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Träume aus Süd und Nord.

Wo sich die Abhänge der Sierra de Aralar zum Golf von San Sebastian im Biscayischen Meer senken, an der Straße von Vittoria nach Tolosa, unfern von Villafranca, dehnt sich ein liebliches Thal, am Eingang von dem freundlichen Städtchen Azcoitia, am Ausgang von der Stadt Aspeitia geschlossen. Schroffe Felsen umgeben es von beiden Seiten, dunkle Marmormassen, an deren Fuß das üppige Laub der Kastanie, das dunkle Grün der Cypresse sich hebt, und der wuchernde Epheu das prächtige Gestein umspannt. Die Heerstraße zur Küste durchzieht das Thal in seiner ganzen Länge, von lieblichen Gärten und grünen Matten begrenzt, und der Frühling ruft tausend duftige Blumen aus Beeten und Büschen.

Die Bewohner des Thales gelten für den schönsten Menschenschlag der drei Provinzen des alten Baskenlandes – die Männer große, kräftige Gestalten, abgehärtet von Sonne und Schnee, von der Jagd des Bären und des Wolfes in den cantabrischen Sierren, von dem Kampf mit der See, dem Schmieden des Eisens ihrer Berge und dem gefährlichen Handwerk des Schmugglers – die Frauen von schönem Wuchs, mit regelmäßigen Zügen unter der schwarzen Mantille, aus deren Schutz kokett das dunkle feurige Auge, von langen Wimpern beschattet, hervorblitzt.

An den Hügelabhängen liegen zerstreut die Solares, die vereinzelten Höfe, die der baskische Bauer erbaut und auf denen er lebt, ein freier Mann in seinem Eigentum und dennoch der treuste Sohn, der kühnste und ritterlichste Kämpfer des angestammten Königtums. Von den Bergspitzen und den Felsenhöhen schauen trotzig die Sasas solas, die halb zerfallenen Burgen und viereckigen Türme der zahlreichen alten Adelsgeschlechter des Landes, jener berühmten Partisane der Legitimität.

Denn aus diesen Thälern, von diesen Bergeshöhen gingen die Kämpfer der Freiheit hervor, der Freiheit, die den Mann ehrt und die sein Recht verteidigt, nicht in zügelloser Gier nach fremdem Recht, sondern im Gefühl des eigenen starken Besitzes; jener Freiheit, die den stolzen Nacken nicht beugt dem fremden Joch, aber willig Blut und Leben gießt für das Vaterland und den angestammten Fürsten.

Aus diesen Bergen gingen die Kämpfer hervor, die den fränkischen Kaiser und seine Kohorten in jahrelangem Kampf ermüdeten und über die Pyrenäen zurücktrieben; in diesen Bergen hatte vor kaum vier Jahren Tomas Zumala-Carréguy, der Sohn des Landes, die Fahne für das Prinzip der Legitimität erhoben und Don Carlos zum König von Spanien ausgerufen.

In der Mitte dieses Thales erhebt sich ein mächtiges Gebäude, von dem letzten spanischen König aus dem Hause Habsburg, Carl VI., begonnen, mit prächtigen Marmortreppen, Gängen und Sälen, Säulen und Arkaden, nur halb vollendet, und dennoch ein Bau, dessen Anblick man mit Ehrfurcht bewundert.

Eine geheimnisvolle Deutung liegt in dieser Nichtvollendung – es ist ein Werk, zu dem jedes Jahrzehnt neue Steine, neue Räume fügen soll: die Mahnung zum Weiterbau, der nie enden wird, und dennoch immer mächtiger wächst.

Denn das gigantische, prächtige Gebäude wölbt sich in kühnen Bogen und gewaltigen Quadern über einem ärmlichen Häuschen aus Backstein und Holz, es schützend vor den Stürmen der Sierren und dem Zahn der Zeit.

Von dieser kleinen und engen Zelle aus aber wurde Jahrhunderte hindurch die alte und neue Welt beherrscht; das prächtige Marmorgebäude ist das Kloster des heiligen Ignatius; in dem niedern Hause, das es umschließt, wurde im Jahre 1491 Inigo-Lopez de Pecalde, Ignaz von Loyola, der Stifter des Jesuitenordens, geboren!

Das Thal von Aspeitia, sonst der Sitz der Ruhe und des Friedens, bot am 23. März 1837 ein buntes kriegerisches Bild. Der Infant Don Sebastian hatte am Tage vorher sein Hauptquartier von Durango nach Azcoitia verlegt, die karlistischen Truppen lagerten in der Stadt, dem Thal und dem Kloster und wurden stündlich durch neu herbeiziehende vermehrt.

Am 14. März waren die drei Korps der christinischen Armee von verschiedenen Seiten gegen das Herz der karlistischen Stellung losgebrochen, um mit einem Schlage den Feldzug des Jahres schon im Beginn zu beenden: General Evans mit der englischen Hilfslegion aus den Wällen von San Sebastian gegen Ernani und Tolosa, Espartero von Bilbao gegen Durango, und Sarsfield mit der navarresischen Armee gegen die mobile Kolonne des Infanten Sebastian. Aber der junge Prinz zeigte sich zum erstenmal hier als geborener Feldherr. Er warf seine ganze Kraft dem englischen Parteigänger entgegen und diesen bis hinter Pampelona zurück, ließ eine geringe Macht unter Garcia und Zaratingui zu seiner Beobachtung zurück und kam am 15. unvermutet dem König zu Hilfe, der sich des überlegenen Feindes nicht zu erwehren vermochte und bereits die wichtige Position von Ernani verloren gab.

Am 16. März stürzte sich der Infant mit der mobilen Kolonne auf die Engländer und griff mit den Bataillonen von Guipuzcoa und Aragon die wütend verteidigte Schanze von Oriamendi an. Ein blutiger Kampf folgte; der bereits geworfenen Brigade Chichester eilte ein Bataillon britischer Marine zu Hilfe und stellte den Kampf wieder her. Auf demselben Boden, auf dem vierundzwanzig Jahre vorher die Engländer für den legitimen Herrscher Spaniens gefochten, und dessen Erde sie mit französischem Blut getränkt hatten, kämpfte Palmerstons Krämer-Politik jetzt gegen den rechtmäßigen Erben der Krone, während der Schachergeist des Inselvolkes beide Parteien mit Waffen versah.

Dreimal stürmte der tapfere Villareal, der junge Gefährte Zumala-Carréguys, und um fünf Uhr blieb die Schanze und mit ihr der Sieg in den Händen der Karlisten. Der von Evans befohlene Rückzug wurde zur wilden Fluchtes war kein diszipliniertes Heer mehr, sondern eine fessellose Bande, und im tollen Tagen wurden die hochmütigen Rotröcke bis an die befestigten Linien von San Sebastian getrieben. Nur dadurch, daß die englischen Kriegsschiffe all ihre Truppen schnell ans Land setzten, wurde die britische Legion vor gänzlicher Vernichtung gerettet, und die Einnahme von San Sebastian verhindert.

Am 20. war der Infant gegen Espartero gerückt, hatte ihn auf dem Rückzug von Durango erreicht und auf den Höhen von Galdácano geschlagen. Der neue Graf von Luchana Espartero. mußte die Garnison von Bilbao ausrücken lassen, um seinen Rückzug zu decken, und die Karlisten jagten ihn bis unter die Kanonen der Festung.

Das waren die Siege und die Anstrengungen, von denen die tapferen Bataillone jetzt im sonnigen Thal von Azcoitia sich erholten.

Soldaten und Bewohner waren in bunten Gruppen durcheinander gemischt. Hier lagerte vor dem Eingang eines Solaro ein Haufe der Elite-Kompagnieen mit den grautuchenen Oberröcken und den roten Beinkleidern, die baskische Boina Flaches Barett. mit der langen Troddel über dem Ohr, von dem Bauer in der Nationaltracht freigebig aus dem Schlauch von Ziegenfell bedient, der den dunklen Wein aus Navarra enthielt. Ein rauher Seemann, dem Sonne und Sturm das Gesicht unter dem blonden Haar noch stärker gebräunt, saß am Kalkofen, der vor jedem Hause steht, mit dem langbärtigen Sappeur, und tauschte die Abenteuer der Antillen mit denen des Sturmes auf die Höhen von Galdácano. Die Milizen von Alava und Navarra lagen im Grase, ihr einfaches Mahl, Brot und Zwiebel, kauend, und dort drüben, unter dem uralten Kastanienbaum tanzten beim Klang der Pfeife und der baskischen Trommel die Lanzenreiter in ihren braunen und grünen Jacken mit den dunkeläugigen Mädchen, deren bunte Kopftücher und lange Zöpfe flogen. Zwischen dem bunten Kreis, der sich um die Novillada mit den beiden Kampfhähnen gebildet, leuchteten die roten Mäntel der Trompeter und die bunten Uniformen und Kleidungsstücke der zahlreichen Deserteure von den englischen, portugiesischen und französischen Freikorps der Christinos.

Aber auch ernstere Seiten, das blutige Nachspiel des Todes auf dem Schlachtfeld, bot die bunte Scene des lachenden Thales.

Wie in dem Unabhängigkeitskriege wurde der Kampf zwischen den Seiden Parteien, den Christinos und Karlisten, den Konstitutionellen und Legitimisten, mit Erbitterung und wilder Grausamkeit geführt.

Das furchtbare Dekret von Durango, das von seinen Gegnern erzwungene Hilfsmittel des Königs gegen den Abschaum der Abenteurerbanden aller Länder, welche die perfide Politik von St. James und der Tuilerieen auf die Halbinsel schickte, warf seinen schwarzen Schatten auf diese Spiele und diese Lust.

Für jene Freischaren, welche die sogenannte Quadrupel-Alliance Spanien unter der Königin-Regentin, Frankreich, England und Portugal. zum Siege des Konstitutionalismus über Don Carlos und die Legitimisten auf spanischen Boden sandte, gab es nach dem Dekret von Durango keinen Pardon; die Fremdlinge, die mit den Waffen in der Hand gefangen genommen waren, wurden erschossen!

Von Azcoitia her kamen drei Reiter, zwei Offiziere der karlistischen Armee in dem blauen Rock mit den Lilien der Bourbons auf den Knöpfen, den krapproten schwarzgestreiften Beinkleidern und der Boina, von denen der eine die Obersten-Epauletten trug, während der dritte ein Civilist von feingeschnittenem geistreichem Gesicht war, das in seinen Grundzügen den slawischen Typus nicht verleugnen konnte. Der Oberst war ein Mann in mittleren Jahren, ein Italiener von Geburt, und sein Teint zeigte eine auffallend dunkle Farbe, was mit der scharf gebogenen Nase und dem glänzend schwarzen Haar auf orientalischen Ursprung schließen ließ.

Der jüngere Offizier – er mochte etwa dreiundzwanzig Jahre zählen – war von schlanker, aristokratisch feiner Figur. Zu dem etwas blassen Gesicht und den dunklen blitzenden Augen paßte der schwarze Schnurrbart und das lockige Haar, und eine kecke, fast übermütige Sorglosigkeit machte sich in seinem Wesen bemerklich. Die Unterhaltung der drei Kavaliere, denen zwei Reitknechte folgten, wurde in französischer Sprache geführt, zuweilen aber auch in spanischer, die der jüngere Offizier mit fremdem, hartem Accent sprach.

»Der Name Ihrer Familie, lieber Graf,« sagte dieser, indem er, die Zügel auf dem Nacken seines Pferdes, sich bemühte, kunstgerecht eine spanische Cigarette zu drehen, »muß in Italien auch unter den bürgerlichen Familien verbreitet sein. Ich erinnere mich, daß meine Wechsel aus Florenz, als ich es im vorigen Jahre besuchte, auf einen Kaufmann am ponte vecchio lauteten, der denselben Namen führte, Mortara –«

Eine scharfe Röte überflog das Gesicht des Obersten, während der Civilist, der neben dem Fragenden ritt, mit dem Fuß ihn leise und wie abmahnend berührte. »Es ist, wie Sie sagen, mein Prinz, der Name Mortara wird in Ober-Italien von mehreren Familien geführt, indes giebt es nur eine Linie der Grafen Mortara.«

»Ich weiß nicht,« fuhr sorglos der Offizier fort, der mit dem Titel Prinz angeredet worden, »aber die Familie interessiert mich, da der junge Bankier mich zu seiner Hochzeit einlud, und es das erste Mal war, daß ich einer jüdischen Trauung beiwohnte. Es mag durch die schärferen Physiognomieen der Südländer überhaupt kommen, daß bei ihnen die Ähnlichkeiten häufiger sind, als bei uns in Deutschland; aber in der That, ich fand von Anfang an in Ihrem Gesicht etwas bekanntes und erinnerte mich infolge des gleichen Namens unwillkürlich an jenen jungen jüdischen Bräutigam …«

Diesmal war das Zeichen, das sein Begleiter zur Linken ihm gab, unmöglich mißzuverstehen. Zu gleicher Zeit wandte sich der Oberst heftig zu ihm und maß ihn mit finsterm Blick.

»Beabsichtigen Sie mich zu beleidigen, Prinz?«

»Ich begreife in der That nicht – ich wüßte nicht, wie ich dazu kommen sollte, Monsieur le Comte …«

»Ich dächte doch,« fuhr der Oberst streng fort, »es wäre bekannt genug im Hauptquartier Seiner Majestät, daß die Grafen Mortara, die dies durch eigenes Verdienst geworden sind, das Unglück haben, von einer jüdischen Familie abzustammen, und daß einzelne Zweige dieser Familie noch eigensinnig bei ihrem Glauben beharren.«

»Offenbar hatte Don Felicio keine Ahnung davon,« sagte vermittelnd der Civilist, »und gewiß nicht die Absicht, Sie an eine Verwandtschaft zu erinnern, deren wir armen Christenmenschen heutzutage uns gewiß nicht zu schämen brauchen, denn sie wächst uns mehr und mehr über den Kopf, und Herr von Rothschild ist der erste Baron der Welt. Hat doch der heilige Vater selber einen Herzog aus seinem Kammerjuden gemacht. Bah, mon ami, für das Anrecht auf eine tüchtige Erbschaft möchte mein eigener Papa der selige Abraham gewesen sein, das sollte mich herzlich wenig genieren.«

»Herr de Neuillat hat Recht,« sagte der junge Offizier, indem er seinem altern Gefährten die Hand reichte, »ich wußte den Henker von dieser Abstammung, die am Ende nicht weniger ehrenwert ist, als die unsere vom Hause Granson in Burgund und Ihrem Verdienst und Ihrer Liebenswürdigkeit keinen Abbruch thut. Aber sehen Sie, ich glaube gar, die ehrwürdigen Väter Jesuiten wollen uns mit einer Prozession empfangen, nach dem Zug zu schließen, der dort aus dem Thore kommt!«

Er wollte das Pferd antreiben, als Herr von Neuillat ihm die Hand auf den Zügel legte. »Lassen Sie uns warten, bis jener Zug entfernt ist; der Anblick ist eben kein angenehmer und würde uns den Morgen verbittern.«

»Was ist es denn?«

»Eine Füsillade en gros!« sagte gleichgültig der Oberst. »Eine Bande Argelinos Die karlistische Benennung für die Algierer Fremden-Legion unter General Benelle im christinischen Dienst. Das Korps, 6000 Mann stark, war von der französischen Regierung wie eine willenlose Herde der spanischen verkauft, eines Morgens in Oran eingeschifft und an der katalonischen Küste bei Taragona ans Land gesetzt worden. Die Truppe bestand aus dem verruchtesten Gesindel aller Nationen. die erschossen werden soll.«

»Und warum sollen die Leute erschossen werden?«

»Das Dekret von Durango verurteilt sie zum Tode; es sind ihrer über zweihundert beim Sturm auf Oriamendi gefangen worden. Der größte Teil wurde auf dem Schlachtfelde niedergemacht, und der Rest kommt jetzt daran!«

»Aber das ist unmenschlich!«

»Das mag sein; es ist viel über die Maßregel hin und her gestritten worden, und unser Freund hier hat sehr philanthropische Vorstellungen gemacht; aber es ist das einzige Mittel, den Abschaum aller Länder abzuhalten, über Spanien herzufallen, und die Regierungen von Paris und London zu verhindern, die Truppen Seiner Majestät als Bagno-Aufseher anzusehen. Wir wissen so schon nicht, was wir mit den Überläufern der Legionen anfangen sollen, viel weniger mit den Gefangenen, die Espartero sich hüten wird, auszulösen.«

Der jüngere Offizier dachte einige Augenblicke nach, dann sagte er entschlossen: »Lassen Sie uns hinüber reiten; ich fühle, ich muß mich hier an das Schreckliche gewöhnen. Wir können das Kloster von San Ignacio ein andermal besuchen.«

Sie wandten die Pferde nach der Richtung, die der Zug aus dem Thor des Klosters genommen, das zur Verwahrung der Gefangenen diente, und folgten ihm langsam.

Der Führer des Zuges nahm seine Richtung gegen einen der Hügel, von dem eine der Sasas solas, der alten Burgen des baskischen Adels, über Korkeichen und mächtige Kastanienbäume, die den Fuß umgaben, hinausschaute. Es war ein halb verfallener viereckiger Turm mit einem Vorhof. Der Zug selbst bestand aus einer halben Kompagnie baskischer Infanterie von den Bataillonen Guipuzcoa, unter der Anführung eines Kapitäns, der einen Trupp von zweiunddreißig Gefangenen begleitete. Eine Anzahl Lanziers zu Pferde umgab mit den Infanteristen die Verurteilten, um jeden Versuch der Flucht zu hindern.

Die Gefangenen waren bis auf das Hemd und die Beinkleider entblößt, und es war bekannt, daß sie von den Siegern, die zum Teil ihre Kleider unter den grauen Röcken trugen, nach dem Gefecht auch jenes Kleidungsstückes beraubt worden waren. Als sie jedoch durch Tolosa transportiert wurden, hielt das Ayuntamiento einen solchen Aufzug zu indecent für die Blicke der schönen Damen, und ließ durch die Alguazile von den Einwohnern, die für heimliche Christinos galten ( Christinos pacificos), Beinkleider für sämtliche Gefangene herbeischaffen.

Mehrere Patres in ihren dunklen Gewändern schritten in der Mitte der Verurteilten, unbekümmert um die Hohnreden, die ihnen von den Frechsten zu teil wurden; an der Spitze der Kolonne, neben dem kommandierenden Offizier, ging ein Mann in Civilkleidung, in einen spanischen Mantel gehüllt, den breiten Rand des Hutes tief über das Gesicht gezogen.

Die Verurteilten kannten ihr Schicksal, und auf den narbigen, sonnverbrannten, mit den Spuren der Ausschweifung und der Leidenschaft gezeichneten Gesichtern prägte sich der furchtbare Augenblick in den verschiedensten Nüancen aus. Der Bursche aus der Hefe von Paris, der unter der Fahne der Fremden-Legion im Kampf gegen die Kabylen Schutz vor dem dreimal verdienten Bagno gesucht hatte, ging dem Tode frech und über die Geistlichen spottend, entgegen, als flaniere er auf den Trottoirs der Vorstadt St. Antoine; der Portugiese mit dem scheuen Mörderblick, der zehnmal seine Eide für Don Pedro und Dom Miguel gewechselt, wankte heulend und stöhnend daher und küßte alle Augenblicke das Kruzifix, das der Pater in den gefalteten Händen trug; ein brauner Ägypter, der unter Mehemed Ali gedient, schritt gleichgültig neben dem Albanesen her, der in Korfu, Konstantinopel und Malta gedient, bis ihn der unbändige Geist seiner Nation nach Algier getrieben hatte; ein rotköpfiger Irländer pfiff munter sein Nationallied und unterstützte mitleidig, so weit es ihm die gebundenen Hände erlaubten, den blassen jungen Mann mit den blonden, jetzt vom Todesschweiß feuchten Haaren, dessen feines Gesicht trotz der tiefen Falten der Liederlichkeit bewies, daß er in seinem nordischen Vaterlande vielleicht einem edlen Namen Schande und Schmach bereitet, die hier auf spanischem Boden in wenigen Minuten sein Herzblut tilgen sollte.

Der Abenteurer dort, die Hände auf den Rücken geschnürt und mit der stolzen Haltung eines Granden, wandte sich an den Soldaten, der neben ihm marschierte. »Wäre es Ihnen gefällig, Señor, mir eine Cigarre von den Ihren zu geben? Sie sehen, die meine ist ausgegangen,« sagte er in reinem Spanisch.

»Mit Vergnügen, Señor!« Der höfliche Korporal reichte ihm seine eigene Cigarre, steckte sie ihm in den Mund und drehte eine andere. »Aus welcher Provinz stammen Sie, Señor, wenn ich so frei sein darf, zu fragen? Ihr Gesicht scheint mir nicht unbekannt.«

»Ich glaube es wohl. Sie kauften oft in meinem Laden in Veracruz Ihren Bedarf, ehe Sie noch den Dienst als Steuermann auf der ›Maria Fernanda‹ verließen und die Justiz mich zwang, wegen eines elenden Messerstichs mir gleichfalls eine andere Beschäftigung zu wählen. Wenn ich nicht sehr irre, standen Euer Gnaden in meinen Büchern noch mit einem Rest von zehn Piastern, den ich Ihnen auf Ihr ehrliches Gesicht für einen echten Panama kreditierte.«

»Sie betrogen mich damit schändlich, Señor Tommaso – es war nichts als amerikanisches Stroh, und ich verlor überdies den Hut, als unser Schoner von den rothaarigen Ketzern aufgebracht wurde. Aber ein Baske hält sein Wort, und es ist mir lieb, daß Sie mich an meine Schuld erinnern.«

Er bat seinen Gläubiger, sein Gewehr zu halten, was dieser mit einiger Mühe mit den gebundenen Händen zustande brachte, und holte eine seidene Börse hervor, die er zwei Tage vorher der Leiche eines englischen Offiziers abgenommen hatte. »Diese zwei Guineen gelten zehn Piaster und acht Realen; ich erhalte demnach noch acht Realen von Ihnen heraus.«

»Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen, Señor Caporal.«

»Lassen Sie hören!«

»Man hat mich bei der Gefangennehmung aller kleinen Münze beraubt, aber wenn Sie die zwei Goldstücke – ich setze voraus, daß sie vollwichtig sind! – in die Tasche meiner Beinkleider stecken und die acht Realen mir einstweilen anvertrauen wollen, so setze ich Sie zu meinem Erben ein, sobald man mich erschossen hat.«

»Ich bin damit einverstanden, Señor Don Tommaso; es ist nicht mehr als billig, da Sie mir auch so lange kreditiert haben.«

Er wollte ihm gewissenhaft die beiden Goldstücke in die Tasche stecken, fand aber zu seiner Betrübnis, daß beide bodenlos waren. In dieser Verlegenheit machte der Mexikaner den Vorschlag, sie einstweilen in der Wange aufzubewahren, und der vormalige Steuermann und jetzige Korporal steckte sie ihm in den Mund, ihm auf das Dringendste empfehlend, diesen ja nicht zu öffnen, um zu reden oder zu schreien, was sein Handelsfreund auf Ehrenwort versprach.

»Im Keller sollt Ihr mich begraben,
Wo ich so manches Faß geleert,
Den Kopf will ich beim Zapfen haben –

Hurra, mein Jüngle! lustig und Courag'! I weisch zwar nit, wie Du zu unsch kommst, aber der Teufel soll mich holen, wenn Du mehr sterben kannst, alsch einmal!«

Der Trost des wüsten Schwaben galt einem jungen Manne von etwa siebzehn Jahren, der bleichen Gesichts mit schwankenden Schritten und thränenden Augen in dem Zuge ging und offenbar nicht zu diesen Männern gehörte.

»Schau, Jüngelchen, den Senjur Alferez, wie Ihr's auf Euer Kauderwelsch heißen thut,« fuhr der Schwabe fort; »der Schwarzrock hat's besonders af ihn g'münzt g'habt, und dennoch zuckelt er nit mit den Augen, was sie ihm auch vorplauschen mögen von Höll' und Fegefeuer!«

Die Worte des Freischärlers deuteten auf einen der Gefangenen, der mit stolz erhobenem Haupt neben einem der Jesuiten herschritt und auf dessen fanatische Reden, obschon sie gerade an ihn gerichtet waren, nicht einmal zu hören schien.

Es war eine hagere, mittelgroße Gestalt, aber unter dieser braunen Haut schienen Muskeln von Stahl zu liegen, so elastisch und sicher war sein Tritt. Das schmale Antlitz von fast bronzeartiger Farbe ließ keinen sicheren Schluß auf die Jahre zu, aber er konnte deren höchstens dreißig zählen. Sein Haupthaar war kurz geschoren, als sei es gewohnt, den Turban zu tragen, und in der That bedeckte ein Fez, den man ihm gleichsam zur Auszeichnung gelassen, weil er der Offizier der Argelinos war, seinen Kopf. Die Adlernase war scharf gebogen, aber fein geformt; ein dunkler Schnurrbart fiel in langen Enden an den Winkeln des Mundes nieder, und aus den Augen sprühte ein Strahl unversöhnlichen Hasses, wenn er dem Auge des Jesuiten an seiner Seite oder dem Blick des Mannes im Mantel an der Spitze des Zuges begegnete, der sich von Zeit zu Zeit nach ihm umwandte und ihn mit gleicher Glut des Hasses anstarrte, während finsterer Schmerz sein Antlitz durchzuckte, wenn sein Auge auf den jungen Mönch fiel.

Jung war auch dieser noch – drei bis vier Jahre jünger als der gefangene Offizier – aber sein Gesicht hohler und finsterer und ohne den kühnen und offenen Ausdruck, der den Kopf des andern adelte. Aus seinen düsteren Augen und den Falten der Stirn, in den von Nachtwachen und asketischen Übungen eingefallenen und erbleichten Wangen malte sich finsterer Fanatismus, wie ihn die klugen und gewandten Glieder seines Ordens nur selten zeigen.

Von diesem Fanatismus zeugten denn auch seine Worte, die er ausschließlich an den Gefangenen an seiner Seite wandte.

»Der Stolz ist die Wurzel aller Sünde,« sprach er heftig. »Gehe in Dich, Sohn eines verfluchten Geschlechtes, der Du Dich mit sündigem Stolz Achmet der Hacene nennst, obschon Dir und Deinen Voreltern die Wohlthat der heiligen Taufe zu teil geworden!«

Der Abkömmling der alten Könige von Granada starrte unberührt vor sich hin.

»Die heilige Jungfrau und die Märtyrer mögen Dir gnädig sein in der Stunde Deines Todes! Misericordia! misericordia!« fuhr der Jesuit fort. »Erkenne die Hand des Herrn, der die Spreu von dem Weizen sondert und mit seinem Blitzstrahl die Bösen vertilgt! Dein Geschlecht hat das meine verfolgt, Dein Vater hat den meinen vertrieben, und dort schreitet er, mächtig und geehrt, die rechte Hand des Gesalbten des Herrn! Ich selbst habe das Fleisch überwunden und ich bin die demütige Leuchte des Herrn, während sie, die mich dem Satan überliefern wollte, in der Hand der Gerechten die Buße erwartet!«

Der Moriske wandte sich schnell gegen ihn.

»Diego,« sagte er, »wir spielten zusammen, als wir Kinder waren, auf jenen Trümmern, die von der Herrlichkeit meiner Väter noch nach Jahrhunderten zeugen! Bei der Erinnerung an unsere Kindheit – was weißt Du von dem Schicksal meiner Schwester?«

» Retro Satanas!« betete der fanatische Mönch, »die Stimme der Sünde und des Fleisches ist verhallt für mich! Sie, die Du Deine Schwester nennst, hatte Gewalt über den eitlen Torreador, nicht über den, der da lebt in der Gemeinschaft der Heiligen! Bete und bereue Deine Sünden, Sohn der Verfluchten, denn Deine Stunde naht!«

»Heuchler!« zischte der Offizier, »mich betrügst Du nicht, wie Dein Vater das Ohr des Infanten. Du weißt, ich bin ein Christ so gut wie Du, wenn ich auch mit Stolz an die Größe meines gefallenen Volkes zurückdenke und wie alle freien Männer mit Jubel und Thatkraft die Ermannung des neuen aus der Knechtschaft der Mönche und Finsterlinge begrüße!«

»Du bist ein Werkzeug der Gotteslästerer! Du hast auf den Ruf jenes Belsazar Mendizabal die Söhne der Kirche vertreiben helfen aus ihrem Eigentum!«

»Ich stimmte für die Einziehung der Klöster und die Vertreibung der Jesuiten, wie jeder Vaterlandsfreund. Erinnere Dich, Diego, daß Du selbst so dachtest, als Du Ximene, meine Schwester, liebtest und noch ein fröhlicher Jüngling warst, nicht ein tückischer Mönch, als den ich Dich jetzt mit Schmerz erkenne!«

Der Jesuit warf ihm einen giftigen Blick zu, während seine hageren Wangen dunkle Röte überzog. »Mahne mich nicht an die Zeit und die Schlange, die mich zu dem gemacht, was ich bin. Nie ist einem der Corpas' Glück gekommen von dem Geschlecht der Hacenen! Gesegnet seien die Heiligen, die mein unsterbliches Teil aus ihren Schlingen erlöst haben, auch wenn der Körper zu Grunde geht!«

» Caramba! gieb mir Antwort auf meine Frage, seiest Du Heuchler oder Fanatiker! Was weißt Du von Ximene?«

»Der Herr erleuchte ihr Herz …«

» Picaro

Der Jesuit machte das Zeichen des Kreuzes. »Er, der für uns gestorben ist, hat befohlen: Segnet, die Euch fluchen! Hast Du lange keine Nachricht von ihr?«

»Seit einem Jahre! Martere mich nicht, Diego!«

» Der Name ist hinter mir! Seit die Heiligen mich erleuchtet, bin ich der unwürdige Bruder Antonio! Don Manuel Corpas hat versprochen, daß Du sie wieder sehen sollst, ehe Du stirbst!«

Der Moriske blieb erschrocken stehen. »So befindet sie sich in den Händen Deines Vaters, des bösen Dämons von Spanien?«

Der Pater schlug andächtig die Augen zum Himmel. »Mein Vater wohnt dort oben! Don Corpas, den Du schmähest, die Stütze des rechtmäßigen Thrones, ist nur mein irdischer Erzeuger. Er vergilt Böses mit Gutem und wird die Jungfrau, die der Herr in seine Hand gegeben, zu dem Wege des Heils zwingen. Lamm Gottes, welches hinwegnimmt die Sünden der Welt, erbarme Dich dieser Seelen!« und er begann das Gebet für die Sterbenden, ohne weiter der Fragen des Offiziers zu achten.

Der traurige Zug war jetzt bis auf die Spitze des Hügels gekommen, der auf der Rückseite steil nach einer Schlucht abfiel. Dicht an diesem Abhang stand der alte, noch ziemlich wohl erhaltene Turm, einst das Stammhaus eines berühmten baskischen Geschlechts, dessen Ahnherr unter Columbus die Fahrt über das Weltmeer gemacht. Die Fenster der dicken Mauern waren im Erdgeschoß und ersten Stock mit schweren Eisengittern versehen. Zwei vorspringende Erker zierten im zweiten und dritten Geschoß die Ecken des Gebäudes. Vor demselben, das nur einen einzigen gewölbten Eingang hatte, befand sich ein freier Raum, von uralten, halb verwitterten Kastanienbäumen umgeben. Ein steinernes Kreuz, zum Gedächtnis irgend eines blutigen, mit der Geschichte des Thales verknüpften Ereignisses befand sich an dem einen Ende des Platzes; ihm zur Seite war eine tiefe und breite Grube aufgeworfen, bestimmt, die unglücklichen Opfer des Dekrets von Durango aufzunehmen.

Eine Menge baskalischer Landleute, Männer, Weiber und Kinder, hatte sich hier versammelt, andere hatten sich mit Soldaten der überall kampierenden Bataillone und Eskadrons dem Zuge angeschlossen, so daß, als dieser den Platz erreichte, die Menge, die ihn anfüllte, sehr zahlreich war.

» Parbleu! ich habe mich nicht geirrt,« sagte der eine der drei Reiter, die dem Zuge gefolgt waren und jetzt mitten in der Menge hielten. »Sehen Sie den Mann dort im Mantel, der mit dem Kapitän des Exekutions-Kommandos spricht?«

»Wer ist es?«

Herr von Neuillat neigte sich näher zu dem Ohr des jüngern Reiters. »Ein Kollege von mir, den Sie sich gewöhnen müssen, mein Prinz, überall und nirgends hier zu finden; er hat seine Finger in allem, was Unheilvolles geschieht und ist die rechte Hand des Prätendenten und zugleich sein böser Engel! Ich will wetten, daß auch hier eine Teufelei im Spiel ist!«

»Aber Sie haben mir noch immer nicht den Namen genannt?«

Der geheime Agent der legitimistischen Throne Europas zog die Brauen. »Ei, mein Bester, wie fremd Sie noch an unserm jungen Hofe sind. Es ist Herr von Corpas

»Und wer ist Herr von Corpas?«

»Von Geburt ein Andalusier aus Granada, zuerst Konsul in Faro, später Minister-Resident in Hamburg, dann durch einen geschickten Betrug Mitglied der Camarilla Königs Ferdinands VII. und nach der Restitution seiner souveränen Macht Gesandter in der Schweiz. Er versuchte in Andalusien einen Aufstand für die carlistische Sache und flüchtete dann nach Frankreich. Jetzt ist er der politische Beichtvater unsrer etwas allzu lenkbaren Majestät, obschon er's zum öffentlichen Minister nicht bringen kann, weil es noch zu viel verständige und anständige Leute in der Umgebung des Königs giebt, die mit einem Manne seines Schlages nichts zu thun haben wollen. Sehen Sie, da geht die Teufelei los!«

Die Gefangenen waren in einen Halbkreis gestellt worden und der Kapitän, der das Exekutions-Kommando führte, verlas nach einem Trommelwirbel den Befehl des Kommandierenden, wonach die Hälfte aller bei Oriamendi und Galdácano gefangenen Fremden-Legionäre der christinischen Armee auf Grund des Dekrets von Durango erschossen werden sollte.

»Halten Sie ein, Señor,« erklang die Stimme des gefangenen Offiziers. »Ich protestiere gegen dies Urteil, nicht aus Furcht vor dem Tode mit diesen braven Männern, sondern als Offizier der regulären Armee Ihrer Majestät der Königin!«

»Wir kennen keine Königin von Spanien, Señor, als die Gemahlin König Carls V.!« entgegnete rauh der baskische Kapitän. »Sie sind mit diesen fremden Räubern und Ketzern gefangen worden und haben sie nach Ihrem eigenen Geständnis bei dem Ausfall geführt!«

»Weil ich dazu befehligt wurde vom General Evans! Doch ich bin zu stolz mit Fanatikern um mein Leben zu streiten. Dieser junge Mann aber gehört weder zu den Freikorps, noch zur Armee. Er befand sich nur mit einer Botschaft bei den Truppen und gehört zum Haushalt der Königin!«

Der Verhüllte sprach einige Worte leise zu dem Kapitän und dieser wandte sich zornig gegen den Gefangenen. »Er ist ein Guzman und deshalb ein doppelter Verräter an seinem Herrn – er muß sterben, wie Du! Angetreten, Leute! Teilt die Gefangenen ab, Señor Profoß!«

Die Ceremonieen des traurigen Geschäfts waren kurz. Von den Gefangenen, die auf einem Haufen zusammengedrängt standen, wurden vier abgesondert und zwischen das Kreuz und die Grube gestellt. Es waren der Mexikaner, ein Deutscher und zwei Franzosen. Einer der Patres reichte ihnen das Kruzifix zum Kuß, aber nur Señor Tommaso berührte es ehrerbietig mit den Lippen, die beiden Franzosen stießen eine freche Lästerung aus, und der Deutsche – es war der junge Mann mit dem blassen verlebten Gesicht – biß die in Todesfurcht klappernden Zähne zusammen und stierte mit irren Blicken umher.

»Caporal José – tretet an!«

Der Korporal winkte seinem ehemaligen Gläubiger. »Leben Sie wohl, Señor Tommaso! nehmen Sie den Trost mit hinüber, daß ich eine Messe für Ihre Seele lesen lassen werde!«

Das blasse Gesicht des Mexikaners zog eine Fratze – man konnte nicht recht unterscheiden, ob sie Dank oder Bosheit ausdrücken sollte.

»Angetreten!«

Zwölf Grenadiere vom ersten Bataillon von Guipuzcoa, demselben, das die Höhen von Galdácano erstürmt, traten an.

»Fertig zum Feuern!«

Die Hähne knackten. Die Mönche erhoben ihre Stimmen in dem einförmigen Tonfall der Litanei, und das Volk, auf die Knie fallend, murmelte die Responsorien.

»Heilige Maria! Heilige Mutter des Herrn!«

»Bitte für uns!«

»Schlagt an!«

Die Trommel wirbelte in leisem Klang – –

»Von Ewigkeit erkorene Mutter des ewigen Sohnes.«

»Feuer!«

Die zwölf Schüsse krachten – ein Wehgeschrei von einem, der nur durch die Brust getroffen war! die vier Körper schlugen im Todeskampf den Boden!

»Lassen Sie uns fort,« verlangte der jüngere Offizier; »ich überschätzte meine Kraft! Das ist zu furchtbar, um es wiederholt zu sehen.«

Der Agent preßte ihm die Hand, während der Oberst finster und ungerührt auf das blutige Schauspiel blickte. »Es ist unmöglich, uns jetzt zurückzuziehen; das Volk würde uns mit Steinwürfen verfolgen, oder noch Ärgeres thun. Überdies muß ich wissen, was Don Corpas hierher geführt!«

Der jüngere Offizier bedeckte die Augen mit seiner Hand, um das Schreckliche nicht wiederholt zu sehen, denn eben trat ein neues Peloton vor und vier andere Gefangene wurden an die blutige Stelle geführt, während die Körper ihrer Vorgänger noch in den letzten Todeszuckungen hinab in die Grube geworfen wurden.

» Carájo!« fluchte der ehrliche Korporal, der ausdrücklich befohlen hatte, seinem ehemaligen Freund nur nach dem Herzen zu zielen, und gegangen war, sein Erbe zu holen. »Der Teufel möge ihn dreimal dafür braten – einen rechtschaffenen Mann um sein rechtmäßiges Gut zu bringen. Der Schurke hat die Doublonen verschluckt und sicher gewußt, daß ich nicht Zeit haben würde, ihm den hungrigen Leib aufzuschneiden!«

»Zur Seite, Korporal! – Fertig zum Feuern!«

Weiter und weiter murmelten die Totengebete – wieder und wieder rollten die Salven und mischten sich mit den Ausbrüchen der Angst und des Schmerzes und den Verwünschungen und Lästerungen wilden Trotzes bis in den Tod!

Siebenmal hatten die Pelotons gewechselt, der Boden am Kreuz schwamm im Blut, selbst die Augen der rohen, blutdürstigen Menge begannen sich von dem schrecklichen Schauspiel dieser Hinrichtung abzuwenden.

Plötzlich gellte ein wilder, verzweifelnder Schrei über die Köpfe der Menge hin:

»Achmet! mein Bruder! Barmherzige Jungfrau, sie töten ihn!«

»Jetzt kommt's! passen Sie auf, Durchlaucht,« flüsterte der Agent.

Offenbar war der Offizier der Argelinos absichtlich bis zuletzt verschont geblieben – mit ihm der Jüngling, der Page der Königin, der liederliche Schwabe und ein Schweizer, ein Deserteur aus Neapel.

Der Moriske, als er den Ruf, der ihm galt, vernahm, riß sich aus den Händen des Profoß und seiner Schergen, die ihn bereits gefaßt, und stürzte vor; sein dunkles Auge flog wie wahnsinnig über die Menge, bis es den Gegenstand fand, den es suchte.

Droben im offenen Erkeraltan des zweiten Stockwerks rang ein Weib, ein junges Mädchen, mit einem Mann, dessen Hut und Mantel bei dem ungleichen Kampf herabgefallen.

»Don Corpas – ich dachte es mir!«

»Ximene! Schwester Ximene! Fluch über den Mörder unseres Vaters!« Er riß wie ein Rasender an den Stricken, die seine Hände fesselten.

Die schlanke Gestalt der Moriska schleuderte die kränkliche schwache Figur des alten Mannes zurück und schwang sich mit der Behendigkeit einer Gazelle auf die steinerne Rampe des Altans. Im nächsten Augenblick sah man die dunklen Gewänder, das fliegende Haar der Andalusierin gleich einem Blitzstrahl durch die Luft huschen – einen Moment lang glaubten die Zuschauer der seltsamen Scene, das Mädchen würde zerschmettert zu Boden kommen; dann erst, als sie von ihrem Falle sich emporraffte und zu dem Bruder flog, erkannte man den seltsamen und gefährlichen Weg, den sie kühn entschlossen genommen hatte, indem sie mit den Händen die starken Zweige des hoch an dem Turm emporrankenden Epheus, der vielleicht so alt war wie der Turm selbst oder wie das Geschlecht, dessen Namen er trug, ergriff und an ihnen mit der Geschicklichkeit einer Katze herunterglitt.

Im Nu hatte sie mit dem kleinen Dolch, den sie im Busen verborgen trug, die Bande ihres Bruders zerschnitten und ihm die Waffe in die Hand gedrückt. Einander umschlungen haltend standen die Geschwister, der Moriske flammenden Auges mit geschwungenem Messer seine Feinde erwartend, während seine drei Todesgefährten sich Schutz suchend um ihn drängten.

Die Aufregung, die durch die plötzliche Erscheinung der jungen Andalusierin entstanden war, bot ein Bild voll Leben. Das Mädchen selbst vereinte alle Reize der beiden Volksstämme. Ihre Gestalt war überaus zierlich und schlang, voll Reiz und Leben durch die volle Wölbung der Hüften und der schön geformten Schultern, über die der dunkle Rebozo weit zurückfiel. Das eng anschließende Jäckchen von schwarzem Samt mit den zahllosen Silberknöpfen zeigte die Formen der Arme, die Schönheit der kleinen Hand und, vorn geöffnet, die üppige Rundung des Busens in dem anliegenden Mieder von gelber Seide. Die langen schwarzen, mit Korallen und Silbernadeln geschmückten Locken waren nur zum Teil in dem roten andalusischen Netz gefesselt und hingen zur größeren Hälfte, gelöst von der Anstrengung des Ringens und der Flucht, über den Rebozo auf Schultern und Brust nieder.

Von dem Reiz dieses Gesichts vermochte der jüngere Offizier das Auge nicht mehr abzuwenden.

Prinz Felicio, wie der junge Offizier von seinen Begleitern genannt worden, war aber nicht der Einzige, dessen Augen so fest und bewundernd an der Gestalt der schönen Andalusierin hingen. Noch starrer hafteten darauf die Augen des jungen Jesuiten, dessen fahle Blässe einer fliegenden Glut gewichen war. Das Brevier zitterte in seiner Hand, die sich weit, wie abwehrend nach dem Mädchen ausstreckte, während der Mund die Bannformeln seiner Kirche, vermischt mit Worten leidenschaftlicher Bewunderung ihrer Schönheit, murmelte.

Der Mann auf dem Altan hatte sich aufgerafft und beugte sich weit über die Brüstung. »Laßt sie nicht entfliehen, sie ist eine Gefangene! Zu Ihrer Pflicht, Don Ramon, im Namen des Königs!«

»Trennt das Weib von dem Gefangenen!« befahl der baskischen Offizier. »Seien Sie ein Mann, Señor, und fügen Sie sich in Ihr Schicksal!«

Die Soldaten drängten heran, aber das Mädchen deckte mit ihrem Leib den Bruder.

»Señor Capitano,« rief dieser entschlossen durch den Tumult, »bei Ihrer Ehre! rufen Sie Ihre Leute zurück, ich habe Ihnen nur ein Wort zu sagen!«

Der Kapitän gebot Halt; die drei Reiter hatten sich mit Gewalt durch die Menge gedrängt, der Prinz war aus dem Sattel gesprungen und bereit, der Dame zu Hilfe zu eilen.

»Geben Sie mir Ihr Wort als Edelmann und Offizier, Señor,« fuhr der Moriske fort, »daß dieses Mädchen, meine Schwester, die ich widerrechtlich von einem Schurken und Feind meiner Familie hier gefangen gehalten finde, unter Schutz und ungekränkt an den ersten Posten des Generals Espartero geleitet werde, und ich will mich ohne Widerstand dem ungerechten Tode unterwerfen, den man mir bestimmt hat!«

Der Kapitän des Kommandos war im Zweifel, was er thun sollte. Ehe er noch einen Entschluß fassen konnte, tönte die gellende, zeternde Stimme des jungen Jesuiten:

»Tötet! tötet! es ist besser, daß der Leib sterbe, denn die Seele! Laßt die Ketzerin mit ihm sterben, ehe sie entflieht!«

Er schwang wie ein Wahnsinniger das Bild des gekreuzigten Erlösers gegen die Gruppe der Verurteilten, und die den Klostergeistlichen blind gehorchende Menge heulte fanatisch ihm nach:

»Tod den Ketzern! Tod der Abtrünnigen!«

Don Corpas hatte den Turm verlassen und stand jetzt neben dem kommandierenden Offizier. Die Scheu, die er bei jeder Gelegenheit zeigte, handelnd in den Vordergrund zu treten, wich notgedrungen der Gefahr, seine Opfer zu verlieren. Er drohte dem Kapitän mit dem Zorn des Königs, wenn er die Exekution nicht vollstrecke und das Mädchen mit Gewalt nach dem Turm zurückführen lasse.

Don Felicio wandte sich zu dem Grafen. »Sie sind vorgesetzter Offizier, Oberst,« sagte er leidenschaftlich, »Sie werden nicht dulden, daß die schmachvolle Barbarei auf das Äußerste getrieben wird!«

Der Italiener zuckte die Achseln; er mochte nicht gern mit den Jesuiten und ihrem Genossen, dem Günstling, anbinden. »Ich bin vom Generalstab,« sagte er, »und habe kein Recht, mich in die Exekution einzumischen!«

» Caramba!« schrie der Kapitän erbost. »Ich erfülle meine Ordre! Wenn die Señora ein Unglück trifft, ist es nicht meine Schuld. Platz um die Verurteilten. Caporal, lassen Sie die Mannschaft antreten!«

» Gobardes! Elende Feiglinge! so ist denn kein Mann unter allen, der Ehre genug hat, ein verfolgtes Weib zu schützen?«

Der junge Offizier brach sich mit Gewalt Bahn und eilte zu den Bedrohten. »Ich habe keine Macht, Sie selbst zu retten,« sagte er hastig, »aber ich verpfände Ihnen mein Wort, daß ich diese Dame gegen jede Kränkung schützen und dahin geleiten werde, wohin sie selbst es bestimmt.«

Der Moriske maß ihn mit flammendem Blick; dann versuchte er selbst die Hände des sich anklammernden Mädchens zu lösen und sie dem Helfer in den Arm zu legen.

»Ich vertraue Ihnen ihr Leben und ihre Ehre, Señor! – möge Ihnen Gott vergelten, was Sie thun, und Sie vor Mörderhänden schützen, wie Sie meine Schwester!«

»Er ist ein Ketzer wie sie! tötet sie! tötet sie!« heulte der Mönch.

Don Corpas, seine Scheu besiegend, war herangetreten. »Mit welchem Recht mischen Sie sich hier ein, Señor? wer sind Sie?«

»Ich bin Offizier in der Armee Ihres Königs, wie Sie sehen, und gehöre zur Grandezza!« herrschte der Deutsche ihn an. »Wollen Sie meinen Rang und Namen wissen, so wenden Sie sich an den Grafen Mortara. Sie mögen Ihr blutiges Mördergeschäft verrichten, aber diese Dame steht von diesem Augenblick an unter meinem Schutz!« Er legte die Hand an den Säbelgriff, und seine Augen blitzten unerschrocken den stechenden, drohenden Blicken des Spaniers entgegen.

Jetzt, während der Diplomat, durch den mutigen Widerstand stutzig gemacht, in der That bei dem Offizier des Generalstabs Nachfrage hielt, wandte die schöne Andalusierin zum erstenmal ihre dunklen Augen auf den unerwarteten Helfer, und aus den Armen ihres Bruders gleitend, sank sie vor ihm nieder und umfaßte seine Knie. »O, retten Sie ihn, Señor,« flüsterte sie mit leidenschaftlichem Ton. »Retten Sie Achmet, und ich will Sie lieben, so lange ich atme! Wenn der letzte vom Blut der Hacenen sterben soll, will auch Ximene nicht leben!«

Der zweite Begleiter des deutschen Edelmannes hatte sein Pferd bis dicht an die Gruppe getrieben. Einen Augenblick sah er sich vorsichtig um, dann beugte er sich nieder auf den Hals des Rosses. »Spielen Sie den tapfern Ritter, Prinz,« flüsterte er französisch, »und helfen Sie den armen Schluckern. Die Doña ist es wert!«

»Aber mein Gott, wie? meine Fürsprache ist machtlos, ich bekleide hier noch keinen militärischen Rang und der Oberst weigert sich, einzuschreiten.«

»Bah, nichts leichter als das! Sehen Sie dort die eiserne, verrostete Kette über dem Thorweg des Turmes?«

»Was soll das?«

»Es ist das Zeichen des Asylrechts. Der König hat dort geschlafen. Wenn diese Bursche die Schwelle berühren können, sind sie vorläufig sicher. Ich möchte Don Corpas einen Streich spielen und werde Sie unterstützen; aber eilen Sie!«

Der Prinz begriff, daß es sich hier um eine der ihm noch unbekannten Sitten des Landes handeln müsse, und daß es raschen Entschluß galt, denn schon kehrte Don Corpas mit triumphierendem Hohn zurück, und die Menge, von den Mönchen aufgehetzt, schrie ungestüm nach der Beendigung der Exekution.

»Fliehen Sie in den Eingang des Turmes, dort wird man Sie schützen,« sagte er hastig in französischer Sprache zu dem Morisken, dann zog er den Säbel und faßte mit der Linken den Arm der Señora, den er unter den seinen zog. »Platz da, im Namen des Königs!« Er drängte vorwärts, als wolle er die Dame wegführen.

Herr von Neuillat ließ sein wohldressiertes Pferd steigen und courbettieren, daß die Menge zurückstob und die Soldaten, die die Verurteilten zunächst umringten, zur Seite sprangen. Diesen Augenblick benutzte der christinische Offizier, und die Waffe, die ihm seine Schwester gegeben, schwingend, stürzte er durch den Kreis, dem offenen Eingang des Turmes zu. Ohne zu wissen, um was es sich handle, folgten ihm seine drei Gefährten, und der Schwabe rannte dabei den Pater Antonio über den Haufen, der sich ihnen entgegen warf.

Der Moriske erreichte in der That glücklich den unbewachten Eingang und verschwand in der Pforte, auch der Schwabe sprang über die Schwelle; aber der Page der Königin fiel dicht vor ihm nieder. Ehe die schreienden, fluchenden Soldaten ihn erreichen konnten, hatten ihn jedoch seine Gefährten ergriffen und in die Thür gezogen; nur der vierte Gefangene fiel in ihre Hände.

Alles stürzte und drängte nach dem Eingang des Turmes, als plötzlich aus der Menge der Ruf sich hören ließ: »Asyl! Asyl! Ehrt das Asylrecht!«

Don Corpas schleuderte dem diplomatischen Agenten einen drohenden Blick zu. »Ihm nach! Greift ihn! Schleift die Argelinos heraus!«

Aber bereits wiederholten hundert Stimmen aus dem Volke den Ruf: »Asyl!« und die Hände wiesen hinauf nach den Ketten über der Pforte.

Nach spanischem Gebrauch heißt die zeitweilige Wohnung des Monarchen der königliche Palast. Es war ein altspanisches Privilegium, daß, wenn ein König von Spanien auf Reisen oder Märschen in einem Privathause übernachtete, sobald er sich entfernt, eine eiserne Kette über dem Hausthor auf ewige Zeiten aufgehängt wurde. Der Henker und seine Knechte dürfen dann nie, die Alguazile und Gendarmen nur nach eingeholter höherer Bewilligung in ein so mit der Kette begnadigtes Haus treten. Jedes infamierende Verbrechen des Hausherrn jedoch zieht den Verlust der Kette nach sich.

Obschon Don Corpas dies Vorrecht sehr wohl kannte und das Zeichen sah, achtete er in der Gier, den alten Familienhaß zu befriedigen, doch nicht auf das Hindernis, sondern eilte nach der Thür und trieb den Profoß und die Soldaten an, sich der Entflohenen zu bemächtigen. Selbst sein Sohn, der junge Jesuit, vergaß jede Bezähmung seiner Leidenschaft, die ihn die strenge Schule des Ordens, dem er sich gewidmet, in dem zweijährigen, erst vor kurzem überstandenen Noviziat gelehrt; er raffte sich empor und stürzte, das Kruzifix wie eine Waffe schwingend, nach dem Turm.

Aber jetzt war es ihr eigenes Werkzeug, der Offizier des Kommandos selbst, welcher sich ihnen entgegen warf.

»Halt da, Señores! Niemand soll die Männer berühren, die in dem alten Hause meiner Familie das Asylrecht gefunden, es sei denn, daß der Befehl des obersten Gerichtshofes von Biscaya oder der geheiligten Majestät selbst es bestimmt!«

»Señor Capitan, es ist Ihre Pflicht, die Verbrecher ihrer Strafe zu überliefern. Sie haben den Befehl und dürfen sich nicht durch ein Vorurteil daran hindern lassen!«

Das Gesicht des baskischen Offiziers färbte sich dunkelrot. »Niemand braucht mich an meine Pflicht zu erinnern, Señor,« sagte er heftig. »Aber dies ist die Burg der Familie Zureda, und seit den Tagen König Philipps II. hat sie das Vorrecht der Kette besessen. Ich, ihr Abkomme, werde es zu schützen wissen!«

»Aber so bedenken Sie …«

»Sie selbst, Señor, haben es gewünscht, daß die Exekution der Feinde des Thrones an dieser Stelle vollzogen werde. Und wäre der Mörder meines Vaters in jenem Hause, kein Häscher sollte seine Schwelle überschreiten, bevor er nicht den Befehl des obersten Gerichtshofes vorzeigt!«

» In nomine Dei! Tötet ihn! tötet ihn! Die Feinde des Königs sind die Feinde Gottes!«

Der ältere Pater, der den Zug der Verurteilten begleitet und den ruhigen Beobachter aller Vorgänge gemacht hatte, zog den jungen Jesuiten aus der zaudernden Menge. Die schwarze viereckige Kappe, die seine kahle Platte bedeckte, zeigte seinen Rang als Profeß des Ordens, der von den jüngeren und geringeren Gliedern den unbedingten Gehorsam zu fordern hat.

»Bezähme Dich, Bruder Antonio,« sagte er streng. »Ich fürchte, es ist mehr weltliche Leidenschaft und Interesse in Deinem Thun, als wahrer Eifer für den Herrn!«

Der junge Jesuit beugte sich unter dem scharfen und wahren Vorwurf seines Vorgesetzten. Sein boshaftes Auge nahm den frühern heuchlerischen Ausdruck wieder an, sein Gesicht die fahle krankhafte Farbe.

» Confiteor meam culpam!«

»Der Teufel der Welt ist mächtig in uns,« fuhr der ältere Jesuit fort, »und ich bemerkte mit Trauer, daß der Sauerteig Deiner Erinnerungen noch zu viel Gewalt über Deine Seele hat. Wer sich dem Dienst unseres heiligen Stifters weiht, muß keine anderen Zwecke kennen, als die des Ordens. Kehre zur Stelle zurück in das Kloster und melde Dich bei dem Pater Rektor zur dreitägigen Pönitenz. Ich werde bei Deinem irdischen Vater rechtfertigen, was ich gethan habe!«

Einen Augenblick schien der Gedanke an Einsprache gegen den unbedingten Gehorsam, der die erste Regel des Ordens ist, in der Seele des jungen Jesuiten aufzutauchen, er suchte mit leidenschaftlichem Blick die junge Andalusierin und ihren Beschützer und wandte das Auge dann, wie Beistand suchend, nach seinem Erzeuger; aber Don Corpas mit seinem Streit mit dem baskischen Offizier war zu sehr beschäftigt, um auf ihn zu achten. Indem er das Haupt beugte und sein Brevier aufschlug, schritt er durch die sich öffnende Menge, die Augen starr auf das Buch geheftet, die Zähne zusammengepreßt, Wut und Eifersucht im Herzen, aber ohne ein weiteres Zeichen des Widerstandes.

Der Kapitän hatte den Säbel gezogen und stand entschlossen vor dem Eingang des Turmes. » Valga me Dios! ich spalte jedem Schurken den Kopf, der es wagt, das Asylrecht der Familie Zureda zu verletzen!«

Der Vertraute und Günstling des Königs wollte im Vertrauen auf diese Stellung noch eine Einsprache thun, aber ein Blick umher belehrte ihn, daß selbst der Beistand, der Priester und des Obersten dem Vorurteil und der starren Ehrfurcht vor dem alten Recht nicht gewachsen war. Das Volk nahm bereits offenbar Partei, und die Soldaten, die sich vom ersten Eifer zur Verfolgung hatten hinreißen lassen, lehnten ruhig und trotzig auf ihren Gewehren, während der Profoß mit seinen beiden Gehilfen nicht wagte, einen Schritt weiter zu thun.

Don Corpas kannte den starren, auf ihre Privilegien pochenden Sinn der Basken und fühlte, daß er nicht weitergehen dürfe, wollte er sein Ansehen nicht preisgeben.

»Señor Capitan,« sagte er finster, »Sie sind in Ihrem Recht. Aber Sie bürgen mit Ihrem Kopf für die Gefangenen, bis ich zurückkehre oder Botschaft sende. Ich werde Seiner geheiligten Majestät Befehle einholen.«

Der Kapitän verbeugte sich. »Mögen Euer Excellenz tausend Jahre leben! Der Befehl des Königs oder des obersten Gerichtshofes wird die Thüren meines Hauses öffnen. Bis dahin werde ich einen starken Posten meiner Kompagnie zur Bewachung hier lassen.«

»Ich begebe mich zur Stelle nach Tolosa an das Hoflager, Señor Capitan. Lassen Sie jenes Weib nach dem Kloster bringen, damit sie hier nicht mit dem Argelino verkehrt. Ich werde mit dem Pater Rektor sprechen, daß er sie hinter Schloß und Riegel bringt.«

Der Prinz hatte unterdes mit Don Neuillat geredet. »Fürchten Sie nichts, Señora, für das Schicksal Ihres Bruders,« sagte er, ihr angstvolles Flehen beruhigend. »Der Infant Don Sebastian ist ebenso großmütig wie tapfer und wird die Begnadigung Ihres Bruders nicht verweigern, um so mehr, wenn er hört, wie hier verfahren ist. Diese Dame,« fuhr er, zu Don Corpas und dem Kapitän gewandt, fort, »steht unter meinem Schutz und ich werde die Ehre haben, sie nach Azcoitia zu begleiten.«

»Das werden Sie nicht, Señor,« sagte der Spanier heftig. »Dies Weib ist eine Staatsgefangene, und ich werde es nicht dulden, daß sie sich entfernt!«

»Seine Majestät Don Carlos V.,« entgegnete der Prinz kalt, »führen nicht mit den Damen von Andalusien Krieg. Die Señora hat mir vertraut, daß sie von Ihnen bei dem Zug des Generals Gomez nach dem Süden, um einem Familienhaß zu frönen, ihrer Heimat entrissen und hierher geschleppt worden ist, wo man sie seit vielen Monaten gefangen gehalten hat. Sie haben in dieser Angelegenheit nicht wie ein Caballero gehandelt, Señor, und ich werde Sorge tragen, daß diese Dame ihrer Familie zurückgegeben wird.«

»Doña Ximena,« bemerkte höhnisch der ehemalige Gesandte, »ist schön genug, um solchen Schutz zu belohnen. Für Ihre Beleidigungen, Señor, werden Sie mir an einem anderen Orte Rede stehen. Die Señora ist für ein Kloster bestimmt und wird dahin gebracht werden, sobald es Zeit. Kapitän Zureda wird für sie sorgen, nicht ein Fremder von zweifelhaftem Rang und Charakter!«

Der junge Offizier ließ den Arm des Mädchens los und legte mit der dunklen Röte des Zornes auf der Stirn die Hand an den Säbel – aber Herr von Neuillat kam ihm zuvor.

»Ich habe die Ehre gehabt, Señor Don Corpas, Ihnen den Namen und Rang dieses Herrn zu nennen,« sagte er kalt, »und bürge dafür. So viel ich weiß, bekleidet Señor Corpas in diesem Augenblick weder einen Posten in der Administration, noch einen militärischen Rang, der ihn berechtigt, hier irgend einen Befehl zu geben; er darf es ebenso wenig wie ich!«

Der Andalusier sah den verhaßten Nebenbuhler mit giftigem Blick an. »Ich habe sogleich Ihren Rat und Einfluß in der Durchkreuzung meiner Absichten erkannt, aber der Señor Capitan …«

» Caramba!« unterbrach ihn mürrisch der biscayische Offizier, »lassen Sie mich in Frieden mit dem Weibsvolk. Ich bedaure ohnehin schon, dem Rat der Patres gefolgt und unser altes Haus für eine Fremde zum Gefängnis hergegeben zu haben, die eine Ketzerin sein soll. – Angetreten, Bursche, an den Baum mit dem Schurken von Argelino dort, den wir noch zur rechten Zeit erwischt, damit wir zu Ende kommen mit dem Geschäft!«

Der Prinz rief in polnischer Sprache seinem Reitknecht zu, der durch die gaffende Menge drängte und die Pferde herbeiführte.

»Wir müssen uns helfen, so gut es geht, Señora,« sagte der Kavalier. »Verstehen Sie zu reiten?«

Sie lächelte durch Thränen. »Ich bin aus Andalusien, Señor! Aber kann ich meinen Bruder nicht zuvor sehen, um ihm eine Beruhigung über sein und mein Schicksal zu geben?«

Der Prinz befragte die Augen seines Begleiters, dieser nickte zustimmend, worauf Don Felicio der Dame den Arm bot und sie in den Turm führte, an dem wutschäumenden Günstling vorüber.

Sie waren kaum wenige Minuten bei den Gefangenen, als die fallenden Schüsse das Herz des Morisken und seiner Gefährten schaudern machten. Ihr Schicksal wäre jetzt besiegelt gewesen, wenn der glückliche Rat es nicht gewendet. Der Kavalier zweifelte nicht, die Rettung der Verurteilten zu vollenden, indem er der Doña Gelegenheit zu einem Fußfall bei dem Infanten verschaffte. Er versprach, sie gegen jeden Versuch ihres Feindes zu schützen und sobald als möglich zurückzukehren.

Der Ruf seines Gefährten mahnte ihn zur Eile; bei dem Charakter ihres Gegners konnte jeder Augenblick unnützen Verzuges Verderben bringen, und er führte deshalb rasch die Dame hinab.

Sie trafen Don Corpas bereits im Sattel, der Graf Mortara hatte ihm das Pferd seiner Ordonnanz nicht verweigern können. Herr von Neuillat dagegen hatte die Zeit benutzt, um ein Reitkissen für die Dame herbeizuschaffen, das Don Felicio auf seinem eigenen Pferde befestigen ließ, während er das Roß seines polnischen Dieners bestieg.

Don Corpas wandte sich im Sattel um. »Señor Capitan,« sagte er, »nochmals, Sie bürgen für die Gefangenen und halten Ihre Leute zur Exekution bereit. Ehe die Nacht einbricht, werde ich von Tolosa mit dem Befehl des Königs zurück sein. Bis dahin, Señor, sparen Sie Ihre Freude über den Sieg!«

Herr von Neuillat lachte spöttisch. »Glückliche Reise, Señor Don Corpas! Tolosa ist zehn Leguas entfernt, und das Hauptquartier des Infanten Don Sebastian noch keine zwei. Sie sehen, Ihre Rechnung stimmt nicht!«

Mit einer bittern Verwünschung zwischen den Zähnen sprengte der alte Spanier davon. Als sie an dem noch offenen Grabe vorüberkamen, das vielleicht schon bestimmt war, ihren Bruder aufzunehmen, verhüllte die schöne Moriska schluchzend ihr Haupt.


Es war vier Tage später. Durch die geöffneten hohen Fenster der Balkone kam der frische Strom der abendlichen Bergluft aus dem Thal von Azcoitia her.

Auf dem Balkon des Palastes de Narros, der die weite Aussicht in die prächtige Nachtlandschaft öffnete, über welcher der glänzende südliche Sternenhimmel lag, standen ein Mann und eine Frau, sie die kleine, zierliche Gestalt an die seine schmiegend, den Kopf an seine Schulter gelehnt: Doña Ximene, die Moriska, mit ihrem Beschützer.

Er beugte sich nieder zu ihr, strich das von seinem Netz entfesselte Haar zurück und küßte ihre Stirn.

»Ximene! wirst Du mich immer lieben, wie jetzt?«

»Als Du mich an jenem Tage in dieses Haus geführt und verlassen, Felicio, und Stunde auf Stunde verrann in banger Angst um das Schicksal Achmets, da vertraute Ximene auf Dich, den ihr Auge zum erstenmal gesehen, und sie wiederholte in ihrem Herzen den Schwur, den sie geleistet in jenem schrecklichen Augenblick, als die Kugel der Grausamen des Bruders Leben bedrohte, den Schwur: den Retter, den ihm Gott gesandt, zu lieben und die Seine zu sein, wenn er ihr Herz nicht verschmähte. Und ihr Glaube hat Ximene nicht getäuscht! Denn als ich das Gelübde gethan, da hörte ich durch die Nacht den Hufschlag Deines Pferdes, und Du stürmtest die Treppe hinauf, und Dein erstes Wort war: Gerettet! frei!«

Der Offizier drückte sie zärtlich an sich. »Es war kein Augenblick zu verlieren, denn unsere Gegner waren schnell. Darum konnte ich Dich nicht erst benachrichtigen, Geliebte, oder Dich zu jenem Turm zurückführen. Der Infant, der mir die Begnadigung der Verurteilten sofort bewilligte, während Neuillat nach Tolosa eilte, die Intriguen der Gegner zu hintertreiben, riet mir, die Gefangenen mit der Eskorte, die er mir gab, ohne Verzug zu den Vorposten der Christinos zu bringen, um ihre Auswechselung anzubieten. Es war ein Glück, denn schon eine Stunde nachher traf der Befehl des Königs ein, der das Asylrecht aufhob.«

»O Fluch über ihn, der so das Blut der Söhne Spaniens in kaltem Morde vergießen kann! Und für ihn kämpfst Du, der freie Fremdlings? Warum mußt Du denn helfen, das erwachte Reich der Geister wieder in die Nacht der Priesterherrschaft und der Tyrannei zu stürzen, die uns des Elends so viel gebracht?«

Felicio lächelte. »Laß uns nicht streiten über Politik, Geliebte. Nicht für die Herrschaft der Mönche kämpfe ich, sondern für das Prinzip der Legitimität, für den rechtmäßigen König des Landes! Nicht durch ein Unrecht, nicht durch die Revolution schreitet ein Volk vorwärts in seiner Entwickelung, sondern auf dem Wege der Gesetze, welche die Erfahrung der Jahrhunderte geboren. Wer frevelnd das Recht der Könige umstürzt, dem ist nichts heilig, und frevelnd wird er an allen Gütern der Menschheit rütteln!«

Sie wiegte zweifelnd den schönen Kopf. »Achmet und ich sind die Kinder eines alten Königsgeschlechtes,« sagte sie endlich, »und dennoch denken wir anders! Im Grunde – was kümmert's mich! Hat doch der Gott, den jene Priester und Fanatiker mit Blut beflecken, Dich hierher geführt, und darum kann die Sache, der Du Dich geweiht, keine schlechte sein. Seit jener Nacht, in der Du mir die Nachricht von Achmets Rettung brachtest, war mein Herz bei Dir; was kümmerte mich der Streit der Könige und der Völker! In jener Nacht gab ich Dir das beste, was ich hatte, nicht den Leib der Jungfrau, sondern des Herzens Glut, die für Dich lodern wird, bis sie dies Herz selbst verzehrt hat. O laß mich nicht von Dir, Felicio, niemals, niemals! denn getrennt von Dir, müßte ich sterben!«

Sie hielt ihn leidenschaftlich umschlungen; aber er drückte Kuß auf Kuß auf ihren Mund.

So standen sie lange; nur der Ruf der Schildwachen aus dem Thal, vom fernen Kirchplatz her, wo die Lanziers biwakierten, fröhlicher Gesang oder der Klang der Guitarre und der waffenklirrende Schritt der Patrouillen unterbrach die köstliche Ruhe des Abends.

Plötzlich schrak die Moriska empor – der Galopp eines Pferdes tönte näher und näher auf dem schlechten Pflaster und hielt vor dem Portal des Palastes.

»Geliebter – wer kommt so spät?« fragte sie ängstlich.

Der Prinz lachte. »Was mag Dich das beunruhigen, Träumerin! Hundert Reiter kommen und gehen den Tag; Du weißt, daß der Offiziere mehr im Palast wohnen. Aber es ist Zeit, daß Du die Ruhe suchst; von der Sierra her streicht der Wind kälter durchs Thal, und in aller Früh' ist die Musterung der Truppen.«

»Schickst Du mich von Dir, Felicio, mein Leben?«

Er beugte sich über sie und flüsterte ihr leise einige Worte ins Ohr. Errötend barg sie das Antlitz an seine Brust und umschlang ihn fester und inniger zur Antwort.

Da klopfte es an die Thür des Gemaches – laut und rasch. Erschrocken riß das Mädchen sich aus seinen Armen, während sie vom Altan in das Zimmer zurücktraten.

»Wer ist da? was giebt es so spät?«

»Schnell, Durchlaucht, öffnen Sie schnell! ein Freund von Tolosa!«

Die Stimme schien ihm bekannt. Vergebens versuchte er, die Dame nach ihrem Gemach zu führen. Sie weigerte sich, zu gehen, und er öffnete die Thür.

Ein Mann in den spanischen Mantel gehüllt, den Hut tief über die Augen, trat herein.

»Wer ist der Bursche, den ich im Vorzimmer fand? es ist nicht Ihr polnischer Diener, Durchlaucht.«

»Ein Deutscher, einer der Verurteilten, den Sie mir retten halfen, denn nun erkenn' ich Sie, liebster Neuillat. Er weigerte sich, zu den Christinos zurückzukehren, weil ihm dort der Strick für den Diebstahl eines silbernen Christus eben so gewiß war, wie bei uns die Kugel. So macht' ich, weil ich den Fürsten von Oehringen kenne, aus dessen Lande er stammt, einen Diener aus ihm.«

»Können Sie ihm trauen?«

»Ich glaube; Dankbarkeit und Anhänglichkeit sind wahrscheinlich die einzigen guten Eigenschaften, die er besitzt.«

»So befehlen Sie ihm, Wache zu halten und sogleich zu melden, wenn Alguazils nahen.«

»Alguazils? Ich begreife Sie nicht. Wie kommen Sie von Tolosa hierher? was ist geschehen?«

»Nichts, dem nicht noch vorzubeugen ist. Mein Brauner hat die elf Leguas in vier Stunden gemacht, um Sie zu warnen.«

»Mich warnen? was ist geschehen?«

»Der Bote mit dem Befehl des Königs zur Auslieferung dieser Dame folgt mir auf dem Fuß. Don Corpas hat gesiegt; der Teufel weiß, welcher Lügen oder Verleumdungen er sich bedient hat; aber der Befehl ist erteilt, Dona Ximena de Nacena ihm zu überliefern, und Sie können sicher sein, daß er in einer Stunde mit den Alguazils in diesem Hause ist, um sie mit Gewalt zu holen. Der edle Señor verließ mit mir zugleich Tolosa, und nur seinem Alter und der Schnelligkeit meines Pferdes verdanke ich den Vorsprung. Fassen Sie rasch Ihren Entschluß, oder fügen Sie sich in das Unvermeidliche!«

»Ich werde mich weigern, Doña Ximena auszuliefern. Den ersten der Schurken, der es wagt, die Schwelle meiner Zimmer zu übertreten, schieße ich über den Haufen!«

»Um Himmelswillen keine Gewaltmaßregel, Durchlaucht – Sie kennen die spanischen Gerichte nicht. Sie sind wie die Harpyen, an wen sie sich einmal gehängt, den geben sie nicht wieder aus ihren Krallen. Überdies ist der Befehl des Königs da, und Sie würden durch Ihren Widerstand Ihre ganze Zukunft in diesem Lande aufs Spiel setzen.«

»Der Teufel hole sie! ich kümmere mich den Henker darum! – So müssen wir versuchen, Doña Ximena an einen anderen verborgenen Ort zu bringen.«

Herr von Neuillat lachte laut auf. »Halten Sie wirklich Don Corpas für so einfältig? Seit Sie und die Doña versäumt haben, im ersten Augenblick sich aus seinem Bereich zu schaffen, haben Sie keinen Schritt über diese Schwelle ohne seinen Willen thun können. Ich wette, daß der Palast von heimlichen Spähern umgeben, wahrscheinlich selbst angefüllt ist. Keine Verkleidung würde die Dame schützen, wenn sie sich aus dem Hause wagte; das hieße sie nur desto rascher ihrem Feinde und Verfolger überliefern, der ihrer zu den Liberalen gehörenden Familie seine Vertreibung aus Granada und das Scheitern früherer Pläne in Andalusien zuschreibt, und der es an ihr rächen will, daß sein einziger Sohn, weil sie ihn verschmäht, Mönch geworden. Sie wissen nicht, was spanischer Haß vermag!«

Der Fürst hatte den Kopf sinnend in die Hand gestützt, die andere hielt die des bangenden Mädchens umspannt. Die Unterredung war in deutscher Sprache geführt worden, die sie nicht verstand.

»Was dann thun? ich will Ihnen vertrauen, Neuillat; das Mädchen ist mir in den wenigen Tagen ans Herz gewachsen, ich kann mich nicht von ihr trennen und bin ihr jeden Schutz schuldig!«

»Ich dachte es mir fast, und deshalb meine Eile! Man spielt bei den Andalusierinnen nicht ungestraft den Cortejo! Nur List bleibt übrig, die Intrigue zu Schanden zu machen!«

»Raten Sie – helfen Sie!«

»Ein Mittel gäbe es, Don Corpas und sein Gesindel mit langen Gesichtern abziehen zu machen, aber es ist kaum möglich, die Vorbereitungen zu treffen!«

»Sprechen Sie um des Himmelswillen …«

»Der Befehl lautet auf Señora Ximena de Nacena … und Sie haben kein Recht, diese zurückzuhalten …«

»Nun …«

»Wenn die Doña einen anderen Namen führt, ist der Befehl ungültig.«

»Wie meinen Sie das?«

»Für Gold, Durchlaucht, ist in diesem Lande von den Pfaffen alles zu erlangen. Eine Scheintrauung, eine Ceremonie, die durch das Fehlen irgend einer Formel für beide Teile nicht bindend gemacht ist – und das Zeugnis des Priesters würde genügen, um jede weitere Verfolgung unmöglich zu machen!«

Don Felicio sprang empor. »Sie haben Recht – das ist das einzige! Niemand wird es wagen, meine Gattin anzutasten. Aber nicht eine Scheinheirat, nein, eine wirkliche, denn ich liebe Ximena! Schaffen Sie mir die Mittel, noch in dieser Stunde die Trauung vollziehen zu lassen!«

»Unter keinen Umständen, Durchlaucht,« sagte Herr von Neuillat entschlossen, »wenn Sie sich nicht in meinen Vorschlag fügen. Ich will nicht die Ursach' sein, daß Sie später vielleicht sich und mir bittere Vorwürfe machen müssen über einen übereilten Entschluß. Wenn Sie mir nicht Ihr Ehrenwort geben, sich mit einer ungültigen Trauung zu begnügen, ziehe ich meine Hand zurück!«

»Wohl! aber niemand kann mir das Recht nehmen, sie als eine gültige zu ehren. Nehmen Sie mein Wort, und ich fordere das Ihre dagegen, daß Ximena nie von anderen Lippen als den meinen die Wahrheit erfährt!«

»Das ist Ihre Sache, Durchlaucht. In der Nähe ist ein Dominikaner-Kloster« – er sah nach der Uhr – »wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, ich kenne einen der Patres und werde ihn wecken lassen. Bis ich zurückkehre, gestatten Sie niemandem den Zutritt in Ihre Wohnung!«

Er nahm Hut und Mantel und verschwand eilig. Der Offizier befahl dem ehemaligen Argelino im Vorgemach, sich zu bewaffnen und strenge Wache zu halten, da sein treuer polnischer Diener krank lag. Dann schloß er die Thür und wandte sich zu der Dame, die mit ängstlicher Spannung einer Erklärung harrte.

Die Rückkehr des Helfers verzögerte sich, während Don Felicio ungeduldig in dem Gemach auf und nieder schritt, jeden Augenblick lauschend nach dem Geräusch des wiederkehrenden Freundes oder der Ankunft der Häscher. Seine Pistolen lagen auf dem Tisch, seine leidenschaftliche Erregung war zum äußersten entschlossen.

Vor dem Betpult in der Ecke des Gemaches lag die Moriska auf den Knieen im demütigen Gebet. Von dem Bilde der Gottesmutter wandte sich ihr Auge von Zeit zu Zeit auf den geliebten Mann mit dem Ausdruck höchsten Glückes, höchster Wonne.

Auf dem Turm der Kathedrale schlug es drei Viertel auf Zwölf.

Sie erhob sich und trat zu dem Ungeduldigen, leise die Arme um ihn schlingend.

»Er kommt nicht! Aber ob alle Mächte der Hölle sich dagegen verschwören, Du bist mein Weib, und wehe dem, der es wagt, mein teuerstes anzutasten!«

Da sprang es herauf – zwei, drei Stufen, die Treppe – ein schwerer Schritt folgte – der Schwabe aus Oehringen riß die Thür auf, Léon von Neuillat stürzte in das Zimmer und drückte ihm die Hand. »Gefunden, Durchlaucht! Doch nun ist kein Augenblick zu verlieren. Schon verzweifelte ich an dem Erfolg; ich habe den Glockenstrick am Dominikaner-Kloster vergeblich abgerissen, ohne daß der Bruder Pförtner mir öffnete! Da ließ mich das Glück, als ich, jede Hoffnung aufgebend, zurückkehren wollte, hier auf den Bruder treffen, der die Nachtglocke im Kloster versäumt. Ein Wort gab das andere; ich habe ihn gewonnen, er ist bereit, eine ungültige Ceremonie zu vollziehen und Zeugnis für die Gültigkeit abzulegen – zu Ehren Gottes und zum Nutzen seines Klosters, wie der heilige Spitzbube sagt!«

Der Mönch, den der Diplomat mit in das Gemach gezogen, war am Eingang stehen geblieben. Seine gelbweiße Filzkutte mit dem Geißelstrick und dem Rosenkranz umhüllte die ganze Gestalt, die Kapuze war tief über den Kopf gezogen und verbarg gänzlich das Gesicht.

»Der Name des Herrn sei gelobt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen!« murmelte der Pater.

»Komm' herein, Konrad, und schließ' die Thür,« befahl der Offizier. »Ehrwürdiger Vater,« wandte er sich dann zu dem Geistlichen, »ich höre von meinem Freunde, daß Sie uns den Dienst erweisen wollen, den ich von Ihnen fordere. Sie sollen reichlich dafür belohnt werden, aber ich bitte Sie, sich zu beeilen, denn jeder Augenblick ist uns kostbar, und was auch geschehen möge – Sie werden dies Gemach nicht lebendig verlassen, bevor Sie nicht diese Dame mir angetraut haben.«

»Ich bin bereit, Señor.«

Der Offizier warf eine schwere Börse neben seine Pistolen, Herr von Neuillat hatte unterdes einen kleinen Tisch mit einem Teppich bedeckt und zwei Kerzen und das Kruzifix vom Betpult darauf gestellt.

»Eine Hochzeit im Feldlager,« sagte er scherzend. »Nur der Kranz fehlt! Doch ich erinnere mich, die Orangen reichen herauf bis zum Balkon.«

Er sprang nach diesem und kehrte gleich darauf mit zwei blühenden Orangenzweigen zurück, die er abgeschnitten und rasch zur Form eines Kranzes zusammenflocht, den er auf das dunkle Haar der Moriska drückte.

»Eilen Sie,« flüsterte er auf deutsch, »unten auf der Straße sammeln sich verdächtige Gestalten und reden mit den Schildwachen; ich sah es deutlich vom Balkon.«

Der Offizier ergriff die Hand des zitternden Mädchens und zog sie auf die Kissen nieder, die auf Herrn von Neuillats Geheiß der ehemalige Argelino vor dem improvisierten Altar niedergelegt. Der Mönch stand bereits dort, sein Brevier in der Hand.

»Wollen Sie nicht Ihre Kapuze zurückschlagen, ehrwürdiger Vater!« sagte Herr von Neuillat; »diese Verhüllung belästigt Sie.«

Der Mönch murmelte einige abwehrende Worte und zog die Kutte noch fester um seine Schultern. Dann begann er die Eingangsformel der Trauung zu lesen.

Bei dem ersten Ton seiner dumpfen Stimme erbebte die Braut, und die Röte des Glücks, die auf ihren Wangen lag, wich für einige Momente einer tiefen Blässe. Bald aber, als wiese sie einen sich ihr aufdrängenden unmöglichen Gedanken zurück, gewann sie ihre Fassung wieder und antwortete der Frage, ob sie, Ximena Nacena, den gegenwärtigen Caballero nach dem Ritual der heiligen Mutter-Kirche zu ihrem Gatten nehmen wolle? mit einem leisen Ja.

»Ihren Namen, Señor?« murmelte der Priester.

Der Offizier nannte den seinen.

» Vis accipere Ximenam de Nacena hic praesentim in tuam legitimam uxorem juxta ritum sanctas Matris Ecclesiae?«

Gewehre und Hellebarden klirrten auf dem Pflaster der Straße; zwei Schläge donnerten gegen das bereits verschlossene Thor. Herr von Neuillat sprang ans Fenster und blickte nach der von Fackeln erhellten Straße. Auch der Mönch richtete aufmerksam seinen Kopf dahin, aber der Offizier faßte heftig sein Gewand.

»Ich will,« sagte er fest. »Vollenden Sie, oder ich werde Sie zwingen!«

Der Diplomat winkte vom Fenster her: » Parbleu – es ist richtig! Sie werden in fünf Minuten hier oben sein!«

Man hörte eine klare deutliche Stimme auf der Straße:

»Im Namen des Königs, öffnet das Thor!«

»Die Ringe,« sagte der! Dominikaner, »die Ringe, Señor!«

Der Bräutigam riß den Siegelring, den er trug, vom Finger. Der Stein, ein prächtiger Bluttopas, zeigte ein quadriertes Wappen mit Fahnen und Trauben.

»Gieb, Geliebte, den Reif dort am Finger!«

»Niemals! Wer ihn trägt, ohne vom Blut der Hacenen zu sein, muß von Mörderhänden sterben!«

Er hatte bereits ihre Hand gefaßt und zog den Ring, einen Reif von einem unbekannten Metall mit rotem, funkelndem Stein, von ihrem Finger. »Es ist keine Zeit, Ammenmärchen nachzuhängen,« sagte er hastig. »Die Schurken haben das Thor geöffnet; halten Sie die Thür, Neuillat, und Du, Konrad, vertreibe Gewalt mit Gewalt! Vollenden Sie, Pater!«

» Ego conjungo vos in matrimonium, in nomine Patris, et filii, et spiritus sancti. Amen!«

Don Felicio steckte hastig seinen Ring an den Finger des zitternden Mädchens.

Schwere, eilige Tritte, wie von vielen Menschen, kamen die Treppe hinauf, Hände und Waffen schlugen gegen die massive Thür des Vorzimmers.

»Aufgemacht! im Namen des Königs!«

Der Offizier hatte eine der Pistolen gefaßt, die in seiner Nähe lagen, und spannte sie. Sein dunkles Auge blitzte von der Thür, an der Herr von Neuillat und der Diener lauschten, drohend zurück zu dem Priester, der zögernd wieder inne hielt.

»Vollenden Sie, Pater, oder bei Gott – die Kugel ist für Sie!«

» Confirma hoc Deus, quod operatus est in nobis! A templo sancto tuo quod est in Jerusalem!«

Mit lauten Schlägen donnerte es gegen die Thür. »Aufgemacht! im Namen des Gesetzes! Steigt über den Altan! laßt niemand entkommen!« befahlen Stimmen durcheinander.

»Nach dem Balkon, Neuillat! Schießen Sie jeden über den Haufen, der es wagt, seinen Kopf über die Balustrade zu erheben! Wenige Augenblicke noch, und sie kommen zu spät! Machen Sie zu Ende, Pater, zu Ende!«

»Sprengt das Schloß mit einem Schuß, wenn sie nicht gutwillig öffnen! Die freche Dirne ist bei ihrem Buhlen – diese Leute bezeugen es!« Man hörte an der Stimme des Agenten seine Aufregung, den Triumph der nahen Rache.

»Nehmen Sie sich in acht, Señor Don Corpas,« sagte spottend Herr von Neuillat, »Sie stören hier eine wichtige Handlung!«

Der alte Intriguant schäumte vor Wut, als er die Stimme seines Rivalen erkannte. »Bringt Äxte, schlagt die Thür ein!«

Eben murmelte der Mönch die letzten Worte des Segens: » Ut quid de auctore junguntar, te auxiliante serventur: Per Christum Dominum noatrum. Amen!«

»Jetzt,« sprach lachend der Agent, »verderben Sie dem Herrn Marquis de Narros nicht unnütz seine prächtigen Mahagonithüren. Erlauben Sie nur, daß ich den Riegel zurückschiebe!«

Die Scheiben der Balkonthür flogen in Stücke; in demselben Moment öffnete auch Herr von Neuillat die Thür und Don Corpas und ein Alkade an der Spitze eines Schwarms von Alguazils mit Stöcken und alten Partisanen drangen in das Gemach, gefolgt von einer Menge neugieriger Hausleute, Diener und Soldaten, während zugleich mehrere bewaffnete Alguazils über den Altan ins Zimmer stiegen.

Aber alle blieben betroffen am Eingang halten, als sie die Gruppe vor sich erblickten.

Vor dem improvisierten Altar, den Arm der Moriska in dem seinen, stand der Offizier ruhig und in vornehmer Haltung, hinter ihnen der Mönch, während Herr von Neuillat mit spöttischer Verbeugung den Diplomaten begrüßte und der Argelino, bis an die Zähne bewaffnet, sich zur Seite hielt, bereit, auf den ersten Wink seines neuen Gebieters wie ein Bullenbeißer jedem an die Kehle zu springen.

Don Felicia trat einen Schritt vor. »Darf ich fragen, Señor, was dieses gewaltsame Eindringen in meine Wohnung zur Nacht zu bedeuten hat? Seine Excellenz, der Marquis de Narros, der, wenn auch abwesend, mir hier Gastfreundschaft gewährt, dürfte noch strengere Rechenschaft dafür fordern, als ich, mein Herr!«

Herr von Corpas hatte sich indes wieder gesammelt. »Mit solchen Reden lassen wir uns in Spanien nicht schrecken, Señor,« sagte er mit Hohn. »Ich sehe, daß Sie zwar einen sehr klugen Beistand haben« – er wies nach dem Agenten – »indes die Majestät des Gesetzes verlangt ihr Recht. Im Namen des Königs, Señor Alkalde, thun Sie Ihre Pflicht!«

Der Alkalde trat mit all der Würde der alten spanischen Grandezza einen Schritt vor, indem er ein Papier entfaltete. »Im Namen seiner geheiligten apostolischen Majestät und der hohen Junta der drei sehr getreuen Provinzen Biscayas. Hier ist der Befehl, die Señora Ximena de Nacena zu verhaften, wo die Justiz sie findet, und selbe dem hier anwesenden sehr ehrenwerten Señor de Corpas, als dem ihr vom Gericht gesetzten Vormund und Aufseher, zu überliefern!«

Herr von Neuillat lachte. »Ganz wohl, würdigster Herr, aber ich sehe hier nirgends die Dame, die dieser Befehl benennt, und die unter so vortreffliche Vormundschaft gebracht werden soll.«

»Dort steht sie, das ist die Dirne!« rief Don Corpas heftig, auf die Moriska zeigend. »Brauchen Sie Gewalt, Señor Alkalde, wenn sie sich zu folgen weigert!«

Der Alkalde erhob seinen Stab, um die Andalusierin zu berühren, als der Offizier ihm zuvor kam und warnend den Finger hob.

»Wagen Sie nicht, diese Dame zu beleidigen, Señor,« sagte er streng. »Es ist nicht Doña Nacena, die vor Ihnen steht, sondern meine angetraute Gattin, die keinen Vormund und Schutz bedarf, als den ihres Mannes!«

Der Alkalde trat erstaunt zurück, Don Corpas wurde bleich vor Wut bei dieser Erklärung. »Das ist eine Lüge, Señor Alkalde, ein nichtswürdiger Vorwand, dieses Geschöpf dem Gesetz zu entziehen! Auf meine Verantwortung, thun Sie, was Ihnen befohlen!«

Der Prinz trat auf ihn zu, seine Augen funkelten drohend. »Sprechen Sie mit Respekt von meiner Gattin, Señor,« sagte er hitzig, »wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie zu Boden schlage. Ich wiederhole Ihnen, diese Dame ist meine Gemahlin, und Sie kennen meinen Rang!«

»Es ist unmöglich – seit wann …?«

»Seit zehn Minuten! Doch ich will mich nicht herablassen, an Häscher weitere Fragen zu beantworten. Hier sind die Zeugen der Trauung und hier steht der Geistliche, der sie verrichtet hat!« – Er trat zur Seite und zeigte den Mönch, der anscheinend teilnahmlos der Scene beiwohnte. »Ich bitte, sagen Sie diesen Herren, ehrwürdiger Vater, daß Sie eben die heilige Handlung vollzogen haben!«

Der Mönch neigte den Kopf. »Ich bestätige es.«

»Und jetzt, Señor Alkalde,« sagte der Offizier, »werden Sie uns hoffentlich von Ihrer Gegenwart befreien, da die Nacht weit vorgeschritten, und gestatten, daß ich mich zurückziehe. Doch damit diese Schufte da wenigstens nicht umsonst hierher gekommen sind, nehmen Sie dies, Señor Alkalde.«

Er ging zu einem Tisch und nahm aus der Lade eine Hand voll Gold, die er dem Alkalden reichte, auf dessen Finger, die sich gierig um die Goldstücke schlossen, die Alguazils sehr bedeutsame und verdächtige Blicke warfen. »Mögen Euer Gnaden tausend Jahre leben,« sagte er kriechend; »ich bitte demütig um Vergebung, Sie gestört zu haben. Der Befehl hat natürlich keinen Bezug auf Euer Gnaden Gemahlin, und ich lege meine Wünsche dem hohen Paar zu Füßen!«

Er zog sich mit tiefen Verbeugungen nach der Thür zurück, umgeben von der Meute seiner Schergen, als Don Corpas, den de Neuillat schadenfroh durch das Lorgnon beobachtete, ihn noch einmal zurückzuhalten versuchte.

»Dieser Priester kann ein gedungener Schurke sein, und die ganze Heirat ein Komödienspiel!« rief er. »Weswegen verbirgt er sein Gesicht, daß wir ihn nicht kennen sollen!«

Der Mönch schritt schweigend durch die Gruppe auf Don Corpas zu, und als er dicht vor ihm war, lüftete er einen Augenblick die Kapuze, die er sogleich wieder über den Kopf zog, so daß das junge Paar und ihr Freund nur die Tonsur erblickt hatten. Auf Don Corpas aber schien der Anblick des Priesters einen merkwürdigen Eindruck zu machen, denn er taumelte erschrocken zurück und war im Begriff, einen Ruf auszustoßen, als ein gebieterisches Zeichen ihm den Mund schloß.

» Pax vobiscum!« murmelte der Mönch, indem er das Zeichen des Kreuzes schlug. »Geht, denn wo die heilige Kirche gesprochen, hat die weltliche Macht kein Recht!«

Der Haufe drängte sich durch die Thür, und der Alkalde zog Don Corpas mit sich fort.

Das junge Paar, Herr von Neuittat und der Argelino blieben mit dem Pater allein zurück, der an der Thür seinen Stand behauptete.

» Parbleu!« sagte Neuillat lachend, »Sie wissen bereits vortrefflich mit unserer spanischen Justiz umzuspringen, Durchlaucht. Erst die Verblüffung und dann das Gold – in der That, Sie könnten, wie unser würdiger Argelino dort, einen silbernen Christus vom Kreuz gestohlen haben, und der Alkalde hätte Ihnen noch die Hand geküßt. Aber nun, ehrwürdiger Bruder, ist die Komödie zu Ende, Sie haben Ihr Spiel ganz natürlich gemacht. Nehmen Sie den Beutel da, den die Großmut des Prinzen Ihnen bestimmt hat, und lassen Sie uns jetzt unserer Wege geh'n, da es doch zu spät ist, um noch einen Hochzeitsschmaus zu halten!«

Er hielt dem Mönch die Börse hin, doch dieser machte zu seinem Erstaunen eine abwehrende Bewegung.

»Wie – Sie weisen die Belohnung zurück? Es ist Gold; ich sehe es durch die Maschen!«

»Ich bedarf des Geldes nicht,« murmelte der Mönch, aber ich bitte um einen andern Dienst.«

Der Offizier war näher getreten. »Was wünschen Sie? sprechen Sie!«

»Die späte Stunde, Señor,« sagte der Mönch, »gestattet mir nicht mehr, in mein Kloster zu gelangen, oder sonst ein passendes Unterkommen zu finden. Ich werde ohnehin morgen durch den Dienst, den ich Ihnen erwiesen, in Pönitenz kommen. Erlauben Sie mir diese Nacht im Gebet zuzubringen, daß die Heiligen Ihre Ehe segnen mögen!«

»Würdiger Vater, das ist ein sehr kleiner Dienst, den Sie verlangen,« antwortete der Offizier. »Nehmen Sie diese Börse dazu, und besuchen Sie uns noch einmal zur gelegneren Stunde. Konrad mein Diener wird Ihnen Gesellschaft im Vorzimmer leisten, und eine Flasche Wein wird sich hoffentlich auch noch in einem Winkel finden, Ihnen die langen Stunden der Nacht zu verkürzen. Ich habe mir sagen lassen, daß die Fratres Dominikaner in Spanien nicht so schlimm sind, als sie die Welt verschrieen hat. Und nun, Léon, gute Nacht, und zählen Sie für den Dienst, den Sie mir heute geleistet, in jeder Lage des Lebens auf mich. Konrad wird Ihnen ein Zimmer anweisen!«

Mit einem herzlichen Händedruck schieden die Männer. Don Felicio umfaßte zärtlich die Braut und verschwand mit ihr in der Thür des innern Gemachs.

Hätte er den glühenden, halb wahnwitzigen Blick sehen können, den der Mönch unter der Kapuze hervor ihnen nachsandte, sein unerschrockenes, jetzt des Glücks so volles Herz würde gezittert haben.

Der Pater folgte den anderen in das Vorzimmer. Dort kniete er in einem Winkel nieder und begann seinen Rosenkranz zu beten, während der Argelino frische Kerzen anzündete und für Herrn von Neuillat in einem benachbarten Zimmer, so gut es ging, aus Mänteln und Teppichen ein Lager bereitete.

Vergeblich versuchte Herr von Neuillat den Mönch zum Sprechen zu bringen, ehe er ihn verließ; derselbe blieb eifrig in seine Andacht vertieft.

Aber kaum hatten sich beide entfernt, so richtete der Pater sich auf, bei der raschen Bewegung öffnete sich die weiße Dominikanerkutte und zeigte das schwarze Gewand des Jesuiten, und in der sich öffnenden Falte der Brust blitzte der Griff eines langen katalanischen Messers. Mit wilder Energie warf der Mönch die Kapuze zurück, war mit einem Sprung an der Thür des Gemaches, in dem die Trauung geschehen, und beugte horchend den Kopf nieder an das Schloß.

Dann, als er sich wieder empor richtete, war sein Antlitz fahl und weiß, und dicke Tropfen kalten Schweißes standen in langen Perlen an den Spitzen der Haare um seine Tonsur, während sein Auge wirr und zuckend umher fuhr.

Zweimal faßte seine Hand nach dem Messer, zweimal streckte die andere sich aus nach dem Thürgriff und hob sich der Fuß, als wolle er hineinstürzen – und beide Male senkte sich der Fuß, beugte sich das Haupt, und die sich ballende Faust schlug mit dem heiligen Zeichen des Kreuzes an die keuchende Brust und in tiefster Zerknirschung murmelte seine Stimme:

» Retro Satanas! misericordia Domine cum miserrimo peccatore!«

Als der Schwabe, zwei Flaschen Wein unter dem Arm, von der Besorgung des Nachtlagers für Herrn und Pferd zurückkehrte, kniete der Mönch tief verhüllt wieder in der fernsten Ecke des Gemachs und ließ seinen Rosenkranz durch die Finger laufen.

»Na, Bruder,« sagte der Argelino, »i bin kei solcher Heid' nit, wie die Leut' mi halt verschrieen haben, und 's isch keine Schand' für en hailige Ma, ei Flasch' Wein mit em ehrliche Kerl zu trinke. Da, nehmscht die ei und i b'halt die andre! Wie, Ihr wollt nit?«

»Ich trinke nur Wasser,« schnitt der Pater kurz seinen Vorschlag ab.

»Na hört! desch hab' i andersch g'lernt in de Klöstern. Die Herr'n Pfaffe in Spanien hab'n s' gut ihren Keller gefüllt, wie die geistliche Herre in Schwabe. Aber wie Ihr wollt! Hätt' im Leben nit g'glaubt, dasch so en vornehmer Herr wie der mein' an braune Zigeuner'n heirat'n würd'! Aber trinken will i aaf ihre G'sundheit doch mein'n Stiebel!«

Er zog eine alte Matratze quer vor die Thür, legte seinen Säbel und die Pistolen neben sich nach der alten Gewohnheit in den algerischen Biwaks und machte es sich dann bequem, indem er sich eine Cigarre anzündete und eine Flasche öffnete.

Noch einige Male versuchte er es mit gleich wenigem Erfolg, den Pater in das kleine Gelag zu ziehen; aber als dieser ihn beharrlich nicht beachtete, still in seinen Gebeten fortfahrend, machte er sich allein ans Trinken, dazwischen wüste deutsche und französische Sauflieder summend und auf alle Nationalitäten fluchend. Bald verkündete sein tiefes Schnarchen, daß die Müdigkeit und der Wein ihn überwältigt hatten.

Der Mönch ließ die Hand mit dem Rosenkranz sinken und stützte den Kopf in die andere. Sein glühendes Auge bohrte sich fest auf die Thür gegenüber – von Zeit zu Zeit bedeckte er sein bleiches Gesicht.

Welche Gedanken, welche Leidenschaften durchwogten sein brennendes Hirn, seine keuchende, schwer atmende Brust!

Er hatte sie geliebt – geliebt mit der flammenden Leidenschaft der südlichen Charaktere trotz des langen Hasses ihrer Familien und der strengen Feindschaft der politischen Parteien, die einander verfolgten, er, der damals ein wüster, wilder Bursche, der keckste Torreador der Arena, der zierlichste Stutzer auf der Alameda Granadas, der wüsteste Spieler in den Höhlen des Lasters – sich selbst überlassen von dem Vater, der sich in dem Intriguenkampf des unglücklichen Spanien bewegte.

Damals wies ihn das Mädchen, für das sein Herz in wilder Leidenschaft erglüht war, mit Verachtung zurück und verschmähte seine Liebe und seine Hand. In einem Augenblick der Verzweiflung, nachdem der Versuch seines Vaters, in Sevilla und Granada einen Aufstand für Don Carlos zu veranlassen, durch den Subdelegado der letztern Stadt, den alten Hacena, schmählich gescheitert war und mit der Vertreibung seiner Familie geendet hatte, während der alte Hacena an einer erhaltenen Schußwunde siechte und starb, hatte er den Entschluß gefaßt, in das Noviziat der Jesuiten einzutreten und die ersten Gelübde abzulegen.

Der Sohn des Günstlings des verstorbenen Königs und des Prätendenten war für die Gesellschaft Jesu eine zu willkommene Acquisition, als daß sie nicht alles aufgeboten haben sollte, ihn festzuhalten, und da er auch in seiner Jugend in einem Jesuitenstift erzogen war, so wurde er bei seinem leidenschaftlichen rachsüchtigen und finsteren Charakter unter ihrer geschickten Hand zum wilden Fanatiker der Religion, aus dem einst das energische Werkzeug höherer Pläne hervorgehen sollte.

Während dieses Kampfes der Rückerinnerungen und der Buße, der Leidenschaft und der Abstinenz geschah, daß sein Vater, der den Zug des Generals Gomez nach Andalusien begleitet hatte, die Tochter seines Todfeindes gefangen nach Biscaya zurückschleppte und in jenem Turm im Thale von Azcoitia eingesperrt hielt, um sie zu zwingen, gleich seinem Sohn der Welt zu entsagen und in ein Kloster zu treten. Der Gedanke, die einst Geliebte dem Himmel zu opfern, war ein für seine Eifersucht wie für seinen Fanatismus gleich anregender, und während der Zeit ihrer Gefangenschaft hatte er das unglückliche Mädchen fast täglich mit seinen zelotischen Bußpredigten gepeinigt. Um so wilder flammte seine alte Leidenschaft und seine Eifersucht bei jener Scene am Turm empor, als ein Fremder Ximene und ihren Bruder in Schutz nahm und sie seiner Gewalt entführte. Der Haß gegen den Mann, der es gewagt, Ximene ihm zu entziehen, und gegen diese selbst steigerte sich, als er vernahm, daß sie sich bei dem Fürsten befand, und dieser ihre Auslieferung seinem Vater fortgesetzt verweigerte. Seine Pötinenz war kaum beendet, als er sich Urlaub aus dem Kloster zu verschaffen wußte und am selben Abend nach Azcoitia eilte, wo er in der Kutte eines Dominikaners um die Wohnung seines Feindes schlich.

So traf ihn de Neuillat, und der Vorschlag, den dieser ihm machte, ließ den Gedanken der Rache durch sein Hirn zucken. Noch war es unklar in ihm, wie er diese Gelegenheit benutzen sollte, aber sie brachte ihn wenigstens in ihre Nähe und gab ihm Macht über sie und ihn, und er folgte daher sogleich dem Vermittler und verrichtete die Trauung, die ihm ja jetzt das Mittel gab, Schmach über sie beide zu häufen oder sie fürs Leben aneinander zu ketten, je nachdem es seinen Plänen entsprechen würde.

Aber jetzt, nachdem es geschehen, saß er da und bohrte sein Auge auf jene Thür, und seine glühende Phantasie malte ihm die Bilder dahinter, sie und ihn – ihn, vielleicht von seinem Recht Gebrauch und sich für den Schutz bezahlt machend, den er ihr durch die gewähnte Täuschung verliehen.

Das Auge der Eifersucht sieht scharf; der Ausdruck, mit dem das Auge Ximenens an ihrem Schützer gehangen – die Hingebung, mit der sie sich an ihn geschmiegt – die flammende Glut des Glückes auf ihrer Stirn – das war nicht eine Rolle, berechnet und bestimmt, die anderen zu täuschen – das war Liebe, Hingebung – und jetzt –


Der Fürst hatte die schlanke Gestalt der Moriska umfaßt und trug sie mehr als er sie führte, nach dem Gemach, das seither ihre Wohnung gebildet.

Ein ziemlich weites Zimmer mit dunklem Eichenholz getäfelt – an den Pfeilern deckenhohe vergoldete Spiegel, ein Raub der Franzosen aus Aranjuez, den sie mit all der Beute nach der Schlacht von Vittoria in den baskischen Sierren zurückgelassen. Ein breites Himmelbett mit schweren seidenen Gardinen und wogenden Federbüschen stand nach spanischer Sitte in der Mitte des Gemachs, das eine Ampel von antiker Form mit jener dämmernden Beleuchtung übergoß, die so wollusterregend auf die Nerven wirkt, nicht Schlaf, nicht Wachen – Träumen mit Bewußtsein des Traums.

Durch die Jalousieen zog ein Duftstrom vom Garten des Palastes herauf, schwere, dicke Orangenluft, die Sinne betäubend, dazwischen der frische Hauch von den Sierren.

Das Auge des Offiziers glühte, als er die zierliche Gestalt nach dem Lager trug, das Divan und Sessel ersetzte, und sie darauf niederließ.

Zweimal versuchte er es, das verführerische Schweigen zu brechen und ihr zu sagen, daß er kein Recht auf sie habe, daß die Ceremonie nur eine Täuschung sein sollte, sie zu retten; zweimal versuchte er, sich loszureißen aus ihren umschlingenden Armen und zu entfliehen, und jedes Mal tauchten seine Augen in die verzehrende schmachtende Nacht der ihren, die ihm sagten: »Ich bin ja längst die Deine – jetzt aber für immer! O laß uns feiern und binden, was der Priester gebunden, mit der unendlicheren Macht der Natur!«

Und er küßte sie – Stirn – Augen – Mund – seine Lippen wühlten und glühten auf dem schlanken Hals, dem Nacken, während seine zitternden Hände fieberisch die Dienste der Kammerfrau verrichteten und ihre umschlingenden Arme, ihre heißen Küsse ihn mit jedem Moment daran hinderten!

»Wirst Du mich immer lieben, Felicio?«

»Immer – ewig! Du sollst mein Weib sein, die Tochter Spaniens, die Mutter eines Fürstengeschlechts!«

»Und bin ich's denn nicht? Das Blut Boabdils ist in meinen Adern – aber nur eines denke ich: ich liebe Dich!«

Durch die Jalousieen kam schwer der duftige betäubende Hauch der Orangen – ihre Lippen auf einander gepreßt, sogen und gaben sie Leben, die schlanken, zarten, üppigen Glieder schlossen und rankten sich, wie die Liane um die Eiche, fest umschlingend – seine Pulse fieberten in unendlicher Glut!

Matter und matter glänzte die Ampel – was sollte auch ihr Licht? – entweihen der Liebe Glück?

Der frische Luftstrom von den Sierren rauschte durch die Jalousieen und löschte den letzten flackernden Schein.

»Ximene!«

»Felicio!«

Ein süßer matter Traum senkte sich nieder auf die Stirnen des Paares.

Schwerer, ruhiger Atem – das pulsierende Klopfen der Herzen in dem stillen Gemach – so ruhen sie, Arm in Arm – ihr Kopf an seiner Brust, und sein Atem trinkt unbewußt den duftigen Hauch ihres Haares.

O Liebe – süße, süße Liebe! Und in dem Hirn des Mannes, der draußen wie der entfesselte Panther rastlos und mit glühenden Augen durch das Gemach wandert, dann wieder das bleiche Haupt niederbeugt lauschend zur Thür über den Körper des trunkenen Argelino hin, der sie sperrt, malen sich vielleicht dieselben Bilder, wie den Glücklichen im Traum, aber ein Teufel führt den Pinsel und Dämonen mischen die Farben! Da krallt er die Nägel in die Brust und die Finger ballen sich um den Griff des catalonischen Messers, und seine Augen suchen die Brust des Schlafenden, der ihm den Weg sperrt – Sie aber, sie schlafen so sanft, so süß, die Glücklichen! –

Da …

Rrrrrr! Rrramtam! Rrrrramtamtam! – – –

Durch die Straßen der kleinen Stadt wirbelt der Generalmarsch, die langen Hörner der Infanterie von Guipuzcoa rufen in den gedehnten klagenden Tönen die Krieger der Berge zum Sammeln, die Trompeten der Lanzenreiter von Navarra schmettern durch die Nacht, und der Galopp der Adjutanten donnert durch die Straßen.

Lichter an allen Fenstern; auf dem Plazza der Kathedrale sammeln sich die Bataillone, vor dem Palaste Granada, dem Quartier des Infanten Don Sebastian, drängt und wogt es von Offizieren und Ordonnanzen – Adjutanten eilen davon und bringen Botschaft.

Der Name »Espartero« ist in aller Munde – Tolosa sei angegriffen worden, das christinische Heer ziehe heran, um noch einen Versuch zu machen, die verlorene Provinz wieder zu gewinnen. Die widersprechendsten Gerüchte von Gefahr kreuzen sich.

An die Thür des Schlafgemachs donnert die Hand des Freundes. Seine andere schüttelt den Argelino aus seinem Rausch.

»Aufgemacht, Durchlaucht! schnell, schnell! Wir müssen zum Prinzen! die Truppen rücken aus! ich eile voran!«

Aber der Trommelwirbel hat den Offizier bereits aus den umschlingenden Armen gerissen. »Ruhe, keine Furcht, mein süßes Leben! das ist das Los der Soldatenfrau, an das Du Dich gewöhnen mußt! In Deinen Adern fließt das Blut eines tapfern Geschlechts! Ich fliege zum Hauptquartier, zu hören, was es giebt, und kehre dann zu Dir zurück! Nach der Liebe die Schlacht, vom Leichenfeld und Kugelsturm in den weichen Arm des Glücks – das ist Soldatenart!«

Die Thür öffnet sich, an den Mann ihrer Liebe, ihres Glückes geschmiegt, folgt ihm im wehenden Nachtkleid die Moriska zur Schwelle. Ihre Augen glänzen süße Scham, Furcht und Stolz und achten, ja sehen nicht den wilden glühenden Blick, der aus der Kapuze hervor auf ihr ruht.

Die Befehle des Herrn sind kurz, wie es dem Soldaten ziemt; in wenigen Augenblicken ist er gewaffnet, gerüstet.

Unten vor der Thür des Palastes sitzt Herr von Neuillat bereits zu Pferde. »Kommen Sie nach, Durchlaucht! Angriff auf Tolosa – ich eile zum König!«

Der zweite Reitknecht führt die Pferde schon vor –

»Ruhig, mein Leben! hier bist Du sicher und ohne Gefahr! Konrad, Du bleibst zurück, bürgst für die Sicherheit der Fürstin und sorgst für den kranken Stephan. – Wenn es Ernst gilt, und ich erst Näheres weiß, komme ich zurück, um weitere Befehle zu geben!«

Er küßt die junge Frau auf die Stirn, den bleichen bebenden Mund, wie sie auf der Schwelle noch an ihm hängt.

»O, Felicio, verlaß mich nicht! Mein Herz ist von Angst bedrückt, als sollt' ich Dich niemals wiedersehen!«

»Thorheit! in einer Viertel-, einer halben Stunde bin ich zurück, Dir Nachricht zu bringen! Jetzt dank' ich Ihnen, ehrwürdiger Herr, daß Sie hier geblieben! Nehmen Sie die Fürstin in Ihren Schutz, bis ich wieder hier bin, und beruhigen Sie die Arme!«

Eine leichte Kußhand – schon springt er über die steinernen Stufen hinab, im nächsten Augenblick sitzt er zu Pferde. Sie stürzt nach dem Balkon, sie streckt die Arme nach ihm aus – »Felicio! Felicio!«

Der Nachtwind öffnet das weiße Gewand über der keuschen Brust, die Fackeln werfen ihre verräterischen Lichter herauf über die köstliche Gestalt und auf das fieberisch glühende Auge des Mönchs hinter ihr – – – – –


Im Palast des Herzogs von Granada de Ega steht der junge Kriegsheld, der Infant, im Kreise seiner Getreuen, bereit, den grünen Lorbeer, den er auf den Höhen von Galdácano und vor den Wällen von San Sebastian um seine Stirn gewunden, mit frischen Reisern zu schmücken. Meldungen auf Meldungen, die Befehle jagen sich! Die Elite-Kompagnieen des vierten Bataillons von Guipuzcoa stehen als Leibwache vor dem Thor des Palastes, die Bataillone von Navarra ziehen aus dem Thal bereits herauf unter klingendem Spiel; Quilez führt die Grenadiere von Nieder-Aragon aus dem Thor nach Süden, den Moral auf dem Rücken, das Gewehr über der Schulter; vor der Kathedrale halten Manuelin und Osma mit den Karabiniers-Eskadrons, der jüngere Montenegro rasselt eben mit seinen Sechzehnpfündern über den Platz, die der patriotische Schmied von Oñate aus alten Hufeisen zusammengehämmert hat.

Gleiches Leben und Treiben wie vor dem Palast war in seinem Innern. In dem großen Saale stand neben einem Tisch mit Papieren, an dem Depeschen schreibende Adjutanten saßen, der Infant-Generalissimus in seinem dunkelblauen carlistischen Oberrock, mit dem weißtuchenen Großprioratskreuz von Sanct Johann und dem goldenen Vließ geschmückt, wie die weiße Boina mit schwarzer Troddel auf seinem Haupt und die rot und goldene Feldmarschallsschärpe bewiesen, bereit, den Fuß in den Bügel zu setzen. Um ihn die kühnen und geprüften Häuptlinge, deren Namen damals in jedem Munde waren: der jugendliche Villareal, der sich in drei Jahren vom Hauptmann zum General-Leutnant aufgeschwungen, der greise Chef des Generalstabs und die Seele aller Operationen, Moreno, auf den der Haß aller Liberalen ruhte, bis er ihn unter den Mordstahl brachte; der Graf von Madeira, der Held zweier Weltteile, der bis zum letzten Augenblick seine Insel gegen die vereinten englisch-pedristischen Flotten verteidigt und, nun er für Dom Miguel nicht mehr kämpfen konnte, in Erwartung besserer Tage seinen Degen Carl V. geweiht; die Pfarrer Merino und CunvilIas, die beiden alten Guerillaführer aus dem Unabhängigkeitskriege; Pablo Sanz, der junge Gefährte Zumala-Carréguis; General Elio, die feine jugendliche Gestalt des Militär-Sekretärs des Infanten, die Obersten Cyprian Fulgosio und José Cabañas;Tomas Reyna, der Lieblings-Adjutant Zumala-Carréguis, der sein Schwert als Vermächtnis erbte, und der am unglücklichen Schlachttag von Mendigorria den König und das Heer rettete; der ältere Montenegro, der Wallone Oberst Crayewinkel und der tapfere Vendéer Sabatier mit vielen anderen, Helden der Könige von Gottes Gnaden, Streiter des Prinzips der Legitimität!

Als Don Felicio, nachdem er vergeblich Herrn von Neuillat in den Vorzimmern gesucht, eintrat in den Saal, fand er den Infanten mit glänzendem Auge, eine Depesche in der Hand, auf allen Gesichtern nicht die Aufregung einer nahen Gefahr, sondern die Erwartung sichern Triumphes.

Der Infant kam ihm einige Schritte entgegen. »Glückliche Nachrichten, mein Prinz, glückliche Nachrichten! Sind Sie bereit zum Aufbruch?«

»Jeden Augenblick, Königliche Hoheit, wenn es gilt, von Ihnen zum Siege geführt zu werden!«

»Nun, ich hoffe, es soll der Fall sein, wenn auch der Weg etwas weit ist! Sie wissen, was geschehen?«

»Keine Silbe, Hoheit, als die unbestimmten Gerüchte auf dem Wege hierher!«

» Por Deos! so hören Sie! Espartero hat den verwegenen Einfall gehabt, Tolosa zu überfallen und den König aufzuheben. Mein Oheim ist glücklich der Gefahr entgangen, obschon mit genauer Not. Cabrera ist dem Grafen von Luchana in die Flanke gefallen und hat ihn zum schleunigen Rückzug genötigt. Hier ist der Befehl, ihm mit der ganzen Armee zu folgen über die Grenzen von Biscaya hinaus – in einer Stunde marschieren wir nach Aragon, in vierzehn Tagen stehen wir vor den Thoren von Madrid!«

»So erlauben Sie mir, Ew. Königlichen Hoheit zu der eröffneten Siegesbahn Glück zu wünschen!«

Der Infant drückte ihm lebhaft die Hand, die strenge spanische Etikette vergessend. »Jetzt helfen Sie nur, die Anstalten zu treffen, denn jeder von uns hat alle Hände voll zu thun!«

Die Ordonnanzen flogen, einer der Führer nach dem andern verließ den Saal, und der Trommelwirbel, der klagende Hornruf der abziehenden Bataillone verkündete den Zweck ihrer Entfernung. Die Stunde war kaum vergangen, als die Kompagnieen der Guiden den Befehl erhielten, sich zur Begleitung des Infanten-Generalissimus bereit zu halten.

»Sie begleiten uns, Durchlaucht,« sagte dieser zu dem deutschen Offizier, der bis dahin Adjutanten-Dienste versehen. »Ich wünsche Sie in meiner Nähe zu behalten.«

Der Fürst verbeugte sich. »So erlauben Hoheit, daß ich mich auf eine halbe Stunde entferne, meinen Leuten die nötigen Befehle zu geben. Ehe die Zeit um ist, hole ich Sie auf der Straße nach Villafranca ein!«

Der Oberbefehlshaber winkte Genehmigung; der junge Offizier flog von dannen, an den marschierenden Kolonnen vorüber, im Galopp nach dem Palais de Narros zurück, das am andern Ende der Stadt lag.

Kopf und Herz hatten bereits den Plan entworfen, Ximene sollte ihn in Männertracht begleiten; so hatte er die Geliebte immer in seiner Nähe und wußte sie sicher vor jedem Feind.

Jetzt hielt er am Hause, aber niemand war zu sehen, die Schildwache fort; von den Soldaten und Dienern, die sonst hier umherlungerten, keine Spur – alle fort, von Pflicht oder Neugier getrieben. Er schaute empor, die Fenster des Gemachs der Doña konnte er zwar nicht sehen, aber in seinem eigenen und dem Vorzimmer war kein Licht; mit einem Sprung war er aus dem Sattel und warf dem Reitknecht die Zügel zu, ihm befehlend, nach dem kranken polnischen Diener zu sehen. Dann schritt er durch die offene Halle, in der hin und wieder eine Lampe brannte, und eilte die breiten Marmorstufen der Treppe hinauf.

Der Vorsaal war dunkel und leer, vergeblich rief er den Argelino, den Mönch – niemand antwortete.

Ihm war, als lege eine kalte Hand sich auf sein Herz, als schnüre es ihm die Brust zusammen – kaum vermochte er den Ruf zu wiederholen, dem er jetzt Ximenens Namen beifügte. Zugleich eilte er vorwärts durch das zweite Gemach, in dem die Trauung geschehen, auch hier Dunkel – aber aus der Thür gegenüber schimmerte eine Lichtspalte.

»Ximene!«

Er sprang vorwärts; plötzlich stolperte er und sein Fuß glitt aus – ein leises Röcheln – ein Stöhnen –

Seine Hand erfaßte im Fall die Thür – er riß sie auf: »Ximene! Ximene!«

Leer das Zimmer in dem spärlichen Licht einer Lampe, der silberne Armleuchter mit den zerbrochenen Kerzen am Boden, eine Seite der weiten Seidengardine des Bettes, das noch aufgeschlagen das Lager des süßesten Glücks zeigte, herabgerissen, als habe eine Hand mit Gewalt sich daran gehalten, der Fetzen eines Schleiers auf dem Boden zwischen umgeworfenem Gerät –

Das Haar des jungen Fürsten sträubte sich, er sprang vorwärts, eine der Kerzen aufzuheben und sie an der Lampe anzuzünden; wiederum klang es wie ein schwerer, stöhnender Seufzer, seine Augen suchten wirr in dem Bett – leer – hinter demselben – leer – wieder und wieder klang der unheimliche Laut – dort – dort, jetzt hörte er's deutlich, in dem zweiten Gemach –

Die Kerze in der Hand sprang er dahin, und leuchtete nach dem Boden –

Ein dunkle Lache von Blut, darin ein sich krümmender und windender Körper: der Argelino, der Schwabe, der Kruzifixdieb, neben ihm am Boden, im Licht der Kerze funkelnd, ein langes catalonisches Messer.

Der Fürst prallte entsetzt zurück; seine Augen forschten umher im Gemach nach einem weitern Opfer; dann, als er sich überzeugt, daß der Unglückliche allein hier lag, kniete er nieder und untersuchte seine Wunden.

Der Argelino hatte eine Stichwunde in der Brust, eine andere im Nacken, seine Hände waren von Schnitten zerfetzt, als habe er sich wütend gewehrt gegen die scharfe Klinge. Jetzt auch bemerkte der Offizier die Zerstörung umher, die nur ein verzweifelter Kampf veranlaßt haben konnte. Der Deutsche mußte überfallen worden sein, ehe er von seinen Waffen Gebrauch machen konnte. Diese waren verschwunden.

»Ximene! – wo ist meine Gattin? Rede! sprich – ich beschwöre Dich!«

Der Verwundete, dessen Kopf der Fürst unterstützte, rollte die Augen; er schien seinen Herrn zu erkennen und versuchte zu sprechen, doch nur gurgelnde Laute kamen anfangs hervor.

»Um des Himmels willen, Mensch! ermanne Dich! ein einziges Wort! Wo ist mein Weib?«

Die Augen des Argelino wurden klarer – fester – zu einem Blick des grimmigen Hasses. Dieser schien ihm neue Kräfte zu geben; er hob die verstümmelte blutende Hand und streckte sie nach dem Altan.

»Fort! – geraubt – der Mönch – Fluch über den spanische Hund! – Mit mei Blut hab' i sie verteidigt! …«

Er sank zurück …



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