auffallend, unheimlich, glänzender als sonst vor.

Der Hund nahm seine Richtung einen Fußsteig entlang, der gerade auf die Kapelle zuführte, an dem Gebirgsbach entlang, durch dessen Schlucht er sich am Abend vorher gerettet.

Plötzlich blieb der Mann stehen und fuhr sich mit dem Tuch über die Stirn, dicke Schweißtropfen abtrocknend, den Oberkörper vorgebeugt, als lausche er auf einen verdächtigen Ton.

Der Kapitän hielt gleichfalls seinen Schritt an, um zu horchen, ob vielleicht Waffenklang oder das Qui vive? einer französischen Schildwacht – –

Nichts davon! aber es kam ihm vor, als mische sich in das leise Winseln des Hundes ein klagender Ton, wie ein ferner Gesang!

»Kommt, Herr, kommt!«

Die Stimme des starken, mit allen Schrecken der Natur und des Krieges vertrauten Mannes klang, als würge er die Worte aus der Tiefe der Kehle hervor.

Dann eilte er so hastig weiter, daß der Kapitän ihm mit dem Kinde kaum zu folgen vermochte.

Je näher sie kamen, desto vernehmlicher wurde jener Ton; der Offizier konnte nicht mehr zweifeln, daß es ein Klagegesang, eine Litanei von mehreren Stimmen war, wie er sich erinnerte, sie bei den Leichenfeierlichkeiten im Gebirge gehört zu haben.

Die Töne – man konnte jetzt deutlich die Weiberstimme erkennen – schwollen jetzt schrill und deutlich ihnen entgegen, als sie um einen dunkeln Stadel bogen und über den Steg schritten – vor ihnen lag die kleine Kapelle.

Die Thür nach der Straße zu stand offen, wie bei allen diesen zahlreichen Kirchlein und Kapellen im Gebirge, die allein unterm Schutz des frommen Sinnes der Bewohner stehen. Schätze haben sie ohnehin nicht, als die kleinen Gaben, die das Gelübde des armen Mannes an ihren wunderthätigen Bildern aufgehängt hat.

Heller Lichtschein quoll ihnen aus der Kapelle entgegen – in der Mitte des kleinen Raumes stand auf einer Bahre ein einfacher, schmuckloser Sarg, mit einem Linnentuch überdeckt. Drei oder vier alte Frauen knieeten in den Bänken zur Seite und murmelten die Litaneien.

Der Hund winselte laut, indem er bis zu dem Sarge humpelte und sich vor ihm niederkauerte.

Es war, als ob der Blitz zu den Füßen des Tirolers niedergeschlagen hätte, so regungslos blieb er einen Augenblick stehen, dann sprang er vorwärts an die Seite des Sarges und riß das Laken mit einem Griff herunter.

»Jesu Christ! Kathi, mei Weib!«

Tot, ein starrer Leichnam, lag vor ihm das Weib seines Herzens, die noch vor so wenigen Stunden lebenskräftige, junge, liebende Frau.

Die alten Frauen waren erschrocken bei dem plötzlichen Einbruch aufgestanden und umringten jetzt den schluchzenden Mann. »Es ist der Nazi! der Haspinger vom Hof! Der arme Mann! Mögen die Heiligen ihm Stärk' geben!«

Er sah sie wild an, er schien keinen Menschen zu erkennen, obschon es die Nachbarn waren, so irr, so drohend fuhren seine Blicke unter ihnen umher. Das Kind auf den Armen des Offiziers an der andern Seite des Sarges streckte die Hände nach seiner toten Mutter und rief sie – die Schlafende! – mit zärtlichen Namen.

»Wie is das kommen? was is mit der Kathi g'scheh'n?«

Eine der alten Frauen öffnete schweigend das Linnengewand auf der Brust, ein mit geronnenem Blut bedecktes Tüchlein lag auf derselben – darunter zwei blaue Male – dreieckig, breit auseinander klaffend – das Auge der Krieger erkannte den Stoß der Bajonette.

»Wer?«

»Wer anders als die Franschen, Nazi. Sie brachten sie herunter so vom Saumschlag, wo D' entsprangst.«

Der Blick war furchtbar, mit dem der Gemsjäger den Stutzen, der ihm entfallen, vom Boden raffte und sich umwandte, die Kapelle und den Sarg zu verlassen.

»Wohin, Nazi? Der Mann is z'nicht!« Im Kopf verwirrt.

Wohin? Zu den Franzosen! I muß totschlagen zwei – drei – eh' i wieder denken kann! Aus'm Weg!«

Die Frauen sperrten ihm den Ausgang. »Nazi, mach' das Unglück nit größer! Die Franzosen sind fort – heut Morgen in der Fruh'!«

»Wohin?«

»Fort nach Meran! So weißt nit, was gepassiert is?«

»Was?«

»Der Franzos' hat den Raffel Franz g'fangen nommen am Grindl – 's is a Mann g'kommen heut Abend vom Passeyer, der's bericht't hat!«

»Und der Franz?«

»Heut Morgen, als der Tag g'graut, hat er sie nach der Kellerlahr-Alm führen müssen; 's ging um sei Leben.«

»Aber der Sandwirt – der General – Weib, rede!« schrie der Offizier.

»'s is gar aus – sie plauschen, daß ihn der Franzos' übers G'birg führt nach Mantua!«

Der Gemsjäger heftete das starre Auge auf den Leichnam, schlug es langsam nach oben und streckte die geballte Faust empor.

Dann schlug die mächtige Gestalt schwer und bewußtlos nieder zwischen die Bänke und die schreienden Weiber. –


Am Sarge der armen Tirolerfrau, die, von französischer Brutalität gemordet, für Mann und Kind gestorben war, hatten sich der Gemsjäger und der kaiserliche Kapitän getrennt, am Gaskandelaber auf dem Platz am Hof waren sie nach achtunddreißig Jahren wieder zusammen, der eine ein Greis, das mutige Herz vom tückischen Verrat gebrochen, der andere ein verstümmelter Leichnam – Volksdank für Mut und Treue!

Es war kurze Zeit vor Anbruch der Dämmerung; an den Arsenalen und von der Schottenbastion her dauerte das Feuer fort, und der Glutschein des Brandes rötete den Himmel, als von der Bogener-Gasse her ein Mann in der Uniform der Legionäre, ein weißes Paket auf dem Arm an den Häusern entlang kam, sich auf dem Platz umsah und als er diesen ziemlich leer fand, auf den Laternenpfahl zuging und, den Schauder vor dem gräßlichen Anblick mutig überwindend, das Paket entfaltete. Es war ein linnenes Bettlaken, das der Mann von einem Hausmeister in der Nachbarschaft gekauft hatte, und er versuchte jetzt, es über die verstümmelte Leiche zu decken.

»Geben's her, Herr,« sagte eine Stimme neben ihm, »mei Arm reicht weiter, und 's ist der letzte Dienst, den i dem da erweisen kann, für den i gern mei alt Leben gegeben hätt'!«

»Herr Haspinger,« sagte der andere erfreut, »ich danke Gott, daß ich Sie wiederfinde in dieser schrecklichen Nacht. Wo haben Sie Ihre Enkeltochter; sie ist doch in Sicherheit?«

»I hab' sie dem Jörgi in Verwahr geben müssen, so ungern i wieder zu dem Haus ging. Aber das Dirndl mußt' a Stund Ruh haben, eh' wir uns auf den Weg machen zur Heimat, und i hatt' hier a eilig Geschäft. Enk aber, Herr, dank' i für des, was Oes eben gethan, weil der da mir lieb und mei Wohlthäter, und weil mir's zeigt, deß es a noch brave Menschen giebt in der Schandstadt.«

»Ich will sie verlassen gleich Ihnen, ich habe keine Heimat mehr.«

»Wißt Oes was, Herr,« sagte der brave Tiroler und hielt ihm die Hand hin, »geht mit uns ins Tirolerland! Unter dem Eis und Schnee der Ferner ist's besser wohnen, als unter dem ruechen Volk, das seinem Gott und seinem Kaiser untreu worden, und wenn der Frühling kommt und sei grüne Matten über die Almen zieht, ist's herrlich da draußen und manch krank' Menschengemüt is schon gesundet in Gottes reiner Luft!«

Der junge Mann war tief bewegt, Bilder eines reinen, friedlichen Glückes unter Arbeit und Mühen tauchten vor seiner Seele auf, aber die schreckliche Wirklichkeit riß ihn aus dem schönen Traum mit der Hand des Kanász, die seinen Arm erfaßte.

»Warum hüllst Du den da in das Tuch, Bruder Matthias?« fragte mit irrem Ausdruck der Soldat. »Hast Du nicht gesehen, wie die Hanka neben mir saß dort auf dem Stein und sich gefreut hat, daß sie nicht die einzige mehr wär', die der Wolf zerrissen? Meinst Du, mit dem Fetzen da deckst Du das Blut? Der Szabó Slowak hat geschworen, daß alle sterben sollen, die Schuld sind an ihrem Tod. Alle, alle soll die Hand meinigte treffen, wie sie den da getroffen, der die Hanka dem Pandur gab!«

»Unseliger – so ist meine Ahnung wahr? – an Deiner Hand klebt das Blut?«

»Hussah! alle Welt ist gegen den slowakischen Wolf, aber der Wolf wird sie alle zerreißen, wie er die Hanka gefressen hat! Wirf den bunten Rock von Dir, Bruder der Hanka, wie ich es thu', und komm' mit mir ins Ungarland! Der Szabó wird aus Dir einen Mann machen statt des feilen Weiberknechts!«

Der Student stieß ihn mit Abscheu von sich. »Flieh', elender Mörder, eh' Dich die Strafe der Menschen ereilt – der Strafe Gottes entgehst Du nicht. Wir sind geschieden auf immer!«

Der wilde Mensch lachte grell auf. »Glaubst Du schon stolzes Ungarblut in den Adern zu haben, weil Du der Kebsmann der Magyarenfrau warst, undankbarer Knabe? Und ob Du bei zehn Gräfinnen schliefst, ein elender Slowak bleibst Du Dein Lebelang, und ich, der Hirt der nackten Pußta, dessen einzig Glück in kalter Erde liegt – ich tausche nicht mit Deiner glänzenden Schmach!«

Der unglückliche junge Mann verbarg das schamüberglühte Antlitz in beiden Händen. Ein mitleidig Gefühl schien den wüsten Sohn der Pußten zu überkommen, und er trat näher zu dem eben Geschmähten und legte ihm den Arm um die Schulter.

»Du bist Hankas Bruder,« sagte er milder, »und der einzige Freund, den der Szabó hat außer dem Sándor auf der ganzen Welt. Geh' mit mir, Matthias, und Du sollst Deine Schmach ertränken im Blut, wie ich mein Leid! Sie alle,« – er drohte hohnlachend hinüber nach dem Hause der Gräfin – »sie glaubten, den Szabó zu ihren Zwecken brauchen zu können und dienten doch einzig seiner Rache! Das Werk des Slowaken ist gethan hier, am Galgen hängt der hartherzige Swabi Deutsche. und der Morgen sieht mich nicht mehr in Wien! Wenn wir zum Grabe der Hanka kommen, Bruderherz, können wir das Blut von dem Mann da drauf legen, und wir wollen eine Hetze halten nach den Wölfen in Menschengestalt, daß Dein Schwesterlein wieder ruhig in seinem Grabe schlafen wird, bis die Zeit gekommen, daß der Szabó sich zu ihr legt!«

Der alte Tiroler, der von den in slowakischer Sprache gesprochenen Worten nichts verstanden, der aber mit finsterm Blick die unheimliche Gestalt des Mörders betrachtet hatte, trat jetzt näher. »I muß das Dirndl holen,« sagte er kurz; »entschließ' Di, Herr, ob Du mit uns geh'n willst, mit uns aus Wien! Die Gesellschaft da g'fallt mir nit!«

»Zu mir, Matthias! Baszom a teremtete – ins Slowakenland gehört der Slowak!«

Wie ein Entschluß von oben schien es den jungen Mann zu überkommen. »Da sei Gott vor,« sagte er ernst, »daß ich in das Haus eines redlichen Mannes trete, ehe ich nicht selbst ein anderer Mann geworden bin! Die Sünde hab' ich von mir geworfen, und alles werf' ich ihr nach, was mich daran erinnern kann. Euch dank' ich's, Mann, und dem Bild frischer Natur und Unschuld, das an Eurer Seite war. Aus Wien will ich Euch führen, das sei der letzte Dienst dieses Rocks; dann erst, wenn ich Euch beide in Sicherheit weiß, scheiden sich unsere Wege. Mühselig, aber ehrlich zieht der Ausgestoßene der Völker, der Slowak durch die Welt; in dem Kampf mit Not und Niedrigkeit hoff' auch ich wieder ehrlich zu werden! Geht, Alter, und holt Euer Kind, daß wir unterm Schutz der Nacht noch dieser unseligen Stadt entfliehen!«

»Der Grenadier wandte sich kurz von ihm und schüttelte verächtlich die Hand. »Geh' hin, Knabe, in den Adern Deinigten fließt kein ungarisch Blut!« Er eilte fort über den Platz und verschwand im Dunkel.

Der alte Haspinger verstand nur wenig von dem, was die Seele des Studenten bewegte, aber es war ihm genug, daß auch er zur Eile trieb und mit ihnen Wien verlassen wollte. Der alte Mann sah ein, daß jede Stunde längern Bleibens nur nutzlos und gefährlich war. Niemand konnte wissen, was der nahende Morgen noch bringen werde; den verlorenen Enkel konnte er nicht mehr retten, seine Ehre nicht mehr lösen, den Leichnam des Freundes nicht schützen und bestatten, und die Vorgänge der Nacht hatten ihm gezeigt, wie gefährlich es sei, das junge und schöne Mädchen in dieser Gärung aller Leidenschaften zu lassen. Er bat den Studenten, seiner hier zu harren, bis er dem Schwager Lebewohl gesagt und das ihm anvertraute Mädchen geholt hätte. Der Student sah ihn über den Platz nach dem Hause gehen und, seinem Gelöbnis, es nicht wieder zu betreten, getreu, an das Fenster des Hausmeisters pochen.

Das Thor des Hauses am Hof, das die Gräfin Törkyeny bewohnte, und an dessen Parterrefenster der alte Gemsjäger klopfte, stand offen. Drei Männer kamen eben aus der offenen Wölbung und schritten an dem alten Mann vorüber, ohne ihn zu beachten. Zwei von ihnen waren in lange weiße Mäntel gehüllt, in dem dritten erkannte der Student seinen Feind, das Faktotum der Gräfin, den Doktor Lazare. Um ihm nicht in den Weg zu treten, zog er sich zurück.

Zugleich wurde seine Aufmerksamkeit von einer andern Gruppe gefesselt.

Aus der nächsten Straße kam ein Karren, von einem Pferde gezogen und von einigen Nationalgarden begleitet, und nahm seinen Weg nach dem Kandelaber, an dem der Leichnam hing. Der in Permanenz erklärte Reichstag hatte endlich ein Gefühl der Scham empfunden und den Befehl erteilt, die geschändeten Überreste des Ministers von dem improvisierten Galgen zu entfernen und nach dem Militär-Lazarett zu bringen.

Nur wenige Personen, Leute aus der Hefe des Volks, die sich in der Nähe umhertrieben, waren anwesend und sammelten sich um das traurige Schauspiel.

Der Student sah, wie die beiden Männer in Mänteln in der Nähe der Scene stehen blieben und, einige Worte wechselnd, den Vorgang betrachteten.

Zwei Lazarettdiener, die den Karren begleitet, lösten den Leichnam von den Riemen des Slowaken, an denen er aufgehängt war, und legten ihn auf den Wagen.

Unter den Personen, welche dem Vorgang beiwohnten, war vielleicht eine oder die andere, die noch vor wenigen Stunden blutlechzend ihr Geschrei mit den Mördern vereint hatte. Dennoch wurde jetzt kein Laut der Roheit hörbar, auf alle schien die traurige Gestalt in dem Laken einen peinigenden Eindruck zu machen.

Nur die beiden Männer in Mänteln näherten sich dem Karren, und der eine gab dem Führer des Pferdes ein Zeichen, noch einen Augenblick anzuhalten.

Der andere, das Gesicht tief in den Mantel verhüllt, beugte sich über den Karren und hob das Laken in die Höhe.

Der Schein der Laterne fiel auf den spöttischen Blitz seiner Augen, der sich einen Moment lang auf den Toten heftete.

»Du schickst keinen freien Ungar mehr in den Kerker,« sagte er mit kaltem Hohn in deutscher Sprache und ließ das Tuch fallen.

Als er sich umwandte, starrte er in das Gesicht des alten Tirolers.

»Gott der Herr wird richten über ihn, wie über alle, die Schuld tragen an diesem Blut!« Die feierliche Stimme des alten Mannes, der an ihm vorbei zu dem Karren trat und das Zeichen des Kreuzes über das Leichentuch schlug, machte sichtlich Eindruck auf den Fremden, denn dieser wandte sich ab und entfernte sich hastig. Sein Gefährte gab den Karrenführern ein Zeichen, und der Wagen rasselte über das blutgetränkte Pflaster.

Der Tiroler sah ihm mit gefalteten Händen nach. »Möge Gott seiner Seele gnädig sein und ihm lohnen im himmlischen Reiche, was er an des Haspingers Kind gethan, und möge Gott hier und dort oben die Mörder strafen mit seinem Zorn!« Dann schaute er sich um nach dem Studenten, denn nur die heilige Pflicht der Dankbarkeit hatte ihn einen Augenblick vergessen machen, was seine Seele ängstigte.

Der Student war bereits an seiner Seite. »Wo ist Ihre Enkelin? wir müssen die Dämmerung noch benutzen, um aus der Stadt zu kommen.«

»I weiß nit, Herr, was i denken soll,« sagte der alte Mann besorgt. »Ich hab' ans Fensterl pocht und g'rufen, da i nit 'nein wollt' ins Haus, aber 's hat halt kei Mensch dem alten Nazi Antwort g'geben. Weiß Gott, mir is fast so schlimm zu Mut, wie damals, als der Pummerl mich zum Sarg von der Kathi selig g'führt hat!«

Der Student zog ihn über den Platz. Der Tag dämmerte bereits und mischte sein Licht mit dem Glutschein der brennenden Arsenale.

»Das Mädchen wird in tiefem Schlaf liegen,« sagte er, »der Döllinger ist ein vorsichtiger Mann und wahrscheinlich nur einen Augenblick abwesend im Haus!« Ihm selbst aber war bei dem Trost nicht wohl zu Mute, und er beeilte seine Schritte.

Sie waren an der Thür des Hauses; wie wir bereits erwähnt haben, stand das Thor weit offen, das Hauptquartier der geheimen Leiter des Kampfes war während der ganzen Nacht nicht leer geworden von kommenden und gehenden Boten.

Der Student klopfte gleichfalls an das Straßenfenster der Loge des Hausmeisters, dann trat er in den Flur und rief nach dem alten Diener.

Niemand antwortete. Er stieg die wenigen Stufen hinab, die zu der kleinen Wohnung des Hausmeisters im Souterain führten, und legte die Hand auf die Klinke.

Die Thür war verschlossen, alles Klopfen vergebens.

Der junge Mann wußte, daß es in dieser Bewegung vergeblich sein würde, im Hause nach dem alten Mann zu fragen zu einer Zeit, wo jeder genug mit sich selbst und den Schrecken des Straßenkampfes beschäftigt war, um auf die gewöhnliche Ordnung des Hauses oder eine so untergeordnete Person zu achten. Hundert Gründe und Geschäfte konnten den Hausmeister für kurze Zeit entfernt, ja er konnte, der größern Sicherheit wegen, selbst das Mädchen nach einem andern Ort gebracht haben. Dennoch empfand auch er eine unerklärliche Besorgnis und fühlte, daß er sich um jeden Preis Gewißheit verschaffen müsse.

Einige Gaffer begannen sich am Thorweg zu sammeln, der alte Tiroler stand mitten unter ihnen, in seinem faltigen, gebräunten Gesicht spiegelte sich die Seelenangst, die ihn verzehrte.

Der Student warf sich mit aller Gewalt gegen die Thür – beim zweiten Stoß gab das Schloß nach und sprang auf.

»Meister Döllinger, wo seid Ihr? Nannerl, sind Sie hier? antworten Sie uns!«

Das Zimmer und der Alkoven, welche die Wohnung des Hausmeisters bildeten, waren leer. Das dämmernde Licht des Tages, das durch die Fenster hereindrang, zeigte es – der junge Mann kam mit der Nachricht zu dem Greise zurück.

»Nandl! wo ist die Nandl, mei Kind?«

Ein Mann keuchte die Straße herauf und drängte die Umstehenden beiseite. »Schwager Haspinger, ist das Madl zurück?« Es war der alte Hausmeister, erhitzt, außer Atem, prustend und hustend, kaum der Rede mächtig.

Der Tiroler faßte ihn und schüttelte ihn. »Jörgi, wo hast das Dirndl? was is mit dem Nandl gescheh'n?«

»Der Franz …«

»Zur Höll' mit dem Buben! wo is das Kind?«

Der Hausmeister sank erschöpft auf die Steinbank. Der Student drängte den alten Gemsjäger von ihm. »Lassen Sie ihn zu Atem kommen, Herr Haspinger! Redet, Meister Döllinger, wo ist Eure Nichte?«

Der alte Mann weinte wie ein Kind. »Fort – verloren! Gott weiß, wo!«

»Aber so sprechen Sie doch! – was ist geschehen?«

»Das Kind hat hier geruht, wie sie mir der Schwager auf die Seel' gebunden hat,« berichtete endlich der Hausmeister, »drinnen auf meinem Bett. Vor aner Stund' so etwa is a Madel gekommen, i kenn's, 's hat gedient am Hof, drüben im Kriegsgebäud'. Sie hat nach meinem Schwager, dem Haspinger, gefragt und nach der Nannerl. Der Fratzen hat g'sagt, sie brächt' a Botschaft vom Franz Stockhammer, er läg zum Tod verwundet im blauen Roß in der Marien-Gaß' und möcht' um aller Welt willen den Großvater oder sei Nicht' noch a mal sehen.«

»Weiter, weiter!«

»Das Nannerl hat's gehört und is gleich af g'west und hat mitgeh'n woll'n mit aller Gewalt. I hab's anfangs nit leiden wollen, bis Du wiederkämst, Schwager Nazi, aber die Schnipferin hat g'sagt, der Franz läg' im Sterben, und das Nannerl is ganz toll g'worden und hat sich nit halten lassen. I sollt' bleiben, um af Dich zu warten.«

»Gott sei Dank,« unterbrach ihn der Tiroler, »so laß uns geh'n zu dem Franz! Der Tod sühnt alle Sünd'!«

Der Hausmeister hielt ihn zurück. »Zuletzt is mir angst g'worden, Schwager Nazi, als Du nit zurückkommen bist, und i bin selber a Sprung hinübergehupft zum blauen Roß – o Jemine!«

»Und das Dirndl – dr Franz – –«

»'s war alles a Lug – 's is kei Franz da, nit tot, nit lebend!«

»Aber die Nandl?«

»Kei Spur von ihr – niemand hat sie geseh'n, i hofft', sie wär' schon wieder hier und bin gelaufen im Carrier!«

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und fing wieder an zu weinen. Der alte Tiroler, bleich wie der Tod, lehnte an der Wand. »Verloren – alle beid' – ihn und sie!«

Der Student unterstützte ihn. »Ermannen Sie sich, Herr Haspinger,« bat er. »Ein unglücklicher Irrtum oder ein Bubenstreich muß zu Grunde liegen, aber das Mädel kann nicht verschwunden sein und muß sich wiederfinden. Lassen Sie uns hinaus in die Straßen, sie zu suchen. Wir weichen nicht von Wien, bis wir sie gefunden!«

Er zog ihn mit sich fort auf den Platz, über den eben lärmend eine Schar Vorstadtgarden und Gesindel nach den Zeughäusern marschierte.

Sein Auge fiel auf ein fahles Gesicht, auf das des Doktors Lazare, der wenige Schritte vom Thor unter den Gaffern stand, die Scene ruhig beobachtend.

Ein spöttisches, boshaftes Lächeln zuckte über dies Gesicht und lag in dem kalten Auge, als der Student scheu das seine zu Boden schlug.

Mit demselben widrigen Lächeln sah der Doktor den beiden nach, wie sie noch einmal nach dem bezeichneten Hause eilten.

 

Schluß des zweiten Bandes.

 


Herrose & Ziemsen, G. m. b. H., Wittenberg.


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